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Gesammelte kleinere Erzählungen, 3. Teil

Hermann Kurz: Gesammelte kleinere Erzählungen, 3. Teil - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Kurz
titleGesammelte kleinere Erzählungen, 3. Teil
publisherMax Hesse's Verlag
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Das Witwenstüblein.

Schon bei Lebzeiten des Großvaters hatte mich seine älteste Tochter in ihr Herz geschlossen, weil mein Vater als ihr jüngstes Geschwister, wie das so häufig bei den Jüngsten der Fall ist und sich selbst auf deren Nachkommenschaft vererbt, von jeher ihr Liebling gewesen war.

Diese Vatersschwester war nach dem Abscheiden ihres zweiten Gatten, der auf einem Dorfe unserer republikanischen Landschaft Pfarrer gewesen, in die regierende Stadt zurückgekehrt und hatte hier eine stille Witwenwohnung bezogen. Ein Jahr lang wagte sie nicht in die Kirche zu gehen, um nicht vor der Gemeinde in lautes Weinen ausbrechen zu müssen; da sie aber zuletzt Aufsehen und Mißdeutung befürchtete, so besann sie sich – das einzige denkbare Mittel, ihr Herz zu verhärten, – auf irgend eine Kränkung, ein auch noch so kleines Unrecht, das sie von dem Seligen erlitten hätte, um eine Stunde lang mit ihm »pfausen« und so den Gottesdienst ruhig aushalten zu können. Nachdem sie ihr Gedächtnis lang vergebens angestrengt, um in der zwanzigjährigen Ehe auch nur einen leisen Zwist aufzufinden, fiel ihr endlich doch etwas bei, was ihr brauchbar schien: sie hatte einmal, mit dem Kaffeebrett anstoßend, dem guten Pfarrer eine schön eingebundene Bibel, die sich noch von seinen Studienjahren als Lohn des Wohlverhaltens herschrieb, auf den Boden geworfen, und die Folge davon war gewesen, daß er die Augen etwas ernsthaft erhob und sie so gut zu sein und ein andermal besser Achtung zu geben bat. So geringfügig dieser Umstand war, so hielt sie sich doch an ihm als an dem letzten Anker fest: der etwas mißbilligende Ton mochte ihr schon damals im stillen zu schaffen gemacht haben, und nun gelang es ihr eines Sonntags, während die Glocken zur Kirche läuteten, sich den alten Verdruß wieder zu Herzen zu nehmen, wie an jenem Sonntag, an dem sie vielleicht ein wenig trutzig in die Kirche gegangen war und vielleicht eine kleine Zeit gar nicht zu der Kanzel aufgesehen hatte. Aber ach, mit all ihrer Kunst hatte sie einen zerbrechlichen Panzer angelegt, denn diesmal klang die Stimme von der Kanzel fremd, und als sie die Augen aufhob, so stand ein anderer droben! Sie verbarg das Gesicht in dem silberbeschlagenen Gesangbuche, ihre Tränen strömten unaufhaltsam, und es kostete noch manchen vergeblichen Versuch, bis sie mit trockenen Augen in der Kirche sitzen lernte.

Ihre Tage verbrachte sie jedoch nicht in müßigem Leid, sondern in der Pflege ihres alten Vaters, in tätiger Teilnahme an den Freuden und Leiden der Familie, und daneben in rüstiger Aufsicht über ihre Obstbäume und Reben. Sie hatte die Kinder ihrer sämtlichen Geschwister aus der Taufe gehoben, und wurde von dieser zahlreichen Patenschaft, die jedes Alter bis zum heiratsfähigen hinauf umfaßte, nach altherkömmlicher Redeweise »Frau Dote« genannt.

Einen Hauptgrund ihrer Zuneigung zu mir habe ich bereits angegeben. Zu diesem kam noch ein zweiter von kaum minderem Gewicht. Man hatte mich als Kind eines Sonntags dem Dienstmädchen in die Kirche mitgegeben, vermutlich um die unruhige Kleinigkeit auf eine Weile los zu werden. Dort aber hatte ich mir den feierlichen Ton und die wunderlichen Gebärden des Predigers so ins Gedächtnis geprägt, daß ich diesen, kaum nach Hause gebracht, zur Belustigung der Erwachsenen nachzuahmen begann. Der Beifall, den ich erhielt, und der sich nicht bloß auf Worte beschränkte, ermunterte mich zur Fortsetzung der begonnenen Laufbahn, worin mir denn auch aller Vorschub geleistet wurde. Sobald ich eine Predigt ankündigte, mußten alle im Zimmer vorrätigen Stühle in die Runde gestellt werden, die Anwesenden setzten sich und sangen ein Lied, darauf bestieg der kleine dreijährige Predigtamtskandidat einen in der Mitte stehenden Schemel und schnurrte die paar frommen Reimlein und Ermahnungen an unartige Kinder, die gelegentlich an ihm hängen geblieben waren, mit dem ernsthaftesten Gesichte herunter. Wer konnte zweifeln, daß in diesem kindischen Spiele sich der Finger Gottes ankündigte? Ein großer Teil der Familie wenigstens sah in mir den seligen Pfarrer wieder aufleben, und für seine Witwe war dies ein Gedanke, der mich notwendig zu ihrem Augapfel machen mußte. Meine Mutter schüttelte zwar bedenklich den Kopf und sagte, es sei nicht gut, dem Kinde ein unreifes Bild eines künftigen Berufes einzuimpfen; der Vater aber meinte lachend, es bleibe ja dem Burschen eine lange Frist, um nach Belieben wieder »aus dem Nest zu hüpfen«.

Nach dem frühen Tode des Vaters gehörte ich der Mutter und der Tante Pfarrerin zu beinahe gleichen Teilen an. So sehr ich an der Mutter hing, so mochte ich doch zu Zeiten gerne ihr Witwenkämmerlein in dem geräumigen alten Gebäude mit den schauerlichen düstern Gängen und Winkeln, welche nachts ein mißwollender Traumgeist, den Schlaf des Kindes verbitternd, mit drohenden Gestalten bevölkerte, gegen die schief gegenüber gelegene Wohnung vertauschen, wo die Tante mit einer alten Magd, einem Star und einem Kanarienvogel, den Reliquien ihres früheren glücklichen Lebens, hauste. Dies war ein kleines, wohnliches, heimliches Häuschen, oder vielmehr ein schmaler abgeschlossener Hausanteil, zu eng, um Raum für ein unheimliches Schattenbild zu haben, mit einem schmalen ziegelgepflasterten Estrich, der zugleich die Küche in sich faßte, wo nach alter Bauart über dem großen Herde das obere Stockwerk offen und mit einer Galerie umgeben war. Wie oft hab' ich, auf dieser herumkletternd, der »Frau Dote« die ängstliche Bitte entlockt, ich möchte ihr nicht vom Himmel herab in die siedenden Töpfe fallen! Wie oft stand ich, meine Augen am knisternden Feuer weidend, auf die Ofengabel gelehnt, neben der alten Anna Marei, die mir eine Gespenstergeschichte erzählte, während sie das Mehl zur Suppe röstete. In der gruselnden Behaglichkeit des Zuhörens benutzte ich dann wohl einen Augenblick, wo sie auf die Seite sah, um mir mit einem bereit gehaltenen Kochlöffel etwas von der Leckerspeise zuzueignen, und fuhr erschrocken zurück, wenn der spionierende Star Huidieb schrie, und der Kanarienvogel in der Stube, durch den Signalruf aufgeregt, mörderisch zu lärmen begann.

Halbe Tage und ganze Abende hielt ich mich in dieser kleinen Wohnung auf. Dann hörte man nach dem Nachtessen eine Hausglocke von der anderen Seite der Straße ertönen, das Zeichen, womit die Mutter mich nach Hause rief. Von alten Zeiten her hatte nämlich jede Familie, ob gewerbtreibend oder nicht, vor dem Fenster ihre kleine Glocke, die zu allerlei Verkehr und Zwiesprache diente. Eine Schnur hing von ihr auf die Gasse herab, die meist etwas abgekürzt über der Steinbank vor dem Hause endigte, um dem Mutwillen, der sie zu manchem Schabernack mißbrauchte, nicht gar zu bequem in der Hand zu liegen. An dieser Schnur zog der vorübergehende Bekannte, der ein Paar Worte wechseln und sich das Treppensteigen ersparen wollte. Die Kinder des Hauses, einen Augenblick vom Spiele wegspringend, läuteten daran um ihr Vesperbrot; ja, ihr mögt es mir glauben oder nicht, selbst ein sachkundiger Gänserich schwang sich einmal den Stein hinauf und zerrte an der Glockenschnur, um die vergeßliche Hausfrau an das Futter für sich und seine Untergebenen zu erinnern. Aber auch unmittelbar vom Fenster aus wurden diese Glocken in Bewegung gesetzt und gaben dann Lärmzeichen von mannigfacher Bedeutung für hausabwesende Angehörige, die sich innerhalb Hörweite befänden, auch für vertrautere Nachbarn, denen das verabredete Zeichen zurief, daß man ihnen etwas mitzuteilen habe. Bei Anbruch der Nacht, wenn die Jugend von ihren verschiedenen Sammelplätzen den Weg nicht nach Hause zu finden wußte, erging oft ein vielstimmiges Geläute sturmglockenartig die Straßen hinauf und hinab, und jedes Kind kannte seine Glocke und wußte, was sie geschlagen hatte. Daher, wenn ich mein Zeichen hörte, beeilte ich mich, meiner Verpflegerin gute Nacht zu sagen; dann konnte es aber auch wohl geschehen, daß die liebe Frau zum Fenster hinausgriff, um mit ein paar kurzen Glockenschlägen von gleichfalls bekanntem und gutem Klange zu erklären, daß der Gegenstand hiermit noch nicht erschöpft sei, vielmehr sie das Wort auch zu nehmen begehre. Frau Schwägerin, er kommt heut nicht heim! rief sie nun hinüber, und die Mutter zog sich dann beruhigt zurück, indem sie mich versorgt und aufgehoben wußte.

Mein Nachtlager, für solche Fälle stets bereit, befand sich in einer hinteren Kammer. Der Boden derselben war mit roten Ziegelplatten gepflastert, ein Laden ohne Fenster ging nach dem kleinen Hof und nach dem Gärtchen hinaus. Eine ungeheure zweischläfrige Himmelbettlade mit einem biblischen Deckengemälde, worunter ein frommer Vers, gewährte mir hinlänglichen Raum, die ersten Lebensprüfungen, nämlich die Leiden der Schule, gründlich zu verschlafen. Von der Decke hing eine Quaste herab, an der man sich aufziehen konnte, um alsdann mit beträchtlichem Behagen in diesen Bodensee von einem Bett zurückzuplumpen, worin der Schläfer, in meinen Jahren wenigstens, nicht nur der Länge, sondern auch der Quere nach vollständig unterging. Morgens beim Erwachen konnte ich mit dem stets vorhandenen frischen oder getrockneten Obste ein Trösteinsamkeitsgespräch beginnen, oder meine Augen an einer ansehnlichen Reihe von Zinnflaschen weiden, die wie Orgelpfeifen geordnet auf einem Gesimse neben dem Bette standen. Die größte hielt wohl sechs Maß und darüber. Sie wurden im Sommer beim Feldbau, im Herbst bei der Weinlese gebraucht, und ihr Anblick erregte daher immer frohmütige Erinnerungen. Alle diese Flaschen und alle jene Glocken waren in der Familie gegossen.

Wenn ich aber da von »Lebensprüfungen« rede, so ist das ein schnöder Undank gegen die beiden Frauen, unter deren Flügeln ich im weichen warmen Neste saß, ja gar nach Belieben aus dem einen Nest ins andere hüpfen durfte. Wie konnte da von etwas dergleichen die Rede sein? Die wirklichen und oft harten Prüfungen, die das Schicksal auch den Kindern auferlegen kann, empfinden sie ja gewöhnlich nicht so stark, wenn sie auch etwas davon zu fühlen und zu verstehen glauben. Eine andere Gattung von Prüfungen kann freilich nach und nach der Jugend zu einer Art Leiden werden, besonders wenn sie, wie bei einem gewissen Fache, sich dutzend-, ja hundertfältig wiederholen, nämlich diejenigen Prüfungen, die man »auf deutsch« Examina heißt. Aber unsere Lehrer waren ohne Ausnahme von gutem und treuem Gemüt und legten uns keine härtere Last auf, als »die man ertragen kann, Sela«. Taucht mir nun auch bei Erwähnung des Tragens und der dazu bestimmten Gliedmaßen eine, ich weiß nicht mehr, wie große Anzahl von etwas knorrigen oder »knaupigen« Erinnerungen auf, so schreibe ich dieselben nicht ihren Urhebern, sondern der »Zeitperiode« zu, und muß obendrein mit der »Objektivität« des unbefangenen Geschichtschreibers beifügen: etwas hatten wir immer verdient. Und hatten sie nicht recht, jene eifrigen und doch bei allem Ernst so liebevollen Männer, wenn sie fest darauf drangen, daß wir etwas lernen sollten? Auch haben wir gottlob etwas bei ihnen gelernt: einen Grund in Sprachen, den weder Wind noch Regen ganz abtragen konnten, die ersten Blicke in die Natur- und Menschengeschichte, dazu manches Trümmchen und Endchen Wissenschaft, wie es eben für unsere angehenden Fassungskräfte ab- und zugeschnitten werden mußte, ja sogar schon ein bißchen Algebra, das mir freilich nachher über so manchem anderen X wieder in die Brüche gegangen ist.

Und doch ist etwas »dran«, wenn ich von Prüfungen und Leiden rede. Ja, wahrhaftig, ich kann's nicht hinunterschlucken, ich muß sie heute noch verfluchen, diese gottverlassenen, gottverhaßten lateinischen Disticha, die der Pfahl im sanftlebenden Fleisch unserer Jugend waren! Aber ich klage nicht über unsere Lehrer, denn das Versemachen war uns ja nicht von ihnen, sondern ihnen selbst so gut wie uns von einer hochpreislichen Oberschulbehörde auferlegt, und ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich dreist zu behaupten wage, daß sie dieser Zentralgewalt in dem besagten Punkte nicht einmal allzu gern gehorcht haben. Aber natürlich, »Gehorsam ist des Christen Schmuck«, sagt einer unserer geistlichen Liederdichter, mit dem Anfangsbuchstaben heißt er Schiller, und wer das nicht verstand, dem erklärte man's deutsch und lateinisch zugleich. Fiat justitia, pereat mundus! hieß es nämlich unter »Applizierung« des bekannten Nürnberger Trichters, der sich von den gewöhnlichen Trichtern in einigen nicht unwesentlichen Eigenschaften unterschied: er war nämlich nicht hohl, dafür aber etwas länger, auch nicht so leicht zu biegen und zu brechen, wenn wir ihn nämlich nicht vorher »geringelt« hatten. In letzterem Falle war er, wie der Inhaber verdrießlich bemerken konnte, ein »dummes Möbel«, sonst aber ein Zauberstab, der Wunder wirkte, ja Poeten schuf! Aber ist es denn auch wirklich ein Mirakel, ein Dichter zu sein oder in einem anderen Menschen ein dichterisches Bewußtsein anzuregen? O keineswegs, vielmehr ist jeder natürliche, das heißt, seinem Volk und seiner Sprache getreue Mensch in den ungetrübten Stunden seines Lebens ein Dichter, und trifft selbigen Nagel so gut, ja oft noch besser als der größte Künstler auf den Kopf, den Nagel meine ich, den er nicht erst zu schmieden braucht, weil ihm derselbe gewachsen ist, nämlich das rechte Wort in der rechten Sprache. Für den Dichter jedoch, denn von diesem reden wir ja, gibt es nur eine: seine Muttersprache. Ein Poet sodann ist derjenige, der eine Sprache nicht bloß ihrem Gehalte nach, sondern auch in ihren Formen künstlerisch zu handhaben versteht; und wenn er dabei ein Dichter bleibt, so kann er zufrieden sein. Ein wirklicher Dichter aber in einer ihm fremden Sprache soll mir erst noch vorkommen. Poeten, ja, können in fremde Sprachen eindringen, tiefer als Alexander und alle seine Nachfolger in Indien eingedrungen sind, nämlich bis ins Herz der Sprache hinein; weil man jedoch nicht anders in eine fremde Sprache eindringen kann als mit dem Kopfe voraus, so hört man auch ihren Herzschlag immer nur durch den Kopf, also selbst bei dem besten Verständnis ganz anders als den Herzschlag der Muttersprache, den man bekanntlich lang vor aller Kopfarbeit mit dem Herzen vernommen hat. Ich habe lateinische Disticha von unseren alten Pfarrern gelesen, die nicht bloß »epigrammatische Spitzen« entwickeln konnten, wie das artigste französische Couplet, sondern auch eine elegische Tiefe und Weichheit, daß man Glocken vom Metall der alten römischen Dichter zu hören glaubte, aber auch beim schönsten Klange, der durch den Kopf zum Herzen ging, sprach dasselbe mit einem gewissen Leid: dieser vortreffliche Poet wäre ein Dichter gewesen, wenn er deutsch geschrieben hätte. Wozu sollten also wir arme kleine Schmiedezunft, die wir erst in die Lehre gingen und das Lernen so nötig hatten, ein Eisen zu gießen versuchen, das selbst alte Meister nicht ganz weich hämmern und noch weniger zum Schmelzen bringen konnten? Das war eine quaestio tusculana, das heißt eine Frage an das Schicksal, die ich mir, dem Herrn Interpellanten, nicht zu beantworten vermochte. Ich kann darauf auch nur eine ähnliche Antwort geben wie diejenige, die einer meiner dicksten Freunde – aber nicht der oder jener Dicke, sondern der Dicke, versteht mich, der nicht bloß bei uns dick tun kann, sondern auch im Westen, Süden und Norden, ja, wenn's sein muß, zur Not vielleicht sogar noch ein wenig im Osten – in dieser brennenden Frage einstmals erteilt oder vielmehr, weil er ein Vogel ist, gesungen hat. Die Frage war doppelt heiß, denn wir sollten uns in lateinischen Versen über das Wesen Gottes verbreiten, als promovierte Poeterei mit theologischer Färbung. Nun lieferte dieser erzböse Schalk, ich hab's nie vergessen können, ein Kontingent, mit dem doch auch kein Falstaff durch Coventry marschiert wäre. Es war nicht einmal ein Distichon, sondern ein einziger melancholisch einsiedlerischer Hexameter bei Gott! und dazu noch für einen Philologen von solcher Propreté – dafür, wißt ihr ja, haben wir ihn alle gelten lassen – so malpropre, daß Minerva, wenn sie nicht gerade den Schild zur Hand hatte, das Taschentuch des Herrn Professors mit all seinem Schnupftabak vors Antlitz halten mußte. Ich muß ihn losgeben, er würde mir sonst das Herz abdrücken. Hört also, alle, die ihr jene namenlosen Schmerzen mit mir getragen habt. So heißt er:

