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Gesammelte kleinere Erzählungen, 3. Teil

Hermann Kurz: Gesammelte kleinere Erzählungen, 3. Teil - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Kurz
titleGesammelte kleinere Erzählungen, 3. Teil
publisherMax Hesse's Verlag
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Sankt Urbans Krug.

Ein Schwank aus dem Vagantenleben des 16. Jahrhunderts.

An einem heißen Spätsommernachmittage wanderten drei fahrende Schüler durch das Höllental, dessen enge Schlucht zwischen senkrechten Felsenwänden am rauschenden Wasser hin kühl zu begehen war. Sie bedurften der Kühlung im tiefen Talgrunde unter dem grauen Gestein und den überhängenden Tannenforsten, denn sie waren alle drei seltsamlich bepackt. Der vorderste, weißköpfig, wie man es sonst nur an Kindern sieht, ehe ihnen die Haare im Erwachsen dunkler werden, dazu über seine Jahre beleibt und reichlichen Schweiß vergießend, trug einen gebratenen Hammelsschlegel, abwechselnd bald gesenkt, bald wie einen Spieß über die Schulter gelegt. Der zweite, schwarzhaarig und mit klugen, dunklen Äuglein um sich herblinzelnd, folgte mit einer großen Flasche Weins, die er mit frischem Moos umwunden hatte. Sie hatten die Wegzehrung aus einer einsamen, mit Mannsvolk just schlecht verwahrten Schenke, wo sie weidlich gezecht, halb mit guten, halb mit bösen Worten fortgetragen und ein paar Plapparte dafür hingeworfen, deren Gepräge vermutlich für die Wirtschaft die Aufforderung enthielt, sotane Münze dem nächsten armen Teufel von einem Gast, der nicht so gewaltig vor dem Herrn auftreten konnte, beim Herausgeben anzuhängen.

Der dritte, ein etwas schief gebauter kleiner Mensch mit zweierlei Augen, trug das zum Wein und Fleisch gehörige Brot, aber auch noch eine andere Last, die nur in so wenig heikler Zeit und Gesellschaft menschlichen Blicken begegnen konnte. Die beiden, die sich zufällig in der Herberge getroffen und Kundschaft miteinander gemacht, waren auf eine sonderliche Weise zum dritten Genossen gekommen. Als sie dort mit ihrer Beute abzogen, führte sie bald hernach der Weg an einem Galgen vorbei, der nicht weit von der Straße auf einer Anhöhe stund. Es wäre ja ein Wunder gewesen, wenn man nicht von Meile zu Meile einen angetroffen hätte, und noch ein größeres, wenn derselbe leer gewesen wäre. »Heda, komm mit!« rief der Weißkopf dem derzeitigen Bewohner zu. »Verziehet nur einen Augenblick, liebe Gesellen, ich bin gleich bei euch!« erscholl es auf diese Einladung vom Galgen her. Die beiden Vaganten, über solchen Spuk am hellen lichten Tage unmäßig erschrocken, liefen aus Leibeskräften davon und hätten den Raub schier weggeworfen, als sie Tritte, so schnell wie die ihrigen, hinter sich herkommen hörten. Der Weißköpfige hatte zuerst Reißaus genommen und den Schwarzen mit seiner Furcht angesteckt, der sich des Davonlaufens allmählich zu schämen begann und, an der jähen Steige angelangt, gern Halt gemacht hätte, um seinen Wein nicht zu verschütten. Aber als er sich umsah, kam ihm eine Figur nachgerannt, die ihn aufs neue in die Flucht trieb. Der Kleine hatte nämlich, als ihn sein Weg in die Nähe des Galgens brachte, an dem Gehängten ein paar noch gute Beinkleider – jede Hose nach herrschendem Brauch für sich besonders befestigt – wahrgenommen und sich derselben zu bemächtigen gesucht. Da es ihm jedoch nicht gelang, sie von den stark geschwollenen Beinen herunter zu streifen, so hatte er diese kurzweg abgeschnitten und war eben hinter einem Gebüsch am Galgen beschäftigt, den Kern wegzuwerfen und die Schale zu behalten, als jener Zuruf von der Straße her geschah. Er glaubte ihn an sich selbst gerichtet und beabsichtigte keineswegs mit seiner Antwort so großen Schrecken zu erregen; wie er aber die beiden laufen sah, so wurde es ihm selbst unheimlich, er befestigte geschwind die beiden noch immer bekleideten Beine mit einem Nestel aneinander, warf sie über den Kopf, daß sie zu beiden Seiten vom Halse herunter baumelten, und lief den Flüchtigen nach, als ob der Tote, dem er doch für alle Fälle das Gehen niedergelegt hatte, hinter ihm herkäme. Sein demütiges Nachrufen drang endlich dem Schwarzen an das schreckbetäubte Ohr und bewog ihn, Halt zu machen und sich trotz seines greulichen Aufzugs von ihm verständigen zu lassen, worauf er auch den Weißkopf, der kaum noch seiner Glieder mächtig war, unter großem Gelächter zurückrief und beruhigte.

So zogen sie denn langsamer, aber immer noch mit sehr beschleunigtem Schritte den Berg hinunter und durch den Paß hinaus, in welchem es ihnen nach dem gehabten Schrecken zwischen den düstern Felsen nicht recht geheuer war. Besonders der vorderste schien so bald als möglich ins Freie zu kommen bestrebt, was zur Folge hatte, daß das Kleeblatt verzettelt hintereinander ging, denn der Kleine konnte nicht recht nachkommen, und der Schwarze, der diesem das Brot zu tragen gegeben, suchte den Zwischenraum zwischen Vor- und Nachhut auszugleichen, indem er sich in der richtigen Mitte hielt.

