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Gesammelte kleinere Erzählungen, 3. Teil

Hermann Kurz: Gesammelte kleinere Erzählungen, 3. Teil - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Kurz
titleGesammelte kleinere Erzählungen, 3. Teil
publisherMax Hesse's Verlag
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Die Zaubernacht.

»Wir Petrus, Guardian und Johannes, Vizeguardian in hiesigem Barfüßerkloster, Sankt Franziskenordens gewest, bekennen öffentlich und tun kund männiglich mit diesem Briefe: Nachdem uns Gott der Allmächtige durch Verkündung des heiligen Evangelii aus der papistischen Irrsal gnädiglich geführt und mit dem Licht seines lebendigmachenden Worts unsere Herzen erleuchtet, daß wir von unsern Zeremonien, Kleidung, Kutten, Kappen und Platten mit gutem Gewissen frei abgestanden und also mit gutem freiem Willen aus dem Kloster gangen sind, dasselbige auch nach getaner Rechnung dem fürsichtigen, ehrsamen und weisen Herrn Bürgermeister und Rate hiesiger des heiligen römischen Reiches Stadt, unsern günstigen Herren, mit aller seiner Zugehör, Nutzung, Renten, Gilten und Einkommen, frei übergeben und zugestellt haben; übergeben und stellen wir ihnen auch dasselbige zu, in Kraft dieses Briefes. Versprechen auch bei unseren wahren Treuen und Eiden, nun fürohin, dieweil wir im Leben seien, unser Leibgeding, so uns von gemeldten Klosters Pflegern jährlich gegeben wird, allhie in der Stadt zu verzehren, und sonst nindert anderswo an keinen Enden, Städten noch Flecken, allda wir unsere Wohnung haben wollten, zu verbrauchen, sondern unser Leben allhie zu verschließen und zu vollenden. Wobei wir uns auch aller Gnaden, Privilegien, Freiheiten, Satzungen, Statuten, Konstitutionen der geistlichen oder weltlichen Rechte, sonderlich unseres vermeinten Ordens, so uns von Päpsten, Konzilien, Kaisern, Königen oder andern Fürsten und Herren, was Gewalts oder Herrlichkeit die wären, gegeben, gänzlich verziehen und begeben haben, in Kraft dieses Briefs« ec.

Die beiden geistlichen Obern unterzeichneten diese Urkunde, nachdem der Stadtschreiber sie verlesen hatte, in Gegenwart einer Ratsdeputation und schickten sich hierauf an, der Obrigkeit die bisher bewohnten Räume zu übergeben. Hiermit hatte die Reformation in der Reichsstadt den letzten Boden erobert; sie war, von den demokratischen Zünften mit rascher Hand ergriffen, dem Magistrat bald über den Kopf gewachsen, so daß dieser an die Spitze der Bewegung treten mußte und auch in anfänglich kräftiger Einung mit den Fürsten und Städten sich bei diesen das Lob entschiedenen Beharrens erwarb. Die Stadt hielt fest, auch als nachher in Deutschland die Gesinnungen herüber und hinüber schwankten. Das alte Franziskanerkloster, mitten in ihr gelegen und von den Fluten der neuen Zeit umrauscht, sah allmählich die alten geistlichen Dämme brechen. Der junge kecke Geist war auch in die festen Zellen gedrungen; selbst die schweigsamen Bewohner der nahegelegenen Kartause konnten ihn nicht von sich abhalten, und von den Barfüßern trat bald einer um den anderen aus, als Prädikant oder in anderen rührigen Verrichtungen sich seinen Weg durch die Welt zu bahnen. Andere, welche treu an der Regel hielten, hatten sich in entferntere Kloster auf sicheren Boden zurückgezogen, und so blieb ein kleiner Rest der Bruderschaft, der jetzt mit den Vorstehern den letzten Schritt in die Welt hinaus zu tun sich bereitete. Es geschah mit jenem Ernst, mit welchem besonnene Männer einem neuen Leben und einer völlig veränderten Gestalt der Zeit entgegentreten. Auch die Ratspersonen, obgleich sie das vergnügliche Bewußtsein, für den gemeinen Säckel gesorgt zu haben, kaum verbergen konnten, ehrten den Abschied der Bruderschaft von ihrem Stand und Herd. Die geistlichen Herren schwiegen; der Guardian gab von Zeit zu Zeit die nötigen Anordnungen und Nachweisungen mit gehaltener Stimme. Er war ein frisch aussehender Mann in mittleren Jahren, dessen freimütiges Gesicht den Ausdruck der Überzeugung trug. Seit Jahren hatte er sich innerlich dem neuen Lichte angeschlossen, dabei aber sein persönliches Meinen und Wollen von der ihm auferlegten Stellung wohl unterschieden und gewissenhaft für seine Gemeinde gesorgt, bis nichts mehr zu sorgen übrig war und er in Freiheit mit seinem eigenen Bekenntnis hervortreten konnte. Er hatte der Stadt seine Dienste als Lehrer angeboten, und sein Benehmen war so allgemein mit Wohlgefallen aufgenommen worden, daß ihm der Stadtschreiber seine Tochter, die er aus Anlaß vielfältiger Besprechungen in dessen Hause kennen gelernt und deren verständiges Gesicht Eindruck auf ihn gemacht hatte, von freien Stücken zur Ehe gab. An dem Tage, da das Kloster übergeben wurde, sollte zugleich die Hochzeit gefeiert und die neue Heimat eingeweiht werden.

Eben hatte er die letzten Schlüssel den Ratsherren übergeben, als sein bisheriger Amtsgenosse zu ihm herantrat, »Herr Guardian – Herr Petrus,« sagte er etwas verlegen, »der Bruder Severin will nicht aus seiner Zelle weichen.«

»Bruder Severin! Den hätten wir beinahe vergessen!« rief der Guardian, und auf die fragenden Blicke der Ratsherrn, erwiderte er: »das ist ein alter Laienbruder, der sich seit undenklichen Zeiten im Kloster befindet. Keiner weiß, wie er hereingekommen ist. Die älteren Brüder erinnerten sich noch seines Fleißes und seiner unablässigen Dienstleistungen. Nun ist aber seit Jahren sein Körper und sein Geist in eine Art Schlummer versunken, aus welchem ihn niemand stört. Die Zeit hat ihr Antlitz umgewandelt, ohne daß er es gewahrte, und es wäre schwer, ihm begreiflich zu machen, daß die alte Ordnung hier aufgehört habe und der Konvent säkularisiert worden sei.«

»Was fangen wir aber mit ihm an?« fragte der Vizeguardian.

