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Gerettet aus Sibirien

Sophie Wörishöffer: Gerettet aus Sibirien - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleGerettet aus Sibirien
authorSophie Wörishöffer
year1890
firstpub1885
publisherFerdinand Hirt & Sohn
addressLeipzig
titleGerettet aus Sibirien
pages224
created20111118
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.

Auf der Flucht.

In dem kleinen Bretterhäuschen der Geschwister schlief während dieser Nacht niemand. Alle Kleider und Wäschegegenstände befanden sich schon in dem neugekauften Wagen, ebenso das Zelt und verschiedene Waffen, welche Hermann in aller Stille erhandelt hatte – man brauchte nur selbst fortzugehen, und die Reise war thatsächlich unternommen.

Hermann küßte seine Geschwister. »Thut alles, was Euch Herr Bochner rät«, bat er, »vertraut ihm ganz. Gegen Mittag bin ich bei Euch!«

Emma weinte leise. »Kommst Du auch wirklich?« fragte sie, am ganzen Körper zitternd.

»Wenn mir Gott das Leben schenkt, ja! Ich schwöre es Euch!«

Und so trennten sie sich. Emma ging im gewöhnlichen Anzuge mit dem Körbchen am Arme fort, wie um Einkäufe zu machen, Otto spielte mit Treu auf der Straße und verschwand dabei unbemerkt um die nächste Ecke. Hätte selbst der Polizeimeister vor der Thür im Hinterhalt gelegen, um zu spionieren, so würde er nichts Auffälliges bemerkt haben.

Hermann schloß zu gewohnter Stunde das Haus und ging in seine Amtsstube. Der Gouverneur war verreist, er hatte daher sehr viel zu thun 43 und bückte sich emsig über sein Pult, dabei aber immer horchend, als müsse von den Seinen ein plötzliche Botschaft kommen. Er war dermaßen unruhig, daß seine Fingerspitzen bebten.

Stunde nach Stunde verrann – es geschah nichts.

Da erklangen auf dem Flur schnelle Schritte, es wurde geklopft, und ehe noch Hermann »Herein« rufen konnte, stand schon der Polizeimeister auf der Schwelle.

Jetzt galt es alle Selbstbeherrschung zusammenzuraffen. Hermann verbeugte sich kühl und bat den Beamten, Platz zu nehmen. »Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Jermak?« fragte er äußerst gelassen.

Dem Polizeimeister gelang es nicht, sein Erstaunen ganz zu verbergen. Also Hermann war hier, während er ihn flüchtig wähnte und eben die Kosaken aufbieten wollte, um ihn schleunigst verfolgen zu lassen!

»Ist der Gouverneur zu Hause?« fragte er, um etwas zu sagen.

»Nein. Seine Excellenz wird erst morgen oder übermorgen zurückkehren.«

»Gut gut, Herr Brandt. Ich komme wieder.«

Und Jermak ging kopfschüttelnd davon. Hermann sah ihm nach, bis er verschwunden war, dann warf er den Pelz über, ließ ein Pferd satteln und sprengte davon, so schnell das Tier laufen wollte. Niemand hinderte ihn, denn alle Diener und Hausgenossen wußten, daß ihm völlig freistand, nach Belieben zu kommen und zu gehen; überdies hatte er ja auch die Jagdflinte des Generals bei sich.

Was er nicht sah, war, daß Jermak, ebenfalls zu Pferde, mit siegesgewissem Lächeln von fern dem Wege folgte, welchen er einschlug. Der Polizeimeister hatte vorläufig nur den Tanzlehrer verfolgen wollen – jetzt sah er ein edleres Wild und blieb auf der Spur desselben.

Hermann ritt in scharfem Galopp. Die Stelle, an welcher er den Tanzlehrer und seine Geschwister treffen wollte, lag mehrere Meilen entfernt, er hatte also einen langen Weg vor sich und fühlte daneben auch im innersten Herzen den Wunsch, noch vor einbrechender Nacht eine möglichst große Strecke zwischen sich und die Stadt zu bringen; Herr Bochner konnte das Pferd zurückreiten, oder man ließ es frei laufen, wohin es wollte. Die Satteldecke trug das eingestickte Wappen des Gouverneurs, jeder Jakute kannte es und würde das Tier seinem Gebieter wieder zuführen.

