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Gesammelte kleinere Erzählungen - Vierter Teil

Hermann Kurz: Gesammelte kleinere Erzählungen - Vierter Teil - Kapitel 4
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typenovelette
authorHermann Kurz
titleGesammelte kleinere Erzählungen ? Vierter Teil
publisherMax Hesse's Verlag
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Diese erhebenden Worte helfen dem Gestürzten wieder auf die Beine, er steht, gibt einen unartikulierten Laut von sich und rennt hinaus, ohne noch einmal umzublicken: ich habe, denkt er, keinen zweiten zu versenden. Ein heftiges, lang nachhallendes Gelächter begleitet ihn, Ruwald aber setzt sich mit gerunzelter Stirn zur Seite und sieht vor sich hin.

»Das war einmal jocos,« rief Ostjäck, indem er sich die Tränen aus dem Auge wischte: »einen Philister mit einem anderen abzuführen!«

»Eine homöopathische Kur,« fiel Cäruleus ein.

»Ja, bis auf die Quantität der Dosis; die war aber stark: großes Haupt, Zipfelmütze, Klemm- und Nasenbrille, ein von hier aus zu erblickender stachlichter Bart und ein weit wie die Pforten der Hölle gähnender Mund. Das war kein homöopathischer Tropfen. Was meinst du dazu, Ruwald?«

»Es war ein deutscher Maientag,
Der keinen Griechen freuen mag,«

erwiderte dieser, aus einem tiefen Nachdenken erwachend.

»Ich glaube, du bist hellsehend geworden durch den erschütternden Auftritt,« lachte Ostjäck: »an welchem Kapitel sind wir denn?«

»Ach, ich dachte an gestern.«

»An die Borjerfreide?«

»Ich hätte darüber weinen mögen.«

»Ich muß gestehen,« sagte Cäruleus, in die Gedanken des Freundes eingehend, »es ist mir nirgends unwohler, als bei einem solchen sogenannten Feste. Ihr wißt, daß ich gegen die Tiere immer ein mit Grausen gemischtes Mitleid empfinde, wenn ich sehe, daß sie lustig sind, miteinander scherzen, und so gerne lachen möchten. Sie fühlen diese Unmöglichkeit ganz deutlich, deswegen ist in all ihrer Freude ein gewisses Mißbehagen, ein Ärger zu bemerken, und dieses Bewußtsein ist daran schuldig, daß ihre Scherze bald in abgeschmackten Unsinn, in langweilige Plumpheiten übergehen. Ebenso kommen mir diese Leute immer bei ihren Festen vor; sie sitzen hin und machen offiziellermaßen vergnügte Gesichter, versichern, es sei sehr heiter, reden einander zu: ›ach, sein Sie doch auch vergnügt, lieber Herr Professor! so kommt's nicht oft, sehen Sie doch nur, wie seelenvergnügt ich bin!‹ und im Herzen wünschen sie die ganze Komödie zum Henker, denn sie merken wohl, wo's fehlt. Ich mag anfangen, wo ich will, bei keiner von allen Gattungen standen die Aktien gestern auch nur erträglich: die Kinder – gleich von vornherein auf Dank und Freude dressiert, was bei den Knaben zwar weniger anschlug, denn diesen war teils die Historie gleichgültig, teils waren sie verdrießlich, aber die Mädchen, weiße, mit Blumen aufgeputzte Gänschen, begriffen schon eher, wie sie die Sache anfassen mußten, nämlich, daß sie zum erstenmal auf die Weide geführt wurden und ihre Schule im Gaffen und Begafftwerden machten. Das gebildete Publikum gewinnt mir nicht einmal ein Scheltwort ab – Zuckerwasser! Die Studenten –«

»Gerstenschleim und Haberbrei
Lieben wir ja alle!«

unterbrach ihn Ostjack.

»Gut, von ihren intellektuellen Bedürfnissen und deren Befriedigung kannst du das ganz wohl sagen, sonst aber lieben sie nur den Gerstensaft. Seit dieses heillose, dumm und sumpfig machende Getränke eingeführt ist, sinken die Leute immer mehr herab; früher gab es auch nicht lauter Genies, aber der Wein hielt sie doch aufrecht, und es war in der Tat ein anderes, heroischeres Geschlecht. Als das depravierende Prinzip unserer Zeit wird die künftige Kulturgeschichte den Gambrinus nennen und ihn neben dem Jesuitentum und der Inquisition der früheren Perioden aufführen.«

»Gott steh uns bei!« rief Ostjack; »jetzt ist er wieder im Zuge! – Trinkst du denn nicht selbst auch Bier?«

»Ein Glas hie und da für den Durst; dann trink' ich aber gleich Wein, um nicht dumm zu werden.«

»Cäruleus,« sagte Ruwald, »hat doch nicht so ganz unrecht gehabt mit seiner Philippika gegen die Universitäten; ich habe mir die Sache gestern so bedacht und bin auf allerlei Einfälle gekommen, aus denen ich sehr geneigt wäre, ein Lustspiel zusammenzusetzen. Da ich aber nichts Dramatisches zustande bringen kann, so will ich es dir abtreten, Cäruleus; ich will dir den Inhalt sagen, und dann arbeite das Stück aus und nenne es: › Rübezahl auf der hohen Schule‹.«

»Da haben wir wieder den alten Stofflieferanten,« sagte dieser, »nun, laß hören.«

