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Gerettet aus Sibirien

Sophie Wörishöffer: Gerettet aus Sibirien - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleGerettet aus Sibirien
authorSophie Wörishöffer
year1890
firstpub1885
publisherFerdinand Hirt & Sohn
addressLeipzig
titleGerettet aus Sibirien
pages224
created20111118
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.

Wiedersehen.

Auf Türmen und runden Kuppeln, auf weißen Minarets glänzten die Sonnenstrahlen. Vom hohen Ufer der Angara herab zeigte sich die Hauptstadt des östlichen Sibiriens wie mit einer Lichtflut übergossen, wie das Märchenbild einer Fata Morgana inmitten der Wüste. Eine lange Reihe von altersgrauen Mauern beschützte die Stadt, griechische Kirchen mit ihren Riesenkreuzen umgebend, Prachtgebäude und kleine bescheidene Hütten, hochgewölbte Brücken, unter denen sich das Wasser der Angara, einem glitzernden Goldflusse gleich, dahinzog.

Hermann konnte seine Blicke nicht losreißen. Unter welchem dieser vielen Dächer mochten die, welche er liebte, Schutz gefunden haben?

Endlich fuhr die Troika über eine der Brücken, durch ein von sechs Kosaken bewachtes Thor und über einen Marktplatz mit prachtvollen Bauten und Denkmälern, ja, mit einem Bazar, in welchem die teuersten und kostbarsten Luxusgegenstände aller Länder aufgestapelt waren. Der Reichtum der Stadt schien auf den ersten Blick mit demjenigen der bedeutendsten europäischen Städte wetteifern zu können; es gab keinen seidenen oder samtenen Stoff, keinen Schmuck irgend einer Art, der nicht in den Schaufenstern gelegen hätte, keine tropische Pflanze, die nicht in 23 mehr als nur einem Treibhause zu finden gewesen wäre. Irkutsk mußte über viele Millionen verfügen.

Hermann sah Chinesen und Japaner ihre Spielwaren feilbieten, sah Kaufleute aus Tibet und der Mandschurei in langen, himmelblauen Gewändern einhergehen und bemerkte zwischen ihnen auch die langbärtigen Juden, diese Weltbürger, welche nirgends fehlen, Pelzhändler aus Astrachan und zuweilen Häuptlinge der umherziehenden Burjäten, die vor ungeheuren, auf den Flößen der Angara herbeigebrachten Wollenballen saßen. Neben dem großen Bazar standen die Holzbuden der wandernden Schauspieler und Seiltänzer, zwischen denen es von Fuhrwerken wimmelte. Vor den Niederlagen der Pelz-, Blumen- und Seidenhändler hielten englische oder französische Kaleschen mit galonnierter Dienerschaft, vor den Gauklerbuden die Tarantassen der Bauern, Telegas und Kibitken.

Auf den Marktplatz und seine nächste Umgebung beschränkte sich indessen dies vornehme Aussehen fast vollständig. Die Troika fuhr noch durch zwei oder drei Straßen, dann kamen elende, verfallene Gebäude, Hütten aus Holz und Lehm, die Behausungen der niedersten, hoffnungslosesten Armut. In den Wegen fehlte das Pflaster, es gab keine Läden mehr, manchen Wohnungen hatten die Herbststürme sogar das Dach entführt, oder Fenster und Thüren waren abhanden gekommen. So reich und glänzend das vornehme Viertel erschien, so arm und zerlumpt war die übrige Stadt.

»Hier wohnen die ›Varnaks‹ (Verbannten)«, flüsterte der Jemschick.

Es gab unserem Freunde einen Stich ins Herz, aber er schwieg und beobachtete ruhelos alles, was er sah. Vielleicht waren ihm ja die geliebten Seinigen so nahe!

Irgend etwas betrieb jeder dieser aus den Minen Erlösten, das erkannte er an den armseligen Holzschildern über den Hausthüren. Tischler und Weber, Kürschner und Papparbeiter, alles war vertreten, und so mancher gute deutsche Name befand sich unter denen der Armen und Elenden.

Vor einem der letzten Häuser hielt die Troika. Eine Bretterwand verbarg das Aussehen desselben – es war die Hinterseite des Besitzes am Markt, welcher Herr von Nadeieneff gehörte, den aber der Jemschick und der Verbannte natürlich von jener Seite her nicht betreten durften. Der Kutscher öffnete eine Thür, führte das Gespann in einen geräumigen Hof und überlieferte seinen Fahrgast einer alten Haushälterin, die schon ein gutes Zimmer und eine dampfende Mahlzeit in Bereitschaft hielt.

