Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Kurz >

Gesammelte kleinere Erzählungen, 3. Teil

Hermann Kurz: Gesammelte kleinere Erzählungen, 3. Teil - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Kurz
titleGesammelte kleinere Erzählungen, 3. Teil
publisherMax Hesse's Verlag
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070510
projectid3a63a95b
Schließen

Navigation:

Den Galgen! sagt der Eichele.

Item, einsmals hatten die Beutelspacher und die Bopfinger einen Span miteinander. Derselbige hatte sich erhoben wegen eines Zolles, mit welchem die Bopfinger den Beutelspachern den Weg verlegt hatten. Nun wäre es zwar das beste gewesen, wegen solchen Zolles eine Einung miteinander aufzurichten; allein so viele Einungen auch dazumal gemacht wurden, so schossen doch die Zweiungen reichlicher und lustiger ins Kraut. Auf beiden Seiten standen mannhafte und streitbare Helden, die ihr heißes Blut in etwas abkühlen wollten. Also beschlossen sie den Krieg und schickten einander Absagebriefe, die fein langsam und deutlich geschrieben waren.

Damals aber war in deutschen Landen ein sonderlicher Brauch: wenn zween Teile miteinander stößig wurden und ein Krieg zwischen ihnen anging, so griffen sie, ehe denn sie das Schwert zogen, zu mancherlei vorgängigen Tathandlungen, um warm zu werden und förderlich in Harnisch zu geraten. Die Beutelspacher fingen's züchtig an: sie fuhren hin, hieben den Bopfingern ihre Bäume um und zogen wieder heim. Da gingen die Bopfinger auch nicht müßig, rückten her und schnitten den Beutelspachern die Weinberge aus, trieben auch ihre Ziegen hinein, welche die jungen Schösse fressen mußten fürs kommende Jahr; dann zogen sie gleichfalls wieder heim. Nun war es den Beutelspachern schon ein wenig heiß um die Leber geworden; sie machten sich auf, legten sich in einen Hinterhalt nicht weit von einer Aue, wo die Frauen und Töchter der Bopfinger lustwandelten, fielen in sie und schleppten dieselbigen gefangen hinweg, einen ganzen Schwarm; ihrer etliche aber ließen sie ohne Gürtel wieder ziehen, darum daß sie, wie sie fürgaben, böse Mäuler hätten. Solches verdroß die Bopfinger über alle Maßen sehr; sie brachen den Beutelspachern in ihre Landschaft und sengten und brannten, daß die Vögel aus der Luft gebraten herunterfielen und die Engel im Himmel ihre Füße hinaufziehen mußten. Dieses Fürnehmen war den Beutelspachern unleidlich, sammelten ihr Volk und jagten mit einem reisigen Zuge den Bopfingern nach, legten eine Wagenburg um ihre Stadt und Gezelte und begunnten sie zu belagern und schwerlich zu berennen.

Die Bopfinger aber hielten sich stattlich und ließen die Feinde nicht hinein, außer wen sie mit ihren langen Haken über die Mauern in die Stadt zogen, und selbige wären lieber draußen geblieben bei den Ihrigen. Die Beutelspacher wurden auch nicht blaß und wollten nimmermehr von dannen weichen, bis daß sie die Stadt bezwungen hätten. Am Ende gedieh es dahin, daß auf beiden Seiten alles, was die Zähne brechen oder malmen konnten, aufgezehrt war und eine Wurst nicht für Gold zu haben gewesen wäre, weder im Lager noch in der Stadt, da versah man sich wohl, wer den anderen niederhungern könnte, würde Meister sein. Die Bopfinger aber waren gar zäh, schnürten sich Stricke um den Leib, auf daß sie den Magen, wenn er knurrte, in der Botmäßigkeit erhielten, und tat ihnen der Hunger allzuweh, so machten sie grimmige Gesichter von ihren Mauern herunter, wie vor lauter Streitlust. Die Beutelspacher dagegen hatten größere Mägen denn die Bopfinger, darum geschah ihnen vom Hunger zwier soviel weh, konnten sich auch zuletzt nicht mehr fristen, sondern beschlossen, ihr Letztes zu wagen, einen erschrockenlichen und sorgfältigen Sturm. So taten sie auch, aber der Sturm geriet ihnen übel, denn sie fielen aus Magenschwäche wie auch von den Stößen der Bopfinger haufenweise die Leitern herab und sahen, daß sie diese harte Nuß unzerschroten lassen müßten.

