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Gesammelte kleinere Erzählungen, 3. Teil

Hermann Kurz: Gesammelte kleinere Erzählungen, 3. Teil - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Kurz
titleGesammelte kleinere Erzählungen, 3. Teil
publisherMax Hesse's Verlag
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Ein Herzensstreich.

Mein Vetter Theodor – denn das war er im fünften oder sechsten Grade – wuchs in großer Eingezogenheit und Entfernung von jungen Leuten seines Alters auf. Seine Eltern waren so besorgt, die möglichen übeln Folgen des geselligen Umgangs von ihm abzuhalten, daß sie ihn nicht in die öffentliche Schule gehen ließen, sondern ihm einen Hauslehrer hielten, unter dessen Aufsicht er sich den größten Teil des Tages beschäftigen mußte. In den Erholungsstunden war es ihm vergönnt, in einem mäßigen Garten hinter dem Hause sich mit der Schaukel und anderen ähnlichen Spielen zu vergnügen, oder, da er großen Hang zum Lesen hatte, unberührt vom Gifte der Romane seinen Geist und sein Herz durch Campesche Jugendschriften zu stärken und zu bilden.

So wuchs er in der Einsamkeit heran, ohne von dem Weltlauf berührt zu werden oder einen Begriff von dem zu haben, was außer dem engen Kreise seines väterlichen Hauses geschah. Dasselbe galt unserer bescheidenen Vorstellung für den Palast des Reichtums selbst; es war, im Gegensatz zu dem altreichsstädtischen Herkommen, stets abgeschlossen, und die hohen, mit einem Gitter eingefaßten Staffeln gaben ihm ein abschreckend vornehmes Aussehen. Den Sohn des Hauses aber bekamen wir fast nur von weitem zu sehen, wenn er, gleich einem ausländischen, sorgsam abgesperrten Vogel, hinter den Staketen des Gartens spazierte.

Als er sein vierzehntes Jahr erreicht hatte, führte ihn sein Vater, ein Kaufmann, den günstige Verhältnisse und Handelsverbindungen mit Italien in den Stand gesetzt hatten, den Detailhandel aufzugeben und nur noch Geschäfte im großen zu machen, in sein Kontor ein, wo er der Geheimsprache der kaufmännischen Korrespondenz und den Mysterien der auf diesem »Platze« noch ziemlich neuen doppelten Buchhaltung obliegen mußte.

Auch in diesem vorgerückten Stande waren ihm außer Spaziergängen oder Spazierritten mit seinem Vater, und hie und da einer Spazierfahrt mit seiner etwas nervenschwachen Mutter, nur seltene Höflichkeitsbesuche bei Verwandten oder Bekannten seiner Eltern gestattet, wo die Unterhaltung schon sehr verwegen wurde, wenn sie das Gebiet der Erkundigungen nach dem weitesten Befinden und der Debatten über Wind und Wetter verließ, um in die bedenkliche Sphäre der neusten Moden, oder gar der Stadtchronik, oder vollends in das Kapitel der Verlobungen und Heiraten überzugehen.

Vom Verkehr mit den anderen jungen Kaufleuten hielt ihn sein strenger Vater ganz und gar zurück, der, in den Sitten der guten alten Zeit erzogen, die Manieren und Begriffe dieser jungen Leute verabscheute; denn sie hatten in Frankreich, wohin sie frühzeitig zu ihrer Ausbildung gesandt worden waren, den deutschen Zopf, aber freilich zum Teil bis auf den kahlen Haarboden, abgelegt, und machten allen Autoritäten eine Opposition, die besonders den älteren Leuten in ihrer Vaterstadt widerwärtig war.

Mehr noch als der Wille seines Vaters schreckte unseren jungen Freund von seinen Altersgenossen das peinliche Gefühl zurück, das bei unvermeidlichen Begegnungen über ihn kam; er empfand deutlich, daß sie ihn übersahen und oft mit höhnischer Geringschätzung behandelten, wenn er gegen sie eine Äußerung wagte, deren unglaubliche Unschuld dem herkömmlichen Weltlauf ebensosehr als ihren besondern Ansichten zuwider lief. Unter mancherlei Spottnamen kursierte er in ihren gesellschaftlichen Zusammenkünften, und bot einen unerschöpflichen Stoff zu belustigenden Erzählungen von seiner Unschuld und Unwissenheit in den Angelegenheiten des täglichen Lebens dar. Die meisten dieser Anekdoten mochten erdichtet sein, aber auch die kühnste Phantasie wurde durch einen Einfall von ihm beschämt, womit er, ohne es zu wissen, gebieterisch in den Willen und die Rechte zweier Häuser eingriff und sich gleichsam träumend das Glück seines Lebens vom Baume schüttelte.

Der erste Geistliche der Stadt hatte zwei Töchter, von denen die jüngere, Marie, fast in gleichem Alter mit Theodor war und infolgedessen mit ihm den Religionsunterricht besucht hatte und mit ihm konfirmiert worden war. Schon damals hatte das sanfte, stille Mädchen einen unbewußten, aber großen Eindruck auf ihn gemacht; nie war er so aufmerksam, als wenn sie gefragt wurde, und doch konnte er nicht begreifen, warum sich immer nur der Ton, keineswegs aber der Inhalt ihrer Antworten in sein Gedächtnis einprägte. Die andächtige Miene, womit er die frommen Lehren ihres Vaters begleitete, gewann doch zuletzt stets eine Richtung auf die blauen Augen und die lichtbraunen Haare der Tochter. Unter den Gebeten und Sprüchen, die seine Altersgenossen längst in Frankreich vergessen hatten, war ihm jener Spruch der liebste, welcher anhebt: »Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes«; dies kam aber, ohne daß wir sein Christentum verdächtigen wollen, doch zum Teil daher, daß Marie diese Worte bei der Konfirmation hatte aufsagen müssen.

