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Gerettet aus Sibirien

Sophie Wörishöffer: Gerettet aus Sibirien - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleGerettet aus Sibirien
authorSophie Wörishöffer
year1890
firstpub1885
publisherFerdinand Hirt & Sohn
addressLeipzig
titleGerettet aus Sibirien
pages224
created20111118
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.

Fluchtpläne.

Die Eisschollen waren langsam aufgebrochen, und die Erde hatte ihre Opfer erhalten. Jetzt, wo der Verbannte gestorben war, konnte Hermann ohne Furcht seinem gütigen Gebieter mitteilen, in welchen Beziehungen er zu ihm und den beiden nachgelassenen Kindern stand; denn Emma und Otto waren vollkommen freie russische Unterthanen, welche nach ihrem Belieben wohnen durften, wo sie wollten, und denen es auch zu jeder Stunde freistand das unwirtliche Sibirien zu verlassen; ihnen konnte also kein Leid geschehen. Der Minenbesitzer war aber auch von böswilligen Absichten weit entfernt, er erlaubte es seinem Sekretär, draußen in der einsamen Hütte bei den Geschwistern zu wohnen, und verschaffte außerdem durch seine Frau dem jungen Mädchen lohnende Arbeit und dem Knaben eine Freistelle in einer guten Schule.

Er war ein braver Mann, der Kalmück, aber ehrsüchtig über alle Maßen, daher dachte er nicht daran, den jungen Deutschen entbehren zu wollen; Hermann mußte durch die Schärfe seiner Urteile und die Gewandtheit, mit der er schrieb, ihm selbst noch manches Lorbeerblatt einheimsen – überdies war er ja ein Sträfling, konnte sich glücklich schätzen, nicht mit Meißel und Hammer tief unter der Erde das Gestein zu bearbeiten.

30 So wenigstens dachte Herr von Nadeieneff. Hermann dagegen fing an, sich nach und nach dem Fluchtplane wieder zuzuwenden. Sollte er selbst immer ein Lohnschreiber bleiben, von jeder Laune, von dem Leben und Sterben seines Gebieters vollkommen abhängig? Sollte der arme Otto, wenn er die Schule verlassen hatte, bei einem Handwerker in die Lehre treten?

Nein, nein, die Flucht war das einzige und notwendige Rettungsmittel, und Hermann begann dieselbe vorzubereiten. Herr von Nadeieneff, froh, einen klugen, zuverlässigen und dabei ehrlichen Untergebenen zu besitzen, hatte seinen Sekretär gleichsam zum Hausmeister bestellt; Hermann mußte allen Bedarf einkaufen, mit den Erzhändlern verkehren, Gelder auszahlen und Verträge schließen – er erhielt dabei unbemerkt die günstigste Gelegenheit, mit den eingeborenen, immer auf Reisen begriffenen Kaufleuten zu sprechen und sie über die Wege durch Sibirien in jeder Weise auszufragen, ebenso auch die Lage aller Kosakenstationen im Innern des Landes kennen zu lernen, überhaupt jede Einzelheit, die er wissen mußte um glücklich Hunderte von Meilen weit das Eis und die Tundren zu überfliegen, die Gebirge und Ströme, hinter denen sich wie ein Zaubergarten weit und verheißend das Land der Freiheit öffnete.

Hermann ging sehr vorsichtig zu Werke; er ließ sich von einem der Woll- oder Theehändler den Weg genau beschreiben, zeichnete danach einen Plan und fragte dann einen zweiten Kaufmann. Erst wenn fünf oder sechs Angaben völlig übereinstimmten, verfertigte er des Nachts hinter verschlossenen Thüren eine Karte, die nun wie ein Schatz von unermeßlichem Werte versteckt gehalten wurde, indes wieder ein weiterer Teil des Reisewegs bei den Burjäten oder Tschuktschen im Bazar zur Schilderung gelangte.