»Gemach, Bruder!« rief er dem voraneilenden zu. »Du ziehst ja aus, als ob du nicht früh genug dem Galgen an den Hals springen könntest.«

»Umgekehrt, der ist hinter mir.«

»Dreibeinig und doch ohne Füße?«

»Nein, langarmig, denn er reicht von Augsburg durchs ganze Reich.«

Und ohne anzuhalten, bloß den Kopf ein wenig rückwärts gewendet, so daß das Zuhören für die beiden Nachlaufenden, welche die Hälse reckten, ein mühselig Stück Arbeit war, erzählte er, was ihn so unstät und flüchtig vorwärts trieb. »Seit man über den Glauben zu streiten angefangen hat,« begann er unter zustimmenden Seufzern seiner beiden Gesellen, »wollen die Leute gar nichts mehr glauben, die Altgläubigen so wenig als die Lutherischen, und für uns armes fahrendes Volk sind unsere besten Künste brotlos geworden. Drum hab' ich mich auf einige Zeit in den Landsknechtsorden begeben, der das Fasten den Mönchen überläßt, wenn er nämlich einen guten Kriegsherrn hat. Im April hab' ich bei Mühlberg dem Kaiser helfen den Kurfürsten fangen. – Haben immer gemeint, wir werden auch einmal einen Fürsten köpfen sehen, ist aber nichts daraus geworden. Da sind wir in den sächsischen Landen herumgelegen, und hat uns der Bauer müssen zu essen und zu trinken geben. Drauf ist aber der Kaiser im Sommer gar stattlich zu Roß und zu Fuß gen Augsburg gezogen, wo er jetzt einen eisernen Reichstag hält. Die Zeit wird's weisen, was er ihnen einzubrocken gedenkt; es muß eine heiße Suppe sein, denn er hat den Reichstag mit seinen Spaniern und Italienern wie mit einer Mauer umlegt. Die sind dort Hahn im Korb, den Deutschen traut er nicht recht. Unterwegs war das anders, da haben die Spanier Haar lassen müssen, so oft wir an sie gerieten. Beim Marsch auf Augsburg – ich glaub' wegen eines Rosses, das ein Deutscher einem Spanier genommen – hat sich ein mörderischer Handel angesponnen. Da haben Deutsche und Spanier aufeinander gehauen und geschossen, daß es nicht anders als wie eine Schlacht anzusehen war. Der Kaiser schickt einen Hauptmann – noch seh' ich ihn, wie er im goldenen Harnisch über ein Brücklein gegen uns reitet und sein andalusischer Hengst unter ihm tanzt – mich verdroß der Don mit seinem hochmütigen Gesicht, flugs pflanz' ich mein Hackenrohr auf, und bauz, kugeln Roß und Mann miteinander vom Brücklein ins Wasser hinab. Nun schickt der Kaiser seinen Bruder, den römischen König, weil der Streit immer ernstlicher worden ist. Der hat auch einen Schuß bekommen und ist wund aus dem Getümmel fortgebracht worden. Zuletzt ist der Kaiser selber kommen und hat uns die besten Worte gegeben. ›Wir Deutsche‹, sagte er in seinem gebrochenen Deutsch, ›wüßten ja, daß er uns vor allen seinen andern Völkern lieb und wert halte und mit unserer Hilfe allein sein Höchstes ausrichten könne.‹ Aber all' sein Bitten um Frieden hat nichts geholfen, bis er uns Genugtuung gab und ein paar Dutzend von seinen Spaniern henken ließ. Dünn zog er ganz still mit uns weiter, als ob er kein Wässerlein trüben wollte, denn er geht leis und tritt hart. Wie er aber in Augsburg angekommen war, ließ er gleich Galgen und Rad aufrichten und die Rädelsführer beim Kopf nehmen. Freunde zu haben, ist immer gut. Eine Dirne, der ein kaiserlicher Trabant am Gürtel hing, gab mir Wind von den Dingen, die da kommen sollten, und zeigte mir einen heimlichen Ausgang aus der geschlossenen Stadt. Meine Pluderhosen habe ich dahinten gelassen, bin in wackern Tagreisen durch mancher Herrn Länder durchgestrichen, und wenn ich an einem Galgen vorbeikomme, so denke ich: die Augsburger tun's den Nürnbergern nicht zuvor. Nun will ich vollends über den Rhein, aber Straßburg soll mir weit abseiten bleiben, denn diese Reichsstädte sind des Kaisers Hände, denen er nur zu winken braucht, wenn er einen am Fittich fassen will. Dem jungen König von Frankreich lauf' ich zu –

Der legt ein' g'waltigen Haufen ins Feld,
Es soll kein Landsknecht trauern um Geld,
Er will uns ehrlich lohnen
Mit Stübern und Sonnenkronen.«

Er sang dies bereits ins Freie hinaus, denn soeben öffnete sich vor ihnen das Felsentor der Hölle, und sie schritten aus der Schlucht in die schöne Talebene, die das Himmelreich geheißen ist. Eine offene, lachende Gegend, die das Herz weit und leicht macht beim Herauskommen aus der düsteren Enge, lag in sonnigem Grün vor ihnen, anmutige Höhen zogen nach dem Rhein hinaus; in geringer Entfernung winkte Freiburg, dessen Münsterspitze über eine Anhöhe herübersah, und im fernen Hintergrunde dämmerte der blaue Zug der Vogesen.

So wenig unser Kleeblatt ein bewußtes Auge für dieses Landschaftsgemälde hatte, so nahm es den Anblick doch mit unwillkürlichem Wohlbehagen in sich auf. Der Weißkopf zumal, der hier im Freien keine lauernde Gefahr mehr fürchtete, überließ sich dem Gefühle der Ruhe, das die heitere Umgebung vor allein den Wanderern einflößte. Er warf sich in den Schatten einer Linde, unter welcher ein Quell durch Steinbrocken nach dem Flüßchen sickerte. »Hier ist gut wohnen,« sagte er, die Hammelskeule neben sich legend. »Seid ihr nicht auch müde?«

Der Schwarze stellte die Flasche sorgfältig in das Wasser, warf sich neben ihn und begann zur Antwort mächtig zu gähnen, worauf der Kleine dem Beispiel der beiden anderen folgte und, sich ebenfalls seiner Last entledigend, den Kopf im Grase begrub.

