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Gerettet aus Sibirien

Sophie Wörishöffer: Gerettet aus Sibirien - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleGerettet aus Sibirien
authorSophie Wörishöffer
year1890
firstpub1885
publisherFerdinand Hirt & Sohn
addressLeipzig
titleGerettet aus Sibirien
pages224
created20111118
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Kapitel.

Verschickt nach Sibirien.

Es war an einem kalten, sturmdurchpeitschten Oktobermorgen, als vor dem schmutzigen, elenden Wirtshause von Ukbul, einer Minenstation in Sibirien, eine Kibitka hielt und ihren einzigen Insassen herausgab. Zwei Kosaken, in blauer Uniform mit kupfernen Helmen, begleiteten den Gefangenen, einen jungen Mann, dem die deutsche Abkunft in allen Zügen geschrieben stand. Er war groß und von breitem, kräftigem Schulterbau, dabei aber schlank und keineswegs plump oder bäurisch geformt, vielmehr ließ sich der Angehörige der besseren Klassen in ihm auf den ersten Blick erkennen, namentlich jetzt, wo sein hübsches Gesicht durch die Leiden der langen Reise alle Farbe verloren hatte. Aus den blauen Augen leuchtete jene düstere Entschlossenheit, welche den höchsten, unersetzlichsten Schatz des Bedrängten, Gefährdeten bildet.

Den Körper des Gefangenen bedeckten grobe Tuchkleider; von der linken Hand verlor sich eine am rechten Fuße befestigte Kette in den Schaft des hohen Lederstiefels hinein.

»Warten sie hier, Hermann Brandt«, sagte der Anführer der Kosaken. »Ich werde den ›Smotritel‹ – Oberaufseher – herausrufen, um Sie an ihn abzuliefern«.

6 Der junge Mann neigte ruhig den Kopf; statt jeder Antwort hob nur ein tiefer, nicht zu unterdrückender Seufzer seine Brust – er sah unwillkürlich hinüber zu dem Hause, von dessen Bewohnern jetzt für ihn das Schicksal der nächsten Zukunft einigermaßen abhing.

Den halberblindeten Scheiben fehlten die Vorhänge, man konnte also das Innere der Schenke bequem überblicken, und so sah der junge Deutsche ein Bild, das ihm trotz seiner tiefen Trauer ein Lächeln auf die Lippen rief.

Mitten im Raume stand ein mageres, ältliches Männchen in ungeheuren Pelzen, die vom Kopf bis zu den Füßen seine ganze Person bedeckten. Der Kleine hatte ein spitzes, blasses, aber herzensgutes Gesicht und ein Paar braune Augen, die wohl auch einem schönen Menschen zur Ehre gereicht hätten; in der Hand trug er eine, vom langen Gebrauch dunkle, gewiß sehr wertvolle Geige, über deren Saiten ein Bogen lustig dahinglitt, die Füße tanzten nach dem Takte dieser Musik.

Herr Ignaz Bochner war ein Tanzlehrer, der alljährlich ganz Sibirien, soweit es von weißen Menschen bewohnt wird, durchzog und den Söhnen und Töchtern der wohlhabenderen Häuser die edle Tanzkunst beibrachte. Von Geburt ein Wiener, hielt er es trotzdem mit dem alten Spruche: »Wo es mir wohl ergeht, da ist meine Heimat«, er verlegte also, an die Kälte einigermaßen gewöhnt, von Monat zu Monat den Schauplatz seiner Thätigkeit und bemühte sich gerade jetzt, den Kindern des Aufsehers eine erträgliche Haltung einzupauken, wobei er selbst mit dem guten Beispiel voranging und bald seine kleine Figur zu möglichster Höhe aufrichtete, bald den einen oder anderen Fuß zierlich auf den Zehenspitzen wiegte.

Wenn er zuweilen ein stumpfnasiges kleines Mädchen von vielleicht zehn Jahren in die Geheimnisse der eleganten Verbeugung einzuweihen sich bemühte und zu diesem Zweck vorläufig selbst als Dame auftrat, dann sah der gute Mann in dem langen Pelzgewande urkomisch aus, fast wie eine Glocke, an welcher sein lachendes Gesicht den Knopf bildete.