Quid Deus est? Animus mediatur, nec capit illud.

Gottverlassen war er nun freilich, ut figura docet, das heißt, wie die Redefigur selbst nach Form und Inhalt zeigt. Ob er aber Gott verhaßt war, das ist denn doch eine andere Frage. Einmal habe ich hierüber keine besondere Offenbarung empfangen, und dann, wenn man ihn in die ungebundene Rede übersetzt, so gibt er immerhin einen Sinn, worüber man reden kann, und worüber auch bekanntlich sehr, sehr viel geredet ist. Ich werde also den zweiten Fluch streichen müssen, und würde es auch tun, wenn er nicht schon gedruckt wäre, oder vielmehr, die ganze Wahrheit zu sagen, wenn ich ihn nicht mir selbst zum abschreckenden Exempel stehen lassen wollte. In meinem dummen Zorn übersehe ich oft die besten Gründe, und wenn sie mir wie Brombeeren am Wege winken. Gott kann – wenigstens in den Augen derer, die an ihn glauben, und für die anderen hat ja ein solches Fluchwort gar keinen Sinn, auch wenn sie es selbst gebrauchen – Gott kann nichts hassen, was er zuläßt, obgleich er's gewiß nicht immer liebt; und das glaube ich nun einmal schlechterdings nicht von diesen sauren Äpfeln, in die man, wie verlautet, die Jugend gerade jetzt wieder beißen lassen möchte. Wenn er aber gleichwohl die Sache zuließ, so mußte bei alledem etwas »dran« sein, nämlich etwas Richtiges. Es kann jedoch geschehen, daß man von einem richtigen Punkt ausgehend auf einen verfallenen Weg gerät, und gerade das gibt den meisten Hader und Krieg. Betreffend nun den richtigen Punkt, so hab' ich mich schon damals belehren lassen müssen, eine hochpreisliche Ansicht gehe nun eben einmal dahin, daß das Verselesen und Versemachen »so äußerst bildend« sei. Damals hab' ich dies weder verstanden noch geglaubt; jetzt, wo ich etwas mehr davon verstehe, seh' ich ein, daß es richtig ist. Aber wo und wie? Für den Deutschen, wenigstens in seinen jugendlicheren Jahren, nur auf seiner Seite von Weichsel, Donau, Alpen, Rhein und Kanal. Auf der anderen Seite des letzteren, wo man zwar auch lateinische Verse fabriziert, I was ever of opinion, und ich dächte, jedermann könnte mir beistimmen, daß eine honnette Prosa, das heißt, ein guter und gesunder Brief- oder Schriftsatz in gleichviel welcher der gebildeten und großen Weltsprachen, die man in England, Frankreich, Deutschland spricht, und in Italien und Griechenland spricht und sprach, daß eine solche Prosa, wenn man sie lesen, nachbilden, ja selbst entwerfen lernt, für Kopf und Herz doch wahrhaftig weit bildender ist, als schlechte Verse, die man Passiv oder aktiv würgen muß. Einem angehenden Poeten oder Philologen mag man diesen Genuß meinetwegen freistellen, denn ein solcher muß in allen Wassern gewaschen sein, nicht bloß in reinen, sondern auch in unreinen, nämlich in Tinten- und Kienrußpfützen jeglicher Art, die da lehren können, wie man's nicht machen soll. Die anderen möge jedoch ein gnädiges Schicksal vor allen Schreib-, Druck-, Lese-, Rede- und Tatfehlern bewahren, so unter andern vor dem schreienden geographischen Bock, den jeder lateinische Gradus ad Parnassum schießt, besonders aber vor aller falschen Ausländerei und falschen Poeterei; denn diese gerade tötet zu allermeist den echten Dichter, der, wie schon gesagt, in jedem Menschen lebt, und ohnehin durch das äußere Leben schon so manchen Druck erleidet.

Aber noch ein ganz anderes kann ich nun vollends gar nicht begreifen, und jeder, den es traf, wird es gleichfalls schwer verdaut haben. Da prügelten sie einen im Schweiß ihres und seines Angesichts zum Poeten, und wenn sie unversehens einmal einen herausgebracht hatten, so wuschen sie die Hände in Unschuld und wollten nicht einmal einen Dank von ihm. Ja, er durfte froh sein, wenn er nicht hinterher für das einstehen sollte, was er nicht geworden war.

Indessen befinden wir uns ja dermalen in keiner Konferenz, wo ich mich obendrein trotz mancher unumstößlichen Überzeugung durch Hören weit besser als durch Reden belehren würde, sondern in dem stillen Witwenstüblein einer alten Pfarrerin, in welchem wir uns jetzt wieder ländlich sittlich zurechtsetzen. Nämlich um lateinische Disticha zu machen, was uns durchaus nicht erlassen wird. Gedruckt aber soll nichts weiter davon werden, es ist an dem einen »Specimen doctrinae« vollauf genug. Also vorwärts! »Juppiter omnipotens, hilf mir meine Disticha schmieden!« das ist nun auch ein Hexameter, aber zum größten Teil ein deutscher, zwar nicht ganz so gut wie sie »in Jena und Weimar« gemacht wurden, doch kann man ihn immerhin drucken lassen. Unglücklicherweise jedoch, obwohl ich ganz gewiß weiß, daß ich mit diesem Geistesprodukt bei allen meinen Schulzeitgenossen Ehre einlegen werde, weil es ja eine gemeinsame poetische Tat von uns allen ist, unglücklicherweise, sagte ich, durfte dasselbe sich nicht im Exercitienhefte blicken lassen, denn da hätte es »unliebsame« Folgen gehabt. Und jetzt wird's gedruckt! Es ist doch eine wunderliche Welt, doch das hat schon Herzog Christophs Kammerschreiber gesagt.– Aber, Pugio! was hab ich von dem einfältigen Geschwätz? Noch keinen Viertelvers auf dem Papier! Also aufgepaßt, den Kopf zusammengenommen! – Und nach dieser »Feinheit«, mit der ich mich selbst freigehalten, nahm ich ihn mit beiden Händen zusammen und drückte ihn wie ihn einst der Gehilfe eines in Arbeit begriffenen Zahnarztes gedrückt hat, nämlich so, daß ich nicht mehr wußte, was mir wehe tat, der Zahn oder der Kopf. O du armer Kopf, und mußtest noch obendrein fast täglich die Verleumdung hören, du seiest ein »guter« Kopf. Das kam nämlich von den deutschen Versen her, die diesen kleinen Rangen manchmal so nichtsnutzig gelingen, daß man's nicht begreift, bis man sich erinnert, daß ihnen dabei die Sprache hilft. Denn in dieser liegt der allergrößte Teil der Hexerei, die den kleinen wie den großen Dichter macht. Du lieber Gott, die deutschen Verse, die ich seit damals bis heute geschmiedet oder vielleicht zum Teil vermeintlich gegossen habe, sie sind freilich, selbst nach dem Urteil wohlmeinender Freunde, nur »so so«, aber jeder gesteht ihnen ohne Umstände zu, daß wenigstens etwas »Faktur« und etwas »Kultur« drin ist. Kein Wunder, denn die Übung, verbunden mit einiger »technischen« Voranlage, macht, in der Muttersprache einmal, wenn auch nicht immer einen Meister, so doch jedenfalls einen brauchbaren Gesellen; und wie sollte es an Übung gefehlt haben, wenn einer in so einer halben Lebensspanne nicht bloß mehr Verse gemacht hat als Homer, sondern ohne allen Zweifel mehr Reime als Goethe, diese faulen Olympier! Noch einmal, o du armer »guter« Kopf! Und sie sagen, du seiest noch faul dazu, und es ist wahrhaftig nicht einmal ganz gelogen, ich muß es selber sagen, – Aber Donner und Doria (man hat nämlich nebenher auch den Fiesco gelesen), was fällt dir ein? Träumst von einem Himmel voll Baßgeigen, die du streichst oder die dir um den Kopf geschlagen werden, und sollst Disticha machen, Tropf, der du bist! Hic Rhodus, hic salta! Lateinisch ist Trumpf! – Ja, ja, Lateinisch und Griechisch, das sind zwei gute Karten: welche dritte nehmen wir noch dazu, daß wir den Squisemon haben und »fein« ausmachen können? O »Jerum«, wie kann ich da in die Karten geraten? Je nun, es ist ein akademisches Studium, das nicht leicht einem erlassen wird, am wenigsten einem Theologen, wenigstens zu unserer Zeit. Aber Testimonia in diesem Zweig der Wissenschaft waren pauvre und konnten sich nicht einmal neben den Examinalzeugnissen sehen lassen, die doch auch nur sehr »taliter qualiter« ausgefallen sind; freilich ging's auch »hundshärig«, denn wenn ich je einmal ein Solo hatte, so war das Spiel »vergeben«. – Und meine griechischen und lateinischen Trümpfe? Gehen sehr nah zusammen. Daß ich den Ödipus auf Kolonos und Stücke ans dem Agamemnon und Prometheus zu meinem »Privatvergnügen« übersetzt habe, was hilft's mich? ich habe ja nicht einmal die Übersetzungen mehr, die Gott weiß wo in der Welt herumfahren. Und die Urschrift? Ja, da heißt's jetzt auch: graeca sunt, non leguntur. »Sie waren aber eben doch auch ein sehr flüchtiger Kopf, mein lieber junger Mann.« Ja, Herr Professor, das ist wahr, ich kann's nicht leugnen, aber dieser flüchtige Kopf ist doch, dank Ihnen und mir selbst, manchmal tüchtig zusammengenommen worden. Nur wurde uns, die wir eben nicht lauter Philologen von Profession waren oder werden sollten, die Grammatik mitunter so stark eingeheizt, daß ich sogar den Homer zu den Raben wünschte und mich an einem Meister der Sprachwissenschaft, wie der selige Buttmann, so schändlich verging, ihn für einen Wiener Hofkriegsrat zu halten, der den besten ionischen Generalen nichts als Prügel in den Weg werfe. Ich bin nur froh, daß wenigstens noch so viel Latein an mir hängen geblieben ist, daß ich die Handvoll Vokabeln zur Not als rostige Schlüssel gebrauchen kann, um gelegentlich da oder dort eine Türe aufzustoßen, hinter welcher deutsche Geschichte in lateinischen Urkunden vergraben liegt. Und wem dank ich das? Just dem meiner Lehrer, dem ich oft im Herzen gram war, weil er mir freilich auch auflud, daß das kleine Lasttier beinahe darunter zusammengebrochen wäre. Aber eben darum ist wenigstens etwas an mir hängen geblieben, und wie ließ sich's denn auch anders machen, wenn die Lehrkurse einander jagten, beinahe wie jetzt oft die Börsenkurse. Ohne allen persönlichen Vorwurf sage ich dem »System«: wir haben alle zu viel und zu wenig gelernt, sind, jeder in seiner Art, zu lang und zu kurz geworden. Aber Formsinn und Sprachformen haben wir uns angeeignet, dank auch dem System; und das ist ein großer Besitz, denn die Form ist für den Gedanken, was der Körper für die Seele ist, und besonders wo es sich um Gedanken von »Recht und Licht« handelt, da sollte immer die schönste Seele im schönsten Körper wohnen. »Übrigens das sag' ich: meine Buben, wenn ich das Leben behalte, sollen mir nicht so früh anfangen und dann vielleicht auch nicht so viel wieder vergessen, – Was? jetzt möcht' einer »hinaus wo kein Loch ist!« Faselst von »Buben« und bist selbst noch ein zwölfjähriger Bub', der dahockt, Verse machen soll und keinen herausbringt! Hast doch erst heut deinem Vetter in der Fremde einen lateinischen Brief geschrieben, den du könntest drucken lassen, Kerl! Drum noch einmal dran, und sei endlich gescheit, es hilft ja doch sonst nichts. –Ja, ist gut sagen, man soll gescheit sein. Wenn man ein Poet sein soll, und ist keiner, da hat ja der Kaiser das Recht verloren, warum nicht auch die Schulmonarchen? – Wenn nur der Nürnberger Trichter als Weindieb zu brauchen war', wenigstens beim Süßen! Aber der läßt nichts durch. – Was der Herkules ein Glückskind gewesen ist! der hat bloß einen Stall misten dürfen, aber keine Disticha machen, – Nein, hör' doch auf mit den Späßen, so bringt man nichts zu stand. – Noch immer nichts, du schnöder, erbärmlicher Hirnkasten? – Ich möcht' nächstens »heulen wie ein Schloßhund«. – »Juppiter« – O Herrgott von Bentheim, bringst du die Narreteien nicht aus dem Kopf? – Nein, jetzt soll aber auch die ganze Geschichte der Teufel holen!

Und siehe da, sowie man ihn ernstlich zitiert, so erscheint er auch umgehend in Kraft der betreffenden Paragraphen der Mythologie, die ja bei der Poeterei einer der gesetzgebenden Faktoren ist, und zwar erscheint er immer ganz so, wie man ihn gerade braucht, als nordisches Phantom oder, wenn man will, als einer der Götter Griechenlands, die ja gleichfalls zu Teufeln degradiert worden sind. »'s ist Ein Teufel!« pflegte in allen ähnlichen Fällen »beharrlich« der Dicke zu sagen, nämlich nicht der Dicke, sondern, der Dicke. Und so war's denn auch in diesem Falle wie immer, nämlich es war eben Seine omnipotente Impotenz, diesmal thronend auf der obersten Sprosse des Blocksbergs mit dem griechischen Namen, den man lateinisch besteigen oder, »deutsch« gesagt, »skandieren« sollte. Jedennoch wechselte er nach Umständen die Gestalt. Ambrosische Locken hab' ich damals nie an ihm wahrgenommen. Das eine Mal war er mir ein hausbackener, fleißiger, ehrlicher, guter, dummer Teufel, breitmäulig steinharte Spondeen beißend wie ein Nußknacker, schwirrende Daktylen schluckend wie ein Laubfrosch, ein Sägmehl sprühender Holzbock, der sich höchstens unterweilen in einen gemütlichen Schafbock verwandelte, und als solcher zum Beispiel einmal poteret statt posset blökte. Dieser täuschend schöpferische Latinismus war nämlich »gar keine Hexerei, sondern pure Geschwindigkeit«, ich bemerke das nur, damit man mich nicht für unbescheiden hält, aber, Pugio! was hat mir Der eingetragen! Ja, wenn mir meine Böcke jetzt so vollwichtig honoriert würden, da hätt' ich schon längst ein Dutzend Rothschilde aus dem Sattel gehoben. Das andre Mal, um auf besagten Teufel zurückzukommen, sah er nicht so harmlos aus, da glich er etwa dem »Mars«, nicht dem Speerschwinger, sondern dem pensionierten Götzenbild an unserer Spitalkirche, der wüsten gansfüßigen Fratze, die gegen den pensionierten Kaiser auf dem Marktbrunnen die Zunge herausstreckt.

