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Gesammelte kleinere Erzählungen, 3. Teil

Hermann Kurz: Gesammelte kleinere Erzählungen, 3. Teil - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Kurz
titleGesammelte kleinere Erzählungen, 3. Teil
publisherMax Hesse's Verlag
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Das Arkanum.

»Kasper, noch eine Kanne Türkenblut für mich und den Hanngeorg!« rief der Graubart in der Fensterecke dem Wirte zu, indem er seinen Stelzfuß behaglich auf den leeren Stuhl neben sich legte. »Die Glocken können derweil ohne mich schlagen.«

»Gern, Turmulrich,« sagte der Wirt »Kommst ohnehin so wenig zu mir herunter, und sind doch alte Schulgespielen. Was ist dem Hanngeorg?« unterbrach er sich und gab diesem einen vertraulichen Puff. »Ich glaub' als, der blast Trübsal.«

»Ja und auf was für einer Posaune!« erwiderte der Angeredete, indem er ein hochrotes, vom Schmerz schiefgezogenes Gesicht aus den Händen erhob, »Mag nichts mehr trinken, Turmulrich, sonst musizierts noch ärger da drinnen.« – Er deutete mit dem Finger auf die Wange.

»Potz Schlankement, Zahnweh hast, alter Bußpsalm?« rief der Stelzfuß lachend. »Hättest du's gleich gesagt, so wär' dir schon geholfen. Nimm das und halt's mit der Hand drauf, in einer Viertelstunde spürst nichts mehr, das ist so sicher, daß du mir den Arztlohn in Wein vorausbezahlen kannst.«

Er zog ein Läppchen heraus, das der Leidende mit einem ungläubigen Blick nahm, aber doch folgsam auf die Wange drückte.

»Möcht wissen,« sagte der Wirt, »auf welchem Kreuzweg der Ulrich in die Lehr' gegangen wär'. Der weiß mehr als unsereins, der kann alles.«

»Nur nicht Wasser in Wein verwandeln,« bemerkte der Alte. »Drum eben brauch ich dich, denn das ist deine Kunst. Hast nicht umsonst die Hochzeit von Kana dort an der Wand hängen. Voran, jetzt reg' deine Knochen. Aber auch einmal einen Ungetauften, Kasper, du Täufer in der Wüste, und einen, dem man nicht nötig hat die Kratzborsten in Wasser einzuweichen, sonst sag' ich mit meinem durchlauchtigsten Prinzen Eugenius: ›Lieber Belgrad noch einmal erobern, als von deinem Krätzer trinken.‹«

Der Wirt brachte die Kanne. »Der,« sagte er, »wird's tun, wiewohl er nicht den Blutfahnen führt. Der ist in den Pfalzgrafen gewachsen,« setzte er mit feierlichem Tone hinzu, »in der besten Lage, und zwar Anno damals, wo du aus der Stadt entlaufen bist.«

»Ist's möglich? den Jahrgang lass' ich mir gefallen, der kann abgelegen sein. Aber so oft auch seitdem die Reben wieder geblüht haben, so denkt mir's doch noch, als ob's erst gestern gewesen wär', wie der lang' Assas vor mir am Boden lag und nicht mehr zuckte. Ich hab' unter der Zeit manchen so vor mir liegen sehen, Türken und Christen, und hab' mich dran gewöhnt, aber selbiges erstemal, und im Frieden, potz Schlankement, das war kein Spaß.«

»Zudem, wenn man sich an einem Ratsherrnsohn vergriffen hat.«

»Freilich, Herren sind überall Herren, auch wo sie, wie hier, vom Rathaus heim zu Fleischschragen, Schustersbank, Gerberloch und Schneiderhölle wandeln. Dem langen Assas stak das schon im Geblüt, bei jeder Lustbarkeit wollte er mehr sein als wir andern, und so stieß er auch damals gleich mit dem Messer drauf los, als ob er nach gar nichts zu fragen hätte. Mich aber machte das so wütend, daß ich nichts mehr von mir selber wußte; nur das erinnere ich mich, daß ich den Assas gewürgt und zu Boden geworfen haben muß. Ich wurde just weggerissen, als ich auf ihm herumtrappelte. Wie ich aber sah, daß er nicht mehr aufstand, kam ich wieder zu mir und lief –«

»Bis nach Belgrad in einem Tag.«

»Das grad nicht, aber selbigen Tag noch weit genug, daß ich nicht geglaubt hätte, ich sollte den langen Assas je wieder sehen, weder lebend noch tot.«

»Den Assas wieder sehen?« fragte der Wirt verwundert. »Wie kommst du denn auf den Gedanken?«

Der Veteran drückte ein Auge zu und setzte die Kanne an den Mund, hielt nach dem ersten prüfenden Zuge mit angenehmem Staunen inne, schaute eine Weile gleich wie andächtig auf die goldhelle Flüssigkeit, setzte dann wieder an und vertiefte sich liebevoll in die Kanne.

