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Gerettet aus Sibirien

Sophie Wörishöffer: Gerettet aus Sibirien - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleGerettet aus Sibirien
authorSophie Wörishöffer
year1890
firstpub1885
publisherFerdinand Hirt & Sohn
addressLeipzig
titleGerettet aus Sibirien
pages224
created20111118
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.

Ein hartnäckiger Verfolger.

Weiter und weiter rollte der Wagen; die Dämmerung begann schon herabzusinken, es wurde immer kühler und die Stimmung immer trüber. Hermann horchte fortwährend, ob nicht Pferdegetrappel hinter dem Wagen erklänge. »Er könnte doch leben und uns verfolgen«, dachte er.

»Oder einige seiner Kosaken haben beim Herumstreifen die Leiche gefunden und ziehen nun den Radspuren nach – auch das ist möglich«, meinte der Tanzlehrer.

Es wurde immer deutsch gesprochen, der Jakute verstand nichts. Er zog singend des Weges, und erst als ihn Hermann rief, hielt er die Pferde an. »Ist der nächste bewohnte Ort von hier noch weit, mein guter Mann?« fragte halb seufzend der Deutsche.

»Ja – nein! – Ja – nein! – Nach Minure kommen wir heute doch nicht mehr!«

Das klang sehr geheimnisvoll und wenig tröstlich zugleich; Hermann bat um nähere Aufklärung. »Du meinst also, daß wir die Nacht unter freiem Himmel zubringen müßten, Jakute?«

»Ja – nein! Es steht am Wege eine leere Jurte.« (Hütte der Eingeborenen.)

52 »Schöne Aussicht, wahrhaftig! – Da können wir auf allerlei Gesindel oder gar auf den Besuch von Wölfen gefaßt sein.«

Der Führer blieb die Antwort schuldig. Ein Gutes hatte aber sein schlimmer Bescheid doch gehabt – die dumpfe Schwüle unter den Reisenden war etwas gewichen. »Wir haben für Wölfe und Wegelagerer unsere Waffen«, meinte der Tanzlehrer. »Laßt sie nur kommen!«

Hermann atmete tiefer. »Wahrhaftig, ich möchte alles lieber, als so stillsitzen und müßig warten,« gestand er. »Wann ist die leere Jurte erreicht, Führer?«

»O – bald! – bald! – –

»La! – Ti! – Ta! – O! – Ta! – –«

Und das schreckliche, langgedehnte Singen nahm wieder seinen Fortgang.

»Ob ich den Kerl auf meiner Violine begleite?« fragte der Tanzlehrer.

»Ja! Ja!« rief Otto; »das ist lustig!«

Herr Bochner holte das Instrument hervor und strich ein paarmal über die Saiten. Sogleich, wie von einem Zauber gefesselt, schwieg der Jakute. Er horchte.

»Gott sei gepriesen«, seufzte Emma. »Ich war einer Ohnmacht nahe.«

Herr Bochner spielte ganz flott: »Gott erhalte Franz den Kaiser!« und nachdem er so den vaterländischen Empfindungen Rechnung getragen hatte, in bunter Reihe, was ihm gerade einfiel, die Marseillaise oder: »Ein' feste Burg ist unser Gott!« – und vielleicht gleich danach: »Fuchs, Du hast die Gans gestohlen!« oder: »Stiefel muß sterben, ist noch so jung, jung, jung« – wobei dann Otto mit heller Stimme einfiel, während seine beiden ältesten Geschwister den Ernst ihrer Lage wenigstens minder schwer fühlten, als bisher.

Der Führer hatte drei Öllampen angezündet, zwei an den Seiten des Wagens (rings verschlossene Kibitka) und eine, die er vor der Brust trug; das Fuhrwerk glitt auf abschüssigen Ufern an mehreren kleinen Seeen hin, der Wind pfiff kalt durch die Zweige der Lärchen, es wurde Nacht, bevor der Jakute hielt.

Am Wege lag eine halbzerfallene, einem großen Maulwurfshaufen ähnliche Hütte, ein abscheuliches Obdach allerdings, aber doch eine Stelle, an der das ermüdete Haupt nach so beschwerlicher Fahrt auf die Pelze sinken und endlich ausruhen durfte. Nur der Wind heulte um das niedere Dach, von lebenden Wesen war nichts zu entdecken.