Während sich diese harmlose Spielerei im Gastzimmer zutrug, schien auf dem Vorplatz der Ernst des Lebens seine Opfer zu fordern. Gegen den Anführer der Kosaken rannte in der Thür ein Mann an, den der ihn begleitende Wächter kaum zu halten vermochte – auch ein Verbannter, ein Mensch von wahrhaft entsetzlichem Aussehen und mit auf dem Rücken gefesselten Händen.

Er hatte es versucht, von den Werften in Ochotsk zu entfliehen, ward wieder aufgefangen und befand sich jetzt auf dem Schub nach der berüchtigten Festung Akutia, deren Namen man in Sibirien nur mit geheimem Grauen ausspricht. Der Mann, vielleicht an aller Hoffnung, an 7 allem Guten verzweifelnd, hatte im wilden Trotz gegen die Machthaber jene Buchstaben, welche man den ehrlosen Verbrechern mit dem heißen Eisen auf Stirn und Wangen brennt und die in diesem Falle »Wor« – Dieb – hießen, durch Schwefelsäure verwischt; sein braunes Gesicht glich mehr einer Teufelslarve als dem eines lebenden Menschen.

»Mich dürstet!« rief er im Tone ausbrechender Verzweiflung, »das Fieber verbrennt meine Lippen! – Gebt mir wenigstens Wasser, Ihr Schufte!«

Die beiden Kosaken, roh von Haus aus, abgestumpft durch ihr trauriges Gewerbe, schenkten den Bitten des Unglücklichen keinerlei Beachtung; sie banden ihn an ein Rad der Kibitka und gingen in das Haus, um einen Schluck Branntwein zu trinken.

»Wasser, Wasser!« heulte der Sträfling.

»Ich habe nichts, um es Dir zu geben, armer Schelm«, sagte mitleidig der Deutsche. »Sieh, ich bin selbst an den Wagen gefesselt.«

Und er zeigte einen Eisenring, durch den seine Kette lief.

Der Sträfling antwortete ihm nicht, er brüllte vor Schmerz und Wut wie ein gereiztes wildes Tier.

Hermann wandte den Blick; das Gesicht vor ihm war zu gräßlich, er sah nach der anderen Seite hinüber. Also diese elenden Holzhäuser, etwa hundert an der Zahl, bildeten seine zukünftige Heimat! – Schrecklich! Über alle Maßen schrecklich!

Einige größere Gebäude, auch von Holz, bezeichneten die Wohnungen der wenigen Beamten, des Hauptmanns, des Priesters und Arztes; neben ihnen stand die Kaserne der Sklaven, die Kapelle und ein halbverfallenes Krankenhaus, alles von Schmutz bedeckt, unaussprechlich kahl und öde unter dem kahlen, öden Himmel, dessen Bleigrau durch kein Federwölkchen, keinen Sonnenstrahl unterbrochen wurde. Im Hintergrunde des armseligen Dorfes erhob sich die Kette der Jablonoiberge mit ihren schneebedeckten Gipfeln; in einer Lücke dieser Steinmauer stand ein seltsames, schwarzes Gerüst, unbeweglich und spukhaft – das Wasser-Rad, welches im Sommer dem Dorfe das geschmolzene Schneewasser jener Bergkuppen zuführte und dessen Thätigkeit jetzt der Frost in eherne Bande gelegt hatte. Durch den Hohlweg fuhr heulend und wirbelnd ein Sturm, der Tausende von Eisnadeln mit sich führte; das Gesicht des Deutschen brannte bald wie von Stichen zerfetzt, er schüttelte zähneknirschend seine Ketten, als sei es ihm unmöglich, länger noch diese nie endende Flut von Qualen aller Art über sich hereinströmen zu lassen, er biß die Zähne zusammen, daß sie knirschten, aber schon nach wenigen Augenblicken trat die gewohnte Selbstbeherrschung wieder in ihr Recht, er wollte ruhig bleiben, und er blieb es.