Auch nachher durfte er sie öfter sehen; die Bedürfnisse des Kultus und die Freundschaft seiner Eltern führten ihn häufig in das Haus ihres Vaters, der sein und der Seinigen Beichtvater war, und der gute alte Herr hatte ihn so lieb, daß er ihm, auch als er in seinen hohen Jahren die Beichtvorbereitungen wie den übrigen Gottesdienst einem Vikar überlassen mußte, gern ein Stündchen besonderer Belehrung und Ermahnung widmete. Wenn dies vorüber war, so wurde der Jüngling an den Familientisch geführt, wo er sich bei einigen Erfrischungen mit den Mädchen und ihrer Mutter eine Weile unterhalten durfte. Hier befestigte sich seine Neigung zu Marien immer mehr, ja er gewöhnte sich, sie wie eine Schutzheilige anzusehen, wenn Minchen, ihre lebhafte Schwester, ihn durch schnelle Fragen oder gar durch Neckereien in Verlegenheit brachte, und Marie, um ihm herauszuhelfen, die Antwort übernahm und durch einen leisen Verweis die Angriffe ihrer Schwester abschlug.

Nun hatte Theodor, so unbehilflich und unerfahren er auch in Gesellschaften erschien, doch manches Wort vernommen, das ihm eine helldunkle Aussicht in die Verhältnisse des Lebens eröffnete, manche Bezeichnung, die ihm seine leis geschäftige Phantasie ahnungsvoll ausmalte. Einige plauderhafte Basen liebten es gar zu sehr, davon zu sprechen, wen diese oder jene zum Bräutigam erhalten habe und wann die Hochzeit sein werde und wer dazu eingeladen sei, und dergleichen mehr. Einmal, als ein Vetter Theodors verlobt und seine Braut zu den Eltern auf Besuch gekommen war, hatte er es selbst mit angesehen, wie jener nach Tische seinem Mädchen vor den Augen der anderen einen herzhaften Kuß gab, und dieses Schauspiel ging ihm lange im Kopf herum; wachend und träumend sah er den Vetter, wie er sich herabbeugte und zwei frische Lippen ihm entgegenkamen und zwei helle Augen ihm so freundlich und aufmunternd entgegenblickten; ja, er fing schon an, darüber nachzudenken, ob seine eigenen Lippen wohl auch zu diesem angenehmen Spiele geschaffen sein möchten.

Dazu kam noch, daß er an seinen Eltern das musterhafte Beispiel einer glücklichen Ehe sah, der es auch nicht an Äußerungen einer größeren Zärtlichkeit fehlte, wenn sein Vater eine Geschäftsreise antrat oder sogar, was einige male vorkam, nach geraumer Abwesenheit aus Italien zurückkehrte. Gar wohl erinnerte er sich noch, wie ihm eine Schwester in zarter Jugend gestorben war, und die Mutter sich schmerzlich weinend an den Vater lehnte, als wollte sie Schutz und Trost bei ihm suchen.

Die schönen Worte, die er bald darauf bei der Trauung jenes Vetters hörte, »in Freud' und Leid, in Not und Tod einander treu zu sein«, gruben sich unauslöschlich in sein Herz, und so hafteten endlich seine Gedanken bei dem Bilde eines solchen Lebens mit Marien, von der er anfangs gewünscht hatte, sie möchte ihm die Stelle der verstorbenen Schwester ersetzen, und die er sich nun als sein Weib zu denken gewöhnte. Auch rechnete er ganz unbefangen auf die Gefälligkeit des Freundes Storch, an den er zwar, zu reiferen Ansichten gelangt, den Maßstab mythischer Kritik anlegte, ohne jedoch diesem Bild eine bestimmtere Vorstellung unterschieben zu können.

Wie nun bei einem Gefäß Wasser, das den Gefrierpunkt erreicht hat, ein einziger Stoß hinreichend ist, um die ganz neue Gestalt des Eises plötzlich hervorzubringen, so war es ein unbedachtes Wort seines Vaters, das alle diese Gefühle und Träume auf einmal in die seltsamste Tat übersetzte.

Theodors zwanzigster Geburtstag war herbeigekommen; es war der Andreastag, und schon als Knabe hatte er sich ein Mächtiges darauf zugute getan, daß sein Wiegenfest von der ganzen Christenheit gefeiert war, und, um auch seinerseits eine Ehre mit einer anderen zu erwidern, jedes Jahr an diesem Tage den Jungen des Glöckners mit einem Geldstück bestochen, um bei dem Einläuten des Gottesdienstes helfen zu dürfen.

Seine Eltern hatten, wie gewöhnlich, eine kleine Gesellschaft zu einem fröhlichen Mahle geladen. Natürlich drehte sich das Gespräch vielfach um den Helden des Tags, und einige ältere Frauen wußten dem Vater nichts Schmeichelhafteres zu sagen, als wie wohlerzogen sein Sohn, und wie groß und wie stark er zu seinem Alter sei.

Ja, ja, erwiderte dieser, der in der Freude seines Herzens ein Gläschen mehr getrunken hatte: er ist ein kräftiger Bursche, und ich glaube, es wäre nächstens Zeit, daß er sich verheiratete.

