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Gerettet aus Sibirien

Sophie Wörishöffer: Gerettet aus Sibirien - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleGerettet aus Sibirien
authorSophie Wörishöffer
year1890
firstpub1885
publisherFerdinand Hirt & Sohn
addressLeipzig
titleGerettet aus Sibirien
pages224
created20111118
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neunzehntes Kapitel.

Auf der Suche nach den Vermißten.

Während Hermann so klagte, ertönte draußen ein Gebell. Hermann sprang auf. »Das ist Treu!« rief er.

»Täuschen Sie sich auch nicht?« warnte Herr Bochner. »Es können die sibirischen Jagdhunde sein!«

»Nein, nein, es ist Treu! – Aber ihn hindert irgend etwas.«

Er sprang auf und öffnete die Thür. Der kleine Hund stürzte winselnd vor Freude in die Hütte und legte zu Hermanns Füßen einen Gegenstand, den dieser sogleich erkannte. Es war der kleine gestickte Pelzbeutel, welchen neulich die wandernden Bettler gestohlen hatten.

Hermann zeigte ihn dem Freunde. »Das ist eine neue Spur«, rief er, »die beiden Tschuktschen stehen zu der Unthat in irgend einer Beziehung! – O mein Treu, mein gutes Tier, wo ist deine Herrin, wo ist Otto?«

Herr Bochner dachte nach. »Ich glaube, daß der Hund zwangsweise von hier mitgenommen wurde,« sagte er, »und daß er dann entschlüpfte, um zu uns zurückzukehren. In diesem Falle steht die Hütte, wo sich Emma und Otto befinden, nicht weit von hier!«

Hermann nickte. »Das ist richtig«, gab er zu, »aber wo steckt Jermak?«

»Ja, das mag der Himmel wissen.«

194 »Hören Sie indessen eins, was mir jetzt erst wieder einfällt«, fuhr er fort. »Sie wissen, daß ich von der Mundart der Tschuktschen etwas verstehe! – Nun wohl, ich erinnere mich, daß Mann und Frau miteinander flüsterten, indem sie immer die arme Emma ansahen. Das Wort ›Kamakay‹ kam in diesen Reden mehrfach vor. Es heißt so viel wie Stammesoberhaupt.«

Hermann erschrak. »Diese Heiden führen noch an ihren Höfen eine barbarische Sklaverei«, seufzte er, »ach meine armen Geschwister! – Aber, beim Himmel, das kann doch Jermak, der ehrliche Jermak nicht angezettelt haben! O wenn er hier wäre!«

Herr Bochner fuhr plötzlich auf. »Jermak kommt!« rief er. »Ich höre ihn husten – aha da ist er!«

Die Thür öffnete sich, und der Polizeimeister trat ein, ebenso ruhig, in so höflicher und vornehmer Haltung wie immer; mit einem einzigen Blick übersah er die Umgebung, namentlich die Gesichter der beiden Männer. »Was ist geschehen?« rief er erschreckend, »wo sind Emma und Otto?«

Hermann sprang auf. »Darf man fragen, woher Sie kommen?« sagte er in scharfem Tone. »Wir haben sicherlich nicht die Gewohnheit, Ihren Schritten nachzuspüren, aber hier sind Dinge geschehen, die mich zu allen möglichen Erkundigungen berechtigen. Wo waren Sie heute, Herr Polizeimeister?«

Jermak schüttelte den Kopf. »Was für Dinge?« fragte er. »Wo sind die Kinder, Herr Brandt? Ist ein Unglück geschehen?«

»Gott mag es wissen! Meine beiden armen Geschwister wurden entführt, geraubt! Sie sind seit diesem Morgen verschwunden.«

Jermak richtete sich straffer auf. Der Strafrichter in ihm schien plötzlich zu erwachen. »Gewalt?« rief er; »Raub? – Die beiden Kinder sind keine Gefangenen des Zaren, sie können hingehen und sich aufhalten, wo es ihnen beliebt!«