Der Morgen war mäßig kalt, und die Sonne schien hell vom Himmel herab. Wie ein Rausch überfiel der Gedanke an die Heimat, an Deutschland, das Bewußtsein des jungen Mannes – er fühlte, wie ihm das Herz schneller schlug, wie neues Leben durch alle seine Adern rann. Freiheit! Freiheit! Das Erdendasein besitzt keinen schöneren, keinen süßeren Klang als den dieses Wortes.

44 Die Meilen flogen; nach drei Stunden sah Hermann einen feinen blauen Rauch, der sich vom Boden in die Luft erhob, er hörte Schüsse und bemerkte, daß von einem Flug ziemlich großer Vögel mehrere jählings zu Boden stürzten. Ohne allen Zweifel lagerte an dieser Stelle Herr Bochner mit den beiden Kindern.

Hermann ließ, als er menschliche Gestalten unterscheiden konnte, das Taschentuch durch die Luft flattern – ein ähnliches Zeichen antwortete ihm, Treu bellte, Otto rief Hurra, und Emma klatschte in die Hände. »Gerettet! Gerettet! – Dem Himmel sei Dank!«

»Hurra! Hurra!«

Die letzten Schritte wurden schnell durchmessen, dann sprang Hermann vom Pferde und umarmte voll Freude die Seinigen und den Tanzlehrer, der sich als wahrer Freund in der Not erwiesen hatte. Drei wilde Enten waren unter den vorhin gehörten Schüssen gefallen und wurden eben jetzt von dem Allerweltskünstler, Herrn Bochner, zierlich in einer Eisenpfanne gebraten. Der Schlittenwagen barg alle Gerätschaften, welche das tägliche Leben erfordert; was etwa unser Freund übersehen hatte, das fügte der reisekundige Wiener sofort hinzu – es fehlte nichts als nur die frische Milch; auf diesen Genuß mußten die Reisenden viele Monate hindurch verzichten.

Als die Enten gar waren, bot Emma den Herren das Gericht auf Brotschnitten dar, einige getrocknete Früchte kamen hinzu, ein paar Tropfen Wein für jeden und außerdem frisches Wasser. Das Mahl schmeckte herrlich, Treu zermalmte die Knochen, auch der Jakute bekam seinen Anteil, und dann wollte sich die kleine Gesellschaft wieder in Bewegung setzen, als plötzlich Otto auf dem Baume, welchen er zu seinem Privatvergnügen erklettert hatte, einen Laut des Schreckens hervorstieß.

»Hermann! – Hermann, es kommt ein Reiter!«

Der junge Mann sprang hastig auf. »Einer nur? – Wo, Otto, wo?«

»Des Weges, den Du kamst, Hermann! Er reitet langsam.«

»Ist es denn ein Eingeborner, Kind? Oder ein Kosak?«

»Keins von beiden. Der Mann trägt einen Pelz – und hat im Arm eine Kugelbüchse.«

Hermann und der Tanzlehrer sahen einander an. Sollte es Jermak sein? – Aber was konnte er allein ausrichten wollen?

Emma zitterte, sie packte mit schnellem Griff alles in den Wagenkasten und befahl dem Jakuten, die Pferde anzuspannen. »Komm zu mir, Otto, komm rasch – großer Gott, wir müssen flüchten. Es wäre mein Tod, wieder in die Gefangenschaft zurückzukehren!«

Herr Bochner und Hermann zwangen sie mit sanfter Gewalt, von dem Gedanken der Flucht abzusehen. »Ist es wirklich Jermak«, sagte 46 der letztere, »so giebt er im Augenblick, wo die Pferde anziehen, Feuer und schießt in den Wagen.«

Der Tanzlehrer schüttelte den Kopf. »Er braucht nur dem Jakuten ein einziges Wort zu sagen, und der Kerl fällt vor Furcht auf die Kniee. Einem Warnak bei der Flucht behilflich gewesen zu sein, bringt auch den freien Russen in die Sklaverei der Grünspangruben.«

»Du großer Gott – der Jakute ist also nicht unser Verbündeter?«

»Behüte! Sie dürfen ihn nicht das Geringste merken lassen, mein Fräulein.«

Diese Unterhaltung wurde natürlich in deutscher Sprache geführt, der Eingeborene hatte also kein Wort verstanden, sondern schirrte dem erhaltenen Befehle gemäß die Pferde an den Wagen, ohne sich viel um den Seelenzustand derjenigen, welche ihn bezahlten, zu kümmern. Während das geschah, wurde der Reiter allen Genossen des eben beendeten Mittagsmahles deutlich sichtbar – auch Treu sah ihn und knurrte ärgerlich.