»Rübezahl,« begann Ruwald, »der seit langer Zeit nicht unter die Menschen gekommen und in seiner Bergeseinsamkeit verwildert ist, beschließt im Gefühl dieses Zustandes, sich nach Bildung umzusehen, und geht mit einem angenommenen Namen und vielem Geld auf die Universität. Hier überlasse ich es dir, ihn seine Karriere durch die Hörsäle, Bierkneipen und Singtees machen zu lassen. Unter den Studenten sagt ihm nur ein einziger zu, welcher unglücklich liebt; nämlich der Vater seines Mädchens will ihn nicht zum Schwiegersohne haben, weil er ein Poet ist und gar keine Anlagen zum Philistertum aufweisen kann. Rübezahl tröstet die Liebenden und verheißt ihnen geheimnisvoll seinen Schutz. Indessen sieht er aber ein, daß er hier nirgends seine Rechnung findet; die verschiedenen Ansichten, die von den Kathedern vorgetragen werden, verwirren ihn, ohne daß ihm eine über den Graben hilft, und er beschließt endlich, sich nur an einen einzigen Lehrer zu halten. Zu diesem Behuf entführt er einen handfesten Philosophen – du kannst ihn Professor Sutterer nennen – auf sein Bergschloß, zugleich rät er seinem Freunde, mit dem Liebchen zu entfliehen, gibt ihm Geld und bestellt ihn an einen gewissen Platz auf dem Harze. Auf seinem Schlosse gibt er sich dem Professor zu erkennen und verlangt Unterricht, ist aber sehr erstaunt, von ihm zu vernehmen, man könne nicht so aus dem Blauen und ins Blaue hinein unterrichten; dazu bedürfe man eines großen Apparats. ›Wie?‹ fragt Rübezahl, ›habt Ihr denn das nicht alles im Kopfe?‹ – ›Ach! was werd' ich?‹ entgegnet Sutterer verdrießlich; ›sehen Sie, Herr Rübezahl, solche Gedanken kommen von einer falschen Genialität her, die Ihnen in jüngeren Jahren beigebracht worden sein muß.‹ – Nun entdeckt es sich, daß der Professor philosophischer Wahrheiten bedarf, die er bei der gewaltsamen Abreise zu Hause gelassen hat; er bittet um Urlaub, um dieselben zu holen, Rübezahl aber befürchtet, er möchte nicht mehr kommen, und verspricht ihm in der Eile Ideen anzuschaffen. Er erinnert sich seiner ersten Liebe und des Ereignisses, das ihm den Namen gab, und entschließt sich trotz der schmerzlichen Erinnerung, das Kunststück zu wiederholen. Rüben sind nicht gerade zur Hand, das nächste beste, was er aufraffen kann, ist ein Bündel Binsen. Diese bringt er mit und verwandelt sie mit Hilfe des Professors in philosophische Wahrheiten. Sutterer beginnt jetzt den Kursus, wird aber bald genug durch die Entdeckung unterbrochen, daß die Wahrheiten sehr hinfällig sind; ehe man sich's versieht, welkt eine nach der andern ab, besonders zeigt sich's, daß die Notwendigkeit und die Freiheit am Beinfraß leiden, am schlimmsten aber ergeht es der Allgemeinheit; die Individualität, welche sie in sich hat, bringt ihr den Tod, und sie verscheidet an Unverdaulichkeit und grausamen Leibschmerzen. Der Philosoph ist in großer Not, er versichert, so etwas hätte er sich gar nicht träumen lassen, er könne nicht genug beschreiben, wie stattlich sich diese Wahrheiten auf dem Papier ausnehmen; Rübezahl aber ist sehr entrüstet und beginnt den Unrat zu merken. In diesem Augenblick treten die Liebenden ein, von einem dienstbaren Geiste hiehergeführt. Rübezahl erblickt sie, und es fällt ihm wie Schuppen von den Augen, er sieht die wahre blühende Individualität vor sich, seine Bildungswut kommt ihm lächerlich vor, und jetzt erinnert er sich auf einmal seines Freundes Novalis, mit dem er einst in diesem Gebirge heimliche Unterredungen gepflogen, und gedenkt eines magischen Spruches, den ihm dieser gab. ›Ich will eine Prüfung anstellen,‹ ruft er; ›stellt Euch dorthin, Professor, und ihr beiden, kommt daher und haltet euch umfaßt; wenn ich den Stab gegen euch wende, so küßt ihr einander. Wehe dem, der die Prüfung nicht besteht!‹ – Dem Professor wird es todesangst, er will in der Not ein Vaterunser beten, verwechselt es aber in der Verwirrung und ruft mit gefalteten Händen: ›Nach den Quellen der menschlichen Erkenntnis zu forschen, ist für jeden, der auf den Namen eines Gebildeten Anspruch macht, wo nicht wichtig und notwendig, so doch nützlich und anständig. Amen‹ Rübezahl aber schwingt den Stab und spricht den Zaubersegen:

›Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Dann fliegt vor einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort. ‹

Hierauf gibt er das Zeichen, die Liebenden küssen sich, es fällt ein Donnerschlag, und die Stelle, wo sie stehen, wird in eine herrliche Gegend verwandelt, aus deren Hintergrund ein kristallenes Schloß hervorstrahlt, der Berggeist steht als schöner Jüngling in riesiger Größe da, die Liebenden haben Kronen auf den Häuptern, und Professor Sutterer flattert, in einen Gänsekiel verwandelt, langsam in die Landschaft hinaus. Der Vorhang fällt.«

Ehe die andern etwas sagen konnten, wurde das Mittagessen aufgetragen. Nun war keine Zeit, weder zur Kritik, noch zu irgend einer Art von Besprechung, denn die Jugend ist zwar mehr als jedes andere Lebensalter dem Enthusiasmus und energischen Geistesleben hold, aber auch die irdischen Bedürfnisse üben eine unbesiegbare Macht über sie: Essen, Trinken und vor allem der Schlaf sind ihr unentbehrlich.

Fast schien es, als ob Ruwald der Macht des letzteren anheimgefallen wäre; er saß schweigend unter seinen Freunden, aß wenig, beantwortete keine Frage oder gab, aus seiner Zerstreuung aufgeschreckt, verkehrte Antworten. Seine Freunde, die nicht gewohnt waren, ihn in einem solchen Zustande zu setzen, beobachteten ihn mit stiller Verwunderung. So erlahmte das Gespräch nach und nach und wurde auch auf einem nach Tische angetretenen Spaziergang nicht viel lebendiger. Nachdem sie lange in der schönen Gegend umhergewandelt waren, warf sich Ruwald unter einer Linde nieder, die Freunde um ihn her. Cäruleus erzählte eine lustige Geschichte, die aber, da die Stimmung einmal verflogen war, nicht recht greifen wollte, es kam keine Unterhaltung zustande, nur unsichere, halberstickte Worte flatterten hin und her, bis endlich Cäruleus ausbrach: »Freunde, wenn ihr euch nicht alsbald mit Riesenkräften aus diesem langweiligen Betragen herausarbeitet, so werde ich euch durch eine glänzende Vergleichung beschämen und an den Hof im Ardenner Walde erinnern. Lagern wir nicht in einer ebenso anmutigen Wildnis? Dürfen wir uns nicht mit allem Recht als Geächtete, Gesetzlose betrachten, die der Geist der Freiheit, die Liebe zum Licht aus den dumpfen, über alle Gebühr finstern Hörsälen herausgeführt hat? Und da liegen wir nun und sehen einander mit höchst geistreichen Mienen an: ich möchte beinahe den Vorschlag tun, lange Pfeifen herschaffen zu lassen und bei einem tüchtigen Humpen Bier in stummer Selbstgenügsamkeit einander zu berauchen. Du aber, o du Mittelpunkt all unsers Humors, der du deine langen Beine mit so wehmütiger Krümmung, so musikalischer Ausweichung ins Grüne hinausstreckst und den Schnurrbart in tragischer Hoffnungslosigkeit hängen lassest, in dir erkenn' ich allerdings eine Shakespearsche Figur: seht ihn an, ihr Männer, Freunde! ist er nicht leibhaftig der melancholische Jaques? er scheint die Erde zu bedauern, daß sie ihn tragen, die Luft, daß sie durch seine Nase ein- und ausgehen muß. Nun, so teil uns doch etwas von deinen kläglichen Betrachtungen mit, du vom Schmerz des Lebens Gebeugter! Wahrhaftig, so muß der arme Jaques ausgesehen haben, als er an der Quelle saß und über den angeschossenen Hirsch philosophierte.«

»Du hast nicht so ganz unrecht,« sagte Ruwald bitter lächelnd: »Das waren in der Tat soeben meine Gedanken, ich philosophierte über eine höchst ungerechte Jagd.«

»Und über was für eine, mein trefflicher Denker, wenn man fragen darf?«

»Laß mich, laß mich! ich bin nicht zum Sprechen gestimmt: philosophiert ihr indessen auf eigene Hand weiter! – Oder vielmehr: soeben fällt mir ein, daß ich das letzte Mal einen Vortrag gehalten habe und nunmehr nach unsern Gesetzen den nächsten Redner bestimmen darf. Rede also, Cäruleus, wenn du das Stillschweigen nicht leiden kannst, und rede meinetwegen über das Thema: ›Was von der Ewigkeit zu halten?‹« – Hiemit legte er sich zurück und drückte das Gesicht in die Arme.