Der Jakute band die Pferde derartig fest, daß sie den Wind im Rücken hatten, dann entzündete er ein gewaltiges Feuer und begann mit der größten Seelenruhe einige Enten zu rupfen. Sein O! – Ti! – Ta! – O! – Ta! schallte wieder wie vorher durch die Nacht.

53 Drinnen in der Jurte, einem pyramidenförmigen Bau aus biegsamen Stämmen und Erdschollen, befanden sich noch rings an den Wänden die breiten Schlafbänke der Eigentümer, welche jedenfalls kürzlich ihre Uruse (die Sommerwohnung) bezogen hatten. Der Tanzlehrer und Hermann packten die Pelze aus, und nachdem man das Abendessen zu sich genommen, wurde allerseits die Lagerstätte aufgesucht. Der Jakute schob die Kibitka vor den Eingang und legte sich selbst, in Renntierpelze gehüllt, unter dieselbe. Sein Schnarchen schläferte bald die übrigen ein.

Am Morgen fand sich, daß die Nacht ohne irgend eine Störung vergangen war; so rasch als möglich wurde daher die Fahrt wieder fortgesetzt und etwa gegen zehn Uhr die kleine Stadt Minure erreicht. Dieser Ort liegt in einer Thalmulde, wie die Sage berichtet, auf dem Grunde eines versunkenen Sees, dessen letzte Überbleibsel in der Gestalt mehrerer Teiche jetzt noch vorhanden sind.

Die Häuser, abgesehen von einigen Kirchen und den hölzernen Verwaltungsgebäuden, bestanden alle aus Jurten; große Herden, Pferde und Hornvieh, gingen auf fetten Weiden, ein reges Leben herrschte auf den breiten reinlichen Straßen, ja sogar ein Tanzsaal fand sich vor und sehnsüchtige Blicke, die verstohlen nach der Violine des lustigen Wieners ausspähten.

Herr Bochner ließ sich nicht lange bitten. Während Hermann die Pferde besorgte und den Führer ablohnte, während Emma und Otto in der Küche der jüdischen Schenke die Zubereitung der letzten Rebhühner überwachten, begann er zu spielen, und bald tanzte die junge Welt von Minure in den heitersten Sprüngen um ihn herum.

»Wir machen so den besten Eindruck«, sagte er auf deutsch. »Es ist nicht möglich, vorauszusehen, inwieweit uns etwa die Parteinahme der Bevölkerung nützlich oder schädlich werden kann.«

Er geigte also darauf los, bis die Rebhühner auf den Tisch kamen und mit ihnen eine Speise, welche die Jakuten dreimal täglich essen, wie wir unser Butterbrod. Emma hatte die Zubereitung mit angesehen und zögerte aus diesem Grunde ziemlich lange, bis sie die erste Gabel voll zum Munde führte, dann aber fand sie, daß das Gericht vortrefflich schmeckte; alle übrigen behaupteten das Gleiche. »Was ist denn nun nach Eurer Meinung darin enthalten?« fragte lächelnd das junge Mädchen.

»Fische!« meinte Hermann.

»Milch!« sagte Otto.

»Ein Gewürz, das wie Tannenduft schmeckt!«

Emma nickte. »Zu Pulver gemahlene Lärchenbaumrinde«, versetzte sie, »Fische, Mehl, Butter und Salz – das alles mit Milch angerührt und im Topfe gebacken.«

54 Hermann schauderte ein wenig. »Aber es hat gut geschmeckt«, sagte er, »und das ist die Hauptsache. Jetzt müssen wir unsern Stab weiter setzen.«

Die Pferde wurden, nachdem sie drei Stunden geruht hatten, wieder eingespannt, ein neuer Führer gemietet, und fort ging es unter den Klängen eines russischen Volksliedes und den lauten Zurufen der Bevölkerung, weiter nach Aldanska.

Diese Reise war kürzer; schon gegen Abend hatte die Kibitka das Städtchen erreicht. Hermann und Herr Bochner brachten den Wagen in Sicherheit, dann hielten sie Umschau in den Wirtshäusern und bei den Verwaltungsgebäuden, aber glücklicherweise, ohne die geringsten Spuren einer Verfolgung zu entdecken.

