Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Kurz >

Gesammelte kleinere Erzählungen, 3. Teil

Hermann Kurz: Gesammelte kleinere Erzählungen, 3. Teil - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Kurz
titleGesammelte kleinere Erzählungen, 3. Teil
publisherMax Hesse's Verlag
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071025
projectidf0d1560e
Schließen

Navigation:

Wie der Großvater die Großmutter nahm.

Ich war schon dreißig – erzählte mir einmal der Großvater, ohne damit auf das Mantellied anzuspielen, denn das gab es damals noch nicht – ich war stark dreißig, und wiewohl ich unter meinen bereits verheirateten Geschwistern der Stammhalter war, so hatte ich doch immer noch keine Frau. Dies kam von meiner großen Schüchternheit her: ich hatte nicht das Herz, einem Mädchen keck in die Augen zu sehen, und fand auch wenig Gelegenheit dazu, weil ich nicht tanzen konnte und deshalb niemals auf den Tanzplatz kam.

Mein Vater war sehr ungehalten hierüber und sagte oft zu meiner Mutter: »Es ist eine Schande, alle seine Brüder und Schwestern sind untergebracht, und er, der Älteste, läuft mir noch ledig in der Welt herum! Man muß ja bei Gott glauben, die Mädchen halten ihn für einen Dummkopf, oder wir können ihm nichts mehr mitgeben!« – Aber die Mutter pflegte ihn zu beschwichtigen und sagte: »Laß ihm doch seine Art, Vater; es kommt nichts Gutes dabei heraus, wenn man einen Menschen zu etwas zwingt, und der liebe Gott wird gewiß auch noch für ihn sorgen.«

Das tat er auch. Eines Sonntags ging ich am Zwinger spazieren, allein, nach meiner Gewohnheit, denn mit meinen ehemaligen Genossen konnte ich wenig Umgang mehr haben, weil sie sich zu ihren Weibern hielten, und die jüngeren paßten auch nicht für mich. Da ging ich so still meines Wegs und freute mich am Sonnenschein, als mir auf einmal ein Papagei in die Augen fiel, der in einem der Zwingergärten im Salate saß. Ich kannte ihn wohl, er gehörte der Tochter des Stadtphysikus, des Herrn Doktor Rieber.

Dieser Herr Doktor Rieber war ein sehr geschickter Arzt, übrigens aber ein sonderbarer Mann, was man schon daran sehen konnte, daß er preußisch sprach. Er war nämlich im Siebenjährigen Kriege gewesen und ahmte in seinen Manieren, besonders aber in seinem Hauskommando, den großen Fritz nach, auf den er jedoch sonst übel zu sprechen war. In der Schlacht bei Jorndorf hatte ihn nämlich eine Kanonenkugel, die von der Seite hergeflogen kam, gestreift und auf eine Weise verwundet, daß ihm das Sitzen und Gehen für geraume Zeit, das Reiten auf immer unmöglich wurde. Der Feldscherer ersetzte den Verlust durch ein Stück Kalbfleisch, aber von Kriegsdiensten konnte natürlich keine Rede mehr sein, und der gute Rieber wurde mit einer geringen Gratifikation entlassen. »Ich habe mein Geld nicht für Ausländer,« sagte der König, der damals nicht in der besten Laune war: »warum ist er der Kugel nicht aus dem Wege gegangen?« Daher behielt der Herr Doktor Rieber sein Leben lang einen Grimm gegen den großen König, und wenn die Rede auf ihn kam, so rief er unwillig aus: »Ein großer Tyrann war er und hat mir ungerecht meinen wohlverdienten Lohn entzogen, weil mir nicht gleich ein so guter Witz einfiel, wie jenem Soldaten, der ihm auf die Frage: »In welcher Kneipe bist du so zerkratzt worden?« zur Antwort gab: »Bei Kolin, wo Eu. Majestät die Zeche bezahlt haben.««

Freilich konnte der König diese Frage nicht an ihn richten, denn die Wunde war ja nicht im Gesicht. Aber dessen ungeachtet galt er weit und breit für einen Arzt, der wenig Patienten sterben lasse. Wer ihn kannte, der hatte ein unbedingtes Vertrauen zu ihm, aber die Apotheker waren ihm nicht grün, denn er wendete wo möglich bloße Naturmittel an und pflegte zu sagen, wenn die Leute durch eine unvernünftige Lebensweise ihren inneren Menschen verschmiert und versudelt haben, so glauben sie ihn mit Mixturen abzuwaschen, aber dadurch werde er meist nur noch schmutziger. Unter anderen Eigenschaften hatte er die, daß er es nicht leiden konnte, wenn jemand ein Licht ausblies. Er pflegte darüber so wild zu werden, daß er alle Fassung verlor und den Leuten unerhörte Grobheiten machte. In dem Geruch eines ausgeblasenen Lichtes, sagte er, sei alle Infamie und Niederträchtigkeit der Welt versammelt, und wer diesen Geruch einatmen könne, ohne des Teufels darüber zu werden, der müsse eine verstunkene Seele haben; man sollte solche Stinkseelen als Giftmischer beim Kopf nehmen, denn der Höllendunst, in den sie verliebt seien, sitze ihren Nebenmenschen heimtückisch auf der Brust und bringe Krankheiten hervor, von welchen niemand ahne, wo sie herkommen, ja ganze Seuchen brüte dieser Unfug aus, weil er leider so sehr verbreitet sei. So konnte er stundenlang fortwettern, und weil er in unserem Hause als Orakel galt, so ist diese seine Eigenheit an uns hängen geblieben, daher sich schon ein manches über uns aufgehalten hat, daß wir so zarte Nasen haben. Es hilft aber alles nichts, ich rieche eben lieber an einer Rose, als an einem ausgeblasenen Licht. Sie sagen, weißt du, wir haben ein »bordiertes Hütlein« auf; aber das rührt eigentlich von meinem Herrn Ehni her, vom alten Pugio, dem sie nachsagen, daß er als Senator einen solchen Hut getragen habe.