Hermann spannte die Hähne seiner Büchse, der Tanzlehrer that das Gleiche. »Es ist der Polizeimeister«, flüsterte er, »man erkennt ihn an seiner Größe.«

»Ich glaube es auch«, bestätigte Hermann.

»O Himmel, Himmel, dann ist alles verloren.«

Hermanns Blicke mahnten das weinende Mädchen zur Vorsicht. Der Jakute durfte um keinen Preis einen Verdacht schöpfen.

»Wir werden verfolgt«, sagte er kurz, »und wir müssen uns verteidigen – Du sollst sehen, daß ich diese Pflicht erfüllen kann.«

Emma schüttelte den Kopf. »Verteidigen?« wiederholte sie; »womit?«

Hermann legte stumm die Hand an das Gewehr. Er wollte sein eigenes Leben und das der Seinigen teuer verkaufen – Emma sah es schaudernd.

Der Polizeimeister kam langsam näher. Er hatte seit der ersten Begegnung mit dem jungen Deutschen denselben immerfort heimlich überwachen lassen, er kannte den Fluchtplan in allen Einzelheiten und kam nun selbst, um sich für das Vergangene eine herbe, ja boshafte Genugthuung zu verschaffen – er wollte den Sträfling zurückbringen nach Jakutsk und womöglich in die Bergwerke von Ukbul.

Nicht Haß noch gemeine Rachsucht schrieben ihm diese Handlungsweise vor, er wünschte vielmehr nur, sich durch die That von dem auf ihm ruhenden ehrlosen Verdachte zu reinigen und vielleicht, wenn ihm das Glück günstig war, wieder aus Sibirien in die gebildete Welt zurückversetzt zu werden.

In der Entfernung von etwa zwanzig Schritten hielt er an und sprang vom Pferde, das er an einen Baum band; dann ging er auf den Flüchtling zu.

47 Hermann erhob sich gelassen. Die beiden Männer – Todfeinde in diesem Augenblicke – standen einander Auge in Auge gegenüber.

»Sind Sie zur Jagd gegangen, Herr Brandt?« fragte der Polizeimeister, während ein Lächeln voll innerlicher Genugthuung seine Lippen umspielte.

»Wie Sie sehen!« versetzte im selben Tone unser Freund.

»Ach! – Und auch Ihre Fräulein Schwester ist mit von der Partie? Der Knabe sogar! Sie fürchten also weder die schlechten Wege, noch etwaige unangenehme Begegnungen?«

»Keineswegs!« rief Hermann. »Wir machen, mit den Pässen des Herrn Gouverneurs versehen, eine Reise nach Aldanska, und zwar um Land und Leute kennen zu lernen. Bisher wußten wir davon nur einiges aus den Erzählungen –«

»Der reisenden Händler und Burjätenhäuptlinge, nicht wahr? – Ihre Kenntnisse müssen überhaupt sehr unvollständiger Natur gewesen sein, mein werter Herr Brandt; denn vor etwa fünf Stunden wußten Sie, wie es scheint, von der gegenwärtigen Reise noch nichts.«

Hermann lächelte. »Oder ich hielt mich nicht verpflichtet, dem Herrn Polizeimeister von meinen Privatangelegenheiten Mitteilung zu machen«, sagte er ruhig.

»Auch das!« versetzte Jermak. »Ich reise selbst in diesem Augenblick nach Aldanska.«

»Ach, wirklich? – In unserer Gesellschaft, wie ich hoffe.«

»Das ist nicht meine Absicht, Herr Brandt! Ein einzelner Reiter kommt schneller hin als ein Wagen mit mehreren Personen.«

»Aber Sie haben keinen Führer!«

Jermak lächelte. »Ich kenne den Weg«, sagte er zuversichtlich.

Während dieser kurzen Unterredung hatte er den Tanzlehrer erkannt, den Wagen gesehen und die Mienen der Flüchtlinge studiert – er wußte genug, um im Galopp vorausreiten und in Aldanska eine Schar von Kosaken aufbieten zu können. Hermann seinerseits durchschaute vollkommen diese Absicht, er vertrat kurz entschlossen dem Beamten den Weg. »Wir reisen miteinander, Herr Jermak, oder – Sie kommen nicht von der Stelle. Ich schwöre es Ihnen.«

»Das ist auch meine Ansicht!« bestätigte mit tiefer Verbeugung der Tanzlehrer.

