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Gerettet aus Sibirien

Sophie Wörishöffer: Gerettet aus Sibirien - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleGerettet aus Sibirien
authorSophie Wörishöffer
year1890
firstpub1885
publisherFerdinand Hirt & Sohn
addressLeipzig
titleGerettet aus Sibirien
pages224
created20111118
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Einundzwanzigstes Kapitel.

Endlich erlöst.

Drei Wochen vergingen so ohne Mangel an Lebensmitteln oder irgend eine Störung von außen; dann hielt Hermann die Stunde der Abreise für gekommen. In aller Stille wurden die Schlitten durch das hintere Thor hinausgebracht, die Vorräte aufgeladen und die Hunde angeschirrt. Ehe noch die Tschuktschen den Plan durchschauen konnten, flogen schon die beiden Gespanne über den Schnee dahin, dem Golf von Anadyr entgegen.

Die Fahrt ging zuerst durch ein dünnes Gehölz, zwischen Hügeln dahin und über sumpfige Strecken, die von zahlreichen Vögeln belebt waren. Das Gebiet der Renntiertschuktschen hatte begonnen, verbrannte und verkohlte Sommerhütten standen am Wege, an den Ufern eines großen Stromes lagen Mammutszähne, und überall führten kreuz und quer Renntierspuren durch die Ebene.

Der Schnee wurde weicher, und die Sonne stand länger am Himmel. Man baute an jedem Abend ein kleines Zelt für Emma und Otto, die Männer dagegen konnten jetzt schon in den Schlitten schlafen; es erschienen Singvögel, Stechmücken und Renntierherden, dann junges, zartes Grün.

215 Die Flüchtlinge atmeten auf, wie von Bergeslasten befreit, aber dennoch blieb eine leise Unruhe in ihren Herzen zurück. Gerade jetzt nahte die Stunde der letzten Entscheidung.

Lebensmittel gab es in Hülle und Fülle. Die Wurzel der kriechenden Weide bot zum Renntierbraten ein sehr angenehmes Gemüse, die der Mekarscha einen recht brauchbaren Ersatz für den Thee, und eine auf dem grünen Granit wachsende Moosart schmeckte sogar angenehm wie feines Tafelobst.

Renntiere und Argalis kamen zum Schuß, ehe die Jäger auch nur eine Viertelstunde auf dem Anstand zugebracht hatten! Lachse und Forellen, dort als Tschir und Nellma bekannt, ließen sich mit leichter Mühe fangen.

Nach den Mahlzeiten von Robbenspeck und Robbenfleisch glaubten die Flüchtlinge jetzt eine schwelgerische Tafel zu führen.

Einmal überraschten sie eine zahlreiche Gänseherde auf der Oberfläche eines halb aufgetauten Teiches. Die Jakuten erlegten ein Dutzend dieser fetten Tiere mit großen Stöcken, und wieder gab es Abwechslung bei Tische.

Jermak aß jetzt alles mit. Die von dem verlassenen Schiffe herrührenden Lebensmittel gehörten im gleichen Maße ihm und den Flüchtigen, während er anderseits an ihren Jagden teilnahm und sogar selbst kochte. Er verstand es, eine Fischsuppe zuzubereiten, die alle für das Meisterstück der Kochkunst erklärten.

Der Weg dagegen war fortwährend mit allen möglichen Beschwerden und Gefahren verknüpft. Stürme tobten beinahe immer, unzugängliche Felsen sperrten den Durchzug, schwindelnde Abgründe dehnten sich zu beiden Seiten. Oft mußten die Reisenden aussteigen, um auf den ganz schmalen Felspässen einer hinter dem anderen mühsam vorwärts zu gehen, oft durchwanderten sie Thäler, in denen der Fuß bei jedem Schritt zu versinken drohte.

An allen diesen Stellen lag weicher Schnee, sonst wären sie unzugänglich gewesen oder hätten noch weit größere Gefahren herbeigeführt.