Außer dieser so nötigen Vorbereitung betrieben Hermann und Emma noch eine andere, die nicht minder wichtig war; sie sparten Kopeke nach Kopeke, um einen Schlitten, ein Gespann und Mundvorräte kaufen zu können; Herr von Nadeieneff in seiner weitgehenden Gutmütigkeit half ihnen bei diesem Unternehmen, ohne es zu wissen, auf das beste; er besorgte nämlich Hermanns Briefe an seinen Onkel in Deutschland und auch die eingehenden Antworten desselben, Schriftstücke, welche mit Hunderten von Rubeln beschwert waren. Ein Verbannter darf mit keinem Menschen brieflich verkehren; wenn er aber einen freien Russen findet, der dazu seine Adresse unter völliger Geheimhaltung herleiht, so ist natürlich die Polizei außer stande, das Ganze zu hintertreiben; Hermann erhielt durch den Kalmücken die in deutscher Sprache geschriebenen Briefe seiner Verwandten, ihre wärmsten Liebesworte und mehr bares Geld, als er gebraucht hätte, um zehn Schlitten auszurüsten. So standen die Dinge, als ein 31 unerwarteter Zwischenfall den fast schon zur Ausführung vorgeschrittenen Fluchtplan plötzlich wieder ganz zerstörte.

Der Gouverneur von Jakutsk, auf einer Inspektionsreise begriffen, kam bei dieser Gelegenheit auch nach Irkutsk und in die Geschäftsräume des Herrn von Nadeieneff, wo er außerordentlich höflich, aber auch ebenso bestimmt darum bat, ihm den Verbannten, Hermann Brandt, um seiner besonderen Tüchtigkeit willen als Sekretär zu überlassen und zwar ohne allen Zeitverlust gleich heute.

Der Kalmück schnitt ein klägliches Gesicht, aber es fiel ihm nicht ein, sich zu weigern. Der Gouverneur einer russischen Provinz läßt sich nicht widersprechen, das wußte Herr von Nadeieneff und stammelte ein trostloses: »Ja!« Hermann selbst wurde bei der Sache nicht einmal zum Scheine gefragt, er war ein Sträfling und als solcher ein Sklave.

Außer sich, ganz in Verzweiflung kam er nach Hause. »Jetzt ist alles verloren!« rief er und warf sich ächzend auf den nächsten besten Stuhl. »Alles!«

»Aber warum denn?« fragten Emma und Otto wie mit einer Stimme. »So sprich doch, Hermann, Du erschreckst uns!«

Er erzählte ihnen alles, er ballte die Fäuste vor Wut. »Das hat die Denkschrift verursacht!« rief er grollend. »Ich wollte, ich hätte nie buchstabieren gelernt!«

Erst nach längerer Zeit gelang es den beiden anderen, ihn einigermaßen zu beruhigen. »Könntest Du aber nicht einwenden, daß Du hier in Irkutsk für uns sorgen, uns ernähren mußt?« warf Emma ein. »Das ist doch zum großen Teil Wahrheit.«

»Habe ich sofort versucht – ohne Nutzen natürlich. ›Packen Sie Ihre Fräulein Schwester und den Knaben auf den Schlitten‹, hieß es, ›sie können ebenso gut in Jakutsk als in Irkutsk leben – ich sorge für alles; das mag Ihnen genügen.‹«

»Ach«, rief Emma, »so werden wir wenigstens nicht getrennt!«

»Das freilich nicht, aber ganz gewiß schärfer bewacht als hier, wo Herr von Nadeieneff ebenso leicht zu hintergehen gewesen wäre, wie ein kleines Kind.«

»Packe nur zusammen, was Du mitnehmen willst«, fügte er hinzu. »In einer Stunde müssen wir unterwegs sein.«

»Aber meine angefangenen Arbeiten!« rief Emma.

»Und meine Schulaufgaben! Ich sollte gerade heute – nachsitzen.«

Jetzt lachten die beiden älteren Geschwister, und Hermanns Zorn begann zu schwinden. »Es hilft nichts«, sagte er seufzend, »wir müssen gehorchen. Laß alles stehen und liegen, übergieb einer zuverlässigen Nachbarin alle Besorgungen und packe ein, was Du mitnehmen möchtest. Der Schlitten holt Euch hier ab.«

32 Er lief so eilig, wie er gekommen war, wieder fort, um seine jetzt zwei stattliche Koffer füllende Habe zusammenzusuchen und behielt kaum Zeit zum Abschied von Herrn von Nadeieneff, als auch schon die Troika des Gouverneurs vorfuhr, um ihn aufzunehmen – eine Stunde später hatte die Reise begonnen.