Herr von Nadeieneff werde erst in vierzehn Tagen zurückkehren, hieß es, so lange sollte sich der Herr Sekretär die Zeit bestmöglich 24 vertreiben, wozu ihm gleich das Gehalt für den ersten Monat ausgehändigt wurde.

Wer war froher als Hermann? Vierzehn Tage! Während dieser langen Zeit konnte er die Stadt von einem Ende zum anderen durchforschen, um Vater und Geschwister aufzufinden.

Er nahm kaum einige Bissen zu sich, dann eilte er fort, ohne indessen der Dienerschaft des Hauses irgend eine Frage zu stellen; draußen dagegen wandte er sich an den ersten besten Vorübergehenden und erkundigte sich nach der Wohnung der Seinigen.

Die Frau, mit welcher er sprach, wußte nichts. »Fragen Sie den jüdischen Wirt am Festungsthor«, war ihre Antwort, »der kennt alle Leute, namentlich alle Deutschen.«

»Ist er denn vielleicht selbst einer?«

»Jawohl! Moses Hirsch ist aus Preußen gebürtig.«

»Ach, ich danke Ihnen, ich danke Ihnen, liebe Frau!«

Und er stürzte fort, um die Schenke zu erreichen, ein schmutziges, verräuchertes Loch, in dem die Thorwächter mit altersschwarzen Karten spielten. Hinter dem Schenktisch stand Moses Hirsch und sah blinzelnd zu dem Neueintretenden hinüber. Was konnte der »Herr« hier suchen?

Hermann nahm ihn zitternd vor Aufregung beiseite. Wieder stellte er die Frage, von deren Beantwortung für ihn im Augenblick alles abhing. »Kennst Du den alten Mann, Moses Hirsch, kennst Du ihn?«

Der Klang der Muttersprache mochten den Juden erschüttern, mitleidig sah er in das junge Antlitz vor ihm. »Sei ruhig«, sagte er auf deutsch, »sie leben, der Alte und die Kinder, mein Sohn soll Dir auch das Haus zeigen. Brandt ist Dein Vater, nicht wahr? Ich sehe es an der auffallenden Ähnlichkeit zwischen Euch.«

Hermann nickte; er vermochte kaum zu sprechen. »Schnell!« stammelte er, »schnell!«

Der Wirt rief einen schwarzlockigen Knaben herbei, drückte Hermanns Hand und sagte: »Besuche mich wieder, Landsmann!« – dann gingen die beiden Wanderer hinaus in die eisglitzernde Nacht.

Hier in dieser dörflichen Umgebung schlief fast alles. Am Himmel glänzten die Sterne, einsam stand hie und da ein krüppelhafter Baum, Menschen waren nirgends zu erblicken. Zerbrochene Thüren, fehlende Dächer, Fensterscheiben von Papier, eine tiefe Todesstille, durch nichts unterbrochen, das war der Eindruck, welchen Hermann erhielt; bleiern senkte sich das Vorgefühl eines nahenden Unglückes herab auf sein Herz.

»Da ist's!« sagte nach langer Wanderung der Knabe, indem er auf eine elende, aber doch noch dürftig erhellte Hütte hinwies. »Geben Sie ein Trinkgeld, Herr?«

25 Mechanisch reichte Hermann dem jungen Semiten etwas Geld und freute sich, als dieser eilends davonsprang. Also hier sollte er Vater und Geschwister wiederfinden, hier, in Räumen, die jeder redliche Mann daheim in Deutschland für sein Vieh zu schlecht gehalten haben würde – die Aufregung erstickte ihn fast.

Sein Klopfen war mehr ein Alarmzeichen, er konnte jetzt unmöglich länger warten. Laut dröhnend schallten die Schläge durch die todesstille Nacht.

Ein Fenster im unteren Stock wurde geöffnet, eine Mädchenstimme fragte halb ängstlich: »Wer ist da?«

»Emma!« rief Hermann statt aller Antwort, »Emma!«

»O großer Gott – das ist Hermann!«

»Hurra!« jubelte drinnen ein Knabe, »Hurra!« –

Und ein Gepolter verkündete den Sturz eines Stuhles, die Hausthür wurde aufgerissen, ein zwölfjähriger Bursche, Hermanns verjüngtes Ebenbild, erschien auf der Schwelle und sprang jauchzend in die Arme des jungen Mannes, während das Mädchen die kleine Thranlampe in erhobener Hand hielt und so das hübsche Bild beleuchtete.