»Eine nicht aufzuwerfende Frage!« sagte Cäruleus gähnend, »eine nicht aufzuwerfende Frage, bei der mir immer eine schmerzliche Erinnerung aus den Kinderjahren zurückkommt. – Ich war schon als Knabe ein mächtiger Philosoph und philosophierte über alles im Himmel und auf Erden, vom Ysop bis zur Zeder, vornehmlich aber philosophierte ich über die Ewigkeit. Und das griff ich folgendermaßen an: ich dachte, wie geht es denn zu, daß die Ewigkeit ewig dauert und gar kein Ende nehmen will? Kann es denn etwas geben, das gar nicht aufhört? Dabei stellte ich mich etwa auf den Marktplatz meiner Vaterstadt, sah langsam, ganz langsam an mir hinunter, dann auf dem Boden weiter, immer langsamer, nun kamen die Häuser, hinter diesen der Kirchturm und endlich eine Kette von ziemlich hohen Bergen; wenn ich nun bis an den Turm mit den Augen gekommen war, wurde es mir schon bange, ich rückte unmerklich, fast nur wie ein Stundenzeiger, vor, aber es half nichts, die grauen Steine schwanden, es wurde grün, ich hatte die Berge erreicht, und zuletzt war ich auch mit diesen fertig. Ach! ich hatte eine Ewigkeit zu dieser Aussicht gebraucht, und nun war die Ewigkeit doch herum! Wie kann denn etwas ewig dauern? Tag um Tag und kein letzter! Ein Schauer faßte mich, und ich lief mit bitteren Tränen nach Hause, wo ich mich an meine erstaunte Mutter schmiegte. In solchen Gedankenqualen hab' ich manche Stunde zugebracht, und nur eines kommt mir jetzt seltsam vor: mit dem Anfangspunkte der Ewigkeit gab ich mich niemals ab, nur der andere, das Ende, machte mir zu schaffen.«

»Das ist übrigens sehr natürlich,« fiel Ostjäck ein; »um den Anfang bekümmert man sich nicht, man denkt, es ist eben von Anfang so gewesen; aber das Ende –«

»Das interessierte mich allerdings mehr, weil ich es selbst miterleben oder vielmehr nicht erleben sollte; als ein frommes Kind (denn auf dieses Prädikat könnt' ich Anspruch machen) hatte ich wohl Hoffnung, dereinst auch in den Himmel zu kommen, und da malte ich mir die himmlischen Freuden so aus, und wie sie immer und immer fortdauern und ein himmlischer Tag sich an den anderen reiht – ich versichere euch, mich überfiel bei all der Seligkeit eine Angst, die mich zum unglücklichsten Menschen machte.«

»Ja, das Unendliche kann einem schon Respekt einflößen,« sagte Ostjäck; »hier erinnere ich mich des Porträts, das dich als Kind vorstellt, hier machst du ein so sonderbares Gesicht, daß ich fast glauben möchte, der Maler habe dich unmittelbar in deinem Philosophieren abkonterfeit.«

»Es mag wohl so etwas gewesen sein,« erwiderte Cäruleus, »wenigstens weiß ich, daß ich während des Malens unendliche Langeweile empfand, und kann mir jetzt noch nicht vorstellen, wie die Leute sich eine bedeutende Physiognomie geben können, wenn sie der Staffelei gegenüber sitzen. Wenn ich noch einmal dran müßte, so würde ich den Maler bitten, mich, ohne daß ich es wüßte, durch ein Schlüsselloch zu malen.«

Ruwald erhob sich und sprach: »Mit der Ewigkeit ist es eine eigene Sache, denn man kann sie nun einmal doch nicht los werden; sie ist wie eine Quelle, die, hier verschüttet, dort wieder zum Vorschein kommt. Die Philosophen haben sehr triumphiert, als sie der jenseitigen langen Bank, wie sie sie nannten, die Füße abgesägt hatten, nun bleibt ihnen aber doch die diesseitige übrig, und man muß immer fragen, wenn alle Geschichte nur in dieser Welt vor sich gehen soll, wird das ewig so fortgehen oder wird etwas einmal zu nichts werden müssen? Am Ende ist das Endliche ebenfalls unendlich. Was ist noch lange nicht vorüber – Stehet auf und lasset uns von hinnen gehen.«

Unterwegs wurde beschlossen, noch einmal in das bekannte Wirtshaus zu gehen und einige Gläser draufzusetzen. – Ich muß endlich gestehen, daß ich meinen Helden nur mit großem Widerwillen dahin folge, um so mehr, als ich sie schon auf dem Spaziergang ungern begleitet habe. Nur die Pflicht einer getreuen, wahrheitsliebenden Schilderung konnte mich bewegen, diese abspringende, eckige, unzusammenhängende, erzwungene Konversation darzustellen. Ich weiß nicht, was diese Leute treiben, aber es ist eine wahre Schande. Ruwald fährt einmal übers andere aus einer unbegreiflichen Zerstreuung empor und gerät auf Gegenstände, die ganz außer dem Gang des Gesprächs liegen, Cäruleus nimmt sie mit Vergnügen auf und verfolgt sie mit einer Hast, als ob auch er etwas Unangenehmes zu verreden hätte; sie sprechen nur, um zu sprechen; es ist, als ob ein Kainsgefühl sie unstet und flüchtig durch alle Gebiete des Gedankens hindurchgeißelte. Sollten wir hierin eine Nemesis erkennen? Wohl ist es ihnen nicht.

Ich will ihnen die Schmach nicht antun, was jetzt folgt, mit epischer Breite auszuführen, sondern nur kurz erzählen, daß Ruwald sich plötzlich zu einem Humor zwang, an dem keine gesunde Faser war. Er erblickte in der Nähe des besagten Wirtshauses einen Bauersmann, ließ diesen sogleich kommen, setzte ihm die feinsten Weine und ein in der Küche soeben fertig gewordenes Spanferkel vor, das er um seines frühen Todes willen glücklich pries, indem es jetzt, mit einer Zitrone im Munde, sich in einer anständigen Gesellschaft bewegen dürfe, während es, zu reiferen Jahren gelangt, in höchst unwürdigem Umgang mit Standesgenossen Kot gefressen hätte; hierauf entwickelte er in einem langen Vortrage die Notwendigkeit, das Gemeinbewußtsein nicht erst nach und nach zur Bildung heranzuziehen, sondern über Hals und Kopf in dieselbe zu stürzen; »denn,« fügte er hinzu, »wofür man den Menschen erklärt, das ist er auch, und wenn dieser unvorbereitete Landmann sich so vornehm behandelt fühlt, so wird er plötzlich die edelsten Gedanken von sich geben.« Als aber dieser versicherte, das Ding schmecke eben auch wie Essen und Trinken, riß er ihm den köstlichen Burgunder aus der Hand, hielt wiederum eine Rede über die Unmündigkeit des Volks und entließ den Verblüfften mit den Zeichen der höchsten Ungnade. Die anderen erhuben ein unmäßiges Gelächter, auch Ruwald stimmte ein, aber es war nicht das natürliche gesunde Lachen, das wir bei einem anderen Anlaß oben mit angehört haben, sondern ein künstliches, das etwas von jenen Worten Byrons in sich hatte: ›Und manchmal lach' ich nur, um nicht zu weinen,‹ Weinen! ja dies wäre hier das Passendste gewesen, und in meiner Schilderung mit Widerstreben an diesen Punkt gelangt, erinnere ich mich unwillkürlich der Äußerung eines Lehrers aus meinen jüngeren Jahren, der bei einer ähnlichen Gelegenheit mit dem Propheten ausrief: »O, daß ich Wasser genug im Kopfe hätte, zu weinen über das Tun dieser verkehrten Jünglinge!«