8 Seine Blicke tauchten sich prüfend in die weite düstere Ebene. – Dort hinaus ging einst der Weg zur Flucht.

In diesem Augenblick trat Herr Ignaz Bochner, der Tanzlehrer, aus der Thür des Hauses; seine Geige war unter dem Pelz versteckt und seine Hände in Handschuhen aus Hirschleder; er sah erstaunt von einem der beiden Sträflinge zum anderen.

»Arme Jungen!« sagte er halblaut.

Hermann hob plötzlich den Kopf. »Sie sind ein Deutscher, mein Herr?« rief er voll ungestümer Freude. »Ach – und Sie wohnen hier?«

Herr Bochner steckte das gutmütige Gesicht ein wenig weiter aus den abenteuerlichen Verhüllungen hervor. »Ein Deutscher?« wiederholte er. »Ein Deutscher? – Nein, ich glaube es nicht! Aber ja doch, ja, ich bin einer. Ich bin einer. Guten Tag, Landsmann, willkommen in Sibirien!«

»Ich danke Ihnen«, lächelte Hermann. »Aber möchten Sie nicht diesem armen Teufel ein Glas Wasser besorgen? Er schreit schon seit einer halben Stunde, ohne das Mitleid der Kosaken erregen zu können.«

Herr Bochner nickte und blinzelte, vorsichtig deutete er mit dem Daumen seiner Rechten über die Schulter. »Ungebildetes Volk, Landsmann, Barbaren, denen nur die Knute achtungswürdig erscheint. Ich werde gleich selbst Wasser herbeischaffen.«

Mit diesen Worten verschwand er zwischen den Hofgebäuden der Schenke und kam bald zurück, das gewünschte Labsal in einer kleinen Flasche bei sich führend. »Sperre Deinen Mund auf, Geselle«, rief er dem Sträfling zu, »ich werde Dich tränken.«

Sein Russisch klang ohrenzerreißend, aber seine Barmherzigkeit war echt wie Gold. »O Du armer Kerl«, rief er, als die schrecklich verbrannten Lippen, die blutende Zunge des Verbrechers sichtbar wurden – »Maria und Joseph, wie mußt Du leiden!«

Er goß vorsichtig das eisige Wasser Tropfen um Tropfen in den Mund des Unglücklichen, dann füllte er die Flasche zum zweiten Male und schob sie zwischen die Kleider des Sträflings, der ihm einen halbverständlichen Dank flüsterte. »Gott vergelte es, Herr, Gott vergelte es«, sagte er.

»Hat nichts zu bedeuten, mein Freund. Du ließest Dich also wieder einfangen, Du wußtest nicht, was in diesem Falle Deiner wartete?«

Der Blick des Diebes wurde tückisch und lauernd, ihm fehlte die Seelenverwandtschaft, welche notwendig bestehen muß, um den guten, harmlosen Menschen sogleich an seinen Handlungen zu erkennen.

»Was könnte meiner warten?« fragte er in gleichmütigem Tone.

»Fünfzig Knutenhiebe und dann – die weitere Verschickung.«

9 »So? – Das werde ich ertragen und dazu einen vollen Becher trinken. Auf die Gesundheit unseres Väterchens natürlich!«

Der Tanzlehrer schüttelte den Kopf, er trat zu dem Deutschen und sagte mitleidig: »Beim fünfundzwanzigsten Hiebe liegt der Bursche tot auf der Bank!«

Hermann schauderte. »Werden die Hiebe so schwer geführt?« fragte er.

»Entsetzlich!«

Der Deutsche sah wieder zur Schlucht hinüber, unwillkürlich, einem Gedankengange folgend. Wenn die Flucht, mit der sich seine Seele schon jetzt beschäftigte, auch ihm mißlang, dann kam also Knutenstrafe und Tod. Zwischen dem einen oder anderen Verbrecher, dem Straßenräuber und dem, der seiner politischen Gesinnung wegen verschickt wurde, gab es ja hier keinen Unterschied.