»Otto, mein Otto, wie Du gewachsen bist, wie gut du aussiehst! – Und meine Emma, ich habe Euch wieder – welches Glück!«

Sie küßten sich, sie weinten vor Freude und Rührung, die armen deutschen Kinder, welche sich nach so langer Trennung als Verbannte im fernen, unwirtlichen Sibirien wiederfanden, sie fragten, ohne eine Antwort zu erwarten, sie waren glücklich, selbst hier und unter so erschütternden, trostlosen Verhältnissen. Hermann faßte sich zuerst. »Wo ist der Vater?« sagte er. »Es geht ihm doch hoffentlich gut?«

Otto schwieg bestürzt, und Emma schüttelte seufzend den Kopf. »Du wirst ihn sehr verändert finden, Hermann, sehr – aber komm und sieh selbst.«

Von seinen Geschwistern geführt, betrat unser Freund das innere Zimmer der Hütte. Auf einem Holzschemel am Ofen, in denkbar ärmlichster Umgebung, saß ein Greis, dessen Tage gezählt zu sein schienen; das ehrwürdige Gesicht war ohne Farbe, die Haltung matt und gebrochen – auf den Zügen des Märtyrers lag eine Mischung von Freude und banger Furcht, die auch das härteste Herz hätte rühren müssen.

»Was höre ich?« sagte er halblaut. »Ist Hermann hier? – Unmöglich!«

»Vater, Vater, siehst Du mich denn nicht? Ich bin es ja, Dein Sohn! – O mein lieber, lieber Vater!«

Der alte Mann legte die Hand segnend auf Hermanns Stirn. »Armes Kind«, sagte er, von einer Ahnung gepackt, »armes Kind, wie kommst Du nach Sibirien?«

26 »O laß das, Vater, laß das!«

Der Greis sank in den Stuhl zurück. »Ich dachte es mir«, murmelte er, »ich dachte es mir, sie haben auch ihn in die Verbannung geschleppt!«

Hermann suchte den tiefen Kummer des verehrten Mannes so viel als möglich zu scheuchen, er hob hervor, daß ja jetzt seine Stellung im Hause des Herrn von Nadeieneff eine ebenso angenehme als ehrenvolle sei, dann aber fragte er, als der Greis die Augen beharrlich geschlossen hielt, plötzlich mit einer Art von schlimmer Vorahnung: »Weshalb siehst Du mich denn niemals an, lieber Vater?«

Ein unterdrücktes Schluchzen des jungen Mädchens gab eigentlich schon die Antwort, aber trotzdem sprach der Greis die Sache offen aus, lächelnd und ruhig wie ein Weiser, der auf das Weh des Lebens zurückblickt wie auf etwas längst Überwundenes.

»Ich bin blind, mein Hermann. Die alten Augen haben all das Ungemach auf der Reise und in den Minen nicht mehr ertragen können!«

»Aber das schadet ja nicht«, setzte er schnell hinzu, »ich sehe Dich mit dem Herzen, mein guter Junge.«

Hermann schwieg erschüttert, er küßte nur die Hand seines Vaters, wie es auch ein Kind gethan haben würde.

Fast die ganze Nacht verging dann, ehe sich diese unglücklichen Menschen alle Einzelheiten ihres Schicksals gegenseitig erzählt hatten: erst spät kehrte Hermann in seine Wohnung zurück, und schon wenige Stunden nach Tagesanbruch kam er wieder. Die Tage des verehrten Greises waren gezählt, das hatte er mit tiefer, unaussprechlicher Wehmut erkennen müssen und wollte nun begreiflicherweise von den wenigen noch übrigen Stunden keine einzige verlieren. Die beiden armen Kinder! – Wie bald würden sie außer ihm niemand mehr haben, dem ihr Schicksal am Herzen lag, der sie behütete und schützte.

So oft er kam, saß Emma und nähte irgend ein Ballkleid, eine seidene oder samtene Robe für eine der reichen russischen Damen am Marktplatz, während Otto mit einem bescheidenen, kleinen Tuschkasten schwarze Heiligenbilder, Männer und Frauen, in buntfarbige Gewänder hüllte. Sobald seine Unterrichtsstunden bei dem blinden Vater beendet waren, verdiente der Knabe, anstatt sich mit den benachbarten Kindern auf der Straße herumzubalgen, einige Kopeken und brachte sie voll stolzer Freude seiner Schwester, die oft bei allem Fleiße und aller Sparsamkeit nicht wußte, woher sie die Mittel nehmen sollte, um dem blinden Vater eine Arzenei oder ein Mittagessen zu verschaffen.