Ruwald sank bald wieder in die alte Lethargie zurück. Die anderen tranken aus und mahnten ihn zum Fortgehen, er schüttelte aber den Kopf und winkte ablehnend mit der Hand; jene, die seine Weise kannten, gingen und ließen ihn sitzen. Kaum sah er sich allein, so sprang er auf und ging mit großen Schritten hastig im Zimmer auf und ab.

»Kaum kann ich mich bezwingen,« rief er aus, »daß ich nicht selber Hand an mich lege und mich links und rechts ins Gesicht schlage! Könnt' ich diesen schmählichen Vorfall aus meinem Gedächtnisse verwischen! Das war wohl eine Kunst, einen armen Jungen zu verhöhnen, der am Ende besser ist als wir alle! Diese großen Geister! Nichts ist ihnen zu hoch, nach allem greifen sie und tun es ab mit höchst überschwenglicher Weisheit; aber dazu sind sie nicht zu vornehm, ihren schlechten Knabenwitz gegen einen Unschuldigen zu kehren – warum? weil er verliebt ist! Verliebt! das ist, wenn ich mich nicht irre, vornehmlich dem Philister eine Torheit, und als solche haben wir uns betragen, mit der Roheit des gemeinen Haufens haben wir ein gutes Herz gekränkt! Armer Jüngling! das hättest du nicht erwartet von Leuten, die mit so viel Bildung prunken! In argloser Sicherheit gesellst du dich zu uns, und es geht dir wie dem Fremdling, der, unbefangen in ein nobel aussehendes Haus tretend, von einem kläffenden Kettenhund angefahren wird. Und das alles einem trivialen Witze zulieb! Nein, das hat er nicht verdient; wäre er ein gewöhnlicher Kollegienreiter, so hatte er sich ganz anders benommen. Welche Schüchternheit und welche Liebe! Die wenigen Stunden, die sich die gute Seele erobern kann, widmet er dem Liebchen, die er vielleicht zweimal flüchtig am Fenster sieht, setzt, was dem Menschen in einer kleinen Universitätsstadt das Höchste sein muß, den guten Ruf aufs Spiel, läßt sich in der Nähe einer verrufenen Gesellschaft blicken und hat wahrscheinlich keinen Dank davon, als daß das Mädchen ihn mit wilden Trinkern zusammenwirft, verdammt und verachtet. In der Nacht bricht er sich den Schlaf ab und schreibt die bei Tage versäumten Vorlesungen nach, nicht ahnend, daß in derselben Stunde die Geliebte vielleicht mit Abscheu an ihn denkt und ihn weit von ihrem Angesichte wünscht. Nein, so liebt kein Philister, keine gewöhnliche Seele. Und ich konnte ihn verkennen, und bin doch auch so jung und so verliebt gewesen!«

Er wurde weich, er erinnerte sich der schönen Zeit, da sein Herz um erstenmal erwachte, er sagte sich jenes erste Liebeslied wieder vor, das er, ein fünfzehnjähriger Dichter, mit freudigem Schrecken einst im Walde gesungen hatte:

›Immer, Teure, schwebt dein Bild
Meinen Augen vor,
Deine Stimme, sanft und mild,
Tönet in mein Ohr,
Deiner blauen Augen Schein
Leuchtet mir ins Herz hinein.‹

Seine Augen wurden feucht: »Wie unbedeutend und doch wie herzlich,« sprach er, »klingen diese Worte, wahrer als alles, was man in gereifteren Jahren und mit gereifterer Kunst hervorbringt! O du schöne, unwiederbringlich verschwundene Zeit des Glücks! Und gegen dich habe ich mich verschwören können!«

Er trat an den Tisch und stürzte ein Glas hinunter. In vino veritas: sein Gesicht erheiterte sich, er ging ruhig auf und ab und bedachte einen Entschluß. In diesem Augenblicke trat ein Student ein, den er halb und halb kannte, und nun war sein Entschluß gefaßt. Er bat den Ankömmling in der üblichen Weise, sein Kartellträger zu sein, und sandte ihn zu Paul mit dem Anerbieten, er wolle ihm für den heutigen Vorfall im Namen der dabei zugegen gewesenen Gesellschaft vollständige Genugtuung geben. Nach einer Viertelstunde kam jener zurück und sagte lachend: »Sie haben keinen gefährlichen Gegner gefunden, der Hasenfuß hat das Duell abgelehnt und mir aufgetragen, Ihnen zu melden, er hätte von Leuten, die sich einer überlegenen Bildung rühmten, nicht geglaubt, daß sie Veranlassung zu einer alltäglichen Katzbalgerei gäben oder gar suchten.« – »Der Junge gefällt mir immer besser,« rief Ruwald: »haben Sie jetzt die Gefälligkeit, mich zu ihm zu begleiten und Zeuge meines Benehmens zu sein.«

Paul saß in der übelsten Laune auf seinem Zimmer; die Studierlampe verbreitete ein düsteres Licht auf das Handbuch des Staatsrechts, das, an der aufgeschlagenen Stelle gewaltig zerknittert, vor ihm lag. Er hatte alle Ursache, mißmutig zu sein: die Geliebte verkannte ihn und die Absicht seines Wirtshausbesuches aufs schmählichste; ach! und er konnte die stumme Rolle eines Toggenburg jetzt nicht einmal mehr spielen, der Schauplatz seiner Demütigung war ihm auf ewig verschlossen! Dazu kam das drückende Bewußtsein, mit den väterlichen Vorschriften im schneidendsten Widerspruche zu stehen; seine vormittäglichen Gänge, so wenig Aufwand er dabei machte, hatten ihn mehr Geld gekostet, als er bei seinem strengen Vater verantworten zu können glaubte, auch die Kollegienversäumnisse beschwerten ihm das Gewissen, das in der jetzigen Aufregung die Nachtarbeiten, womit er in der Tat das Defizit regelmäßig zu decken suchte, eine Umgehung, ja eine Heuchelei nannte. Und nun hatte er sich noch, ohne zu wissen wodurch, geistreiche und höhnische Feinde zugezogen, die ihn auf jede Weise zu verfolgen suchten; denn wofür anders konnte er Ruwalds Botschaft nehmen, als für die hartnäckige Bestrebung, um jeden Preis Feindseligkeiten anzuspinnen!