Je mehr er nun den Gans- oder Ziegenfuß samt den bekannten Hörnern und Klauen hervorkehrte, desto näher hätte ich der Poesie sein sollen, wenn nämlich das begründet wäre, was Voltaire sagt: ein vollendeter Poet (»Dichter« konnte er ja in seiner Sprache nicht sagen) könne keiner werden, der sich nicht zuvor rein dem Teufel ergeben habe. Es scheint aber nicht, daß es ihm Ernst gewesen ist, denn er setzt gleich hinzu, er habe dieses nicht getan, und wenn er damit sagen wollte, er sei keiner, so glaube ihm das ein anderer. Aber kennen wird man ihn allerdings müssen, den »Schwarzen«, ja auf du und du, mit ihm stehen, das haben wir ja vom Dr. Faust gelernt. Ich meine nicht den alten Dr. Johann, dessen berühmter Höllenzwang auf meinem Bücherbrette steht, mir übrigens bis zur Stunde noch weniger geleistet hat als der Zauberstab der Schule, nämlich gar nichts. Nein, ich meine den Doktor oder vielmehr Meister Wolfgang, durch den wir ja in der Hexenküche der Dichtung so heimisch geworden sind, wie es eine Magd in ihrer Küche ist. Dort hängt er ja, der Zauberspiegel, der – eine schöne Helena schauen läßt? Je nun, je nachdem ein Gesicht hineinsieht. Er ist nämlich der Wirkung nach ein ganz gewöhnlicher Spiegel, wie jeder andere, und wer vor ihm steht, sieht nichts anderes darin als sich selbst. Es kommt nur darauf an, ob er in einer seiner lichten oder in einer seiner schwarzen Stunden vor den Spiegel tritt. Man mag über die beiden großen theologischen Wesenheiten, eine oberste und eine unterste, glauben, zweifeln oder streiten, so viel man will, so kann doch im kleinen nicht der mindeste Zweifel sein, daß es einen persönlichen Gott und einen persönlichen Teufel gibt, nämlich eben in jedem einzelnen Menschen selbst. Dem Menschen ist das auch vollkommen bewußt, besonders dem jüngeren, wie denn dieser, wenn man ihn hört, einmal »heiter wie ein junger Gott« und dann nur allzu bald wieder »wild wie der Teufel« ist. Andere drücken es anders aus, aber alle kommen, bewußt oder unbewußt, darin überein, daß die eine und unteilbare Person des Menschen aus zwei grundverschiedenen Wesen besteht, die sich ineinander verwandeln oder ineinander verwandelt werden können. Diese geteilte oder wenigstens teilbare innere Person, sage ich, ist der Dichter im Menschen, und dieses Doppelwesen gestaltet sich so, wie es durch das fast undurchdringliche Zusammenwirken des äußeren Schicksals und des eigenen Gemüts geleitet wird. Leider geht in vielen der Dichter, zum Glück in wenigen mit dem Dichter der ganze Mensch zum Teufel.

Nun, diesen Teufel kannte ich bereits, ohne des Spiegels zu bedürfen. Es war ja derselbe, der mit irgend einer schönen schriftgelehrten Perücke auf dem Kopfe, natürlich aus »purem Interesse« für die älteste Ausgabe, mich angestiftet hatte, dem Großvater das O aus seiner Bibel zu stehlen. Und das war noch wenig. Wir waren im ganzen »gute Buben«, muntere Füllen, wenn uns nicht eben »der Teufel ritt«; hatte er uns aber einmal zu seiner »Brut« gemacht, so heckten wir miteinander und gegeneinander mitunter »teufelmäßige Teufeleien« aus. Meines Wissens hat keiner dem andern etwas nachgetragen, aber ich muß doch gestehen, daß ich über unseren lateinischen »Finessen« manchmal von einer Art Wehmut und Sehnsucht nach meinen noch früheren Schulkameraden, den sogenannten »Deutschen«, angewandelt worden bin.

Dies klingt sonderbar, wenn ich meinen Empfang in der deutschen Schule beschreibe. Ich war als ein zartes Kind, unter dem Zittern und Zagen meiner Mutter, dort eingeliefert worden, und sah mich nun in einer Art Bärenzwinger, dessen Wärter unbeweglich auf dem Katheder in der Ecke thronte, seine Bären bei Namen zum Lesen der Bibelverse oder zum Hersagen der christlichen Sprüche und Lieder aufrief, und dazwischen von Zeit zu Zeit einen antreten ließ, um ihm die Tatzen zu lecken, aber nicht mit der Zunge, sondern gleichfalls durch den Nürnberger Trichter. Kaum hatte ich meinen angewiesenen Platz unter diesen Bären eingenommen, so packten meine beiden Nachbarn rechts und links, »Gott zum Gruß«, meine damals noch kleinen Hände, um die Haut der Oberhand mit ihren langen Nägeln zu »klauben«, daß ich hätte nach Gott schreien mögen. Hätte ich das getan, so hätten sie ihre Pranken am Katheder präsentieren müssen. Ich besaß aber gerade noch so viel reichsstädtischen Geist, um nicht jede Kleinigkeit »nach Speier und Wien zu tragen«, verbiß also meinen Schmerz und lächelte so säuerlich ruhig, wie ein alter Bürgermeister, der den Glockenschlag und Uhrengang bei seinen Mitbürgern kennt. Damit hatte auch die Tortur ein Ende, die ihnen von ihren Vorvätern und Vormüttern her noch in den Klauen stecken mochte, sie setzten die Schraub- und Marterwerkzeuge ab, und von Stund an wurde ich von meinen Bären auf den Händen getragen und fand in ihnen gar geheure Menschen. Später mögen sie, jeder nach seiner Art und Führung, wohl auch den Teufel kennen gelernt haben; damals aber sah ich ihn nicht bei ihnen. Freilich, ja, wie ich nachher – ein Jahr später als meine Altersgenossen, deren sämtliche Eltern meinen Vater darum schalten – aus dem deutschen Nest in das lateinische hüpfte, da erfuhr ich gleich in den ersten Tagen, daß und wo der Teufel los war, nämlich zwischen den Lateinern und Deutschen, und das schier nicht viel anders, als es zu den Zeiten der Römer und Germanen der Fall gewesen sein mag, machte auch alsbald auf meine persönlichen Unkosten die Erfahrung, die mir später durch das Nibelungenlied bestätigt wurde, daß das solonische Gebot, in Parteizeiten müsse jeder Bürger Partei nehmen, füglich unterbleiben kann, weil sich das auch gegen den Willen des einzelnen ganz von selber macht. Doch konnte ich nie vergessen, daß bei meinen ehemaligen Freunden und jetzigen Feinden, den Deutschen, mehr Treuherzigkeit und weniger »Ambition« gewesen war. Sie hatten freilich auch nicht so viel zu lernen gehabt wie wir, die wir zuletzt aus lauter Wut, einander zu überlernen und hinunterzustechen, unter den Augen des Lehrers die Börsenkurse, nämlich den »Notenzettel«, fälschen lernten. Und ist das der einzige Laufzettel, den ich in meinem Leben habe fälschen sehen? Nun, auch der Ehrgeiz ist von Gottes Gnaden oder wenigstens mit Gottes Zulassung da; er ist eben einmal die Kraft, die so manches Gute und so manches Böse schafft. Und doch, wenn ich einmal außerhalb meiner »ambitiösen« Kreise einem meiner alten Schulfreunde vom Bärenzwinger her oder seinesgleichen begegnete, hat es mir oft wohl und weh zugleich getan, wie wir so miteinander »liefen« und miteinander »sprachten«, er mit dem »Butten« auf dem Rücken, ich mit dem »Butzen« im Kopf. Wohl, weil er sich sogleich über den Nationalkampf unserer Jugend hinüber unserer alten Kundschaft erinnerte, und fast noch wohler, wenn er mir schulfremd war und dennoch sich und mir gestand, es komme ihm vor, als wären wir schon einmal, »vor Olims Zeiten«, zusammen den Weg »geloffen«. Weh aber tat es mir, wenn er neben einer gewissen Zutraulichkeit ein gewisses Mißtrauen blicken ließ, als ob der »Herr«, hinter dem doch gerade von dem, was in dieser Welt den Herrn macht, im besten Fall verteufelt wenig steckte, sich nur so zum Zeitvertreib mit ihm »gemein« machen wollte; und weh wurde es mir, wenn ich mich ihm bei dem besten Willen nicht ganz verständlich machen konnte, was ich immer zuerst daran spürte, daß ich mich unter dem Reden oft selbst nicht ganz verstand; denn ich war nicht bloß ihm, sondern auch mir selbst gegenüber ein Römer (alten oder neuen Stils), und wäre doch immer so gern ein Deutscher gewesen. Zwiefach wunderlich aber, also »viereckig« nach der Mathematik, war es mir zu Mut, wenn ich mich einmal ausnahmsweise recht zu verstehen und deutsch zu reden glaubte, er aber mir nun lateinisch antwortete und »gescheiter« war als ich, so daß ich wie auf dem Kopfe stand und gar nicht mehr wußte, was ich sagen sollte. Da geschah mir denn freilich dreimal so weh als wohl, wie es ja bei der Eitelkeit des Menschen nicht anders sein kann; und doch sah ich mit leiser Freude die »Kultur« mehr und mehr in das Volk eindringen, und wünschte ihm nur, daß sie ihm nicht so viel Kopfweh machen möchte wie mir. »Kultur« aber muß ein Volk annehmen, wenn etwas aus ihm werden soll; denn dahin zielt ja das sausende Treiben und Weben der Geschichte des menschlichen Geistes, daß durch die »babylonische Verwirrung« der Sprachen und Kulturen jedes Geistesvolk sich zu seiner ureigenen Bildung zurück durcharbeitet, um mit diesem Weine wieder die anderen Volker zu berauschen oder, was besser wäre, zu tränken.

Von dieser letzteren Gattung hat mir oft zur rechten Stunde, wenn es mir über meinen Kulturbüchern zu heiß oder zu kalt geworden war, weit draußen auf der Landstraße ein Bote oder auf dem Feld ein alter Bauer unversehens einen reinen und wackeren Schluck eingeschenkt. Das war ein bloßes Wort, wie es so ein guter alter Deutscher manchmal fallen läßt, ohne gerade selbst viel darauf zu achten, aber ein altes Wort, in das vielleicht ganze Geschlechter ihren Sinn hineingewoben hatten, in dem vielleicht eine lange Geschichte voll Herz- und Kopfzerbrechens lag; ein Wort, das mich wie ein Blitzstrahl treffen konnte, während mir mein ganzer deutscher »Parnaß«, dieser abermalige erratische Blocksberg, darüber in eine Art von Erdbeben geriet. Die Gestalten der Meister, die ich im gleichen Augenblicke hoch über ihm schweben sah, blieben unerschüttert; nur der Berg zitterte. Die gleiche Erfahrung wird der Romane, der Anglier machen, wenn ihn zur rechten Stunde solch ein altes Erbwort aus der Muttersprache trifft. Bei uns hat dieses alte Deutsch, wie man es noch im Volke reden hört, einen vorherrschend christlichen Klang, oder auch, wenn es an die erste Hälfte der Bibel anklingt, einen vorchristlichen, nämlich altjüdischen. Aber die Überlieferung vom Quickborn ist ja bei allen Völkern dieselbe, bei den Juden wie bei den Heiden, nur daß der Jude bekanntlich zu Fuß durch die Weltgeschichte geht, die andern dagegen beritten sind. Bei den Juden ist es der Mann Gottes, der mit dem Stabe Wasser aus dem Felsen schlägt, bei den Heiden ist es, wenn nicht der Gott selbst, das Roß des Gottes, dessen Huf den Born aus dem harten Boden springen läßt. Das Wunder ist bei beiden das gleiche, nur hat die jüdische Theologie den Hergang menschlicher, die heidnische hat ihn, je nachdem man urteilen mag, göttlicher oder teuflischer, also, wie wir gesehen haben, dichterisch aufgefaßt. Ob es aber der Hufschlag eines Gottes ist oder der Stab eines fußgehenden Gottesboten, womit ein dürstendes Volk getränkt werden und andere tränken soll, der volle Quickborn wird ihm nur aus den mit Hilfe der fremden Kulturwerkzeuge aufgeschürften Gebirgen seiner eigenen alten Art, nur in den klar verstandenen »Roßquellen« und »Roßbächen« seiner eigenen alten Sprache und Bildung stießen. Diese Bildung, so kindlich sie war, schuf tiefsinnige Gedankenbilder, die für die Deutung vielseitig, aber unerschöpflich sind. Sie war kindlich, indem sie statt einer göttlichen Gestalt nur die wohlverstandenen »Attribute« ihrer Gottheit, Widderhörner, Pferdeohren, Menschenkopf und Gans- oder Schwanenkörper meißelte; sie wurde aber auch kindisch im schlimmsten Sinn des Worts, indem sie durch den breitgeöffneten Mund und die ausgestreckte Zunge offenbar nur einen Sinn andeuten wollte, nämlich die Bereitwilligkeit des Gottes, das Blut seiner Opfer in Empfang zu nehmen. Diese Deutung ist unzweifelhaft, denn in der gleichen Markung, der das Götzenbild angehört, liegen Güter und Weinberge, die noch heute nach dem »Opferstein« benannt sind, und wir ahnten nicht, welch ein Grauen in unseren Worten waltete, wenn wir dort beim Spiele riefen: »Blutiger Mann, rühr mich nicht an!« Das Übermenschliche aber, das sich nicht mit dem Menschlichen verträgt, wird untermenschlich, das nicht mehr verständliche Gottesbild versinkt zur Teufelsfratze, und die unentwickelte Bildung geht unter, indem sie in eine menschlichere Schule genommen wird. Eine Schule jedoch, die alle Keime der Bildung entwickeln will, muß den Denker und Dichter im Menschen zugleich befriedigen können, indem sie dem einen ein unumstößliches Wissen und dem andern ein unversiegbares Wunder auftut, beides in einer jedes Zweifels lachenden Wirklichkeit. Das erste kann sie ohne Zweifel durch übertragene Begriffe leisten, wenn nämlich die Vernunft dieselben anerkennen muß, das zweite niemals, und mögen auch die Begriffe noch so gut übertragen sein; denn zum Wunder gehört mehr als Wissen oder Glauben, es gehört Schauen und Hören dazu. Das ist nur möglich im wirklich lebendigen Wort, und dieses lebt nur in der Muttersprache. Solang aber die übertragenen Begriffe nicht gänzlich in derselben aufgegangen sind, solang auch nur noch ein unaufgelöstes Wort aus fremder Zunge aushelfen muß, solang hört selbst das Kind schon der Mutter Sprache zum Teil mehr mit dem Kopf als mit dem Herzen, weil die Mutter nicht ganz die uralte Mutter sprache spricht. Diese geht halbverstanden, unverstanden im Volk umher, wie der Geist einer abgeschiedenen Mutter bei ihren Kindern umgeht, und raunt uns leise manch verlorenes Wort ins Ohr. Mit ihr schleichen auch immer noch die alten Gestalten zwischen den Menschen hin, nicht mehr zu Teufelsfratzen verzerrt, aber wie in Nebelkappen gehüllt, und aus dunklen Worten, Sagen, Sprichwörtern und Redensarten klingt es oft heraus wie ferndröhnender Hufschlag eines Reisigen, der uns eine Botschaft bringen möchte, oder wie das Rauschen von Quellen, die einst hellspiegelnd hier flossen und dann in die Tiefe versunken sind. Eine jener Gestalten aber ist nicht ganz in den Berg eingeschlossen, der alte ewig junge Lichtgott, in dem der deutsche Heide das jugendlich verklärte Bild seines Volksgemütes sah, dem vielleicht nie ein blutiges Opfer gefallen ist. Die unbewußte Erinnerung, die durch die Sprache wirkt, hat ihn, ohne den Namen und die Gestalt, in manchem Wort und Bild verkörpert, und so schwebt er über den leuchtendsten Höhen, über den sonnigsten Hügeln unserer Dichtung, wie ein Wunschgebilde, das mit halbem Leibe aus dem Spiegel taucht und wieder verschwindet. Nach dem Buchstaben ist er zweimal untergegangen, einmal schon im alten Glauben und dann durch den neuen, der jedoch offen seine Verwandtschaft mit ihm anerkannte, aber der Geist, der in unserem durch so viele Kulturmühlen gerüttelten Volke fortlebt, verkündigt, daß er wiederkehren wird, nichts Trübes, nichts Dunkles duldend, also auch nicht, wie der Buchstabe der alten Sagen predigt, in mythischer Gestalt, sondern als ein heller, lichter Volks-, Menschen- und Gottesgeist, in welchem Wissen, Glaube und Dichtung vereinigt sind.