Nun, also der Herr Doktor Rieber hatte eine Tochter, namens Salome, die an Gestalt keinem Mädchen in der Stadt nachstand. Freilich hielt man sie für stolz, denn sie kam wenig unter die Leute, und ob sie gleich nicht preußisch sprach wie ihr Vater, so lauteten ihre Reden doch etwas vornehmer als bei anderen Leuten. Am meisten Aufsehen aber machte ihr Papagei, der allerdings in unserer guten Stadt eine große Seltenheit war. Sie hatte ihn von einem Vetter, der eine Reise nach Holland und Ostindien gemacht und große Reichtümer mitzubringen versprochen hatte, zum Geschenk erhalten; das Glück war ihm nicht günstig gewesen, und um nur nicht mit leeren Händen zu kommen, brachte er seinem Bäschen den ausländischen Vogel mit. Eine Kiste voll Goldwaren hätte ihr keine größere Freude machen können, Sie gab sich tagelang mit dem Vogel ab, dessen Käfig unter dem Fenster hing und der allerlei wunderliches Zeug von ihr krächzen lernte. Bald rief er sie bei ihrem Namen und wünschte ihr guten Morgen, bald schalt er die Vorübergehenden oder kauderwelschte einige lateinische Brocken, die er dem Doktor abgelernt hatte. So oft ich unter ihrem Fenster vorüberging, blieb ich stehen wie andere Leute auch und schaute nach dem Papagei. Niemand konnte daran ein Ärgernis nehmen, aber Salome, die fast immer neben dem Käfig stand, mochte glauben, ich gucke nach ihr, denn sie verzog den Mund schelmenmäßig, wenn ich so vorüberging und hinaufsah; wenn ich sie aber so lächeln sah, da kamen mir doch auch diese und jene Gedanken.

Als ich nun des Vogels ansichtig wurde, sagte ich zu mir: »Wie wird sie betrübt sein, daß ihr der Vogel entflohen ist! Du mußt ihn aus dem Salate holen, und wenn auch ein paar Länder darüber Schaden leiden sollten.«

»Salome!« rief er, »Bomben und Granaten, wo steckst du denn?«

Ich ging auf ihn dar, er tat sehr bös und krächzte: »Mannum de tabula!« aber es half ihm nichts, daß er den Lieblingsausdruck seines Herrn so passend anwandte. Ich ergriff ihn, in der Schnelligkeit jedoch mußte ich ihm den Schnabel freilassen, und er hieb mich tüchtig in den Finger. Ich verbiß den Schmerz, hielt den Papagei an Kopf und Flügeln fest und trug ihn nach seinem Gefängnis zurück, wobei er aus Leibeskräften schrie und schimpfte.

Salome war in großen Freuden, als sie den Ausreißer in meinen Händen sah. Auf ihren Ruf kam auch ihr Vater herzu und sagte: »Er ist ein braver Bursche, hört Er? Und couragiert! Denn die kleine Bestie hätte Ihn übel zurichten können; doch das hat Er vielleicht nicht gewußt.«

»Nein, sehen Sie, Papa,« rief Salome, »der Vogel hat ihn gewiß gebissen, er hat ja sein Taschentuch um die Hand gewickelt. Warum hat Er denn die Hand verbunden?« fragte sie mich, »Laß Er sehen!«

»O inkommodier' Sie sich nicht,« sagte ich, »Sie kann nichts daran sehen.«

»Freilich! Was ist es denn?« »Nun, der Vogel hat ein wenig nach mir gehackt.«

»Laß Er sehen! Laß Er sehen! Ach Gott! Das sieht ja schrecklich aus, wie der Finger zugerichtet ist! Ich will ihn verbinden.« ›Manum de tabula‹ rief Herr Doktor Rieber und hinkte mit seiner Krücke herzu: »Was verstehst du von einer Wunde, Naseweis? Wie, laß 'mal sehen, ja, ja, Er hat eins abgekriegt, der Papagei führt keine schlechte Waffengattung; aber sei Er nur ruhig, es hat nichts zu bedeuten, das wollen wir bald wieder im reinen haben. Salome, geh und hol mir meinen Wundbalsam, du kennst ja das Glas. Salome! Bomben und Granaten, wo steckst du denn?« rief er, als sie nicht sogleich wieder zurückkam. Endlich brachte sie den Balsam. »J der Satan, Mädchen, ich glaube, du hast geweint? Warum hast du geweint?«

Sie zögerte mit der Antwort.

»Du hast rote Augen; was ist dir geschehen? Warum hast du geflennt?«

»Weil der Papagei dem« – sie stockte.

»Dem? Was dem?«

»Dem« – sie sah auf mich.

»Dem da was zuleide getan hat?«

»Ja,« schluchzte sie und brach wieder in Tränen aus.

»Dummes Mädel,« brummte der Vater, »es hat ja gar nichts zu sagen! Gib her, mein Balsam wird mehr helfen als deine Tränen. So, jetzt halt Er die Hand her, 's tut nicht weh, brennt nur ein wenig.«

Ich hielt still, um das mitleidige Mädchen nicht noch mehr zu betrüben.

»Nun ist's fertig, jetzt, Salome, kannst du ihm die Hand verbinden.«

Ich kam ganz in Verlegenheit, wie sie mit ihren kleinen Fingern meine Hand anrührte. Als es geschehen war, sagte Herr Doktor Rieber: »Komm Er morgen wieder her, hört Er? daß ich nach der Wunde schauen kann, Adieu! Nun, Salome, bedankst du dich nicht?«

Sie dankte mit einem zierlichen Knix und sagte: »Adieu, komm Er morgen wieder her.«

Als ich abends nach Hause kam, fiel meine verbundene Hand allen auf. Sonntags aßen nämlich alle Söhne und Söhnerinnen bei den Eltern zu Nacht. Sie fragten, was mir geschehen sei, und ich mußte die ganze Geschichte erzählen, wobei ich tüchtig rot wurde. Die Mutter lächelte und gab dem Vater die Hand. Ich wußte nicht, was dies bedeuten sollte; aber die anderen lachten ebenfalls, und meine Brüder hießen mich von Stund an den Vogelsteller.

Am anderen Tag kam ich wieder zum Herrn Physikus, am dritten und vierten ebenfalls und so fort, bis mein Finger geheilt war. In dieser Zeit war ich so bekannt im Hause geworden, daß er mich einlud, ich solle immerhin wiederkommen, wenn ich ihn jetzt auch nicht mehr nötig habe. Ich war froh, daß er dies sagte, denn ich hätte mich an der anderen Hand auch verwundet, wenn mir die Gelegenheit, ins Haus zu kommen, ausgegangen wäre.

Von da an ging ich häufig hin und Herr Doktor Rieber schien das nicht ungern zu sehen. Wenn der Vater nicht zu Hause war, traf ich die Tochter. Natürlich war der Papagei fast immer der Gegenstand unserer Unterhaltung. Sie erzählte mir, wenn ich kam, wie er sich in der Zwischenzeit befunden und was er für Schelmenstreiche ausgeübt habe. Ich steckte ihm den Finger in den Käfig, dann rief er: »Manum de tabula!« und hackte nach mir. Wenn ich nun nicht schnell genug zurückfuhr und noch ein wenig von seinem Schnabel getroffen wurde, so neckte sie mich, und ich ließ mich oft absichtlich von ihm zwicken, nur um von ihr geneckt zu werden.