In diesen unbehaglichen Gedanken quälte er sich ab, und Ruwald, als er eintrat, konnte sich nur mit Mühe enthalten, die Worte der Überschrift über der Eröffnungsszene, des Faust auszurufen, worin der Held in einem engen Zimmer unruhig am Pulte sitzend geschildert wird. Paul wußte nicht, wie ihm geschah, als die beiden Fremden hereinkamen, er sprang ängstlich auf, aber Ruwald trat ihm mit Anstand entgegen und sprach: »Sie haben die übliche Form der Genugtuung, die ich Ihnen anbot, nicht angenommen, ich achte Sie deshalb nur um so höher, denn das Duell hat in neuerer Zeit nach meiner Ansicht, wenigstens auf unserer Universität, sehr viel von seiner Würde verloren. Mir aber werden Sie auch nicht verargen, daß ich, der ich Sie nicht kannte, in dieser Sache zunächst den gewöhnlichen Weg einschlug. Nachdem Sie nun, ganz mit meiner Zustimmung, diesen verschmäht haben, bleibt mir nichts anderes mehr übrig, als daß ich Sie hiemit vor diesem Herrn in meinem und meiner Freunde Namen für die heutige Kränkung förmlich und aufrichtig um Verzeihung bitte.« Hierauf wandte er sich zu seinem Begleiter und sagte: »Ich danke Ihnen für die Gefälligkeit, womit Sie unserer Unterredung bis hieher als Zeuge haben anwohnen wollen.« – Dieser merkte den Wink und nahm mit einem unaussprechlichen Ausdruck im Gesichte seine Entlassung.

Als Ruwald mit dem erstaunten Paul, der nicht wußte, ob er wachte oder träumte, allein war, begann er eine herzliche Entschuldigung des heutigen Auftritts. »Der Humor,« fügte er,»der allerdings von keinem Zweck und keiner Rücksicht wisse, könne doch nur bei einer gänzlichen Verstimmung auf solche Sprünge kommen.« Er beklagte sich über die Schiefheit aller Lebensverhältnisse, über die Gottesverlassenheit dieser Zeit, wie er es nannte, und als er einmal im Zuge war, machte er mit einer unbegreiflichen Gnade Gott und Welt herunter und ließ keine Sphäre des Lebens unangetastet. Paul hatte sich indessen vom Staunen über den unerwarteten Besuch erholt und war bereits im Herzen sein Freund geworden; er ging in seine seltsamen Reden ein und trat ihnen, nunmehr von allem, was ihn gedrückt hatte, sich befreit fühlend, mit der ganzen unverwüstlichen Heiterkeit seines Gemüts entgegen.

»Schon lange,« sagte er, »muß ich diese Sprache hören; was ist es doch mit der heutigen Jugend? Woher hat sie diese Hypochondrie, diesen scharfen Altjungfernzug um den blühenden Mund? Es scheint, man habe sie zu früh in die Schule gepfercht und mit Weisheit vollgepfropft, bis ihr der Kopf davon dumm und das Herz öde geworden ist. Ich preise mich glücklich, daß ich wie ein wildes Reh im Walde den Netzen der Philosophen fern geblieben bin. Ihr denkt zu viel – lacht mich nicht aus, wenn ich so barbarisch rede, aber ich habe gewiß recht; Ihr denkt zu viel! Darin handelten unsere Vorfahren klug, daß sie mit Kriegen und Abenteuern ihren Söhnen von Anfang an alle Hände voll zu tun gaben, so daß ihnen zum Grübeln wenig Zeit übrig blieb; denn ich glaube, man kann nur dann leben, wenn man in einer beständigen Tätigkeit erhalten wird. Aber Ihr arbeitet Euch im Kopfe ab, während die Hände müßig sind, und kommt mir, wenn Ihr's nicht übel nehmen wollt, wie eine Kaffeemühle vor, die immer und immer getrieben wird, ohne daß man ihr etwas zum Zermalmen gibt, und die sich deshalb notwendig abnutzen muß, oder wie einer, der beständig, kaut und nagt, aber nichts zwischen den Zähnen hat; da nagt Ihr Euch gelegentlich die Nägel ab und habt ein unangenehmes Gefühl in den Fingerspitzen.«

Ruwald biß sich in die Lippen, denn das letztere traf ihn nicht bloß als Vergleichung, sondern er hatte diese Untugend in Wirklichkeit. Um etwas zu erwidern, sagte er; »Es mag wohl so sein, und ich glaube es selbst, daß diese Alterskrankheit der Jugend vornehmlich daher rührt, daß sie gar nicht mehr dazu kommt, jung zu sein. Ach! es geht uns allen wie dem unglücklichen Kaspar Hauser; wir haben gar keine echte Jugend, keine Kindheit gehabt, wir sind schändlich darum betrogen worden.«

»Das läßt sich nicht ganz leugnen,« versetzte Paul; »aber meint Ihr denn, die Alten seien in ihrer Kindheit immer in Wald und Gebirg mit angenehmen Kobolden herumgesprungen, und so mitten im Schoße der Wunder aufgewachsen? Die Menschen haben von jeher eine harte Schule durchmachen müssen, ja eine härtere als jetzt, denn Ihr werdet gestehen müssen, daß Ihr keine so barbarische Erziehung erlitten habt, als Euer Großvater und Urgroßvater.«

»Im Gegenteil!« fiel Ruwald ein; »die Humanität unseres Zeitalters, wie man das Ding nennt, diese ist es eben, aus der die schlimmsten Übel entsprungen sind. Die veralteten Institutionen, denen die Jugend aufgeopfert wird, waren wohl streng und rauh zu ihrer Zeit, aber sie waren zu äußerlich, um den innersten Kern des Menschen anzugreifen. Nun aber soll der Buchstabe mit Geist gehandhabt werden, und ach! mit welchem Geist! Sie haben das Alte, das nicht mehr paßt, stehen lassen, weil sie nicht wissen, was sie daraus machen sollen: indessen dringt das Neue an allen Teilen durch den Moder und bildet eine lebendige Verwesung, von der die gesundeste Lunge verpestet wird. Ach! ich mag nicht daran denken! diese Humanität, unter deren Deckmantel der Geist mißhandelt wird und der Mensch unheilbarere Wunden davonträgt, als von der rohesten Behandlung früherer Zeiten; diese moralische Heuchelei, die jedem, der sie kennen gelernt hat, das Leben auf immer verbittert!«

»Macht mir die Sache nicht so arg!« rief Paul: »der Geist bleibt immer ganz, der ist nicht umzubringen! Und wenn es so schlimm hergeht, so zieht gegen das Wesen ins Feld, greift zur Axt und haut die faulen Bäume um! Helft an Euerem Teile mit und arbeitet, daß es besser wird! Das ist es ja eben, was ich vorhin gesagt habe: um leben zu können, muß man etwas tun; deshalb sollet Ihr Gott danken, wenn er Euch ein Feld der Tätigkeit erkennen läßt. Mit Eurer Jugend ist es noch nicht Matthäi am letzten: wem es in der Kindheit nicht möglich war, ein Kind zu sein, der kann es immer noch werden und mit mehr Genuß als so eine kleine unverständige Kreatur selbst! Macht ja ein gutes Märchen den Erwachsenen eben so viel Freude als den Kindern, ja noch mehr, weil sie sich wieder als Kinder darin fühlen. Wendet das auf Euch an und überzeugt Euch, daß die alte Sonne immer noch scheint, die schon so manches Jahrhundert frohen Menschen geleuchtet hat. Soll ich den alten abgeschabenen Satz wiederholen, daß die Welt sich zu allen Zeiten gleich gewesen ist? daß es nicht gut wäre und die Welt schläfrig würde, wenn immer alles im Gleise bliebe? Die besten Menschen haben sich's gefallen lassen müssen, die Welt so anzutreffen, wie sie gerade war; sie ist ihnen zu lieb auch nicht anders geworden; haben sie's anders gewollt, so mußten sie selbst Hand anlegen.«

