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Gesammelte kleinere Erzählungen - Vierter Teil

Hermann Kurz: Gesammelte kleinere Erzählungen - Vierter Teil - Kapitel 3
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typenovelette
authorHermann Kurz
titleGesammelte kleinere Erzählungen ? Vierter Teil
publisherMax Hesse's Verlag
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Die Gesellschaft klatschte wie gewöhnlich; hierauf erhob sich Ruwald als Rezensent und sagte: »Ich kann von diesem Gedichte nicht so günstig denken, als von der Rede desselben Herrn Verfassers, ja ich muß es im direkten Widerspruche mit ihm ein unpoetisches Gedicht nennen. Sein antitheologischer Grimm und Feuereifer hat ihm hier einen Streich gespielt und ihn verleitet, den Status depravatus und die Gratia applicatrix zu parodieren, ohne daß die Gattung rein herausträte, das Ding schwankt zwischen Satire, Ironie und tieferer Bedeutung mitten inne, und ich wüßte es kaum anders zu benennen, als einen Witz ohne Spaß. Oder vielmehr will ich noch einen bessern Ausdruck, den Goethe von Byron brauchte, darauf anwenden: es ist ›eine verhaltene Parlamentsrede‹, die sich sehr zu ihrem Unglück in die Poesie verirrt hat. Ich diktiere dem Herrn Verfasser pro poena, daß er ein anderes, echtes Weinlied verfertige und bis dahin sich alles Weingenusses enthalte.«

»Ich gebe meine Protestation zu Protokoll!« rief Cäruleus um so heftiger, als ihm Ruwald zu gleicher Zeit sein Glas austrinken wollte, »ich bitte den ehrenwerten Redner um Verzeihung, aber was er da gesagt hat, ist geradezu abgeschmackt. Seine Rezension lasse ich dahingestellt sein, daß er mir jedoch bis zur Vollendung eines echten Weinliedes den Wein verbieten will, kommt mir vor, wie der Schwur jenes Pinsels, nicht eher wieder ins Wasser zu gehen, als bis er schwimmen könne.«

»Ich kann in diesem Gedicht auch keinen sonderlichen Witz finden,« sagte Spelz, »und überhaupt seh' ich nicht ein, was der Witz mit diesen Dingen zu schaffen hat; das sind gelehrte Sachen, bei denen man weiter nichts denkt und über die man sich am allerwenigsten zu erbosen braucht.«

»Philister über dir, Simson!« entgegnete Cäruleüs, »ich glaube dir gern, daß du den Witz nicht dran begreifst, du begreifst auch den Ernst nicht, denn du hast keine Gesinnung, und deshalb wirst du dereinst ein Licht der Wissenschaft werden.«

»Ich habe jetzt nicht Zeit,« fügte Spelz, »dir auf deine abgedroschenen Anzüglichkeiten etwas zu erwidern, denn ich muß fort.«

»Wohin?« riefen alle:

»Nun, ins Kolleg, es ist Zeit.«

»Wer wird denn heute ins Kolleg gehen?« sagte Ostjäck.

»Ich!« erwiderte Spelz, »Müßiggehen hat seine Zeit, und Arbeiten hat auch seine Zeit; ich mag die Vorlesung nicht nachholen.«

»O laßt ihn gehn!« rief Cäruleus:

»Bedecke deinen Hörsaal, Spelz,
Mit Tintenfässern,
Und übe, dem Esel gleich,
Der Disteln frißt,
An –«

»Still,« fiel Ruwald ein, »still, Cäruleus! das ist unparlamentarisch. Du willst also in den Hörsaal, Spelz?«

»Ja, wenn du's erlaubst.«

»Nun gut, ich will dich mit einer kurzen Anrede entlassen. Deine Loyalität nimmt sich bei uns etwas seltsam aus, da du gar wohl weißt, daß der Grund unserer Kollegienversäumnisse etwas tiefer liegt als im gewöhnlichen Müßiggang und Schlaraffenleben. Weißt du nicht, daß man uns mit Auszeichnung die schlechte Gesellschaft nennt? Aber ich kenne dich, Spiegelberg, und werde nächstens Musterung halten. Du bist zu uns gekommen mit einem weltlichen Herzen und in der Absicht, zu deiner Karriere, da auch diese sich in unserer Zeit mit etwas Kultur umgeben muß, ein paar Phrasen aufzufangen, um gelegentlich, und besonders in Berlin, wohin du doch deine erste Geschäftsreise machen wirst, den schönen Geist spielen zu können. Wie bist du imstande, eine so fledermausartige Stellung in diesem Pantheon der schlechten Gesellschaft zu rechtfertigen?«

»Ihr habt heut alle einen Sparren zu viel,« sagte Spelz, indem er aufbrach.

Ruwald lieh ihn bis zur Türe gehen, dann rief er: »Spelz!«

Dieser wandte sich um und fragte: »Was gibts noch?«

»Spelz! Ich will dich in einer Zichorienfabrik unterbringen.«

»Du! der Witz ist gestohlen,« rief Spelz, indem er die Türe krachend hinter sich zuschlug.

»Tut nichts,« sagte Ruwald, »ich halte es für eine ärmliche Anmaßung, immer selbst produzieren zu wollen; man muß einem guten Einfall, er mag gefallen sein, wo er will, sein Recht und seine Ehre widerfahren lassen, man muß ihn aufbewahren und am passenden Orte zitieren. Und dazu ist man berechtigt, sobald man mit seinen eigenen nicht zu viel Aufhebens macht.«

»Ja,« sagte Cäruleus, »Ruwalds Sammlerfleiß verdient großes Lob.«

»Ich bin froh,« fiel Ostjäck ein, »daß du den Spelz so abgeführt hast; der Bursche war mir immer widerwärtig mit seinem absurdsarkastischen Gesicht, man merkte ihm an jedem Zuge an, daß er nicht zu uns gehörte. Du hast ganz recht gesagt, er kam nur, um einiges bei uns aufzufangen und abzugucken. Eigentlich sollte ich jetzt, um den unangenehmen Eindruck dieses Vorfalls zu verwischen, eine Rede kommandieren, und zwar über den Philister im allgemeinen, aber ich möchte keinen durch ein so ausgeschöpftes Thema in Verlegenheit bringen, denn was kann man von dem Philister in der Kürze andres sagen, als er sitze, wie es in dem tollen Liede heißt:

›Im Schatten kühler Denkungsart,
Wo Liebe sich mit Zwiebeln paart,‹

und zudem fürchte ich, wenn ich das Schwert jetzt aus der Hand gäbe, so möchte es sich im Lauf des Tages noch einmal wider mich kehren.«

Ruwald ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab und summte ein Lied vor sich hin, der Auftritt mit Spelz hatte ihn ein wenig verstimmt. »Seht einmal,« rief einer aus der Gesellschaft, »die ungeheuren Stelzen, auf denen unser Freund einherschreitet! Ist es nicht, als wollte er den Olymp stürmen?«

»Nein,« erwiderte Ruwald:

»Es sind zwei lange Pilgerstäbe,
Auf denen ich durchs Leben strebe.«

»Doch bin ich froh, wenn ich auf dieser Pilgerschaft zuweilen von einem süßen Feigenbaum einige Erfrischung holen kann.« – Mit diesen Worten faßte er die hübsche Kellnerin, die eben an ihm vorbeikam, unter dem Kinn und zwang ihr einen Kuß auf: dann wischte er sich den Mund und sprach pathetisch: »Solche Früchte, reif und süß, möchte man wohl an einem Tage genießen, den man unter die schönsten seines Lebens zu zählen sich für berechtigt halten dürfte.«

»Pfui, Ruwald,« rief Cäruleus, »ich sehe dich sträflich an!« Dieser Ausdruck zog ein großes Gelächter nach sich; er war der altern Gerichtssprache entnommen, in der es zuweilen heißt: ›und soll Inkulpat um ein Pfund Heller sträflich angesehen werden‹.