»Den Verkauf Deines Hausgerätes besorgt Herr von Nadeieneff«, seufzte Hermann. »Er schickt uns den Erlös nach – Gott sei gelobt, daß wir wenigstens mit Geld reichlich versehen sind; es ist in diesem Unglück der einzige Trost.«

Die Troika des Gouverneurs flog dem Zuge voraus, dann folgten sechs andere, die seine Bedienung nach Jakutsk brachten, in ihrer Mitte fuhr die der drei Geschwister mit »Treu«, dem kleinen Hunde, welchen Emma gehalten hatte, um in der einsamen Hütte etwas Schutz zu besitzen, und den sie natürlich jetzt mit sich nahm.

Treu bellte lustig, und Otto freute sich herzlich der Fahrt mit Peitschenknall und klingenden Schellen – die beiden jungen Leute dagegen waren sehr ernst. Wie würde sich jetzt ihre nächste Zukunft gestalten?

Eine bange, bange Frage – eine Centnerlast auf dem angstvoll schlagenden Menschenherzen. Wer sie nie sich selbst und dem Schicksal stellte – »der kennt Euch nicht, Ihr himmlischen Mächte«.

Sechshundert Meilen, teils in der Troika, teils in einem »Powosok« (Flachboot) bei strenger Kälte verbracht, wurden von dem hohen Beamten und seinem Gefolge zurückgelegt; dann war Jakutsk nach etwa sechs Wochen erreicht. Eine schwere, anstrengende Reise, während welcher täglich um die dritte Nachmittagsstunde schon völlige Finsternis herrschte.

Eine bequeme Wohnung wurde den ganz Erschöpften angewiesen und eine gute Mahlzeit aufgetischt. Emma fand sich besser, weit eleganter eingerichtet als jemals seit ihrer Verbannung aus den Ostseeprovinzen – Otto sollte sogar mit den eigenen Kindern des Gouverneurs erzogen werden.

Dafür sind wir bewacht wie Gefangene, dachte seufzend der junge Mann.

General K . . . . . ., der Gouverneur, hatte ihn für den nächsten Vormittag in seine Privatwohnung befohlen, um ihn den Damen des Hauses vorzustellen; er mußte natürlich mit Frack und Handschuhen erscheinen. Vor dem Palast stieß er plötzlich auf einen alten Bekannten. »Herr Bochner!« rief er voll Erstaunen; »Sie sind also hier?«

»Leibhaftig!« entgegnete mit treufestem Händedruck der Wiener. »Ich mache es wie der ewige Jude, ich kenne keine bleibende Stätte!«

34 Hierauf geleitete er Hermann zu der Generalin und stellte ihn in aller Form vor. Die Familie hatte zwei Töchter und mehrere Söhne im Alter von zwölf bis zu achtzehn Jahren; alle machten ihre Ansprüche an den neuen Sekretär sofort in der liebenswürdigsten Weise geltend. Die jungen Mädchen wollten bei ihm Deutsch und Französisch lernen, der älteste Sohn mit ihm auf die Jagd fahren und die Knaben alles Mögliche von ihm geschnitzt, geklebt und getischlert haben. »Herr Brandt ist ein Tausendkünstler«, hatte Papa gesagt, »er versteht alles.«

Unser Freund befand sich wieder in einem Salon, in der feinsten Gesellschaft – er glaubte zu träumen. Der Minensträfling hatte sich in den eleganten Kavalier verwandelt; anstatt die Spitzaxt zu handhaben, saß er am Piano und spielte Kompositionen von Schumann und Robert Franz.