Als sich alle im Wirtszimmer wieder vereinigt hatten, bat Hermann den treuen Freund, nach Jakutsk zurückzukehren. »Der Polizeimeister muß, da er uns nicht verfolgt, noch verfolgen läßt – tot sein«, sagte er, während sein Herz wie ein Hammer gegen die Brust pochte. »Er muß tot sein; also können Sie ohne Gefahr in Jakutsk erscheinen. Überlassen Sie uns unserem Schicksal, und nehmen Sie den innigsten, wärmsten Dank für die Hilfe, welche uns Ihre Ergebenheit, Ihre Kenntnisse der obwaltenden Verhältnisse leisteten.«

Herr Bochner wiegte den Kopf. »Ich kann es nicht«, rief er nach einer Pause, »ich kann es wirklich nicht! Alle Wetter, da mag man sagen, was man will – ich bin ein Deutscher, in dieser Stunde weiß ich es! Nein, nein, Kinder, Euer Landsmann läßt Euch nicht im Stich!«

Er küßte artig die Fingerspitzen des jungen Mädchens und umarmte kräftig die beiden Brüder. »Ich bleibe bei Euch, bis Ihr die Werchojanskischen Berge überschritten habt, Leutchen, dann bedürft Ihr des alten Freundes nicht mehr. Was sollte ich denn auch ganz allein in Jakutsk? Die Gedanken wären ja doch bei Euch!«

Und nach diesem rührenden Bekenntnis war die Sache abgemacht. Herr Bochner blinzelte vertraulich. »Es giebt hier in Aldanska einen Eingeborenen, den ich kenne«, sagte er, »einen Burschen, der mir Dank schuldet, mir sehr ergeben ist – mit Bezug auf diesen Mann habe ich einen Plan entworfen – laßt mich also ausgehen und nachsehen, wo ich ihn finde.«

Er nickte den Freunden vertraulich zu und wanderte fort, der kleine, alte Herr mit dem komischen Äußeren und dem warmen Herzen; dann, nach etwa einer Stunde kam er zurück, begleitet von dem Jakuten, einem hübschen, kräftigen, etwa dreißigjährigen Manne, der Tekel hieß und dessen Persönlichkeit auf die Flüchtlinge den besten Eindruck hervorbrachte. »Dieser Mann«, sagte er voll innerer Freude, »wird, während Ihr im Burukanwalde versteckt bleibt, zu Fuß nach Zaschirnersk gehen und ein 55 Gespann Renntiere herbeiholen, zugleich auch Eure Pferde, für die es im Winter keine Nahrung giebt, so gut als möglich zu verkaufen suchen. Bis an den Wald bleibt er bei uns!«

»Und ist in das Vertrauen gezogen?« bemerkte Hermann.

»Hm, nicht völlig«, antwortete der Wiener. »Tekel weiß alles, aber ich habe ihm dennoch nichts mit offenen Worten gesagt – er liebt mich, das ist der Grund für seine Zuverlässigkeit.«

»Sie haben ihm einmal in dringender Not geholfen, Herr Bochner?«

»O« – versetzte der bescheidene Mann, »das war nichts so Großes, Fräulein Emma. Tekels kleines Kind lag in Krämpfen, da verordnete ich etwas Senfmehl und Eisumschläge, gab auch aus meiner Reiseapotheke ein Pülverchen, und das arme Ding war gerettet. Jeder vernünftige Mensch hätte so gehandelt, aber Tekel verehrt mich seitdem wie ein übernatürliches Wesen; ich bin fest überzeugt, daß er das Pulver heute noch für ein Zaubermittel hält, während es doch nur ganz gemeiner irdischer Rhabarber war. Diese Jakuten sind leider außerordentlich unwissend.«

Tekel blieb in bescheidener Entfernung an der Thüre stehen, er hätte also, auch wenn russisch gesprochen worden wäre, immerhin nicht viel verstehen können – so aber erfuhr er gar nichts. Hermann gab ihm die Hand, Emma überließ ihm die Reste des Abendessens, und Otto begann nach Knabenart sogleich eine Unterhaltung, die den Jakuten sehr zu belustigen schien. – Nachdem so alles geordnet war, entließ man den Führer aus Minure und setzte unter Leitung Tekels am nächsten Morgen die Reise wieder fort.