Da hielten sie einen Kriegsrat und wurden eins: weil die Feinde müde und hinfällig sein würden vom Streit, so wollten sie versuchen, ob sie dieselbigen nicht durch Schrecken und Überführung des Gemüts bezwingen könnten. Schickten also zween Herolde unter die Mauern und ließen sie auffordern, von Stund an ihre Stadt einzugeben, sonst wollten sie stürmen, daß man den Schall und Tos bis vor Gottes Thron hören müsse, wollten auch des Kindes im Mutterleib nicht schonen, und noch andere grausame Reden mehr. Die Bürger aber ließen sich nicht bedräuen, liefen von den Mauern herab, sie wollten die Stadt nicht übergeben, nicht einen Stein; und einer von ihnen, er hieß Eichele, ein kecker, frohmütiger Gesell, der allezeit gar fromm unter den Vordersten gestritten hatte, schrie spöttlich hinunter: »Ja, den Galgen, den könnet ihr han!«

Die anderen riefen's ihm nach und lachten die Herolde aus.

Damit ritten die Herolde wieder davon und berichteten im Lager getreulich, was ihnen abseiten der Stadt anbefohlen worden war. Die Beutelsbacher konnten's nunmehr mit Händen greifen, daß sie für diesmal das Spiel verloren hätten, und schickten sich ohne fernere Umschweife zum Abzug an. Wie sie aber am Galgen vorüberkamen, der im freien Felde stund – die Bopfinger hatten vergessen, eine Schildwache bei ihm zurückzulassen – da gedachten sie der Antwort, die ihre Herolde überbracht hatten, und deuchte ihnen geraten, solch ehrlich Erbieten nicht von der Hand zu weisen. Trugen also den Stock und Galgen ab, um doch nicht ganz unpreislich heimzukommen, sondern wenigstens ein Denkmal mitzubringen, und richteten ihn hernach in ihrem eigenen Gebiete wieder auf.

Nachdem sich aber beide Teile in etwas gestärkt hatten, brachen sie von neuem gegeneinander hervor. Die Bopfinger hatten ihre Helfer versammelt, eine weidliche Schar; die Beutelspacher hatten auch ihre Bundesgenossen um Hilfe gemahnt; und so trafen beide Heerhaufen auf einem Felde zusammen am Tage Allerseelen und stritten miteinander den ganzen Tag. Da gab es ein großes Geschläg. An diesem Tage kämpfte auch der Eichele mit, der den Beutelspachern den Galgen zum Schmerzensgeld angeboten hatte, und ihm zur Seite stund ein Söhnlein seines Stadtmeisters, so nannte man den Bürgermeister; dasselbe hatte der Herr Stadtmeister ihm in seine Obhut und Fürsorge gegeben, weil er bekannt war für einen tapfern und zuverlässigen Mann. Das junge Herrlein war aber sehr unmüßig und fürwitzig und suchte sich allenthalben vorzudrängen in seinem grünen Wappenröcklein, so daß der Eichele seine liebe Not, Mühe und Arbeit mit ihm hatte. Da wurde er mit eins von den zween Herolden angerannt, die er mit Unehren von der Stadtmauer fortgewiesen hatte, und während er sich gegen dieselben zur Wehr setzte, wischte das Herrlein von ihm weg, um auch mit jemand auf dem Blachfelde anzubinden. Da stieß es auf einen langen Beutelspacher, der stand mitten im Feld allein, hatte Feierabend und sah dem Getümmel zu. Das Herrlein machte sich an ihn, begann höhnisch mit geschwungenem Schwert um ihn herumzutanzen und rief: »Du langes Krokodil, beiß in mein Schwert und bück' dich nicht!« – diese Rede war dem Reisigen beschwerlich, und er hob seinen Streitkolben, der mit spitzigen Stacheln beschlagen war. »Du kleiner Grashupfer, küß meinen Morgenstern und streck dich nicht!« sagte er und schlug das Herrlein zwischen die Ohren, daß es erbärmiglich zappelnd auf den Boden fiel. Unterdessen entstrickte sich der Eichele seiner beiden Widerwärtigen und gedachte dem Stadtmeisterlein beizuspringen, aber er kam zu spät, seinen Freund, der ihm anvertraut war, zu erledigen, und konnte nichts weiter als den langen Schlagetot zu ihm in den roten Klee werfen, was er auch mit einem einzigen Hieb zuwege brachte. Das arme Herrlein reichte ihm vom Boden herauf die Hand, radbrechte noch ein Paar Worte, befahl ihm einen letzten Gruß an seinen Vater und löste sein Halsgeschmeide, um es seinem getreuen Schirmer und Rächer in Gedächtnisweise zu verlassen.

