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Gesammelte kleinere Erzählungen, 3. Teil

Hermann Kurz: Gesammelte kleinere Erzählungen, 3. Teil - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Kurz
titleGesammelte kleinere Erzählungen, 3. Teil
publisherMax Hesse's Verlag
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Das Schattengericht.

Auf einen Tag saß Doktor Martinus Luther an seiner Hausorgel, zu seiner Rechten stand seine getreue Hausfrau Katharina, zu seiner Linken die kleine Maria, sein Lieblingskind, das ihm bald hernach zu großem Leide durch den Tod entrissen wurde; die andern Kinder standen hinter ihm in einem Kreis umher, und alle sangen mit lieblicher Stimme zusammen seinen Leibchoral: »Ein feste Burg ist unser Gott«, den er einst bei einer schweren Trübsal gedichtet und in Musik gesetzt hatte und von nun an als eine geistliche Waffe gegen alle Anfechtungen gebrauchte. Eben vollendete die Orgel das Nachspiel zum zweiten Verse, das Zimmer dröhnte noch von Luthers kräftigem Baß, und eben wollten sie wieder einfallen: »Und ob die Welt voll Teufel wär',« da klopfte es bescheidentlich an der Türe, und herein trat Herr Doktor Gregorius Bruck, der hochgeehrte Kanzler des Kurfürsten.

»Ich bitte um Verzeihung, hochwürdiger Herr Doktor Martine,« sagte er, »daß ich Euch in Eurem schönen Liede gestört habe. Ich stand schon eine gute Weile draußen und habe mit herzlicher Andacht zugehört, mochte auch während des Gesangs nicht anklopfen, aber es ist eine grimmige Kälte, die mir bei meinem Alter schwer zu ertragen fällt.«

»Mit nichten,« unterbrach ihn Luther mit freundlicher Demut, »mit nichten habt Ihr uns gestört, hochgelehrter Herr Doktor Gregori, Ihr bezeiget mir gar große Ehre, daß Ihr mich auch wieder einmal aufsucht in meiner Hütte. Kommt, setzt Euch hier zum warmen Ofen, und du, Käthe,« wandte er sich zu seiner Frau, »geh' eilends und bringe dem edlen Herrn einen Becher Weins. Das erwärmt die Glieder, gibt fröhlichen Mut und stärkt zu guten Gedanken. Stelle zugleich ein Licht auf, denn der Tag hat sich geneigt, und es will Abend werden.«

Der Kanzler setzte sich am Ofen nieder, Frau Katharina rückte einen Tisch herzu und stellte zwei silberne Pokale, Geschenke von Fürsten und Herren, darauf. Luther nahm den einen und trat zu seinem Gaste. »Seine kurfürstliche Gnaden!« rief er, indem er den Becher hob: »wie steht es mit dem teuren Herrn?«

Der Kanzler entblößte sein weißgelocktes Haupt und sprach, nachdem er getrunken hatte: »Er ist wohlauf und guter Dinge, und hat erst heut erklärt, daß er, wie auch der Kaiser dräuen möge, in seines Glaubens Festigkeit nicht weichen noch wanken werde.«

»Dann stehet es wohl mit uns!« rief Luther fröhlich: »der Herr segne den frommen Fürsten! Auch ich gedenke nicht daß zu werden und will mein angefangenes Werk mit Gottes und meines Kurfürsten Hilfe zu einem guten Ende führen. Wiewohl, leider! es sind der Hindernisse und Anfechtungen so gar viele, und ist mir's doch oft, als sollte es nicht sein. Der Fürst dieser Welt ist allezeit geschäftig, wie er bösen Samen streue in meine Saat; denn er ist mir ganz aufsässig und will's nicht haben, daß ich dem Papst so hart mitspielen soll. Da kommt er nun oft über mich und sucht mich zu quälen, hat mich auch wohl schon in Verzweiflung gebracht, daß ich nicht gewußt, ob auch ein Gott wäre, und an unserm lieben Herrn Gott ganz und gar verzagte; aber mit Gottes Wort habe ich mich seiner wieder erwehrt, denn das ist der beste Schild wider seine Ränke und Tücke. Und dann die edle Musika, das ist auch ein trefflich Mittel, ihn zu vertreiben, denn die hört er nicht gern. Wenn David jetzund auferstände von den Toten, so würde er sich sehr verwundern, wie doch die Leute so hoch sind kommen mit der Musika; sie ist nie höher kommen als jetzt. Wenn David wird auf der Harfe geschlagen haben, so wird's nicht höher gegangen sein, als das Magnificat anima mea; und dennoch hat der Teufel diese Einfalt nicht leiden können, hat auch dieser müssen Platz geben!«