Die Mutter, in welcher bei diesen Worten die anmutigsten Gedanken erwachten, sagte lächelnd: Da wollen wir ihn dem heutigen Heiligen, dessen geborener Schützling er ist, bestens empfehlen. Und die ganze Gesellschaft erhob sich, stieß die Gläser zusammen und ließ den heiligen Kreuzträger hoch und abermals hoch leben.

So wenig ernstlich nun auch dieser Toast, zumal von protestantischen Trinkern und Trinkerinnen, gemeint war, so zündete er doch dem jungen Schutzbefohlenen des Andreas ein ganz neues Licht an, wozu das liebevolle Verhältnis zu seinem Vater nicht wenig beitrug. Außer den unbedingten Pflichten des Sohnes und Lehrlings hatte er sich nämlich gegen ihn eine Menge anderer, gewissermaßen freiwilliger Verbindlichkeiten auferlegt, wofür er stets von ihm durch die freundlichste Anerkennung belohnt wurde. Was zur Befriedigung und zum Vergnügen des Vaters geschehen konnte, fand dieser immer getan, ohne daß es im äußersten Falle mehr als einer leisen Andeutung bedurft hätte, und so hatte der Sohn sich nach und nach einen Kreis von überverdienstlichen Werken zu eigen gemacht, wobei es freilich neben einem gewissen Takte, der seinen Eltern in dem Isolierungssystem ihrer Erziehung allerdings nicht abzusprechen war, seiner guten Natur zugeschrieben werden mußte, wenn er eine gefährliche Klippe vermied, nämlich die Tugendhaftigkeit der sogenannten guten Kinder, wovon uns so manche Erziehungsschriften mit den widerlichsten Beispielen überhäuft haben. Alles was von Gehorsam, Anlehnung, Gefälligkeit, Liebe und Zuvorkommenheit gegen seine Eltern an ihm zum Vorschein kam, war rein natürlich, und viele lustige Mißgriffe, wozu ihn auch diese Eigenschaften verleiteten, konnten die Ungeschminktheit seines Wesens bezeugen.

Theodor, wie ihn jenes hingeworfene Wort seines Vaters traf, glaubte nicht anders, als jetzt sei die Gelegenheit vorhanden, ihm die größte Freude seines Lebens zu bereiten, und war der festen Meinung, von dem Vater nach seiner Art dazu aufgemuntert zu sein. In diesem Augenblick fiel ihm ein, was bei seines Vetters Hochzeit dessen Vater gesagt hatte: sein Sohn habe ihm schon viele Freude gemacht, aber noch nie eine solche, wie die, daß er ihm eine so liebe Tochter zuführe. Nun meinte er das Gleiche schuldig zu sein, ungefähr ebenso, wie er den Vater sonst mit einer frühen Blume überrascht oder ihm einen sehnlich erwarteten Brief vor der Stunde des Austragens auf der Post abgeholt hatte.

Sein Entschluß war also schnell gefaßt, denn seine Neigung kam ihm zu Hilfe. Er wollte heiraten: wen, das wußte er, wie, das machte ihm kein Bedenken. Mit seinem Vater vorher darüber zu sprechen, fiel ihm gar nicht bei, denn in seinem ohnehin in sich gekehrten Wesen hatte ihn schon längst der Ausspruch des gemessenen Mannes bestätigt, man müsse nicht alles beschwatzen und ausklingeln, sondern ruhig und geradeaus tun, was der Tag und seine Ordnung erheische. Auch war es gewiß nicht unbillig von ihm, wenn er das wichtige Vorhaben, eine Frau zu nehmen, unbedenklich für seine eigene Angelegenheit hielt.

Die Gläser hatten noch nicht ausgeklungen, als der Vorsatz, sich mit der schönen und sanften Marie zu vermählen, in seiner Seele durchdacht und reif war. Während bei einer Schlittenfahrt, die man abends in der Novemberlandschaft machte, die Begeisterung der anderen schnell erkaltete, stammte seine eigene nur um so glühender auf; er saß in seinen Mantel gehüllt, und das Gebimmel der Glöckchen wiegte ihn in die süßesten Träume von seinem künftigen Glück.

Der Tag darauf war ein Sonntag und somit zur Beschleunigung des Vorhabens ganz geeignet. Ein Besuch bei dem Vater der Geliebten hatte Theodor vor kurzer Zelt mit den zu einer Heirat wesentlichen Formen bekannt gemacht; er hatte nämlich daselbst einen jungen Mann getroffen, der sich als Bräutigam vorstellte und von dem Geistlichen die nötigen Belehrungen einholte. Bei dieser Gelegenheit erfuhr der Jüngling, daß man vor der Hochzeit etliche Male proklamiert werden müsse und zu dieser vorläufigen Handlung durch ein gewisses Zeugnis von der weltlichen Behörde befähigt werde.

Er wußte, sein Vater würde heut' in die Kirche kommen, und hatte ihm daher die angenehmste Überraschung von der Kanzel aus zugedacht. Eben hatte man das erste Zeichen gegeben, als er sich auf den Weg nach dem Amthause machte, um, wie er meinte, das Nötige daselbst in Ordnung zu bringen. Daß er nicht den leisesten Gedanken auch nur wenigstens an Mariens Einwilligung hatte, ist und bleibt allerdings ein kleiner Flecken in seinem sonst so trefflichen Charakter; doch mag es zu seiner Entschuldigung dienen, daß keine Anlage zum Despotismus, sondern die lautere Unschuld daran schuldig war: er dachte nicht anders, als so müsse es eben sein.