Die Keime aller dieser Gedanken, in wirrer, kindischer, ungeborener Gestalt, sausten durch den Kopf des »Buben«, der im Witwenstüblein saß und »mit Teufelsgewalt« ein lateinischer Poet werden sollte. Denn alles Kulturmaterial, an dem sich die Geister diese dreißig Jahre her abgearbeitet haben, kam, – wie dies ja immer bei »Buben«, die dereinst »studieren« sollen, geschieht – frühzeitig, wenn auch klein gemahlen, auf unsere Mühle. Vom ersten Lesen und Schreiben weg lernte man gleich »viel« Römisch, dann Griechisch, bald auch »etwas« Hebräisch und Französisch, kurz, einen ganzen Wald, von welchem, wie wir gesehen haben, just der nackte Grund und Boden mit einigen Stümpfen und Wurzeln übrig geblieben ist. Zwischen hindurch schlang sich die sonntägliche Theologie der Predigt und »Kinderlehre«, wie man diese damals noch hieß, obgleich, je nach dem Geschmack des Katecheten, sehr erwachsene »Allotria« darin vorkommen konnten, wie ich denn zum Beispiel bei einer dieser Gelegenheiten erstmals in der Hexerei des »Syllogismus« unterrichtet, folglich auf strengstkirchlichem Wege in die Logik eingeführt worden bin. Dazu kamen sechs Gattungen Deutsch in sehr bunter Mischung: Alt- und Urdeutsch, wie es sich in der mundartlichen und redeweislichen Sprache einer altschwäbischen, noch halb gotisch redenden Stadt erhalten hatte; Kerndeutsch, wie es aus Luthers Bibel tönt, hallt, läutet und donnert; »höheres« Deutsch, vornehmlich aus Schiller, und zwar bei dem Vater aus »Tell«, »Don Carlos«, »Götter Griechenlands«, bei der Mutter aus dem »Kampf mit dem Drachen«; noch einmal Altdeutsch in den »dummen«, »abgeschmackten«, aber unentreißbaren Volksbüchern, die unter unseren Augen gedruckt wurden, in Märchen und Sagen, dann auch in dem eben damals allmählich weiter verlautenden Hammerschall aus den Schmiedeklüften der deutschen Mythologie; dazwischen aber unendliches Schmierdeutsch jeglicher Art und Gattung, besonders leihbibliothekarisches, und zwar dieses in sindflutartiger Fülle; endlich, seit dem griechischen Aufstände, auch »etwas« Zeitungsdeutsch. Alles das mußte, teils freiwillig, teils unfreiwillig, in die beiden kleinen Hälften des winzigen Deutschlands, von welchem wir reden, nämlich in Kopf und Herz eines zwölfjährigen Deutschen hinein. Kein Wunder, daß dieses kleine junge Deutschland dadurch dasselbe wurde, was das große alte Deutschland schon so oft gewesen ist, nämlich der Tummelplatz eines mehr als dreißigjährigen Krieges. Und, um als Protestant in diesem Bilde fortzufahren, unter allen Schlachten, die ich im Aktivum oder Passivum mitmachte, war jedesmal das Distichenmachen meine Nördlinger Schlacht, oder, bei dem Bilde von der Mühle stehen zu bleiben, unter ihren Mahlgängen, welchen ich zutragen mußte, war mir derjenige, in dem ich oben nichts als meine dermalige deutsche Kleie aufzuschütten hatte und unten lateinisch-poetisches Mehl herausbringen sollte, jederzeit der »penibelste«, ja so peinvoll, daß ich oft nicht bloß der zweibeinigen, sondern auch vierfüßigen Sackträger ganzen Jammer darin zu mahlen glaubte. Die beiden Frauen, die dieses kleine Deutschland zu regieren bekommen hatten, gerieten hierüber oft in schwere Regierungssorgen, die sie jedoch auf verschiedene Weise trugen. Die Jüngere, die Mutter, hatte alle Eigenschaften, dem Sohne nicht bloß die beste Führerin, sondern, in Ermanglung eines Vaters, auch der beste Führer gerade dann zu werden, wann die Führung am nötigsten ist, nämlich in dem Alter, in welchem er sie nachher zu Grabe geleiten mußte. Aber zur Leitung eines Knaben braucht es Hörner und Zähne irgend welcher Art, und dergleichen besaß sie nicht, denn sie war die Milde und Sanftmut selbst. Ein aus den Knabenschuhen herauswachsender Witwensohn wird auch der stärksten Mutter von Zeit zu Zeit über den Kopf wachsen. Sie sieht in ihm des Vaters Ebenbild, durch eingewobene Züge des ihrigen entweder noch gekräftigt, oder, was häufiger der Fall sein wird, gemildert; sie kann mit ihm schon manches beraten, was sie einst mit dem Vater beriet; und so wird er unvermerkt Teilhaber im Regiment über das Haus und die jüngeren Geschwister. Sind diese noch unentwickelt, so gelten sie, wenn auch nicht bei der Mutter, so doch bei vielen Beiräten und Beiständern, einstweilen für »minder begabt«, obwohl es sehr oft vorkommt, daß so ein »Aschenbrödel« von jüngerem Bruder nachher im bürgerlichen Leben »was Tüchtiges vor sich bringt«, nachdem Ihro Durchlaucht oder Hochwürden-Gnaden der Herr Erstgeborene das eigene oder gar das gemeinschaftliche »Sächlein« längst zu »verstudieren« geruht haben, um dann auf mehr vornehmem als großem Fuße die »solide Prosa« eines dienstbaren »Herrenlebens« stricken zu lernen oder auf mehr freien als guten Sohlen das Trauerspiel eines »talentvollen« Kopfes fortzuspinnen. Diese Erscheinung war und ist so häufig, daß sie recht eigentlich der theologisch-bureaukratischen Kultur- und Gesellschaftsgeschichte angehört. Ein solcher Mitregent im Mutterhause kann nun binnen kurzer Zeit sehr verschiedene Gestalten annehmen. Er ist nach einer wahrhaft rührenden Unterredung mit der Mutter, lauter »Ideale« im Herzen, aus dem Hause gegangen; während seiner kurzen Abwesenheit hat sie ihn vollends zum Jüngling, zum Manne herangeträumt; und nun kommt er als »Gassenbube« heim. Aus dem so »gescheiten Buben« ist ein »dummer Junge«, der nicht einmal lateinische Verse herausbringt, die doch gemacht sein müssen, oder vielmehr aus dem »folgsamen« Knaben, den man »um den Finger wickeln« konnte, ein »Stock« geworden; und so geht es fort, bis das »weiche gute Kind« sich vollends in einen »wahren Teufel« verwandelt und der Wortwechsel mit den bittersten Tränen schließt. Meist fließen diese Tränen auf beiden Seiten, aber nicht zu gleicher Zeit; denn unsere meisten Männer, die ja schon in den »Buben« stecken, können bekanntlich selten Weibertränen vertragen; sie werden davon nur noch »wilder« und »wütischer«.

Nun ist es an der Zeit, die andere Reichsgewalt zu Hilfe zu rufen, die »schräg« über der Straße drüben wohnt, oder vielmehr, nach örtlichem Sprachgebrauche, »sitzt«. Und diese versteht das Regieren aus dem Fundament, wenigstens nach dem alten Stil, weltlich und geistlich. Es gehört blutwenig dazu, denkt sie mit dem schwedischen Kanzler, wenn sie dessen Diktum kennt, aber gelernt will es sein und geübt, denn es ist nicht bloß eine Wissenschaft, sondern ein Handwerk, oder vielmehr eine Kunst. Zur Übung aber hat sie als reichsstädtische Pfarrerin alle Gelegenheit gehabt, und hat dabei auch gelernt, daß der bloße religiöse oder moralische Imperativ bei den alten Kindern nicht ausreicht, geschweige bei den jungen, sondern daß noch etwas mehr dazu gehört. Sie empfängt den »Buben«, auf dessen Gesichte Sonnenschein und Regenwetter streiten, mit ihrer immer gleichen Freundlichkeit, und wartet ab, bis er seinem Herzen Luft macht, oder, wenn dies zu lang dauert, so fragt sie, was es gegeben habe. Gewiß wird's wieder über den lateinischen Versen angegangen sein, setzt sie gleich hinzu: ich möchte nur auch wissen, warum man euch so mit diesen einfältigen lateinischen Versen plagt; ihr mögt ja nachher einen Beruf haben, welchen ihr wollt, so verlangt's kein Mensch mehr von euch; wozu soll's denn also gut sein? sollst denn du einmal deinen Bauern oder den Stadtleuten in lateinischen Versen predigen? – Das ist die rechte Tonart, um so mehr als sie zugleich unverfälscht ist; denn der »Bub« weiß ganz genau, daß die alte Frau kein Wort anders spricht, als sie es denkt. Nun geht es eine Weile in dieser Tonart fort, beide ereifern sich miteinander, und ihm wird immer wohler dabei. Wieder nach einer Weile fragt sie: Aber, Männlein, was hast du denn getan, daß deine Mutter sagt, sie könne nicht mehr Meister über dich werden? Du kannst doch sonst so ein braves Kind sein, wenn du willst. – Nun muß er beichten, und wenn er mit den »griffigsten« Ausdrücken, die er sich zu schulden kommen ließ, nicht zum zweitenmal herausrücken will, so hilft sie ihm freundnachbarlich nach, weil sie gewöhnlich recht gut weiß, was vorgefallen ist. Alsdann aber spricht sie deutsch mit ihm, jedoch nicht ein solches, wie man es gewöhnlich im Zusammenhange dieser Redensart versteht, und dennoch mit dem Erfolge, daß der »junge Herr« zu seiner eigenen Verwunderung plötzlich wie ein bis an den Kopf in den Boden geschlagener Nagel vor ihr sitzt und zu ihr aufschaut. Es liegt das rein in der Sprache. Die moderne Redeweise ist mehr eine Fechtart, die die Person des Redenden in den Vordergrund stellt und auf seinen persönlichen Hieb einen womöglich eben so persönlichen Gegenhieb herausfordert; und wenn es auch in dieser Fechtart eine verdeckte Klinge gibt, die scheinbar ins Blaue haut und den Gegner in den Nachteil setzt, den Hieb erst auf sich beziehen zu müssen, so ist das eine bloße Finte, die keinen täuschen kann. In der älteren Sprache dagegen tritt die eigene Meinung nicht zum Scheine, sondern in Wahrheit zurück, und es wird bloß ein allgemeines Gesetz ausgesprochen, in der Weise, daß die Person des Urteilenden sich ihm mehr unterwirft, als daß sie es »promulgiert«. Gleichwohl kann ein solches Urteil sehr grob lauten, gröber als ein moderner Grobian es zu geben wagt, aber die Grobheit geht von der Sprache aus, nicht vom Sprechenden, und eben darum wirkt auch das Urteil stärker als die stärksten modernen »Treffe«, ob diese nun in Finessen oder in Derbheiten bestehen mögen. War nun der junge Herr recht in den Boden geschlagen, so wurde er alsbald mit der liebreichsten Art wieder herausgezogen. Wollte er aber »aufbegehren«, so wurde ihm im ruhigsten Tone von der Welt erwidert: Wenn's dir bei mir nicht gefällt, so weißt du ja, wo der Zimmermann das Loch hinaus gemacht hat. Allein der Ton hatte nicht die geringste herausfordernde Beimischuug; er war von einem schalkhaften Lächeln begleitet und klang bloß wie eine Beteuerung, daß hier kein Kerker sei. Im Notfall baute sie auch noch eine goldene Brücke hinzu, indem sie beifügte: Ich sage das bloß für den Fall, daß du hinaus willst; denn du weißt ja, wie lieb ich dich hab' und wie du mir immer willkommen bist; drum wird es gescheiter sein, du machst deine Verse heut bei mir, und bis morgen ist alles wieder im Gleis; ich weiß ja, du hast deine Mutter noch lieber als mich, und da tust du auch recht dran, denn sie ist dir ja Vater und Mutter zugleich. Gewöhnlich waren nach einem solchen Vorgang die Verse bald fertig, und dann wurde der Abend auf die allerlustigste Weise verbracht; denn die alte Frau konnte, obwohl sie in nicht gemeinem Grad verständig war, doch ein ausbündiger Kindskopf mit einem Kinde sein. Oft kam dann noch die Mutter herüber, oder es wurden wenigstens Friedensbotschaften ausgewechselt, und der ganze Krieg hatte ein um so innigeres Einvernehmen zur Folge.

Aber nicht immer ging es so gut, und das stille Witwenstüblein erlebte Stunden der düstersten Poetenverzweiflung. In eine solche versetzen wir uns jetzt. Der arme »Bub« hat alle Götter nacheinander angerufen, auch den mit dem Gerbersgeruch, den griechisch-lateinischen Poetenschinder Apollo, aber vergebens, keiner will über ihn kommen. Dazu ist der Abend zum Erschrecken vorgerückt. Die Uhr steht still, nämlich die alte Sanduhr, deren sich der selige Pfarrherr ehedessen auf der Kanzel bedient hatte und die nun seinem vermeintlichen Nachfolger als etwas »Apartes« eingeräumt ist, um die Arbeitszeit daran zu messen. So oft er sie aber auch umgekehrt hat diesen Abend, nichts ist unten herausgekommen, nicht einmal Kleie oder Spreu, nichts als Sand und immer wieder Sand, und deshalb hat er sie mürrisch auf die Seite geschoben. Dafür ist die andere Uhr inzwischen um so fleißiger gegangen, die alte kleine Standuhr mit dem vergoldeten Schnitz- und Schnörkelwert, die auf dem Nußbaumschranke drüben steht; und, o alle neun Musen, ihr alten Jungfern! sie schlägt jetzt halb zehn Uhr, und ihr habt mir noch nicht einmal einen Hexameter beschert. Um zehn Uhr aber ist's Matthäi am letzten, denn die alte Frau hat ihre feste Hausordnung, »da beißt die Maus keinen Faden davon«. Um zehn Uhr muß der künftige Pfarrherr in den federweichen Bodensee unter dem großen Himmel springen, während die ehemalige Pfarrfrau in der schmalen Bucht unter dem kleineren Himmel vor Anker geht, nicht ohne zuvor mit herzlichem Flehen und innigem Seufzen – er hört's oft bis in seine Kammer hinaus – den Überwinder der Welt um Schutz vor der Angst und Not dieser Welt zu bitten. Warum hat doch selbst die echteste Frömmigkeit, die immer so heiter und gottvertrauend ist, manchmal wieder so bittere Angst vor den bösen Mächten dieser Welt? Sind sie denn immer noch nicht überwunden? Und wenn eine alte gute deutsche Christin den Stab der Hoffnung, daß die Welt überwunden sei, nicht immer ganz fest in der Hand fühlt, so wird doch wohl auch ein kleiner schwacher lateinischer Blocksbergsreisender, dem bei jedem Schritt die skandierenden Knie einbrechen, über der Angst und Not der Welt ein wenig vergehen dürfen. Den schlechten Poeten hilft er nun einmal nicht, der liebe Gott, da läßt er sich nichts abbetteln, und es wäre auch eine unbillige Zumutung, denn er müßte dann wahrhaftig einen der nützlichsten Zweige des nützlichen Gerberhandwerks verdorren lassen. Aber irgend ein Deus ex machina muß in dieser halben Stunde noch helfen, sonst geht's diesmal »letz«. Es ist zwar erst Samstagabend, und wir haben also noch einen ganzen Tag vor uns, aber der ist zu einem »gottvollen« Ausflug bestimmt. Auf Montag früh ist kein Verlaß, wir kennen diese Montagmorgen, und zumal nach einem Gebirgsmarsch wird er etwas »bläulich« sein. Ohne Verse kommen? Das haben wir letzten Montag probiert, haben das Exercitienheft getrost zum »Einsammeln« hergegeben, und wie es hernach aufgeschlagen wurde, so stand hinter dem lateinischen und dem griechischen »Argumentlein«, da wo der Nachtisch mit dem bewußten Backwerk hätte folgen sollen, nichts als ein heroisches »Invita Minerva!« Aber die »Diktion«, obgleich echt »antik« und »klassisch«, war »modern«, ja »revolutionär« befunden worden; und kein Volk macht eine verunglückte Revolution nach acht Tagen zum zweitenmal. Es wäre auch »kein Witz«.