Einmal hatte sie in meiner Abwesenheit einen Scherz ausgedacht und den Vogel die Worte »ungeschickter Hans!« gelehrt. So wie ich nun ins Zimmer trat, fuhr der Vogel wie besessen im Käfig umher und schrie an einem fort: »Ungeschickter Hans! Ungeschickter Hans!« Ich wußte wohl, daß sie sich irgendwo verborgen hatte, um den Spaß mit anzuhören, und drohte dem Vogel, ich schlage ihn auf den Schnabel, wenn er nicht still sei. Als ich ihm hierauf wirklich eins versetzte, rief er um Hilfe: »Salome! Bomben und Granaten, wo steckst du denn?« – »Ungeschickter Hans!« erscholl es aus einem großen Kasten, der im Zimmer stand. Dadurch ermuntert, fing der Vogel sein Spottlied wieder an. »Wenn du nicht still bist,« rief ich, »so will ich den rechten Vogel auf den Schnabel treffen!« und machte den Kasten auf, Salome warf mir eine von ihres Vaters Perücken ins Gesicht, daß ich in einer Staubwolke stand, und sprang aus dem Kasten hervor. Ich lief ihr nach und jagte sie im Zimmer herum, sie schrie, der Papagei tobte, und ich lachte, so daß es einen schönen Lärmen gab. Endlich erwischte ich sie und war eben im besten Zuge, meine Drohung ins Werk zu setzen, da rief es hinter uns: »Manum de tabula!«

Aber es war nicht der Papagei, der sich drein legte, sondern es war der Papa. Der war soeben nach Hause gekommen und von dem Lärmen ins Zimmer gezogen worden. »Fixsternelement!« rief er, »was soll das heißen von einem ehrbaren Junggesellen in einem fremden Haus?«

Ich stand da wie Butter an der Sonne, »Ungeschickter Hans!« rief der Papagei, wie wenn der kleine Spitzbube wirklich Menschenverstand gehabt hätte.

»Wer hat den Vogel das gelehrt?« fragte Herr Rieber.

Salome senkte die Augen.

»Aha, ich habe mir's gedacht. Und Er hat Satisfaktion nehmen wollen? Nicht wahr?«

»Ja,« stotterte ich, »ich wollte –«

»Was Er gewollt hat, braucht Er mir nicht zu sagen, ich hab's wohl gesehen. Hat Er sie denn lieb?«

»Freilich!«

»Will Er sie heiraten?«

»Wenn Salome nichts dagegen hat.«

»Nun, Mädchen, was sagst du dazu? Willst du ihn?« Sie schwieg verschämt.

»Höre, wenn du nicht antwortest, so kriegst du ihn auch nicht. Oder willst du ihn nicht? Sag' nein!«

Salome lachte und rief: »Bewahre, nein sagen tu' ich um alles in der Welt nicht!«

»Duplex negatio affirmat!« sagte Herr Doktor Rieber. »Nun, da hat Er sie, halt' Er sie wohl und warm, es ist mein einzig Kind! Und laß Er ihre eigensinnigen Launen nicht aufkommen! Sie bedarf einer guten Zucht, aber in Sanftmut und Liebe! Hört Er?«

Ich versprach alles Liebe und Gute. »Aber,« sagte ich, »jetzt muß ich' nach Hause und die Einwilligung meiner Eltern holen.«

»Die hat Er schon,« sagte mein Schwiegervater. »Meint Er denn, er hatte sonst so ungeniert zu mir kommen dürfen? Ich und Sein Vater haben schon längst miteinander gesprochen. Ich werde daher Seine Eltern sogleich holen lassen, um die Verlobung zu feiern.«

Meine Eltern kamen und gaben mit Freuden ihr Wort. Da nichts im Wege stand, so wurde festgesetzt, die Hochzeit solle in vier Wochen sein.

Aber diese vier Wochen wurden mir sauer. Kaum war Salome meine Braut geworden, als sie sich völlig gegen mich veränderte. Wo sie mich vorher geneckt hatte, da quälte sie mich jetzt. Immer mußte sie etwas an mir auszusetzen, meine Kleidung, mein Betragen, mein Gehen und Kommen, alles zog ihren Tadel auf sich. Dazu hatte sie ewig zu befehlen, bald mußte ich etwas tun, bald etwas lassen, bald etwas bringen, bald etwas forttragen, und nichts konnte ich ihr zu Danke machen. Am meisten aber peinigte sie mich mit einer unbegreiflichen Eifersucht, sie wußte doch gewiß, daß ich für keinen Menschen in der Welt Augen hatte als für sie, und doch, so oft wir von einem Spaziergang nach Hause kamen, warf sie mir vor, ich hätte nach dieser oder nach jener gesehen. Dann schalt sie mich und weinte. »Ich bin doch recht unglücklich,« sagte sie, »einen so ungetreuen Mann zu bekommen! Noch ehe wir verheiratet sind, sieht er schon nach anderen.«

Ich geriet oft in Verzweiflung, denn ich sah nur zu sehr, daß es ihr mit ihrer Eifersucht der bitterste Ernst war, aber ihr Vater tröstete mich.

»Laß Er sie ganz machen,« sagte er, »sie weiß sich in ihren neuen Zustand noch nicht zu finden; das wird schon alles anders werden. Bleib Er für jetzt nur, wie er bisher gewesen ist, aber nach der Hochzeit muß Er ihr die Zügel etwas straffer anziehen. Ich habe sie verzogen, denn sie ist mein einziges Kind, und wenn ich auch fluchte und wetterte, so wußte das unartige Ding doch wohl, daß es nicht mein Ernst war.«

Ganz kurz vor der Hochzeit, als ich bei meiner Braut saß, gerieten wir halb im Scherz in einen Streit über ihr Brautkleid. Es war damals die Zeit, wo die Reifröcke nach und nach aus der Mode kamen, und ich war über diese Veränderung sehr erfreut, weil ich das häßliche bauschige Wesen nie hatte leiden können. Wunderlicherweise aber bildete sich Salome ein, diese Tracht stehe ihr besser als ein anliegendes Kleid, das doch ihre zierliche Gestalt viel mehr gezeigt hätte. Wir stritten hin und her, bis ich endlich den Haupttrumpf auszuspielen vermeinte und zu ihr sagte: »Du hältst doch mehr auf die Mode als ich, wie magst du nur so hinter der Mode zurückbleiben?« – »Seht doch!« erwiderte sie, »was schwatzt Er da von der Mode! Was weißt denn du von der Mode, du ungeschickter Hans?« – Kaum hatte sie das gesagt, so fiel auch der Papagei ein und rief unaufhörlich: »Ungeschickter Hans! Ungeschickter Hans!« – Wie wir nun einmal im Scherze waren, drohte ich wieder, den Vogel auf den Schnabel zu schlagen; sie wollte mir abwehren, und indem wir miteinander um den Käfig kämpften, stieß eins von uns beiden – ich weiß heute noch nicht, wer es war – das Türchen auf, der Vogel schoß wie ein Pfeil heraus – »Das Fenster zu!« rief Salome, aber es war schon zu spät, der Vogel hatte das offene Fenster bemerkt, und ehe ich mich umsehen konnte, welches Fenster offen sei, war er draußen.