»Ich muß mich schelten,« sagte der Guardian, »daß ich im Gedränge dieser neuen Sorgen und Geschäfte nicht an ihn gedacht habe. Wenn ich nur wüßte, wo man ihn unterbringen konnte. Er war mir immer gehorsam und sonderbar anhänglich, ich denke, wir schaffen ihn doch noch ohne Mühe hinaus.«

Einer der Zunftrichter von der Ratskommission erbot sich, dem Gebrechlichen ein Hinterstübchen einzuräumen, welches einer Zelle nicht ganz unähnlich sehe. Der Guardian dankte sehr erfreut und schritt alsogleich zum Werke. Die anderen schlossen sich ihm an. Über mehrere lange Gänge, wo ihre Tritte öde und einsam widerhallten, gelangten sie zu einer Zelle, welche der Guardian öffnete. Hier lag ein Greis in der Barfüßerkutte. Er schien zu beten. Unverständliche Worte durch den struppigen Bart murmelnd, warf er unter den buschigen Augenbrauen hervor einen scheuen Blick auf die Eintretenden.

»Bruder Severin!« rief der Guardian mit sanfter, aber ernster Stimme. Der alte Mönch erhob sich rasch, verbeugte sich vor seinem Obern, und als dieser fortfuhr: »Kommt und tut, wie ich Euch heißen werde –« so folgte er mit klösterlichem Gehorsam und wurde ohne Schwierigkeit hinausgebracht. Er schritt ruhig durch die Straßen mit, als ginge er in einer Prozession. Der ehemalige Guardian verließ ihn nicht, bis er ihn in seiner neuen Wohnung einigermaßen eingerichtet sah. »Hier bleibt, Bruder Severin, bis man Euch anders weisen wird,« sagte er beim Fortgehen, und der alte Mönch folgte ihm zwar mit verwunderten Blicken, blieb aber auf einen Wink des Guardians an der Türe stehen und schien sich in das Unbegreifliche zu fügen.

Die Hochzeit wurde still, wie es sich gebührte, gefeiert. Der Ernst der Zeit, die bedenklichen Nachrichten von dem bundesverwandten Augsburg, die drohenden Rüstungen des Kaisers ließen nicht an Tanz und Lustbarkeiten denken, die auch der Sinn des Bräutigams bei einem so eigenen Übergang von seiner bisherigen Lebensstufe auf die jetzige verschmäht haben würde.

Nach einem bescheidenen Mahle im Hause des Schwiegervaters saßen die Neuvermählten abends in ihrer Wohnung. Die Verwandten, die sie heimgeführt, hatten sich entfernt, und die anbrechende Dämmerung brachte zum erstenmal das süße Gefühl des heimischen, traulichen Beisammenseins.

»Ihr habt so etwas Tätiges in Eurem Aussehen, lieber Herr, wie seid Ihr denn ins Kloster gekommen?« fragte die junge Frau, indem sie ihm freundlich in die Augen sah.

»Wie so mancher andere auch. Ich war ein vater- und mutterlos Kind. Darum habe ich mich auch so lange zurückgehalten, weil es mir weh tat, des Undanks beschuldigt zu werden.«

»Ach, es muß traurig sein, wenn man niemand in der Welt hat, keinen Freund und Versorger, wenn man abhängig wird und dann mit Pflichten und Gesinnungen in Widerspruch kommt.«

»Und doch, liebe Hausfrau, wird es wenig Menschen geben, die nicht in solche Widersprüche geraten. Eine Zeit, wie die jetzige, läßt keinen ruhig seiner Wege gehen. Es hätte wohl manches bleiben können, unbeschadet der Wahrheit; aber die einen wollen über alle Berge hinaus, die anderen hinter alle Maulwurfshügel zurück und diese beiden kehren die Welt miteinander um.«

»Wie ist's Euch in Eurer Jugend ergangen und wie habt Ihr Eure Eltern verloren?«

»Davon weiß ich wenig zu sagen. Ein wunderlicher Beschützer zog mit mir in der Welt herum, ein fahrender Schüler, der mit Künsten und Possen den Unterhalt für uns beide erwarb und mich fast mehr noch wie eine Mutter denn wie ein Vater pflegte. Er war mit einer wahren Angst darauf erpicht, daß ich ihm anhänglich sein sollte, und erzählte mir oft, wie viel er für mich getan habe. Aus dem Feuer habe er mich mit Lebensgefahr gerissen, als meine Mutter schon tot gewesen sei.«