»Sei mir nicht prüde, Cäruleus!« entgegnete Ruwald, »du weißt, ohne Parodieren kann ich nicht leben, und ich behaupte, was keine Parodie aushält, ist auch nicht viel wert. Probiere an Goethe herum, so viel du willst: du kannst manchen hübschen Spaß mit ihm machen, aber keinen, wobei dem Original ein Leid geschähe. Die echte Pietät ist ein unbefangenes Kind, das seinen Vater im Mutwillen auch hie und da am Barte zu zupfen wagt.«

Paul, der die ganze Zeit über schweigend und nur als halber Zuhörer dagesessen hatte, schien wenig Vergnügen bei diesem Auftritt zu empfinden. Er schlug heftig an sein Glas und fragte, was er schuldig sei. Die geschmeidige Kellnerin, welche seine üble Laune der Eifersucht zuschrieb, schlüpfte lacertenartig zu ihm hinüber und blieb ihm, während er bezahlte, mit der gewinnendsten Freundlichkeit zur Seite. Eben wollte er sie, kalt und verächtlich abfertigen, da lief Ostjäck: »Ei seht doch! das hübsche Milchen läßt sich auch wieder am Fenster sehen!« – Ruwald lachte: »Wir sind eigentlich reiche Leute,« sagte er, »auch das schöne Kind da drüben lebt von uns, nämlich vom Ärger und der Mißbilligung unseres zügellosen Lebens.« – Paul warf das Geld auf den Tisch, stieß in der Eile ein paar Stühle um und war verschwunden.

»Exiit, excessit, evasit, erupit, echapsit,« sagte Ostjäck, indem er ihm verwundert nachblickte.

»Wer ist denn eigentlich der junge Mann?« fragte Ruwald, »und was tut er jeden Vormittag hier? Er ist mir schon einige Male aufgefallen.«

Keiner wußte Bescheid zu geben, bis Cäruleus versetzte: »Ich finde gar nichts Rätselhaftes in diesem bescheidenen Zuhörer. Solltet ihr wirklich nicht erraten können, warum wir so oft mit ihm zusammentreffen? Wir wollen ihn das nächste Mal einladen, zu uns zu sitzen.«

»Du glaubst also, er komme unsertwegen?« fragte Ruwald mit einem ruhigen Tone, hinter dem er seine Bosheit verbarg.

»Und warum denn nicht,« erwiderte Cäruleus naiv, »sind wir denn so gar uninteressante Leute –«

Das Gelächter seiner Freunde unterbrach ihn. »O Eitelkeit,« rief Ruwald, »dein Name ist Cäruleus! Dieser würdige Jüngling hier meint sich beständig von einer unsichtbaren Galerie umgeben, welche begierig sei, seine weisen Lehren, seine geistreichen Worte zu erhaschen, und wenn er zufällig an einem Wirtstische mit einem Fremden zusammentrifft, so glaubt er, dieser habe sich ausdrücklich seinetwegen aufgemacht, was dann dem Fremden sehr zugute kommt, weil sich unser Freund in allen erdenklichen Höflichkeiten gegen ihn überbietet.«

»Ich darf doch – ich habe –«

»Du hast deine Pflicht getan,«, fiel Ruwald ein, »du hast in deinem Berufe gearbeitet, und niemand soll dich darum schelten: bist du nicht der angestellte Privatdozent der Hypothesen und sonderbaren Vorstellungen? Du hast unsere Meinung von dir gerechtfertigt und uns eine sehr ergötzliche Hypothese zum besten gegeben. Ich möchte aber doch wissen, was eigentlich von der Sache zu halten wäre.« – Er rief der Kellnerin und fragte: »Mein schönes Kind, berichte mich, wer ist das junge Milchgesicht?«

»Er ist Schreiber beim Oberamtsgericht und studiert daneben den Jura –«

»Gut gegeben! Aber was tut denn der Kielhase täglich im Wirtshaus zu einer Zeit, wo sich nur Tag- und Nachtdiebe, wie unsereins, drin blicken lassen?«

»Raten Sie 'mal!« rief das Mädchen und hüpfte kichernd fort.

»Schon wieder eine Hypothese,« sagte Ostjäck, »die meint, er komme ihretwegen, das ist klar.«

»Aber nicht wahrscheinlich,« entgegnete Ruwald, »der Mensch fängt mir jetzt in der Tat interessant zu werden an, und da ich kein Geheimnis leiden kann, so beauftrage ich unseren Privatdozenten hier, das nächste Mal eine erkleckliche Hypothese über diesen Vormittagskunden, diesen unheimlichen Gast, oder wie ihr ihn heißen wollt, mitzubringen.«

»Da hätt' ich viel zu tun,« brummte Cäruleus verdrießlich, »laßt mich in Ruhe mit dem Burschen, was wird's denn weiter sein? Er hat einen schlechten Magen und will sich stärken, daß ihm der Fleiß nicht zu sehr schadet.«

»Wieder eine,« lachte Ruwald, »auf diese Art werden wir heute reich und können zuletzt noch einen Beitrag zu den neuesten Erklärungen der Apokalypse geben. Soviel übrigens die letzte Vermutung für sich hat, so reicht sie mir doch nicht ganz aus, denn ein gewisses Vorgefühl, das mich noch nie getäuscht hat, sagt mir, daß an dieser Erscheinung etwas Wundersames ist: es schwebt eine romantische Atmosphäre um dieses milchbärtige Gesicht.«

»Nun, da seh' einer zu,« rief Cäruleus und stieß ein schallendes Gelächter aus, »der hat Ursache, mich der Phantasterei zu bezichtigen! Gibt es einen traurigeren Aberglauben, einen krasseren Mystizismus, als wenn man einen Menschen romantisch finden will, der die personifizierte Brotwissenschaft ist?«

»Ich sehe auch nichts Romantisches an ihm,« sagte Ostjäck, »und begreife nicht, was Ruwald in dieser unschädlichen Physiognomie für Geister schauen will: ein alltägliches blondes Haar, höchst nichtssagende blaue Augen, eine zwar große, aber doch unbedeutende Nase, gedankenlose rote Backen –«

»Ein Mund,« fiel Cäruleus ein, »auf dem nichts geschrieben steht als drei und zwei ist fünfe und schaffet, daß ihr nicht durchs Examen fallet, mit Furcht und Zittern!«

»Es ist einer von denen,« rief ein anderer, »welche, wie Röthling zu sagen pflegte, in einer Schreibstube empfangen und an einem Posttage geboren sind.«

»Mit einem Wort,« sagte Cäruleus, »es ist der Universitätstypus. Ihre Zahl ist Legion, und ihnen ist's wohl. Das nimmt nun so gräßlich überhand, daß ich mit nächstem, um den Grimm loszuwerden, ein Epos verfertigen will, dessen Held der aus dem Virgil rühmlichst bekannte Labor improbus sein soll.«

»Der Labor improbus!« rief Ostjäck, »da war' ich doch begierig, was du mit dem anfangen würdest. Ist's denn eine Person?«

»Freilich, aber das ganze Epos geht darauf hinaus, zu beweisen, daß er keine ist.«

»Das läßt sich hören,« sagte Ruwald, »du machst mich begierig, teil' uns von seinem Leben, Taten und Sterben etwas mit.«

»Die erste Stanze ist schon geschrieben,« hub Cäruleus an, »sie lautet folgendermaßen:

›Als Gott der Herr, den Menschenklotz beseelend,
Sogleich prädestinierend sich erwies,
Den einen Teil der Seelen in das Elend,
In schwarze Nacht und ew'ge Qualen stieß,
Den anderen zum pour le mérite erwählend,
Zu einem Freibillett ins Paradies,
Hat in Adamii lumbis schon gegoren
Der Keim, aus welchem unser Held geboren.‹

»Seine Entstehung ist jedoch mythisch, von seinem Vater und seiner Mutter weiß man nichts, man vermutet, er habe gar keine Eltern gehabt, und unter verschiedenen Sagen ist diejenige die wahrscheinlichste, welche angibt, daß er, um das Licht der Welt zu erblicken, habe nachgedruckt werden müssen. Dann kommt er in eine Homuncun1us-Fabrik. Aus dieser geht er, als Mensch gestaltet, hervor. Des Verlassenen, Heimatlosen, nimmt sich der alte Nicolai an, weil er ihn für einen sehr hoffnungsvollen jungen Menschen erkennt. An seinem Tauftage, denn, wie gesagt, einen Geburtstag hat er nicht, errichtet Nicolai, wie man sonst bei solchen Gelegenheiten Bäume zu pflanzen pflegt, die allgemeine deutsche Bibliothek.