Dieser drückte ihm die Augen zu und eilte in das Getümmel zurück, wo er ungebärdig unter die Feinde schlug. Es war aber alles vergebens. Da der Tag sich neigte, neigte sich der Sieg auf die Seite der Beutelspacher, die Bopfinger samt ihren Eidgenossen wurden aufs Haupt geschlagen und flohen eilends heim, ein jeglicher in seine Hütte. Doch brachten sie ihre Toten ehrlich von der Walstatt mit hinweg und ließen den Feinden nichts denn einen alten, wollenen Kappenzipfel, welchen ein Pfahlbürger auf der Flucht verlor. Der durfte wohl des Fersengelds nicht sparen vor den Beutelspachern, denn wenn sie ihn gefangen hätten, so hätten sie ihm beide Augen ausgestochen, weil er ihnen zuvor verbürgert war und hatte ihnen geschworen, war aber ein unverrechneter Amtmann, der sich nicht getraute, seine Rechnung abzulegen, und hatte sich darum von ihnen entfremdet und war Pfahlbürger worden bei den Bopfingern. Die Beutelspacher aber hielten den erbeuteten Kappenzipfel gar hoch als ein großes Siegeszeichen, ja nicht weniger denn wie wenn sie ein ersiegtes Fähnlein zuhanden gebracht hätten, setzten ihn auf eine Stange und verwahrten ihn in der Kirche, wo sie ihre Toten begruben, und in der Inschrift zu deren Häuptern, worin Tag und Stunde geschrieben stand, wann diese Biedermänner ehrlich und ritterlich erschlagen worden, denen Gott eine fröhliche Urständ verleihen möge, gedachten sie auch des Kappenzipfels mit den Worten: »Und auf die Stund wurd dieser Kappenzipfel in Fähnleinsscham den Feinden abgewonnen.«

Es waren aber bei der Geschichte auf beiden Seiten viele Gefangene gemacht worden. Und obwohl die Bopfinger feldflüchtig geworden waren, so war es doch nicht not, daß ihre Gefangenen mit ihnen geflohen wären, denn damals war es Brauch, wer im Streit zu Gefängnis gedrungen worden war, der leistete Feldsicherheit und konnte ohne weiteres auf freien Fuß zu den Seinigen kehren. Nach der Schlacht aber wurden von beiden Teilen diejenigen, die sie auf solche Weise gefangen und gesichert hatten, bei ihren Eiden eingemahnt und mußten sich bei dem Feinde stellen und in offener Herberge bei ihm verbleiben mit starkem Leidwesen und allda ihr Hab und Gut verzehren und durften ohne sein Wissen und Willen nicht von dannen kommen. Da erhub sich auf beiden Seiten groß Wehklagen der Weiber und Kinder von Armuts wegen, auch erkannten beide Teile, daß ihnen dieser Krieg in vieler Weise schädlich gewesen sei, und ließen es zu, daß Freunde dazwischen traten mit wohlbedachtem Mute und gutem Willen, die schieden und verrichteten und vertrugen den Streit und machten zwischen beiden eine friedliche Stallung, und wurde auch zuletzt ein steter und fester und ewiger Friede geschlossen, mit dem Beding, daß sie ihn halten sollten, so lang' es ihnen anstehen würde. Denn das war der Brauch in deutschen Landen dazumal.