Es ging an unübersehbaren Sümpfen vorbei, an Ketten von Bergen, die mit dichten Lärchenwäldern bestanden waren, und an tiefen, von den Regenströmen gerissenen Schluchten – dann kam ein Dorf aus Jurten und hinter demselben, an den letzten Häusern vorüberfließend der breite Aldan. Herr Bochner hatte ihn oft überschritten, er kannte ja diejenigen Eingeborenen, welche große, flache Lastkähne besaßen, und konnte daher gleich einen solchen herbeischaffen. Fünfzehnhundert Meter weit führten einige Jakuten die Reisenden samt Wagen und Pferden über den breiten Strom; dann war das jenseitige Ufer erreicht.

In der Nacht, welche diesem Tage folgte, schlugen Hermann und der Tanzlehrer zum ersten Male das mitgebrachte Zelt (Polog) unter den Bäumen am Wege auf. Es hatte zwei Abteilungen, eine für das junge Mädchen, die andere für sämtliche Männer – unter seinem sicheren Schutze konnte das Toben des Wetters den Reisenden nichts anhaben.

Emma stand an dem schnell aus Steinen erbauten Herd und kochte von den mitgebrachten Vorräten ein Abendessen, Otto hatte sich einen Besen verfertigt, mit dem er die Umgebung säuberte, Herr Bochner trug 56 Wasser herbei, und Hermann schoß unter Treus Beistand einen Hasen für das morgige Frühstück – so fehlte der kleinen Gesellschaft nichts als ein wenig Frohsinn, als Hoffnung und Freude, aber gerade diese Haupterfordernisse des Wohlseins waren ihnen seit dem Tode des Polizeimeisters abhanden gekommen – wie es schien, unwiederbringlich.

Die Nacht sank herab, vor dem Feuer lag Tekel und in der Thür des Zeltes der treue Hund; leise singend umflüsterte der Wind das einsame Zelt. Sowohl Hermann als Emma wachten – sie erinnerten sich beide deutlich des getöteten Polizeimeisters; sein Bild scheuchte den Schlummer von ihrem Lager. – – –


Nach dieser Rast begann die Gegend wilder und immer wilder zu werden; Gras und Bäume hörten auf; ein endloses Flachland, von Sümpfen durchzogen, dehnte sich vor den Blicken der Reisenden, mehr und mehr breite Ströme, darunter der reißende Tukulan, mußten überschritten werden, kälter und kälter fuhr über Wasser und Sumpf der Wind.

An den Ufern lagen große, den Weg versperrende Felsblöcke, Menschen und Tiere waren körperlich auf das äußerste ermattet, dafür aber erschienen als bester, ausgiebigster Trost in der Ferne am Gesichtskreise die Werchojanskischen Berge, hinter denen die Rettung winkte.

Pappeln in ungeheurer Anzahl bedeckten den Boden, daneben Zwergcedern, Birken und Tannen – hier begann wieder die Jagd auf Hasen und Heidehühner, es gab als Belohnung für die ungeheuren Anstrengungen der Reise täglich frisches Fleisch in Hülle und Fülle. Besonders Otto that sich als Schütze hervor, er brachte von jedem Ausfluge wenigstens drei oder vier Vögel für Emmas Küche mit nach Hause.

So kam langsam, tausend Hindernisse bekämpfend, der Wagen bis an den Fuß der Gebirgskette, und mit dem Überschreiten derselben begann die eigentliche, nur von Herrn Bochner vollkommen erkannte Gefahr.

Es stürmte; der Boden war gefroren; mühselig, Schritt um Schritt, kletterten die beiden Pferde bergauf, während die Männer abwechselnd vorangingen und Steine und Felsstücke aus dem Wege warfen. Ungeheure Blöcke von nacktem, schwarzem Schiefer mußten, weil sie unbeweglich waren, umfahren werden; das gab jedesmal eine unheimliche, nur mit Herzklopfen zurückgelegte Fahrt; denn die Steinmassen hingen ausgehöhlt, wie im Sturze begriffen, vornüber, sie schienen in jedem Augenblick auf die Köpfe der Reisenden herabfallen zu wollen. An anderen Stellen glitten die Räder haarscharf neben tiefen Abgründen dahin, oder der Berg wurde so steil, daß zwei der Männer die Pferde unter dem Aufgebote aller ihrer Kräfte an den Zügeln zogen, während die anderen den Wagen nachschoben.