Später ging er mit dem Tanzlehrer durch die Stadt, wobei ihm dieser über alle Verhältnisse des dortigen Lebens und besonders die im Hause des Gouverneurs auf das bereitwilligste Auskunft erteilte; dann erinnerte er seinen jungen Bekannten auch an jenen Sträfling mit dem zerfetzten Gesicht, der damals in Ukbul auf dem Schub nach der Festung Akutia unterwegs war. »Dieser Bursche ist entsprungen«, sagte er, »es gelang ihm, seine ehemaligen Genossen wieder zusammenzubringen, und die Bande ist jetzt der Schrecken der Umgegend – sie stehlen aus dem Boden das Gold und die Diamanten, verschmähen es aber auch keineswegs, Reisende auszuplündern. Sollten Sie wirklich von dieser skandalösen Geschichte noch nichts gehört haben, Herr Brandt?«

»Kein Wort«, versetzte Hermann. »Aber ist es denn im Grunde etwas so Besonderes, daß ein entsprungener Straßenräuber nochmals stiehlt?«

Herr Bochner lächelte. »Das nicht, aber wenn es ihm zunächst gelingt, allen Anstrengungen des Polizeimeisters Trotz zu bieten und außerdem den Sohn, den eigenen Sohn dieses Mannes, mit zu seiner Bande herüberzuziehen – das ist arg, sollte ich meinen!«

»Freilich«, gestand Hermann, »dergleichen passiert nicht alle Tage. Der arme Vater!«

»Nicht wahr? Die ganze Stadt bedauert ihn. Herr Jermak ist selbst ein politisch Verbannter, wenn man es so nehmen will, er –«

»Bitte«, unterbrach Hermann, »er ist doch nicht derselbe, welcher vor einem reichlichen Jahre als Polizeimeister in Kiew waltete?«

»Derselbe«, nickte Herr Bochner, »just derselbe. Man entdeckte damals eine Studentenverbindung; es hatten unter den Augen der Polizei allerhand Umtriebe stattgefunden, der Rädelsführer wurde verschickt, und 35 später auch Herr Jermak als Polizeimeister hierher kommandiert – zur Strafe natürlich.«

Hermann erschrak heimlich. »Der sogenannte Rädelsführer war ich!« rief er aus; »die ganze Geschichte ist ein abgekartetes Spiel. Wie unangenehm ist mir das alles.«

»Sie meinen, Herr Jermak werde Ihnen etwas am Zeuge zu flicken suchen. Das glaube ich nicht, er ist ein sehr gerechter und sehr unglücklicher Mann, der mit seinem ältesten Sohne alles mögliche Schlimme erlebt. Dieser mißratene Sohn spielt, trinkt und haßt jegliche Arbeit – jetzt ist er, wie gesagt, unter die Golddiebe gegangen.«

Hermann antwortete nicht. Der Polizeimeister würde ihn erkennen und in dem natürlichen Verlangen, sich selbst wieder in Gunst zu setzen, scharf bewachen, er würde den Fluchtplan von seiner Stirn lesen und denselben zu verhindern wissen.

Eine tiefe Entmutigung begleitete diesen Gedanken. So nahe am Ziel, wurde er zum zweitenmal jählings von einem unerwarteten Hindernis zurückgeworfen – unter Jermaks Augen ließ sich die Flucht nicht bewerkstelligen, das fühlte er.

»In Ihnen besitze ich hoffentlich einen Freund und Ratgeber«, sagte er seufzend zu dem Tanzlehrer, als sich dieser später von ihm verabschiedete. »Mein Los ist ein recht hartes.«

Herr Bochner drückte ihm die Hand. »Verlassen Sie sich auf mich, mein junger Landsmann«, erwiderte er. »Wenn die Stunde kommt, so stehe ich Ihnen bei!«

»Welche Stunde?« rief Hermann, während dunkle Glut sein Gesicht überflog.

»Hm – diejenige, welche. Das findet sich erst wenn wir um mehrere Monate älter sind, denke ich.«

Und dann ging er davon, die Violine in der Brusttasche wie immer, ganz in Pelze gehüllt und mit unglaublich scharfer und dünner Stimme ein deutsches Lied singend.

»Freiheit, die ich meine, die mein Herz erfüllt!« – –

Hermann verstand ihn wohl. Besser urteilend als damals der Sträfling in Ukbul, erkannte er das treue selbstlose Herz des Wieners und freute sich, unter allen den fremden, feindlichen Menschen wenigstens eine Seele gefunden zu haben, auf die er sich in Not und Tod verlassen durfte.