Jermak sah von einem zum anderen. »Und Sie werden derselben nötigenfalls durch Ihre Kugelbüchsen Nachdruck verleihen, nicht wahr?«

»Nötigenfalls – ja!«

»Dann stände das Spiel für mich ziemlich ungünstig, meine Herren. Ich werde mit Ihnen nach Aldanska reisen.«

48 »Das erwartete ich«, versetzte trocken der Deutsche. »Bevor indessen die Fahrt fortgesetzt wird, möchten Herr Bochner und ich noch einige Enten schießen. Es befinden sich in der Umgebung des Teiches, den Sie dort sehen, zahlreiche Schwärme, wir können uns also leicht ein angenehmes Abendessen verschaffen.«

Der Polizeimeister verbeugte sich. »Wie Sie wollen«, sagte er, »ich werde Sie hier erwarten, denke ich.«

Hermann sah ihn an. »Und die Waffe da auf Ihrer Schulter, Herr Jermak – ist es nicht eine Jagdflinte?«

»Ja. Fürchten Sie etwa, daß ich in Ihrer Abwesenheit Ihre Fräulein Schwester oder den Knaben erschieße?«

Hermann lächelte. »Schwerlich, Herr Jermak. Aber Sie könnten sehr wohl ein Einverständnis mit dem Jakuten anbahnen – er ist nicht unser Vertrauter.«

Der Beamte zuckte die Achseln. »Sie beide, Herr Bochner und Sie, Herr Brandt, sind bis an die Zähne bewaffnet, der Jakute hat nichts als die bloße Faust, ich selbst besitze eine leichte Jagdflinte – die Partie wäre also vollständig ungleich; denn wie ich sehe, hält sogar Ihr junger Bruder eine Pistole zwischen den Fingern.«

»Auf die er gut eingeschossen ist, ja, Herr Jermak.«

»Ah – ich darf mich also vorläufig auf einen Kampf nicht einlassen. Doch giebt es ein anderes Mittel, an das ich von vornherein dachte. Sie kennen meine und Ihre Stellung, Herr Brandt, Sie wissen, daß mich das Gesetz ermächtigt, Sie zu verhaften – wohl, ich befehle Ihnen, mit mir nach Jakutsk zurückzukehren. Was Herrn Bochner, Ihre Fräulein Schwester und den Knaben betrifft, so können diese gehen, wohin es ihnen beliebt. Entscheiden Sie selbst, Herr Brandt, ob meine Forderung auf dem Boden des Gesetzes steht oder nicht, und ferner, ob Sie als russischer Unterthan dem Gesetze des Kaisers zu gehorchen haben oder nicht?«

Eine tiefdunkle Röte erschien auf Hermanns hübschem Gesichte. »Mein Fall bildet eine Ausnahme«, antwortete er, »ich kann dem Gesetze diesmal nicht gehorchen, da es mir ein Unrecht zufügt – ich will womöglich aus Rußland flüchten, Herr Polizeimeister, und ich will, daß Sie mich jetzt auf die Entenjagd begleiten, oder ich schieße Ihrem Pferde eine Kugel durch den Kopf und lasse Sie hilflos hier zurück. Ich muß es, um ungefährdet den nötigen Vorsprung zu gewinnen.«

Jermak wandte sich ab. Der stumpfsinnige Jakute war eingeschlafen, der Wagen stand bespannt da, und drei Pistolenmündungen starrten ihm, wohin er sah, entgegen – er mußte warten.

»Gehen wir!« sagte er. »Ich werde mit Ihnen Enten schießen!«

49 Im innersten Herzen dachte er: Zwischen den Zwergcedern am Ufer des Teiches werde ich mich unvermerkt davonschleichen können.

Hermann bat mit den Augen den Tanzlehrer, bei seiner Schwester zu bleiben, dann ging er, auch den Hund zurückscheuchend, mit dem Polizeimeister zum Rande des träge fließenden Gewässers, wo beide sogleich verschiedene Enten aufjagten und erlegten. Plötzlich sah der Deutsche einen ganzen Flug dieser Tiere weiterhin zwischen den Gebüschen, und einen Augenblick seinen Feind vergessend, schlich er nach. Die Schüsse fielen, eine reiche Beute war erlangt, aber um teuren Preis. Als Hermann aufblickte, hatte sich der Polizeimeister heimlich zu entfernen gewußt.