Zuweilen zwangen plötzlich aufsteigende Nebel die ganze kleine Karawane zum Stillstehen. Alles rings umher bildete bis auf wenige Fuß in der Runde nur eine einzige graue, unaufhörlich wogende und ziehende Masse, auf welcher derjenige Punkt, wo sich unsere Freunde befanden, gleich einer Insel hervorragte.

So erreichten sie die Quellen des Anadyr, dessen Lauf von nun an verfolgt wurde. Bei diesem Teile der Reise kam auch das leichte Boot aus Fellen zur Anwendung; sehr häufig mußten Nebenarme des Stromes überschritten werden, was jedesmal eine wahrhaft unerhörte Anstrengung erforderte. Die Jakuten nahmen dann die Schlitten auseinander und 216 brachten erst mittels einer ganzen Anzahl von Fahrten die Einzelteile an das jenseitige Ufer, während die Hunde nachschwammen.

Dann wieder hatten die scharfen Felskanten den Zugtieren die Füße zerrissen, so daß sie der Ruhe bedurften; solche Zeiten benutzten die Flüchtlinge, um ihre Vorräte an Fleisch zu ergänzen.

Dann war der letzte Schnee geschmolzen; die Lebensmittel wurden zusammengepackt und auf dem Rücken getragen, die Schlitten versteckt – jetzt begann die Fußwanderung.

Immer am Meere hingehend, zogen die Flüchtigen weiter. Hier auf der Oberfläche des Ozeans lagen noch überall große Eisblöcke; das erstarrte Wasser ließ die Möglichkeit der Schiffahrt gewiß erst in einigen Wochen zu, man mußte daher diesen Zeitpunkt erwarten, ehe die Hoffnung auf ein Segel, das sich dem Lande näherte, auch nur Wurzel fassen konnte.

An günstigen Punkten wurde gerastet, besonders auf Bergeshöhen, die einen weiten Überblick gestatteten. Von solcher einsamen, windumbrausten Warte herab sahen eines Tages die Reisenden das Schauspiel des Kampfes auf dem Wasser mit an.

Zunächst begann ein schwerfälliges Verschieben der Torosen (Eisberge); vom Tauwetter zum Bersten gebracht, von den Wellen unterwühlt, stürzten diese turmhohen Massen unter- und übereinander, immer schaukelnd und tanzend, mit Donnergebrüll gegeneinanderstoßend, mit Knirschen und Kreischen in Millionen von Trümmern zerfallend. Auf den freigewordenen, offenen Wasserflächen tobte der Sturm und warf weiße, schaumgekrönte Wellen über die kämpfenden Kolosse dahin, ganze Lawinen von Schnee, plötzlich ins Fallen gebracht, stäubten auseinander, zerplatzte Torosen schlugen gegen Eismauern und rissen Stücke derselben mit sich, alles taumelte und krachte, alles stürzte in das unentwirrbare Chaos und vermehrte und erhöhte das Toben der wildesten Zerstörung.

Am Ufer hafteten zuletzt noch Trümmer, aber auf hoher See wetteiferte das Blau der Wogen mit dem des Himmels. Langgestreckte Wellen zogen vom asiatischen Meere hinüber zum amerikanischen – die Beringstraße war offen.

Je heller der Himmel auf Erde und Wasser herabglänzte, desto düsterer wurde Jermak. Er fühlte das Nahen der Entscheidungsstunde, wußte, daß er jetzt seine Beute verloren geben mußte, und ärgerte sich täglich mehr.

Nur eine Hoffnung blieb ihm noch – die auf ein russisches Schiff. Wenn es auch nur ein Kauffahrer war, das schadete nichts; man konnte dem Kapitän mit dem Hinweis auf eine Anzeige die Hölle so heiß machen, daß er nicht leicht wagen würde, den entflohenen Sträflingen bei ihrem 217 ungesetzlichen Treiben hilfreiche Hand zu leisten. Ja, ja, wenn ein russisches Schiff in Sicht kam, so war doch noch alles gerettet!