Nur der Gedanke an den Polizeimeister quälte ihn sehr. Wenn wenigstens die erste Begegnung schon überstanden wäre! – –

Allein während der nächsten Tage geschah nichts dergleichen; der Gouverneur hatte Hermanns Paß an sich genommen und alle nötigen 36 Schritte selbst gethan, unser Freund saß wieder, wie in Irkutsk, hinter Bergen von schriftlichen Arbeiten, indes Emma und Otto ganz im Verborgenen lebten, um von möglichst wenigen Menschen gekannt zu werden.

Herr Bochner hatte ihnen seinen Besuch abgestattet, er war im hechtgrauen Anzuge, mit dito Glacés und einem Cylinder von Pariser Form in der bescheidenen Wohnung erschienen und wußte sich sowohl bei dem jungen Mädchen, als auch bei dem Knaben auf das beste einzuführen; er versprach auch sogleich, für Fräulein Emma passende Beschäftigung aufzusuchen und brachte bei seinem weiteren Erscheinen unter dem Pelz ein paar langhalsige Flaschen mit, auf deren Etiketten mit großen Buchstaben die Bezeichnung »Champagner« geschrieben stand.

»Bloßer Birkensaft«, erläuterte pfiffig blinzelnd der kleine Herr, »aber er schäumt brillant. Die Generalin nimmt für ihre Gesellschaften nichts anderes.«

»Sind sie denn auch Weinfabrikant, Herr Bochner?« lachte Hermann.

»Gewiß! Auch Theehändler, Perlenhändler, Pelzhändler und Fabrikant von Damenhüten, schönstes Fräulein Emma! Ich werde Ihnen für den nächsten Frühling ein Barett aus weißem Stroh und Veilchen konstruieren, Halbtrauer natürlich – es wird reizend aussehen.«

Das junge Mädchen lachte; die ganze kleine Familie hatte sich mit dem liebenswürdigen Wiener sehr bald befreundet, namentlich als er ein bescheidenes Holzhäuschen auftrieb, das ohne jene abscheulichen Pallisaden war, welche in ganz Jakutsk vor der Vorderseite der Gebäude stehen und so die Straßen auf das äußerste verunzieren. Herr Bochner brachte bald dieses, bald jenes kleine Geschenk, er erzählte Neuigkeiten, er schlug Nägel ein und malte, kurz, er war im besten Sinne des Wortes ein lieber, väterlicher Freund, der die Herzen tröstete und den Mängeln des Rauchfanges abhalf, der in den Seelen der vereinsamten Kinder die Hoffnung wachhielt und ihre Speisekammer mit Leckerbissen füllte.

Hermann konnte am Morgen ruhig in seine Schreibstube gehen; er wußte, daß sein alter Freund wenigstens einmal täglich vorsprach und daß Emma und Otto in ihm einen treuen Beschützer und Verteidiger gefunden hatten.

In Sibirien giebt es bekanntlich keine Betten; man schläft auf Pelzen und deckt sich auch mit diesen zu. Herrn Bochners Vorräte wurden, als er für Emma und die beiden Brüder je einen behaglichen Alkoven gezimmert hatte, ganz außerordentlich in Anspruch genommen, besonders erhielt das junge Mädchen mehrere prachtvolle Tigerfelle und Bärenpelze, die am Tage unter ihrem Stuhle lagen – kurz, es ging den Geschwistern gut, soweit eben überhaupt ihrer Freiheit beraubte Menschen glücklich sein können.

37 Die Sonne stand jetzt nur noch zwei Stunden lang am Himmel, dann folgte undurchdringliche Finsternis; es war gegen den Dezember hin, wo die zweimonatliche Nacht beginnt, wo das weiße, dichte Gewand von Schnee die Häuser und die Straßen bedeckt, fast das Dach eindrückend, fast den Durchgang sperrend, wo der Wind Ströme von Eis mit sich führt und das Thermometer unter vierzig Grad herabsinkt.

Emma schauderte. »Mir ist, als würde nie wieder Tag, nie Frühling werden«, sagte sie.