57 Endlich war eine Art von rings umschlossener Plattform erreicht. Herr Bochner ließ hier den Wagen halten, damit sich Menschen und Tiere ein wenig erholen konnten; Emma bereitete eine Mahlzeit, die Pferde erhielten Futter, und die Männer kletterten auf eine naheliegende Anhöhe, um einigermaßen Umschau zu halten.

Hinter ihnen fielen polternd und dumpf aufschlagend die Steine, welche ihre Füße zerbröckelten, hinab in das tiefere Thal, ein eisiger Wind pfiff um ihre Köpfe, vor ihnen und neben dem Punkte, wo sie standen, gähnten überall schwarze, schaurige Abgründe. Hoch am Himmel zogen im eiligen Fluge die dichten, dunkeln Haufenwolken, während von fernher das Rauschen eines Gebirgsstromes herüberklang.

Wie eine Einöde, wie ein Thal des Todes lag das grauschwarze Gestein. Bis ins Unübersehbare erstreckte sich die Bergkette nach Norden, dem Pol zu – in das ewige Eis.

Als sei das Meer bei hohem Wellenschlag versteinert, so lagen die Hügel und Thäler in unheimlicher Ruhe – der Anblick wirkte beklemmend auf Herz und Sinn. Unwillkürlich drängte sich den Männern ein Vergleich auf – der zwischen dieser toten, riesenhaften Natur und dem unruhvollen Leben in ihrem eigenen heißen, wild durch die Adern getriebenen Blute.

Ob sie den Riesenkampf glücklich bestehen, glücklich zu Ende führen würden?

Über schroffe, schneebedeckte Gipfel ging der Weg, über Berge von eingeschichteten Eiskrystallen und durch dunkle, blitzgespaltene Furchen, vorüber an steilen, himmelhohen Wänden, an Schluchten, aus denen Wasserfälle brausend und zischend hervorstürzten.

Kein Baum stand in dem wüsten Gerölle, keine grüne Fläche erfrischte das Auge. Bleiern unter dem bleifarbenen Himmel lag die Umgebung.

Der Jakute näherte sich dem Tanzlehrer. »Herr«, flüsterte er, »sieh dorthin. Es kommt ein Reiterzug des Weges.«

Herr Bochner erschrak. »Wo?« fragte er unwillkürlich so laut, daß auch Hermann die Worte verstand.

Der Jakute streckte den Arm aus, dann sahen alle drei Männer einen Schwarm Kosaken, welcher, mit Mühe gegen den heftigen Wind kämpfend, die Bergkette überschritt. Der vorderste Mann hielt in seiner rechten Hand den Hut, während die linke ein Pferd führte; offenbar war es seine Absicht, gerade dahin zu gelangen, wo unsere Freunde standen.

»Herr des Himmels«, rief der Tanzlehrer, »das ist Jermak!«

Auch Hermann hatte ihn erkannt; eine Freude, die ihm fast den Atem raubte, eine innige, grenzenlose Freude verdrängte für den Augenblick jeden anderen Gedanken.

58 »Gott sei gepriesen!« rief er; »ich habe ihn nicht getötet!«

Herr Bochner sah in das von dunkler Glut überströmte Antlitz des jungen Mannes und schüttelte den Kopf. »Sie preisen Gott«, sagte er, »und eben jetzt naht der, welcher uns alle ins Verderben stürzen wird.« – – – –

Wir sind genötigt, für einige Augenblicke aus den Werchojanskischen Bergen zu jener Stelle zurückzukehren, wo Hermann schoß, als er die Gestalt des heimlich davonschleichenden Polizeimeisters so plötzlich vor sich auftauchen sah.