Wer sich aber des Friedens wenig zu erfreuen hatte, das war der Eichele. Der wurde von dem gestrengen Herrn Stadtmeister gar übel empfangen und hart angelassen, darum daß er seines Söhnleins nicht besser gewartet habe. Er wollte ihm den Kopf vor die Füße legen lassen; da aber namhafte Zeugen gesehen hatten, wie er angegriffen wurde und ihm das Herrlein derweil entlief, so mußte der Stadtmeister von solchem Vorhaben zurückstehen. Er erdachte also einen anderen Weg, um seinen unversöhnlichen Grimm zu sättigen, und da der Eichele das geschenkte Halsgeschmeide frei öffentlich sehen ließ, wie er auch mit gutem Gewissen tun konnte, so zog er ihn vor Gericht und klagte ihn an, daß er seinem Söhnlein freventlich einen alten unveräußerlichen Erbschmuck abgestohlen habe. Dagegen schwur zwar der Eichele hoch und teuer, das Herrlein habe ihm den Schmuck zu eigen gegeben, aber niemand von seinen Freunden war zu der Stunde im Streit an seiner Seite gewesen, und der Stadtmeister wußte vieles vorzubringen, um seine Aussage unglaublich zu machen. Die Herren vom Rat, da sie sahen, daß der Stadtmeister von seinem Willen nicht lassen und dem Eichele an Leib und Leben gehen wollte, so ließen sie der Sache ihren Lauf. In der Gemeinde dagegen hatte er viele Freunde, die auf seine Unschuld schwuren und mit Gut und Blut zu ihm stehen wollten. Es war ohnehin eine Spaltung zwischen der Bürgerschaft und ihrem Rat entstanden; denn die Zünfte, die bei den unaufhörlichen Kriegsläuften in Wehr und Harnisch freisam geworden waren, wollten sich die Herrlichkeit der Geschlechter, die im Gericht und Rate saßen, nicht allewege mehr gefallen lassen. Die Mißhellung wurde je länger, je größer, und wußte man oft kaum mehr zu sagen, ob es ein Rechtshandel sei des Stadtmeisters mit dem Eichele oder eine Sache zwischen Rat und Bürgerschaft.

Darüber verzog sich der Entscheid, aber der Rat, der im langen Herkommen des Regiments gewitzt war, machte sich den Frieden zunutze, um sich zu befestigen, und wie er allmählich seine Macht wieder erlangt hatte, so wagte er's doch zuletzt und sprach das Todesurteil, daß der Eichele wegen ehrbrüchiger Bestehlung eines Kampfgefährten zwischen Himmel und Erde an seinen Hals gehenkt werden solle.

Da nun das Armensünderglöcklein grillte, machte sich alles Volk auf und zog zum Tor hinaus, um den Eichele auf seinem letzten Gange zu begleiten. Niemand unterstand sich, ihm zu helfen, aber sie riefen ihm Abschiedsgrüße zu und sahen ihn traurig an, denn er war ein treuer, kühner, fröhlicher Gesell. Fröhlich und aufrecht schritt er auch bei diesem sauren Gang einher, also daß sich männiglich über ihn verwunderte; ja es schien zuweilen, als ob er sich Gewalt antun müßte, um das Lachen zu verbeißen. Zu seiner Rechten ging ein Pfaffe, zu seiner Linken sein Prokurator und Rechtsanwalt, der seine Sache vor Gericht geführt hatte.

Endlich, als sie zur Richtstätte gelangten, sah sich alles Volk um, still und verwundert; aber bald brachen sie in ein großes Gelächter aus, denn es war ihnen auf einmal klar, warum ihr Freund solche fröhliche Zuversicht blicken ließ. Die Bopfinger hatten, erst über dem Kriegslärmen, dann über dem Rechtshandel, ganz und gar vergessen, was mit ihrem Galgen vorgegangen und wie ihnen derselbige von den Beutelspachern weggebrochen worden war. Nun erst, als sie im Eifer daherkamen und ihn nicht mehr auf seinem Platze sahen, gedachten sie daran, und waren die Gerichts- und Ratsherren fast sehr erbost und befahlen, daß alsbald ein neuer Galgen aufgerichtet werden solle. Da trat Eicheles Prokurator hervor und sprach: »Mitnichten, edle Herren, das wäre wider Recht und Gesetz; habt ihr den Galgen nicht mehr, so habt ihr auch die Gerechtigkeit verloren, denn sonst könnte ein jeglicher, der etliche Balken aufeinander zu zimmern vermag, den Blutbann ausüben; wollet ihr aber henken nach wie vor, so müsset ihr entweder das eurige bei den Beutelspachern oder aber einen neuen Freibrief für Galgen und Stock und alles Hochgerichte, auch was das Blut und Leib und Gut betrifft, bei dem Kaiser holen.«