›Vorahnend in der Taufe heiligem Guß
Ward er geheißen Labor improbus.‹

»Wie er größer wird, tut ihn Nicolai in die Schule zu seinem vertrauten Freunde, dem Präzeptor Erbsenschrot, der wegen seiner pädagogischen Gewandtheit weit und breit berühmt ist. Aber keine Doktrin will bei ihm anschlagen, er ist und bleibt ein papierener Wisch. Nachdem sich der Lehrer alle erdenkliche Mühe vergebens mit ihm gegeben hat, gerät er auf den Gedanken, den Nürnberger Trichter anzuschaffen. Hier nun tritt die Maschinerie der oberen und unteren Welt ins Spiel, die Theo- und Dämonophanien beginnen. Nämlich bei der Prädestination, war der Labor improbus ein für allemal unter die Verworfenen, Thedel aber, der Sohn des Präzeptors Erbsenschrot, ein junges Genie, unter die Erwählten geschrieben worden. Deswegen bietet der Himmel allem auf, den Präzeptor Erbsenschrot vom Nürnberger Trichter ferne zu halten, während die Hölle sich auf des Präzeptors Seite schlägt, weil sie dem Himmel einen Possen spielen und zugleich statt des papierenen Helden den jungen Thedel, der einige Neigung zum Leichtsinn verrät, als einen lustigen Kumpan zu gewinnen wünscht. Es entspinnt sich daher ein großer Kampf um die Stadt Nürnberg, wie einst um Troja, und Erbsenschrot, der ganz unbefangen daselbst angekommen ist, um die Sache wie ein anderes Geschäft abzumachen, findet zu seinem großen Erstaunen seine harmlosen Wege von Engeln und Teufeln durchkreuzt. Auch der Nürnberger Senat ist unter seinen Gegnern: ein altes Orakel nämlich knüpft das Heil der Stadt an das Dasein des Trichters, und der Senat hat weislich beschlossen, um aller Gefahr vorzubeugen, sogar die Existenz des Talismans zu verhehlen. Dies ist jedoch nicht gelungen: Märchen, die kleine Schwätzerin, hat etwas von der Sache ausgebracht, und man munkelt im Volk allerlei von dem seltsamen Zauberschatz, Erbsenschrot begehrt in einer feierlichen Rede (ich werde bei dieser Gelegenheit lateinische Stanzen schreiben) den Trichter auf dem Rathause und verspricht ein bedeutendes Mietgeld und ehrliche Zurückgabe, erhält aber die lachende Antwort, man wisse nichts von einem solchen Trichter und sei derselbe ein abgeschmacktes Märchen, das heutzutage kein Vernünftiger mehr glaube. Präzeptor Erbsenschrot ist ein zu aufgeklärter Mann, als daß er sich durch diese Finte hinters Licht führen ließe, und beschließt nun, des Kleinods durch List habhaft zu werden, weiß aber nicht wie. In dieser Not erscheint ihm der Teufel unverhohlen, hat zuerst große Mühe, ihm seine Realität zu demonstrieren, und erbietet sich ihm sodann zum Bundesgenossen, unter der Bedingung, daß er ihm seinen Sohn Thedel verschreibe. Präzeptor Erbsenschrot ist sehr geneigt hierzu, weil er Thedel im Verdachte hat, nicht sein leiblicher Sohn zu sein. Diesen Argwohn benützt Satan sogleich und beschwört einen verstorbenen Leutnant aus der Hölle, welcher den Präzeptor versichert, Thedel sei sein, des Leutnants, Kind und rühre von einem Durchmarsch in den Kriegsjahren her. Der erbitterte Erbsenschrot geht unverzüglich den Kontrakt ein, und sie beginnen ihre Operationen. Augustinus aber, dessen Ehre hier am meisten auf dem Spiele steht, versammelt sogleich den ganzen Himmel und verkündet, das doppelte Prinzip der Prädestination sei gefährdet. Einige der Himmlischen sind nicht gut auf Thedel zu sprechen, er habe, heißt es, unverkennbare Anlagen zur Liederlichkeit, aber Augustin versichert, dies sei die Eigenschaft jedes Genies, und liest ihnen seine Konfessionen vor, mit deren Übersetzung ich einen Gesang anfüllen würde. Hierauf werden die himmlischen Maßregeln beschlossen. Die Stadt Nürnberg bewahrt seit uralter Zeit ihren Trichter im Ratskeller, wo er hinter einem leeren Fasse hängt und einem alten Küper, dessen Haupteigenschaften Wachsamkeit und Mäßigkeit sein müssen, anvertraut ist. Dem gegenwärtigen Würdenträger dieser Dynastie – Schmalhans ist sein Name – gesellt nun der Himmel den großen Christoph als Amtsgenossen bei und unterrichtet zugleich den Stadtrat von der drohenden Gefahr. Luzifer aber, der Gott der Hitze, des Durstes und der weinglühenden Nasen, facht in Schmalhansens Leber eine unauslöschliche Flamme an: da derselbe kein Wasser trinken mag, zieht er die edlen Ratsweine ins Gespräch, wobei ihm der große Christoph, ein guter Gesell, aus Leibeskräften behilflich ist. So schlafen sie einsmals beide ein, die höllischen Spione tun es kund, und ein heller Haufen von Teufeln schleicht herein. Schon hat einer seinen langen Schweif durch das Öhr des Trichters gesteckt, um ihn herunterzuschnellen, da erwacht der große Christoph von dem höllischen Gerüche, reibt sich die Augen aus, schüttelt den Dusel ab, tritt dem Diebe den Schwanz vom Leib und jagt die anderen in die Flucht. Hierauf beschließt der Himmel und der Stadtrat in gemeinschaftlicher Sitzung, die beiden Wächter abzusetzen; der Stadtrat vertraut den Talisman der Tochter des alten Küpers, einem jungen Mädchen von großer Klugheit, und der Himmel gibt ihr seinerseits einen jungen Engel bei. Eins von beiden muß immer auf dem großen Fasse sitzen, hinter welchem der Trichter hängt. So geht es lange vortrefflich fort, und Präzeptor Erbsenschrot will verzweifeln, bis endlich Asmodi der Küperstochter ihr Andachtsbüchlein entwendet und die Stunden der Andacht, mit Claurens Mimili durchschossen, dafür unterschiebt. Diese liest sie nun gemeinschaftlich mit dem Engel, sie saugen das Gift ein, und leider ist keine verriegelte Türe dazwischen, um das Unglück abzuwenden. Zu spät werden sie von ihrem Gewissen aufgeschreckt und finden den Trichter nicht mehr. Die beiden armen Sünder werden exemplarisch bestraft, und Präzeptor Erbsenschrot zieht triumphierend mit dem Trichter davon. Jetzt fängt der Held zu lernen an, er kapiert zwar langsam, aber was er kapiert, behält er fest, während Thedel mit einer reißenden Schnelligkeit lernt, um mit keiner kleineren alles wieder zu vergessen. Die Hölle macht jetzt ihre Rechte auf den Unglücklichen geltend, sie spielt ihm den Eulenspiegel und den Falstaff in die Hände: diese Bücher wandeln ihn plötzlich um, er wird ein Humorist, und sein Unglück ist entschieden. Sein Vater enterbt ihn und adoptiert den Improbus. Thedel geht, von einem alten General unterstützt, auf die Universität, auch Improbus wird darauf vorbereitet, Nicolai und Erbsenschrot arbeiten unausgesetzt an seiner Bildung, so daß sie ihn bald mit Stolz zum Studenten der Philosophie machen können. Augustin ist in Verzweiflung, er weckt die gewaltigsten Geister, die sublimsten Gedanken wachsen aus dem Boden, und schon glaubt er unübersteigliche Schranken aufgerichtet zu haben, aber seine Feinde treiben eine Menge von Hähnen, Hühnern, Gänsen und Enten auf den Kampfplatz, welche die junge Gedankensaat aufpicken und gehörig verdaut wieder von sich geben; unser Held haut den glücklichen Instinkt, sich dieses Niederschlags zu bemächtigen und somit den ganzen Reichtum in sein Bewußtsein aufzunehmen. Thedel, mit dem er auf der Universität wieder zusammentrifft, wird überall von ihm ausgestochen, Improbus weiß über alles mitzusprechen, und immer mit mehr Zusammenhang, mit größerer Klarheit. Von da an entbrennt ein tödlicher Haß zwischen den beiden Brüdern. Augustin wendet seinen ganzen Grimm gegen Nicolai und schickt ihm die Frankfurter Jugend, später die Genien und die romantische Komödie auf den Hals, aber vergebens, die Wunden sind nicht tödlich und haben, wie bei gewissen Pflanzen, nur ein desto wuchernderes Wachstum zur Folge. Die allgemeine deutsche Bibliothek schwillt riesenmäßig an. Improbus geht, aus enzyklopädischem Perfektionstrieb, sowie Thedel aus Unzufriedenheit, durch alle Fakultäten durch und erringt überall die Palme. Ich kann dies nur andeuten, das Epos muß natürlich hier sehr ausführlich werden. In der Theologie hat er erstaunlichen Sukzeß, die Pietisten, welche mit großer Tapferkeit gegen ihn kämpfen, versöhnt er durch eine Dissertation über die Unzulänglichkeit der menschlichen Vernunft. Thedel ist indes immer unzufriedener und zuletzt ein Demagoge geworden, bei den landständischen Wahlen findet er in seinem Stiefbruder seinen Nebenbuhler. Es entsteht ein hartnäckiger Kampf, die Stimmen sind geteilt, es ist eine ungeheure Aufregung im Volke. Obere und untere Gottheiten mischen sich in Masse darein, wie beim Nürnberger Kriege, zuletzt aber gewinnt die Hölle wieder den Sieg, indem sie bei der Virilabstimmung der Schneiderzunft einen verkappten Bock einschwärzt und hierdurch eine Stimme mehr erhält. Thedel erfährt dies durch Augustin und, macht es öffentlich bekannt, wird aber als Verleumder, Ehrabschneider und Demagog aus die Festung gesetzt. Augustin zieht sich von den Begebenheiten zurück. Improbus nimmt nun seinen Sitz auf dem Landtag ein und stimmt immer mit dem besten Gewissen und aus innigster Überzeugung, aber die Oppositionsjournale spielen ihm arg mit, sie behandeln ihn bloß als ein Abstraktum und nennen ihn die konstitutionelle Illusion. Beim Schlusse des Landtags wird ihm wegen seiner patriotischen Verdienste eine mühsame, aber ehrenvolle Richterstelle auf der Grenze des Reichs erteilt, wo er seinen Bruder wiederfindet und die Katastrophe dieser Feindschaft eintritt. Thedel nämlich ist indessen von der Festung entflohen und hat sich, mit der Menschheit zerfallen, gereizt durch ›der Zeiten Spott und Geißel, des Mächt'gen Druck, den Übermut der Ämter‹, an die Spitze einer Schar von Gleichgesinnten gestellt, die in diesen Grenzgebirgen haust. Hier werde ich eine wehmütige Episode einflechten: Thedel hat seine Geliebte, Perdita, mitgebracht, und es gibt ein tragischidyllisches Bild, wie das Reinmenschliche, aus den Städten und Wohnungen der Menschen vertrieben, in diesen Waldklüften verborgen blüht. – Der Held leistet in der Verfolgung der Geächteten das Unmögliche: da er die Bedürfnisse gewöhnlicher Menschen nicht kennt und sich Schlaf und Nahrung abbrechen kann, so jagt er Tag und Nacht in den Bergen und hetzt seine Feinde wie wilde Tiere. Diese aber bestehen ihn aufs mannhafteste, alle seine Bemühungen sind fruchtlos, bis er endlich zur List seine Zuflucht nimmt. Ein Abkömmling eines Ablegers der allgemeinen deutschen Bibliothek schleicht sich bei dem Hauptmann ein, gewinnt sein ganzes Vertrauen und verrät ihn im entscheidenden Augenblick. Die Geächteten müssen ihren letzten Schlupfwinkel verteidigen. Perdita stirbt im Gefecht, und Thedel wird gefangen. Improbus führt einen unsterblichen Kriminal-Prozeß, worin Thedel zum Tode verurteilt wird. Er gibt sich ruhig in sein Schicksal, aber der Henker bekommt einen solchen Respekt vor ihm, daß er sich unfähig zur Vollstreckung des Urteils erklärt. Da wirft sich der Held den roten Mantel um, bindet eine Maske vor und übernimmt im Pflicht- und Amtseifer, wie der Henker Karls des Ersten, selbst das Amt des Nachrichters. Nach Thedels Tode bricht die Rache herein. Ein kleine Schar, die bei Thedels Niederlage entronnen ist, überfällt den Helden bei Nacht und spricht ihm sein Urteil, aber die Todesart setzt sie in große Verlegenheit: sie stechen ihn, sie hauen ihn, sie sieden ihn, sie braten ihn, es hilft alles nichts, er bleibt ganz und spottet ihrer vergeblichen Versuche. Nun erscheint Thedels Geist, belehrt sie, daß, er kein eigentliches Individuum sei, und gibt ihnen die nötigen Mittel zu seiner Vernichtung an. Zuerst gebietet er ihnen, Glaubersalz zu sich zu nehmen, und ist sehr geschäftig, solches in hinreichender Quantität herbeizuschaffen.