»Verbrannt? Um Jesu willen nicht!«

»Nein, sie war an der Geburt gestorben, und er schleppte mich mit ihrer Leiche aus den Flammen heraus. Aber ich konnte nicht klug werden aus seinen Erzählungen. Bald wütete er gegen meinen Vater, der in die weite Welt gelaufen sei und ihm die Sorge für mich arme fremde Brut überlassen habe – da konnte er dann tun, als ob ich eine schwere Last für ihn wäre, und doch lief er mir so ängstlich nach, wie die Henne ihren Küchlein – bald sagte er wieder, mein Vater sei unschuldig und ein anderer habe den Jammer angerichtet; wenn ich aber nach diesem anderen fragte, so rief er mit strengem Blicke: ›Schweig still, es ist dir besser, du erfährst es nie!‹ Dazwischen warf er sich auf die Kniee, rang inbrünstig die Hände und schrie an einem fort: ›O du Selige, du Heilige, bitt' für uns und vergib uns unsere Schuld.‹ Ich weiß nicht, ob das der Jungfrau Maria galt; es kam mir aber nach seinen wunderlichen Reden oft vor, als meinte er meine Mutter damit. Ich konnte nicht aufhören, wenn ich alle seine Seltsamkeiten erzählen sollte. Er war jeden Tag ein anderer, das einemal leichtfertig und gugelführisch, dann wieder zerknirscht bis zur Todesangst. Den Leuten machte er Künste und Stücke vor, daß ich heute noch glauben müßte, er habe es mit dem Bösen gehalten, wenn es uns nur nicht oft so gar kümmerlich gegangen wäre. Denn wenn er etwas hatte, so brachte er's durch, und keine Sorge um mich, die doch gewiß groß war, konnte ihn vermögen, etwas zurückzulegen. So kamen wir eines Tages abgerissen und hungrig im hiesigen Barfüßerkloster an. Kaum hatte man uns ein wenig mit Essen gelabt, so verfiel mein Pflegevater in ein tödliches Fieber. Die guten Franziskanermönche nahmen sich seiner und meiner an, konnten ihn aber nicht anders beruhigen als durch das Versprechen, mich im Falle seines Hinscheidens im Kloster zu behalten und geistlich werden zu lassen. Sein Tod war grauenvoll, er wälzte sich vor mir auf dem Boden und flehte mich unaufhörlich um Verzeihung an. So starb er, und ich weiß heute noch nicht, was ich von ihm denken soll. Wider meinen Willen stieg ich bis zum Guardian auf. Ich erfüllte treulich meine Pflichten, aber mein Herz war nicht im Kloster; lieber hätte ich als der geringste Knecht durch schaufeln und graben im Schweiß meines Angesichts mein Brot erworben. Oft dachte ich, mein seltsamer Beschützer habe mich deshalb auf dem Sterbebette so um Verzeihung gebeten, weil er vorausgesehen, daß er mir ein trauriges Leben bereite, und es doch nicht habe ändern können. Manchmal war es mir auch wieder, als stecke ein besonderes Geheimnis dahinter.«

»Er hat vielleicht eine unrechte Liebe zu Eurer Mutter getragen und hat sie dadurch ins Unglück gestürzt.«

»Meinst du, Magdalene? Der damalige Guardian, dem er vor seinem Tode beichtete, sagte mir in späteren Jahren, meine Mutter sei aus Angst und Schreck in den Wehen gestorben, weil ihr Mann, der sehr lang' abwesend und sehr argwöhnisch gewesen, das Kind nicht habe für das seinige erkennen wollen. Ich sollte aber meiner Mutter, die einen unsträflichen Wandel geführt und als ein erbarmungswertes Opfer einen wahren Martertod erlitten habe, wie einer Heiligen gedenken. Übrigens zieme mir nicht, mehr zu wissen.«

»Das ist eine traurige und geheimnisvolle Geschichte.«

»Es ist gar keine,« erwiderte er. »Liebe Hausfrau, nehmt an, ich sei durch einen langen finsteren Gang, wo hin und wieder schaurige unsichtbare Fittiche wehten, hindurchgewandelt, und die Höhle sei nun hinter mir verschüttet worden. Nun bin ich geborgen bei Euch und fange ein neues Leben im Licht und in der Wärme an; das vorige aber ist, als wäre es nicht gewesen.«

Der erste Stern erschien über den hohen Häusern und sah freundlich in die Fensternische, worin die beiden Gatten standen. »Siehst du diesen Boten, Magdalene?« rief der glückliche Bräutigam und wollte eben liebreich sein junges Weib in die Arme schließen, als draußen geklopft wurde. Er öffnete, und eine dunkle Gestalt trat herein. Es war die Tochter des Zunftmeisters. »Ihr Vater,« sagte sie, »lasse den Herrn Petrus bitten, doch in Eile zu ihm zu kommen, der alte Mönch sei sehr unruhig geworden und fast nicht zu stillen. Auch begehre er sehnlich nach seinem Guardian.«

Der ehemalige Klostervorsteher brach alsbald auf. Das Mädchen aber blieb, damit, wie sie sagte, ihrer Muhme nicht gleich am ersten Tage die Zeit zu lang werden möchte.

Der Zunftvorsteher empfing ihn auf dem Hausflur. »Es tut mir leid, würdiger Herr, daß ich Euch stören mußte,« sagte er, »aber ich weiß nicht, was ich mit meinem Pflegebefohlenen anfangen soll. Ich besorge, er wird's nicht lang' mehr treiben. Er hat sich ganz verändert und aus seiner stillen Stumpfheit aufgerafft. Erst tobte er in seiner Kammer umher, begehrte mit Gewalt in sein Kloster zurück, schrie, man habe ihn herausgelockt, man habe einen Anschlag auf sein Leben und dergleichen verwirrtes Wesen mehr. Dann fragte er sehnlich nach Euch, Herr, und sagte, er müsse Euch beichten, er könne ja sonst nicht sterben, und er habe es wider alle Klosterregeln bis jetzt verhalten. Da ich nicht mehr wußte, wie ich ihn beruhigen sollte, so habe ich heimlich nach Euch geschickt, ihm aber derweil eröffnet, das Kloster sei aufgehoben und es gebe keinen Guardian mehr. Das hat denn auch bei ihm gewirkt, er sah mich starr und vergeistert an und hat seitdem den Mund nicht mehr geöffnet. Hört Ihr? es ist ganz still in seiner Kammer. Kommt, Herr, wir wollen nach ihm sehen.«

Sie traten mit der Lampe bei ihm ein. Der lange hagere Greis, immer noch mit der Klostertracht gekleidet, saß auf einem Stuhl in der Ecke, und seine Augen blitzten hervor wie die Augen eines Löwen, den man in seinem Nest besuchen will. Auf einmal erkannte er im Schein der Lampe das Antlitz des Guardians. Er fuhr auf, stürzte ihm zu Füßen und ergoß sich, bald murmelnd, bald schreiend, in einen Strom von Reden. Er schien zu glauben, das Kloster sei überfallen und sein Oberer gemordet worden. Dann versicherte er sich wieder seiner Gegenwart, weinte, bat ihn um Schutz und flehte, in seine stille einsame Zelle zurückkehren zu dürfen. Er war wie außer sich, und der Guardian, der ihn so lange Jahre kaum ein Wort sprechen gehört, erachtete wohl, daß dies Aufflackern ein nahes Erlöschen verkündige.