»Zwar lebendig hättest du ihn noch ein paar Jahre sehen können,« fuhr der Wirt fort, »und hättest nicht nötig gehabt, deine Verlegenheit an den Heiden auszulassen, denn dem Assas hat dein Würgen und Treten nichts getan, vielmehr ist er nachher immer noch länger und länger geworden, als ob er erst jetzt, seit du fort warst, recht auskommen könnte, und oft hat er gelacht über deine unnötige Flucht, hat sich auch nicht wenig gerühmt, daß er dich bis Belgrad gejagt habe. Aber deine Heimkehr hat er nicht erlebt, denn er war so in die Länge geschossen, daß ihm die Lebenskraft in die Breite mangelte, und just auf den Tag, wo er hätte unter die Zwölfer kommen sollen, wiewohl es wider die Statuten ist, daß Vater und Sohn im Rat sitzen, ist ihm sein engbrüstiger Atem ausgeblieben. So viel hat ihm seine Wahl noch eingetragen, daß er als neugeborener Ratsherr nicht zu seinen gemeinen Mitbürgern auf den Totenacker vor der Stadt gekommen ist, sondern man hat ihn in der Kirche begraben, allwo auch sein Name auf seiner Familientafel prangt.«

»Als ob ich nicht alles das wüßt'!« sagte der Veteran, die Kanne lüpfend.

»In allweg,« erwiderte der Wirt, »denn seit du von den Türken zurück und Turmwächter bei uns worden bist, hast du ja Nachbarschaft mit ihm, und das schon manch' liebes Jährlein, nur keine sichtbare.«

Der Türmer drückte beide Augen zu, blinzelte ihn an und reichte ihm die leere Kanne. »Bist ein Biedermann,« sagte er, »dein Pfalzgräfler krabbelt mir bis in den Stelzfuß hinab, am End' tut er noch ein Wunder.«

»Laß ihn aufwärts steigen, Ulrich,« sagte der vorsichtige Wirt, indem er nach dem Keller ging, »Abwärts ist der Wundertäter zu kurz, er macht schon seinen letzten Willen.«

»Vor Belgrad habt Ihr Euch den hölzernen Fuß wachsen lassen, Turmulrich?« fragte einer der Gäste, welche sich, in der Hoffnung von der alten Kriegsgurgel eine Geschichte zu hören, herzugesetzt hatten.

»Nein, so weit braucht' ich nicht nach meinem Glück zu laufen, es lag näher. Der Türk' hat mir kein Härlein gekrümmt, und wo ich mit dabei gewesen bin, da hat er Haar lassen müssen. Gleich das erstemal, daß ich dazu gekommen bin, bei Mohatsch, da hab' ich mich mit meinem jungen Prinzen Eugenius und mit dem alten Lothringer so gehalten, daß der Türk' hat aus Ungarn weichen müssen. Das nächste Jahr war ich mit bei griechisch Weißenburg, wo unsere Kreisvölker die ersten in der Festung waren. Ich stand aber nicht bei ihnen, zog auch nicht mit den Schwaben heim, als sie gleich darauf abgerufen wurden ins Reich, weil der Franzos, der Mordbrenner, über den Rhein gefallen war. Zu dem jungen Bayernfürsten hatt' ich mich geschlagen, und mit dem hab' ich den Belgrader Sturm durchgemacht.«

»Wie ist mir denn aber?« fuhr ein Zuhörer dazwischen, »Ich hab' als gemeint, Belgrad und griechisch Weißenburg sei ein Ding.«

»Freilich,« entgegnete der Wirt. »Nur ist's jetzt der Brauch geworden, daß man bloß noch von Belgrad spricht.«

»Es ist gehopft wie gesprungen,« sagte der Erzähler, indem er den Unterbrecher etwas grimmig ansah. »Vorn heißt's Belgrad und hinten griechisch Weißenburg. – Das war ein Krachen und Donnern, als ob der Welt Einfall vor der Türe wäre,« fuhr er fort. »Mein glorwürdiger Savoyer, der von der andern Seite stürmte, hätte schier seine Laufbahn beschlossen, da sie noch in ihrem ersten Anfang war; aber er kam von seiner schweren Blessur wieder auf, denn ihm war ein anderer Tag von Belgrad in sein Lebensbuch geschrieben, der das Blut des ersten bezahlen sollte. Darauf zog ich mit dem Markgrafen von Baden ins Feld und half ihm den Graf Deckele jagen, den ungrischen Rebellen, daß er froh sein mußte, sein Leben als Weinhändler zu Konstantinopel beschließen zu dürfen.«

»Drum sagt man auch seit der Zeit: ›Hochmut kommt vor dem Fall, wie beim Graf Deckele.‹«

»War doch ein vigoroser Herr, und gut evangelisch, wie unsereins, wenn er's nur nicht mit dem Erbfeind gehalten hätte. Und seine Frau Helene, die war euch ein Weib, über einen Mann, war Kommandant in Munkatsch, und wenn sie nicht verraten worden wäre, so hätten wir die Festung heut' noch nicht. Wir haben ihr aber auch alle Reverenz angetan und haben sie gegen einen gefangenen kaiserlichen General ausgewechselt. Derweil aber hat der Halbmond wieder zugenommen die untere Donau herauf und hat uns alle unsere serbische Festungen auf die Hörner gespießt. Da haben wir auch Belgrad wieder verloren auf lange Zeit, weil es für unseren Fürnehmsten aufgespart bleiben sollte. Bin aber nicht dabei gewesen, wie der Türk' es nahm, sonst hätt' ich vielleicht auf der Taubenpost mitreisen können. Acht Regimenter sind dort dem Kaiser in die Luft geflogen auf einen Schlag.«

»Da mag's erst gekracht haben,« sagte einer der Gäste.