Aber doch einen, obwohl ihn Hermann nicht kannte – das Tuchviereck auf dem Rückenstück seines Rockes; es war blau, während die Mörder ein rotes trugen, die Diebe ein schwarzes und die Brandstifter ein gelbes. Der Tanzlehrer hatte sich mit großer Geschicklichkeit so zu drehen gewußt, daß er von Hermanns breiten Schultern den politischen Verbrecher ablesen konnte; jetzt näherte er sich dem jungen Manne, stellte sich in aller Form vor und sagte dann, als er den Namen des Deutschen gehört hatte: »Sie gefallen mir sehr, junger Landsmann, ich hoffe, wir werden Freunde sein!«

»Wohnen Sie denn an diesem traurigen Orte?«

»Ich wohne überall und nirgends, Herr Brandt. Lassen Sie sich mit zwei Worten meine Lebensgeschichte erzählen. – In Wien zu Hause habe ich eine einzige Tochter, die wird da von verläßlichen Leuten erzogen, sonst keinen Menschen, an dem ich mein Herz hinge. Ich spare für Toni und noch für einen anderen Zweck, müssen Sie wissen – Wien soll von mir ein Museum zum Geschenk erhalten, ein sibirisches Museum, Stück für Stück von meinen eigenen Händen zusammengetragen. Daheim lasse ich ein hübsches Häuschen bauen und schreibe über die Thür: ›Bochner-Museum‹. Das ist mein Ehrgeiz. So – und nun erzählen Sie mir, woher denn Ihr Mißgeschick stammt. Gehören Sie zu einer geheimen Studentenverbindung? Sind Sie ein Umstürzler, der das Väterchen vergiften oder erdolchen möchte? – Mit mir können Sie frei heraus sprechen.«

Der Deutsche lächelte traurig. »Ich habe nichts zu bekennen«, antwortete er. »Ich wurde hierher verbannt, nur weil ich meines Vaters Sohn bin!«

»Und der alte Herr befindet sich auch in Sibirien?«

Hermann schlug plötzlich beide Hände vor das Gesicht. »Er und meine arme Schwester, mein kleiner unschuldiger Bruder – alle, alle!«

10 Eine Pause folgte diesen halberstickten Worten. Für solchen Schmerz, für ein so schreckliches Unglück gab es keinen Trost – der Tanzlehrer mochte das fühlen.

»Wo leben die Ihrigen?« fragte er später.

»Ich weiß es nicht, ich habe darüber nicht einmal eine Vermutung. O die Bedauernswerten – sie sind vielleicht längst nicht mehr unter den Lebenden!«

Der Tanzlehrer drückte die Hand des jungen Mannes. »Nicht den Kopf hängen lassen«, ermahnte er, »nicht den Mut verlieren, junger Freund. Wer sich selbst aufgiebt, der ist aufgegeben, wie Sie wissen. Möglicherweise finden Sie Ihre Angehörigen sehr bald wieder!«

»Aber«, fügte er hinzu, »wenn Sie mich nicht für unbescheiden halten wollten, Herr Brandt – wie geschah das alles?«

»Ach – wie es nur hier in Rußland geschehen kann, Herr Bochner. Auf bloßen Anschein, auf böswillige Verleumdungen hin. Mein armer alter Vater lebte als Professor an einer Universität in den Ostseeprovinzen, er hatte vielleicht Neider, es gab solche, die ihn zu verdrängen wünschten, kurz, es geschah eines Nachts eine Haussuchung, man fand in dem Arbeitspulte des alten Herrn verschiedene Manuskripte – Dichtungen, die ohne weiteres für staatsgefährlich erklärt wurden und schon anderen Morgens ihren Verfasser in das Gefängniß brachten. Etwas später wurden meine Geschwister mit ihm zusammen in die Kibitka gesteckt und hierher befördert, alles, während ich an einer anderen Universität studierte.

»Man ließ mich ohne Nachricht; – es war darauf abgesehen, mich zu überrumpeln. Ein ziemlich bedeutendes Vermögen, über welches mein Vater verfügte, konnte bequemer eingezogen werden, wenn ich beiseite geschafft war. Ach – ich Unglücklicher gab meinen Freunden eine Gesellschaft, während die, welche ich liebte, sich in Sträflingskleidern auf dem Wege nach Sibirien befanden! Wir spielten ein wenig Karten, lauter Studenten und um ganz geringe Beträge, aber dennoch hatten wir aus Vorsicht die Thüren verschlossen. Plötzlich wurde angeklopft, die Karten und das Geld verschwanden in den Taschen, dann öffnete ich. Vor mir standen sechs Polizisten.