»Hm«, meinte Herr Bochner, »ich weiß nicht, ob Ihnen der sibirische Lenz, wenn er kommt, auch wirklich zusagt, mein Fräulein. Man versinkt oft bis an die Brust in den Schnee, man wird vom Wind ganze Strecken weit fortgewirbelt. Das ist hier ein entsetzliches Land.«

Und Hermann wiederholte im innersten Herzen den Ausspruch. »Wahrhaftig, es ist ein elendes Land, das Sibirien. Ohne die Dazwischenkunft des Gouverneurs könnten wir jetzt gerettet, könnten in Amerika sein.«

Seufzend erhob er sich in der Finsternis des Morgens vom Lager, seufzend schlief er ein. Wann würde die Flucht bewerkstelligt werden können?

Vielleicht nie.

Der Gouverneur zahlte ihm hundert Rubel monatlich, Emma verdiente gut, und die deutschen Verwandten schickten größere Summen; es fehlte an nichts als an dem teuersten, edelsten Gute des Sterblichen, der Freiheit.

Gegen Ende Januar erinnerte unser Freund den ältesten Sohn des Gouverneurs an die beabsichtigten Jagdausflüge, und zu seiner großen Freude durften dieselben ins Werk gesetzt werden. Die Flinte des Generals kam aus dem Versteck hervor, der Schlitten wurde bespannt, und fort ging es durch den Schnee – natürlich zumeist, um die Umgebung kennen zu lernen.

Einmal blieben die jungen Leute zwei Tage aus, einmal sogar drei, alles absichtlich, um die Angehörigen des Gouverneurs und diesen selbst irrezuleiten. Wenn es später geschah, daß Hermann allein fortging und auch am nächsten Morgen nicht wiederkehrte, so konnte man darin nichts Auffälliges finden.

Er handelte von Anfang her vollkommen planmäßig, wie denn auch Emma, seinem Wunsche gemäß, im Salon der Generalin nie erschienen war – es galt, sich keine Ehrenpflicht aufzuerlegen, keine moralischen Fesseln zu schmieden.

An einem kalten Morgen fuhr er allein hinaus, um zu schießen und zu kundschaften – bei dieser Gelegenheit sollte die langersehnte erste Begegnung mit dem Polizeimeister endlich stattfinden. Herr Jermak 38 saß im Schlitten, ganz in Pelze gehüllt, ein hoher, stattlicher Mann mit ergrautem Haar und einem kummervollen, aber angenehmen Gesicht; er ließ, als Hermann anhielt, auch seinen Diener halten und erwiderte ruhig den Gruß des jungen Mannes.

»Herr Jermak«, begann dieser, »ich bedaure aufrichtig das Unglück, welches Sie meinetwegen erleiden. Wir beide sind gleich ungerecht behandelt worden.«

Der Russe verbeugte sich steif. »Der Zar, mein allergnädigster Herr, kann keine Ungerechtigkeit begehen«, versetzte er.

»Das wollen Sie angesichts der Thatsache wirklich behaupten, Herr Jermak?«

»Immer und unter allen Umständen!«

Hermann lächelte spöttisch. »Dann sind Sie glücklicher als ich, mein Herr! Was mich betrifft, so behaupte ich, ohne einen Rechtsgrund in die Verbannung geschickt zu sein. Ich habe keiner unerlaubten Verbindung angehört, habe nichts begangen, das in irgend einer Weise strafbar wäre.«

Der Polizeimeister verbeugte sich kalt. »Während einer Amtsführung von mehr als zwanzig Jahren sind mir sehr selten Verbrecher vor die Augen gekommen, welche nicht ganz das Gleiche gesagt hätten«, versetzte er ruhig, aber mit Nachdruck. »Für mich sind Sie ein politischer Sträfling – das genügt.«

Er gab seinem Kutscher ein Zeichen, und die Troika flog davon. Hermann wußte jetzt, was er bisher nur vermutet hatte, daß ihn Jermak fortwährend bewachte und daß er sich danach sehnte, Genugthuung zu erhalten.

So leicht sollte ihm die Sache aber nicht werden. Hermann besaß zwei Hilfsmittel, welche imstande sind, die Welt aus ihren Angeln zu heben, einen treuen Freund und reichlich Geld – darauf verließ er sich allen Feinden gegenüber.