Es waren dieselben Worte, welche Hermann vorhin ausgesprochen hatte; jetzt erhob er sich und drückte die Hand des Polizeimeisters. »Ich hegte zuerst gegen Sie einen schlimmen Verdacht, Herr Jermak«, sagte er offen, »verzeihen Sie mir das. Sie sind keiner Schurkerei fähig.«

Der alte Beamte lächelte ruhig. »Sie sehen, Herr Brandt, wohin Sie mit allen Ihren Berechnungen gekommen sind!« rief er. »Wie war es nur möglich, ein junges Mädchen und ein Kind solcher Winterreise auszusetzen! Hundertmal lieber hätten Sie bei meiner ersten Aufforderung umkehren sollen – ich selbst würde dann zu Ihren Gunsten haben handeln und sprechen können, aber jetzt ist alles verloren. Die armen Kinder sind in der Gewalt von Wilden, welche sich gegen die Oberhoheit des 195 Zaren auflehnen und bei denen die Schamanen mit der Zaubertrommel Gesetze geben – ja, die noch ihre Menschenopfer haben!«

Hermann erbleichte. »Wir werden vielleicht alle sterben«, sagte er, »aber als freie Menschen.«

Der Polizeimeister lächelte überlegen. »Frei«, wiederholte er. »Mein guter Hermann, das Wort ist eine Redensart ohne Inhalt.«

Der Wiener sah ihn an. »Hm, hm, die Weltgeschichte hat doch in ihrem Laufe oft genug diesem kleinen Worte Rechnung tragen müssen, mein Herr Jermak. – Übrigens«, setzte er hinzu, »erfuhren wir bis jetzt noch nicht, wo Sie sich heute aufhielten.«

»Wo ich mich aufhielt? – Ach, fragen Sie nicht danach!«

Bei diesen Worten setzte er sich an das Feuer und stützte den Kopf in beide Hände. Hermann und der Tanzlehrer wechselten einen Blick des Verständnisses; sie waren beide völlig überzeugt, daß der Polizeimeister dem begangenen Verbrechen fernstehe, und wollten ihn daher ganz in Ruhe lassen, nur als Jermak, auf dem Tisch die verschiedenen Lebensmittel bemerkend, voll Erstaunen fragte, woher das alles komme, da antwortete ihm Herr Bochner mit den Worten, welche er selbst vorher ausgesprochen: »Ach, fragen Sie nicht danach!«

Jermak schwieg vollständig.

Am Morgen dieses verhängnisvollen Tages hatte er einen Fluchtversuch unternommen, aber denselben doch nicht ausführen können. In den Taschen seiner schweren Pelzkleidung steckte ein wenig Robbenspeck und noch weniger Schießvorrat; weitere Schätze besaß er nicht, um eine große Anzahl von Meilen bei dreißig Kältegraden zu Fuß zu durchwandern; schon nach fünf oder sechs Wegstunden packten ihn daher die ersten heimlichen Bedenken.

Durch den Duft der Speckscheiben herbeigelockt, verfolgten ihn eine Menge Füchse, die er nur mittels zahlreicher Schneebälle fernzuhalten vermochte, dabei ging der Wind allmählich in Sturm über, die Kälte war nicht mehr zu ertragen. Wo sollte er schlafen? – Ihm graute vor der Nacht; die Schneehütte der Flüchtlinge schien ihm eine warme, behagliche Heimat.

So oft er langsamer ging, kamen ihm die Füchse näher. Ob sie nicht, wenn er schlief, vom Hunger getrieben, über ihn herfallen und ihm das Fleisch vom lebendigen Leibe abreißen würden?

Dann fragte er sich nach dem Wege. Am Himmel war kein Stern, auf der eisigen Erde kein Merkmal irgend einer Art – wohin sollte er gehen?

Nein, nein, die Flucht war unausführbar – er mußte umkehren.

196 Und nun, nachdem er diesen traurigen Entschluß ausgeführt hatte, verirrte er sich. Erst gegen Abend kam der unglückliche alte Mann an das Holzkreuz, unter welchem sein Sohn schlief – Jermak umfaßte es mit beiden Armen, große Thränen rollten über sein blasses, abgemagertes Gesicht herab.