Nach kurzem Warten wurde er auf dem Amthause vorgelassen. Hier erwies ihm der Zufall, der so oft die seltsamsten Karten mischt, seine volle Gunst. Der Oberbeamte, den am Tage zuvor einige Freunde aus der Residenz zu besuchen gekommen waren, stand gestiefelt und gespornt vor dem Bittsteller, und war im Begriffe, den Sonntag durch eine Jagdpartie zu feiern, die er seinen Gästen zu Ehren anstellen wollte; unten aber stampfte und wieherte sein Roß, von nicht minderer Ungeduld als der Herr beseelt. Diese Hast benahm ihm den Scharfsinn, die Sache zu ergründen, deren Verdächtigkeit ihm in jedem anderen Augenblicke schwerlich entgangen wäre, und er fragte nur etwas verwundert:

Wie? so jung schon wollen Sie heiraten? Das ist mir in meiner langen Praxis noch nicht vorgekommen.

Ich würde mich auch nicht so schnell entschlossen haben, erwiderte Theodor mit der unbefangensten Freundlichkeit, wenn ich nicht wüßte, welche Freude ich meinem Vater durch diese Erfüllung seines größten Wunsches bereite.

Diese Äußerung hielt der Amtmann für authentisch, und da er vernahm, daß die erste Proklamation heute schon vor sich gehen sollte, so dachte er, der Vater des jungen Mannes werde ihm wohl noch vor der Hochzeit seine Aufwartung machen, um diese wunderliche Eilfertigkeit zu erklären. Dabei erinnerte er sich der Instruktion, die er von seinen Oberen hatte, die weiland Reichsbürger, besonders die Angehörigen und Abkömmlinge der höheren senatorischen Würden, in allen billigen und möglichen Dingen mit Schonung und Zuvorkommenheit zu behandeln. Sie kommen also, um wegen Ihrer Minderjährigkeit Dispensation einzuholen? fragte er artig.

Ja, stotterte Theodor, der von diesem staatsbürgerlichen Erfordernis eben jetzt den ersten Begriff erhielt; denn er war rein aus Zufall vor die rechte Schmiede geraten, da er die Papiere, die ihm vorschwebten, ganz anderswo zu suchen gehabt hätte, nämlich auf dem städtischen Rathause.

Aber das werden Sie einsehen, fuhr der Beamte fort, daß ich Ihnen die Regierungserlaubnis, selbst durch Taubenpost, nicht von jetzt an bis zum Zusammenläuten verschaffen kann.

Theodor sah ihn betroffen an, und wollte schon die unglückselige Erklärung geben, daß die Sache in diesem Fall keine so große Eile habe, als der Amtmann ihm heiter und verbindlich in die Rede fiel.

Wissen Sie was? sagte er. Ihre Familie ist mir ja wohlbekannt. Die höchste Entscheidung kann nicht den mindesten Anstand haben, und daß sie noch vor Ihrer Hochzeit zu den Akten kommt, dafür will ich sorgen.

Er setzte sich und schrieb, daß Kies und Funken stoben, sofern man dies von einer spritzenden Feder sagen kann. Zumachen, siegeln, überschreiben, und gleich auf die Post! rief er dann seinem Schreiber zu, indem er den Bogen zu ihm hinüberfliegen ließ, Flugs ergriff und beklexte er einen zweiten, der »ventre à terre«, wie sich der Beamte auszudrücken liebte, in Theodors Händen war. Hier, setzte er hinzu, ein provisorisches Attestat für das geistliche Amt, daß der Proklamation nichts im Wege steht.

Ehe Theodor wußte, wie ihm geschah, war er mit einer Gratulation nebst Respekt an seine Eltern abgefertigt. Den Amtmann aber trug sein schäumendes Roß im Gefolge der anderen Reiter davon, und beim Anblick des ersten Hasen hatte er die ganze Angelegenheit vergessen.

Die Leidenschaften der anderen begünstigen unsere eigenen. Hatte Theodor sein Spiel bei dem weltlichen Amte gewonnen, so gelang es ihm beim geistlichen noch viel besser. Sein alter, würdiger Freund war ebenfalls ausgeritten, aber auf eine andere Art als der Amtmann, und auch zu einem anderen Zwecke. Ein sehr zahmer Schimmel, vielleicht ein Abkömmling des berühmten Hippogryphen, auf dem der fromme Gellert seine moralischen Spazierritte zu machen pflegte, hatte ihn auf ein benachbartes Dorf getragen, dessen Pfarrer, ein Universitätsfreund von ihm, krank darniederlag, und der Vikar sollte die Predigt halten. Schon läuteten alle Glocken zusammen, als unser unvergleichlicher Simplizissimus den weiten Weg vom Amthause zurückgelegt hatte und atemlos in das Studierzimmer trat. Er konnte kaum noch sagen: Wollen Sie nicht die Güte haben, Herr Vikarius, und mich heute zum erstenmal proklamieren?

Mit wem? fragte dieser höchst erstaunt.

Es war dem Jüngling unmöglich, ihren Namen über die Lippen zu bringen, und er sagte daher bloß: Mit der Tochter des Herrn Stadtpfarrers.

Der Vikar wurde totenbleich. Er hatte die älteste Tochter schon lange Zeit heimlich geliebt, und glaubte auch in ihren Augen gelesen zu haben, daß er in ihrem Herzen keine geringe Stelle behaupte. Wie nun die Liebe blind macht, so dachte er nur an Minchen: sie war die Verlobte des unmündigen Knaben, und er war der Verspottete, der Herr von Gleichsam, welche Eigenschaft ihm schon als Amtsverweser anklebte. Ohne Zweifel hatte man um seine Liebe gewußt und deswegen alles vor ihm geheim gehalten. Darum war der Vater fortgeritten, um nicht mit ihm darüber sprechen zu müssen. So sehr wollte man ihn aufopfern, daß er selbst sie proklamieren mußte mit einem anderen!