»Ja,« fiel der Wirt ein, »ich weiß noch, wie das Geschrei im Reich erging, der Türk' sei wieder in Belgrad. Man hat schon gemeint, morgen werde er vor Ofen und übermorgen wieder vor Wien stehen, wie Anno dreiundachtzig.«

»Das haben wir ihm vertrieben,« fügte der Türkenfresser, indem er die krummen Spitzen seines Schnurrbarts nach beiden Seiten gerade zog und ein paar greuliche Augen dazu machte. »Bei Schlankement sind wir über ihn her, Anno einundneunzig war's, am neunzehnten August, es ist mir wie gestern, und ist eine solche Aktion und Viktori unerhört gewesen seit der Entsetzung von Wien. Aber der Durcheinander war auch danach. Es gab keine Generalsperson, die nicht hätte ihr Gewehr lösen und sich ihrer Haut wehren müssen, so gut wie ein Gemeiner. Zuletzt rief der Markgraf: ›Drein gerasselt!‹ und mit donnerndem Hufschlag ging's dem Feind in den rechten Flügel, den warfen wir auf den linken, und jetzt, eben wie der Türk' sich noch einmal zusammennehmen will, auf einmal verstummen seine Becken und Schellen, denn unter der Schlacht machen die Heiden an einem fort türkische Musik. – Ist's noch nicht besser?« warf er dazwischen gegen Hanngeorg hin, welcher den Kopf schüttelte.

»– Und da ist euch alles so still geworden, daß man hat sein eigen Wort hören können. Was war's? Der Mustavha Köpperle war gefallen, ihr Großwesier, das Teufelskind, vor dem der Kaiser nächstens nicht mehr in seiner Hofburg sicher gesessen wäre. Wir aber ersehen den Augenblick und brechen durch, denn der Türk' ist dagestanden wie eine vermähte Krot', ganz bestürzt, und drin' sind wir im Lager, und zwanzigtausend pumphosige Heiden decken euch den Walplatz, wie Garben, und Pascha an Pascha. Aber auch wir hatten viel hohe Offiziere eingebüßt, und war schier die ganze Armata zerhauen, wie wenn sie von der Fleischbank käme; nur ich allein bin heil davongekommen.«

»Wisset ihr denn nicht, daß er fest war, der gottlose Kerl?« rief der Wirt. »Er führte ein Galgenmännlein bei sich, ich hab's einmal gesehen.«

»Habt Ihr's noch, Ulrich?« fragte einer der Gäste.

»Was werd' ich's noch haben?« versetzte der Türmer. »Dann hätt' ich ja auch meinen Fuß noch. Nachdem wir mit dem Gröbsten fertig gewesen sind und die Sache weiter keine Gefahr gehabt hat, so hab' ich mich wieder ins Reich heraus gemacht, hab' auch bald verkundschaftet, daß über dem alten Verdruß Gras gewachsen ist, und hab' gedacht, es sei dem Kaiser eben so wohl gedient, wenn ich jeden Tag für ihn die Türkenglocke läute. Und weil ich nicht meinte, daß ich noch einmal in den Krieg müßte, so hab' ich mein Gläslein einem Dünewaldschen Kürassierer, da sie hier im Quartier gelegen sind, verkauft.«

»Wo habt Ihr denn aber Euren Fuß gelassen?« fragte ein Gast.

»Wo werd' ich ihn gelassen haben? Im lieben Bayerland. Wie Anno zwei das Ungewitter von neuem losbrach und unsere Stadt an die dreihundert Mann zum Kreiskontingent stellen mußte, so sprachen mir die Herren zu, ich solle als ein versuchter Soldat mitgehen. Es war mir nur halblieb; denn die Zunftmeister wählten insonders vertunliche Leute aus, an denen nicht viel verloren war; auch zog ich nicht gern gegen den Kurfürsten als meinen alten Alliierten von Belgrad her; doch verdroß mich's auch wieder an ihn, daß er sich mit dem Franzosen gegen den Kaiser verbunden und uns den Handstreich auf Ulm gemacht hatte; auch schafften mir's die Herren, daß mein Weib den Turmdienst versehen durfte an meinerstatt; und so ließ ich mich bereden, zog den grauen Rock an und ging mit. In Heppach, Anno vier, am neunten Juni, bin ich mit dabei gewesen als Schildwache, wie mein Prinz Eugenius mir dem Herzog von Malbruck und dem Wirtenberger Herzog Kriegsrat gehalten hat; denn der Herzog Eberhard Ludwig, als Kreisdirektor, war damals nach gar ein martialischer junger Herr und hatte lieber mit Haubitzen zu tun als mit Grävenitzen. Er bekam auch einen Schuß auf den Brustharnisch, der ihn quetschte, wie wir darauf am zweiten Juli den Schellenberg stürmten bei Donauwörth; auch der Prinz Karl Alexander, sein Vetter, der katholisch geworden ist, wurde ins dicke Bein blessiert; wer aber am schlimmsten wegkam, das war ich, denn während wir, bevor es zur Attacke ging, drei Stunden lang unbeweglich in einem Kreuzfeuer postiert standen, machte mich eine bayerische Kartaune um einen Fuß kürzer. Das half aber alles nichts; so hitzig sie sich in ihrem Retranchement wehrten, herunter mußten sie, Bayern und Franzosen alle miteinander, und wurden dreizehn Bataillone und Eskadronen aufgerieben und bei achthundert Mann in die Donau gesprengt.«

»Aber ohne dich!« brummte sein Patient, der die ganze Zeit über leidend und mürrisch mit dem Kopf in der Hand auf dem Tische gelegen war.