Nun ging der Jammer an, und nachdem der Jammer zu Ende war, brach der Zorn aus, natürlich über mich, ich war an allem schuldig, ich hatte den dummen Einfall gehabt, nach dem Vogel zu schlagen, und ich war es natürlich gewesen, der die Tür absichtlich aufstieß, der schon vorher das Fenster geöffnet hatte, um ihr diesen Possen zu spielen. Ich mochte sagen, was ich wollte, sie nahm keine Vernunft an; ich beteuerte, ich bat, ich schalt – alles vergebens! Ich versprach, nicht eher zu ruhen, als bis ich den Vogel wieder habe; er werde doch noch zu fangen sein. »Das rat' ich dir,« sagte sie, »denn ich versichere dich, eh' du mir den Vogel wieder zur Stelle schaffst, darfst du nicht daran denken, mich zur Frau zu bekommen.«

Ich ging trübselig fort. Sie war seit vielen Tagen zum erstenmal wieder guter Laune gewesen, und nun mußte die Freude solch ein Ende nehmen!

Überall erkundigte ich mich vergebens nach dem Papagei. Erst den andern Tag erfuhr ich, ein Bürger habe ihn im Weinberg gesehen und ergriffen, da ihn aber der Vogel ingrimmig gebissen habe, sei er nicht imstande gewesen, ihn länger zu halten; darauf sei der Vogel fortgeflogen, man wisse nicht, wohin. Salome tat nicht mehr böse, als ich ihr dies hinterbrachte, behandelte mich aber mit einer so kränkenden Gleichgültigkeit, daß ich mir fest vornahm, alles anzuwenden, um den Papagei wieder zu bekommen. Nach einigen Tagen wurde ich wieder auf eine Spur geleitet; von einem benachbarten Dorfe kamen Leute in die Stadt und erzählten gelegentlich, es sei daselbst ein wundersamer Vogel mit ganz buntem Gefieder aufgefangen worden. Ich sagte dies meiner Braut sogleich und machte mich am selben Tage noch auf den Weg. »Wenn du ihn mitbringst,« sagte sie beim Abschiede, »so soll dir etwas Gutes widerfahren und eher, als du denkst,« Ich wußte nicht, was dies zu bedeuten habe, wollte sie mir vielleicht entgegengehen?

Ich war noch nicht weit im Walde gegangen, auf dem Wege nach der Ortschaft, wo der Flüchtling gefangen sitzen sollte, da begegnete mir ein Bauernmädchen, das mir auf meine Frage, woher? berichtete, sie sei von eben diesem Dorfe.

»Dann kannst du mir vielleicht einen Gang ersparen,« sagte ich, »denn ich suche dort etwas.«

»Und was?«

Ich beschrieb ihr den Vogel und sagte ihr, er sei aus fernen Landen und gehöre meiner Braut. »Ich will dir ein gutes Trinkgeld geben,« setzte ich hinzu, »wenn du mir wieder zu ihm verhilfst.«

»Ja, das wird schwer halten,« erwiderte sie.

»Warum denn? Wie stehts denn mit ihm?«

»Ha, 's steht gar nicht mehr mit ihm, 's liegt!«

»Wie?«

»Ja, unter dem Boden! Es werden ungefähr drei, vier Tage sein, da hat ein Bube aus unserem Dorf selbigen Vogel gefangen, mit großer Mühe, denn er hatte ihm die Finger tüchtig zerhackt. Darauf hat er ihn zu meinem Vetter, dem Schulmeister, gebracht und hat ihn gefragt, was denn das für ein Tier sei. Der Schulmeister hat's nicht gewußt, und niemand im Dorf hat's gewußt, aber alles ist zusammengesprungen, um den scheckigen Vogel zu sehen. Endlich hat der Schulmeister gesagt, der Vogel werde nicht von Natur so aussehen, er werde gefärbt sein. Nun hätten wir aber gar zu gern gewußt, wie er denn eigentlich aussehe; also haben wir ihn in eine Schüssel mit kaltem Wasser gesetzt und haben ihm die Federn eifrig abgerieben, aber es ist nichts runtergegangen. ›Das ist noch nicht genug‹ hat der Schulmeister gesagt, ›versuchet's einmal mit warmem Wasser.‹ Wir haben recht warmes Wasser in die Schüssel getan und haben den Vogel eingeseift und gerieben, wie 'n Strumpf, aber 's ist alles nichts gewesen. Dann haben wir's noch einmal im kalten probiert, aber der Vogel hat die Farb' nicht hergeben wollen. Nun ist er so pfludrig 'worden und hat den Kopf hängen lassen und hat kein Futter genommen; und wir haben ihm doch ein groß Stück schwarz Brot vor den Schnabel gehalten. Kurzum, ich glaub', das Bad ist ihm nicht gut bekommen, und er ist noch am nämlichen Tag krepiert. Da hat er uns doch erbarmt, weil er so ein schöner Vogel gewesen ist, und wir haben ihm ein Gräblein gemacht und haben ihn ins Schulmeisters Garten vergraben.«

Das hörte ich sehr ungern, und doch mußte ich lachen. »Ihr seid recht dumme Leute,« sagte ich zu dem Mädchen, »und besonders euer Schulmeister ist mir ein sauberer Gelehrter. Der Vogel hat von Natur so ausgesehen, und ihr habt nun meine Braut darum gebracht. Hättet ihr euch vorstellen können, wie viel der Vogel wert war, so hättet ihr ihn nicht so behandelt. Einen Papagei waschen und anbrühen! Das ist doch gar zu toll!« – Ich mußte immer wieder lachen, aber das Mädchen nahm mir's sehr übel und ging mit vielen Scheltworten davon. Ich wunderte mich, daß diese Leute so einfältig sein konnten, denn sie ziehen mit einem Blumenhandel in ganz Europa und halb Asien herum und hätten eben deswegen mehr Erfahrung haben sollen als andere Bauern in der Gegend.