Diese und hundert ähnliche Gedanken kreuzten sich in seinem Kopfe, es schwirrte ihm vor den Augen, er wußte nicht, was er dachte, was er tat, aber seine Predigt hatte er rein vergessen. Endlich nahm er sich zusammen und sagte so fest wie möglich: Nun, ich wünsche Fräulein Minchen alles erdenkliche Glück und auch Ihnen, aus aufrichtigem Herzen.

Nicht Minchen, entgegnete Theodor zögernd, der seinerseits in keiner geringeren Verlegenheit war.

Also Marie ist Ihre Braut? rief der Vikar aufatmend. Theodor nickte errötend mit dem Kopfe.

Es war heraus, beide standen da und sahen einander erleichtert an. Endlich fiel der junge Geistliche in seiner Amtstracht dem beseitigten Nebenbuhler um den Hals und küßte ihn und wünschte ihm Glück und küßte ihn wieder; die Freude auf den plötzlichen Schrecken hatte ihn betäubt und Bedenklichkeiten kamen ihm gar nicht in den Sinn. Zudem wurde drüben in der Kirche schon der erste Vers gesungen, und zu weiteren Erörterungen war keine Zeit. Wenn er in diesem Drang der Umstände auch nur den fernsten Zweifel gehegt hätte, so mußte schon das vom Amtmann ausgestellte Zeugnis hinreichen, denselben zu unterdrücken. Nach einer Ermächtigung von seiten der Gemeindebehörde brauchte er nicht zu fragen, da die bürgerlichen Verhältnisse des Bräutigams wie der Braut »notorisch« waren, und die Bücher, welche über ihre Geburt und Taufe Aufschluß gaben, führte er ja selbst. Er schrieb nur noch eilig die Namen der beiden Verlobten in das Verkündbüchlein, nahm Abschied von seinem neuen Freunde und begab sich in die Kirche. Unterwegs zwar kam es ihm doch ein wenig seltsam vor, daß man ihm, der das Vertrauen der Pfarrersfamilie in hohem Grade zu genießen glaubte, ein solches Geheimnis aus der Sache gemacht haben sollte; aber er konnte nicht lange nachdenken, denn der Weg zur Kirche war kurz, und er entdeckte auf einmal mit Schrecken, daß er alle seine Geisteskräfte aufbieten müsse, um sich wieder sattelfest in seine Predigt zu setzen, über die er unter der Erschütterung dieses Auftritts beinahe die Herrschaft verloren hatte.

Auch Theodor trat in die Kirche und nahm mit dem Gefühle, das eine wohlausgeführte und gelungene Unternehmung gewährt, seinen Platz im väterlichen Kirchenstuhle ein.

Wir wenden uns nun zu Theodors Braut wider Wissen, aber nicht wider Willen, und widmen ihrem Herzen eine kurze Betrachtung. Wenn er durch unbekannte Fesseln an Marien gebunden war und keinen klaren Begriff von diesem geheimen Zauber hatte, so fühlte sie dagegen eine desto deutlichere und lebhaftere Neigung zu ihm, und Theodor wäre erschrocken, wenn er gewußt hätte, welche Verheerung seine treuen braunen Augen, die er oft so lange auf ihr ruhen ließ, in ihrem Herzen angerichtet hatten; sie selbst jedoch, deren Bewußtsein, wie natürlich, viel früher entwickelt war, wußte es nur gar zu gut.

Theodor war in der Tat schön zu nennen: in sein edles, faltenloses Gesicht hatte das Leben noch keine jener Linien geschrieben, in welchen die herbe Weisheit der Erfahrung zu lesen ist, und doch ruhte auf seiner Stirne ein tiefer Ernst, und um seine Lippen, auf welchen ein schwarzes Bärtchen zu keimen begann, spielte eine leise Wehmut, wie sie nur jenen Sonntagskindern eigen ist, die sich in der Welt halb fremd, halb heimisch fühlen. Auch das Mitleid, mit dem sie ihm oft gegen die Neckereien ihrer Schwester zu Hilfe kam, war ihr gefährlich und weckte mit seinen Engelsstimmen neue, aber bald verstandene Gefühle in ihrem Herzen. Es war nicht zu seinem Schaden, daß sie oft von Fällen träumte, wo sie mit Wort und Tat für ihn einstehen und ihm den Weg ebnen müßte, auf daß sein Fuß an keinen Stein stieße; denn ein gewisses zärtliches Protektorat ist es, was junge Mädchen gar zu gern ausüben möchten.

Auf der anderen Seite aber hatte Theodor bei aller Mädchenhaftigkeit etwas Entschiedenes und Männliches. Er war, da es sein Vater an nichts fehlen ließ, ein tüchtiger, kecker Reiter geworden, den oft nur die Bitten seiner Mutter von allzu verwegenen Streichen zurückhielten. Auch im Gespräche war er, bei aller Scheu des ungewohnten Bewegens in Gesellschaft, nicht eigentlich schüchtern oder befangen, sondern er gab sich, sobald die erste Verlegenheit überwunden war, zutraulich, gegen wen er es sein konnte, und offen auf jede Gefahr. Am meisten jedoch war ihr Herz gewonnen durch eine unaussprechliche Treuherzigkeit, die oft alle Schranken und Verzäunungen seines unbeholfenen Wesens aufs Liebenswürdigste durchbrach. So hatte sie ihm denn ihre volle Neigung zugewendet, und dachte mit Grausen des Tages, an dem er einst die gebräuchliche Reise ins Ausland antreten würde, und den sie nicht überleben zu können meinte.