Er hoffte und spähte täglich auf das Meer hinaus, ebenso eifrig wie die Flüchtigen selbst, und ebenso vergeblich. Nichts, was wie ein Segel aussah, ließ sich blicken.

Auf dem Grunde einer Schlucht war zum letztenmal das Lager aufgeschlagen worden, tief im Schutze grüner Granitfelsen, in einer Ecke, welche der Sturm nicht zu erreichen vermochte.

Alle Zeit, die den nötigsten Haushaltungsarbeiten, der Jagd und dem Kochen abgewonnen werden konnte, jeden freien Augenblick verbrachten die Flüchtigen auf ihrem Beobachtungsposten am Strande.

Einen solchen hatten sich die Deutschen erwählt, einen anderen der Polizeimeister; da saßen sie vom Morgen bis zum Abend.

Aber der Juni kam und schwand, ohne einen Walfischfahrer zu bringen. Nach ihm zog der Juli vorüber, Sibiriens kurzer Sommer ging zur Rüste, und nichts hatte sich gezeigt.

Hermann schmiedete Pläne über Pläne, er war jetzt der Verzweiflung nahe. Noch einen solchen Winter würde keiner von ihnen überstehen können.

Und doch nahte derselbe mit schnellen Schritten.

Ob man in der Bogdare von Renntierfellen hinüber rudern konnte nach Amerika? – Ob man am Anadyr wieder hinaufging, das Gebirge überstieg und zum Ochotskischen Meere gelangte?

Es war beinahe Wahnsinn, dergleichen auszudenken.

Aber es gab noch ein anderes Mittel, das der Tschuktschen, welche Pelzhandel treiben. Asien und Amerika liegen zwischen dem Kap Prinz von Wales und dem Ostkap nur etwa achtzig Kilometer weit auseinander – sollte sich diese Strecke nicht im Schlitten zurücklegen lassen?

Aber man mußte dann die Narten erst aus dem viele Meilen entfernten Versteck hervorholen – man mußte den Winter erwarten, den gräßlichen, eiskalten sibirischen Winter.

Auf alle diese verzweifelten Pläne folgten die langen, bangen Stunden einer vollkommenen Mutlosigkeit. Mit welchen furchtbaren Opfern war man bis hierher gelangt – und nun, wie es schien, umsonst.

Obgleich die Luft am Meeresufer bereits wieder sehr kalt geworden war, saß doch Hermann von Tagesanbruch bis Abend auf der Wacht am Ufer. Nicht weit von ihm Jermak, beide schweigend, beide verzweifelnd.

Eines Tages hatte Emma ihren Bruder begleitet. Otto war mit dem Tanzlehrer auf den Fischfang gegangen, und die enge Hütte lag öde und einsam.

218 Die beiden jungen Leute saßen in düsterem Grübeln bei einander. Vor ihnen lag das offene Meer, hinter ihnen die Steppe, welche nur am äußersten Rande und am Ufer von Granitfelsen begrenzt wurde. Der Blick reichte nach allen Seiten meilenweit hinaus in die Ferne.

Als Emma zufällig den Kopf umwandte, brach von ihren Lippen ein Schrei der Überraschung. »Hermann«, rief sie, »was ist das?«

»Wo?« fragte er hastig.

»Da! – da! – Eine Erscheinung!«

»Eine Fata Morgana!« sagte er tief atmend.

Die Steppe schien mit einem Zauberstabe berührt. An den Ufern eines blauen Sees erhoben sich die Türme und Zinnen einer großen, wunderbar schönen Stadt aus den Sonnenländern des Südens. Grüne Laubwälder ragten empor, hohe Dome mit Kuppeln und weißen Säulen. Niemals war das Trugbild des Sommers mitten in der winterlichen Öde, das des Lebens im Tode, natürlicher und treffender dargestellt.

Hermann sah unwillkürlich umher, als wolle er sich versichern, daß er wache. Jene Mauern, jener blaue See – konnten sie nur eine Sinnestäuschung sein?