»An Euch, Herr Doktor,« sagte der Kanzler lächelnd, »wird er sich doch nicht wagen, Ihr seid ihm zu fest gewappnet.«

»O, er hat's freilich schon probiert!« rief Luther lebhaft. »Ich kenne ihn wohl; er hat mir oft so hart zugesetzt, daß ich nicht wußte, ob ich tot oder lebendig wäre. Als ich Anno Einundzwanzig zu Wartburg im Patmo auf dem hohen Schloß mich aufhielt, da saß ich fern von den Leuten in einer Stube, und konnte niemand zu mir kommen, denn allein zween Edelknaben, die mir des Tags zweimal Essen und Trinken brachten. Nun hatten sie mir einen Sack mit Haselnüssen gekauft, die ich zuzeiten aß, und hatte denselben in einen Kasten verschlossen. Als ich des Nachts zu Bette ging, zog ich mich in der Stube zuvor aus, löschte das Licht, ging in die Kammer und legte mich zu Bett. Da kommt mir ein Poltergeist über die Nüsse und hebt an und quitzt eine nach der andern an die Balken, mächtig hart, rumpelt mir am Bett, aber ich fragte nichts darnach; wie ich nun ein wenig einschlief, da fängt's draußen ein Poltern an, als würfe man ein Schock Fässer die Treppe hinab, und ich wußte doch wohl, daß die Treppe mit Ketten und Eisen wohl verwahrt war, so daß niemand herauf konnte. Ich stehe auf und gehe auf die Treppe, will sehen, was da sei, da war die Treppe wohl verschlossen; da sprach ich: Bist du es, so sei es! und befahl mich dem Herrn Christo, von dem im achten Psalm geschrieben stehet: Alles hast du unter seine Füße getan! und legte mich wieder nieder zu Bett. Eben um jene Zeit kam Hansen von Berlepschs Frau von Eisenach; die hatte gehört, daß ich auf dem Schlosse sei, und wollte mich gern gesehen haben, es konnte aber nicht sein; da brachten sie mich in ein anderes Gemach und legten die Frau von Berlepsch in meine Kammer; da hat's die ganze Nacht ein solches Gerumpel gehabt, daß sie meinte, es wären tausend Teufel drin.«

»Das ist vielleicht ein alter Schloßgeist gewesen, der gerne rumoret,« versetzte Doktor Bruck.

»Man spricht von einem alten Landgrafen von Thüringen,« wagte Frau Katharina, vielleicht ein wenig mutwillig, zu bemerken; aber sie erschrak über den verweisenden Blick des Kanzlers und ging geschäftig des Hauses wartend weiter, als ob sie nichts gesagt hätte.