Welche Macht, o Muse, muß »jetzo« angerufen werden, nachdem der Olymp und der Acheron vergeblich bestürmt worden sind? Ich lache dich aus, alte Kamöne, denn du weißt es nicht. Und geholfen muß bis zehn Uhr werden, also mit Eisenbahngeschwindigkeit, während doch die Eisenbahn noch in so weiter, weiter Ferne steht! Du spitzest den Mund und lächelst? Ja, du warst ein wunderschönes Hexlein zu deiner Zeit, und hast deinen »Machern«, Hof- und Versemachern, manche stolze Dampfbahn gebaut. Mich aber hast du den ganzen Abend auf's schnödeste sitzen lassen, darum will ich auch nichts mehr von dir. Aus deiner Ecke, abgedankte »Tochter Jovis«, kannst du jetzt zusehen, wie eine alte Pfarrerin statt deiner die Verse »macht«, ohne Hexerei, ohne den Gradus ihres Seligen, ohne ein Wort Latein zu verstehen.

Die alte Frau hat den ganzen Abend still und ruhig fortgestrickt, obgleich ihre Augen, und sie hat trotz ihrer Jahre noch sehr gute Augen, ihr schon längst heimlich erzählt haben, daß es auf dem Parnaß »getreu« aussieht, nämlich übel. Sie tut aber nicht »desgleichen«, denn sie weiß, wiewohl aus keinem Epos, daß der Deus ex machina, nicht eher einspringen kann, als bis die Not ihren Gipfel erreicht hat. Dieser günstige Zeitpunkt ist eben jetzt mit dem Glockenschlage halb zehn Uhr eingetreten. Zugleich mit diesem Schlage hat sie ihren Strumpf absolviert und legt ihn nun mit einem seelenvergnügten Aufatmen weg.

Gottlob, daß der langweilige Strumpf fertig ist! beginnt sie. Nun könnten wir wohl noch ein halbes Stündlein miteinander schwätzen. Du hast ja den ganzen Abend noch den Schnabel nicht aufgetan. Sei nur nicht gar zu fleißig. Du übertreibst's, die Herren können doch nicht wollen, daß du dich zu schanden rackerst. Vier Verse könnten für heut auch genug sein. Oder hast schon sechs?

Welches Fegefeuer, Tropfen um Tropfen, auf eine arme gepreßte sterile Poetenseele! Mit ersterbenden Blicken reiche ich ihr das Papier, und sie überzeugt sich in der Nähe, daß sie aus der Ferne richtig gesehen hat.

Aber Männlein, was ist das? »Hier ist nichts und da ist nichts, und aus nichts hat Gott die Welt erschaffen?«

Dies war die wohlbekannte Geschichte von der Stegreifpredigt, die auch schon zuzeiten Wunder bei mir getan hatte. Heute aber war sie abgenutzt.

Bist denn mit deinen Gedanken im Pfefferland gewesen? fährt sie fort. Oder gehst du morgen nicht mit auf den Jungfernfelsen?

Da hatte sie nun meine Meinung keineswegs getroffen. Ich wollte freilich auf den Jungfernfelsen, nur nicht auf den Parnaß.

Ja, dann müssen aber die Verse heut noch gemacht sein. Was würde deine Mutter sagen? Sie würde ja glauben, ich habe dich zum Müßiggang verleitet. Und sag' mir nur nicht, du bringest nichts heraus. Du kannst alles, was du willst.

Es kommt ganz darauf an, in welcher Fassung, mit welchem Ton und bei welchem Anlaß die letzten Worte gesprochen werden: denn ungeschickt angebracht, können sie den Zweck völlig verfehlen.

Und schaffst ja sonst so gern, oft mehr, als man von dir verlangt. Hast du nicht heut einen lateinischen Brief geschrieben, den man drucken lassen könnte?

O wie wahr! Ganz das nämliche hatte ich ja selbst erst vorhin zu mir gesagt, und jetzt, wo die alte Frau es gleichfalls sagte, mußte es zweimal wahr sein. Sie hatte freilich den Brief nicht gelesen, und das aus guten Gründen, sie hatte ihn bloß gesehen, weil er an ihrem Tische geschrieben worden war; da aber alles richtig war, was sie sagte, selbst das Unangenehme, warum sollte nicht auch das Angenehme richtig sein? Die Mutter pflegte bei solchen Gelegenheiten den Kopf zu schütteln, denn sie meinte, man brauche die jungen Leute nicht noch eitler zu machen, als sie von selbst schon seien. Die alte Frau dagegen war der Ansicht, es sei besser, diese Eitelkeit hie und da ein wenig zu streicheln, bis sie das Pfötchen hervorstrecke, weil man ihr dann eher die Kralle beschneiden könne, das eine Mal obenhin, das andre Mal »behäber«, je nachdem es eben die Umstände mit sich bringen.

Diesmal war nicht viel mit der Schere zu machen, denn der »Bub«, obgleich bis in den Grund des Herzens geschmeichelt, erwiderte, der Brief, wenn er auch von Cicero selbst geschrieben wäre, was doch gute Wege habe, sei eben in Prosa geschrieben, und das sei eben »was anderes«.

Jetzt muß ich aber lachen! ruft die alte Frau. Zu einem Brief gehört doch Kopfschmalz, und in den Versen ist man mit einem »Plumpidibum« zufrieden; ich hör's ja allemal, wie's beim Durchlesen tut. Wer wird sich denn so vor den dummen Versen fürchten? Ich tät' mich ja schämen, setzt sie ganz grob hinzu, vor den dummen Versen so einen dummen Respekt zu haben.

Nun regt sich's in der ledernen Poetenader. Aus Geringschätzung etwas zu tun, was man nicht »mit Freudigkeit, um Gottes Willen« vollbringen kann, das ist wenigstens »pikant«.

Da jedoch über dem Gespräch noch fünf weitere Minuten verflossen sind, somit vermehrte Pferde- und Dampfkraft nötig wird, so beschließt die alte Frau, die Sache noch pikanter zu machen, und etwas »saftig« nebenbei. Wenn ich jetzt doch nicht mit dir sprechen kann, sagt sie, so will ich lieber einen neuen Strumpf anfangen. Wollen wir sehen, wer am schnellsten vorwärts kommt?

Mit diesen Worten bietet sie eine förmliche Wette an und renommiert dabei auf eine Weise, die ganz gegen ihre Gewohnheit ist. Sie bezeichnet am Finger ein Gestricklängenmaß, das keine Hexe in der angegebenen Zeit zustande brächte, und setzt es je gegen einen Vers.

»Nunmehro« kommen wir ins Fahrwasser. Der »Ehrgeiz« ist angeregt. Das ist aber etwas anderes als die »Ambition« der Schule, ist auch nicht jener Ehrgeiz, der in des Lebens »Rennlaufbahn«, auf deutsch Karriere, vorgespannt wird. So wenig zwar der »Bub« geneigt war, sich im »Exponieren« und »Komponieren«, das heißt, im prosaischen Lernen, von seinen Kameraden »lumpen« zu lassen, so gleichgültig war ihm doch die Konkurrenz in der Poeterei, denn er gab um die Verse der andern ebensowenig einen Kreuzer wie um seine eigenen. Ja, mit einer fleißigen Strumpfstrickerin zu konkurrieren, das konnte sich eher der Mühe lohnen, weil da wenigstens auf einer von beiden Seiten etwas Nützliches zustande kam; aber der »Bub« hätte sehr »auf den Kopf gefallen« sein müssen, wenn er nicht die Absicht der Strickerin durchschaut hätte. Beide waren durchaus verwandte Naturen, welche die Eulenspiegelei, sich gegenseitig mit stillem Bewußtsein voneinander überlisten zu lassen, schon oft in usum Delphini, das heißt, zum Nutzen des jüngern Teils, miteinander aufgeführt hatten. Der Ehrgeiz bestand also darin, jetzt endlich, nach einem trübseligen Abend, Glock' halb zehn Uhr, zu begreifen, daß es gescheiter sei, aus dem »dummen« Ernst einen vernünftigen Spaß zu machen, oder, wie dies später auf der Universität ausgedrückt wurde, »des Lebens Unverstand mit Wehmut zu genießen«. Der arme kleine Poet hatte auch den ganzen Abend nach dieser Art von Wehmut geseufzt, aber die alte Frau hatte ihn weislich zappeln lassen, weil sie sich sagte, daß sie ja doch nicht sein Lebenlang neben ihm sitzen bleiben könne, um ihn zu allen Drachenkämpfen mit dem »Unverstand des Lebens« durch ihren Strickstrumpf zu inspirieren.

Eine Wette aber muß auch ihren Preis haben, und nun geht die alte Frau an den Schrank, nicht an den, der die Standuhr trägt, sondern an den gegenüberstehenden mit dem eingebogenen Aufsatze von altkünstlerischer Arbeit, und öffnet die Türe, hinter welcher allerlei Kostbarkeiten und Reliquien verwahrt sind. Was bringt sie hervor? Vier Äpfel, etwas bleichsichtig, aber die Bäcklein rötlich angehaucht, kurz, die ersten reifen Jakobiäpfel, die ersten Äpfel des Jahres, in die der Sieger kecklich beißen darf, denn die alte Frau ist Kennerin und gibt nichts Unreifes her. Dieser Anblick ist nun wahrhaft niederschmetternd für den Ehrgeiz des jungen Herrn, denn auch er hat heute nach der Schule seinen Spaziergang durch verschiedene »angestammte Territorien« gemacht, um zu »inspizieren«, zu »spionieren«, zu »loschoren«, aber er hat das kleine Bäumchen übersehen, von dem doch schon letzten Winter so viel gesprochen worden und das diesen Sommer allen andern zuvorgekommen ist. Es gibt unter den Bäumen weit frühreifere Kinder als unter den Menschen, und obendrein sind jene fruchtbringend, wogegen diese sehr oft nur taube Blüten tragen.

Sieh, Lieber, sagt die alte Frau, indem sie die vier Äpfel auf den Tisch legt, ich habe sie eigentlich dir bestimmt gehabt, aber erst auf morgen für unterwegs. Jetzt steht's anders, und ich kann dir nicht helfen, jetzt gehören sie eben dem, der gewinnt.

Auch diese Kriegslist war leicht zu durchschauen, aber sich täuschen zu lassen, war ja eine noch größere. Eben darum bekam die Sache jetzt ein sehr ernstes Aussehen, und über dem »Pathos«, das die vier Jakobiäpfel hervorbrachten, verschwand vollends der natürliche Ekel vor dem mechanischen »Organismus« der Poeterei, wenigstens auf eine halbe Stunde.

Die beiden Musen, die Strickmuse und die Skandiermuse, begannen ihren Wettlauf. Die erstere in ihrer Herzensangst, daß sie zu früh fertig werden könnte, ließ Masche um Masche fallen, um sie mühselig wieder aufzunehmen; denn die »Ökonomie« dieses »Eposses« war ja darauf angelegt, daß die »Kopfarbeit« über die »Handarbeit« siegen sollte. Die Skandiermuse dagegen ließ halbe und ganze Füße dahinten, mit dem Vorbehalt, sie in der blauen oder grauen Frühe des Montags nachzutragen. Ich glaube es heute noch nicht, aber es ist dennoch buchstäblich wahr, daß noch vor zehn Uhr die vier Äpfel gewonnen waren, nur mit dem Unstern, daß ich, wie dies leicht in der Geschwindigkeit geschieht, dem »Gedanken« die Schuhe zu weit angemessen hatte und deshalb, weil man nicht wohl mit einem Komma aufhören kann, noch ein fünftes Distichon dreinzugeben genötigt war, dem es überlassen blieb, sich, wie jede Tugend, selbst zu belohnen. Aber mit dem letzten Glockenschlage der zehnten Stunde war auch das letzte Glied der Mißgeburt fertig, nämlich die erste Hälfte des fünften Pentameters, welche der zweiten, wie Serah dem Perez, nachgeboren wurde. Nur war das kein organischer Hergang, wie bei der immerhin wundersamen Geburt der beiden Patriarchenzwillinge, sondern ein rein »technischer«, nach Art des Mechanikers, der begreiflicherweise zuerst die hauptsächlichsten Fugen, Schließen und Klappen fertig macht, und dann erst das Nebenwerk. Die gleiche kluge Vorsicht wird freilich oft genug auch bei der deutschen Reimkunst beobachtet; doch gibt es da Geburten, bei welchen, zur eigenen Überraschung des »Machers«, aus dem lebendigen Gedanken die lebendigen Reime sich von selbst machen; dieses Wunder aber hat die Sprache bis jetzt auch ihren besten Lieblingen nicht immer, sondern nur an besonderen Feiertagen beschert.

Nun saßen die beiden Schälke einander eine Weile mit ernsthaften politischen Gesichtern gegenüber, wie zwei Schachspieler, die nach beendigtem Spiele Sieg und Niederlage mit Anstand zu tragen wissen, oder wie Scipio und Hannibal in jener berühmten Stunde, in der sie über die Frage, wer der größte Feldherr des Jahrhunderts sei, ihre lateinischen »Komplimente« wechselten. Der junge Schalk aber, nachdem er in den ersten der ersiegten Äpfel gebissen hatte und den ersten frischen Eindruck dieses Naturgedichts verspürte, konnte nicht umhin, auf seine eigenen Unkosten, wie er wohl voraus wußte, »den Hasen aus dem Busch zu jagen«. Er stellte sich nämlich jetzt, als ob er sich für den rechtmäßigsten Sieger auf Erden hielte, und krähte sein Siegeslied, mit dem Zeigefinger der rechten Hand an dem der linken schabend, so endlos fort, bis die alte Frau die Geduld verlor und nun gleichfalls losbrach.

Gelt, ich hab' dich drangekriegt! rief sie. Was steht jetzt auf deinem Papier? Fünf bare blanke Verse, sie glänzen noch von der nassen Tinte! Zu was sind nun die »Physimathenten« und »Umstände« nötig gewesen? Hättest nicht von selber fertig werden können? Und willst mich noch einmal anlügen, du bringest nichts heraus? O Lieber, Lieber, wenn ich's vermöchte und wenn ich immer um dich sein könnte, so wollt' ich ja gern alle harte »Brettlein« für dich bohren. Aber du weißt ja: »Selbst ist der Mann!« heißt's im Sprichwort. Ja, wenn man nur die Bretter bohren dürfte, zu denen man Lust und Liebe hat, da wär' die Kunst nicht so groß. Aber wähl' deinen Beruf wie du willst, es werden dir überall solche unter die Hände kommen, die du nicht bohren magst und doch bohren mußt. Was hilft's dich dann, wenn du sagst, es sei eine Dummheit, und wenn du zehnmal recht hast? Die Welt ist eben stärker als wir. Vielleicht kommt einmal eine Zeit, wo die Menschen nicht mehr mit so viel unnötigem Zeug geplagt werden; aber das muß man dem lieben Gott anheimstellen. Er weiß am besten, was seinen Kindern gut ist. Und sag' nur nicht mehr, wenn's einen Herrgott gäbe, so müßtest du keine lateinische Verse machen. Sieh, das tut mir allemal so weh, und deiner Mutter auch; und du glaubst's doch selber nicht, es ist nur so ein dummes Geschwätz.

Das war nun freilich wieder eine Grobheit, und zwar diesmal eine persönliche, die sich nicht im Hintergrunde hielt. Aber bei der Denkungsart der alten Frau waren die Reden, auf die sie anspielte, für sie ebenfalls persönliche Beleidigungen; denn niemand hört gern seinen Vater lästern. Ich war also schon gewöhnt, mir solche Erwiderungen mit dem Sprichwort: »Wie man in den Wald schreit, so hallt's wieder heraus«, zurechtzulegen. Zudem war ich eben am »Butzen« des Apfels angekommen und fand ihn so merkwürdig zart, daß ich ihn mit Haut und Haar zu schlucken beschloß, wobei sodann die Grobheit in aller Stille mit hinunter ging.