»Wollen wir nicht ein wenig schlafen?« fuhr der erste fort. »Der Tag liegt noch lang genug vor uns! Ein Schläfchen hilft die alte Zehrung vollends verdauen, und beim Aufwachen wird Essen und Trinken um so besser schmecken. Hört an, es gilt eine Wette, Jeder soll nachher erzählen, was ihm geträumt hat, und wer den besten Traum sagen kann, der soll das Bestteil vom Schmause haben.«

Seine beiden Gesellen hießen den Vorschlag gut und legten sich zum Schlafen zurecht. Der Schwarze schnarchte alsbald überlaut, setzte aber zuweilen aus, so daß dazwischen die tiefen Atemzüge der beiden anderen Schläfer hörbar wurden. Er dämpfte seine Orgeltöne mehr und mehr und ließ sie zuletzt ganz verstummen. Dann öffnete er abwechselnd das eine und das andere Auge, und als er sich nach längerem Blinzeln überzeugt hatte, daß die beiden fest schliefen, richtete er sich geräuschlos auf, zog sein Messer und langte nach dem Hammelsschinken. Vergnüglich in die Landschaft schauend, begann er ein Stück um das andere abzuschneiden und zu verzehren. Dabei blickte er von Zeit zu Zeit mit großer Gemütsruhe auf seine Genossen, ob sie noch nicht erwachen wollten. Er schien es ihnen nicht zu mißgönnen, vielmehr hielt er dann und wann ein wenig inne, als ob er ihnen Frist lassen wollte, ihre Rechte geltend zu machen. Da sie sich aber nicht rührten, so setzte er sein Geschäft in langsamer Eile fort. Nach einiger Zeit betrachtete er kopfschüttelnd, was Arbeit er gemacht. Das Stück war nicht nur sehr verunstaltet, sondern auch seinem Bestande nach so verringert, daß es ihm wohl spöttisch dünken mochte, zwei männlichen Fassungsvermögen solch armseligen Rest als Atzung zuzumuten. Er fuhr fort, bis auf allen Seiten der bloße Knochen des Messers spottete; dann legte er ihn leise in das Gras. Hierauf holte er die Flasche aus dem Keller, den er ihr bereitet hatte, und tat einen tiefen Zug. Neidlos wartete er auch jetzt wieder, ob keiner der beiden anderen Anspruch auf die Gottesgabe machen würde. Da es aber nicht geschah, so setzte er die Flasche wieder an den Mund und nach einer Weile abermals. Daß er jetzt strenger arbeitete denn vorhin, kam wohl nicht von Mißgunst her, sondern von der magnetischen Kraft der Flasche, die immer von neuem zum Munde wollte. Ihr Inhalt schwand zu einem Reste zusammen, mit welchem zwei Durstige zu reizen grausam gewesen wäre; nach einem langen, bedächtigen Blicke auf die beiden Schläfer gab er menschenfreundlich der Flasche einen Schwung, und bald rollte ihm der letzte Tropfen in die Kehle hinab. Darauf barg er die leere Flasche sacht im Grase bei dem kahlen Schöpfenknochen.

Etwas müde, aber höchst behaglich legte er sich nun ins Gras zurück und starrte eine Weile nach dem blauen Himmel. Da ihn aber das Gähnen jetzt ernstlich überkam, besorgte er, er möchte einschlafen, und in diesem Zustande einer leicht vorherzusehenden Gefahr preisgegeben sein. Er kitzelte sich daher mit einem Grashalm in die Nase, worauf er sofort heftig niesen mußte. Beim ersten Posaunenstoße fuhren die beiden Schläfer empor, und er richtete sich gleichfalls wieder auf.

»Ein gutes Zeichen!« sagte er, von mehrmaligem Niesen unterbrochen. »Dieses Niesen bedeutet mir, daß in meinem Traume Wahrheit ist. Nun laßt zuvörderst hören, was euch geträumt hat.«

Der Weißkopf rieb sich die Augen. »Ich habe einen gar feinen und lustigen Traum gehabt,« sagte er. »Vielleicht tat's der Name des Ortes, wo ich eingeschlafen bin, oder war's vielleicht höhere Eingebung. Kaum hatte ich mich niedergelegt, so sah ich eine goldene Leiter, die bis in den Himmel reichte. Daran stiegen die Engel auf und nieder, die nahmen meine Seele und führten sie ins Himmelreich. Da saß ich auf einem goldenen Stuhl und sah so viel Freuden, desgleichen kein Auge je gesehen und kein Ohr gehört hat. Ich will's euch noch ausführlicher beschreiben. Aber zuvor wollen wir die Wette lösen. Sagt selbst, ist mein Traum nicht wert, daß ich das Beste von unserer Wegzehrung bekomme?«

»Gemach!« versetzte der Schwarze. »Wir wollen erst unsere Träume austauschen. Was hat dir geträumt?« fragte er den Kleinen.

»Das Widerspiel von unseres Gesellen Traum,« antwortete dieser. »Mag sein, daß mir der Ort, von dem wir herkommen, im Traume nachgegangen ist. Kaum daß ich schlief, so kamen Teufel mit eisernen Haken, die zogen mir die Seele aus dem Leibe und führten sie in die Hölle. Da mußte ich auf scharfen Schermessern sitzen, und sie sagten zu mir, das dauere bis zum jüngsten Gericht, dann werde meine Sache noch einmal vorgenommen. Bald darauf hörte ich ein scharfes Blasen und dachte, es sei die Gerichtsposaune, aber es war dein Niesen, Bruder, wofür ich dir Dank sage, denn es hat mich aufgeweckt und aus der ewigen Qual erlöst. Den Preis kann ich nicht ansprechen, aber ich bin zufrieden, wenn ich mein bescheiden Teil hinnehmen darf.«

»Jetzt kommt mein Traum an die Reihe,« sagte der Schwarze. »Der trifft merkwürdig mit den eurigen zusammen. Als ich eingeschlafen war, stand ein Engel vor mir und sprach: ›Steh' auf und komm mit mir.‹ – ›Herr,‹ sprach ich, ›ich getraue mir's nicht; denn was würde derweil aus dem Hammelsschlegel und der Weinflasche werden?‹ – ›Es soll ihnen nichts widerfahren‹ sprach er, ›komm nur und siehe, wo deine Gesellen sind.‹ Da führte er mich zu der Himmelstüre, und ich sah hinein und sah einen großen Glanz, und in dem Glanze saßest du auf einem goldenen Sessel, wie du gesagt hast, und wurdest von den Engeln mit Manna, Milch und Honig gespeist. Darauf führte er mich ans Höllentor und ließ mich in einen Feuerofen sehen, und da sah ich dich, wie du auf den scharfen Schermessern saßest, und wie die Teufel dir siedendes Pech und Schwefel eingaben. Da sprach der Engel zu mir: ›Nimm wahr, deine Gesellen sind versorgt, ein jeglicher in seiner Art, und haben zu beißen und zu brechen genug.‹ Und er führte mich wieder an diesen Ort zurück und sprach fürder: ›Genieße, was dir Gott beschieden hat, denn deine Gesellen gönnen's dir gern und wollen keinen Teil mehr daran haben in ihrer Seligkeit und ihrer Pein.‹ Da tat ich, wie er mich geheißen hatte, und siehe, wie ich aufwachte, war mein Traum bereits in Erfüllung gegangen.«