»Freilich ohne mich, sonst hätt' ich's ja machen müssen, wie die Gänse, wenn's regnet. Hab' dann auch im August nicht beim Kehraus sein können und den Tallard mit seinen Unüberwindlichen fangen helfen; aber was meint ihr denn? wenn wir nicht im Monat zuvor so sauber den Schellenberg gefegt hätten, so hätten die Unseren bei Höchstätt nicht so ebenen Tanzboden gehabt. Drum, wenn ich auch diese Tänze jetzt nur noch in meinem Turmstüblein mitmachen kann, so oft mir der Organist den Postreiter zu lesen gibt, so ist mir's doch so leibhaftig, daß die Zeitungsbuchstaben wie ganze Regimenter vor mir aufmarschieren, und die letzten großen Aktionen meines Savoyers, bei Peterwardein und Belgrad, sind mir gewesen wie Fleisch von meinem Fleisch und Bein von meinem Bein, und wenn mir die Glori meines Helden wohl tut wie die warme Mittagssonne, so denk' ich dran, daß ich schon am frühen Morgen mit ihm auf der Bahn gewesen bin, lang eh' er's so weit gebracht hatte wie jetzt, und hab' mit ihm den Halbmond gestutzt und nachher auch noch den Gockelhahn gerupft, unsere beiden Erbfeinde.«

»Das ist ein guter Trost für das Stillsitzen,« lachte einer der Gäste, »aber ein schlechter für den seligen Fuß.«

»Für den muß ich mich eben mit dem häuslichen Sinn trösten,« erwiderte der Türmer, »denn die vielen steilen Stiegen tuts freilich nicht oft und geht mir allemal lang nach, klappert auch, wie nichts Gutes, absonderlich in der Nacht.«

»Es muß doch etwas Apartes sein,« hob ein anderer an, »wenn man so hoch über den Häusern und Dächern sitzt im engen Turmstüblein.«

»Ja, ja,« versetzte der Türmer und schaute lang in die Kanne; sein Gesicht hatte einen eigentümlichen Ausdruck, es war schlau und träumerisch zugleich. »Wenn man abends so durch das einzige kleine Fensterlein auf das Meer von Lichtern drunten sieht, so ist's, als säße man auf einem umgekehrten Felsen und hätte die Sterne unter sich. Oder,« fuhr er abgebrochen fort, »man steht draußen unter dem Glockenstuhl im hohen Turmfenster, zwischen den heraufragenden Türmlein, Zacken und Löwenköpfen, die Lichter löschen ein's um's andere aus, die Stadt liegt tief unten und tut keinen Atemzug, der Nachtgeist streicht durch die offenen Fensterbogen, haucht leis über die Glocken hin, endlich entschläft er, nun lebt nichts mehr in der Welt als unter den Füßen die Unruhe der Uhr mit ihrem Ruck-Ruck, Ruck-Ruck, und dann und wann raffelt's wie ein plötzliches Zusammenschrecken in den großen Rädern und Gewichten, so daß es einem vorkommt, der Turm sei ein lebendig Wesen mit Herz und Puls im Inneren, und oben im Kopf da wohnt die metallene Stimme, und neben ihr das lichte Ding, das über allem diesem brütet und simuliert – versteht ihr, das ist der Wächter selbst, denn der sitzt recht dem alten Riesen im Kopf, wie der Gedank' im Kopf des Menschen sitzt. – Hast's immer noch im Zahn?« fragte er unversehens den Trübsalbläser, der sich bei den letzten Reden aufgerichtet hatte.

»Wie du's im Hirngehäus hast,« brummte dieser, ohne jedoch die Hand mit dem Läppchen von der Wange zu entfernen.

»Ich glaub', ich tät mich fürchten,« sagte einer, »wenn's bei stiller Nacht im Turm so ruckt und lebt.«

»Contrari,« versetzte der Türmer blinzelnd, »da droben ist man sicher wie in Abrahams Schoß und hört nichts von dem, was drunten vorgeht, tief unter der Uhr und unter dem Kreuzgewölb. Denn dort möcht' ich nicht jede Nacht sein.«

»Was? wo?«

»Nun, in der Kirche selber.«

»Woher wisset Ihr das, Ulrich?« riefen die andern, indem sie näher zusammenrückten.

»Vom Sehen. Ich bin einmal dazu gekommen, es war am Bürgermeisterstag, die Herren feierten die Wahl mit einem Bankett und Tanz auf dem Rathaus, und weil meine Glocken am Morgen so lustig zur Ratsprozession geläutet hatten, so meinte ich am Abend, mir könnte wohl auch einiges Türkenblut springen bei meinem Kasper da. Nun, es war spät geworden, aber eine glanzhelle Julinacht, der Vollmond stand am Himmel, und wie ich den steinernen Schnecken wieder heimsteige, schlägt's eben Mitternacht über mir. Nachdem es aber ausgeschlagen hatte, da war mir's, als hört' ich neben drunten ein Geräusch. Ich bleibe stehen, und richtig hör ich ein Klopfen und Poltern von der Kirche her, daß ich gleich denken muß: da gibt's etwas. Ich steige also vollends hinauf bis zur Sommerlaube, gehe weiter, bis wo die Glockenseile durch's Gewölb ins Paradies hinabhängen, in die Vorhalle der Kirche, lege mich auf den Boden und gucke durch eins der Löcher hinunter. Aber was sehen meine Augen? Es war so hell drunten, daß man jede Fuge in den Bodenplatten unterscheiden konnte. Und da erlustierte sich eine Gesellschaft, wie man nicht leicht eine schauen wird, lauter Knochen und klapperdürre Gebeine ohne Haut und Fleisch. Sie wackelten an den Wänden und Nischen hin, klopften mit den beinernen Fingern an die Grabsteine, daß es hallte, und da kamen immer noch mehr, bis die ganze Vorhalle von ihnen erfüllt war. Man konnte nicht anders denken, als sie seien dem Wahltag zu Ehren aus dem Bett geschlupft, um geziemendermaßen als Ratsverwandte auch ihre Festivität zu haben.«

»Ulrich, verbrenn' dir das Maul nicht!« unterbrach ihn der Wirt, »Und ihr,« rief er den Gästen zu, indem er die Stimme dämpfte, »hütet eure Zungen. Wenn's durch ihn lautbar würde, daß die tote Ratsherrenschaft am Bürgermeisterstag im Paradies bankettiere, er müßt' in den Diebsturm, wie verwichen der Kantengießer, der mit den Herren gehadert hat im großen Rat.« »Wir sagen's nicht weiter!« beteuerten die anderen in wonnig grausiger Erwartung der Dinge, die da kommen sollten.