›Denn in dem Salz von Glauber,
Sprach Thedels Geist, da steckt der ganze Zauber.‹

Sie bedienen sich der Arznei, und so wie sie die Wirkung derselben verspüren, reißen sie ihren Feind in Fetzen und gebrauchen ihn, wie man Makulatur zu gebrauchen pflegt. Hiermit ist jede Spur unseres Helden von der Erde vertilgt, nun aber beginnt seine Apotheose. Das Prinzip der Prädestination ist überwältigt, er hat alle göttlichen und menschlichen Gesetze erfüllt, und die Gerechtigkeit kann ihm den Platz im Himmel nicht vorenthalten. Es gibt zwar starke Debatten, und Augustinus hält eine Zornrede, welche er beschließt:

›Ja, wär's für einen Kirchenvater schicklich,
Zur Hölle reist' ich nieder augenblicklich!‹

aber sein Grimm ist vergeblich, unser Held hat gesiegt und den Himmel aller Fügung zuwider mit stürmender Hand erobert. Was kümmert es ihn, daß sich die ganze Himmelsbürgerschaft von ihm zurückzieht! Die Erzväter, wenn sie ihm begegnen, spucken in ihre langen Bärte, am himmlischen Mahle darf er nicht unmittelbar teilnehmen, sondern muß in einer Ecke des Saals an einem sogenannten Katzentischchen sitzen, dort aber sitzt er mit stillem Selbstgefühl, seines Triumphes sich bewußt! – Thedel ist indes in die Hölle gekommen, an deren Pforte er mit festlichem Jubel empfangen wird. Mephistopheles kommt ihm entgegen und führt ihn an einen Tisch, wo Faust und Hamlet präsidieren, Falstaff führt die Unterhaltung, woran Thedel, neben Perdita sitzend, vergnüglich Anteil nimmt, Shakespeare, der im Himmel unbeschränkte poetische Licenz genießt, kommt zuweilen an einem Feiertag herunter und tut sich gütlich in dem lustigen Kreis.«

Cäruleus schwieg. Die Gesellschaft äußerte eine schüchterne Teilnahme, und Ruwald sprach: »Das Ding ist eigentlich ›inkommensurabel‹ und ich kann dir im Augenblick nichts darüber sagen, nur befürchte ich, du werdest übel damit ankommen, denn man wird etwas vom Giovine darin finden wollen, und es läutet ja immer noch von Zeit zu Zeit die alte Türkenglocke gegen das junge Deutschland.«

Ostjäck sagte: »Das gibt ja eine Epopöe in aller Form Rechtens, ganz auf die antike Art zugeschnitten, mit Göttern und Heroen bevölkert und noch obendrein mit Teufeln bereichert; du kannst, wie Homer, zwei große Abteilungen daraus machen und die erste, den nürnbergischen Krieg, die Ilias, und die andere die Odyssee nennen.«

»Es ist mir aber nicht bange um dich,« fuhr Ruwald fort, »denn ich bin fest überzeugt, du hast nicht den Mut und Fleiß, dich an eine so langwierige Arbeit zu machen.«

Cäruleus ärgerte sich insgeheim sehr über diese Äußerung, überhaupt bemerken mir, daß die beiden Freunde immer leise gegen einander im Harnisch sind; woher dies kommt, wüßten wir nicht zu sagen, vielleicht vom gegenseitigen Rezensieren, was freilich immer ein Übelstand bleibt; übrigens können wir versichern, daß es nur eine vorübergehende Stimmung ist und nicht tief geht.