Hiermit schob er das hohe Gras auseinander, in welchem das blanke Schöpsenbein und die leere Flasche trübselig beieinander lagen.

Der Weißkopf sprang wütend in die Höhe. »Daß dich Gottes Marter schände, du leichtfertiger, lügenhafter Fleischbösewicht!« schrie er. »Du hast in deinen verdammten Hals gelogen! Ich bin im Himmelreich nicht gespeist worden, keinen Bissen hab' ich gekriegt! Gib das gestohlene Gut heraus!«

»Das wär' ein unsauberer Handel,« meinte der Kleine lachend, der ungeachtet seines sichtbaren Hungers – denn er preßte sich die Seiten zusammen – mit Blicken ungeheuchelter Bewunderung an dem wohlbedachten Träumer hing.

Der Weißkopf aber fuhr mit dem Pallasch heraus und drang auf den Schwarzen ein, der ebenfalls vom Leder zog. Doch ehe sie handgemein werden konnten, hatte der Kleine, der sich auf die Seite des Schwarzen schlug, seine beiden Totenbeine aus dem Grase aufgerafft und drohte sie wie Keulen über dem Haupte des Angreifers zu handhaben. Als dieser sich in der Minderheit sah, stellte er die Feindseligkeiten ein, versah sich aber seines Vorteils, spießte mit einem glücklichen Stoße das Brot, das der Schwarze in seinem Überflusse verschmäht hatte, zückte es an sich, trug es so auf der Spitze der Klinge von hinnen und lief schimpfend und wetternd das Tal hinaus.

Der Kleine machte Miene, ihm das Brot wieder abzujagen, aber der Schwarze sagte gleichmütig: »Laß ihn laufen.«

»Fahr hin in Gottes Haß, du verfluchter Franzos!« rief der Kleine dem Flüchtigen nach. Der Verlust des Brotes, auf das er sich Rechnung gemacht, hatte ihn mehr verdrossen als die Einbuße an Fleisch und Wein, bei welchen er doch jedenfalls der letzte gewesen wäre.

»Du hast trotz deiner zweierlei Augen ein redlich Gemüt, Bruder,« sagte der Schwarze zu ihm. »Halte du dich fest zu mir, und du wirst sehen, daß wir uns miteinander durchschlagen. Dein Magen, bedünkt mich's, ist heut noch ziemlich leer?«

Der Kleine nickte.

»Dann hat dein Kopf um so mehr Raum zu Anschlägen. Und dennoch trägst du irgendwo am Leib ein Häuflein Örter und Schillinge in einen Lappen eingewickelt.«

Der Kleine nickte abermals. »Du mußt einen Wahrsagergeist haben, Bruder,« sagte er.

»Nein,« erwiderte der Schwarze, »ein fröhlich Fältlein an deinem Auge hat mir verraten, daß du nicht so völlig Kahlmäuser bist, wie ein ungeübter Blick dich schätzen würde. Wohlan, die Handvoll Silberlinge soll dir Essen und Trinken schaffen genug, jedoch nicht unmittelbar, sondern als Brutpfennig, den wir auf Gewinn anlegen. Laß mich nur machen und folge mir, wie ich dich anleiten werde, dann können wir morgen den Gewinn teilen: zwei Teile mir und den dritten dir, so du's zufrieden bist und für billig hältst, was mir billig dünkt: denn in meinem Kopfe ist der Rat gewachsen, und ohne mich würdest du hier herum, wo du der Leute Art nicht kennst, wenig ausrichten.«

Mit Freuden verstand sich der Kleine zu allem, was der andere ihm auferlegen wollte, nur wünschte er zuvor seine Galgenbeute zu schälen, um nicht den unnützen Teil derselben müßig weiter schleppen zu müssen.

»Nein, nein,« sagte der Schwarze, »es wird jetzt allmählich spät, und wir dürfen uns nicht länger aufhalten. Hast du die Last so lang tragen können, so trage sie auch noch ein wenig länger. Auf die Nacht findest du noch Zeit genug, dich ihrer in Gemächlichkeit abzutun.« – Mit diesen Worten nahm er die leere Flasche aus dem Grase auf und setzte sich in Bewegung.

Der Kleine lud sich ohne Murren die beiden Totenbeine wieder über die Schulter und folgte dem Mentor, der in der kurzen Zeit seine ganze Anhänglichkeit gewonnen hatte. An einer Schenke, zu welcher sie gelangten, legte er auf dessen Weisung sein Gehänge ab, zog die wohlverborgenen Sparpfennige hervor, ging hinein und kehrte bald mit einem mächtigen Steinkruge voll Weines zurück. Der Schwarze nahm ihm denselben' hilfreich ab, während er sich wieder belud, und sie verließen die Straße auf einem Seitenpfade, aber nicht, um an einer abgelegenen Ruhestelle sich gütlich zu tun. Vielmehr wanderten sie wohl eine Stunde lang, im Tragen des schweren Kruges abwechselnd, ohne Aufenthalt rüstig fort, bis sie mit sinkender Nacht zu einem einsamen Bauernhofe gelangten. »Auf dieser Einzechte,« sagte der Schwarze, »werden wir, hoff' ich, einen guten Handel machen.« Er wiederholte ihm noch einmal die Anleitung, die er ihm unterwegs gegeben hatte. »Wenn alles gut abläuft,« fügte er hinzu, »so melde dich an der Türe um ein Nachtlager; ich werde dir dazu behilflich sein.«

Er gab ihm den Weinkrug und ging mit der leeren Flasche dreist aufblickend in die zu ebener Erde gelegene Stube, wo die Leute beim Lichtspan zusammensaßen.