»Das ist eben der trübseligste Punkt,« sagte Ruwald, »daß alles Reformieren ohne ein erkleckliches Resultat bleibt! Das alte Gift kommt immer wieder dazwischen, der Urheber selbst kann das in der Wirklichkeit nicht so hinstellen, was er sich im Geiste gedacht hat, und es wird hernach gewöhnlich noch schlimmer als zuvor. Die Schlechtigkeit, die Teufelei, die Dummheit ist unsterblich: sie kann durch keine Reformation bezwungen werden, ja

›Von vornen geht sie unter,
Von hinten kommt sie zurück,‹

»Das führt mich zu tief hinein,« versetzte Paul, »und ich bin ein schlechter Philosoph, aber ich meine, es müsse so sein, daß immer wieder eine neue Reform nötig werde. Wenn es auch nachher schief geht, so ist doch der erste Gedanke schön und ein Menschenleben wert gewesen; was aber vor allem hoch anzuschlagen ist, ist dies, daß die Welt dadurch auch einmal wieder in Bewegung gesetzt wird, denn ich bleibe bei meinem System: wenn der Mensch leben, die Welt frisch bleiben soll, so ist ein beständiges Tun, ein fortdauerndes Geschehen nötig. Der Zweck liegt eben im Mittel. Aber Eure Krankheit besteht darin, daß Ihr zwar das Bessere oder gar das Beste wollt und auch gerne dafür tätig wäret, nur wißt Ihr nicht recht wie, auch müßte es auf einen Schlag geschehen und dann unwandelbar in alle Ewigkeit so bleiben. Ich wüßte auch nicht, wie das anzugreifen wäre. Das kann die ganze Menschheit nicht, und wenn sie mit vereinten Gesinnungen auf einem Allerweltskongreß zusammenkäme, die doch ein Allgemeines und Ganzes ist; Ihr aber seid ein einzelner, ein Teil, und denkt an so ungeheuere Dinge. Besser wäre es, Ihr machtet Euch auch an etwas Einzelnes, meinetwegen an eine Kleinigkeit, der Ihr Euer Leben lang treu bliebet und die Ihr aufs beste durchzuführen fleißig wäret; die Beziehung zum Ganzen würde sich schon von selbst ergeben und Ihr hättet ebensoviel getan, als wenn Ihr dem lieben Gott eine neue Welt geschaffen hättet. Wollt Ihr aber durchaus einer von denen sein, die es nicht anders Wort haben wollen, als daß sie an den edelsten Teilen zum Tode verletzt seien, könnt Ihr den Werther um keinen Preis von den Nerven abschütteln, so macht die Sache lieber kurz ab! sprecht das Urteil und vollzieht es sogleich; die geringste Zögerung raubt in diesem Falle jedes Recht zu weiterer Klage und Unzufriedenheit. Übrigens,« setzte er hinzu, indem er lächelnd näher trat, »übrigens glaube ich, daß es bei Euch schon zu spät ist zu einer so trotzigen Tat: mich dünkt, die Hauptkrisis sei schon überstanden und es zeigen sich nur noch einige leichte Nachwehen, daher verbiete ich Euch ernstlich, den gordischen Knoten gewaltsam zu zerhauen, und befehle Euch, Euren Frieden mit der Welt zu machen, denn,« sagte er und strich ihm die Locken aus dem Gesicht,

»Deucht mir doch, in frischer Luft
Hätt'st du manches noch zu schaffen!«

Mit hochgeröteten Wangen hatte Paul die letzten Worte gesprochen; er war warm geworden, denn er hatte lange keine Gelegenheit gefunden, so frei von der Brust weg zu reden. Ruwald sah mit Erstaunen, wie ihm die Schwingen plötzlich gewachsen waren; er hatte, die freie Sprache seines Herzens entfesselnd, den vollständigsten Triumph über seine Beleidiger errungen, und einen um so edleren Triumph, je weniger dieser beabsichtigt und berechnet gewesen war. Ruwald umarmte ihn: »O Weisheit,« rief er, indem er ihn herzlich küßte, »o Weisheit, du red'st wie eine Taube!«

Im Verlauf des Gesprächs kam Ruwald auf jene Uhlandschen Strophen zurück, welche Paul angeführt hatte, und hier ergab es sich, daß der junge Freund, den wir so unvermutet kennen gelernt und liebgewonnen haben, ein entschiedener Verehrer dieses Dichters war. »Während ich ihn lese,« sagte er, »glaube ich selbst ein Poet zu sein, er regt mich so eigentümlich an, wie kaum ein anderer, denn er überläßt es immer dem Leser, den Hauptgedanken eines Gedichtes auszusprechen und selbst gleichsam produzierend fortzuspinnen; seine Gedichte brechen schnell ab und eröffnen eine Aussicht wie in eine unermeßliche Landschaft.« »So ist es,« sprach Ruwald, »und hierin liegt das Geheimnis seiner großen Wirkung, um so mehr als er dieses Mittel immer höchst natürlich und ungezwungen handhabt. Man nennt seinen poetischen Stil mit Recht im höheren Sinn epigrammatisch, indem nämlich seine Lieder kurze, sprechende Aufschriften zu sein scheinen zu einem großen, ungeschriebenen, durch Natur und Leben hindurchgehenden Gedichte: der prägnante, ahnungsvolle Schluß, den er ihnen zu geben pflegt, wirkt aufs wunderbarste, weil er den Leser fast wider seinen Willen selbst zum Dichter macht. Diese Prägnanz ist jedoch in allem vorherrschend, nicht bloß in Anschauung und Ausführung, sondern sogar in den einzelnen Worten, und es ist kaum zu ermessen, welch' einen unscheinbaren, aber tiefen Reichtum er in diesen aufgehäuft hat; kein einziges, das nicht schlagend wäre, nicht als unumgänglich notwendig an seinem Platze stände, kein müßiges Epitheton! sondern aus der großen Masse, die ihm zu Gebote steht, greift er mit sicherer Hand immer nur solche heraus, die wieder einen Blick in die poetische Tiefe seiner Idee gewähren. Die Sparsamkeit eines edlen Reichen wird schwerlich an einem anderen Dichter so schön nachgewiesen werden können als an Uhland: wahrhaftig, ein Finanzminister könnte an seinem Stil die Ökonomie studieren, oder, um ein poetischeres Bild zu gebrauchen, er erinnert an jenes magische Zelt in der Tausend und Einen Nacht, das den unscheinbarsten Raum einnimmt und dennoch imstande ist, ein ganzes Heer in sich zu fassen. Dies gibt ihm die vollendete, klassische Sprache, die Worte die er, wie der große Gottfried von Strasburg im Urteil über einen Zeitgenossen sagt, gleich Messern nach dem Zwecke wirft! Überhaupt möchte ich die ganze Schilderung, worin dieses Bild enthalten ist, auf Uhlands Poesie anwenden. – Wer den philosophischen Geist, die Kraft und Freiheit des Denkens in der Poesie sucht, der wird sich zu Rückert wenden, aber wer sich an den Quellen des Gemüts und der poetischen Tiefe, Schönheit und Anmut erlaben will, der wird immer wieder zu dem lautern Born der Uhlandschen Lieder zurückkehren. Seine Glossen und das Fragment des Fortunat, welche noch einer eigenen und abgesonderten Betrachtung bedürfen, müssen nach meinem Erachten als durchaus unerreichte Muster humoristischer Poesie aufgestellt werden. –«