»Seid ruhig, Bruder Severin,« sagte er sänftlich zu ihm. Der Ton der wohlbekannten Stimme wirkte wie ein schmerzstillendes Mittel, indessen der Guardian ihn vom Boden erhob und fortfuhr: »Ihr seid in guten Händen, niemand will Euch etwas zuleide tun, und ich werde Euch täglich besuchen, ob Euch nichts abgeht.«

Der Alte hatte sich nach seinem Stuhle führen lassen und saß mit gesenktem Haupte da, »Ins Kloster!« murmelte er wie ein Kind, das trotz aller Gegenreden auf seinem Willen beharrt.

»Ihr habt ja auch hier gemächliches Leben,« versetzte der Guardian und legte ihm die Hand auf die Schulter.

Der Alte schien dies wie einen Vorwurf zu nehmen, der ihn lebendig machte. »Gemächlichkeit,« rief er und hob das Haupt, »Gemächlichkeit für einen alten wilden Kriegsknecht! Ich bin mit Maximilian gegen die Schweizer gezogen, ich habe Neapel und Mailand erobern helfen, mit dem großen Gonsalvo hab' ich mich herumgeschlagen. Aber im Kloster, da ist's still.«

»Ihr habt vergossenes Bruderblut auf der Seele,« begann der Guardian, um ihn bei diesem Gedanken festzuhalten. »Aber seid getrost, was Ihr im Kriege nach Gebot und Pflicht getan habt, das kann vergeben werden.«

Der Alte antwortete nicht. Sein Haupt war ihm wieder auf die Brust gesunken, jedoch nicht aus Schwäche oder Stumpfsinn, Man sah vielmehr, daß etwas in seiner Brust arbeitete, wie eine Macht, die durch alle Nerven wühlt. Langsam hob er das Haupt wieder, seine Augen wurden heller und immer heller. Er sah dem Guardian lang' in das Angesicht, dann sank er mit gefalteten Händen in die Kniee, schaute innig zu ihm auf, und mit einer Stimme, ganz verschieden von seiner bisherigen, sprach er: »Mein Vater, höre mich, ich will und muß dir beichten.«

Der Guardian sah sich nach dem Hausherrn um. Dieser nickte ihm zu, stellte die Lampe auf den Tisch und ging leise hinaus.

»Sprich, mein Sohn,« erwiderte der Guardian, während er sich, ihn zu beruhigen, in der Weise eines Priesters, der da Beichte hört, auf dem Stuhle niederließ, und der Knieende begann seine Beichte gefaßt und im Tone voller klarer Besinnung. Er war in wenigen Augenblicken ein ganz anderer geworden.

»Ich war in meinen jungen Jahren ein ehrsamer Bürger. Ich hatte Geld und Gut, ein blühendes Gewerbe, ein schönes junges sanftes Weib.«

Er hielt inne. Die Tränen strömten ihm über den struppigen Bart; es schien, als ob bei ihm nach langem Winterfrost ein mildes Tauwetter eingetreten wäre. Der Guardian hörte aufmerksam zu und ließ ihn gewähren.

Plötzlich umschlang der alte Mann mit Heftigkeit seine Kniee: »Mein Vater,« rief er, »du weißest alle Dinge, sage mir, ob sie schuldig war! Ach, sie hatte so ein reines Herz, und doch, und doch!«

»Wie kann ich das wissen?« versetzte Herr Petrus. »Wodurch erregte sie denn deinen Verdacht? War sie vielleicht zu freundlich gegen andere Männer?«

»Das ist's, mein Vater! Sieh, du sprichst wahr! Ich hatte an ihrem Betragen nichts zu tadeln, als daß sie freundlich und liebreich wie ein Engel war gegen jedermann, und das konnten die Leute ja mißverstehen. – Freilich,« murmelte er dumpf, »ein Engel muß ja liebreich gegen alle Menschen sein.«

»Du warst also eifersüchtig?«

»Lang' war ich's nicht; nur wurde ich hie und da ein wenig unmutig; denn sie mochte es wollen oder nicht, sie entzündete alle Herzen mit ihrer Freundlichkeit. Aber da kam ein fahrender Schüler.«

Der Guardian machte eine rasche Bewegung und erblaßte.

»Der buhlte gar zu offen um sie und war so mutwillig und so arglistig und so höhnisch. Sie aber hatte eine Lust an seinen Gaukeleien und lachte fröhlich dazu, obgleich sie wohl hätte wissen können, daß sich das nicht gebührte und daß sie als eine ehrbare Ehefrau ihn stracks hätte abweisen sollen. Sie hätte wohl wissen können, daß mir bei solchem Unwesen ein Stich um den andern durch das Herz fuhr.«

»Ist das ein Grund, mit einer arglosen jungen Frau zu hadern, daß sie sich an den Gaukelkünsten eines fahrenden Scholasten ergötzte? Hattest du denn keine Kinder, die dir für ihre Treue bürgten?«