Der heutige Gottesdienst war nicht eben geeignet, sie ihren Träumereien zu entreißen. Freilich, um ein junges Herz voll weltlicher Entwürfe und Hoffnungen wo möglich dem Ewigen zuzuwenden, dazu hätte ihr Vater auf der Kanzel stehen müssen, den zu einer solchen Wirkung, abgesehen von seiner größeren Übung und seinen reiferen Kenntnissen, schon allein sein Alter befähigt hätte. Sein Stellvertreter hatte, damit alles heute zusammentreffen sollte, um den Plan unseres Helden zu krönen, zu seinem Thema die Liebe erwählt, freilich die christliche, aber sein Herz spielte ihm manchen Possen dabei. So wollte er zum Beispiel, um die Vorzüge der Liebe desto heller ins Licht zu stellen, ein abschreckendes Gemälde der Zwietracht entwerfen; hier hielt er sich aber sehr kurz bei den Zerwürfnissen der Menschen überhaupt auf und ging schnell zu einer Entwicklung der schädlichen Folgen ehelicher Zwistigkeiten über, schilderte beredt Vermoderung der Gemüter von entzweiten Gatten, und hielt dann mit Begeisterung eine feurige Lobrede auf den ehelichen Frieden und die eheliche Liebe. Auch als er zum Gegensatze zwischen der Liebe und der Weisheit dieser Welt überging, blieb die Vergleichung immer etwas zweideutig, und der Hauptpunkt hieß: »Die Weisheit der Welt ist lieblos oder wenigstens allzu berechnend, als daß sie dem stillen Zuge des Herzens nachzugehen wagte.« Er schloß endlich mit der Ermahnung an die Gemeine, der Liebe anzuhängen, die allein selig mache.

Bei dem letzten Teile waren Mariens Gedanken nicht mehr anwesend, auch das darauffolgende Gebet überhörte sie völlig. Sie weilte immer bei dem schönen Bilde des häuslichen Glücks, das der Prediger mit so hellen Farben ausgemalt hatte. Einmal wagte sie einen flüchtigen Blick auf Theodor zu werfen: da saß der liebenswürdige Verbrecher mit der harmlosesten Miene von der Welt, nur belebt durch eine kleine Ungeduld, womit er das Ende des Gottesdienstes heranzuwünschen schien. Auch sie blickte der letzten Zeremonie jetzt entgegen; eine seltsame Gedankenverbindung erinnerte sie auf einmal an die Proklamation, die nach dem ersten Gebete stattzufinden pflegte, und kaum waren ihre Gedanken darauf gerichtet, so fing ihr Herz zu diktieren an:

»In den Stand der Ehe wollen sich begeben: Theodor Gradmann, Friedrich Gradmanns, hiesigen Bürgers und Kaufmanns, ehelich lediger Sohn, und Marie Textor, hiesigen Stadtpfarrers, Jeremias Textors, ehelich ledige Tochter.«

Welch ein wundersames Licht goß ihre Liebe über diese bürgerlich nüchterne Formel aus! So, dachte sie, sollte es jetzt heißen! Sie hätte den Vikar zwingen mögen es ihr nachzusprechen. »So jemand Hindernisse wüßte,« murmelte sie trotzig vor sich hin, »daß gemeld'te Personen nicht ehelich könnten zusammenkommen« –

Da ertönte es von der Kanzel:

In den Strand der heiligen Ehe wollen sich begeben –

Gott im Himmel! Marie glaubte in den Boden sinken zu müssen. Wort für Wort hörte sie ihre geheimsten Gedanken in öffentlicher Kirche ausgesprochen. Die Sinne schwanden ihr, sie wußte nicht, ob nicht sie selbst es sei, die, von einer unwiderstehlichen Zaubermacht gezwungen, die leisen Worte ihres innersten Herzens mit lauter Stimme da droben der Gemeinde zurufe. Die weiche Stimme des Predigers klang ihr wie eine Gerichtsposaune; eingewurzelt, mit starrem Blicke vor sich niedersehend, ohne Sinn und Gedanken, blieb sie stehen, und als die Orgel zum letzten Vers von dem Liede: »Liebe, die du einst zum Bilde,« einfiel, meinte sie die Donner des letzten Tages zu hören, und erwartete regungslos den Einsturz des Gewölbe. Das Geräusch der fortströmenden Gemeinde brachte sie wieder zu sich, sie raffte sich, so gut es ging, zusammen, und schwankte nach Hause.

Die Proklamation hatte in der Kirche großes Aufsehen erregt. Die Jugend des Bräutigams, seine wohlbekannte Unerfahrenheit, die Abweichung von dem gewöhnlichen Lebensgang junger Leute, alles dies versetzte die Zuhörer in kein geringes Staunen, aber Mariens Verwirrung, wie man auch dieselbe deuten mochte, schien jedenfalls gegen die Zeremonie keinen Einspruch zu tun, und weder an dem Sohne, noch an dem Vater, der sich ungemein zu beherrschen wußte, konnte man irgend etwas bemerken, das der Rechtmäßigkeit der Handlung widersprochen hätte.