Unter diesen Gedanken kam es mir auf einmal vor, als sehe ich einen gelben Strohhut mit einem grünen Bande durch die Bäume schimmern, Salome trug einen solchen; ich ging auf den Ort zu, sah aber nichts. Ich suchte in den Gebüschen und rief, aber sie kam nicht zum Vorschein, und ich ging nachdenklich in die Stadt zurück.

Wie ich zu ihr kam, um ihr das Unglück zu erzählen, machte sie ein paar Augen gegen mich, so wunderlich, daß ich nicht wußte, wie mir geschah. Sie ließ mich ruhig reden und machte nicht viel aus der Sache, auch sprach sie nur ein paar Worte, nicht freundlich und nicht unfreundlich, auch nicht gleichgültig, wie sonst; ich wußte gar nicht, wie ich sie nehmen sollte. Aber ich hielt mich nach ihres Vaters Worten, ich dachte, es werde schon alles anders kommen, und beschloß, indessen ruhig zuzusehen.

Der Hochzeittag kam heran. Nach der damaligen Sitte konnten Braut und Bräutigam an diesem Tage wenig beieinander sein, die Braut mußte, bis man in die Kirche ging, bei den Weibern bleiben und ihre Glückwünsche annehmen; der Bräutigam trank ein Glas Wein mit den Männern; erst bei Tische wurden sie zusammengesetzt, hatten aber auch hier wenig Zeit, miteinander zu reden, weil sie beständig herumgehen und den werten Gästen zusprechen mußten. Ich konnte also an diesem Morgen meine Braut wenig beobachten, war aber sehr beruhigt, da ich sie so gelassen sah. Doch hatte sie es durchgesetzt, ihren Reifrock anzuziehen. Ihr Vater sagte deshalb zu mir: »Laß Er ihr in Gottes Namen ihren Willen, den Reifrock kann Er ihr ja heut' abend in den Kasten hängen und dann dafür sorgen, daß sie ihn nicht wieder ankriegt.«

Die Glocken läuteten zur Kirche, wir gingen stillschweigend nebeneinander her. Es war eine große Gemeinde versammelt, denn man nahm es für eine Merkwürdigkeit, daß ich vieljähriger Junggeselle mich doch noch ins Joch der Ehe spannen lassen wolle. Der Herr Hauptprediger trat in den Altar, und die Trauung begann. Als er mich fragte, ob ich gegenwärtige Salome zum Weibe haben wolle, sagte ich mit lauter, freudiger Stimme »Ja« und war in meinem Herzen nur begierig, ob sie es auch laut sagen werde, denn gewöhnlich sprechen die Bräute dieses entscheidende Wort nur mit halber zitternder Stimme aus. Aber als der Geistliche seine Frage an sie richtete, vernahm ich ein ebenso lautes und herzhaftes »Nein!«

»Pugio!« rief ich in meinem Schreck und Grimm, »was hat das zu bedeuten?«

Der Herr Hauptprediger verwies mir diesen unkirchlichen Ausruf mit strengen Worten und fragte dann die Braut, was sie zu ihrem ungewöhnlichen und unziemlichen Beginnen getrieben habe?

»Ich werde mich nachher erklären,« sagte Salome; sie sah jetzt bleich und erschrocken aus. Die Handlung war gestört, die Versammlung ging verwirrt auseinander, und ich kam halb unsinnig vor Zorn und Scham nach Hause.

Meine Eltern waren nicht weniger bestürzt über diesen unerhörten Vorfall; sie fragten mich, was ich denn dabei verschuldet habe, aber ich konnte ihnen nichts sagen, denn der Tod des Papageis schien mir doch eine gar zu geringfügige Ursache zu sein. Während wir so in aller Not uns unterredeten, hinkte der Doktor Rieber mit feierlichem Anstand zur Türe herein und sprach: »Ich würde nach dem heutigen Vorgang nicht das Herz haben, vor dieser ehrbaren Familie zu erscheinen, wenn ich nicht dächte, hier müssen Sonde und Messer her. Meine ungeratene Tochter hat mir nämlich gestanden, sie habe den heutigen Spektakel deswegen angefangen, um ihren Bräutigam für eine haarsträubende Untreue zu bestrafen. Nun bin ich zwar selber weit entfernt, ihrem Vorgeben so geradezu Glauben beizumessen, und würde auch im schlimmsten Falle ihren heutigen Streich nicht um ein Haar breit verzeihlicher finden, aber die Ehre des jungen Mannes sowohl als meine eigene erfordert eine nähere Untersuchung der Sache.«

Ich hatte ein gutes Gewissen und sagte: »Reden Sie, Herr Doktor! Was hat sie gegen mich vorgebracht?«

»Sie behauptet,« versetzte er, »Ihr habet eine Liebschaft mit einem Bauernmädchen, und will sogar wissen, Ihr seiet vor wenigen Tagen im Walde mit besagter Person zusammengekommen, wobei, wie sie von Anfang an geargwöhnt, Euer Ausflug wegen des Papageis zum Vorwand habe dienen müssen.«

»Also ist sie mir nachgegangen im Walde!« rief ich und erzählte, was daselbst geschehen war. Ehe ich aber noch geendet hatte, klopfte es an der Türe, und siehe da! vor uns stand jenes Bauernmädchen und bot Eier und Butter feil. Kaum hatte sie mich erblickt, so rief sie ärgerlich:

»Wenn ich gewußt hätt', daß Er da wär', so hätt' ich das Haus links liegen lassen.«

»Was hat er dir getan, mein Kind?« fragte Herr Doktor Rieber, der alsbald das Wort ergriff und vor sie hintrat.

»Wüst hat er mir getan!« erwiderte sie. »Zum Dank dafür, daß ich ihm das Maul gönnt hab' und hab' ihm Auskunft geben über seinen lumpigen Vogel, hat er mich eine dumme Gans geheißen.«

»Also hat er dir nicht schön getan?«

»Was?«

»Die böse Welt behauptet, er habe dir Flattusen gemacht.«

»Das wollt' ich ihm vertrieben haben, beim Strahl! Ja, Flattusen! Grobheiten hat er mir gemacht. Und von Euch lass' ich mir auch keine gefallen. Wenn Ihr meine Eier nicht wollt, so brauch' ich auch Euer Geschwätzwerk nicht. Unsereins läßt nicht mit sich reden, als wär' man Euer Untertan. Wir sind nicht von Euren Dörfern, wir sind württembergisch.«

Damit trappte sie hinaus und schlug die Türe hinter sich zu.