Jetzt les nur die Verse geschwind noch durch, daß kein Fehler drin stehen bleibt. Ich will noch so lang warten.

Darauf hatten wir nicht gewettet. »Gebiete mir was menschlich ist!« Und menschlich konnte es nicht sein, denn der bloße Gedanke machte mir Empfindungen, die mich versicherten, daß, wenn der Apfel bei mir bleiben solle, auf diese Durchsicht für jetzt verzichtet werden müsse. Ein traurig sanftes Kopfschütteln war meine Antwort, worauf die alte Frau sich zufrieden gab und das Buch mit dem Abendsegen zur Hand nahm, um ihr Gemüt nunmehr von irdischen Mühen und Sorgen abzulenken. Dabei wußte sie freilich nicht, obwohl ihr eine Ahnung davon durch die Seele geflogen, wie sehr der lateinische Strumpf, den sie zuwege gebracht hatte, benötigt war, daß sie ihn auch zu flicken verstanden hätte. Denn am Montag früh nahm ich zwar noch einige gewissenhafte chirurgische Operationen mit ihm vor, aber gerade über diesem Geschäfte übersah ich jenes verhängnisvolle, von der Grammatik als »einzige Lesart« zu verzeichnende »Poteret«, mit welchem ich im unbewußten Geistesdrange die richtige Mitte zwischen Impotenz und Omnipotenz zu erstraucheln gesucht hatte. Es machte mich auf acht Tage zu einem berühmten Mann, und blieb unsterblich, so lang' mein Exercitienheft vorhielt, worin es am Falze von »höherer Hand« durch ein »greulich Zeichen«, einen »Unhold im Haus des Lebens« verewigt war. Und dieser Schaden Josefs mußte auch gerade im fünften Distichon stehen, im freiwilligen! O sauer erworbener Ruhm! o bitterer Lohn der Tugend! Da mochte man wohl mit dem Sprichwort sagen: »Ein Schelm, der mehr tut als er soll!«

So bleibt also der Nürnberger Trichter, auch wenn er durch Weiberlist und Weibertreue zum Grünen und Ausschlagen gebracht werden konnte, doch immer ein gefährliches Instrument. Welch eine angenehme Entdeckung daher für eine strebsame Jugend, als sie später eine so wesentliche Verbesserung desselben, wie der Königsberger Trichter ist, zuhanden bekam! Das ist kein toter Stecken, sondern ein wirklicher, lebendiger Baum, der seine Wurzeln tief in den schaffenden Grund hinunter streckt, und seine Äste oft hoch und weit verbreitet. Seine Inschrift, wenn man ihn im botanischen Garten klassifiziert findet, heißt bekanntlich: »Du kannst, denn du sollst!« Alles kann er nun zwar nicht, doch vermag er viel. Mit einem Reis von diesem Baume kann man über den Höllenschlund mancher »blassen Unmöglichkeit« setzen, um es jenseits in den mütterlichen Boden der Möglichkeit und Wirklichkeit zu pflanzen. Zwar geht die Reise oft hart am Teufel vorbei, aber er behält das Nachsehen; zwar haben die Früchte des Baumes oft lang einen herben Holzapfelgeschmack, aber man weiß ja, daß gerade diese Arten sich besonders zur Veredlung eignen. Ich kann just keine genaue Rechenschaft geben, wie weit ich mit dem Pfropfen gekommen bin; wenn mir aber meine Äpfel schon gar zu sehr den Mund zusammengezogen haben, so habe ich beide Augen zugedrückt und in die Vergangenheit zurückgeschaut. Da sah ich gleich wieder die alte, fromme, heitere, schalkhafte Frau am Tische sitzen; sie hatte den resoluten Strickstrumpf in den Händen, durch den sie deutsch und im Notfall auch lateinisch reden konnte, und lachte mich wieder wegen meiner »Physimathenten« aus. Dies ist zwar keine gotische, aber doch eine ländlich-sittliche Redensart, die man anwendet, wenn jemand sich ziert, etwas zu genießen, was ihm nun doch einmal vorgesetzt und aufgewartet ist. Alsdann mußte ich gleich mitlachen, wie wir so oft miteinander gelacht haben, und in demselben Augenblick hatte ich statt des Holzapfels wieder einen Jakobiapfel im Munde. Ich weiß wohl, es ist nicht spartanisch, und im Schlachtruf der alten Königsberger Garde steht nichts von Jakobiäpfeln; aber wenn es eben vom Sollen zum Können kommen soll, so muß man den Menschen oder der Mensch sich selbst nicht bloß nach dem Maße seiner Kraft, sondern auch nach dem Maße seiner Schwachheit regieren, und darum hilft mir der Königsberger Trichter am besten dann, wenn ich ihn wie ein Fernrohr ins Witwenstüblein meiner alten hilfreichen Minerva richte.

Sie war von den Letzten einer heimgegangenen Familiengeneration, von einem Geschlechte der »alten Welt«, dessen Gesinnungen vornehmlich in den Frauen lebten. Diese waren es, die den Gemeinsinn in der Familie pflegten: aufmerksam saßen sie in der Mitte der »Sippschaft« und blickten nach allen Seiten hin, der entfernteste Verwandte wurde nicht übersehen, jeder sollte es gut haben und eher die ganze Familie gegen eine Welt in Waffen treten, als sich in einem einzigen Gliede beschädigen lassen. Wer heranwachsend die letzten Trümmer einer solchen Vorwelt noch erlebt hat, dem ist in der Familie das Bild einer mittelalterlichen Stadtgemeinde aufgegangen: im Innern beständige Bewegung, worin sich harte, scharfe Ecken aneinander reiben, bis ein äußerer Feind an die Tore klopft, und nun plötzlich alles mauerfest zusammensteht und zusammenhält. Das Stadtleben hat sich zum Staatsleben, das Familienleben gar zum Weltleben erweitert. Der Kreis, der oft so liebreich im engen Umfange hoher Mauern beisammen »saß«, ist auseinandergesprengt, zum Teil weit in die Lande hinaus, zum Teil selbst über den »großen Bach« hinüber, und der Familiengeist, für den die Welt zu weit und zu breit geworden ist, blickt in hilfloser Trauer nach, und gedenkt »der Tage, die vorüber sind«, der Tage, wo die Familie noch ihre Angehörigen halten und tragen konnte, wo jedem noch unter den Seinen weich gebettet war.

Und nach dem frühen Tode der Mutter fand auch der jüngere Sohn bei der alten Frau sein weiches, warmes Nest, während dem älteren ihre Briefe ins akademische Leben folgten, gewöhnlich kleine abgerissene Papierschnitzel mit wenigen Herzensworten voll Sorge und Liebe, an jedem Botentage einer. Guter Gott, was war das für eine »Orthographie«! Die deutsche Schule, die bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts pflichtlich und treulich lehrte, muß sich gegen das Ende desselben unbegreiflich verschlechtert haben. Man sieht dies an alten Handschriften aus dem Familienleben. Die alte Frau aber wußte für alles Rat, und mit der schlechten Feder, mit der sie von der Schule ausgestattet war, brachte sie einen Satz zustande, der »sich gewaschen hatte«. Nur mußte man ihn lesen können. Ihre Schrift glich nicht der Bilderschrift, die von verschiedenen Völkern in verschiedenen Sprachen gleichmäßig gelesen wird, sondern sie hatte sich eine Art von Gehörshieroglyphen zurechtgemacht, die fast noch schwerer zu entziffern waren. Wie sie nämlich ihre Gedanken nach der Eingebung des Herzens frisch und warm auf das Papier warf, so schrieb sie alle Wörter bloß dem Laute nach, und man mußte nicht nur mit ihrem Gedankengang, sondern auch mit ihrer Aussprache aufs genaueste vertraut sein, man mußte das Auge in Ruhestand versetzen und mit dem Ohre lesen, wenn man diese Geheimschrift, worin oft ganze Worte maskiert auftraten, enträtseln wollte. Kind, sagte sie eines Tages zu mir, – denn seit ich größer geworden war, nannte sie mich nicht mehr »Männlein«, sondern »Kind«, wogegen der Herr Studiosus, zwar kein Elegant, doch »Herr« genug war, das altfränkische »Frau Dote« nicht mehr über die Lippen bringen zu können, – Kind, jetzt gesteh mir nur aufrichtig, ob du dir nicht den Hals voll lachst über meine Briefe? – Aufrichtig zu gestehen, Tante, ich muß manchmal herzlich, lachen. – So, ist das auch recht, eine alte Frau auszulachen, die es so gut mit dir meint? – Liebste Tante, ich lache dich nicht aus, mein Lachen geht aus einer anderen Tonart. – Wie denn das? – Ich kann dir nicht deutlich sagen wie's zusammenhängt, aber wie man oft lachen muß, wenn ein Kind etwas recht Gescheites sagt, so geht's mir gerade mit deinen Briefen, wenn ich die wunderlichen Kratzfüße mit dem prächtigen Inhalt vergleiche; ich habe den herzlichsten Respekt davor, und muß doch lachen. – Nun, so will ich mir's gefallen lassen, aber nur nicht auslachen! das kann ich nicht leiden; und das bitt' ich mir auch aus, daß du sie deinen guten Freunden nicht zeigst, ich müßte mich ja schämen. – Sei ruhig, ich halte sie geheim wie Liebesbriefe.

Es war auch in der Tat eine vollkommene Liebschaft, die in fliegenden Zetteln und leidenschaftlichen Besuchen eifrig gepflegt wurde. Die letzteren konnten, da die Entfernung nur wenige Wegstunden betrug, zu Pferde leicht ausgeführt werden. Da wurden denn wieder einmal holprige Hexameter und hinkende Pentameter auf gejagten Musenrossen zurückgelegt, und es war gerade wieder wie damals: viel Geschwindigkeit aber wenig Hexerei. Ein demolierter Steinhaufen am »Burgholz« erzählte eine Zeitlang als Denkmal von einem solchen Reiterstücklein, das man perfekt mit Poteret hätte übersetzen können; jedoch ein »guter« Kopf zerbricht nicht so leicht, er schlägt eher noch ein paar Steine zusammen. Die Hufschläge jener lahmen Studentenpferde aber haben wahrlich manche lebendige Quelle aus dem Boden geschlagen, nicht auf der Straße, sondern im Witwenstüblein.

Ja, sie hatte es richtig vorausgesagt, die Welt war mir zu stark und zu klug geworden. Es gab Stunden, wo ich mit niemand mehr zu reden verstand als mit ihr. Sie wußte sich in ihr gutes Deutsch zu übersetzen, was ich zu ihr in schlechtem Latein redete, vielleicht eben weil die entferntesten Richtungen sich besser miteinander vertragen, als mit den mittleren, dazwischen liegenden. Ja, sie verzieh mir, daß ich ihre liebste Hoffnung nicht erfüllte und alle jene Träume, die sie sich während meiner Knabenzeit ausgemalt hatte, zunichte zu machen begann. Bleib du nur bei der Wahrheit, sagte sie, und denke, was du jetzt nicht begreifest, das wolle dir Gott für jetzt nicht auferlegen. Es ist besser, du folgst deiner Überzeugung, als du redest und handelst wider sie. Sei aber auch nicht trotzig, sondern halte dein Herz offen, daß dich die Wahrheit allezeit finden kann. – Erriet sie aber aus den Reden des »Schmerzenskindes« oder noch mehr aus der stummen Zurückhaltung seiner Briefe den Trotz und die Bitterkeit, die ein junges Herz in den Wirrnissen dieses Lebens ergreifen können, so antwortete sie mit einem Bibelspruch, in der Hoffnung, daß doch vielleicht etwas davon »hängen bleiben« könnte.

Dagegen war es ihr beschieden, auch einmal von einem meiner Propheten erbaut zu werden und mir hierdurch eine Überraschung zu bereiten, die mir oft durch Schriften sehr entgegengesetzter Art wieder ins Gedächtnis gerufen wird. An einem Ostertag, ich war eben in der »Vakanz« auf Besuch bei ihr und hatte einen Ausgang gemacht, fand ich sie beim Heimkommen an dem aufgeklappten Schranke, den sie mir zum »Studieren« eingeräumt hatte, über einem Band von Goethe. Ich war bei diesem Anblick ein wenig betroffen, denn die Bücher, die ich mitzubringen pflegte, hatten mit den ihrigen immer friedlich zusammen gehaust, indem wir beide den Grundsatz beobachteten, »jedem das Seine« zu lassen. Wie wurde mir aber, als die alte Frau mit sonnenheller Freundlichkeit zu mir aufsah und mir entgegenrief, sie sei in meiner Abwesenheit zufällig bei mir zu Gaste geraten und habe sich wahrhaft gelabt! Kind, fuhr sie fort, da sagen sie immer, der Goethe sei so ein arger Heide, ich glaub's aber nicht, denn das ist ja ein ganz gottesfürchtiger Mann. – Diese Worte sprach sie mit dem feierlichen Tone, den sie annehmen konnte, wenn von einem großen Kirchenlehrer die Rede war. Ich zuckte zusammen, nicht über ihre Worte, sondern über den Lärm, der mir in beiden Ohren gellte, denn ich sah mich im Geist umringt von meinen jungen »Brüdern im Herrn«, dicken und mageren, und hörte das »unauslöschliche« Gelächter, das sie bei diesem »Diktum« aufschlugen. Zum Lachen aber fand ich nicht den mindesten Grund, denn ich wußte recht gut, daß die alte Frau nichts las, ohne der Frage zu gedenken: »Verstehest du auch, was du liesest?« Sie gab mir das Buch und bezeichnete die Blätter. Es war eine von den seltenen Stellen, wo der Dichter, nicht durch die Blume eines »christlichen Parnasses«, sondern unverhüllt, von Gott und göttlicher Führung spricht. Man sieht's ihm bei jedem Wort an, setzte sie hinzu, daß er ein Mann ist, der nichts zum Schein sagt. Mach du nur ruhig fort und laß dich nicht anfechten. Der Mann wird dir gewiß keinen Schaden bringen.

Von da an klagten ihre Briefe immer stärker über den Husten, den »bösen Kerl«, und verrieten immer mehr das Zittern ihrer Hand. Der Sommer brütete eines jener Segensjahre aus, die meist mit Menschenopfern aus der Kindheit und dem hohen Alter erkauft werden müssen, und während sie mir von dem herrlichen Stande ihrer Reben schrieb, war sie selbst schon um die Zeit der Ernte für die Sense des Schnitters gereift. Ich hatte stets ein Pferd bereit stehen, saß beinahe täglich an ihrem Bett, und sah mit verzweifelnder Gewißheit, wie das teure Leben nach und nach erlosch. Sie aber war heiter, das Meer des Irdischen rauschte tief und unvernehmlich unter ihr, alle Sorgen um ihr Schmerzenskind, wie sie mich so oft genannt, hatte sie dem niederen Dunstkreise, dem sie sich schon zu entheben begann, zurückgelassen. Nur wenn sie mich ungebärdig sah, versprach sie mir, wieder gesund zu werden. So schieden wir an einem Augustabend unter tröstlichen Gesprächen, und noch einmal saß die Hoffnung mit mir zu Pferde, aber am anderen Morgen hinkte mir die Todesbotschaft nach.

In einsamen Dämmerstunden, wenn die Lieben, die dem späteren Leben zum Ersatze der Verlorenen geschenkt wurden, nicht zugegen sind, da tut es dem Herzen wohl, die freundliche Gesellschaft alter glücklicher Zeiten um sich zu versammeln. Vor dem träumenden Auge steigt es wie Nebel auf, die Wände, die Gerätschaften wandeln sich, und der Knabe sitzt wieder in dem Stüblein, wo er so heimisch war. Draußen pfeift der Sturm, Flocken rieseln an die Fenster, aber er hat den Tisch zum warmen Ofen gerückt und blättert in der alten Türkenkriegschronik, betrachtet den Kaiser Leopold mit den dicken Lippen, den jungen schönen Josef I. im Krönungszuge, wohnt den Belagerungen von Belgrad bei, folgt den Bomben und Granaten, deren Flug zu mehrerer Deutlichkeit durch Bogenstriche versinnlicht ist, und berechnet, wo sie niederfallen werden. Die alte Anna Marei ist strickend neben ihm eingenickt, der Star schläft in der Ecke, der Kanarienvogel spricht hie und da im Traume, die kleine Standuhr auf dem Schranke hat schon neun Uhr geschlagen, und der Pendel geht heute in langsamen schläfrigen Schwingungen, aber die alte Frau sitzt mit wackeren Augen da und läßt ihre Spindel munter auf dem Boden tanzen.