Wohin? Bis zu seinem Pferde durfte Jermak unter keiner Bedingung gelangen.

Unser Freund brachte zuerst zwischen sich und das offene Feld die Deckung der Gebüsche. Jetzt rann alles Blut siedend heiß durch seine Adern, er war zum Äußersten entschlossen. Wenn der Russe nach Jakutsk zurückkam und dort berittene Kosaken aufbot, so mußte schon am nächsten Tage der Reisewagen überholt werden.

Das durfte nicht geschehen. Lieber sollte eine Pistolenkugel zwischen ihm selbst und dem gefährlichen Gegner ein für allemal entscheiden.

Er schlich, immer unter Deckung, Schritt um Schritt vorwärts, bis er plötzlich, dicht vor sich, zwischen den Zwergcedern die hohe Gestalt des Beamten entdeckte. Jermak ging gebückt, er hatte das Gewehr an den Riemen gehängt, um beide Hände frei zu behalten.

Nur noch zwanzig bis dreißig Schritte trennten ihn von seinem an einem Baumstamm befestigten Pferde.

Vor Hermanns Blicken schimmerte es rot, er fühlte, daß es galt, jetzt zu handeln oder sein Spiel verloren zu geben. Die Hand mit der Pistole erhob sich, der Schuß krachte, und – die gebückte Gestalt des Polizeimeisters war plötzlich verschwunden.

»Tot!« dachte eisig durchschauert unser Freund. »Tot! – Ich habe einem Menschen das Leben geraubt.«

Er war aschbleich, seine Hand suchte tastend eine Stütze. Ob der Unglückliche noch lebte, im Todeskampfe auf der kalten Erde lag?

Er horchte. Kein Laut drang durch die stille Luft.

»Nein, nein, Jermak ist tot – ich muß mich beeilen, den Vorteil auszunutzen.«

Er bekämpfte mit Mühe die gewaltige Aufregung seines Innern; während seine Kniee kaum die Last des Körpers trugen, ging er vorwärts, um den Wagen zu erreichen.

Emma hatte eine kleine Erhöhung neben demselben erklettert, sie schützte die Augen mit der Hand und spähte emsig umher. Als Hermann 50 allein zurückkam, als sie seinen Zustand bemerkte, schien das junge Mädchen vom Schwindel erfaßt zu werden. Langsam an einem Baume zu Boden gleitend, sank sie ohnmächtig auf das feuchte Moos des Weges.

Hermann sprang mit drei Schritten hinzu und hob seine Schwester auf, dann träufelte er ein wenig Branntwein aus seiner Feldflasche zwischen ihre Zähne.

Schon nach einigen Minuten kehrte Emmas Bewußtsein zurück, sie öffnete die Augen und sah verwirrt umher. »Ach, Hermann, Hermann«, bebte es über ihre Lippen, – »was hast Du gethan? – Er ist tot, ermordet!«

Der junge Mann wechselte die Farbe. »Es geschah für Dich, Emma, für Otto! – Meinetwegen würde ich es nicht gethan haben.«

Emma rang die Hände. »Und was beginnen wir jetzt?« fragte sie nach einer Pause.

»Wir setzen natürlich so schnell, als es die Verhältnisse gestatten, unsere Reise fort.«

Er drückte dem Tanzlehrer stumm die Hand, gab dem Jakuten mehrere erlegte Enten und Rebhühner und half dann seiner Schwester in den Wagen.

»Vorwärts!« befahl er möglichst ruhig.

Der Eingeborene deutete mit dem Peitschenstiel auf das Pferd des Polizeimeisters. »Und dies Tier?« fragte er in der halb stumpfsinnigen Weise seines Volkes.

Hermann nickte. »Das Tier muß sterben«, sagte er, »es ist krank und untauglich.«

Dann schoß er mit sicherer Hand eine Kugel in das Herz des Opfers.

Der Jakute trieb die Pferde an, lief neben dem Wagen her und sang mit näselnder Stimme ein Lied, dessen Text er während des Vortrages dichtete. Es war eine schreckliche, zur tiefsten Traurigkeit stimmende Musik.

Unter den Gliedern der kleinen Reisegesellschaft herrschte drückendes Schweigen, Emma wischte verstohlen die Thränen aus den Augen – niemand sprach.

»Gott vergebe mir«, dachte unser Freund, »ich konnte nicht anders als nur so handeln.« – – – 51

 


 

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