Und doch – da war das Meer und der kalte Strand – wie kamen die Paläste mit ragenden Domen an Sibiriens öde Küste?

Wie bezaubert sahen die beiden jungen Leute auf die Feenpracht des Bildes. Und nun geschah ein zweites Wunder – die Stadt da unten hüllte sich in Dämmerschein, ihre Farben erblichen, ihre Formen verschwammen, bis das Ganze wie eine graue, formlose Masse dalag, dann schossen zwei Riesensäulen, weiß und rosig wie Marmor, auf den das erste junge Tagesglühen fällt, plötzlich hervor und blieben minutenlang stehen, bis langsam alles in die gewohnte Färbung überging, d. h. die Steppe in ihrer alten Ruhe und Öde dalag.

»O Hermann«, rief Emma, »wie schön war das!«

Er lächelte bitter. »Ein Spott auf unsere Lage! – Was wir so sehnlich gehofft haben, war auch eine Fata Morgana.«

Sie streichelte sein todblasses Gesicht. »Solche Worte sind Sünde, Hermann! – Wir müssen im Glauben ertragen, was Gott schickt.«

Er antwortete nicht. Seinen Kopf barg er in den Händen, er verzweifelte an allem, er wäre gern in diesem Augenblick gestorben.

Aber wenn die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten.

»Hermann«, rief plötzlich das junge Mädchen, »Hermann, sieh dorthin – das ist keine Fata Morgana!«

Hermann sprang auf, er taumelte, sein Atem ging keuchend. »Ein Schiff!« rief er; »ein Schiff!«

Und dann breitete er die Arme aus, wie um Gott zu danken.

219 Emma schluchzte laut; der plötzliche Übergang von gänzlicher Mutlosigkeit zur neuen Hoffnung drohte ihr die Brust zu sprengen. Auch Jermak hatte die weißen Segel gesehen; er war unbemerkt verschwunden.

Hermann riß den Pelz von den Schultern und befestigte ihn an eine lange Stange, die er zu diesem Zweck in der Nähe verborgen hielt, dann schwenkte er die schnell hergestellte Fahne, so gut das bei der Schwere derselben anging.

»Siehst Du«, rief er, »siehst Du? Das Steuer wird gedreht, man hat uns bemerkt!«

»O gottlob! gottlob!«

Das Schiff nahm seine Richtung durch die großen, schon wieder überall umherschwimmenden Eisberge gegen die Küste hin. Es kam immer näher, eine Flagge wurde geschwenkt – die beiden jungen Leute waren gesehen; jetzt gab es keine Zweifel mehr.

»O Hermann«, sagte Emma mit tonloser Stimme, »wenn es ein Russe wäre! – Ich könnte die Täuschung nicht ertragen.«

»Still! Still! – Laß mich beobachten!«

Er sah immer hinüber zu dem Schiffe, das seinen Weg, der Eisschollen wegen, nur langsam zurücklegen konnte. »Vor morgen früh werden wir kaum Gewißheit erlangen«, sagte er dann.

»O mein Gott – wie viele Stunden noch!«

»Tröste Dich, Emma«, bat er, »sei nicht gleich so unruhig. Ich kann vielleicht heute abend in der Bogdare an Bord gehen.«

Emma schüttelte den Kopf. »Und wenn man Dich dort als Gefangenen zurückbehielte, Hermann? Dann wären wir alle verloren.«

»Das ist wahr«, gestand er seufzend.