Arme Kinder! Den älteren Bruder überlief es heiß und kalt, wenn er an die Zukunft dachte.

27 Mittlerweile war Herr von Nadeieneff nach Irkutsk zurückgekehrt, und Hermann schrieb die bewußte Abhandlung. Der Mann mit dem Kalmückengesicht rieb sich die Hände, er pries einmal über das andere den Tag, welcher ihm den jungen Techniker als ebenso befähigten wie billigen Hilfsarbeiter zugeführt hatte; denn das umfangreiche Aktenstück sollte ja seine Unterschrift tragen, er selbst galt als der Verfasser – das schmeichelte seiner Eitelkeit auf das angenehmste.

Hermann genoß eine ausgezeichnete Verpflegung und alle solche Freiheiten, deren sich etwa ein Unterbeamter erfreut; er konnte an jedem Tage die Seinigen besuchen und ihnen so manchen Leckerbissen, so manche Flasche Wein bringen, die sonst nie in ihre Küche gekommen wären.

Langsam, aber stetig schwanden die Kräfte des Greises dahin; er konnte nicht mehr aufstehen, und als Hermann eines Abends eintrat, fand er die beiden Geschwister in Thränen – der Vater lag im Sterben, er sah es auf den ersten Blick.

Das Mitleid des jüdischen Schenkwirtes hatte es der armen Emma ermöglicht, einen Arzt kommen zu lassen; allein dieser erklärte, daß keine Hoffnung mehr vorhanden sei, und so waren denn die bedauernswerten Kinder mit ihrem todkranken Vater, ihrem bitteren Weh allein. Hermann setzte sich an das Bett und nahm die erkaltenden Hände des Greises in die seinigen, er konnte vor Erregung kaum sprechen.

»Wie ist Dir jetzt, lieber Vater?« brachte er mühsam hervor.

Der Sterbende erkannte ihn nicht mehr, er tastete ruhelos auf der Decke umher und öffnete die Augen, als könne er noch sehen. »Nach Hause«, flüsterte er, »nicht wahr, nach Hause! O Deutschland, mein liebes, liebes Deutschland!« –

Und dann versuchte er es, sich aufzurichten; seine Kinder unterstützten ihn von beiden Seiten, er lächelte zufrieden. »Meine Schüler sind alle versammelt«, sagte er, »sie erwarten, daß ich eine Anrede halte. Bist Du auch da, Hermann?«

»Ja, lieber Vater. Was wünschest Du?«

»Pst! – Ich soll ja reden. Oder hältst Du es für gefährlich mein Sohn? Ich könnte abermals nach Sibirien verbannt werden – Du weißt nicht, was das heißt. Solche Folterqualen kann kein Sterblicher ertragen.«

Emma weinte leise, während der Knabe das Gesicht an ihrer Brust verborgen hielt und Hermann nur mit äußerster Anstrengung seine Ruhe bewahrte. Der Vater begann jetzt unverständliche Worte zu murmeln und fiel dann in eine Art von Betäubung, die mehrere Stunden lang anhielt. Als er erwachte, flüsterte er Hermanns Namen. »Bist Du hier, mein Sohn? Gieb mir Deine Hand!«

28 Und als er sie fühlte, setzte er mit bittendem, eindringlichem Tone hinzu: »Hermann, ich sterbe, ich gehe davon auf immer und lasse meine armen Kinder allein zurück. Schwöre mir, daß Du sie wie ein Vater beschützen willst.«

»Ich schwöre es!« antwortete mit vor Bewegung erstickter Stimme der junge Mann. »Ich schwöre es, lieber Vater!«

»Und Du willst sie niemals verlassen, mein Sohn?«

»Nie! – Nie!«

»Ach, dann kann ich ruhig sterben. Herr, in Deine Hände befehle ich meinen Geist!«

Er sank zurück, als habe ihn diese letzte Anstrengung getötet; Emma schrie laut auf vor Schreck. »Vater! Vater!« –

Hermann führte sie in das anstoßende Zimmer. »Er ist zu Gott gegangen, Emma, Du darfst ihn nicht rufen. – Still, still, armes Kind, weine nicht so sehr, er ist erlöst von untragbarem Leid!«

Aber während er das sagte, rannen schwere Thränen herab über sein Gesicht. Sie hielten sich schluchzend umfaßt, die drei verlassenen, unglücklichen Kinder des Märtyrers, dessen Totenantlitz noch den Kampf verriet, welcher im Leben sein Los gewesen. 29

 


 

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