»O nein,« entgegnete Luther, »es war ein Stärkerer! Ich habe ihn wohl gekannt; denn weil ich gerade dazumal das Wort Gottes zu übersetzen anhub, so war's ihm leid und bitter, und trachtete allezeit darnach, wie er mich stören möchte, damit's am Ende gar unterbliebe. Aber ich habe mich nicht anfechten lassen, sondern im Gegenteil ihm auch wieder weidlich zugesetzt, habe ihn verachtet und höhnisch angeredet mit Anrufung Christi: Bist du ein Herr über Christum, so sei es! Und als er einmal über meine Nüsse kam und zu poltern anhub, da rief ich aus dem Bette: Ei, welch eine schöne Musikam machst du wieder! Weißt du was! singst du die Noten, so will ich den Text singen! und intonierte ein schönes geistliches Lied: da schwieg er gleich stille. Wiederum, wie ich auf eine Zeit in meinem Stüblein saß und gegen die Wand sah, nahm ich eines Marienbildes wahr, das alsbald wieder verschwand; dem hab' ich geantwortet: Nein, Teufel, du wirst mich mit diesem Bild und Farb' nicht betrügen, ich kenne dich zu wohl, und weiß, daß du dich auch in einen Engel des Lichts verstellen kannst, warum wolltest du denn dich nicht auch in ein Marienbild verwandeln können? Ein andermal, als ich über der Bibel an einer schweren Stelle saß, kam er über mich mit Anfechtungen und wollte mir keine Ruhe lassen; da nahm ich das Tintenfaß und warf's ihm an den Kopf, sprechend: Wohlan, Teufel! hast du so großen Durst, so will ich dir hier einen Starken zutrinken! ich will dich schwarz machen, wenn du noch nicht schwarz genug bist. Da trollte er sich alsbald und ließ sich lang' nicht wieder sehen; denn er ist ein stolzer Geist, lässet sich nicht gern vexieren.«

»Herzlieber Herr,« sagte Frau Katharina, die inzwischen ab- und zugegangen war, »vielleicht ist's doch nicht also, daß er sich an Euch gewagt hat. Ihr seid so heftig in Eurem Gemüt, und wenn Ihr Euch Gedanken macht, daß Euch so viele in der Welt zuwider sind, so meint Ihr vielleicht etwas zu sehen, was doch nicht ist.«

Aber damit war sie übel angekommen. Luther wandte sich zornig herum. »Schweig' still, Käthe!« rief er, »Willst du etwa daherscharren und widerbellen, wie die ungöttlichen Naturmenschen, die keinen Teufel glauben?«

Frau Käthe reinigte sich mit hohen Beteuerungen, versichernd, daß solche Gottlosigkeit ferne von ihr sei; nur, gab sie schüchtern zu verstehen, könnte ein- und das anderemal ein wenig Phantasey die Hand im Spiele haben.

»Ja, Phantasey!« erwiderte er etwas gelassener. »Ich weiß besser, wie das ist. Ist es auch Phantasey, wenn der Teufel einem Bruder wider den anderen mordliche Gedanken eingibt, wie kürzlich dem Diazio, den er überredete, seinen leiblichen Bruder von hinten mit dem Beile niederzumachen, weil er von den Irrtümern der Papisten ab und zum lautern Evangelio übergegangen war? Ist's auch Phantasey, wenn er einem Menschen in den Sinn gibt, sich ihm zu verschreiben mit einer klaren Obligation und Christo aufzukünden mit diesen Worten: Ich sage dir, Christe! meinen Dienst und Glauben auf, und will einen andern Herrn annehmen, nämlich den Fürsten dieser Welt! so doch jedermann bekannt, daß diese Todsünde, welcher fast alle Päpste angehangen haben, jetzt wieder gar sehr im Schwange geht? Ist ja doch unseres lieben Herrn Philippi Landsmann, Doktor Faustus genannt, so namhaft, daß sich leider Grafen und Herren im Reich um ihn reißen, ja, daß ein anderer Schwarzkünstler aus Italien, den ich selbst kürzlich im Beisein vieler guter Herren solches erzählen hören, von seinem Geist mit Gewalt ermahnt worden ist, sich nach Deutschland zu tun, wo einer über ihm sei, von dem er viel sehen und lernen könne. Er kann ihn bei den Domherren zu Magdeburg finden, die ihn in einem großen Wert halten. Es treibe jedoch dieser Faustus, was er wolle, so wird's ihm am Ende wieder reichlich belohnt werden. Denn es steckt nichts anderes in ihm, denn ein hoffärtiger, stolzer und ehrgeiziger Teufel, der in dieser Welt einen Ruhm will erlangen, denn kein hoffärtigeres Tier nie entstanden und darüber so hoch gefallen ist, als der Teufel; ei warum wollt' denn Faustus seinem Herrn nicht nachahmen, auf daß er sich auch zuletzt an den Kopf stoße? Aber das sage ich, und jedermann soll's hören, er noch der Teufel gebrauchen sich der Zauberei nur nicht wider mich! Denn das weiß ich wohl, hätte der Teufel zuvor längst mir vermocht Schaden zu tun, er hätte es lang getan, aber so oft er mich schon bei dem Kopf gehabt hat, mich hat er dennoch müssen gehen lassen. Ich hab' ihn wohl versucht, was er für ein Gesell ist, ja, erst an diesem heutigen Tag, wo mir wieder ein Exempel von einem solchen Faustulo aufgestoßen ist, hab' ich dem brüllenden Löwen dieses verlorene Lamm aus dem Rachen gerissen; will auch nicht hoffen, daß es sich wieder in diesen Abgrund verirren wird.«