»Bin so frei, unangeklopft einzutreten,« sagte er, »damit man nicht glaube, es sei etwas Unholdiges um den Weg.«

»Was soll's?« rief der Bauer ziemlich barsch, indem er sich aus seinem Halbschlaf am runden Tisch im Herrgottswinkel vor der Wandnische mit dem Hausaltärchen aufrichtete.

»O ihr Menschen, hütet euch vor Sünd' und Laster!« antwortete der Eintretende auf diese Frage und begann sofort eine lange Litanei zu beten, wobei alle Anwesenden andächtig zuhörten.

»Woher geht die Reise?« fragte der Bauer in gelinderem Tone.

»Grad aus dem Venusberg, wo ich mit dem edlen Tannhäuser und mit Dietrich von Bern und dem alten Hildebrand manchen Tag zusammen gewesen bin.«

»Was? der Dietrich von Bern und der alte Hildebrand sind auch in selbigem Berg?«

»Freilich, und der getreue Eckard und noch viele andere werte Helden, mit denen ich nach goldenen Kegeln geschoben habe mit goldenen Kugeln.«

»Das ist grausig!« rief die Bäuerin.

»Habt Ihr sonst noch was gelernt im Venusberg?« fragte der Bauer.

»O ja, ich kann Tote beschwören, kann im Kristall, wie auch im Wasser und Feuer künftige Dinge schauen, kann dem Menschen aus seiner Hand wahrsagen, welcher Komplexion er ist und was ihm zustoßen wird, und kann das Sieb laufen lassen, auf daß offenbar wird, wenn einer etwas gestohlen hat.«

»Vor dem Totenbeschwören graut mir,« sagte der Bauer, »aber die Kunst mit dem Sieb wär' mir eben recht, dann könnten wir doch herausbringen, wo unser Kalb hingekommen ist.«

»Gern,« erwiderte der Schüler. »Aber die Koszinomantie – so nennt man diese Kunst – kann nur morgens früh nüchtern vorgenommen werben. Wenn ich Euch also dienen soll, müßt Ihr mir ein Nachtlager geben, um das ich Euch ohnehin habe bitten wollen: denn aus diesem Grund bin ich eingetreten, weil ich auf meiner Pilgerschaft, die ich mir zur Buße für meine Sünden im Venusberg auferlegte, mich in der Dunkelheit hieher verirrt habe.«

Bauer und Bäuerin sahen einander mit stummen Blicken beratschlagend an, während der Fremde, der Erfüllung seines Gesuches schon so gut wie gewiß, die leere Flasche gleichmütig auf den Tisch setzte.

»Was ist's denn mit der Flasche da?« fragte der Bauer, ohne vorerst auf das Anliegen des Gastes zu antworten.

»Das Fläschlein hat mir Frau Venus geschenkt,« sagte der Schüler, »und damit ihm von dem heidnischen Wesen nichts ankleben möge, hab' ich hernach noch den Urbanussegen darüber sprechen lassen. Denn als ich auf meiner Bußfahrt aus Thüringen herauszog, gelangte ich gen Nürnberg am St. Urbanstage, der allda sehr hochgehalten und festlich begangen wird. Da reitet der Heilige im roten Bischofsrock auf einem weißen Rosse mit großer Prozession unter dem Klange von Sackpfeifen und Schalmeien durch die Stadt, einem Trunkenen gleich auf dem Rosse hin- und herwankend, und von einem Begleiter gestützt, der ihm je und je aus einem silbernen Becher zu trinken gibt, – fast wie es mit dem alten Bacchus gehalten wurde, von dem ich mir im Venusberge habe sagen lassen. Nun stand ich der Prozession in den Weg und hielt meine Venusflasche dem Heiligen entgegen, der sie auch auf meine Bitte mit kräftigen Worten einsegnete und den jungen Fichtenbaum, der vor ihm hergetragen wurde, darüber neigen und schwingen ließ.«

»Sind denn die Nürnberger nicht lutherisch?« fragte der Bauer mißtrauisch.

»Ja, aber ihr Urban ist gut katholisch geblieben,« sagte der Schüler, der nicht so leicht aus der Fassung kam. »Und sein Segen hat die Kraft und Tugend der Flasche noch um ein Beträchtliches verstärkt.«

»Was hat sie denn für eine Tugend?«

»Das sollt Ihr gleich sehen,« sagte der Schüler, »aber rühre sich keines von seinem Platze, so lieb ihm sein Leben ist.« – Er nahm die Flasche, stellte sie vor das Fenster und murmelte einen unverständlichen Spruch. Dann schloß er das Fenster, kehrte ihm den Rücken zu und blieb eine Zeit lang mit gekreuzten Armen stehen. Dann forderte er Bauer und Bäuerin, Sohn und Tochter und die jüngeren Kinder lachend nacheinander auf, die Flasche hereinzuholen, aber niemand hatte den Mut. Endlich ging er selbst wieder zum Fenster, öffnete, griff hinaus und brachte die Flasche gefüllt herein. Alles sperrte Mund und Augen auf, als er sie auf den Tisch setzte und ein starker, lieblicher Weinduft sich aus ihr verbreitete. Er forderte einen Becher, schenkte ein und reichte ihn dem Bauer. Der aber schüttelte den Kopf und meinte, das sei Hexenwerk, dem er nicht traue. Auf das Zureden des Schülers sprach die Bäuerin ein langes Gebet über der Flasche und dem Glase und bekreuzte sie mehrmals, worauf der Bauer erst zu trinken wagte.

Er nahm erst einen kleinen Schluck, dann einen starken, roch in das Glas und sagte: »Das ist, schätz' ich, vom Besten.«

»Allemal,« erwiderte der Schüler. »Das hab' ich durch Sankt Urbans Segen gewonnen, daß das Fläschlein immer vom besten Jahrgang spendiert, der just gewachsen ist.«

»Da wär's also Vierziger!« rief der Bauer mit steigender Verwunderung.