Die Kugel durchbohrte Jermaks Helm, ohne ihm selbst ein Leid zuzufügen. Gedankenschnell die Lage erfassend, warf sich der Polizeimeister zu Boden und blieb, die eigene Pistole schußbereit haltend, liegen, bis er sah, daß sich Hermann ohne weitere Untersuchung gegen den Wagen hin entfernte.

Was sollte er jetzt beginnen?

Den Vorsprung mußten die Flüchtigen erhalten, oder es war alles verloren; man würde nicht zögern, die zweite Kugel der ersten nachzuschicken.

Langsam kroch er durch die Cedern und sah, daß Hermann den Wagen bestieg. Ein Zungenschlag, dann begann die Fahrt.

Sobald von dem Fuhrwerke nichts mehr zu entdecken war, erhob sich der Beamte und wollte, so schnell es ging, zu seinem Pferde eilen, aber ein einziger Blick überzeugte ihn von der Bedeutung jenes Schusses, den er gehört und vor Aufregung inzwischen wieder vergessen hatte. Sein Pferd war tot, er befand sich in der öden Umgebung ohne Lebensmittel, ohne Schießbedarf oder Begleiter ganz allein.

Ein schrecklicher Gedanke.

Und doch mußte er nach Minure kommen, um von dort aus einen Boten nach Jakutsk zurückzuschicken. Ein Begleitbrief an den General sollte dann gleich die Entsendung einer Anzahl berittener Kosaken erbitten. Jermak fühlte es wie eine körperliche Notwendigkeit, die Flüchtlinge zu ergreifen – schon der Gedanke an ihr Entkommen machte ihn rasend.

Unbeugsam und thatkräftig wie er war, begann der eigensinnige Mann sogleich die Fußwanderung nach Minure. Hier bleiben konnte er nicht, den Flüchtigen allein folgen auch nicht, also blieb ihm nur übrig, sich Hilfe herbeizuholen.

Der Haß spornte seine Kräfte, er ging Stunden lang, ohne zur Erquickung das allermindeste zu besitzen, dann aber wurde ihm eine Überraschung zuteil, wie er sie selbst nicht angenehmer hätte herbeiwünschen können. Fünf Kosaken kamen des Weges.

Jermak rief sie zu sich, nannte ihnen seinen Namen und den Zweck der Reise, sowie die von den Flüchtigen eingeschlagene Richtung, darauf 59 erbat er sich etwas Brot und Branntwein und erhielt auch das Pferd des einen Soldaten, der sich kräftig genug fühlte, einstweilen zu Fuß nebenher zu gehen.

Jermak frohlockte. Jetzt war er seiner Sache sicher – die Gefangenen konnten ihm nicht mehr entrinnen.

Aber der Mensch denkt, und Gott lenkt; auch er sollte es erfahren.

Meine jungen Leser entsinnen sich des Erschreckens, mit dem Herr Bochner von der Plattform herab den Polizeimeister erkannte, mit dem er ausrief: »Jetzt naht der, welcher uns alle ins Verderben stürzen wird!«

Während die sechs Männer ihre Tiere am Zügel bergauf führten, sah er erst den Jakuten und dann seinen Freund an. »Was beginnen wir, mein guter Herr Brandt? Um des Himmels willen, was beginnen wir? Der Russe verfolgt uns!«

»Aber er hat uns noch nicht in seiner Gewalt, Herr Bochner!«

»Einerlei! Einerlei! Er wird uns bald genug einfangen.«

Hermann seufzte. »Ist dies der einzige Paß über die Werchojanskischen Berge, Herr Bochner?« fragte er plötzlich.

»Auf Meilen hinaus der einzige – ja.«

»Wenn es also ein Mittel gäbe, denselben abzusperren! Wir kämen vielleicht glücklich in die Tiefen des Burukanwaldes, ehe uns Jermaks Kosaken einholen können.«

Der Tanzlehrer sah immer hinab auf den Weg und die sechs gegen den Wind kämpfenden Männer; über seine Seele kam jener leidenschaftliche Zorn, der nur die Harmlosen, Gutmütigen in der Stunde höchster Gefahr zu packen pflegt, den die Heftigen, leicht Aufbrausenden überhaupt nicht kennen und der Dinge vollbringt, über welche nachher gerade seine Erwählten selbst am meisten erschrecken.