Was der Prokurator gesprochen hatte, das wurde von dem ganzen Volke mit einer Stimme für Recht erkannt, und der Rat mußte sich, wiewohl mit widerhärigem Herzen, darein fügen. Der Stadtmeister wollte zwar den Eichele als einen stinkenden Ruffianer, der den Blutbann meineidig, ehrlos, loblos, treulos an den Feind verraten habe, von der ganzen Gemeinde zu Tode steinigen lassen, konnte aber nicht durchdringen, sondern der Eichele wurde dieser Schuld halber freigesprochen. Auch legten seine Freunde eine große Sicherheit und Bürgschaft für ihn dar, daß er bis zu Austrag der ganzen Sache auf freien Fuß gestellt werden mußte.

Nun wurmte es jedoch den Geschlechtern und Zünften und allem Volk und auch dem Eichele selbst, daß die Beutelspacher ihren Stock und Galgen haben sollten. Schickten demnach zu ihnen und ließen ihr dreibeiniges Eigentum zurückfordern. Die Beutelspacher lachten und antworteten, sie seien nicht gewohnt, ein geschenktes Gut wieder herauszugeben; wenn man den Galgen mit Gewalt holen wolle, so sei solches nicht verwehrt; in Minne aber werden sie ihn nun und nimmer lassen. Dabei verwiesen sie auf den Richtungsbrief, der bei der Sühne aufgesetzt worden war, laut Urkund dessen die aufgewandten Kriegskosten jedem der beiden Teile an seinem Part zur Last fielen, dagegen aber auch beide Teile alles das behalten sollten, was sie in diesen Spänen und Stößen, Zweiungen, Kriegen und Aufläufen mit Gewalt zuhanden gebracht und sich zugeeignet, und sollte auch aller Unwille ab und tot sein und kein Teil dem andern nichts geahnden noch geäfern, weder Mord, noch Brand, noch Raub und Nahme, wes Namens es auch sein möge, weder mit Worten, noch mit Werken, noch mit Raten, noch mit Getaten, weder heimlich, noch öffentlich, noch in irgend einer Weise, ohne alle Arglist, ohne alle Gefährde.

Wäre es nun den Bopfinger Herren nach ihrem Sinn ergangen, so wäre abermals der Krieg entbrannt, und auch der Eichele hätte sich gern wieder frisch gehalten vor dem Feind, um die Scharte auszuwetzen, und hätte es ihn auch nachher den Hals gekostet; aber die Zünfte wollten keinen neuen Krieg und sagten, der vorige sei nur aus Eigennutz der Herren angesponnen worden, die die meisten Weinberge hätten und mit ihrem Zoll den Beutelspachern den Weinhandel hätten abstricken und für sich allein behalten wollen. Also waren die Herren genötigt, von ihrem Fürnehmen abzustehen.

Da wurde der Rat des Sinnes, an den Kaiser zu gehen und eine neue Galgengerechtsame von Vollkommenheit kaiserlicher Macht und Gnade zu erwirken; denn der Kaiser war für alle Schäden gut, wenn man an ihn kommen konnte. Nur war er nicht leicht zu finden, denn er zog das ganze Jahr im Reich umher und war bald da, bald dort. Also rüsteten sie mit großen Kosten Gesandte aus, die zogen dem Kaiser nach und fragten allenthalben nach ihm. Es währte aber lang', bis sie ihn fanden. Und als sie ihn gefunden hatten, konnten sie nicht gleich vor ihn kommen, denn es waren Botschafter und Verordnete aus allen Landen da, und jeder wollte etwas von ihm und hatte ihm etwas zu klagen, also daß er viel zu richten und zu schlichten hatte. Da blieben sie einstweilen bei ihm, bis daß sie Gehör erlangen sollten, und zogen mit seiner Hofhaltung von Ort zu Ort durch das ganze Reich. Und weil sie auf solche Weise ihren Reisepfennig verzehrten, so mußten sie jeweils einen aus ihnen gen Bopfingen heimschicken, um neue Wegzehrung für sie zu holen. Auch mußten sie allen die Hände schmieren und salben vom untersten Diener bis zu den obersten Erzämtern hinauf, um endlich zu dem Kaiser durchdringen zu können; und auch vor dem Kaiser selbst durften sie nicht mit leeren Händen erscheinen. Solches dauerte jahrelang, und haben die Bopfinger viel Gelds und Guts dabei zusetzen müssen.