»Ganz gewiß wird's Vierziger sein,« sagte der Schüler. »Ihr werdet ihn ja kennen.«

»Nein,« entgegnete der Bauer, »versucht hab' ich ihn nie, weder da er neu war, noch in den sieben Jahren, seit er alt und älter worden ist. Aber verdienen hab' ich ihn helfen. Der Neununddreißiger, von welchem gereimt worden ist: ›Tausend fünfhundert dreißig und neun galten die Fässer mehr als der Wein,‹ der mußte geschwind weggetrunken werden, um dem Vierziger Platz zu machen, denn im August gab es schon neuen. Da konnte man das Ohm zu einem Batzen haben und noch billiger, ja viele machten den Kalk mit Wein statt Wasser an. Unser gnädiger Junker aber, der einer von den Gewitzten ist, schenkte den Seinigen umsonst aus und zwang uns, ihn in der Fron zu trinken. Alle Wochen mußten wir zweimal vors Schloß und Käs' und Brot mitbringen, daß es einen Durst gab, und dann schlucken aus Leibeskräften. Das saure Zeug stieg einem doch jedesmal zuletzt in den Kopf, denn, sagt das Sprichwort, ›die Viele tut's'‹ und dann gab's Händel und Schlägereien genug, die vor den Junker als Gerichtsherrn kamen, so daß er an Bußgeldern mehr gewann, als wenn er seinen Sauren verkauft hätte.«

Der Schüler schlug ein helles Gelächter auf. »Wohlan,« sagte er, »so laßt Euch die Gottes- und St. Urbansgabe schmecken, da Ihr sie in jedem Betrachte sauer verdient habt.«

Der Zuspruch erwies sich jedoch als überflüssig, denn der Bauer hatte während seiner Erzählung nicht gefeiert, und die große Flasche war leer. Als der Schüler dies gewahrte, nahm er sie, stellte sie wieder vor das Fenster und wiederholte sein Sprüchlein, worauf er die Flasche abermals gefüllt hereinbrachte. Der Bauer ließ sie jetzt freigebiger unter den Seinen kreisen, die sich trotz ihres fortwährenden Erstaunens allmählich an das Wunder gewöhnten und gegen den Wundertäter zutraulich wurden. Daß er über Nacht behalten wurde, verstand sich nun von selbst. Die Bäuerin versprach ihm eine gute Streu in der Stube zu machen. Auch wollte sie ihm zu so später Zeit noch eine Platte voll Küchlein bereiten, der Gast ließ es aber nicht zu. »Fasten gezieme ihm besser,« sagte er mit erbaulichem Tone, »und wenn er auch sein verwöhntes Fleisch noch nicht ganz abgetötet habe, so wolle er es wenigstens heute nicht mehr mit Wohlleben kitzeln.« Die gleiche Kasteiung bewies er gegen den Wein und tat nur hie und da auf heftiges Zusprechen des Bauern mit einem kleinen Zuge Bescheid.

Zum drittenmal brachte er die Flasche, die bald wieder leer war, gefüllt auf den Tisch. »Jetzt aber,« sagte er, »ist St. Urbans Kraft für heut erschöpft, und wenn man sie noch mehr anstrengen wollte, so würde sie ganz nachlassen; bis morgen abend ist sie wieder frisch, wie die Kuh, die von der Weide kommt, und kann dreimal nacheinander gemolken werden.«

»Das ist doch ein Schatz, der noch über das Ölkrüglein der Witwe geht,« sagte der Bauer. »Guter Gesell, der wird Euch um kein Geld feil sein.«

»O freilich,« entgegnete der Gast. »Es ist ja noch ein Rest von meinem Sündenleben, den ich gern los sein möchte; denn vom Erlös eine fromme Stiftung zu machen, das wäre mir die Krone meiner Buße.«

»Wie meint Ihr denn die Flasche zu geben?«

»Hundert Gulden, deucht mir, sollte nicht zu viel sein.«

»Hundert Gulden,« sagte der Bauer, sich hinter dem Ohr kratzend. »Das ist schwer' Geld. Freilich hätt' ich so viel dafür, als ob mir der Keller für alle Zeiten gefüllt wäre –«

»Ja, und brauchtest nicht alles selber zu trinken,« meinte die Bäuerin, »sondern könntest es verkaufen und Geringeren dafür trinken.«

»Und hättet jahraus, jahrein den gleichen Jahrgang,« fiel der Schüler ein. »Wie oft wird's noch vorkommen, daß die Hudlertrauben ganz reif werden und solchen Malvasier geben?«

»Schon jetzt kostet das Fuder vom Vierziger seine sechzig Gulden,« setzte die Bäuerin hinzu. »Der Preis muß mit jedem Jahr höher steigen, und mit drei solchen Flaschen täglich, wenn man sie zusammenspart, ist man bald auf ein Ohm gekommen.«

Bauer und Bäuerin sahen eine Weile wie träumend vor sich hin. Sie berechnete offenbar in Gedanken, was sie aus dem Erlös des Weines kaufen, und wie sie das Erkaufte zu neuem Gewinn verwerten solle, während er vielmehr auf Mittel und Wege sinnen mochte, einen billigen Teil vom Wundergewächs der Flasche seiner eigenen Kehle zuzuwenden.

»Das Labsal ist's wert,« sagte er endlich laut. »Aber hundert Gulden habe ich jetzt nicht zur Hand,« fuhr er mit zäher Miene fort. »Zwanzig könnt' ich Euch auf Abschlag geben, Freund, wenn Ihr's znfrieden wäret, und den Rest wollt' ich dann später nach Vermögen erlegen.«

Der Schüler ließ sich nicht anmerken, daß ihm sein Geschäft zu vier Fünfteilen mißlungen war, sondern willigte ein. Der Bauer wurde immer vergnügter und ließ die Flasche tüchtig kreisen, so daß bald außer dem Schüler alles ziemlich bezecht war. Dieser behielt allein seinen Ernst in der lustigen Gesellschaft bei, dämpfte ihre Ausgelassenheit durch erbauliche Betrachtungen und erzählte dazwischen lehrreiche Geschichten aus der Welt, wie z. B. von dem Erzbetrüger, der kürzlich in Wien verbrannt worden sei, weil er letzten Winter Schnee auf dem Ofen gedörrt und hernach an die armen Leute für Salz verkauft habe. Seine Zuhörer vernahmen dies mit Grausen und seufzten über die zunehmende Schlechtigkeit der Menschen, wurden aber bald wieder lustig, und es wollte des Durcheinanderschreiens und Lachens kein Ende sein.