»So?« rief Herr Bochner; »so? Es sollte alles umsonst gewesen sein? Die Kosten, die Angst, die Gefahr, selbst die Hoffnung – alles umsonst, nur weil dieser Jermak wieder nach Rußland zurückkehren, weil er sich einschmeicheln möchte? – Oho, das wollen wir sehen, Herr Polizeimeister – andere Leute lieben das abscheuliche Sibirien ebensowenig wie Sie, andere Leute haben auch ihre Ehre und ihre Heimat, die sie zu retten wünschen!«

Er winkte dem Jakuten. »Komm einmal her, Tekel!«

Hermann sah ihn unruhig an. »Was wollen Sie thun, Herr Bochner?«

»Muß nicht jemand in diesem Kampfe fallen, Herr Brandt, die Russen oder wir?«

»Ich fürchte es – ja!«

»Gut, dann sollen jene sterben.«

60 »O lieber Himmel, und ich litt schon so furchtbar in dem Gedanken, einen Menschen getötet zu haben!«

Der Wiener zuckte die Achseln. »Denken Sie auch ein wenig an Ihre Geschwister, Herr Brandt, an das künftige Los des Fräuleins, wenn sie als Strafgefangene –«

Hermann unterbrach ihn. »Genug, genug, Herr Bochner, Sie haben recht, es muß sein. Was war also Ihr Plan?«

»Hören Sie mich an! – Nicht wahr, Tekel, etwas weiter abwärts macht der Weg eine Biegung, er ist an dieser Stelle schmal, ein vorspringender Fels verdeckt die ganze Fernsicht!«

»Ja, Herr!«

»Gut. Da ist es, wo wir uns in den Hinterhalt legen müssen. Sobald die Kosaken unter Jermaks Führung herankommen, schießen wir sie nieder.«

»Unser drei gegen sechs?«

»Einerlei, wir müssen es wagen!«

Sie erreichten die Stelle, ein vortreffliches Versteck, von wo aus die ahnungslos Herankommenden mit leichter Mühe erschossen werden konnten. Hermanns Herz schlug zum Zerspringen – jetzt, in der nächsten halben Stunde mußte sich sein eigenes Schicksal und das seiner Geschwister endgültig entscheiden, aber im erwünschten Sinne nur dann, wenn vorher sechs Menschen eines gewaltsamen Todes gestorben waren.

Kein Laut bewegte die Luft, nur der Wind strich eiskalt über das Gebirge, und nur zuweilen wieherte ein Pferd – näher, immer näher, so oft der Schall erklang.

Alle Büchsen waren geladen, alle Herzen schlugen schneller. Jetzt, binnen wenigen Minuten mußte der Kampf beginnen.

Da durchdrang ein lauter Ruf die Stille. »Herr Jermak – sie sind hinter uns. So wahr ich lebe, sie sind hinter uns! Ich habe da eben einen Menschen gesehen.«

»Wo denn?«

»Da unten! Ich kann es beschwören!«

Der Polizeimeister stand in diesem Augenblick unmittelbar vor dem Versteck der drei Männer. »Es ist ja aber doch gar nicht möglich!« sagte er zögernd. »Der Weg verläuft sich ins tiefere Thal hinab.«

Unten zuckte eine kleine Flamme schnell verschwindend auf, ein Schuß krachte, und einer der Kosaken stürzte mit durchschossener Brust tot zu Boden. Ein Schrei des Zornes, der Empörung brach von den Lippen der übrigen. »Die elenden Sträflinge! Jetzt morden sie auch noch die gutgesinnten Unterthanen des Kaisers!«

»Ihnen nach!« rief Jermak. »Ihnen nach!«

61 Er brauchte es nicht zu befehlen, die Kosaken flogen den abschüssigen Weg hinab, so schnell ihre Füße sie trugen, und auch er selbst wollte im gleichen Augenblick folgen, als ihn ein Arm von hinten packte und ihn jählings zur Seite hinabstürzte in den gähnenden Spalt tief unter dem Wege.

Herr Bochner hatte die That so rasch, so urplötzlich vollführt, daß er fast selbst mit hinabgefallen wäre. Schwindelnd hielt er sich am Felsen.