Letzterer hatte sich selbst nicht getraut, als er die verkündeten Namen hörte; einen Augenblick hielt er es für einen tollen Studentenstreich des jungen Vikars, der jedoch stets einen so bescheidenen Humor und eine so gemäßigte Gemütsstimmung gezeigt hatte, daß diese Annahme höchst unwahrscheinlich war; im nächsten Momente sagte ihm ein Blick auf seinen Sohn und dessen heiteres und unbefangenes Aussehen die ganze Geschichte dieser Veranstaltung. Sobald die Kirche zu Ende war, nahm er ihn beim Arm, indem er ihm mit strengem Tone zuflüsterte: still, kein Wort jetzt! und führte ihn nach Hause. Theodor ging neben ihm her mit einem Gesicht und mit Schritten, wie wenn er in einen Eierkorb getreten wäre. Von den beiderseitigen Müttern war zum größten Glück heut' keine in der Kirche gewesen.

Zu Hause mußte der arme Junge ein scharfes Verhör bestehen, aber seine Bekenntnisse waren bündig und überzeugend. Der Vater kannte seinen Sohn viel zu gut, als daß er nicht an die Redlichkeit seiner Absicht geglaubt hätte; sein Ärger schwand, und als er trotzdem daß die Bereitwilligkeit des Vikars ein Rätsel für ihn blieb, bedachte, wie der Zufall dem unerhörten Vorhaben des Brautwerbers zu Hilfe gekommen war, konnte er kaum noch seine strenge Haltung bewahren. In dieser Umstimmung bestärkte ihn der Richter, ein jovialer Mann und vieljähriger Freund des Hauses, der seinen verwunderungsvollen Glückwunsch abzustatten gekommen war, und nun, über den wahren Hergang belehrt, das Signal zur allgemeinen Heiterkeit gab.

Der Bursche hat einen sublimen Einfall gehabt, sagte er, nachdem er sich satt gelacht hatte, und Ihr, Freund, Ihr hättet es in Eurem ganzen Leben nicht so weit gebracht. Ich weiß wohl noch, welche Angst und Not es Euch gekostet, bis Ihr endlich das Jawort dieser Eurer Frau hattet. Etwas jung ist Euer Sohn freilich noch, aber diesen Fehler wird er von Tag zu Tag verbessern. Ich kann Euch versichern, schon als Experiment freut's mich ungemein, daß ich zwei so blutjunge Leutchen zusammengebracht sehe, und dann halt' ich's auch eher für nützlich als schädlich; denn jetzt können sie sich zusammengewöhnen und sich aneinander bilden, viel eher als wenn der junge Mensch in der Welt herumgestoßen worden ist und Lebensüberdruß, Langeweile und tausend unerträgliche Eigenheiten mitgebracht hat. Item, es geht; gebt die beiden Leutchen zusammen! An Vermögen fehlt es nicht, Ihr laßt Eurem Sohn einen Anteil an Eurem Geschäfte zukommen, was Ihr früher oder später doch getan hättet, und wenn es denn je gereist sein soll, so schickt Ihr ihn nach ein paar Jahren in gemeinschaftlichen Angelegenheiten nach Italien; es reist sich doch auch anders, wenn man Weib und Kinder zu Hause hat. Gelernt hat er bei Euch was er braucht, und dumm ist er auch nicht, denn an seinem heutigen Geniestreich seid Ihr selber schuldig, weil Ihr ihn zu wenig unter die Leute gelassen habt. Es ist auch nicht das einzige Beispiel: Fürsten heiraten sehr oft noch jünger, und warum soll dies Glück nicht auch einmal einem Bürger zuteil werden? Und so gratuliere ich denn von ganzem Herzen zu dieser Heirat, die mit so überraschender Geschwindigkeit zustande gekommen ist. Amen.

Er aber, junger Herr, wandte er sich mit einem kräftigen Handschlage zu Theodor, Er hat mich durch dieses Stückchen ganz und gar zum Freunde gewonnen. Seine Torheit ist Weisheit vor Gott, und dies alles ist geschehen, auf daß erfüllet würde, was da geschrieben stehet: Selig sind die Einfältigen, denn sie werden das Himmelreich ererben!

Sie haben aber in Ihrer Rechnung einen Faktor vergessen, sagte der Vater: denn wenn ich nun auch wohl oder übel einwilligen muß, was werden Mariens Eltern dazu sagen?

Pah! die haben so viel und mehr Grund, als wir, sich dem Zwang der vollendeten Tatsache zu unterwerfen. Und es sind ja alte Freunde.

Aber Marie? warf die sanfte Mutter ein. Es war den beiden Männern gerade wie dem Sohne gegangen, sie hatten an die Hauptperson zuletzt gedacht.

Darein melier' ich mich nicht! rief der lustige Richter: und überhaupt, was geht das uns an? Das ist seine Sache, der Duckmäuser soll sehen, wie er zurechtkommt. Übrigens glaub' ich nicht, daß er einen verzweifelt harten Stand haben wird, wenn er die Suppe ausessen muß, die er eingebrockt hat. Jetzt nur rasch vorwärts zum nachträglichen Verlöbnis. Es fehlt nichts mehr dazu als was die altdeutsche Rechtssatzung vorschreibt: »Er trete ihr auf den Fuß und habesihme.« Habeat sibi!

Das grobe Geschütz des Richters trug den Sieg davon, und wenige Augenblicke darauf traten der Vater und der Sohn im Pfarrhause ein. Dort war die Verwirrung indes nicht kleiner gewesen. Marie hatte sich, ohne ein Wort zu sprechen, auf ihr Zimmer geflüchtet, der Vikar, dem seine gesunde Vernunft jetzt sagte, daß er sich habe überrumpeln lassen, hatte der Mutter einen halben Aufschluß über den Vorfall gegeben und dann sogleich das Haus verlassen; Minchen war in Verzweiflung. Erst durch Theodors Vater wurde das Rätsel vollends aufgeklärt, und die verständige Frau sah sogleich ein, daß, wie die Sache nun einmal stand, kein Rücktritt mehr möglich sei.