Da erhob sich vor der Türe ein Gesang, etwas näselnd und tremulierend.

»Ich komm' aus fremden Landen her
Und bring' euch viel der neuen Mär',
Der neuen Mär bring ich so viel –«

»Alle guten Geister –!« hatte die Bäuerin beim ersten Ton, der in die Stube gedrungen war, gerufen. Der Gast aber ließ den Sänger nicht weiter kommen. Mit einem Mute, den die Erschrockenen sehr bewunderten, ging er zur Türe, riß sie auf und rief noch barscher, als vorhin der Bauer, was es gebe und wer da sei. Eine kleine Figur kam auf der Schwelle zum Vorschein und bat schüchtern um ein Nachtlager. Der Schwarze handhabte das Hausrecht mit allem Gewicht eines eingebürgerten Hausfreundes, fragte den Kleinen höchst gestreng über sein Tun und Treiben aus und kanzelte ihn weidlich ab, daß er ehrliche Leute so spät in ihrer Ruhe störe. Der Kleine gab auf alles ehrerbietige und unterwürfige Reden, so daß sich der Schwarze endlich besänftigt zurückwandte. »Es ist ein demütig Blut,« sagte er, »und ein friedfertig Gemüt, wir wollen ihn nicht in die Nacht hinausstoßen. Gebt ihm zu essen, was ihr etwa übrig habt, und macht ihm eine Streu neben der meinigen, daß ich ihn für alle Fälle unter meiner Obhut habe. Tritt ein, guter Gesell, du bist in ein barmherzig Haus gekommen.«

Der Bauer ließ ein zustimmendes Brummen hören, und die jüngeren Mitglieder der Familie schütteten zwei Lager in der Stube nebeneinander auf, während die Bäuerin aus der Küche die Reste vom abendlichen Imbiß holte, die sich der zweite Ankömmling, weniger zurückhaltend als der erste, trefflich munden ließ. Vom Wein bekam er aber nichts, denn der Bauer, der ihn in Sicherheit zu bringen gedachte, setzte mit der Erklärung, er wolle der armen Seele Ruhe schaffen, die schon sehr erschöpfte Flasche an den Mund und leerte sie mit einem resoluten Zuge.

Bald befiel ihn ein mächtiges Gähnen, das sofort Weib und Kinder ansteckte. Der Bauer erhob sich und schwankte der Kammer zu. »Ihr müßt mit noch einem Schlafgesellen vorlieb nehmen,« sagte er etwas lallend zu den beiden Gästen und verschwand. Die Bäuerin folgte ihm. Was mit dem Schlafgesellen gemeint war, sollte sich sogleich zeigen, denn der Sohn trieb ein ziemlich großes Schwein in die Stube, das sich grunzend in eine Ecke legte. »Es ist nur, daß es nicht auch gestohlen wird, wie das Kalb,« sagte er lachend, worauf er mit seinen Geschwistern ebenfalls die Stube verließ.

»So wären wir denn doch wieder zu drei!« sagte der Schwarze, indem er dem Kleinen zunickte. »Wo hast du denn deine Gebeine gelassen?«

»Hinter dem Schuppen hab' ich sie versteckt,« erwiderte dieser. »Ich bin nicht fertig geworden, es ist schwere Arbeit. Ich wollt' aber, ich hätte sie hier innen, denn wo Kalb und Schwein nicht sicher sind, da könnte sich auch zu den Hosen ein Liebhaber finden.«

»Herein damit! Das Haus ist geschlossen – also geht der Weg durchs Fenster.«

Der Kleine bedachte sich.

»Hörst du, wie sie schon schnarchen?« sagte der Schwarze. »Man könnte das ganze Haus ausstehlen, aber ehrlich währt am längsten. Nur zu!«

Der Kleine stieg zum Fenster hinaus, kam bald wieder zurück und bot seine Beute herein, die ihm der Schwarze abnahm. Dann stieg er wieder ein, ohne daß sich im Hause jemand rührte. Der Mond ging hinter einer nahen Anhöhe unter, und die beiden Abenteurer legten sich zum Schlafen auf ihre Streu.

Morgens früh erwachte der Schwarze an einem Geräusche, das er neben sich vernahm, und fand den Kleinen beschäftigt, die mehrmals unterbrochene Arbeit zu vollenden. Er stützte sich auf den Ellbogen und sah ihm behaglich zu. Als derselbe die straffgespannten Beinkleider endlich mit großer Mühe abgelöst hatte, zog er sie über seine Lumpen an und betrachtete dann die beraubten Beine unschlüssig, was er mit ihnen tun solle.

»Lege sie nur hierher auf deine Streu,« sagte der Schwarze. »Mir geht ein Gedanke durch den Kopf. Wer weiß, ob das Zehrgeld, das ich dir in deine neuen Hosen verschafft habe, nicht noch Junge heckt. Mach du dich voraus, Freiburg zu, und warte in der Straße auf mich.«

Der Kleine legte die beiden Beine säuberlich nebeneinander auf die Streu und stieg durch das Fenster, das der Schwarze hinter ihm schloß. Dann warf sich dieser wieder auf sein Lager zu einem Morgenschläfchen, aus welchem er bald durch ein Zetergeschrei aufgestört wurde. Die Familie war in die Stube gekommen und umstand mit schreckensstarren Blicken die Beine, welche die Tochter zuerst wahrgenommen und mit einem gellenden Schrei begrüßt hatte. Der Gast folgte unbefangen den Blicken der andern und stellte sich, als ob er, halb noch schlaftrunken, halb entsetzt, jetzt erst des schrecklichen Anblicks gewahr würde. Dann ließ er gleichsam unwillkürlich den Blick auf das Schwein gleiten, das, durch den Lärm aus seiner Ruhe aufgeschreckt, sich zu rühren und zu grunzen begann.