»Die hat Haar auf der Zunge,« sagte Herr Doktor Rieber. Dann trat er auf mich zu und entschuldigte sich mit wohlgesetzten Worten wegen der Freiheit, die er sich hier genommen habe. »Da es nunmehr am Tage ist,« fuhr er hierauf fort, »daß meine Tochter überdies nicht den mindesten Grund zu ihrem unverzeihlichen Schritte gehabt hat, so will ich nunmehr dem Herrn die Satisfaktion proponieren, die ich für ihn ausgedacht habe. Er soll Gleiches mit Gleichem vergelten, ich komme soeben von dem Geistlichen her, der sich auf dringendes Bitten dazu verstanden hat, meinen Plan ausführen zu helfen. Morgen soll nämlich die Trauung noch einmal stattfinden –«

»Nein!« rief ich, »um alle Welt nicht –«

»Nehme der Herr Vernunft an und lass Er mich ausreden; morgen, sag' ich, soll die Zeremonie wiederholt werden, und wenn ich die ungezogene Dirne mit Gewalt in die Kirche schleppen lassen müßte. Dann werdet Ihr zusammen vor den Altar treten, und damit für sie keine Ausflucht mehr übrig bleibt, so wird der Geistliche die Frage an sie zuerst richten; seid unbesorgt, sie wird nicht Nein sagen, dafür steh' ich Euch, sie hat meinen Ernst kennen gelernt. Sodann werdet Ihr, mein achtbarer junger Mann, zu ihrer Beschämung und Eurer Satisfaktion hierauf von Eurer Seite mit Nein antworten und dadurch zu verstehen geben, daß Ihr nichts von ihr wollt und sie nicht wert achtet, Eure Frau zu werden.«

»Herr Doktor,« sagte ich, »das bring' ich nicht übers Herz!«

»Junger Mann!« rief er hitzig und griff an den Degen, »nichts für ungut, aber das versteht Ihr ganz und gar nicht! Es ist ein Schimpf, den Ihr nicht auf Euch sitzen lassen könnt, und wenn Ihr für Euch selbst nicht Manns genug sein solltet, ihn abzuwaschen, so ist es Eure Pflicht gegen Eure Eltern und auch gegen mich als ehrlichen Mann, meine Satisfaktion anzunehmen.«

»Geht zu Eurer Tochter, lieber Herr,« versetzte ich, »und sagt ihr, sie habe nicht wohl an mir getan, aber ich trage keinen Groll gegen sie und sei nicht imstande, sie zu beschimpfen.«

»Bomben und Granaten!« schrie er, »Ihr müßt, Ihr mögt imstande sein oder nicht, und wenn Ihr nicht wollt, so habt Ihr's mit mir zu tun.«

»Eine Exekution in der Kirche!« sagte ich, »Das geht ja gar nicht an.«

»Wird schon angehen, wenn's morgen angeht! Wir sind reichsfrei und haben unser eigenes Konsistorium; wer fragt viel nach uns? So viel Macht haben wir schon, um eine widerspenstige Dirne gehörig zu züchtigen!«

Nun trat mein Vater hervor, in dem sich etwas vom alten Pugio regte. »Herr Doktor,« sagte er, »es tut mir leid um Ihre Tochter, aber ich muß Ihren Antrag annehmen, denn der Unglimpf wäre in der Tat gar zu groß, wenn er nicht in etwas vergolten und verteilt würde. Wie gesagt, es tut mir leid, und es sollte mir lieb sein, wenn sich ein anderer Ausweg finden könnte.«

»Das heißt gesprochen wie ein Ehrenmann,« sagte Herr Doktor Rieber, »aber einen andern Ausweg gibt es nicht, und somit bleibt's bei der Verabredung.«

Er ging, nachdem alles besprochen und festgesetzt worden war.

Mich fragte man gar nicht weiter bei der Sache, man betrachtete mich eben als den, der den Schimpf der Familie rächen müsse. Nur meine Mutter war teilnehmend gegen mich und stimmte mir bei, daß hier aus Übel nur Ärger gemacht werde. »Es ist jammerschade um das Mädchen,« sagte sie. »Ich will ihr gewiß nicht das Wort reden, aber die Bräute sind nicht immer ganz zurechnungsfähig. Das ist ein Stand, in dem nicht jede gleich daheim ist, und wenn man vollends in so kurzer Zeit, wie sie, mit einem Sprung in ein völlig neues Leben hinein soll, so verliert man leicht den Kopf, und dann kann die Gescheitste oft die dümmsten Streiche machen. Ich glaube fest, daß sie den ihrigen bitter bereut und nicht bloß wegen seiner Folgen; denn ihre Eifersucht beweist, daß du ihr doch nicht gleichgültig warst. Doch vielleicht besinnen sich die Väter bis morgen auf etwas Besseres.«

Aber dem war nicht so. Die Mutter versuchte umsonst den Vater anders zu stimmen, er drohte mir mit seinem höchsten Zorn, wenn ich nicht gehorchen würde. Ein Angriff auf Herrn Doktor Rieber war ebenfalls vergeblich, er blieb viel zu sehr auf seine Ehre, wie er's hieß, versessen, als daß er nachgegeben hätte. »Gib dich in Gottes Namen drein, es ist nicht zu ändern,« sagte meine Mutter endlich, und ich ging zur festgesetzten Zeit in die Kirche.

Eine große Menschenmenge hatte sich eingefunden, denn Herr Doktor Rieber gedachte, wie er sich ausdrückte, nicht ein bloßes Manöver, sondern eine Hauptaktion zu liefern, öffentlich, wie der Frevel gewesen sei, sagte er, müsse auch die Buße sein. Die Meinigen begleiteten mich in die Kirche. Salome wurde mir erst dort von ihrem Vater zugeführt. Sie sah blaß wie der Tod und verweint aus und wagte nicht, die Augen gegen mich aufzuschlagen, aber doch glaubte ich in ihrem Gesicht etwas anderes als bloße Demütigung zu lesen. Der Geistliche trat wieder in den Altar; alles war neugierig und mäuschenstill. Er hatte kein Buch mitgenommen, um die Trauungsformel zu lesen, sondern sagte nur: »Es sind hier zwei Brautleute erschienen, um vor Gott und dieser christlichen Gemeinde ihren Willen und Meinung gegeneinander auszusprechen.« Darauf winkte er uns zu sich und fragte Salome zuerst, ob sie mich zum Manne haben wolle. Ich mußte meine Leidensgefährtin heimlich anblicken; sie sprach das Ja mit demütiger Ergebung aus, weder zu laut noch zu leise. Da überkam mich ein unaussprechliches Erbarmen mit uns beiden, und als der Geistliche mich anredete und fragte, ob ich sie zum Weibe haben wolle, sprach ich mit fester Stimme ein getrostes Ja.