»Ist's möglich? was sagt Ihr da?« rief Herr Brück erschrocken, während Weib und Kinder sich angstvoll um Luther drängten.

»Ja, es ist so, edler Herr!« entgegnete dieser. »Ein Junger von Adel, ich will sein Geschlecht nicht nennen, obzwar ich es wohl tun könnte, dieweil ich durch keinerlei Ohrenbeichte gebunden bin, dieser hat sich vor fünf Jahren dem Teufel versprochen, auch seitdem ein überaus ruchloses Leben geführt, davon sein Präzeptor, mit dem er studierenshalber hierher nach Wittenberg gekommen ist, viel Not und Ärgernis hat leiden müssen. Dem hat er nun heute, da er plötzlich durch ein göttliches Wunder in sich gegangen, seine schwere Schuld gebeichtet, darauf ihn dieser zu mir geführt und ich, nach vorangegangenem reu- und wehmütigem Bekenntnis, in der Kirche im Beisein seines Präzeptoris und der Diakonen ihn absolviert habe. Ich schalt ihn hart und fragte mit Ernst: ob's ihm auch leid wäre und er sich wiederum zum Herrn Christo bekehren wollte? Da er nun Ja sagte und emsig und fleißig anhielt mit Bitten, da legte ich die Hände auf ihn, kniete mit den andern, so da waren, nieder und betete inbrünstiglich für ihn zu Gott, daß er diesen verlorenen Sünder nach seiner väterlichen Gnade wieder annehmen solle, spürte auch bald, daß dieses mein Gebet erhöret sei. Darauf mußte er mir sein nunmehriges Glaubensbekenntnis, wie daß er hinfüro des Teufels abgesagter Feind sein und Gott seinem Herrn willig dienen wolle, Wort für Wort nachsprechen, und entließ ich ihn mit Vermahnung zur Buße und Gottesfurcht, daß er hinfort wolle leben in Gottseligkeit, Ehrbarkeit und im Gehorsam, auch des Teufels Eingebungen widerstehen im Glauben und Gebet, und wenn der Teufel ihn mit bösen Gedanken würde angreifen, solle er flugs zu seinem Präzeptor gehen, ihm solches offenbaren und den Teufel mit seinen Ratschlägen verklagen.«

Wer Kanzler saß eine Zeitlang seufzend und nachdenklich da; endlich sagte er: »Es ist betrübt, wie die Welt im argen liegt, und sonderlich die Jugend, und unter dieser zumeist der Adel.«

»Ja,« rief Luther mit bitterem Tone, »niemand hat mich in meinem Werk so sehr gestört, wie der Adel, der da vermeint hat, das sei Wasser auf seine Mühle, und unserem Herrn Gott nichts, aber dem leidigen Satan alles zulieb tun wollen. Ich kann Euch wohl sagen, Herr Kanzler, daß ich den Bauern anfangs gern geholfen hätte wider die Tyrannei des Adels und der Klöster, denn es hat auch die Engel Gottes empört, wie grausamlich sein Ebenbild in die Klauen der Diebe und Räuber gegeben war, so nicht diese armen, unwissenden Leute über alle Grenzen menschlicher und göttlicher Gerechtigkeit hinausgegangen wären; denn als der Münzer zu ihnen kam, da ist der Teufel in sie gefahren, und haben ärger gehaust als die Heiden und Türken.«