»Das war es ja, mein Vater, das war ja eben der Fehler! Ich hatte keine. Unsere dreijährige Ehe war ungesegnet geblieben, und trotz aller Liebe kam eine Leere zwischen uns. Ich hatte eine Sehnsucht nach Kindern, die mir das Herz oft mit dem bittersten Weh erfüllte. Hundertmal warf ich mich vor der gebenedeiten Jungfrau, der Mutter aller Gnaden, nieder und flehte sie an, mein Haus zu segnen, aber ich hoffte umsonst. Endlich wachte ich eines Morgens mit dem Gedanken auf, nach Köln, zu allen Heiligen, die dort sind, zu pilgern. Er war mir so unversehens gekommen, daß ich ihn unzweifelhaft für eine Eingebung von oben hielt. Ich sagte ihn meinem Weibe, und sie war zufrieden, wie mit allem, was ich tat. Aber beinahe wäre nichts aus der Fahrt geworden. Denn am Tage vor der Abreise, auf einem Schützenfeste war es, daß der Gaukler seine Buhlkünste am ärgsten trieb; und daß sie statt der Abschiedsgedanken, die sie billig hätte haben sollen, so scherzen und lachen konnte, das verfinsterte mein Gemüt gegen sie. Ich fürchtete, der spöttische Bube werde meine Entfernung benützen, und wollte von meinem Vorsatz abstehen; aber ich hatte ihn schon allen meinen Freunden geoffenbart; wir hatten den Schützentag zugleich zu einem Scheide- und Minnetrunk bestimmt, und ich schämte mich deshalb, eine solche Veränderlichkeit laut werden zu lassen. Im Heimgehen machte ich ihr bittere Vorwürfe; sie weinte stille vor sich hin, und es reute mich wieder, sie gescholten zu haben. Sie kam mir vor wie ein Kind, das unschuldigerweise mit einem gefährlichen Werkzeuge gespielt hat. Darum redete ich wieder gütlich zu ihr, und wir kamen versöhnt nach Hause. Ich meinte, ich habe sie nie zuvor so lieb gehabt, und mein Gehen war mir jetzt aus Liebe noch leider, als es mir zuvor aus Eifersucht gewesen war. Des Morgens, als der Tag graute, wollte ich mich leise von ihrer Seite fortschleichen, um sie nicht zu stören; aber sie erwachte bei meiner ersten Bewegung, klammerte sich an mich an und flehte mit inniglichem Weinen, ich möchte sie nicht verlassen, Gott könne mir ja meinen Wunsch auch ungereist erfüllen. Mein Herz sagte freilich Ja, aber mein Mund wollte sich nicht dazu verstehen, ein ausgesprochenes Wort rückgängig zu machen. Ich küßte und herzte sie, und wir nahmen mit großem Weh und vielen Tränen Abschied voneinander. O daß ich doch ihren Worten gefolgt und bei ihr geblieben wäre! Wie großes Unheil hätt' ich dadurch verhütet!«

Er wühlte schmerzlich in seinen grauen Haaren und legte das müde Haupt dem Guardian aufs Knie. Dieser hatte die Hände vor sein Angesicht geschlagen; dicke warme Tropfen quollen durch sie hervor.

Endlich erhob der alte Mann das Haupt wieder und fuhr fort: »Als ich in Köln nach langem heißem Gebet im Abendzwielicht den Dom verließ, gesellte sich ein verhüllter Mönch zu mir. Er bot mir den Gruß des Friedens; seine Stimme erweckte in mir ein solches Vertrauen, daß es mir war, als ob ich ihm mein ganzes Herz öffnen müßte, und da er mich fragte, was mich hierhergetrieben, so gab ich ihm unverhalten von allem Kunde, von meiner Sehnsucht nach Kindern und von der ängstlichen Sorge, mit der ich mein Weib daheimgelassen habe. Wie ich nun des Schülers erwähnte, da ward er sehr nachdenklich und befrug mich genau nach dessen Aussehen von Antlitz und Gestalt. ›Den kenne ich wohl‹, sagte er auf meine Beschreibung, ›das ist gar ein arger Gesell und versteht sich auf teuflische Zauberstücke, womit er schon manchen guten Christenmenschen unter den Boden gebracht hat.‹«

»Ich war über die Maßen erschrocken bei diesen Worten und fragte ihn, wie denn das zugegangen sei.«

»›Der Teufel und sein Gesinde hat manche Mittel und Wege,‹ antwortete er. ›Am kürzesten ist es, wenn man den Feind, den man vom Leben haben will, im Bild erwürgt. Ein solcher Unhold erschießt dich aus weiter Ferne.‹«

»Mein, wäre das möglich?' rief ich.«

»›Es ist nicht lang her‹, gab er mir zur Antwort, ›daß einer gen Rom ging, St. Peter und St. Paul zu besuchen. Wie er aber weg war, da wurde seine Frau einem andern hold, der war auch so ein fahrender Schüler, die immer die schlimmsten sind und ihr Höllenwerk einer vom andern lernen, und begehrte ihrer zur Ehe. Die Frau sprach: Mein Mann ist gen Rom gezogen; wär' er tot oder könntest du ihn umbringen, so wollt' ich dich vor allen Männern lieb haben. Er sprach: Ja, ich kann ihn umbringen; und kauft wohl sechs Pfund Wachs und macht ein Bild daraus. Da nun der fromme Mann gen Rom in die Stadt kam, da trat ein Gottesmann zu ihm, gerade wie ich zu dir, und sprach: O du Sohn des Todes, was gehst du hin und her? Hilft man dir nicht, so bist du heute lebendig und tot. Da nahm er ihn in sein Haus und zeigte ihm, was die beiden Fleischbösewichte in seiner Heimat wider ihn vorhatten, und er sah mit Augen, wie in seinem eigenen Hause einer ein wächsern Bild an die Wand stellte und seine eigene Armbrust nahm, um in das Bild zu schießen. Da behütete ihn aber der Mann Gottes, der Mörder schoß daneben, und der Mann sah zu, wie der Mörder tot umfiel, wie die Frau jammerte und dann hinging und den Toten unten im Hause vergrub. Da wollte er seinem Retter viel schenken; der wollte aber nichts nehmen und sprach: Bitte Gott für mich und geh' hin im Frieden. Der Bürger zog wiederum heim, und wie er heimkam, wollte ihn die Frau freundlich empfangen. Er aber gab ihr keine Gnade, berief ihre Freunde, sprach zu ihnen, was sie ihm für eine Frau gegeben hätten, und sagte ihnen alles, wie sie gehandelt habe. Die Frau leugnete es in einem fort. Da führte er die Freunde dahin, wo sie den Mörder verscharrt hatte, und grub ihn wieder heraus. Die Frau aber wurde verbrannt.‹«

»Ich hatte ihn kaum zu Ende erzählen lassen, so begierig war ich, eine Frage an ihn zu tun. Wie hat denn der fremde Mann den Bürger vor den teuflischen Schüssen behütet? sprach ich, und wie ist es zugegangen, daß der Pfeil den Mörder traf?«