»Zu bankettieren hatten sie nichts,« versetzte der Türmer. »Es ging ganz mager und trocken her, aber lustig bei alledem. Man sollt's nicht glauben, wie Leute, die bei Lebzeiten vielleicht bocksteife Gesichter gemacht haben, nach ihrem Tod so kurzweilige Gesellen werden können. Sie hingen sich an die Glockenseile, wie wir's in unserer grünsten Jugend gemacht haben, und flogen daran durch die ganze Halle hin und her. Wann faßten sie einander alle an den Händen und begannen einen Reigen zu wackeln, ob dem ich schier laut lachen mußte. Es ist nicht zum Beschreiben und ging über jeglichen Fastnachtsschwank, wie bei diesem Tanz die langen Beine einknickten und die dürren Knochen durcheinander schlotterten. Zuweilen fielen sie haufenweise zu Boden, und manche, die nicht mehr niet- und nagelfest sein mochten, gingen dabei in Scheiben; so wie sie aber wieder auf die Beine kamen, waren sie wieder ganz und wackelten weiter, als ob nichts geschehen wäre. Das war euch ein Getöse, ein Regiment Störche kann nicht ärger zusammenklappern. Manchmal hielten sie auch mit dem Tanzen inne und ruhten aus, wie es auf dem Tanzboden Sitte ist, etliche an die Säulen gelehnt, andere miteinander auf- und abgehend, wobei sie gleichsam in eifrigem Gespräch mit den hohlen Schädeln gegeneinander nickten und wackelten. Wenn ein Tanz aus war, so schlupften sie ehrbar in ihre Gewande, wer eins hatte, denn daran konnte man erkennen, wie lang einer schon in die Sippschaft verbürgert war; die einen waren noch ziemlich wohl versehen, die anderen trugen nur noch schlechte Fetzen, womit sie zur Not ihre Blöße deckten, und wieder andere gingen nackt und bloß, ließen sich's aber nicht anfechten, waren vielmehr froh, wenn sie nur noch ihre Knochen vollständig beieinander hatten und ihnen der Mond nicht so breit durch die Rippen schien, wie den gar Alten. Hub der Tanz wieder an, so legten, die so bekleidet waren, ihre Hemdlein säuberlich auf eine Schranne in der Ecke, nicht weit von der Turmtüre. Ganz zuletzt, nachdem schon ein paar Klappertänze vorbei waren, kam noch ein Nachzügler auf den Plan, der sich erst kurz zur Ruh begeben zu haben schien, denn er wankte verschlafen daher, ein himmellanger Kerl –«

Der Wirt ließ ein kurzes bedeutsames Lachen hören.

»Er hatte ein langes weißes Leinentuch um, dem man ansah, daß es noch neu war, und stolzierte darin herum, als ob's ein Alamodekleid wär'. Auch wollt' er's nicht ablegen, wie ihm nach einer Weile vom Zusehen die Lust zum Tanzen kam. Die anderen aber hielten streng auf ihre Tanzordnung, schüttelten ihre Köpfe, zerrten ihn am Hemd, und als er sich wehrte, stießen sie ihn, daß er zu Boden fiel und die langen Beine in alle Höhe streckte. Da mußte er Spaß verstehen lernen und sein Hemd zu den andern auf die Schranne legen, worauf er mittun durfte. Sie rissen ihn aber so mutwillig herum, daß euch das lange dürre Gerippe, das über alle um mehr als einen Kopf hinausragte, den possierlichsten Tänzer abgab, über den man je auf einem Tanzboden gelacht hat. Ich hatte das Ding eine gute Zeit so angesehen, da reitet mich der Teufel –«

»O, nur das nicht!« rief unwillkürlich einer der Gäste aus.

»Was nicht?« fuhr ihn der Erzähler an.

»Weiß ich's denn?« entgegnete der verblüffte Zuhörer, dessen Zunge der Einbildung vorausgelaufen war.

»Das wär' just ein Grund zum Schweigen, dächt' ich,« bemerkte jener. »Ich konnte dem Einfall nicht widerstehen,« fuhr er fort, »schlich hinunter, riegelte leise die Tür' auf, die in die Kirche führt, kundschaftete einen Augenblick, ob sie meiner nicht gewahr würden, aber sie tanzten und klapperten wie besessen fort, und mit einem Schritt war ich in der dunklen Ecke, hatte das oberste Stück von ihrer Guardaroba erwischt, und ebenso geschwind war ich wieder draußen aus dem Paradies. Nun wurde mir's aber doch ein wenig visierlich ums Brusttuch, und ich hätte nicht geglaubt, daß man einen Wendelstieg so schnell hinaufkommen könnte.«

»Mit dem Stelzfuß?« fragte der Zahnwehkranke so spöttisch, als ob er ein Kartenhaus umgeblasen hätte.