»Aber der Adel hat die erste Schuld daran,« sagte Doktor Brück, »und hat es mit Recht gebüßt, wie verdammlich und gotteslästerlich es auch ist, was sie an dem von Helfenstein und den andern zu Weinsberg getan haben. Nun, sie haben ihren Lohn dahin. Bei der Historia von dem Studenten, die Ihr vorhin erzählt habt, Herr Doktor, ist mir eine andere eingefallen, eine verlaufene wahrhafte Geschichte, die einer bei Hof unlängst angeführt hat, gar seltsam und greulich, auch von zween Adeligen, die durch des Teufels Blendwerk und Tücke einen bösen Ausgang genommen haben.«

»Erzählet, Herr Kanzler!« sagte Luther: »es verlangt mich, Eure Historiam zu hören.« Frau Katharina stellte sich einen Stuhl hinter den Ofen, und die Kinder standen lauschend umher. Der Kanzler nahm einen Schluck Wein und begann:

»Der nunmehr in Gott ruhende Kaiser Maximilian hatte an seinem Hofe zween Edelleute, Namens von Trotta und von Purgstall. Dieselben waren als Junkherren miteinander aufgewachsen und immerdar in Frieden und in der besten Freundschaft unter sich gestanden. Als sie aber älter wurden, erregte sich zwischen ihnen ein leidiger Neid und Eifersucht, sintemal sie gleicherweise nach Ehre und Hoffahrt strebten, also daß immer einer meinte, der andere habe vor ihm in kaiserlicher Gunst einen guten Schritt voraus, und entzweiten sich darüber, wurden einander todfeind und schwuren einer gegen den anderen hoch, daß er ihn wollte aufreiben und erwürgen.

Nun geschah es auf einem Reichstage, auf den die beiden mit dem Kaiser geritten waren, da hatte der von Purgstall eines Nachts, als er in seinem Bette lag, einen schweren Traum, und deuchte ihm nicht anders, als ob er aufstände, nähme sein Schwert, ginge in die Kammer des von Trotta und erstäche ihn. Wie er nun erwachte und sich besann, daß er eine solche schreckliche Missetat nicht begangen habe, wurde es darüber Morgen, und sein Reitknecht kam vor sein Bett, meldend, daß sein Pferd im Stall die ganze Nacht getobt und gerast habe, sich in der Streu gewälzt, gewiehert, dann wieder aufgestanden, gezittert und geschwitzt. Indem sie so miteinander redeten und nicht wußten, was das bedeuten sollte, ging die Türe auf; und die Gerichtsdiener traten herein, den von Purgstall zu verhaften, mit Weisung, er hätte heute nacht den von Trotta, seinen alten Todfeind, in dessen Bett erstochen, und hätte desselben Knecht ihn bald nach Mitternacht leibhaftig aus seines Herrn Kammer gehen sehen. Der von Purgstall war sehr erschrocken, beteuerte sich seiner Unschuld und schwur, daß er nicht aus seinem Bett gekommen wäre. Da fühlten sie ihn in die Kammer des von Trotta, wo derselbige lag, mitten durchs Herz gestochen, und zu seinen Häupten lehnte das Schwert des von Purgstall, das er selbst für sein eigenes bekennen mußte, in die Scheide gesteckt, und als man's herauszog, da war es ganz blutig. Niemand wußte, was er dazu denken sollte, aber der von Purgstall ward ins Gefängnis gelegt und hart verschlossen. Und als man ihn verhörte, da schwur er mit teuren Eiden, daß er wissentlich diesen Mord nicht begangen habe, und konnte auch beweisen mit stattlichen Zeugen, daß er die Nacht über aus seiner Kammer nicht kommen war. Da kam es nun heraus, daß der Teufel den Mord begangen und dem von Purgstall nächtlicherweile sein Schwert entwendet hatte, sonderlich weil kein Blut aus des Ermordeten Wunde floß, da der, so als Täter gehalten war, vor sein Bett geführt wurde. Doch aber, weil man wußte, daß er dem von Trotta Mord und Tod geschworen, auch im Traum ihm vorgekommen war, daß er jenen erstäche, also ihn zu ermorden Willens war gewesen, so ward er zum Tode verurteilt; denn ob es wohl vom Teufel geschehen, war er doch des Todes schuldig. Da führte man ihn auf den Markt in den Ring, ihn zu richten. Bürgermeister und Rat hoben die Hände zum Kaiser auf, und baten, in dieser Sache, die doch einigen Zweifel erleide, ihre Stadt nicht mit Blut zu beladen; aber er blieb unbeweglich, wie sein übergüldetes Standbild, das sie ihm zu Ehren auf dem Marktbrunnen aufgestellt hatten, und hieß den Purgstall in den Sand knieen.