»Er neigte sich geheimnisvoll zu meinem Ohr. ›Wasser ist ein bergend Element,‹ sagte er. ›Weißt du nicht, daß jeder Zauber seinen Gegenzauber hat? Aber wirken muß ein kräftiger Zauber auf alle Fälle, daher, wenn er auf einen ebenso kräftigen Gegenzauber stößt, daß er nicht vorwärts kann, so schlägt er zurück, und dann trifft der Pfeil den eigenen Schützen.‹«

»Meine Gedanken wogten wie ein Heer von Wolken, die zwischen Sturm und Sonnenschein ziehen. Vielleicht meint er's doch nicht so bös mit mir, sagte ich, ist mir doch auf dieser langen weiten Reise kein Unfall widerfahren.«

»›Das beweist, daß er Euer Weib bis jetzt noch nicht hat zu seinem Willen bringen können,‹ antwortete der Mönch. ›Weißet Eure Hand her,‹ fuhr er fort. ›Kommt in die Kirche, hier ist es zu dunkel.‹«

»Wir gingen in den Dom zurück. Beim Schein der ewigen Lampe sah er mir lang in die innere Fläche meiner Hände, und es war mir unsäglich bang zumute unter den vielen betenden Menschen um mich her. Ich konnte nicht mehr beten; es war mir, als ob jetzt über mein Leben der Würfel geworfen würde. Nachdem er die Zeichnung meiner Hände erforscht hatte, gab er mir einen Wink, und wir gingen wieder hinaus. Draußen fragte er mich um Tag und Stunde meiner Geburt, und wie ich ihm das, so gut ich's wußte, berichtet hatte, fing er an, vor sich hin zu murmeln und zu rechnen und an den Fingern zu zählen. ›Bruder,‹ sagte er endlich, ›Euch ist eine gefährliche Nativität in die Hand geschrieben, ein blutiges Unglückszeichen, das just in Euer gegenwärtiges Alter trifft und jede Stunde Euer Lebenslicht auslöschen kann.‹«

»Rettet mich, Herr! rief ich und wollte mich zu seinen Füßen werfen.«

»›Seid ruhig‹, erwiderte er, ›noch ist der Augenblick nicht da. Seht Ihr den gelben Stern dort hinten? Er steht noch tief und machtlos am Himmel; wenn er aber so weit herausgerückt ist, daß er über dem Dom kulminiert, dann haben die bösen Stunden ihre Gewalt, und Euer Unheil wird nicht ferne sein. Dies beginnt erst um Mitternacht. Ihr müßt heut den ganzen Abend fasten; nicht Speise noch Trank darf über Eure Lippen gehen. Eh' es zwölf schlägt, findet Euch hier wieder auf dem Platze ein. Da sollt Ihr mich treffen, und ich will Euch getreulich beistehen. Bis dahin gehabt Euch wohl.‹«

»Bei diesen Worten drückte er mir den Arm und war auf einmal weg. Ich stand mehr tot als lebendig da. In schweren Gedanken ging ich meiner Herberge zu, und als man mich dort mit den anderen Gästen zu Tisch setzen wollte, stellte ich mich wegemüde, obwohl es mir hart fiel und beinahe über meine Kräfte ging; denn ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen, weil ich nach meiner Ankunft gleich zu Sankt Ursula und darauf in den Dom gegangen war. Doch überwand ich mich und dankte Gott, einen so unerwarteten Freund in der Not gefunden zu haben. Die Unruhe litt mich nicht in der Herberge; ich ging wieder fort, nachdem ich mir von einem Knechte gegen guten Lohn versprechen lassen, mir in der Nacht zu öffnen. Er zeigte mir ein Fenster, wo ich klopfen sollte, und wünschte mir lachend fröhliche Aventüre. Ich irrte durch die Straßen hin und her und behielt nur immer den Dom im Auge, um mich wieder zurecht finden zu können. Meine Angst stieg mit jedem Atemzuge, ich fühlte mein Herz im Leibe nicht mehr sicher. Der Mörder konnte ja den Teufelsbolzen von meiner Armbrust fliegen lassen, ehe ich mich dagegen zu schirmen vermochte. Ich bin nie furchtsam gewesen, ich bin nachher Schwertern, Spießen und Feuerschlangen gegenüber gestanden und habe nicht mit dem Auge gezuckt; auch den Donner habe ich ohne Zagen vom Himmel krachen hören und den Wetterstrahl sehen vor mir niederschlagen. Aber ein solcher unsichtbarer Feind, der aus weiter Ferne den Mord durch die Lüfte schickt, machte mir ein Grausen, daß ich vor Bedrängnis zu ersticken meinte.«

»Lang vor Mitternacht war ich am Dom. Ich setzte mich aus großer Müdigkeit in seinen Schatten, stand wieder auf, lief umher und setzte mich wieder. Endlich hörte ich Schritte kommen. Er war's. Ich eilte auf ihn zu, als ob seine Nähe mir ein Schild wäre. Er bedeutete mich, zu schweigen, und führte mich einen langen Weg durch immer engere Gassen und endlich über einen Hof zu einem halbverfallenen Hause. Dort zog er mich durch finstere Gänge hin, bis er an eine Türe kam, die er aufschloß. Als er Licht angezündet hatte, sah ich mich in einem Gemach mit allerlei fremdem Geräte. Mitten darin hatte er ein Wasserball in einer überaus wunderlichen Kufe gerüstet, vor welcher ein Spiegel angebracht war.«