Ehe ich eine bestimmte Antwort gebe, fügte sie hinzu, sollte ich freilich die Ankunft meines Mannes abwarten, aber der ganze Fall ist so klar und zugleich so unwiderruflich, daß ich mir seine Meinung im voraus denken kann. Die Brautschaft also ist so gut wie im reinen, aber – bedenken Sie, was die Welt sagen wird – die Hochzeit muß aufgeschoben werden.

Warum nicht gar? rief Theodors Vater, der, nachdem er einmal seinen Entschluß gefaßt hatte, in vollem Zuge war. Ein Aufschub nach der Proklamation würde nur neues Gerede geben. Lassen wir die Welt glauben, was sie will und so lang sie kann. Die Wahrheit hat immer das letzte Wort.

Vor allem, sagte sie, müssen wir sehen, wie wir mit Marien zurechtkommen; das Mädchen macht mir bang, sie ist droben auf ihrem Zimmer und will kein Sterbenswort sprechen.

Hier faßte sich Theodor, der Rede des Richters eingedenk, ein Herz, und bat so lange und so dringend, man möchte es ihm überlassen, Marien zu verständigen, daß die Mutter endlich einwilligte, und sein Vater ihn lachend nach der Türe trieb.

Mit klopfendem Herzen stieg er die Treppe hinauf und trat in das kleine Zimmer. Das liebe Mädchen saß an einem Fenster, dessen Vorhänge herabgelassen waren, das Gesicht in ihr Tuch gedrückt. Bei seinem Eintreten blickte sie mit tränenschweren Augen auf, wendete sich aber unwillig ab, da sie ihn erkannte. Theodor trat zögernd hinzu und stammelte:

Liebe Marie –

Das hätte ich Ihnen nicht zugetraut! rief sie mit von Schluchzen erstickter Stimme. Das ist ein Spaß, der mir das Herz bricht.

Mein Gott! rief Theodor, dem beim Anblick ihres Jammers ebenfalls die Tränen kamen, es war kein Spaß, es war ja mein völliger Ernst!

Marie sah ihn starr an, und brach auf einmal in helles Lachen aus, worein ihr sympathetischer Freund bald von Herzen einstimmte. Dann aber nahm sie eine sehr ernsthafte Miene an, und fragte ihn, wie er sich unterstanden habe, so eigenmächtig hinter ihrem Rücken über sie zu verfügen.

Er erwiderte, da er es nicht habe über die Zunge bringen können, ihr sein Herz zu entdecken, so habe er sich einen anderen Mund gewählt, um seine Herzensmeinung recht laut und deutlich auszusprechen.

Sie lachte und weinte zu gleicher Zeit und hörte nicht auf, ihn einen abscheulichen Bösewicht zu nennen, bis er ihr schwur, er habe nicht von ferne daran gedacht, daß die Überraschung, die er sich im Vertrauen auf ihre herzlichen Gesinnungen für ihn und die Seinigen ausgesonnen, ein Eingriff in ihren freien Willen sei, er habe gemeint, so müsse man es angreifen, wenn man frischweg und ganz aus eigenen Stücken in die Welt hineinrufen wolle: »Die will ich und keine andere!«

Wer liebt, vergibt leicht, wenn er seinen Willen, sei es auch auf Kosten eben dieses Willens, erlangt hat; daher, als er aufs treuherzigste um Verzeihung bat und sie fragte, ob sie nun das Geschehene gelten lasse und die Einwilligung der beiderseitigen Eltern durch die ihrige bestätige, faßte ihn das schöne Kind statt aller Antwort beim Kopf und küßte ihn recht herzhaft. Dieser Kuß tat Wunder und brachte unseren Helden auf einmal in Weisheit und Verstand um viele Jahre vorwärts; es ging ihm wie dem kühnen Jonathan, als er den Honig gekostet hatte, wovon geschrieben steht: »Da wurden seine Augen wacker.« Er war zur Erkenntnis gekommen, aber auf eine Art, wie sie nur einem Schoßkinde des Glücks zuteil wird, zu einer Erkenntnis, wie sie der Dichter bezeichnet:

Um die gemeine Deutlichkeit der Dinge
Den goldnen Duft der Morgenröte webend.

Mitten im Jubel der beiden glücklichen Kinder traf der alte Geistliche auf seinem Schimmel ein, bereits von allem unterrichtet; der Vikar war ihm entgegengegangen und hatte sich das Gewissen durch eine aufrichtige Beichte befreit, wobei er den Zustand seines eigenen Herzens nicht ganz hatte verbergen können. Der alte Herr legte heiter lachend Mariens und Theodors Hände ineinander, und da die Herzen nun einmal geöffnet waren, so fügte es sich, daß die untergehende Sonne dieses Tags auf das Glück zweier Brautpaare leuchtete.

Es war unserem Helden, doch erst wohl, als am nächsten Sonntag die zweite, rechtmäßige Ausgabe seiner Proklamation erfolgte. Wie er aber am Hochzeitstage seine Neuvermählte aus der Kirche führte, wurde er von den Leuten mit Verwunderung betrachtet, und sie flüsterten sich zu, er sehe aus, als ob er in der kurzen Zeit um einen ganzen Kopf in die Höhe und um eine ganze Brust in die Breite gewachsen wäre.

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