»Auch ist es mir in gewissem Betrachte lieb,« sprach Ruwald weiter, »wenn dein Plan nicht zur Ausführung kommt, denn wo du deinen Helden die Universität beziehen und die Fakultäten durchwandern lässest, da würde ich auf sehr bedenkliche Stellen, auf eine große Menge verhaltener Parlamentsreden zu stoßen fürchten.«

»Was hast du denn nur mit den Universitäten?« rief Cäruleus bitter, »willst du denn, ich soll einen Hymnus auf sie schreiben?«

»Nein, das verlang' ich nicht, aber was ich verlange, ist, daß du deinen tödlichen Haß aufgeben sollst. Ich leugne ja nicht die Mangelhaftigkeit, aber sie ist in allen menschlichen Einrichtungen zu finden, und hier bedrängt sie dich nur deswegen am meisten, weil du sie am nächsten hast. Du findest auf den Universitäten doch noch das echteste Leben –«

»Schönes Leben, ja!«

»Du mußt auch den indirekten Nutzen berechnen: du bist hergekommen, um zu lernen, und hast leben gelernt. Was hättest du denn in dem Landstädtchen, wo du geboren bist, für Gesellschaft gefunden? Mein Sohn, das sage mir!«

»O!« fiel Ostjäck ein.

»In jedem Lande,« fuhr Ruwald fort, »ist die Universität das Haupt des intellektuellen Leibes –«

»Ja, das caput mortuum!« rief Cäruleus. »Geh, sei mir stille von den Universitäten, ich will nichts davon hören, ihre Uhr hat ausgeschlagen, sie sind rotten boroughs. Wenn irgendwo noch ein Leben zu hoffen ist, so ist es in der Literatur, von welcher, glaub' ich, die Universitäten ausgegangen find und in die sie wieder übergehen müssen.«

»Die Literatur! das geht mir durch Mark und Bein, ich höre sie schon kratzen und schrillen, die tausend und abertausend Federn; ich zweifle, ob meine Nerven das aushalten würden.«

»Man klagt, es werde zu viel geschrieben. Im Gegenteil, es muß noch zwanzigmal mehr geschrieben werden, wenn's recht werden soll. Fünfzehnjährige Knaben sollen schreiben und überhaupt, wer einen Gedanken im Kopfe hat! Begreiflich wird dann niemand Meisterstücke von ihnen verlangen, sondern es sollen Übungen sein, sie sollen ihre Bildung durch's Schreiben und durch Zurechtweisung erlangen. Die Typographie beginnt sich in Schönheit und Schnelligkeit so sehr zu vervollkommnen, daß bald niemand mehr etwas Geschriebenes lesen wollen und der Setzer allein zu diesem Unglück verdammt sein wird. Der ganze Unterschied ist dann der, daß die Schüler ihre Aufsätze den Lehrern gedruckt überreichen.«

»Und die Kritiker sollen Schulmeister oder die Schulmeister Kritiker werden?«

»Ganz recht! Zum Teil ist's auch schon der Fall –«

»O weh! das gäbe einen polnischen Reichstag, da würde jeder Schulmeister und keiner Schüler sein wollen, das gäbe ein Geschrei, ein Beißen, ein Kratzen –«

»Lieber Freund, sieh dich um: du beschreibst keine Zukunft, so ist es bereits. Wenn aber die Sache in die gehörige Richtung gebracht würde, so kämen die Rechten bald, welche die Anstalt zu Ehren bringen würden. Ich weiß Leute, die sehr gut schreiben könnten, und keine Feder anrühren, Locken wir diese aus ihrem Versteck hervor und machen sie, wie den Cincinnatus, zu Diktatoren! – Auf diese Art bekämen wir wieder ein Universitätsleben, und zwar ein öffentliches, wie es auch zu Anfang war. Unbrauchbare Köpfe, deren so viele auf die Universitäten geschickt werden, weil sie Geld haben, würden sich bald zurückziehen, und wenn einmal einem unrecht geschähe, so würde darum die Welt nicht untergehen: tut doch auch der beste Lehrer oft unrecht, und die Öffentlichkeit des Verfahrens würde das Unrecht sehr beschränken. Den einzigen Nutzen, den wir von der Universität haben, die materielle Beförderung unseres Zusammentreffens würden wir auch nicht entbehrt haben: in der Literatur kennt sich bald heraus, was zusammentaugt. Und dann versteht sich von selbst, daß ich auch ein örtliches Beisammensein postuliere: der Betrieb, die Unterhandlung ruft die Beteiligten zusammen, die Hörsäle bevölkern sich mit Druckerpressen, es bilden sich geistige Landsmannschaften, und das Publikum bezahlt der Jugend durch den Buchhandel ihre Studierkosten, das ist recht und billig.«

»So spricht das Recht und das Gesetz Venedigs!« rief Ruwald unter lautem Gelächter der Gesellschaft über den Ernst und die Heftigkeit, womit Cäruleus seine ideale Republik geweissagt hatte. Natürlich erlitt er großen Widerspruch und geriet mit Ruwald in eine hitzige Disputation, worin beide eine Eigenschaft, die ihnen gemeinsam war, zur Belustigung der anderen entwickelten. Sie hatten nämlich die Untugend des Tabakschnupfens sich angewöhnt, der sie hinter dem Weinglase mehr als sonst irgendwo zur Beute wurden. Man konnte darauf zählen, daß, wenn ihre Köpfe sich etwas erwärmten, die Dosen in immer lebhaftere Bewegung gerieten, und dann folgten sich in immer kürzeren Zwischenräumen gewisse Explosionen, womit sie einzelne Körner des Tabaks, die ihnen zu tief in die Nase gekommen waren, wieder hervorzustoßen suchten, und welche ich, um bezeichnend zu sein, nicht anders als mit dem Worte Knuxen benennen kann. So sitzen sie sich denn mit Feuerblicken gegenüber, zwischen ihnen liegt die intellektuelle Frage des Jahrhunderts, diese kneten sie im heftigsten Streite hin und her und trinken, schnupfen und knuxen ohne Unterlaß. Wir wollen uns die Gruppe noch einmal ansehen und dann den Vorhang drüberfallen lassen. – So. –