Dieses Ja ging wie ein elektrischer Schlag durch die Kirche, denn ich hörte hinter mir eine Bewegung – wenn man von einem stillen Windstoß reden könnte, so wäre der Ruck bezeichnet, der die Versammlung durchlief. Aber ich hatte für niemand Augen als für meine Braut, Sie war wie vom Donner gerührt und wäre niedergesunken, wenn ich nicht den Arm um sie gelegt hätte. Nun sah ich sie erst recht an, und auch sie schlug jetzt die Augen gegen mich auf; aber ich könnte nicht sagen, daß ich in ihren Blicken etwas von einem Vorwurf gefunden hätte. Ich bot ihr, als sie sich wieder gefaßt hatte, die Hand, sie schlug willig ein, und nun sagte ich leise: »Halte fest an mir, ich werde dich nimmermehr verlassen.«

Der Herr Hauptprediger war über meine unerwartete Antwort einen Augenblick betroffen gewesen, aber jetzt erhob er beide Hände und rief: »Gott segne dich, junger Mann, du hast das beste Teil erwählet.« – Darauf segnete er uns ein.

Soll ich noch weitläufig erzählen, wie es weiter ging? Unsere Verbindung war nun einmal fest geschlossen und nicht mehr rückgängig zu machen. Mein Vater wollte sich anfangs nicht recht darein finden, wich aber doch endlich dem Zureden meiner Mutter. Diese war von ganzem Herzen vergnügt. Sie küßte meine Braut und sagte lachend: »Gestern glaubte ich noch, ich könne dir nicht verzeihen, heute aber soll dir verziehen sein, weil ich nun doch meine Hochzeitkuchen nicht umsonst gebacken habe.«

Wer zuletzt einwilligte, war der Herr Doktor Rieber. Er schalt mich einen Hasenfuß, sagte, ich habe mit seiner Ehre Komödie getrieben und dergleichen mehr, aber zuletzt ließ er sich doch besänftigen und war im stillen froh, daß es mit seinem einzigen Kinde noch so gut abgelaufen war. Salome hat mir nachher gestanden, sie hätte sich schier die Zunge abgebissen über ihr Nein, aber sie sei wie im Fieber gewesen und hat mir mein Ja durch Liebe und Treue vergolten ihr ganzes Leben lang.


So erzählte mir der Großvater, und wenn ich im Nacherzählen etwas mehr gesagt habe, als ich aus seinem Munde vernahm, so kommt dies nicht auf Rechnung einer am Horn des Überflusses leidenden Gedächtniskraft, sondern daher, daß mir die Geschichte auch später noch manchmal von anderen, denen er sie vielleicht anvertraut und ausführlicher, als er selbst sie dem Knaben erzählen mochte, mitgeteilt worden ist.

Manche alte Geschichte erzählte er, wenn er mit mir im Feld oder Garten beschäftigt war. Wir setzten uns dabei auf eine Bank oder auf einen Rain und ruhten aus; wenn er dann genug erzählt hatte, gingen wir wieder an die Arbeit. Seine Habe bestand nämlich, wie fast der ganze Reichtum der Stadt, in Grundeigentum, und so war ich zu jeder freien Stunde mit ihm im Garten, auf einem Baumgut oder einem Acker, lernte von ihm die Früchte kennen und die Bedingungen ihres Wachstums, durfte auch nach Herzenslust mit Hand anlegen, Äpfel, Birnen, Nüsse schütteln oder sammeln, in den Heuhaufen springen, auf dem Garbenwagen fahren, Kartoffeln heraustun und Trauben nicht bloß schneiden, sondern auch treten. Besonders lustig war die Obstlese in den bucklig gelegenen Baumgütern, an deren Fuße der kleine Fluß vorübereilte; da mußte man sich unten am Ufer aufstellen und die den Abhang herabrollenden Äpfel wie Bälle auffangen, ehe sie ins Wasser hüpften. In seinen letzten Tagen versprach er mir noch, sobald die geeignete Jahreszeit gekommen sein würde, mich das Impfen der Bäume zu lehren. Ich freute mich unbeschreiblich darauf, aber er hielt mir nicht Wort, er starb, ehe die Zeit des Impfens gekommen war.

Sein Lieblingsaufenthalt war sein großer Garten, wo er mich in der Behandlung seines Blumenflors unterrichtete, der jedoch nicht sonderlich vornehm war, sondern aus einfachen Rosen, Nelken, Tulpen, Sternen, Sonnenblumen, Astern und Aurikeln bestand. Sonst sah der Garten schlicht und altfränkisch aus, wie der »Herr Ehni« selbst; denn so nannten wir Enkel den Großvater. Ein etwas schief hängender, von der Witterung entfärbter Bretterzaun umgab den Garten auf drei Seiten; die vierte war durch eine graue Mauer geschlossen, an die sich in der Ecke ein alter Holunderbaum lehnte; der Brunnen war aus einem rohen Stamm gemacht; einen verwandten Baustil trug das alte Häuslein mit dem Immenstande, nicht weit von der Eingangstüre. Dort hat mich einmal eine Biene so unversehens und heftig gestochen, daß ich von dem fast stockhohen Gartenstuhle, auf dem ich saß, herunterfiel und beinahe den Hals gebrochen hätte. In diesem Fall wäre die Ermahnung zum Fleiße, wofern die industriöse Brummerin eine solche beabsichtigte, rein überflüssig gewesen.

An Tagen, wo man nicht ins Freie gehen konnte, saß der Großvater gewöhnlich in seinem grün gepolsterten Lehnstuhl am Fenster vor dem kleinen Tische mit den geschweiften Füßen und las durch das große Brennglas, das er über die Zeilen hin und her führte, halblaut in seiner Foliobibel von 1608, wobei ihm die Haare von den Seiten her, denn die Stirne war zunehmend kahler und kahler geworden, wie Schneeflocken in das Buch herabfielen. Seine alten Augen mußten wohl sehr der Nachhilfe benötigt sein, daß er sich des Vergrößerungsglases bediente, denn die Bibel war mit mächtigen Buchstaben gedruckt. Doch war es ihm vielleicht auch um die Randglossen zu tun, die in etwas kleinerer Schrift steilrecht an dem Text herunterliefen und dem Leser manche wissenswürdige Dinge sagten, mitunter in einer sehr anheimelnden Art, denn ihr Verfasser hatte eine besondere Liebhaberei, hebräische Ortsnamen durch deutsche von bekanntem Klange zu erklären, wie er denn unter anderem zum Beispiel zu verstehen gab, »Eben-Ezer«, das sei gerade so viel wie »Helfenstein«.