Welch eine glückliche Unruhe ist doch im Geist eines Jünglings! Den ersten erwünschten Anlaß ergreifend, ist unser feuriger Redner über die Erinnerung an die begangene Unbill, über die heftige Fehde mit der Gegenwart hinweggeeilt und zur reinen Verehrung eines edlen Dichterhauptes, zu einer Empfindung, die den Geist über jedes Mißverhältnis in Leben und Wissenschaft aufrichten kann, zu der Erkenntnis, daß es trotz allem eigenen Mißlingen Großes und Schönes genug in der Welt gibt, übergegangen. Wir würden uns vergeblich bemühen, den Strom seiner Rede, die sich noch weit über diesen und verwandte Gegenstände verbreitete, zu fesseln und hier wiederzugeben, und begnügen uns daher, das Gespräch, wie es sich später gestaltete, wieder aufzunehmen und einiges daraus mitzuteilen, wodurch wir mit Ruwalds liebenswürdigem Freunde näher bekannt werden.

Paul war, wie er seinem Gast erzählte, der Sohn eines vermöglichen Gutsbesitzers, der ihn durch eine strenge, nüchterne Erziehung gegen alle Ungerechtigkeiten des Lebens abzuhärten gesucht hatte. Als einziger Sohn und Erbe seines Vaters war er, und wie er anzudeuten schien, nicht ganz mit seinem Willen, zur Ausübung der Landwirtschaft bestimmt worden, hatte aber, ehe er einige Güter seines Vaters unter dessen Aufsicht übernehmen sollte, die Universität beziehen müssen, um sich das bißchen Bildung, das der alte Mann für nötig hielt, und vornehmlich die Geheimnisse der Rechtswissenschaft zu eigen zu machen, deren Kenntnis ihn vor unglücklichen Prozessen besser als den Vater bewahren und, wenn auch nicht zur eigenen Führung der etwa vorkommenden Rechtsfälle, so doch zu einer klugen Wahl und wenigstens zur Beaufsichtigung seines Advokaten befähigen sollte. Welche innere Begebenheit den ruhigen Gang seiner Studien unterbrochen, wissen wir bereits, und es war komisch anzusehen, wie der herzhafte Held, der den älteren, überlegenen Freund so tapfer zurechtgewiesen hatte, nun auf einmal den Mut verlor und die Waffen senkte, als Ruwald diese empfindliche Saite seines Herzens berührte. »Aber Herzensjunge!« rief dieser: »sei doch nicht verschämt wie ein Mädchen! du wirst ja nicht vom Anschauen deines Liebchens leben und zuletzt an der Sentimentalität sterben wollen.«

»Du kannst mich meinetwegen auslachen,« erwiderte Paul: »aber ich versichere dich, daß ich eher imstand wäre, um die Mitternachtsstunde alle Gespenster und Kobolde herauszufordern, als ein entscheidendes Wort gegen sie zu wagen.« »Still! still! das ist nicht männlich gesprochen, und ich muß in deinem Namen stolzer denken; hältst du es denn für eine so große Wegwerfung, wenn sie sich dir ergibt? Steh dich einmal um und sage mir, welchem von den vielen verkrüppelten Geistern, die um sie werben können, du den Preis zusprechen würdest! Zum Teufel, sie kann sich was drauf zugute tun, wenn du um sie wirbst.«

»O sprich nicht so, ich bitte dich!« rief Paul: »ich kann mir keine solchen Gedanken erlauben, sondern muß mir immer sagen, daß ich ihrer nicht wert bin: sie ist – ich kann nichts Affektiertes über die Lippen bringen, aber sie ist –«

»Ein Engel, willst du sagen, und ich habe nichts dagegen, wiewohl ich mir einst eine etwas lose Rede gegen sie erlaubt habe; das bitt' ich ihr jetzt im Herzen ab, und sie erscheint mir doppelt liebenswürdig durch dich. Aber vielleicht mit eben so großem Recht, als du sie, erklärt sie dich insgeheim ebenfalls für einen Engel.«

»Was kommt mir nicht sehr glaubwürdig vor,« versetzte Paul: »ich wüßte nicht, wie ich dabei aussehen sollte, wenn man mich so hoch avancieren ließe, und zudem hab' ich sehr deutlich bemerkt, daß sie mich keineswegs in einem so glänzenden Lichte sieht.«

»Daran sind mir schuldig,« sagte Ruwald nachdenklich: »du hast dich mit der echten Verblendung der Verliebten auf ein deiner Liebe nachteiliges Terrain begeben, du hast die bequemste Gelegenheit sie zu sehen gewählt, auf die Gefahr hin, für etwas dissolut zu gelten; denn, sagt Rückert,

›Wer sich unter die Dichter mischt,
Den fressen die Rezensenten.‹

Doch ich will nicht wieder in den alten schlimmen Ton zurückfallen, sondern hier muß Rat und Hilfe geschafft werden, und höre,« rief er, indem er ihn bei der Hand faßte, »dazu fühl' ich mich berufen; ich nehme es als eine Ehrensache, weil wir dich mit unserer Gesellschaft in die Patsche geführt haben.«

»Aber was willst du tun?« fragte Paul ängstlich.

»Eine Kleinigkeit! es ist nicht mehr lang' bis zum nächsten Balle; daß ihn Emilie besucht, ist außer allem Zweifel, und bei dieser Gelegenheit will ich auch einmal wieder einen Pas probieren –«

»Um Gotteswillen nicht! du wirst alles verderben!«

»Sei ganz ruhig! es mag sein, daß mir in meinen eigenen Angelegenheiten die nötige Unbefangenheit abginge, aber für dich will ich plädieren, daß es eine Art haben soll. Die ganze Ciceromanische Rede schwebt mir bereits vor. Ach wie wird das gute Kind gerührt sein!«

Es bedurfte einer langen Überredung, bis Paul in den Vorschlag einging, aber die feurige Beredsamkeit, womit Ruwald ihm zusetzte, machte ihn endlich hoffen, er werde sie zur rechten Zeit mit glücklichem Erfolg anwenden können. »Ich betrachte dich wie meinen Vormund,« rief er, »und ergebe mich in deinen Willen wie ein Kind, das zu furchtsam ist, um selbst zu gehen, das sich gerne gängeln und leiten läßt.« Auf dieses wurde verabredet, Ruwald solle auf dem Balle mit Emilien, tanzen und. dem schüchternen Liebhaber die ersten und größten Steine aus dem Wege räumen, dieser aber hernach seinen Platz einnehmen und den letzten entscheidenden Schlag führen. Paul war kaum seiner mächtig, als er das ersehnte Ziel sich so nahe gerückt sah: Furcht, Hoffnung und Liebe hielten ihn in ihrem Zauberkreise fest, und er scheute sich nicht, sein ganzes Glück der Freundschaft verdanken zu wollen. Ruwald malte ihm neckend und lächelnd die schöne ländliche Zukunft vor und sagte, als er spät in der Nacht von ihm Abschied nahm: »Meinen Lohn bedinge ich mir vorher aus; ich werde mich manchmal auf ein frisches Butterbrot zu euch einladen, das mir deine Frau mit eigenen Händen aufstreichen soll.« Paul fiel ihm errötend um den Hals und war nicht imstande, das verlangte Versprechen zu geben.