Der Türmer drehte seine Schnurrbartspitzen, daß sie wie krumme Säbel emporstanden. »Verstehst du nicht deutsch?« erwiderte er. »Hast's doch deutlich hören können, daß ich noch nicht lang' aus dem Türkenkrieg zurück war. Die Kugel, die mir das Turmsteigen sauer macht, war damals noch nicht gegossen oder schlief noch im Ingolstadter Zeughaus. Auch war ich noch ledig, hatte aus dem Feldlager eine harte Bärenhaut mitgebracht und hätte wohl wollen den Tod hinter dem Ofen fangen und den Teufel im Sack prügeln. Also streckte ich mich wieder bei meinem Guckloch nieder und sah, daß ich die Zeit gut getroffen hatte, denn sie machten eben wieder Feierabend und legten ihre Mäntel an, während die Unbekleideten nach und nach hinter den Grabsteinen verschwanden, wie sich die Fliegen, wenn's Winter wird, in die Wände verlieren. Mein Langer aber, denn das war der Bestohlene, geistete unruhig durch die jüngere Gesellschaft hin und her und wollte da und dort einem anderen das Gewand von den Knochen reißen, worüber es zu Balgereien kam, wie sie in keinem Dockenkasten närrischer sein können. Dann krabbelte er an den Wänden und Grabsteinen herum, ob einer der vorangegangenen Schlafgesellen sich seines Hemdes bedient habe. Auf einmal aber, ich weiß nicht, hab' ich vielleicht das Lachen nicht recht verhalten können oder hat er's sonst gemerkt, auf einmal mit einem Affensprung hängt er am Glockenseil und schießt dran herauf wie ein Pfeil, ich hab' mich kaum noch zurückwerfen können, da fährt schon sein beinerner Arm durch das Loch und flügelt nach allen Seiten umher, kriegt aber nichts, und fort ist er wieder. Nun aber überliefs mich wie geschmolzenes Blei, denn es fiel mir ein, daß ich die Tür unten offen gelassen hatte. Mein einziger Trost war, daß er mit seinem Gliederspiel nicht so rasch den Schnecken heraufspringen werde, aber trau schau wem? Das Leintuch um den Arm gewickelt, das ich um keinen Preis hergegeben hätte, lief ich Sturm die Stiegen empor, und ein Wunder war's, wie sicher das in dem stockfinstere Turme ging. Aber so sehr ich auch eilte, denn zehn Batterien im Rücken hätten mich nicht stärker gejagt, so kam es mir doch wie eine Ewigkeit vor, und erst als ich die oberste Stiege hinter mir hatte und wieder unter meinen Glocken stand, wagte ich Atem zu schöpfen. Da oben war's auch wieder hell und freundlich, wie am Tag, der Mond sah zum Bogenfenster herein. Dreiviertel schlug's, wie ich oben angekommen war. Jetzt: kommt er, oder kommt er nicht? Ich horchte hinab, hörte aber nichts als den schweren Gang der Uhr. Halt, was war das? Zwischenhinein ein hölzerner Ton, etwa wie wenn ein Fensterladen oder so etwas anschlägt. Es kommt näher, wird immer deutlicher. Manchmal ist's wieder still, dann schwingt aber ein's von den Glockenseilen, zum Zeichen, daß er sich dran heraufzieht, bis er dem Gebälk oder sonst einem Hindernis begegnet und wieder den beschwerlicheren Weg auf den Stiegen machen muß. So geht es abwechselnd fort, aber unverdrossen, und immer lauter wird das Geklapper, und jetzt ist's kein Zweifel mehr: er kommt, kommt richtig.«

»Hu!« riefen die Zuhörer.

»Was tun?« fuhr der Erzähler fort. »Mich in meinem Stüblein verschanzen? Was sind dem Riegel und Blockwerke? Der kommt hinein und erwürgt mich schmählich zwischen den niedrigen vier Wänden! Mich auf den Umlauf hinaus flüchten? Da kommt er nach und wirft mich elendiglich über die Brustwehr hinab. Besser also, hier, unter meinen Glocken, auf meinem Posten bleiben und mich halten wie ein ehrlicher Soldat. Ich nahm mir nicht Zeit, meine Hellebarde aus dem Stüblein zu holen, den Stundenhammer machte ich aus Riemen und Nagel los, und so stand ich mit hochgehobenem Arm am Stiegenrand unter der großen Glocke, die halb dort über der Stiege hängt. Und jetzt kam's an diese oberste Stiege. Bei jedem Tritt brachen ihm die Knie ein, aber er krallte die weit vorauslangenden Hände in die Staffeln und zog sich nach, wie ein langer langer Schnak', so daß es schneller ging, als ich ihm zugetraut hätte. Und während es noch weit unten auf den Staffeln klapperte, fuhr auf einmal mit einem mächtigen Schwung ein Kopf und ein Arm unter der Glocke weg aus dem Dunkel hervor, und der Arm tut einen langen Griff nach mir –«

»Jesus!« schrien die Zuhörer.

»Schüttelt's dich doch endlich, Hanngeorg?« sagte der Wirt.

»Ein Laut ging durch den Turm, als ob ihn der Schreck durchzuckt hätte, aber es war die Uhr, sie hatte gewarnt. Ich war drei Schritte zurückgesprungen und bereitete mich zum Schlag – da, denket euch, wie mir zu Mut wird, als ich den Kerl erkenne! Schier war' mir der Hammer aus der Hand gefallen. Denn wer war's?«

»Wer anders als der lang' Assas!« sagte der Wirt.