Einige Tage nach diesen Begebenheiten wurde das Maienfest gehalten. Eine lange Allee, die sich, durch den Fluß von ihr getrennt, neben der Universitätsstadt hinzog, war mit Tischen und Bänken besetzt, in deren Mitte ein blumenbekränzter Altar stand. An diesem predigte ein Geistlicher den Kindern und Erwachsenen von der Güte des Herrn und der »ernstheiteren Bedeutung« dieses Tages, nicht ohne vielen Schweiß zu vergießen, denn die Sonne schien mit voller Kraft auf die Versammlung herab. Sodann trug ein junger Lehrer ein Gedicht vor, das er auf dieses Fest verfaßt hatte, und als dies vorüber war, zogen die Kinder unter Anführung der Lehrer, die Knaben bunt, die Mädchen weiß gekleidet, alle mit Blumenkränzen geschmückt und Maienlieder singend, an eine große Tafel, wo sie mit einem eigentümlichen Gebäck aus aufgequollenem Butterteige gespeist wurden. Auch die Erwachsenen ließen sich nieder, man packte die mitgebrachten Kuchen und Weinflaschen aus und bewirtete sich gegenseitig. Bald erhob sich ein gemischtes Geräusch: an der langen Tafel jauchzten die Kinder; hier saßen an einem Tische zwei Kaufleute und unterhielten sich über die Korn- und Weinpreise, nachdem sie einander vertraut hatten, es sei heute ein hübscher Tag, dort belehrte ein Professor einen Privatdozenten über die Irrtümer einer gegen ihn erschienenen Rezension, deren Verfasser insgeheim eben jener Privatdozent wär; an einem anderen Tische saß eine Gesellschaft von Frauen, ein junger Referendar unterhielt sie, und sie brachen von Zeit zu Zeit in ein lustiges Gelächter aus. Daneben stand ein Tisch mit Studenten, welche aus ihren ungeheuren Biergläsern einander tapfer zutranken und durch ihre Trinklieder oft alles andere Geräusch übertäubten. Hinter ihnen hielt ein Bierwirt mit einem Wagen voll Fässer; Kellner und Kellnerinnen rannten mit großem Getöse durcheinander.

Paul ging nachdenklich die Allee entlang, seine Blicke schweiften unstet über die bunte Verwirrung hin: eine tiefe Röte bedeckte seine Wangen, als er Emilien bei den beiden Kaufleuten erblickte, welche über die Korn- und Weinpreise sprachen, und von denen der eine ihr Vater war. Jetzt wurde sie ihn ebenfalls gewahr, ihr hübsches Gesicht nahm einen höchst verwerfenden Ausdruck an, und sie wandte sich mit einer schnellen Frage zu ihrem Vater.

In diesem Augenblicke kam die Gesellschaft vorbei, die sich die schlechte nannte; sie schlenderten Arm in Arm umher, um sich an dieser »Borjerfreide«, wie Ruwald das Fest betitelte, zu belustigen. »Das summt wie eine Schachtel Maienkäfer«, sagte Ostjäck. »Ach«, seufzte Ruwald, indem er auf die Kleinen blickte, welche hier allein noch ein wiewohl ebenfalls schwaches Talent zum Lebensgenusse blicken ließen:

›Es beugt der Schmerz des Lebens
Die Balken auf dem Dach.‹

Cäruleus kam spionierend hintendrein, er hatte das Mienenspiel der beiden guten Kinder entdeckt, lächelte pfiffig, versuchte seinen kleinen Schnurrbart zu drehen, was ihm jedoch nicht gelang, und folgte den anderen.

Paul ging trübselig nach Hause und verbrachte eine unruhige Nacht. Am anderen Morgen, als die gewohnte Stunde herangekommen war, bestand er einen schweren Kampf: sein Verstand suchte ihn vom Besuch des Wirtshauses abzuhalten, denn er hatte deutlich in Emiliens Augen gelesen, aber sein Herz zog ihn unwiderstehlich hin. Auch befürchtete er, die schlechte Gesellschaft dort zu finden, und wäre namentlich mit Cäruleus ungern zusammengetroffen, denn die Liebe schärft das Gesicht und macht, daß man nach entgegengesetzten Seiten zugleich hinsehen kann: so war denn unser junger Freund sich deutlich bewußt, nicht mehr allein im Besitze seines Geheimnisses zu sein; aber die Liebe macht auch blind – er vergaß alle diese Hindernisse, er bedachte nicht, daß der Rest, den er in seinen Kollegien machte, immer höher anwuchs, er erwog nicht, daß seine Geldkasse, die ihm der strenge Vater nicht übermäßig gefüllt hatte, infolge seiner unrechtmäßigen Ausgaben immer schwindsüchtiger wurde, die Liebe, diese »Sonne des Gemüts«, wie Doktor Drudenfuß sie in einer seiner Vorlesungen benannte, hatte dem unter ihrem Äquator Befindlichen die Sehkraft völlig versengt, und er stürzte sich ins Wirtshaus auf Leben und Sterben.

Seine Ahnung trog ihn nicht: die schlechte Gesellschaft war in pleno beisammen, sie hatte gestern das Rad auf eine Weise stehen lassen, daß es sich heute von selbst wieder in Bewegung setzte. Eben als Paul eintrat, sangen sie das großartigste aller Trinklieder, das klassische Mihi est propositum, von Gualterus de Mapes. Ruwald bemerkte den Eintretenden sogleich und flüsterte zu Cäruleus: »Wie steht's mit der Hypothese?« – »Wird sich produzieren, wenn's an der Zeit ist,« warf dieser hin, sehr ärgerlich, daß er im Singen unterbrochen worden war. Gegen den Schluß des Liedes erheitert sich sein Gesicht wieder, ich sehe ihm an, er will eine Rede über dasselbe halten, das soll er mir aber nicht, denn ich kann es nicht leiden, wenn einer, dem die letzte Note eines Liedes noch in der Kehle schwirrt, schon wieder ansetzt, um darüber zu predigen, und überdies muß ich gestehen, daß ich bei der Redseligkeit dieser Leute einen gewissen Neid empfinde; es ist mir zumute, als säße ich auch unter ihnen, aber sie ließen mich nicht zu Worte kommen und ich hätte weiter nichts als das verdrießliche Geschäft, nachher hinzusitzen und ihre Einfälle aufs Papier zu bringen. Es geht mir wie dem wackeren Schmelzle, der sich in der Kirche immer gedrungen fühlte, gegen die Kanzel hinaufzurufen: »Herr Pfarrer, ich bin auch da!« Ich falle also dem Redner, der bereits den Mund offen hat, ins Wort und nehme seinen Gegenstand frischweg für mich in Beschlag. Ich habe das Lied Mihi est propositum ein klassisches genannt, und es verdient diesen Namen nicht bloß wegen der Ausdrücke Bacchus, Phoebus, Praesul, Naso, sondern überhaupt wegen der antiken Weltanschauung, von welcher es durchdrungen ist. Es ruht noch ganz auf der einfachen Unmittelbarkeit des Glaubens, es hat keine Spur von Wissen, Reflexion, Zerrissenheit. Nicht als ob ihm die Idee fehlte, aber sie ist als einfache Überzeugung, als unmittelbare Maxime ausgesprochen: dieser Grundgedanke ist nämlich der, daß alles menschliche Denken und Dichten nicht ohne den Wein bestehen könne, vielmehr nur aus ihm hervorgehe, wie die markigen Worte besagen:

›Poculis accendutur
Animi luserna.‹

Nur im Grunde voller Becher, meint der treffliche Mönch Gualterus, ruhe die Poesie: wenn ihm der Wein zu Kopfe steige, so reiche der größte Dichter nicht mehr an ihn:

Quum in arce cerebri
Bacchus dominatur,
In me Phoebus irruit
Ac miranda fatur!

Nihil valet penitus,
Quod jejunus scribo:
Naso, te post calices
Carmine praeibo!

Diese Idee fehlt zwar auch der modernen Weltanschauung nicht, und ich kenne einen Poeten, der mir einst eine große Wirtsrechnung mit Goethes Worten vorwies: »Ich, ich habe, wie schwer! meine Gedichte bezahlt.« Aber einerseits wird dieser Gedanke nicht so fundamental ausgesprochen, andererseits unterliegt er der Unwahrheit, denn in Berlin sind schon trunkene Weinlieder hinter einem Glase Wasser verfertigt worden, und die Kritik mag sagen, was sie will, ein guter Weinkenner wird es diesen Liedern, so schön sie auch sein mögen, anmerken: sie funkeln wohl, aber sie haben keinen Duft, keine Blume. – Durch wie viele Vorstellungen und Reflexionen muß ein neuerer Weindichter hindurchgehen, bis er bei einem erklecklichen Satze stehen bleiben kann! Aber, unser Gualterus sagt seine Philosophie nur so unbefangen hin, als ob er gar nicht darüber nachgedacht hätte: Kopfbrechen hat ihm sein Lied gewiß keines gekostet, trotz der vollendeten Form. Manche neuere Weindichter polemisieren ein langes und breites gegen das Wasser, einer sogar, den ich für einen heimlichen Mystiker halte, sucht den Grund der jedem echten Trinker gebührenden Wasserscheu darin, daß die Welt unmittelbar vor der Erfindung des Weinbaues durch Wasser untergegangen sei:

Dieweil darin ersäufet sind
All sündhaft Vieh und Menschenkind.