Ehe ich die unerwarteten Gäste eintreten ließ, erhielten meine Freunde einen Wink, sie flüchteten durch die Fenster – zu meinem Unglück entkamen alle; denn eben durch die Eile, womit sie verschwanden, ließ sich ja ihre Schuld sonnenklar beweisen. Es war in den Augen der Schergen eine politische, aufrührerische Versammlung, die bei mir stattgefunden hatte – ich, meines verurteilten Vaters Sohn, wurde ihm schleunigst nachspediert. Das ist alles, was ich selbst weiß.«

11 In diesem Augenblick erschienen die Kosaken mit erhitzten Gesichtern auf der Straße und einer von ihnen löste die Kette des Deutschen von der Kibitka. »Kommen Sie, Gefangener«, sagte er, »der Aufseher wartet«.

Die übrigen Kosaken bewogen durch Püffe und Schimpfworte den anderen Sträfling, sich von seinen Knieen zu erheben; die Kibitka mit ihrem verzweifelten, kaum menschenähnlich wimmernden Insassen setzte sich wieder in Bewegung, während der Tanzlehrer zum Abschied die Hand des Deutschen drückte. »Auf Wiedersehn!« flüsterte er.

»Das hoffe ich. Leben Sie wohl, Herr Bochner!«

Sie grüßten einander, und Hermann folgte dem Kosaken, der ihn in das Zimmer des Aufsehers führte. Hier mußte sich der Gefangene vollständig entkleiden, und nun verglich der Beamte den Inhalt des vom Kosaken empfangenen Zwangspasses mit dem, was er sah. Leise murmelnd nickte er vor sich hin. »Stimmt genau,« sagte er, »Sie sind es. Ich hatte schon einmal einen Hermann Brandt hier – einen alten Mann!«

Der Gefangene taumelte fast. »Mein Vater!« schrie er.

»Das ist möglich; er arbeitete in diesen Minen.«

»O Gott, großer Gott – mein Vater, ein Greis, ein Gelehrter – er in den Minen?«

»Weshalb nicht? Hier haben schon Fürsten und Grafen die Erde ausgeschaufelt.«

Und beide, der Aufseher sowohl wie der Kosak, verfielen in ein rohes Gelächter.

Hermann faltete die Hände, er war blaß vor unerträglicher Aufregung. »Wo befindet sich mein Vater jetzt, Herr Aufseher? O aus Erbarmen, sagen Sie es mir.«

»Gern; damit begehe ich keinerlei Pflichtverletzung. Sein Los wurde insoweit gemildert, als man ihm gestattete, in Irkutsk zu wohnen. Er erhält eine geringe Pension.«

»Dem Himmel sei Dank! – Und meine Schwester, mein kleiner Bruder?«

»Sie leben beide bei ihm.«

»Gott sei gepriesen! – O nun ist alles gut!«

Der Aufseher lachte. »Mit so vergnügtem Gesicht wurde noch keiner vor Ihnen in die Sträflingsliste eingetragen«, sagte er etwas spöttisch. »Na, wünsche guten Mut, Sie sind jetzt aus dem früheren Hermann Brandt zu Nummer 65 geworden, und das bleiben Sie bis an Ihr Ende.«

Er klingelte und übergab einem eintretenden Korporal den Gefangenen. »Ersatz für die Lücken in den Reihen Deiner Mannschaft, mein guter Iwan«, sagte er.