Frau Dote, sagte ich und klappte die Chronik zu, ich bin ganz müde vom Lesen, die Augen tun mir weh, jetzt erzähl' du mir noch eine Geschichte, bevor wir schlafen gehen.

Was soll ich denn erzählen?

Du weißt ja wohl, aus der alten Zeit, wo wir noch unsere eigene Regierung hatten.

Ei, was weißt du von eigener Regierung, kleiner Kannengießer, sei du zufrieden, daß es so geworden ist! Du hättest deine Rechnung schlecht gefunden bei der alten Wirtschaft; damals gab man nicht viel um die Studierten.

Aber die Geschichten von damals gefallen mir eben besser als die jetzigen. Geh, Frau Dote, es ist dir selber nicht Ernst mit dem, was du sagst!

Von was soll ich denn aber erzählen? erwiderte sie ausweichend: ich habe dir ja schon längst alles gesagt, was ich weiß.

Besinne dich doch, du weißt immer wieder was Neues.

Nun ja, da fällt mir eben etwas ein, sagte sie lächelnd. Soll ich dir vom Urban und der Margarete erzählen, auf welche wunderbare Art es zugegangen ist, daß sie ein Paar wurden?

O ja, bitte, bitte! Wer war denn die Margarete?

Margarete war eines Ratsherrn Tochter von hier und wurde seit ihrem vierzehnten Jahre bei Verwandten auswärts erzogen. So lieb sie aber auch diese hatte, so gefiel es ihr doch nicht ganz in deren Hause, denn die Stadt, in der sie lebten, war zwar ebenfalls eine Reichsstadt, wurde aber von Adeligen regiert, die überall das große Wort führten und ihre Mitbürger über die Achsel ansahen; dann war sie auch zum größten Teil katholisch, und die wenigen Protestanten, die darin wohnten, glaubten sich nicht bloß im stillen von den Lebenden angefeindet, sondern sogar von den Geistern der Verstorbenen beunruhigt. Als es nun Margareten einige Male nachts widerfahren war, daß sie, wie es ihr vorkam, durch eine kalte Hand, die ihr übers Gesicht hinstrich, aufgeweckt wurde, auch die Mägde im Hause behaupteten, ein toter Mönch, namens Bonifaz, spuke auf den Gängen und in den Kammern, und reiße ihnen oft die Bettdecken weg, so schrieb sie einst einen kläglichen Brief in die Heimat, welcher zur Folge hatte, daß ihr Vater alsbald hinaufkam, um sie abzuholen. Die Art, wie sie ihre Reise bewerkstelligten, war nun freilich nicht so bequem, wie man es jetzigerzeit den jungen Frauenzimmern macht; denn der Vater nahm das Töchterlein zu sich aufs Pferd, und so ritten sie wie die Haimonskinder miteinander zum Tor hinaus; aber Margarete war froh, endlich wieder in die Heimat, und von den leichtfertigen Agnesen und Waldburgelein zu den sittsamen Even und Esthern ihrer Vaterstadt zu kommen.

Ihr Weg führte sie durch einen tiefen Wald, wo sie auf einem ebenen Fußpfade fortritten. Der Vater ließ das Pferd sachte gehen, die Tochter aber wünschte weit davon zu sein, denn es wurde Abend, und ihre Angst vermehrte sich, als finstere Wetterwolken am Himmel aufzogen und den Reisenden vollends den kleinen Rest von Tageslicht wegnahmen. Das Pferd ging seinen unbarmherzigen Schneckenschritt fort, Margarete aber in ihrer Not ersann sich ein Mittel, die Reise zu beschleunigen; sie öffnete leise ihr krummes Taschenmesser, und indem sie sich fest an dem Vater hielt, beugte sie sich hinunter, eine Gerte im Gebüsch abzuschneiden; dies getan, räusperte sie sich heftig und versetzte zugleich dem Pferd einen Streich in die Seite, worauf es ungesäumt einen ziemlichen Trab anschlug. Hoho, pressiert's so, Brauner? rief der Vater, indem er die Zügel anzog: mach dir's nur bequem, wir haben einen weiten Weg, kommen heut doch nicht mehr heim. – Das Schelmengesicht hielt sich mäuschenstill, zündete aber nach einer Weile abermals mit der Gerte hinunter. Was Henkers hat denn der Gaul im Kopf? rief der Vater und blickte allenthalben umher. Als aber das Roß zum drittenmal sich in Trab setzte, hatte er eben noch das Geräusch, das die Gerte machte, vernommen, sah sich schnell um und ertappte die Kleine auf frischer Tat. So, du bist das Gespenst, das meinen armen Braunen so im Atem erhält? rief er: kein Wunder, daß du dich so fest um meine Hüften klammerst! Willst du gleich die Gerte fallen lassen, oder soll ich dich hier mitten im Wald absetzen? – Sei nur ruhig, fügte er hinzu, es geht nicht mehr lang' so fort, drüben hinter dem Walde kehren wir ein; es dauert keine Stunde mehr, und ich mag das Pferd nicht unnötig ermüden.

Margarete ergab sich geduldig in ihr Schicksal und verstattete sich nur von Zeit zu Zeit einen leisen Stoßseufzer, auf einmal aber rief sie: Jesus, Maria! denn die Büsche knisterten laut, aus einem Seitenwege brach ein Reiter hervor, von einem dunklen Mantel umflogen, und hielt dicht vor ihnen an. Gelobt sei Jesus Christ! sprach er mit gedämpfter Stimme. Margarete aber antwortete so schnell, als ob Leben und Tod daran hinge: In Ewigkeit!

Was, zum Kuckuck! rief der Vater, was sollen die Fratzen? ist Er's, Urban?

I freilich, Herr Senator! Seid Ihr's? ich glaubte, ich käme zu ganz anderen Leuten.

Wo geht denn der Weg her? In Geschäften?

Ja, da hinten vom See.

Nun, Er kann sich zu uns halten, wenn Er will; für heut wird Er ohnehin genug haben. Aber sag Er mir nur, mit was für Geschichten kommt Er mir da angezogen? Hat Er sich etwa am See umtaufen lassen?

Wenn man so allein in der Nacht ist und viel Geld bei sich hat, entgegnete jener zögernd, so tut man wohl, gegen jeden, der einem begegnet, höflich zu sein, und da ich auf diese Art mit der Parole angerufen wurde, so hielt ich's für das Geratenste –

Mit den Wölfen zu heulen? fiel der Alte ein.

Ja, geehrter Herr Senator! antwortete der junge Mann getrost.

Nun, da siehst du, für was man dich hält! rief der Vater zu seiner Tochter herum, die sich hinter ihm versteckte. – Ihr Gruß gibt's, fuhr er gegen Urban fort, daß sie eine halbe Kreszenz geworden ist, das wird ihr aber bald wieder vergehen. – Hui! jetzt wollen wir die Gäule austraben lassen, rief er, als ein heftiger Donnerschlag fiel. Wir sind auf der breiten Straße. Gretle, halt dich fest an mich, vorwärts!

Kaum hatten sie das Wirtshaus erreicht, so schlug der Regen prasselnd auf die Dächer, das Gewitter aber war mit ein paar Schlägen vorbei. Margarete muhte heimlich lachen, als sie den Mantel des Fremden, der ihr so schauderlich vorgekommen war, für einen gewöhnlichen grauen Reitermantel erkannte, aus welchem sich ein hübscher, schlanker Mensch, mit Backen wie Äpfel, herauswickelte. Er setzte sich auf ihres Vaters Einladung zu ihnen an den Tisch. Der Herr Senator, der ein großer Liebhaber von Schnecken war und wußte, daß dieselben von der Wirtin dieses Hauses vorzüglich gebraten wurden, hieß sie sogleich seine Leibspeise zubereiten. Bald kamen auch die Schnecken dampfend auf den Tisch, und er machte sich mit großem Eifer drüber her, Margarete aber, der er davon anbot, wies ihn mit einem Schrei des Abscheus zurück. Auch Urban schien keinen Geschmack an dem häßlichen Gewürme zu finden, und bestellte sich Strauben, eine sehr wohlschmeckende Art von Pfannenkuchen. Zu diesem Gerichte leitete ihn wahrscheinlich der Gedanke, daß damit zugleich für seine Reisegefährtin gesorgt sein könnte; als aber die Strauben aufgetragen wurden, hatte er nicht den Mut, ihr davon anzubieten. Nun durfte die arme Margret mit langem Magen zusehen, wie ihr Vater in die Schnecken und Urban in die Strauben einhieb. Der letztere aß zwar zögernd und warf bei jedem Bissen einen verlegenen Blick auf das Mädchen, er hätte ihr gar zu gern davon gegönnt, Margretlein aber meinte, er sehe sie aus Schadenfreude so an, er tue sich etwas auf seinen vollen Beutel und, weiß der Himmel, auf was mehr zugute, und faßte innerlich einen unbeschreiblichen Ärger gegen den schönen jungen Menschen.

Gretle, sagte endlich der Vater, der das Ding eine Weile so im stillen mit angesehen hatte, du wirst doch auch etwas essen wollen? Wenn du Strauben willst, du darfst's nur sagen.

Urban nahm sich zusammen und stotterte: Warum ißt denn die Jungfer nicht von diesen?

Sie sind nicht mein, erwiderte Margarete trocken.

Mir liegen sie nicht am Herzen, versicherte er, und wenn sie aus sind, so kann man ja noch mehr machen. Ich habe gemeint, sie seien »ins Genere« gebracht, fügte er hinzu, indem er die Platte von sich weg und etwas gegen Margareten hinschob.

O, es scheint, der Herr könne wohl allein damit fertig werden, versetzte sie ein wenig anzüglich.

Nun, sei nicht so dumm, sagte ihr Vater, indem er ihr die Platte bot. Wenn der Vetter nichts dagegen hat, so iß mit ihm.

Es bedurfte noch einiger Zureden, in die endlich Urban herzhaft einstimmte, und als Margarete den ersten Bissen verschmeckt hatte, konnte sie vor lauter Gelust nicht länger trutzen. Am anderen Morgen bei der Abreise bezahlte der Herr Senator, so sehr sich Urban dagegen wehren mochte, die ganze Zeche.

Nun hatte Margarete, wie sich nicht wohl leugnen läßt, an dem unerwarteten Reisegenossen wenig auszusetzen gefunden; nur trug sie ihm seine vermeintliche Ungefälligkeit schwer nach, und so sehr auch Urban sich bemühen mochte, ihr eine andere Meinung von sich beizubringen, so schlug sie doch alles in den Wind, und tat bei jeder Gelegenheit, als ob sie sich kein Sterbensbröselein aus ihm machte. An solchen Gelegenheiten fehlte es nicht, denn die damalige Jugend war so tanzlustig wie die heutige, obgleich sie noch nichts von Bällen und dergleichen wußte. Man tanzte nirgends als auf den Zunftstuben. Zwei Geigen und ein Baß machten gewöhnlich die ganze Musik aus, und wenn der Ländler anhub, so wandelten die jungen Tänzer ehrbarlich nach der Seite, wo die Mädchen beieinanderstanden, und sagten jeder zu seiner Erwählten: Jungfer, will Sie so gut sein und ein Tänzlein mit mir machen? Margareten wurde diese Ehre oft zu teil, denn sie galt ohne Widerrede für die beste Tänzerin in der ganzen Stadt, und ob sie gleich kein seidenes Kleid mit Puffärmeln trug, wie sie jetzt in der Mode sind, so behaupteten doch alle junge Leute, ihr schwarzes mit silbernen Ketten und Haken geheftetes Mieder und das Florhäublein auf den glattgescheitelten Haaren stehe gar nicht übel zu ihrem Gesicht.

Wie gesagt, es war wenig Mangel an Tanzgelegenheiten: Zunftfeste und Hochzeiten gaben eine Menge Feiertage ins Jahr, an welchen, da alles untereinander vervettert und verbaset war, die ganze Stadt Anteil nahm. Hier trafen fast jedesmal die beiden jungen Reisegefährten wieder zusammen. Urban, von seiner Mutter, der er die Not mit den Strauben gebeichtet hatte, tüchtig ausgescholten, suchte seinen Unschick durch das ausgesuchteste Betragen wieder gut zu machen, aber es war vergebens; denn Margarete hielt ihn lange Zeit für eigennützig, was er doch aus bloßer Schüchternheit gewesen war, und als sie zu ihrem heimlichen Vergnügen endlich einsah, wie gut er gegen sie gesinnt sei, so wurde sie zwar in ihrem Herzen anders, aber äußerlich ließ sie ihn gar nichts davon merken. Es ging ihr eben, wie es jungen Mädchen oft widerfährt: sie hatte sich in ihren eigenen Trotzkopf verliebt, und so sehr sie sich ihres Unrechts bewußt war, so konnte sie es nicht lassen, den braven schüchternen Menschen zu plagen. Da er keiner von den geschicktesten Tänzern und auch sonst, wie er bei den Strauben bewiesen hatte, kein großer Springinsfeld war, so kostete es einem mutwilligen Mädchen wenig Mühe, ihm ein Herzeleid ums andere anzutun.

Das tat sie auch redlich, nur hatte sie selbst den größten Schaden und Schrecken davon. Urban blieb nämlich auf einmal weg, nicht aus Trutz, denn er war die gute Stunde selber, sondern aus Betrübnis, weil er meinte, sie könne ihn nicht leiden, und alle Mühe, die er sich gebe, führe zu nichts, als sie nur noch mehr gegen ihn aufzubringen. Jetzt kehrte sich das Spiel um, und Margretlein merkte, daß ihr der Mutwille verging. Sie hätte gern alles getan, um dem Urban zu zeigen, daß es nicht so bös gemeint gewesen sei, und sie tat auch, was sie mit Ehren tun konnte; aber nun mußte sie erfahren, was vergebens heißt. Dazu bot sich auch, wie es fast immer bei Mißverständnissen geht, keine rechte Gelegenheit zum Zusammenkommen: er blieb von den gewöhnlichen Tanzbelustigungen weg, eine Hochzeit, bei der sich beide hätten treffen müssen, wurde wegen eines Trauerfalls hinausgeschoben, und sie konnte ihm doch nicht, wie man's im gemeinen Leben heißt, »mit dem Holzschlegel winken«. Kurz, sie glaubte, er habe jeden Gedanken an sie aufgegeben und wußte nicht mehr, was sie vor Leid und Reue anfangen sollte.

In diesem Kummer war sie eines Morgens aus dem Bett gestiegen und hatte noch Tränen in den Augen, als auf einmal unvermutet eine Zigeunerin vor ihr stand. So sehr sie erschrak, so war ihr dieselbe doch nichts weniger als unbekannt, denn die braune Hexe hatte sich, obwohl gegen Gesetz und Herkommen, schon seit mehreren Wochen in der Stadt unangefochten aufhalten dürfen, weil sie der regierenden Bürgermeisterin einen mächtigen Kropf, zwar nicht ganz vertrieben, doch wenigstens einigermaßen zum Weichen gebracht hatte. Sie trieb sich bettelnd und wahrsagend in den Häusern umher, und es ging das Gerücht, daß sie Zauberkünste verstehe.

Mit ihrem Besuche war es aber so bewandt. Urban hatte sich, von einigen Freunden zum Glauben an die Hexe überredet, nach langem Zaudern und vielem Herzklopfen ihr anvertraut und die besten Versprechungen von ihr erhalten, obgleich sie nicht von weitem wußte, wie es bei Margareten aussah. Diese aber machte der Alten das Geschäft leichter, als sie gedacht hatte, denn kaum hatte dieselbe ihr erstes Wort über die Lippen gebracht und ihre guten Dienste für Herbeischaffung von verlorenen Dingen aller Art angeboten, so fragte Margretlein, die eine ganz besondere Schickung in diesem Zusammentreffen zu sehen meinte, ob sie imstande wäre, ein entfremdetes Gemüt jemandem wieder zuzuwenden. Die Alte versetzte, allerdings vermöge sie das, doch sei hiezu der Name und Vorname des Ungetreuen notwendig, und als Margarete über diese unerwartete Auslegung ihrer Worte erschrak, wußte sie ihr so klug und so gleichsam allwissend zuzusetzen, daß ihr zuletzt, wie sie wenigstens meinte, nichts übrig blieb, als ihre Scheu abzulegen und unverblümt zu gestehen, daß sie wissen möchte, ob der beste Freund, den sie je gehabt, nämlich der Urban, sein Herz gänzlich von ihr abgewendet habe.