Unser Dichter fühlt diesen Gegensatz ebenfalls, aber nur wieder unter der Form der Unmittelbarkeit: es kommt ihm nicht bei, darüber zu sinnen und zu grübeln, er versichert uns arglos und freundlich, ihm behage der Wein in der Taberne besser als der, den des Präsuls Schenke mit Wasser gemischt habe. Punktum! Große Seele! – Er hat nur einen Gedanken, den er mit aller Feierlichkeit des Glaubens ausspricht, nur eine Leidenschaft beseelt ihn, die sich nach ihren verschiedenen Seiten als Lieb' und Haß manifestiert, als Liebe bis in den Tod:

›Vinum sit, appositum
Morentis ori!‹

und als Haß bis in den Tod:

›Sitim et jejunium
Odi tanquam funus!‹

Aber bei all dieser Glaubenskraft, welche Toleranz, welche Liberalität! Er trägt es anderen nicht nach, wenn sie nüchtern dichten können, er begnügt sich zu sagen:

›Suum cuique proprium
Dat Natura munus.‹

Und der Verfasser war ein Mönch! während ein neuerer protestantischer Dichter in seiner Unduldsamkeit den Wassertrinker mit Fröschen, Kröten, Drachen, ja mit der ganzen Würmerschaft identifiziert. – Daß unser Dichter gelegentlich auch das Essen besingt, diesen kindlichen Realismus darf man ihm nicht verargen. Seine Poesie fragt nichts darnach, was vornehm oder geringe sei. Ich führe zuletzt noch einen Zug an, der den Kontrast seines Denkens gegen die moderne zerrissene Weltanschauung aufs deutlichste hervorhebt. Einer aus der Gesellschaft, in deren Mitte wir uns befinden, hat geträumt, er werde zur Strafe für sein lästerliches Trinken von Teufeln gepeinigt: aber wie lautet die Lehre von den letzten Dingen bei dem fröhlichen Gualterus? Er will in der Schenke, beim Wein oder, wie Bürger es etwas grob gegeben hat, vor dem Japsen sterben, Engelchöre umschweben den verscheidenden Trinker und enden, während er sein brechendes Auge gen Himmel schlägt, mit der seliglächelnden Ironie:

›Deus sit propitus
Huic potatori‹

Wegen dieser unzerstörbaren Gläubigkeit könnte man sein Gedicht vorzugsweise auch das geistliche unter den Trinkliedern nennen: überdies war ja dieser frommste aller Trinker ein Mönch, und auch die Melodie drückt dem Liebe den geistlichen Charakter auf, sie ist ein feierlicher Choral

Die Gesellschaft teilte diese Ansicht, ging aber nichtsdestoweniger von diesem Lied der Lieder sogleich zu anderen fort, die sie ebenfalls in Affektion genommen hatte. Da wurde gesungen »Der liebste Buhle, den ich han«, »Auf grünen Bergen wird geboren«, »Wir sind nicht mehr am ersten Glas« und noch andere mehr. Als diese Lieblingslieder erschöpft waren, beklagte sich einer darüber, daß jetzt so selten ein gutes Trinklied gedichtet werde; die anderen fielen ihm bei.

»Humoristische und witzige Trinklieder sind doch in neuerer Zeit entstanden« – erwiderte Cäruleus – »denen niemand seine Anerkennung versagen wird: wie sehr haben wir gelacht, da wir das Lied von Kopisch ›Als Noah aus dem Kasten war‹, zum erstenmal vernahmen. Aber es ist wahr, die Trink- und Glaubenskraft fehlt ihnen, der große volle Zug, woran man erkennt, wie gründlich der Dichter in den Pokal geschaut haben müsse, eh' er seine Wunder auftat. Wenn ihr es jedoch mit dem Prädikate Trinklied nicht allzu genau nehmen, sondern überhaupt jedes Wein- und Herbstlied in dieser Sphäre gelten lassen wollt, so kann ich euch ein wunderbares Gedicht mitteilen, das nicht bloß den Schaum vom Becher der Poesie abschöpft, sondern tief in seine Fluten taucht, das nicht scherzhaft mit seinem Gegenstande spielt, sondern nach Art jener älteren Lieder ihn zum feierlichen Kultus erhebt: ich stelle es kühnlich den schönsten Liedern von Goethe und Schiller zur Seite.« Hierauf zog er ein Buch hervor und las das Bacchusfest von Möricke:

Hier im traubenschwersten Tale
Stellt ein Fest des Bacchus an.

Ein ungeteilter Beifall folgte seiner Vorlesung, Ruwald jubelte: »Das,« rief er, »ist nun einmal wieder die reine Poesie, die gar keine andere Absicht hat, als eben Poesie zu sein; ich empfinde es als ein wahres Glück, dieses köstliche Gedicht kennen gelernt zu haben, und werde in Zukunft blindlings nach allem greifen, was mir dieser Dichter bietet, er kann gar nichts schreiben, was nicht vortrefflich ist, alles verwandelt sich unter seiner Hand in Gold!« – Die Jünglinge vereinigten sich in der begeistertsten Bewunderung dieses Dichters, sie priesen seinen Maler Nolten und hoben besonders die darin so tiefsinnig geschilderte Figur des Larkens, der sie an eine ihrem Kreise befreundete Erscheinung gemahnen wollte, hervor, Ruwald erklärte diese Dichtung für den bedeutendsten deutschen Roman seit den Wahlverwandtschaften, er erwähnte der komischen Personen in der darein verwobenen dramatischen Phantasmagorie und wies ihren nationalen Gehalt nach: »Hier,« sagte er, »haben wir den Beweis, daß man komische Charaktere nicht jenseits des Kanals zu holen braucht, sondern daß Deutschland deren eine reiche Ausbeute gewährt: gibt es nationalere Figuren als diesen Wispel, diesen Buchdrucker? Wem sind nicht schon solche windige Friseurs, solche großartig flegelhafte Lumpen vorgekommen? Dabei aber hat er ihnen einen phantastischen Überflug zu geben gewußt, so daß man sie nicht etwa von heute und gestern her, sondern nur wie aus frühester Jugend zu kennen glaubt. Es ist jedoch ungerecht, nur von einigen Figuren zu sprechen, jede verdiente hervorgehoben zu werden, die in dieser von Geist und Poesie fast überflutenden Dichtung lebt.«

Ruwald schwieg, und Cäruleus nahm das Wort: »Dasselbe Buch, worin sich das Bacchusfest befindet, enthält ein Märchen von ihm, ›der Schatz‹, welches wohl ein Schatz der Poesie genannt zu werden verdient. Nach meiner Ansicht besteht der Begriff des Märchens darin, die geheimnisvollen Seiten des Lebens, welche den abgelegenen Winkeln eines Hauses gleichen und von dem Ahnungsvermögen der Kindheit am lebendigsten aufgefaßt werden, hervorzuziehen und zu erklären, indem der Dichter sie in individuelle Gestalten verwandelt. Auf diese Weise erfinden begabte Kinder märchenhafte Situationen, auf diese Weise hat das deutsche Volk seine in Humor und Ernst immer gleich wundervollen und unübertrefflichen Märchen gedichtet. Dieser Begriff liegt auch Goethes neuer Melusine zugrunde, deren artige Scherzhaftigkeit jedoch nicht an den dichterischen Vollgehalt dieses Märchens reicht, während das allegorisierende Märchen des Novalis und Goethes mystifizierendes in den Ausgewanderten gar nicht damit verglichen werden können, Hoffmanns Nußknacker und Mäusekönig, welches Märchen gewiß unter die besten gehört, hat ebenfalls keinen so reinen und durchaus überwältigenden Eindruck auf mich gemacht, wie der Schatz. Diese Fee Briskarlatina, die Frau Lichtlein mit ihren Fieberäpfeln, die rätselhafte Edelfrau, der Wegweiser, der die hölzernen Hände zusammenklatscht, was gewiß mehr besagen will, als das Nicken einer Statue, der kleine Feldmesser, der Europa auf der Homannschen Landkarte bereist, das Waidefegerfest, das unbefangene liebliche Mädchen Josephe – das sind köstliche Gaben, welche die Poesie nur ihren Sonntagskindern schenkt. Ich habe dieses Märchen mehr als einmal gelesen und, was gewiß nicht oft der Fall ist, mit jedesmal erneuertem Entzücken.«

Jeder bezeigte Verlangen nach dem Buche, und da es nicht alle zugleich haben konnten, wurde ein Abend festgesetzt, an welchem Cäruleus das Märchen vorlesen sollte.