»›Nun höre mich an,‹ sprach er zu mir. ›Du wirst jetzt bald schauen, wie es bei dir zu Hause steht. Wenn die Zeichen gut sind, so reisest du gleich morgen heim und darfst hinfüro an deinem Weibe nicht mehr zweifeln. Siehst du aber, daß sie sich mit ihrem Buhlen die Zeit deiner Wallfahrt zu nutze macht, dir desto sicherer ans Leben zu gehen, so versprich mir, daß du die Rache dem Herrn anheimstellen willst. Dann ist es am besten, du kehrst nicht mehr, sondern trittst je eher je lieber in ein Kloster ein; denn was soll dir die Welt, dein Haushalt, dein Hab' und Gut, wenn dein Haus verschändet ist?‹ – Also redete er mir noch mit vielen weisen und gottseligen Worten zu. Ich aber versprach ihm alles, um nur Schutz bei ihm zu finden; denn jeden Augenblick fürchtete ich etwas Feindliches zu erleiden. Darauf gebot er mir, von nun an, so lieb mir mein Leben sei, zu schweigen und, was ich auch sehen möchte, weder in Lieb noch Leid ein Wort zu sprechen. Dann mußte ich meine Kleider ablegen und in das Wasser steigen, das, wie er mir sagte, geweiht und gesegnet war. Er hieß mich in den Spiegel schauen und setzte sich hinter denselben, ein Buch zu Händen nehmend, aus dem er mit leisem unaufhörlichem Murmeln, bald schnell, bald langsam, Zaubersprüche zu lesen begann. Ein dumpfer Geruch verbreitete sich in dem Gemach. Wolken und Nebel flogen über den Spiegel hin; sie verdichteten sich allmählich, und mir war, als sähe ich eine Gestalt. Auf einmal ward es hell im Spiegel, und ich erkannte das Bild. Es war mein Weib, das gleichwie lebendig darin erschien. Sie sah nicht nach mir her, aber sie lächelte so liebreizend, daß ich die Arme nach ihr ausstrecken mußte; da bedräute mich aber der Meister, daß ich mich stille verhalten sollte. Wiederum ging ein Gewölk über den Spiegel; wie es sich verzog, schien sie mich erst gewahr zu werden. Ihre Gebärde verwandelte sich, sie warf mir einen Blick voll Haß und Widerwillen zu und verschwand in einem Nebel. Abermals hellte sich der Spiegel auf; sie sah wieder so schön und freundlich aus wie zuvor, aber sie war auch wieder zur Seite gewendet und lächelte einem zu, den ich nicht sehen konnte. Nun kam es mir vor, daß sie gar die Arme nach ihm ausbreite; zugleich aber zerbrach das Bild in tausend Nebelflitter und zerfloß endlich in eine unkennbare Schattengestalt. Der Meister fing wieder stärker zu murmeln an, so daß mir der Kopf schwindelte, und gebot mir, unverwandt in den Spiegel zu schauen. Allmählich wurde der Schatten darin wieder lichter und begann menschliche Züge anzunehmen, die nach und nach bekannter wurden. Jetzt war es, als ob das Bild einen schnellen Schritt vorwärts gemacht hätte; denn ich erkannte auf einmal meinen Feind und Verfolger, der mit einem boshaften und grausamen Gesichte ganz nahe vor mir stand. Abermals wollte ich mich erheben, ich ballte die Faust gegen ihn; da sah ich plötzlich eine Armbrust in seinen Händen, die mit aufgelegtem Pfeile nach mir gerichtet war. Ich weiß nicht, war es der Schein der metallenen Spitze, oder war es der dräuende Blick seiner Augen, aber aus dem Spiegel züngelte etwas wie eine Schlange nach mir hervor. Jetzt war es dicht an mir, das Grausen lähmte mich, so daß ich mit offenem Munde nicht schreien, mit ausgestreckten Händen mich nicht bewegen konnte. ›Tauch' unter!‹ rief der Meister, und ich war unter dem Wasser. Eine starke Hand, so schien mir's, hatte mich hinabgedrückt. Drunten aber war es wie Orgelspiel und Glockenläuten um mich, und die Sinne schwanden mir.«

»Als ich wieder zu mir kam, fühlte ich, daß ich gar hart gebettet war. Ich ermunterte mich mit Mühe, in meinem Haupte wühlte ein glühender Schmerz, aber meine Glieder zitterten vor Frost, und meine Zähne schlugen gegeneinander, obgleich, ich meine Kleider wieder anhatte und in meinen Mantel geschlagen war. Endlich suchte ich zu erkunden, wo ich mich befände; ich lag auf den steinernen Stufen eines Hauses in einer völlig unbekannten Stadtgegend. Hatte ich geträumt? War der Fremde vielleicht ein Geist gewesen, der auf einige Stunden herabkommen durfte, um mich von der äußersten Gefahr zu retten, und der mich dann, weil seine Zeit abgelaufen war, hilflos zurücklassen mußte? Ein Übeltäter war er nicht, denn ich fand meine Reisetasche am Gürtel, und es fehlte weder Blappart noch Heller darin. Ich konnte meine Gedanken nicht zusammenbringen, sie liefen wild und kraus durcheinander. Die Sterne waren blaß geworden, die Morgenkälte drang mir schneidend durch Gebein und Mark. Ich raffte mich auf, wobei ich über meine große Leibesschwäche erschrak, und wankte Straß' auf, Straß' ab, bis ich den riesigen Rumpf des Domes gewahr wurde. Gegen diesen richtete ich meine Schritte und nun war ich imstande, meine Herberge wieder zu finden. Als ich dem Knecht ans Fenster geklopft hatte, brach ich zusammen, und er mußte mich von der Straße auf meine Kammer tragen. Meine nassen Haare erregten den Verdacht, daß ich auf einem leichtfertigen Nachtwandel entweder durch Unkunde des Weges, oder etwa bei einem Streit mit Ribalden von gleichem Schlag ins Wasser geraten sei. Fragen konnte man mich nicht, weil ich in dunklen Fieberträumen lag, und wie ich nach Wochen meiner Sinne wieder mächtig war, da kümmerte sich niemand mehr um mich, weder Arzt noch Wirt; denn sie hatten sich für Pflege und Lager aus meiner Tasche bezahlt gemacht, bis sie leer war, und da ich nun erst recht in eine tödliche Schwachheit verfiel, so schafften sie mich zu den Sondersiechen, in der Meinung, ich werde dort allmählich vollends verglimmen und verlöschen.«