Die Zigeunerin war hierüber im stillen so vergnügt, als ob sie zwei »Tischlein deck dich« gefunden hätte, und trachtete nur noch, wie sie den Handel in die Länge ziehen könnte, um so viel als möglich dabei zu gewinnen. Aber auch hierin kam ihr Margarete wie gerufen entgegen; denn da sie schon seit geraumer Zeit nirgends mit Urban zusammen gewesen war, so fragte sie endlich die Alte, aber ganz leis und erschrocken, ob sie nicht vielleicht einen Kristall besitze, in welchem sie ihr das verscheuchte Hühnlein und seine verborgenen Gesinnungen zeigen könnte. Diese sagte mit großer Bereitwilligkeit zu, ja noch mehr, sie verhieß den Flüchtling in Lebensgröße an ihr vorübergehen zu lassen, als erstes Zeichen, wieviel sie über das Reich der Geister vermöge. Damit verließ sie das Mädchen, das wie behext war, und suchte den guten Urban auf, dem sie das Gleiche vorzuspiegeln wußte; denn die freche Hexe gedachte beide gegenseitig als Zauberbilder zu gebrauchen und dieses Blendwerk solang' fortzutreiben, als bei einem von beiden ein Groschen zu finden sei. Nachdem sie sie genugsam durch Erwartung gespannt und durch unsinnige Gaukelreden eingetan hatte, lud sie beide auf einen Abend unter geheimnisvollen Bedingungen zu sich, indem sie jedes das andere sehen zu lassen versprach.

Margarete trat ihren Gang mit Furcht und Zagen an, just um die Zeit, wo man zu Verwandten oder Bekannten in die Lichtstube geht, und schlich in der Dunkelheit, mit der kleinen Handlaterne hie und da unter der Schürze hervorleuchtend, der Stadtmauer zu, wo in einem niederen, an diese angebauten Häuschen die Zigeunerin ihre Wohnung aufgeschlagen hatte. Zitternd tappte sie hinauf und wollte beim Anblick des vom Rauch geschwärzten, mit Eulen und Kröten verzierten Kämmerleins wieder zurückfliehen, aber die Alte ergriff sie beim Arm, redete ihr freundlich zu und nötigte sie in ein Versteck, um, wie sie vorgab, ihr den Anblick der Geister, deren Beistand sie zu dem Zauberstück anrufen müsse, zu ersparen. Dann unterwies sie das angstvolle Mädchen und gebot ihr, sich nicht eher herauszuwagen, als bis sie den Ruf: »Hervor! erscheine!« von einem Schlag ihres Zauberstabes an die Wand begleitet, vernehmen würde; dicht an der Seite, wo sie hervorkommen mußte, zeigte sie ihr einen Kreis; in diesen sollte sie dann sogleich treten und sich durch nichts bewegen lassen, auch nur einen Fuß herauszusetzen, weil sonst die Geister ihr auf der Stelle den Hals umdrehen würden. Margarete, von dieser Eröffnung nicht sehr erbaut, begab sich in den angewiesenen Winkel, schaute dort, vor Angst halb tot, durch eine Mauerluke in den Zwinger hinaus, wo sie unheimliche Gestalten umherwanken zu sehen glaubte und weinte bitterlich. Auf einmal hörte sie die Haustüre gehen, schwere Tritte die Stiege strauchelnd heraufkommen, sie meinte zu vergehen und drückte sich an die kalten Steine. Da vernahm sie drinnen ein eifriges Geflüster, und auf einmal ertönte der Ruf der Zigeunerin. Bebend trat sie hinein und suchte so geschwind sie konnte in ihren Kreis zu gelangen; als sie aber die Augen aufschlug, siehe! da stand Urban in der entgegengesetzten Ecke, ebenfalls von einem Kreis umschlossen, leibhaftig vor ihr; zwischen beiden aber hielt sich die Alte, sie trug einen Mantel von wunderlich zusammengeflickten Lappen und schwang ihren Zauberstab, gleichwie dräuend, nach beiden Seiten hin.

Das war aber eine Verwunderung bei den beiden Leutlein, wie sie einander so in Lebensgröße vor sich sahen! Es war nur ewig schade, daß nicht die ganze Verwandtschaft zusehen konnte, denn kein Mensch hatte etwas dawider, im Gegenteil, es war schon lang' allerseits ein stiller Wunsch gewesen, daß die beiden einander einmal heiraten möchten. Sie waren jetzt wie ausgetauscht. Margretlein guckte zuerst nur ganz verstohlen und ängstlich hin, Urban aber schaute gar nicht schüchtern her, sondern machte ein paar Augen, die gerade aussahen, als ob sie vor ihm voraus aus dem Kreise springen wollten, und in den Augen war nichts von Trutz oder Unwillen zu lesen. Wie sie aber sah, daß er so freundlich war, so konnte sie sich nicht enthalten, ihn ebenso liebreich anzublicken, denn sie glaubte ja, es sei nur sein Bild, und vor dem brauche sie keine Scheu zu tragen. Der Urban aber war vor ihrem Bilde noch weniger verzagt, und darum geschah jetzt, was die Alte mit ihren schweren Warnungen und Drohungen verhüten zu können geglaubt hatte. Mit einem Sprung war er aus seinem Kreise und bei Margareten, die er fest in die Arme schloß. Die Hexe wollte mit dem Stab dazwischenfahren, Margarete schrie in Todesnot: Heiliger Gott, die Geister erwürgen mich! aber im selben Augenblicke fühlte sie, daß es kein Geist sei, der sie in den Armen hielt, und war noch mehr erstaunt als zuvor. Ihm widerfuhr dasselbe, als das Schattenbild, an das er sein Leben zu wagen glaubte, nicht unter dem Drucke seiner Arme zerfloß. So standen sie, hielten sich an den Händen und blickten einander sprachlos ins Gesicht.

Auf einmal aber ging dem betrogenen Geisterbanner mitten in seinem Glück ein Licht auf wie eine Fackel: pfeilschnell fuhr er auf die Zauberin, die eben zur Türe hinauswischen wollte, los, faßte sie am Haubenband unter dem Kinn, daß sie nicht mehr entkommen konnte, und rief: Gesteh, verruchte Hexe! du hast uns angeführt. – Ich glaube, Ihr solltet noch besser mit mir zufrieden sein, wenn's so ist, sagte sie trotzig. Ihr habt nichts dabei verloren, wenn das Jungferlein hier mehr als ein Scheinbild ist. – Aber das Possenspiel, das sie mit ihm getrieben hatte, empörte den Stolz des jungen Mannes, und er wurde vollends ganz wild, als Margarete, die ihm an dem unheimlichen Orte nicht mehr von der Seite ging, gestand, daß sie auf dieselbe Weise getäuscht worden sei. Hättest du uns nicht auch ohne das nützlich sein und dir deinen Lohn verdienen können? fuhr er die Alte an: aber sei nur so gut und komm mit, du wirst niemand mehr zum Narren haben! – Die Alte unter Schloß und Riegel zu bringen, war eine Kleinigkeit; denn da sie in der Stadt ohnehin verbotene Ware, dazu auch etlicher Diebereien bezichtigt war, so kostete es Urban nur zwei Worte bei seinem Vetter, dem Bürgermeister, oder vielmehr bei seiner Base, der Bürgermeisterin, und die Heilung des Kropfes war ins Meer der Vergessenheit versenkt, die braune Alte aber ins Torgefängnis gelegt.

Wenn du es nun jedoch unbillig finden solltest, daß man eine Heiratsstifterin für das Glück, das sie gebracht hat, mit solcher Münze bezahlt, so kannst du dich alsbald über das Schicksal der Hexe trösten.

An Urbans und Margaretens Hochzeittage, der nun sogleich angeordnet wurde, da die Eltern die Sache längst unter sich ins reine gebracht und nur auf die Biegsamkeit der beiden Trutzköpfe gewartet hatten, – an diesem Tage also ging es hoch her, und Martin, der Stadtknecht, hatte des Guten so viel bekommen, daß er der Gefangenen ihr Essen nicht auf dem geraden Wege, sondern in der schrägen Schlachtordnung, von der du mir aus deinen griechischen Büchern schon so viel vorgesagt hast, nach ihrem Käfig trug. Die Hexe winselte und krümmte sich auf ihrem Lager, als er eintrat; denn sie hatte ihn schon durch das Schiebfensterlein ausgekundschaftet, wie er den Gang heraufgewackelt kam, und tat nun, wie wenn sie am Sterben wäre. Das Essen wies sie von sich und bat aufs beweglichste, er möchte nur, damit sie ruhig sterben könne, die Spinnwebe dort an der Decke über dem Fenster wegkehren; denn die Spinnen seien ihr Tod, und daß sie in der eingesperrten Luft, die sie ohnehin nicht vertragen könne, auch noch die grauslichen Weberinnen bei sich haben müsse, das habe sie vollends in diesen Zustand gebracht, den sie nicht überleben werde. Der gute Martin, heut sehr menschenfreundlich aufgelegt, holte auf dem Gange einen Besen, und schickte sich an, die Spinne auszutreiben. Legt vorher Eueren schweren Schlüsselbund auf den Tisch, sagte die Sterbende: er würde Euch ja an der Arbeit hindern. Martin befolgte den guten Rat, stellte den einzigen Stuhl, der im Gefängnis war, vor das ziemlich hohe Gesimse, stieg mit großer Mühe und unter vielen vergeblichen Anstrengungen hinauf, hielt sich am Fenstergitter und stieß nun mit dem Besen ungeschickt nach dem oben in die Ecke gebauten Spinnennest. Diese Beschäftigung wurde ihm nach und nach zu einem Zeitvertreib, er brummte, wenn er daneben stieß, lachte bei jedem besser geführten Stoße hell auf, und als endlich die Spinnwebe zerstört und die unschuldige Bewohnerin des Nestes an der Wand zerdrückt war, dachte er vergnüglich auf seinen Rückzug. Er ließ den einen Fuß hinab, fand aber keinen Boden, und wie er sich nach dem Stuhl umsah, der ihn in diese Höhe befördert hatte, so erblickte er ihn nach langem Suchen mitten im Gemach. Nun fing er an, Verdacht zu schöpfen, und warf die Augen auf das Lager, das er leer, sowie die Türe geschlossen fand. Ei, du vermaledeite Hexe! rief er und wagte den nicht ungefährlichen Sprung auf den Boden, auf welchen er auch gleich der Länge nach niederfiel. Nun machte er verwickelte Anstalten, sich wieder zu erheben, als aber dieses nicht gelang, beruhigte er sich mit einem doppelten Troste: Verfallen hab' ich mir nichts im Leibe, sagte er zu sich, denn ich fühle keine Schmerzen. Und was das Hinauskommen betrifft, so ist ja doch die Türe geschlossen und jeder Versuch vergebens. Unter diesen Gedanken schloß er die Augen und verschlief die Beulen und blauen Maler vom Fall, den Zorn über die Hexe, die Unbild der Gefangenschaft und die Schrecknisse der Nacht.

Als man am anderen Morgen auf allen Toren nach ihm suchte, fand man ihn endlich hier und konnte ihn kaum aus seinem Zauberschlaf erwecken. Er erzählte eine schreckliche Geschichte, wie die Hexe, kaum als er zu ihr eingetreten, sich in eine ungeheuere Kreuzspinne verwandelt, einen Faden in die Höhe geschossen habe und daran an die Decke hinaufgeklettert sei; er, in seinem Berufseifer, habe sie mit dem Kehrbesen bis dorthin verfolgt, sie habe ihn aber mit ihrem Netz umsponnen und so mächtig an seinem Hirn gesogen, daß er darüber das Bewußtsein verloren habe: er habe sie nur noch mit feurigen Drachen zum Schlüsselloch hinausfahren sehen, und seitdem habe er nichts mehr von sich gewußt; die Spinnwebe, in der er gelegen, müsse später nachgegeben haben, so daß er nachts heruntergestürzt und in seiner Ohnmacht liegengeblieben sei. – Die halbe Stadt erzählte ihm dieses Hexenstücklein noch lange Jahre nach, doch ergötzten sich manche im stillen an dem eigentlichen Hergang, den man leicht aus seinen Reden zusammensetzen konnte. Die Hexe hat sich nie wieder im Weichbilde der Stadt betreten lassen; als aber der Mauergraben geraume Zeit nachher vollends ganz ausgetrocknet und ringsum, wie es zuerst nur aus einer Seite war, in Weihergärten verwandelt wurde, so fand man den alten Schlüsselbund, der damals samt der Arrestantin verloren gegangen war. Martin aber führte von jenem Tage an in der Stadt den Spottnamen des Hexenbanners.

Frau Dote, sagte ich, als sie geendet hatte, komm her, ich will dir was ins Ohr sagen. Die Margarete ist niemand anderes als du.

Närr'scher Kerl, versetzte sie, meinst denn du, ich würde dir so etwas von mir erzählt haben?

Ich glaub's auch nicht ganz, erwiderte ich. Ich weiß ja, wie schnell du ein Märchen zusammenbringst, wenn man eins von dir haben will. Und ich hab' auch gemerkt, was du diesmal im Schild geführt hast. Du hast an meine Träume gedacht, in denen mir schon seit der ersten Kindheit immer die fürchterliche alte Zigeunerin vorkam, lang' eh' ich eine solche in der Wirklichkeit gesehen hatte; und um diese Träume mit anderen Bildern zu verweben, hast du mir jetzt von einer Zigeunerin eine lustige Geschichte erzählt.

So? sagte sie, und sonst hätt' ich nichts im Schild geführt? Meinst du, es wäre nicht vielleicht auch der Mühe wert, dir die dummen Phantastereien in deinen Leihbibliothekenbüchern durch natürlichere Geschichten zu verleiden? Untersagen kann man euch die dummen Schwarten nicht, das würde doch nichts helfen; drum ist's immer noch besser, ihr leset sie wenigstens unter unsern Augen. Aber siehst du denn nicht ein, wie überhirnisch das Zeug ist? Da wird alles Mögliche und Unmögliche an den Haaren herbeigezogen, damit so ein läppisches Paar endlich zusammenkommen soll; und doch ist's immer das alte Lied. Kriegen sie einander, so ist's recht, wenn sie nämlich für einander taugen, und kriegen sie einander nicht, so müssen sie auch zufrieden sein. Das ist das einzige Vernünftige dabei, nur steht das nicht im Buch, sondern immer erst auf dem weißen Blatt hinter der letzten Seite. Freilich, wenn sie vor Jammer sterben, so lautet's anders; aber ich kann dich versichern, daß das alles nicht wahr ist. Im Leben geht's anders her als in deinen Leihbibliothekenbüchern. Darum bist du auf dem Holzweg, wenn du glaubst, ich sei die Margrete, von der ich dir erzählt habe. Ich habe keinen Zauberspiegel zu meinen beiden Heiraten gebraucht, sondern bin meinem Vater gehorsam gewesen, der mich zwar zu nichts gezwungen, aber doch seinen Wunsch und Willen geäußert hat. Hätten die beiden das gleiche getan, ohne sich vorher unnötige Grillen in den Kopf zu setzen, so hätten sie sich nicht von einer alten Hexe an der Nase herumführen zu lassen gebraucht. Siehst du, das ist die Moral von der Fabel, die ich dir erzählt habe. Ist alles gut und recht, sagte ich hartnäckig, aber an der Fabel muß doch etwas sein, du magst auch noch so viel dazugetan haben. Ich kann dir's beweisen. Einmal ist Margarete dein Name. Dann hat dein erster Mann Urban geheißen, und wenn er seinem Büblein glich, deinem früh verstorbenen Johannes, dessen Bild da oben hängt und von dem du so gern erzählst, so muß er dir gewiß recht von Herzen lieb gewesen sein. Ferner weiß ich aus deinem eigenen Mund, wo du vom vierzehnten bis ins achtzehnte Jahr erzogen worden bist. Und endlich hast du mir auch einmal vertraut, daß du die beste Tänzerin deiner Zeit gewesen seiest. Gelt, ich hab' was erraten? rief ich, indem ich ihr Rübchen schabte.

Ihr Finger drohte, ihr Auge lachte. Komm her, Männlein, sagte sie, ich will dir auch was ins Ohr sagen. Wenn du in der Schule immer so aufpassen tätest, wie bei einer nichtsnutzigen Geschichte, so säßest du dort allezeit näher am Fenster denn am Ofen. Gelt, ich hab' auch was gewußt? He, was ist das für ein Gesicht? Regt sich dir auch schon das »bortierte Hütlein« auf dem kleinen Strobelkopf? Lern' du ein andermal besser, und mach' daß du wieder hinaufkommst, das wird gescheiter sein. Und laß dich's aber auch nicht so arg anfechten. Jedes Leiden hat zuletzt ein End', das ist eine alte Historie.

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