Nun hatte sich eine große Menge versammelt, um sein letztes Stündlein zu sehen, dazu alle Herren vom Hofe, die Richter und Rechtsgelehrten, und unter ihnen hielt auch Kunz von der Rosen, des Kaisers kluger Rat. Der ritt an den Kaiser heran, stellte sich unwissend, und fragte, was es da gäbe? Als er nun das ganze Blendwerk erfahren, sprach er: Mitnichten gebühret ihm also zu sterben, sondern merket auf meinen Rat, Herr Kaiser! Weil der Delinquent beweisen kann, daß er in jener Nacht seine Kammer nicht verlassen habe, auch kund und offenbar ist, daß der Teufel an seinerstatt die Mord- und Missetat vollbracht hat, so achte ich, daß derselbe zu diesem Frevel des Delinquenten Larvam angenommen und mit dieser die Tat ausgerichtet habe, derwegen nicht er, da er doch über die ganze Zeit ruhig in seinem Bett gelegen, sondern einzig sein Schatten, mit dem der Teufel hantiert, des Todes schuldig sei.

Als nun schon das Schwert über dem armen Sünder gezückt war, gebot der Kaiser auf diese Rede Kunzens einen Stillstand, und ward noch einmal auf der Blutstätte Gericht gehalten, auch Kunzens Rat befolgt und die Strafe gelindert, also daß der Delinquent gegen die Sonne geführt und hinter ihn die Erde seines Schattens weggestochen und zwar dem Schatten der Kopf abgestoßen wurde; darauf ward er zum bürgerlichen Tod verdammt und ward des Landes verwiesen für ewige Zeiten.«

»Sei ruhig, Maria, mein Kind!« rief Luther und küßte sein Töchterlein, das sich mit Tränen schmerzlicher Angst an ihn schmiegte; »sei ruhig, wie kannst du dich nur in unserer hellen, warmen Stube eine solche Furcht ankommen lassen! Kennst du nicht den Spruch des Herrn: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden! Käthe, bring das arme Würmlein zu Bett! Und du, Hänschen,« setzte er hinzu, als er gewahrte, daß der Kanzler im Aufbruch begriffen war, »leuchte vor, auf daß ich meinen geehrten Gast geleite. Ja,« fuhr er gegen diesen fort, indem er mit ihm die Treppe hinunter ging, »also gehet's denen, die mit dem Teufel einen Bund machen, und sich in Sünden stürzen und in böse Lust und Begierde führen lassen; diese hält er eine Zeitlang wohl, kunzelt mit ihnen und läßt ihnen ihren Willen, daß sie machen was sie nur gelüstet, aber zuletzt bezahlt er sie redlich und lohnet ihnen, wie der Henker seinem Knecht. – Nun schlafet wohl, hochgelehrter Herr Doktor,« beschloß er, indem er unter der Haustüre dem Herrn Gregorius die Hand zum Abschied schüttelte. »Gott behüte Euch, daß ich Euch bald gesund wieder sehe, und schütze uns alle vor den Ränken und Anläufen des leidigen Teufels, sonderlich aber den Kurfürsten, meinen gnädigen Herrn. Sagt ihm, daß ich für Seine Gnaden Gott mit Gebet anliege Tag und Nacht.«

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