Ostjäck wunderte sich am nächsten Tage nicht wenig, als er, auf dem Wege zum Fechtboden begriffen, Ruwald Arm in Arm mit Paul über die Straße gehen sah. Er wollte auf die beiden zusteuern, um sich das Rätsel lösen zu lassen, aber sie bogen eben, ohne ihn zu bemerken, um eine Ecke und waren, da er ihnen nacheilte, bereits verschwunden. Er kam zur gewöhnlichen Stunde in das Wirtshaus, wo er Cäruleus und die zwei oder drei übrigen Mitglieder der Gesellschaft, welche wir in unserer Erzählung nicht näher bezeichnet haben, antraf und ihnen das seltsame Ereignis mitteilte. Sie harrten mit Begierde auf Ruwalds Ankunft, und jeder rüstete einen Witz, womit er empfangen werden sollte; aber sie mußten diesmal ihren Humor pro Patria, wie man zu sagen pflegt, verwenden, denn der Freund erschien nicht. Ehe sie auseinander gingen, wurde eine feierliche Note, von Cäruleus verfaßt, an ihn erlassen, worin ihm seine Nachlässigkeit scharf verwiesen und Auskunft über das Abenteuer mit dem verliebten Schreiber gefordert wurde.

Die Gesellschaft versammelte sich den Tag darauf sehr zeitig und mit großer Neugierde, was Ruwald, den sie persönlich erwarteten, antworten würde. Nach einiger Zeit erschien ein Diener mit einem Schreiben an Cäruleus. Dieser erkannte Ruwalds Hand, erbrach den Brief und las:

»Verehrungswürdiger Hypothetiker und Sprecher des Pantheons der schlechten Gesellschaft!

Über der Frage, die Ew. Nichtswürden an mich zu richten beliebt hat, muß ich zu meinem Bedauern derzeit noch das Dunkel Eurer eigenen kühnen Vermutungen ruhen lassen, welchen ich Euch hiemit übergebe, und sage für jetzt nur soviel: der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden! – Baupläne, die ich mit besagtem Ecksteine vorhabe, verhindern mich einige Zeit, im Rate der Schlechten und Spotter zu sitzen, ich werde jedoch ›Nach einer Übung kurzer Tage‹ wieder erscheinen und das Rätsel hoffentlich zu allgemeiner Zufriedenheit lösen.

Indessen halte ich es für schicklich, als abwesendes Mitglied der Gesellschaft mich pflichtig zu erweisen und sende somit einen Beitrag zur Unterhaltung ein: ich wähle für diesen Zweck ein Gedicht, wozu mir die Werte und das Leben des Druckergesellen Retif, mit dem ich mich bekanntlich die letzte Zeit über beschäftigte, Anlaß gegeben haben.

Ruwald,
derzeit datierendes Mitglied der Schlechten.«

Cäruleus schlug hierauf das Gedicht neugierig auseinander und las es vor:

Der wüste Dichter.

»Da kommt der tolle Amadis,
Retif de la Bretonne,
Den ganzen Tag Mondfinsternis,
Doch unsrer Nächte Sonne!

Bei Tage geht er nicht vors Haus,
Sein Rock hat zu viel Löcher;
Doch mit der Dämm'rung schleicht er aus
Als Buhler und als Zecher.

Er dichtet, nur bei Tageslicht,
Novellen zum Vergöttern:
Weil Tint' und Feder ihm gebricht,
Seht er sie gleich in Lettern.

Und aller Dirnen Minnesold
Erblüht dem witz'gen Drucker,
Und alle Trinker sind ihm hold,
Dem armen lust'gen Schlucker.

›Was kam dir gestern nacht in Sinn,
Retif, du wackrer Zecher?
Du warfst die Karten plötzlich hin
Und stießest um den Becher.

Du warfst die Karten auf die Seit'
Und gingst mit krauser Stirne:
Rief dich ein Feind zu Kampf und Streit,
Rief eine wilde Dirne?‹

›Nein,‹ sprach der lustige Gesell
Retif, mit bleichem Munde:
›Nicht schlug die Glocke zum Duell
Und nicht zur Schäferstunde.

Doch was mich gestern nacht befing,
Kaum wag' ich's euch zu sagen,
Ich, dessen Schiff am höchsten ging
Bei allen Trinkgelagen!

Ihr wißt, wir saßen bei dem Spiel,
Der Mond schien hell durchs Fenster,
Der Becher klang, die Karte fiel,
Da sah ich‹ – ›Was?‹ – ›Gespenster!‹

Ich sah, erglüht von Lust und Wein,
Dort auf der linken Seite,
Dicht an der Wand im Mondenschein
Ein Häufchen trunkner Leute.

Die saßen, so wie wir, beim Spiel
Mit lichterlohen Mienen,
Und wenn bei uns die Karte fiel,
So fiel sie auch bei ihnen.

Und wenn die Becher klangen hier,
Ward drüben angestoßen:
Die Freude würzten doppelt mir
Die braven Zechgenossen.

Mich zog's zu diesem edlen Rat,
Ich eilt', als hätt' ich Flügel:
Da sah ich, als ich näher trat,
Lacht nicht! – in einen Spiegel!

Wir also waren's, wir allein
In dieser toten Stunde!
Wie bleich trat der Gesichter Schein
Jetzt aus des Spiegels Grunde!

Da ward mir wunderlich im Kopf,
Als ob ich Grillen hätte,
Es nahm mich wie ein Geist beim Schopf,
Und riß mich fort – zu Bette.

Und einsam schlief ich diese Nacht,
In Träumen unergötzlich,
Und wieder kam, da ich erwacht,
Das bleiche Bild mir plötzlich.‹

›Doch warum hat's dich so verstört?‹
Ich kann's euch nicht entsiegeln,
Doch wer mein Abenteu'r gehört,
Der mag sich drin bespiegeln.‹«

»Das ist eine wunderliche Geschichte,« sagte Cäruleus, als er gelesen hatte, »aber so viel sehe ich jedenfalls, daß sie eine unartige Beziehung auf uns hat.«

»Ruwald hat den Katzenjammer!« lief Ostjäck lachend: »ich schlage vor, ihm den folgenden Vers als Antwort zu senden:

›Der Sinn, worauf dein Unmut zielt,
Wird uns nicht schwer bedrängen;
Doch wo man künftig trinkt und spielt,
Da soll kein Spiegel hängen. –‹«
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