Der Bauer war dem stummen Blicke gefolgt und tat dem Schwarzen den Gefallen, das auszusprechen, was dieser weislich noch zurückhielt. »Die Sau hat ihn gefressen und hat nur die Füß' übrig gelassen!« schrie er, und mit einem Ausrufe des Entsetzens stimmten ihm Weib und Kinder bei.

»Media vita in morte sumus,« sprach der Gast, der von seiner Streu aufgesprungen war, mit feierlichem Ausdruck und gutgegebenem Grauen. »Bedenke ich, wie nahe mir der Tod in dieser Nacht gewesen ist, so mag ich wohl mit Beben und mit Dank mich meines Lebens freuen! Mein armer Schlafgesell ist dahin – seine Seele ruhe im Frieden. Wenn die Bestie mich statt seiner erwischt hätte, seht, so läg' ich jetzt da.«

»Wie wird's uns gehen, wenn die Sache ruchbar wird?« rief der Bauer.

»Es ist ein böser Handel,« entgegnete der Gast. »Nach dem gewöhnlichen Herkommen wird euer Schwein vors peinliche Gericht geladen und erhält einen Fürsprecher, worauf förmlicher Rechtstag gehalten wird; nach geschehener Klage und Verteidigung wird das Urteil auf Verbrennen lauten, mag aber leichtlich geschehen, daß nicht bloß das verbrecherische Tier, sondern auch das Haus, worin die Untat geschehen ist, mit Feuer von der Erde vertilgt wird.«

Der Bauer lief wimmernd in der Stube umher, die Bäuerin und ihre Tochter rangen schreiend die Hände, und die kleinen Kinder heulten, als ob schon die Fackel über ihnen geschwungen wäre.

»Still!« gebot der Schüler. »Wollt ihr euch denn selbst ans Messer liefern mit eurem törichten Geschrei? Es ist nur gut, daß es noch früh am Tage ist. Haltet reinen Mund, daß euch nichts Böses widerfahre, und gebt mir den Menschenfresser mit, ich will ihn im nächsten Walde seinem Patron, dem Teufel, opfern und in einer Klinge verscharren. Sobald mir die zwanzig Gulden dargezählt sind, will ich mich auf den Weg machen. Über ein paar Wochen komm' ich wieder, den Rest zu holen.«

»Nein, Freund,« rief der Bauer, dem es sehr angelegen war, sich den Mitwisser des gräßlichen Geheimnisses für immer vom Halse zu schaffen. »Ihr braucht Euch nicht zu bemühen, ich bin schon in aller Frühe bei meinem Nachbar gewesen und habe das Fehlende geborgt. Ihr sollt die hundert Gulden gleich ganz und völlig haben.«

Der Schüler lächelte über die offenbare Lüge und war sehr zufrieden, als der Bauer aus der Kammer einen zusammengewickelten alten Strumpf brachte, aus welchem er bare hundert Gulden auf den Tisch zählte. Er gelobte die tiefste Verschwiegenheit über den schauderhaften Vorfall, und der Bauer gab ihm einen Buben mit, der ihm den Weg nach einer passenden Waldstelle zeigen sollte, worauf man beiderseits in größter Eintracht und Freundschaft voneinander schied. Der Bauer drängte so sehr zur Eile, daß er nicht mehr daran zu denken schien, den Dieb seines Kalbes ausfindig machen zu wollen.

Der Schwarze ließ den Buben das Schwein, das zu den bestverleumdeten Kreaturen seines Jahrhunderts gehörte, vor sich hertreiben, bis sie in die Nähe eines Waldes gelangten, dann schickte er ihn mit dem Bedeuten zurück, er könne sich ohne weitere Hilfe schon selbst zurechtfinden. Als derselbe aber sich heimwärts wendete, rief er ihn nochmals zurück.

»Sag deinem Vater,« trug er ihm auf, »es könnte sein, daß die Flasche durch die schwere Übeltat, die eurem Hause widerfahren ist, ihre Tugend verloren hätte. Wofern dies der Fall ist, wie er ja bald erproben kann, dann braucht er nur am nächsten Urbanstage den St. Urbanssegen wieder drüber sprechen zu lassen. Es ist ja nicht mehr lang', bis die Reben wieder blühen.«

Durch diese Vorkehrung gegen jede Verfolgung gesichert, trieb er das Schwein ruhig in den Wald schlug jedoch den ersten Richtweg nach der Freiburger Straße ein, wo er seinen Genossen, seiner harrend, fand.

Der Kleine machte große Augen, wie er seinen Freund als Schweinstreiber kommen sah.

»Da,« sagte dieser, »bring' ich einen Missetäter, der frißt einen Menschen von oben herunter, mitsamt Wams und Hosen, und läßt die beiden besten Stücke liegen. Glaub's, wer kann! Dir selbst wird's am schwersten eingehen, daß du gefressen worden sein sollst, oder auch am leichtesten, denn wir haben damit ein sehr gutes Geschäft gemacht.«

Der Kleine lachte übermäßig, als er ihm die Geschichte erzählt hatte, und löste ihn in der Leitung seines angeblichen Vertilgers ab.

»Jetzt schnell mit dem armen Sünder auf den Freiburger Markt!« sagte der Schwarze. »Schade, daß wir dort sein bestes Stück nicht erzählen dürfen, er würde im Preise steigen, heißt das, des Schwankes wegen. Denn mit fahrenden Gaukeleien ist dort nichts auszurichten, gegen den Venusberg und St. Urbans Flasche sind sie dort so heillose Ketzer, wie die Augsburger. Die Welt kommt immer weiter herunter. Je nun, wir können jetzt eine ehrsame Hantierung anfangen, und wenn die uns auf keinen grünen Zweig bringt, so ziehen wir unserem verlaufenen Gesellen nach.«

»Ja,« sagte der Kleine, »der wird vielleicht schon Waibel sein, und wenn wir ihn mit einer Handvoll Kronen aus unserem Erlös versöhnen, so nimmt er uns brüderlich unter seine Fahne.«

So zogen sie lustig mit dem Schweine die Straße hinab und sangen, das Lied des Weißkopfs fortsetzend:

Beim König von Frankreich tret' ich ins Feld,
Zieh' daher als ein freier Held,
Zerhauen und zerschnitten
Nach adeligen Sitten.

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