Unter dieser Zeit begab sich's einmal, daß ein fremder Dieb zu Bopfingen auf handhafter Tat ergriffen wurde. Da saßen sie über ihn zu Gericht, und er bekannte ihnen frei, daß er um dieser und anderer Taten willen den Galgen reichlich verschuldet habe. Sintemal sie aber nicht hatten, woran sie ihn henken konnten, schämten sie sich sehr, gaben ihm fünfzig Gulden und sagten, er solle sich anderswo einen Galgen suchen. Der Dieb meinte, sie hätten das aus Verachtung seiner getan, ward sehr erbost, lief hin zu ihrer sauren Nachbarschaft, den Beutelspachern, und bot diesen die fünfzig Gulden, so sie ihm zu seinem Recht verhelfen wollten. Die Beutelspacher aber pochten und sprachen: »Was bedürfen wir eines Fremden? Dieser Galgen ist für uns und unsere Kinder« – Ließen ihn mit diesen Worten wieder laufen. Der zog auch lang' umher im Reich und konnte nicht zu seinem Rechte kommen, bis er zuletzt nach Westfalen geriet und der heiligen Feme in die Hände fiel. Dieselbige erbarmte sich sein, henkte ihn an den nächsten Baum, wie es ihre Weise, Handhabung und Gewohnheit war, und steckte ihr Messer dazu. Denn dieses Gericht übte großen Fleiß, und nahm sich aller femwrogigen Missetaten an, die sonst in den Landen deutscher Zunge ihr Recht und ihren Strick nicht finden konnten.

Den Beutelspachern erwuchs inzwischen auch unmancher Segen von ihrem Galgen. Sie hatten ihn an einem ungereimten Ort aufgerichtet, und als sie auf einen Tag etliche Diebe, weiß nicht eigene oder fremde, daran gehenkt hatten, so trug es sich zu, wenn die Sonne dahinter stand, daß die Schatten der Gehenkten in die Häuser hereinfielen, an den Wänden hin und wieder spielend, und die Weiber, die mit einem Kinde gingen, zum Schaden ihres Leibes an dem Schattenspiel erschraken. Da besorgten sie sich schwerer Gefahr für ihre Nachkommenschaft, ja sie fürchteten gar, es möchten von diesen Dingen mit der Zeit Erbdiebe unter ihnen aufkommen; brachen daher den Galgen wieder ab und führten ihn an einem gelegeneren Orte auf, also, daß er ihnen auch nicht wenig Unlust, Zeit und Geld gekostet hat.

Nachdem nun die Gesandten der Bopfinger viele Jahre mit dem Kaiser umhergefahren waren, erdrangen sie endlich einen Brief von ihm, worin ihnen die Freiheit und Gewalt erteilt war, einen neuen Stock und Galgen aufzurichten und sich desselbigen zu gebrauchen. Und alsbald, da sie das Pergament mit dem kaiserlichen Siegel nach Hause brachten, ließ der Rat den Galgen zimmern und den Eichele hinausführen, um das vergilbte, aber noch rechtskräftige Urteil nunmehr durch die Hand des Meisters Kümmerling an ihm zu vollstrecken. Und abermals zog die Gemeinde traurig mit und getraute sich nicht, ihren Freund zu erretten. Der aber war betagt und lebenssatt, und als sein Prokurator im Hinausziehen zu ihm sprach, diesmal werde ihm nicht mehr zu helfen sein, so antwortete er, es liege ihm nicht viel daran, und doch, so lang' er noch nicht von der Leiter gestoßen sei, könne sein Heil noch blühen und hätten seine Feinde keine Ursache, sich zu freuen. Da er nun auf der Leiter stund, so verlas ein Ratsherr mit lauter Stimme den kaiserlichen Freibrief vor der Gemeinde. Der Eichele hörte aufmerksam zu, und bei einer Stelle gab er seinem Prokurator einen Wink; dessen Gesicht aber sah mit einmal ganz freundlich aus, wie ein Herbsttag, wenn sich das Gewölke verzieht. Der Ratsherr, da er zu Ende war, wollte den Befehl zur Hinrichtung geben, und der Henker griff schon zu; da trat aber der Prokurator hervor und sprach: Edle, gestrenge, feste, wohlweise, fürsichtige Herren, ihr habt zwar von kaiserlichen Gnaden die Freiheit erlangt, Holz im Walde zu fällen und einen Galgen daraus zu zimmern, selbigen auch aufzurichten, nebst Bewilligung anderen Zubehörs an Eisen, Klammern, Nägeln, Leiter und mehr, aber die Hauptsache ist von kaiserlicher Majestät übersehen und vergessen worden, nämlich die Gerechtigkeit, einen Strick an dem Galgen zu haben, da doch sonsten in dem Privilegio aller Punkten gar besonders gedacht wird und kein Jota mangelt, nur allein den Strick ausgenommen; bin derhalben gänzlich der Meinung, ihr müsset den Kaiser noch einmal beschicken und des Strickes wegen um ein vollständiges Privilegium einkommen, anheute aber und bis auf ein weiteres euch vorhabender dieser Exekution bemüßigen.