»Geschwätz!« bemerkte der Patient, der zum erstenmal freiwillig den Mund auftat, »Wie sollt' an einem Totenkopf etwas zu erkennen sein? Der hat ja kein Gesicht.«

»Und ich sag' euch,« rief der Türmer, »es war der lang' Assas, ich sah ihn so deutlich, wie ich euch alle da vor mir sehe. Es war, als ob die Knochen sich zu einem Gesicht verzögen, das im weißen Mondlicht einen Schein von Leben angenommen hätte. Er grinste mich mit einem grimmigen Lachen an, und ob er gleich keinen Laut von sich gab, so verstand ich doch, was er sagen wollte: Gelt, ich hab' dich bis nach Belgrad und Schlankement gejagt, und nun will ich dich vollends ins Bockshorn jagen. – Probiers! dachte ich und wollte ihm eines zwischen die Ohren geben, das mir wohl wenig geholfen hätte, da rasselts mit aller Macht, und holt aus, und auf der kleinen Glocke schlägt es eins. Meine alte Susanne über mir wurde unruhig und hätte gleichfalls gern geschlagen, aber sie konnte nicht, weil ich ihr den Hammer genommen hatte. Nun weiß ich nicht, wie es mich überkam: war mir's in die Glieder gefahren, als guter Turmwächter meiner Glocke beizuspringen, oder ist's eben in der Verwirrung meiner Sinne geschehen, kurz, statt dem Assas geb' ich der Glocke den Streich, und das mit beiden Händen, einen Streich, wie wenn man einen Ochsen schlägt. Sie hat aber auch Laut gegeben, die gute Susanna mit ihrer tiefen Stimme, einen zornigeren Baß habe ich keine Kartaune jemals singen hören. Und siehe da, ich hatte in meinem Unverstand das rechte Mittel getroffen. Der Donnerschlag, der mich selbst schier zu Boden geworfen hätte, fuhr dem Gesellen auf den Kopf, und zusammen bricht er, und krach, krach, klatsch, klatsch, geht's die Stiegen hinunter, immer ferner, immer dumpfer aufschlagend, bis endlich nichts mehr zu hören ist. Es blieb auch still, und ich will nicht leugnen, daß mir's wohler war als zuvor.«

»Das glaub' ich,« sagte einer der Zuhörer. »Aber hat er wirklich den Hals gebrochen?«

»Den andern Morgen, das könnt ihr euch denken, sah ich zeitig nach. Tief unten, wo die unterste Stiege wieder auf dem Gemäuer aufsteht, lag ein Haufen Gebeine, zerstreut und zerbrochen. Bis dahin waren sie durch die halb offenen Stockwerke hinuntergefallen und mögen sich unterwegs an manchem Balken gestoßen haben, bis sie auf dem steinernen Grund vollends den Rest bekamen.«

»So ist's also kein Traum gewesen?« rief einer der Zuhörer, den das Entsetzen jetzt erst recht zu ergreifen schien.

Der Türmer nickte. »Ich trug sie nach der Sommerlaube hinab und über das Gewölb des Kirchenschiffs bis ganz nach hinten, wo sich ein Abgrund zu Füßen auftut. Ihr wißt, das ist der grüne Turm, der durchein hohl und von außen und von innen unzugänglich ist. Man glaubt, es sei gar nichts drin, aber ich weiß es besser, denn dort drunten liegt der Assas. Dort hab' ich ihn hinuntergeschüttet. Aber wißt ihr, wem ich's erzählt habe? Dem Enakskind, das an dem großen Haus unter der Kirche gemalt ist.«

»Dem Niemand!« riefen die Gäste lachend; denn alle kannten das Bild, das die allegorische Person, die so vieles weiß und so vieles getan haben muß, in riesiger Gestalt darstellte.

»Und ist er nicht mehr gekommen?« fragte einer.

»Der Niemand?«

»Nein, der Assas.«

»Bis jetzt nicht. Er wär' auch bei meiner Alten noch übler gefahren, als bei mir. Ich hab' nämlich bald hernach geweibet, um nicht so allein zu sein, und auch damit die Herren nichts sagen konnten, wenn ich vielleicht einmal die Türkenglocke da unten beim Kasper zog statt droben im Turm.«

»Und das Beutestück, hast du das deiner Alten zur Morgengabe gebracht?« fragte der Wirt, nachdem er einen Blick mit dem Erzähler gewechselt hatte.

»Was willst du damit sagen?«

»Das Totenhemd, mein' ich, das du erobert hast,«

»Ja so, das hätt' ich bald vergessen,« sagte der Türmer, aus den halb zugekniffenen Augen einen langen Blick auf seinen Patienten werfend, »Das Leintuch hab' ich wohl aufgehoben, hab's auch gleich hernach brauchen können. Denn in der nämlichen Nacht, in der ich zweihändig hab' eins geschlagen, hat noch ein anderer in der Kirche ein wunderliches Stück erlebt. Des Organisten Bub', wem's noch denkt –«

»Der in der Kirche verschlafen ist?« rief der Wirt.