»Gut, also nimm mich mit Dir. Wenn das Schiff ein russisches ist, so bieten wir dem Kapitän Smaragden – er wird es nicht über sich gewinnen können, ein Vermögen auszuschlagen!«

Hermann nickte. »Aber der gebrechliche Kahn«, sagte er, »die leiseste Bewegung kann ihn umwerfen. Nein, nein, Du bleibst hier, schon Ottos wegen – ich fahre allein.«

»Um sich allen möglichen Gefahren ohne weiteres auszusetzen!« sagte hinter ihnen die Stimme des Tanzlehrers. »Das kann ich niemals zugeben, mein lieber Hermann – Sie bleiben bei den Ihrigen, und ich selbst gehe an Bord.«

»Sie?« riefen wie aus einem Munde die beiden jungen Leute. »Sie Herr Bochner?«

»Ja natürlich, ich. Vorhin sprang der ehrenwerte Jermak in so eiligen Sätzen zum Strande hinab, sah so glücklich aus, daß ich mir die 220 Sache ohne weitere Mühe zurechtlegen konnte. Aber die Teufelei soll ihm nicht gelingen, ich bin ebenso schnell da wie er.«

Beide Geschwister dankten ihm auf das herzlichste. »Hoffentlich ist dies der letzte Dienst, welchen Sie uns leisten«, sagte Hermann, indem er die Hände des Tanzlehrers mit Innigkeit drückte.

Herr Bochner lachte. »Der letzte?« wiederholte er. »Das verhüte Gott. Ich denke, wir werden allezeit ebenso gute Freunde bleiben, wie heute.«

Damit ging der alte Herr schleunigst fort, um den Umtrieben des Polizeimeisters so kräftig wie möglich entgegen zu treten. Hermann blieb, nachdem er seine Schwester fast mit Gewalt in die Hütte gebracht hatte, noch bis zur sinkenden Nacht auf dem Beobachtungsposten am Strande, aber nur, um zu erkennen, daß für heute keine Entscheidung mehr zu erwarten sei. Das Schiff hatten neben einer riesigen Eisscholle Anker geworfen und konnte sich daher fürs erste dem Lande nicht weiter nähern.

Beide, der Polizeimeister und der Tanzlehrer, waren an Bord geblieben, höchst wahrscheinlich, weil sich gegen Abend der Wind so sehr verstärkte, daß kein Boot mehr auslaufen konnte.

Schon unterwegs hatte der Wiener die Nationalität des Schiffes erkannt und mit einem Jubelruf begrüßt; es war ein österreichischer Dreimaster, der »Sturmvogel«, mit einer vollen Ladung Thran nach einem deutschen Hafen bestimmt – da ließ sich das Beste hoffen.

Herr Bochner begrüßte lächelnd den Polizeimeister, als wollte er sagen: »Es nützt Dir nichts, guter Freund, Du ziehst den kürzeren!« – Dann ließ er sich dem Kapitän vorstellen und hatte nun die Genugthuung, sogleich einen vollen Sieg zu erlangen.

Herr Spielke, ein junger, lebensfroher Mann, war schon sehr wenig erbaut von der Zumutung Jermaks, für die russische Regierung den Häscher zu spielen, jetzt aber, nachdem ihm der Wiener den Sachverhalt auseinandersetzte, erklärte er rund heraus, die Flüchtigen, falls sie sich seinem Schutze anvertrauen würden, nie und nimmer ausliefern zu wollen. »Ich bringe die Leute nach Deutschland«, sagte er, »das bin ich als Mensch mir selbst und als Österreicher den Angehörigen des befreundeten Staates schuldig!«

»Bravo!« rief Herr Bochner. »Bravo!«

Jermak verbeugte sich stumm. Er war geschlagen und mußte sich in die Niederlage finden, so gut es eben gehen wollte.

Am folgenden Morgen kamen beide Männer in einem Boote des »Sturmvogel«, gerudert von sechs Matrosen, an Land, und während der Polizeimeister seine Sachen zusammenpackte, konnte Herr Bochner den 221 angstvoll harrenden Deutschen mitteilen, was sich zugetragen hatte. »Gerettet!« rief er jubelnd; »gerettet! – Verliert jetzt keinen Augenblick, meine Freunde!«

»Aber«, stammelte Emma, schluchzend vor Glück, »aber wenn diese Bereitwilligkeit des Kapitäns eine Falle wäre?«

»Unsinn, Unsinn – ein Deutscher, ein Österreicher ist kein Verräter.«

Die Matrosen trugen ins Boot, was den Flüchtigen wert genug schien, um mitgenommen zu werden – dann kam der Abschied von dem Polizeimeister.