Die Messe wurde eröffnet, und langsam, ganz unter der Hand, mit größter Vorsicht begann Hermann seine Einkäufe zu machen. In Irkutsk hätte er das ohne Aufsehen bewerkstelligen können; denn dort gab es einesteils einen öffentlichen Bazar, und anderenteils mußte er für den Minenbesitzer täglich mit den Kaufleuten unterhandeln, während sein Dienst hier in Jakutsk ganz anderer Natur war und außerdem alle Verkäufer in ihren eigenen, mit Pallisaden versehenen Häusern saßen. Hermann kannte keinen einzigen persönlich, er mußte daher, um kein Aufsehen zu erregen, die notwendigen Waren in ganz kleinen Mengen kaufen und selbst während der dunkeln Abendstunden auf den Schultern nach Hause tragen.

39 Pemmikan (trockenes, geriebenes Renntierfleisch), Schiffszwieback, Speck, Wurst, Thee, Zucker und Pelze waren es hauptsächlich, die er aufstapelte, dann Lichte, verschiedene Feuerzeuge, Wolldecken und Futter für zwei Pferde, endlich ein leicht bewegliches, völlig eingerichtetes Zelt. Als er dies letztere im Verein mit Otto nach Hause trug, begegnete ihm dicht vor der Thür der Polizeimeister – ganz allein, wie zufällig, und scheinbar ohne die geringste feindselige Absicht, aber mit einem Lächeln, das deutlich sagte: Ich weiß alles und durchschaue Dich vollständig.

Er grüßte kühl. »Nun, Herr Brandt, Sie versorgen sich ja, als sähe unsere gute Stadt mindestens einer Belagerung entgegen!«

Hermann neigte den Kopf. »Das wird schwerlich der Fall sein, Herr Jermak! Man braucht indessen Lebensmittel und Einrichtungsstücke bekanntlich auch zu anderen Zwecken!«

»Ganz gewiß! Zum Beispiel wenn man die Absicht hätte, quer durch ganz Sibirien nach Amerika zu entfliehen.«

Hermann lachte laut, obwohl ihm das Herz zum Zerspringen schlug. »Geben Sie nur gut acht, Herr Jermak«, rief er, »eines Tages bin ich verschwunden! Sie müssen wissen, daß mir Siegfrieds berühmte Tarnkappe zu Gebote steht.«

Damit winkte er dem Knaben und ging weiter, ohne sich um den erbitterten alten Herrn im mindesten zu bekümmern. Seine Aufregung war jedoch an diesem Abend so groß, daß ihn der Tanzlehrer beiseite nahm und spähend in sein erhitztes Gesicht sah.

»Was haben Sie mein Freund? – Nicht wahr, Sie zerbrechen sich den Kopf, unter welchem Vorwande Sie möglicherweise einen Wagen und ein paar tüchtige Pferde kaufen könnten, wo Sie dieselben unterbringen und wo Sie einen jakutischen Führer finden sollen?«

Hermann wechselte die Farbe. »Sie sind kein Spion, Herr Bochner«, murmelte er.

»Wahrlich nicht! Ich will Ihnen auch auf die einfachste Weise aus der Verlegenheit helfen. Sie wissen ja, daß ich immer ein Gespann besitze und immer hin- und herfahre, um zu kaufen und zu verkaufen – nun wohl, jetzt verschaffe ich mir einen größeren Wagen und bessere Pferde; das ist so einfach. Einen Jakuten miete ich auch.«

Hermann drückte beinahe krampfhaft die Hand des liebenswürdigen Wieners. »Das wollten Sie wirklich thun, Herr Bochner?«

»Weshalb nicht? Es ist so einfach, mein Freund – Ihnen dagegen bleibt die viel schwerere, die gefährliche Aufgabe.

»Welche?« fragte erstaunt der junge Mann.