Der Korporal zog ein Taschenbuch hervor. »Diese Woche sind nur wenige gestorben«, antwortete er. »Drei Leute!«

12 Dann sah er den Gefangenen an, und wieder vollzog sich der peinliche Vorgang von vorhin. Anstatt der eben Begrabenen wurde eine neue Nummer 65 in die schreckliche Liste eingetragen. »Wohnt mit zwei anderen Sträflingen in der fünfzigsten Jurte«, fügte der Mann hinzu, »jetzt vorwärts, Nummer 65!«

Eine kurze Lederpeitsche pfiff durch die Luft, dann zeigte der ausgestreckte Arm die Richtung. »Dorthin! – Ich stehe während der Arbeit hinter Dir!«

Mehrere Leute zogen große Körbe voll Erz aus der Erde hervor; sie waren buchstäblich mit Schmutz und Lumpen bedeckt, ihre Füße steckten ohne Strümpfe in Holzschuhen oder standen ganz nackt auf dem eisigen Boden; voll bitteren, unverhüllten Neides sahen sie auf die heile Kleidung und namentlich die hohen Lederstiefel des neuen Ankömmlings.

Einer von ihnen ging voran und zeigte den Weg, welchen Hermann zu nehmen hatte – eine Leiter, die tief hinab in den Schoß der Erde führte. Ohne Ende schien, finster und immer finsterer werdend, der Pfad; Sprosse reihte sich an Sprosse – ein Schwindel packte mehr als einmal das Gehirn des jungen Mannes. Zuweilen glühten wie Katzenaugen räucherige Lampen in der umgebenden Dunkelheit, hier und da stand eine Bank zum Ausruhen, von den Wänden sickerten langsam schwere Tropfen, und aus der ungesehenen Tiefe herauf klangen die metallenen Schläge des Hammers, der das Erz löste – wie aus weiter, weiter Ferne drang der Ton herüber.

Weiter! weiter! – Immer erstickender wurde die Luft. Es war, als führten Teufel einen Verurteilten in die Hölle.

Hermann fühlte, daß ihm der Schweiß aus allen Poren brach. Fünfhundert Stufen – wann kam das Ende?

Schattenhafte Gestalten tauchten auf, lauter Greise, wie es schien, mit einer Gesichtsfarbe von Blei und langen, oft bis über die Brust herabreichenden Bärten, alle zerlumpt, abgemagert, elend bis zum äußersten.

Hier unten auf dem eigentlichen Arbeitsplatz war die Luft buchstäblich mit kleinen Staubteilchen, mit den entsetzlichsten Dünsten erfüllt. Kaum menschenähnlich erschienen in der zweifelhaften Beleuchtung die Gesichter mit dem Brandmal auf Stirn und Wangen – bei den meisten drei Buchstaben: W-O-R – »Dieb«.

Auch politische Verbrecher waren da, und an den gefährlichsten Stellen arbeiteten gerade sie, z. B.V bei Zinn- und Kupfererzen, wo sich bekanntlich aus dem feinen Staube Arsenik und Grünspan entwickelt. Ihre Gesichter und die meist kahlen Schädel waren grün, sie glichen Gespenstern, Totenmasken, viele unter ihnen gingen mit geschlossenen Augen einher. Von Zeit zu Zeit hörte man das Klatschen einer Aufseherpeitsche, dann 13 folgte ein gellender Schrei, zuweilen ein Fall, ein Ringen, und alles versank wieder in die frühere Leichenstille.

Hermann fühlte sich von der Hand des Aufsehers in einen Seitengang gestoßen, man gab ihm einen Hammer und befahl ihm, seine Arbeit anzufangen; aber er konnte es nicht, der Arm sank matt herab, er kam sich vor wie lebendig begraben, ein Druck, der ihn zittern ließ, lag auf seinem Gehirn, seiner Brust.

Der Wärter hob die Peitsche. »Soll ich Dir Lust machen?« fragte er.

Hermanns Verstand begann sich zu umnachten. »Rühre mich nicht an«, rief er, »oder ich schlage Dich nieder wie einen Hund!«

Vielleicht erkannte der Wärter diejenige Verzweiflung, für welche es überhaupt keine Gesetze, keine Rücksichten mehr giebt, er duckte sich wie vor den Pranken eines wilden Tieres und verschwand in einem Seitengange.

Vor Hermanns Blicken drehte sich alles im Kreise, er sank ohnmächtig zurück auf das zackige Gestein. 14

 


 

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