Über solchen Protest entstand ein unermeßliches Frohlocken in der Bürgerschaft, und der Eichele ward mit lachendem Munde von der Leiter herabgeholt. Der Rat wollte sich zwar dagegensetzen, aber er mußte die Satzung und den Rechtsbuchstaben ungescholten lassen, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als auf ein oberstrichterliches Erkenntnis anzutragen, bis zu dessen Findung und Fällung der Malefikant abermals gegen Bürgschaft seiner Freunde auf freien Fuß gesetzt werden mußte. Die Sache kam vor das löbliche Kammergericht, das jegliches Unrecht von Herzen scheute und darum ein Urteil in keinerlei Weise übereilte. Endlich aber erließ es doch sein Mandat und erkannte, daß der Rat allerdings den Kaiser erst um ein besonderes Privilegium, sich des Stricks zu bedienen, bitten müsse, und daß er, bevor ihm sotanes Privilegium erteilt sein würde, sich eines peinlichen Halsgerichts, wobei auf den Strick erkannt werde, in alle Wege zu enthalten habe.

Da nun der Spruch, nach welchem der Verurteilte den dürren Baum reiten sollte, nicht mehr zu ändern war, und seine Widersacher sich nicht unterstehen durften, ihn mit einer anderen Strafe anzusehen, so zogen die Gesandten wieder dem Kaiser nach und mit dem Kaiser im Reich umher; weil jedoch der Herr bei dem großen Drang des Regiments nicht gern von derselbigen Sache zweimal hören wollte, so hatten sie nun mit dem Strick noch viel mehr Kummer, Aufhalt und Hindersal, denn sie zuvor mit dem Galgen gehabt hatten. Da sie aber zuletzt doch ihre Werbung vollbracht hatten und mit der Gerechtigkeit des Stricks als alte eisgraue Männer nach Hause kamen, da fanden sie die Geschlechter vertrieben, die Zünfte in Rat und Gericht eingesetzt und die ganze Ordnung umgekehrt. Sie legten der neuen Obrigkeit Rechenschaft von ihrer Sendung ab, überlieferten die besiegelte Urkunde und erlangten freien Abzug, worauf sie eilends weiter reisten, um ihre alten Freunde aufzusuchen.

Der unversöhnliche Stadtmeister war am Tage, wo die Zünfte über den Rat obsiegten, vor Leid und Unmut gestorben, und auch der Eichele schlief schon längst, aller Todesangst überhoben, unter einem schönen Grabstein, den ihm seine Freunde aus den Zinsen des Bürgschaftsgeldes hatten setzen lassen. Nach alter Sitte war der Inschrift beigefügt: Ascensionem expectans, und heißt das zu deutsch: Er harret seiner Erhöhung.

Auf solche Weise sind die Bopfinger endlich wieder zu ihrem Galgen und Strick gekommen. Es hat sich aber davon viele hundert Jahre lang in Bopfingen und Beutelspach ein Sprichwort erhalten. Nämlich wenn einer von einem anderen etwas Unbilliges, oder was diesem unbillig schien, begehrte, und der es ihm recht nachdrücklich abschlagen wollte, so schlug er's ihm ab mit den Worten:

»Ja, den Galgen!« sagt der Eichele.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.