Kurze Zeit vor seinem Tod erlebte der Großvater noch einen ungewöhnlichen Triumph. Es war ein Scheibenschießen angekündigt, und er ging mit mir nach dem Schießhaus, um zuzusehen. »Schießen kann ich nicht mehr,« sagte er, »mein Auge läßt mich im Stich, und meine Hand zittert; aber ich bin allezeit ein Liebhaber vom Schießen gewesen, und so will ich wenigstens sehen, wie's andere machen.« Kaum waren wir auf dem Schießplatz angekommen, so empfingen ihn viele Bekannte. Er wünschte ihnen Glück und sah aufmerksam zu. Als er sich erheben wollte, um nach Hause zu gehen, trat ein ebenfalls bejahrter Mann mit einer geladenen Büchse auf ihn zu und sagte: »Wie, Herr Senator, Sie, der beste Schütze zu Ihrer Zeit, wollen wieder so fortgehen, ohne uns mit einem Schuß beehrt zu haben?« – Der Großvater lachte treuherzig und sagte: »Da käm' ich schön weg, ich glaube, ich würde kaum die Scheibe mehr treffen; ja,' ich gehöre eben unter das alte Eisen.« – Versuchen Sie's nur,« bat ihn jener, »nur einen einzigen Schuß!« – Die anderen kamen ebenfalls herbei und drangen in ihn, wenigstens einen Schuß zu tun. Vergebens wandte er ein, er habe schon seit Jahren nicht mehr geschossen, es half alles nichts, die Gesellschaft setzte ihm zu, bis er endlich die Büchse ergriff. Er nahm seinen Stand und zielte lang'; trotzdem, daß er zitterte, gaben diejenigen, die ihm über die Schulter sahen, den anderen durch beifällige Zeichen zu verstehen, daß er scharf auf die Scheibe halte. Endlich fiel der Schuß, und – ein allgemeines Jubelgeschrei entstand! Er hatte den Zweck hinausgeschossen. Er behauptete zwar, es sei Zufall gewesen, aber keiner ließ ihm dies gelten, Sie riefen, er habe den besten Schuß heute getan und ließen ihn hoch leben. Nun trank er auch einen Schluck auf das Wohl der Gesellschaft und ging wieder mit mir hinweg, wobei er sehr vergnügt vor sich hinlächelte. Ich aber ging stolz wie ein König neben ihm her, indem ich, wie Knaben zu tun pflegen, seinen Ruhm frischweg mir zueignete, »Es ist sonderbar,« sagte er unterwegs zu mir, »ich sehe in die Ferne besser als in die Nähe.« Zu Hause angekommen, blickte er lang' mit einem eigentümlichen Lächeln auf das Bild der »Frau Ahne«, die manchen solchen Ehrentag mit ihm erlebt haben mochte. Das Bild hing seinem Lehnstuhl gegenüber, ein mildes, stilles, feines Gesicht, dem man nicht ansah, daß je eine leidenschaftliche Mädchenlaune darin gewohnt haben könnte. Freilich stellte es die Großmutter nicht in ihrer Jugend dar, und sie war dem Maler nicht einmal gesessen, sondern er hatte sie, im Hochzeitkleide zwar, aber auf dem Totenbette gemalt.

Etwa vier Tage nachher begleitete ich ihn nach einem seiner Weinberge; wir wollten nach seiner Lieblingsfrucht, den Pfirsichen, sehen, die er daselbst im oberen Teile zwischen den Reben gepflanzt hatte. »Ich bin zu müd', um den steilen Weg hinaufzukommen,« sagte er, »geh du und sieh nach dem Bäumchen, wie's mit ihm steht; wenn du ein paar reife findest, so brich sie und bring sie herunter, ich will mich unterdessen auf die Ladstatt setzen und dich erwarten.« Mit diesen Worten ließ er sich auf einen berasten Hügel aufgeworfener Erde nieder, der dazu diente, im Herbste die Kelterfässer auf den Wagen zu laden, und ich stieg die unregelmäßigen, in ihr lichtes Grün gehüllten Terrassen empor und freute mich auf die Freude des Großvaters, wenn ich ihm einen reifen Pfirsich bringen würde. Ich fand deren drei und rannte atemlos wieder hinunter. »Drei!« rief ich ihm frohlockend schon von weitem zu. Er antwortete nicht. Als ich näher kam, sah ich ihn nicht mehr an dem Orte, wo ich ihn verlassen hatte. Eine bange Ahnung flog mir durch die Seele, ich eilte hinzu und sah ihn, von seinem Sitz herabgesunken, regungslos in Gras und Feldblumen liegen. Angstvoll lief ich hin und her, und als ich endlich einen Arbeiter in einem benachbarten Weinberge erblickte, winkte ich ihm und rief um Hilfe. »Was ist dem Herrn Senator?« fragte er und kam eilig herbei. »Tröst' Er sich, junger Herr,« sagte er, nachdem er ihn vergebens aufzurichten versucht hatte, »er hat sein Leben in Ehren hoch gebracht, und nun ist er sanft gestorben. Wer so stirbt, der stirbt wohl!«

Aber er lebte noch; es war nur ein Schlaganfall gewesen, von dem er sich schon unterwegs im Wagen wieder erholte. Er konnte sogar, in der Stadt angelangt, die Treppe hinaufgehen; droben aber mußte er sich sogleich ins Bett legen, das er nicht mehr verließ. Sein Lebenslicht wurde von Tag zu Tage schwächer, und wenn man ihn fragte: »Wie geht's?« so antwortete er lächelnd: »Wohl! und bald noch wohler.«

Eines Abends, die Dämmerung brach eben herein, war er zur Verwunderung aller Anwesenden kräftig und heiter, er sprach viel und sagte, er fühle sich wieder ganz gesund und gedenke morgen aufzustehen. Auf einmal jedoch hielt er inne und blickte wie erstaunt vor sich hinaus, dann richtete er sich auf und breitete mit leuchtenden Augen die Arme auseinander, ein freudiger Ausruf entfuhr seinen Lippen, er machte eine Bewegung, als wollte er aus dem Bette springen, zugleich aber sank er in das Kissen zurück, und die Augen fielen ihm zu.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.