Aus der Tiefe drang kein Laut, an der andern Seite dagegen knatterte das lebhafteste Gewehrfeuer. Offenbar waren die Kosaken mit irgend einem unbekannten Feind im Kampfe begriffen, sie entfernten sich immer weiter und weiter.

Ein Felsblock, vielleicht locker gelegen, erschüttert durch die Hufschläge der wild umhergaloppierenden Pferde – ein großer Felsblock löste sich und stürzte unter Donnergepolter hinab in den Schlund, je tiefer, desto schneller, zuletzt mit der Geschwindigkeit einer dahinschießenden Lokomotive, und indem er hie und da die am Abhange stehenden Birken mit sich riß.

Von den umliegenden Bergen erhob sich das Echo. Erst in weiter Ferne erstarb, wie grollender Donner allmählich verklingend, der Schall.

Hermann trat an den Rand der Schlucht. Da unten lag der Block, rechts und links von ihm weite Schneeflächen – von dem Polizeimeister war keine Spur zu entdecken.

Auch Herr Bochner horchte. »Ob er getroffen ist, Herr Brandt? – Wer sind die, welche da unten schießen?«

»Gleichviel«, drängte der Deutsche. »Wir müssen eilen, wir haben keine Minute zu verlieren.«

»Ja – ach ja!«

»Hermann! Hermann!« rief in diesem Augenblick Emmas Stimme. »Wo bist Du? – Komm doch zu uns!«

»Fräulein Brandt ist erschrocken«, sagte mit unsicherem Tone der Tanzlehrer, »sie glaubt uns in Gefahr. Wir wollen sie beruhigen! – Mein lieber Hermann, jetzt ist Ihr Unternehmen gelungen – sobald Sie die Berge überschritten haben, kann ich gehen, Sie brauchen mich nicht mehr.«

Er zitterte am ganzen Körper. »Jermak ist tot!« fügte er hinzu. »Ja, er ist tot – aber doch bin ich kein Mörder!«

Hermann bot ihm die Hand. »Mein lieber treuer Freund!« sagte er voll von einer tiefen Erschütterung, die sich nicht verbergen ließ.

Über die arme Seele des Tanzlehrers war der Rückschlag jählings hereingebrochen. »Weshalb sehen Sie mich so an?« stammelte er. »Ich bin ein ehrlicher Handelsmann und Tanzlehrer, ich habe einen Paß, der 62 für das ganze russische Reich gilt, und viele vornehme Kunden! – Niemand wird auf mich einen Verdacht werfen!«

»Großer Gott«, seufzte Hermann, »ich dachte es mir wohl!«

»Was dachten Sie? Nichts, gar nichts, sage ich Ihnen. Aber doch, wenn man es recht überlegt – ja – ja, ich bleibe bei Ihnen, ich lasse meine Sammlungen im Stich, meinen Hausrat und Vorräte – ich bleibe bei Ihnen – Sie gehen nach der Schweiz, nicht wahr? Gut, die ist von Österreich gar nicht so weit entfernt – nehmen wir einmal den Weg nach Wien über Kamtschatka – die Sache ist beschlossen!«

Der arme, kleine Herr war vor lauter Aufregung aschgrau im Gesicht, er wischte sich fortwährend den Schweiß von der Stirn.

»Eilen wir doch, Herr Brandt, eilen wir doch! Ihr Fräulein Schwester stirbt fast vor Unruhe. Das Hinabsteigen wird leichter sein als das Emporklimmen.«

Hermann legte sich platt auf den Boden; er horchte. Kein Geräusch erklang, kein Schritt dröhnte auf dem felsigen Pfade. Jermak mußte erschlagen sein.

»Meiner Schwester wollen wir nichts mitteilen«, bat er. »Weshalb unnötige Aufregungen hervorrufen? Wir sagen, daß sich ein Felsblock löste und hinabrollte, ohne uns zu beschädigen.«

Herr Bochner nickte. Ohne weiter miteinander zu sprechen, unruhig und verstimmt, gelangten die beiden Männer an den Wagen; der Jakute ging gleichmütig nebenher; er kümmerte sich nie um Dinge, welche nicht ihn persönlich betrafen. 63

 


 

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