»Aber mein fester Körper half sich durch, damit ich des Bittern noch mehr schmecken sollte. Viele Monde waren hingegangen, als ich endlich wieder auf meinen Füßen stehen konnte und mit ein paar abgeschätzten Weißpfennigen aus dem Spital entlassen wurde. Ich kannte zu Köln keine Seele, daß ich hätte zu einem Darleihen kommen mögen. So zog ich nun bar und bloß von dannen und bettelte mich durch von Ort zu Ort, mit Hunger und Kälte, auch mit neuen Anfällen meiner Krankheit kämpfend. Dazu quälte mich die Ungewißheit, wie es bei mir zu Hause beschaffen sei, und tat mir weher als alle anderen Beschwerden. Das Gesicht jener Nacht schwebte mir immer vor; doch wußte ich nicht, was ich davon halten sollte. Lange Zeit jagte es mich durch die Lande, daß ich im Elend umherzog und die Heimat mied; endlich aber trieb es mich, heimzukehren und mit eigenen Augen zu schauen. Die Nähe aber peinigte mich noch mehr als die Ferne, denn mein Herz schlug je schneller und verzehrte sich, je langsamer mein kraftloser Leib vorwärts kroch.«

»In der Frühlingsnachtgleiche war ich ausgezogen, zu Wintersonnwenden stand ich abends wieder an der Schwelle meines Hauses; so lang war ich fort gewesen. Ich trug die Hoftracht des bitteren Kummers. Nun sollte es sich entscheiden, ob ich wieder ein getrösteter glücklicher Mann sein, oder ob es schlimmer werden sollte, denn zuvor. Nachdem ich mit zagendem Herzen lang vor meiner Türe gestanden, zog ich den Schlüssel heraus, den ich mitgenommen hatte, um zu jeder Stunde eintreten und den Frieden des Hauses ergründen zu können. Ich ging hinauf und trat leise ein. Da lag mein Weib auf den Knieen vor einem Betpulte, worauf ein trübes Licht brannte. Sie betete gar hart, als ob sie viel Verzeihung zu erflehen hätte. Bei dem Geräusche wandte sie sich um und stieß einen wilden Schrei aus, da sie meiner ansichtig wurde. Keine Freude machte ihr mein Kommen, ich las in ihrer Miene nichts als Todesschrecken. Ich trat ihr näher, mit einem eiskalten Weh im Herzen: sie streckte die Hände gegen mich aus, und als ihr schwarzes Gewand auseinander fiel, da sah ich, daß sie mich in meiner Abwesenheit betrogen hatte und daß sie ein Kind unter ihrem Herzen trug. Gott weiß, wo ihr Verderber hingekommen sein mochte; denn sie war allein und sah wie eine Verlassene aus. Ich mag nicht wiederholen, was ich zu ihr sprach; schwere Flüche waren es, die ich über ihr Haupt ausschüttete. Sie wollte meine Kniee umklammern; ich stieß sie zurück, sie schwankte und fiel mit dem Betpult auf den Boden. Das Licht flog wie ein feuriger Pfeil durch das Gemach. Aber ich wußte nichts von dem, was mein Auge sah, ließ sie liegen und brach hinaus, hinab, fort von Haus und Hof, Stadt und Heimat, auf Nimmerwiedersehen, in den Krieg und, ob Gott mir's gönnte, in den Tod. Als ich draußen die letzte Höhe erstieg, zitterte ein roter Schein am Himmel hin. Ich sah schweratmend zurück. Die helle Lohe schlug aus der Stadt empor, und als den Herd des Feuers erkannte ich die Gegend, in der mein Haus gelegen war. Ich warf mich zu Boden und betete ein glühendes Ave für die arme Seele, die dem Scheiterhaufen der Menschen entgangen war und durch das Bußfeuer des lichtenden Gottes hingerafft wurde; dann riß ich mich auf und eilte weiter, unstät und flüchtig dahinirrend.«

»Unseliger!« rief der Guardian, aus seinem kummervollen Brüten auffahrend, »du hast ein schuldloses Weib gemordet, eine reine Heilige, die keiner Versuchung erlag, auch da nicht, als ihr der Versucher die fälschliche Nachricht von deinem Tode brachte!«

»Mein Vater,« stammelte der Alte, »und weißest du es ganz gewiß?«

»Nicht dein Vater! Dein Sohn, dein und ihr Kind, das in den Schrecken jener Todesnacht geboren wurde!«

Der Alte tat einen Schrei. Sein Sohn hielt ihn, daß er nicht rücklings überschlug. Mit fliegenden Worten erklärte er ihm das Gaukelspiel, das der Verführer in Köln mit ihm getrieben hatte. Er erzählte ihm, wie jener dann zurückgeeilt sei, um das arme unschuldige Weib von ihrer Witwenschaft zu unterrichten; wie er auch da kein Gehör bei ihr gefunden, sie aber stets gleich einem bösen Geist umschwebt und endlich ihre Leiche samt dem Kinde, das sie sterbend geboren, aus den Flammen getragen habe. Alles dieses setzte er aus abgebrochenen Worten und Selbstgesprächen seines frevlen Pflegevaters zusammen, die ihm erst unter der Erzählung des Sterbenden klar geworden waren. Es bedurfte eines kurzen Beweises, um die Unschuld seiner Mutter darzutun, der Alte glaubte nun das Gute so schnell, wie er einst das Böse geglaubt hatte. Jammernd und flehend, segnend und gesegnet lag er an dem Herzen des Sohnes, der ihm unaufhörlich seine und seiner Mutter Vergebung zurief. Die letzte Lebenskraft des Greisen war gebrochen; sie strömte in Tränen und Seufzern aus. Sein Schluchzen ward immer lauter und heftiger, bis er endlich mit einem starken Herzstoß ausgestreckt in den Armen seines Sohnes lag.

Dieser legte den Leichnam sanft auf das Lager und kniete zu einem stillen Gebete daneben hin. Lang lag er so und wurde nicht gewahr, daß seine Neuvermählte, über sein langes Ausbleiben besorgt, bei ihm eingetreten und leise neben ihm in die Kniee gesunken war, sein mitliebender und mitleidender Engel, der ihm der Engel einer lichteren Zukunft zu werden verhieß.

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