»Gehen Sie mit uns«, bat Hermann, »Jermak, gehen Sie mit uns, wir alle halten viel von Ihnen, wir möchten Sie nicht vermissen!«

Aber der alte Beamte schüttelte den Kopf. »Nie!« erklärte er.

Das war jener Ton, welcher keinen Wiederspruch zuläßt. Die jungen Leute und auch Herr Bochner drückten herzlich seine Hände, sie beauftragten die Jakuten, ihn bis in die Nähe des nächsten Ostrog zu bringen und in jeder Weise für ihn Sorge zu tragen, dann bestiegen sie das Boot und gelangten glücklich an Bord des Österreichers, nachdem noch den beiden Eingeborenen alles, einschließlich der Schlitten und Hunde, geschenkt worden war, was sich in der Hütte vorfand.

Der Kapitän begrüßte sie auf das freundlichste; er ließ sogleich für das junge Mädchen seine eigene Kajüte einrichten und brachte die anderen drei unerwarteten Gäste wenigstens so unter, daß sie immerhin gegen die Schneehütte am Kap Baranoff wie in einem Fürstenpalaste wohnten; dann wollte er die Anker lichten lassen.

Hermann sah immer hinüber zum Ufer. »Der arme Jermak!« sagte er.

»Gott gebe, daß er glücklich nach Jakutsk zurückkommt«, nickte Herr Bochner. »Er ist ein eiserner, redlicher Charakter, ein Ehrenmann durch und durch.«

»Er hatte uns lieb gewonnen!«

»Was kommt da?« rief Otto, auf die Steppe hinausdeutend. »Soldaten! Pferde!«

»Weiß der Himmel – berittene Kosaken! Wenigstens zwanzig!«

»Und da ist auch Jermak!«

Der Polizeimeister kam fliegenden Laufes an das Ufer herab. Die Kosaken sammelten sich um ihn, er deutete auf das Schiff, er schien Befehle zu geben.

Dann saßen plötzlich die Reiter ab. Jermak zeigte ihnen eine große, mit dem Ufer zusammenhängende Eisscholle, dann mehrere andere, und sofort begannen die Leute ihren Marsch über dieselben.

»Sie wollen das Schiff angreifen!« rief Herr Bochner.

222 Der Kapitän lächelte. »Die Anker herauf!« befahl er.

Es war die höchste Zeit, denn schon regten sich allerlei schlimme Gelüste. Ein paar Wurfgeschosse flogen aus den Händen der Matrosen den Kosaken entgegen, diese rissen die Büchsen von den Schultern, und binnen wenigen Minuten würde der ungleiche Kampf entbrannt sein, wenn nicht das Schiff, vom Wind gefaßt, eine Drehung gemacht hätte und dadurch dem Ufer entrückt worden wäre. Flutende Wogen trennten das Eisfeld und das schwimmende Stück österreichischen Bodens – ein kräftiges Hurra der Matrosen schallte zu den getäuschten Kosaken hinüber.

Hermann trocknete seine Stirn. »Eine Viertelstunde später wären wir in der Gewalt der Russen gewesen!« sagte er tief erschüttert. »Gott hat uns wunderbar errettet.«

»Möchte es allen Deutschrussen so ergehen«, setzte Herr Bochner hinzu. »Sie müssen sich um ihrer Nationalität willen verfolgen lassen, wie es Ihrer Familie geschah, mein lieber Herr Brandt – und sie sind doch allezeit in den Ostseeprovinzen die Träger der Bildung gewesen!«

»Vielleicht eben deshalb!« lächelte Hermann. »Was aber die Kosaken betrifft«, setzte er hinzu, »so freut mich ihr Erscheinen nun doch auf das lebhafteste. Sie bringen den armen, alten Mann sicher nach Jakutsk.« 223

 


 

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