»Sie müssen sich einen Paß verschaffen, müssen den Stempelbogen entwenden und die Handschrift des Gouverneurs nachahmen.«

40 Hermann erschrak. »Das halten Sie für ganz unerläßlich, Herr Bochner?«

»Ganz und gar unerläßlich. Es ist nicht denkbar, auf dem Wege bis an die Grenze des Eismeeres den umherschwärmenden Kosaken immer auszuweichen – Sie würden, wenn ohne Paß, auf der Stelle festgenommen und an den nächsten Esa-ul (Platzkommandanten) ausgeliefert werden.«

Hermann stützte seine heiße Stirn in die Hand. »Ob es mir gelingen wird?« dachte er. »Ob ich nicht der ehrlosen Knutenstrafe anheimfallen muß?«

Er sprach noch lange mit dem gutmütigen Tanzlehrer über alle Einzelheiten des Planes; erst spät in der Nacht schlief er aus Erschöpfung ein, aber am folgenden Morgen war sein Entschluß gefaßt – er wollte sich den Paß verschaffen.

In Irkutsk wäre ihm das ganz unmöglich gewesen, hier dagegen war es ein Leichtes. Ob nicht also doch das Ereignis, welches er damals so bitter beklagte, in der That für ihn und die Seinigen zum Segen gereichte?

Er schlich in das Amtszimmer wie jemand, der ein Verbrechen begehen will. Es ist ein so empörender Gedanke, eine fremde Handschrift nachzuahmen.

Der erste Versuch mißlang, der zweite und dritte auch, aber bei dem zwanzigsten trat die ersehnte Ähnlichkeit zu Tage. Sobald Hermann ruhig geworden war, konnte er den Namenszug des Gouverneurs ohne Mühe auf das Papier werfen.

Der Stempelbogen stand ihm ja zu Gebote, das Petschaft auch, und so war denn der Paß in aller Form ausgestellt – auf einen angenommenen Namen natürlich, und indem Emma und Otto nur als ein junges Mädchen und ein Knabe bezeichnet wurden, die in Herrn Semenoffs, ihres Erziehers, Begleitung reisten.

Herr Bochner prüfte das Papier und fand es ausgezeichnet. »Jetzt brauchen Sie nur noch den Tag zu bestimmen«, sagte er. »Der Wagen steht gepackt; eines Morgens gehen Otto und Emma etwas vor die Stadt hinaus, dort nehme ich sie auf, und ein paar Stunden später folgen Sie ganz öffentlich mit dem Wagen des Gouverneurs und der Flinte auf der Schulter. Sie wollen zur Jagd – Sie kommen vielleicht abends nicht zurück; das alles ist schon dagewesen.«

Hermann atmete tiefer. »Gott möge mir beistehen«, murmelte er.

»Das wird er ohne Zweifel, mein junger Freund, das wird er. Ich habe mir die ganze Sache im Geiste zurechtgelegt! Bis an die Werchojanskischen Berge begleite ich Sie, oder meinetwegen über dieselben hinweg, dann müssen Sie sich in den Wäldern verstecken bis zum ersten Schneefall; 41 denn Spuren darf der Wagen dort nicht hinterlassen. Man entfernt die Räder, und das Gefährt ist ein Schlitten.«

»Sie haben es gleich so einrichten lassen, Herr Bochner? Ach, Sie denken an alles, ich werde Ihnen so tief verpflichtet!«

Der Wiener lachte. »Nichts, nichts«, versetzte er, »ich kenne das Land und handle dieser Kenntnis gemäß; das würde jeder vernünftige Mensch thun. Bestimmen Sie nur – wollen wir die Sache morgen in Angriff nehmen? Denn von Ihrem Hausrat dürfen Sie ja doch kein Stückchen verkaufen, sonst würde Verdacht erregt.«

Hermann nickte. »Ich weiß es, Herr Bochner, ich weiß es. Ja, sagen wir: morgen! – Alle Vorräte sind an Ort und Stelle, der Jakute gemietet – es soll morgen gewagt werden. Das Warten ist unerträglich.«

»Gut. So schicken Sie das Fräulein und den Knaben früh um sechs Uhr auf verschiedenen Wegen zur Stadt hinaus. Ich treffe die beiden vor dem nördlichen Thore.«

Sie drückten sich zum Abschied die Hand, aber der Tanzlehrer kehrte nochmals um. »Sie selbst müssen bis zehn oder elf Uhr ruhig auf dem Amte bleiben«, ermahnte er. »Sollte uns Jermak sehen, so führt ihn sein erster Weg zum Gouverneur.«

»Wo er mich finden wird, verlassen Sie sich darauf, mein Freund.«

»Dann ist alles gut.« 42

 


 

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