»Ich freue mich auf diese Zusammenkunft von wenigen Getreuen,« sagte er wehmütig, »denn es werden außer uns nicht viele sein, die den reichen Lorbeer auf dem Haupte dieses Dichters schauen. In dieser Marschallsperiode nimmt sich keiner die Zeit –«

»Was verstehst du unter dem Ausdruck?« unterbrach ihn Ruwald.

»Nun! Als Alexander gestorben war, rauften sich seine hinterlassenen Feldmarschälle, und wenn er alt geworden wäre, so hätten sie es ohne Zweifel schon zu seinen Lebzeiten getan. Wer an diesen Balgereien keinen Anteil nahm, konnte nicht aufkommen.«

»Jetzt verstehe ich dich und gebe dir recht. Allerdings, weil die Poesie keine Tendenz hat, darum bleibt Mörike seinen Zeitgenossen so fremd. In seinem Vaterlande weiß vollends niemand etwas von ihm: freilich, dort hat man das Herz nicht, sich ohne Vorgang für einen Genius zu erklären.«

»Bewahre,« rief Cäruleus unmutig; »die müssen ihre einheimischen Produkte erst vom Ausland plombiert zurückerhalten, ehe sie daran glauben können. O, dieses Land ist das Nazareth von Deutschland! Es erzeugt den Geist, aber ihm ist er der Zimmermannssohn.«

»Ich wüßte,« hub Ruwald an, »für Mörike ein probates Mittel, das ihn auf einmal zur allgemeinen Anerkennung bringen würde.«

»Welches?« fragten die anderen neugierig.

Ruwald lachte. »Schon Petrarca,« sagte er, »verschrieb es einem Freunde, der sich über die undankbare Mitwelt gegen ihn beklagte. ›Wenn du berühmt sein willst,‹ rief er ihm zu, ›so stirb! Im Leben wird dir keine Anerkennung zu teil.‹ Dies ist das Mittel, das ich meine. Er braucht nur zu sterben, um ein marmornes Denkmal von der Nation und die lauten Lobsprüche der Kritik zu erhalten:

›Das nekrologische Tier setzt auf Kadaver sich nur.‹

Da wollen wir ihm unsertwegen lieber ein langes und unberühmtes Leben wünschen.«

»Ich möchte nur wissen,« nahm Cäruleus das Wort: was Schiller geantwortet haben würde, wenn man ihn zu Mannheim, wo er in Not und Elend schmachtete, mit der Aussicht getröstet hatte: ›Sei ruhig, Dichter der Räuber! Labor hic tibi proderit olim! Ein teilnehmender Freund wird dereinst, wenn du längst nicht mehr bist, mit der Geschichte deiner Leiden einen Beitrag zu den Kosten deines Denkmals geben; das Minus wird dem P1us zugute kommen.‹«

»In der Behandlung unserer Dichter,« sagte Ruwald, »zeigt sich unser ganzer Idealismus. Wir lieben nur den Geist, um den Körper kümmern wir uns nicht, der mag sterben und verderben.«

»Noch mehr!« rief Cäruleus: »weil wir so sehr darauf versessen sind, unseren großen Geistern Denkmale zu errichten, und diese Ehre nun einmal bloß den Toten zu teil werden kann, so scheint mir ein allgemeines Komplott zur schleunigen Herbeiführung dieser ersehnten Gelegenheit zu bestehen.«

Hier unterbrach er sich: »die Hypothese, die Hypothese!« stich er leise gegen Ruwald aus, den er heftig mit dem Ellbogen bearbeitete: »seht, Brüder!« rief er dann laut, »da sieht wieder die hübsche Emilie zum Fenster heraus! O du Engel!«

Alle wandten ihre Augen hinüber, am schnellsten Paul, der die in seinem Gesicht aufsteigende Röte nicht verbergen konnte. Aber, o weh! es war nicht sein Engel, was er sah, es war der alte Kaufmann, ihr Vater, den wir vom gestrigen Maienfeste her kennen; er lag, mit einem vieljährigen Schlafrock angetan, eine lange, weiße Zipfelmütze auf dem Haupt, im Fenster und wurde eben, indem er in das Wirtshaus herüberblickte, von einem schaudererregenden Gähnen befallen. »O holder Mund, zum Küssen wie geschaffen!« deklamierte Ostjäck, als er dies gewahr wurde, Paul wandte sich ab, höchst ärgerlich, daß er unter dieser Mystifikation hatte mit leiden müssen, aber wie ward ihm, als er Ruwalds und Cärulei Blicke scharf auf sich gerichtet sah, als er ihr spottendes Gelächter vernahm, als die ganze Gesellschaft endlich dieser Spur folgte, das Geheimnis begriff, alle nach ihm schauten und unanständig lachten! Er sah sich verraten, dem Spott, der Schande preisgegeben. Er fuhr auf, warf ihnen einen Blick zu, den man auf jener Universität einen Friedrichsblick zu nennen pflegte, und öffnete den Mund, um geflügelte, pfeilspitzige Worte zu sprechen, aber einer jener unseligen Momente im Leben war bei ihm eingetreten, wo, wenn ich mich eines Gleichnisses bedienen darf, ein feindlicher Dämon das Zündkraut von der Pistole geblasen zu haben scheint? das Gewehr ist wohl geladen, scharf geladen, aber du drückst ab, und der Schuß geht nicht los. So widerfuhr es unserem Helden; er hatte einen Gedanken auf der Zunge, womit er seine Spötter insgesamt hätte entwaffnen können, den Gedanken, wie ein so schlechter Witz zu dem begeisterten Gespräch über einen herrlichen Dichter passe: es wäre eine schlagende Erwiderung gewesen, doch er fand den Anfang nicht, das erste bedeutende Wort, das den folgenden Respekt verschaffen muß. Unglücklicher Flötenspieler! du mußt noch wenig angefeindet worden sein. Aber indem wir reden, zerrinnt ein Sandkorn ums andere, der Friedrichsblick ist verpufft, die Replik, die schnell wie Blitz und Donner, wenn's einschlägt, hätte folgen sollen, ist ausgeblieben. An Taktik jedoch fehlt es unserem Helden nicht er sieht ein, daß er die Schlacht verloren hat, und denkt auf einen schleunigen Rückzug. Er nimmt einen Abgang, wie er ihn schon einmal genommen hat, und ist, wie ein guter Schauspieler, deshalb auf eine Steigerung bedacht; statt daß er also den im Wege stehenden Stuhl umwirft, läßt er sich von dem Stuhl über den Haufen werfen. So liegt er denn der Länge nach gestreckt am Boden, ein trauriges Bild menschlicher Leidenschaften und Entwürfe. Im Gefühl dieser tragischen Bedeutung der Situation kann sich Cäruleus nicht enthalten, mit Pathos auszurufen:

›Das Rätsel ist gelöst, die Sphinx gestürzt,
O Ödipus, du jammervoller Mann!‹

»Wenn aber,« fiel Ostjäck ein,

›Wenn aber so der Menschheit Kraft und Glut
Dahinfährt ohne Wiederkehr, dann bebt
– Ein menschlich Herz.‹

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