»Ja, unter der Vesperpredigt. Vermutlich war ihm etwas vom Bürgermeisterswein zugeflossen, denn damals hat man reichlicher ausgeteilt, wie jetzt. Da ist er an der Orgel sitzen blieben, bis er ausgeschlafen hatte, und wie er nach Mitternacht erwacht und sich umsieht, ist kein Mensch weder zu hören, noch zu sehen. Vielleicht ist er an meinem Glockenschlag aufgewacht, der wohl einen Toten hätte erwecken können, oder auch von dem andern Geräusch. Ein couragierter Bub' ist er gewesen, und wie er sieht, daß niemand sein Geschrei in acht nimmt, so steigt er über die Orgel beim Rückpositiv, schlägt beide Füße hinüber und läßt sich auf die Singpore hinab. Ihr wißt, wie hoch das ist, der Bub' hätt' sich leichtlich zu tot fallen können. Auch ist er im Herablassen auf den Rücken gefallen und hat an einem Fuß angefangen zu hinken, ist aber endlich hinab über die zwei Stiegen in die Kirche gehunken und hat dem Mesner an der Tür geklopft, der ihn dann hinausgelassen hat.«

»Ja,« fiel der Wirt ein, »sein Vater hat mir's den andern Tag geklagt, wie er ihm nachts vors Haus gehoppet kommen sei, und wie man jetzt den Barbierer für den Fuß brauchen müsse.«

»Der Fuß wär' bald geheilt gewesen,« nahm der Türmer wieder das Wort, »aber nun ist das Hitzige am Buben ausgebrochen, und da hat kein Barbierer und kein Physikus geholfen. Mein Weib war damals noch beim Organisten im Dienst, und da hab' ich sie beredet, und wir haben miteinander den Buben in das Leichentuch eingewickelt ohne seiner Eltern Wissen, denn erst nachher hab' ich's seinem Vater heimlich gesagt. Es hat ihm aber auch in einer einzigen Nacht alle Hitze herausgezogen. Es kühlt so, gelt, Hanngeorg?«

Der Patient, der die ganze Zeit den Lappen gewohnheitsmäßig an die Wange gehalten, unter den letzten Reden aber mißtrauisch immer weiter von ihr entfernt hatte, warf ihn jetzt auf den Tisch, als hätte er eine Schlange wegzuschleudern.

Ein schallendes Gelächter erfolgte. »Es ist doch etwas Unmenschliches um so einen alten Soldaten!« rief einer der Gäste.

»Ei was!« versetzte der Türmer. Das Mittel ist heut noch probat, wie bei der ersten Kur. Hab' manche seitdem gemacht, versteht sich, in der Stille.«

»Und nach dem Buben hast du gleich seine Wärterin kuriert?« fragte der Wirt.

»Der Türk' hat keine Kur begehrt,« lachte der Türmer. »Aber wahr ist's, weil sie am Krankenbett des Buben ein Vertrauen zu mir gefaßt hat, so hat sie ihr Kreuz auf sich genommen und ist mir unter den Glockenstuhl nachgefolgt.«

»Und der Bub' ist jetzt auch schon eine Weile her beweibt, der damals noch so jung war. So vergeht die Zeit.«

»Ja, und deswegen muß ich jetzt heimklappern, sonst kocht mir meine Alte Kifferbsen. Gut' Nacht beieinander. Wie steht's denn mit dem Schmerz, Hanngeorg?« fragte er im Aufstehen.

»Das Zahnweh ist weg,« versetzte dieser, »ich kann's nicht leugnen. Aber mit deinem Teufelszeug bleib' mir vom Leib.«

Der Türmer lachte, steckte den Lappen sorgfältig ein und stelzte nach der Türe. Der Wirt ließ ihn halb über die Schwelle gehen, dann rief er ihm nach: »Alter Schlankementer!«

»Was ist's, Kasper?«

»Wenn du jetzt im stockfinsteren Turm hinaufsteigst, und dein Totenbein auf den Stiegen klappert, denkst du nie dabei an den beinernen Schnaken, der den Weg dort hinauf kennt? Wenn er sich jetzt aus dem grünen Turm aufgemacht hat und dich vielleicht schon in der Sommerlaube erwartet? Oder du bist im besten Steigen, da zittern und rasseln auf einmal die Glockenseile neben dir, und unter dir klappert ein zweiter auf der Stiege, der dir folgt und mit langem, langem Arm nach dir greift – ?«

Der Türmer hatte sich bedächtig umgewendet. Er strich die Spitzen seines Schnurrbarts herab, daß sie wie Trauerweiden niederhingen. Dann machte er leise die Türe wieder zu, kam zurück und warf sich auf die Bank, daß der Stelzfuß gerade hinausragte. Die Gäste sahen einander an, teils in grauslichem Mitleid, teils verstohlen lächelnd über die Schwäche, die den alten Türkenhammer überkommen zu haben schien.

»Es ist nicht christlich von dir,« sagte dieser endlich, »daß du mir eine solche Zehrung mit auf den Weg gibst. Du hast gut reden, du darfst im geheuren Nest sitzen bleiben. Ich muß jetzt nur ein wenig warten, bis die Anwandlung vorüber ist, und du, schaff' du derweil noch eine Kanne her. Die andern fallen dem Hanngeorg aufs Kerbholz, aber die da mußt du leiden. Es ist selbstverschuldet.«

Nun kam die Reihe des Ausgelachtwerdens an den Wirt, der jedoch lustig mitlachte und willig noch einmal in den Keller ging.

Die Kanne war bald geleert. »Aber jetzt muß ich Sturm laufen,« sagte der Türmer. »Meine Alte kommt am Ende so in Angst, daß sie nach mir sucht, und dann brächten wir sie nicht so leicht mehr fort; denn die Angst, habt ihr gesehen, wirkt auf den Durst.«

Er beurlaubte sich zum zweitenmal und ging. Unter der Türe aber blieb er stehen. »Kasper!« sagte er.

»Was, Ulrich?«

»Oder willst mich noch einmal fürchtig machen?«

»Nein, nein!« rief der Wirt lachend. »Mit Fried' und Freuden fahr' dahin! Das Fäßlein ist leer. Alter Wein hält nicht so lang', wie alte Geschichten, sonst brauchte unser Herrgott keinen neuen wachsen zu lassen.«

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