Mehrere Stunden später kam er nach Hause, wo während dieser Zeit das Unglück geschehen war. Noch ehe sich die drei Männer zum Schlafen legten, erzählte er den beiden anderen alles, was ihn selbst betraf, und fragte nach den Entschlüssen, welche sie gefaßt hatten.

»Wir müssen alles aufbieten, um die armen Kinder wiederzufinden!« rief Hermann.

»Jawohl – aber wie?«

»Gott wird uns helfen«, seufzte der unglückliche junge Mann.

Niemand schlief; bei dem ersten Grauen des Tageslichtes machten sich die beiden Deutschen wieder daran, die Spur des Schlittens festzustellen; der kleine Hund bellte und lief voraus, als wollte er sagen: »Kommt doch! Kommt doch! – Ich weiß, wo sie sind.«

Dann kam er zurück und sah seinen Herrn ungeduldig an.

»Hier hinaus führt der Weg«, rief Hermann, »und wir werden ihn sicherlich gehen. Aber ist es uns auch möglich, zu Fuße weiterzureisen – ohne Schlitten, ohne Vorräte?«

»Und ohne den Polizeimeister?«

»Ja – und können wir die Narten hierherkommen lassen, während wir selbst abwesend sind?

»Tekel und Khort! – ja, das ist wahr.«

»Wir müssen also unbedingt zurückkehren!«

Sie gingen wieder in die Hütte, schnürten jeder einen Packen Lebensmittel zusammen, nahmen alle vorhandenen Waffen und baten darauf den Polizeimeister, das Haus bis zu ihrer Wiederkehr zu behüten. »Benutzen Sie alle unsere Lebensmittel«, bat Hermann, »da ist, wie Sie sehen, Vorrat für viele Wochen.«

Dann erzählte er dem staunenden Beamten, auf welche Weise er zu diesen Schätzen gelangt war. Jermak horchte begierig. »Wie hieß das Schiff?« rief er.

»Das weiß ich nicht!«

»Mein Gott, es ist doch das erste, was in Betracht kommt! Unsere Regierung entschädigt in solchem Falle die Rheder – ich werde ein Protokoll aufnehmen. Man muß alle Einzelteile des Schiffes in Nischney-Kolymsk an den Markt bringen – wenn wir nämlich diesen Ort jemals erreichen. Mittlerweile dürfen wir in unserer Notlage allerdings den 198 Vorrat von Lebensmitteln angreifen – obgleich ich freilich meine, daß die Luxusartikel, wie Wein und Zucker, hierzu nicht gehören.«

Hermann lächelte trotz seiner Unruhe. »Machen Sie das, wie Sie wollen, Herr Jermak, und schaffen Sie vor allen Dingen den ganzen Bestand vom Schiff in die Hütte. Ich hoffe, wir sehen uns nach kurzer Zeit wieder?«

Jermak schüttelte seine dargebotene Hand. »Gott gebe, daß Sie die armen Kinder aus den Händen der Räuber zu befreien vermögen«, antwortete er, den anderen Punkt, nämlich die Thatsache der Flucht und Verfolgung, gänzlich umgehend. »Ich wünsche Ihnen den besten Erfolg.«

Dann machten sich Hermann und Herr Bochner auf den Weg, begleitet von dem vorauslaufenden Hunde und fest entschlossen, der Schlittenspur zu folgen, wohin es immer sei. Sie hatten jetzt Lebensmittel und Schießbedarf in Fülle, sie brauchten sich durch keinen Fehlschlag aus der Bahn werfen zu lassen. Etwa hundert Werst von der Hütte entfernt bemerkten sie die Berge Wajwanin, Geyla und Räutane und das Kap Schelagskoi.

Treu führte die beiden Wanderer zwischen Hügeln und an Abhängen dahin, über gefrorene Seen und durch Schneewüsten; als die Nacht kam, konnten sie sich nur gestatten, auf den mitgenommenen Bärenfellen zu sitzen, der Schlaf würde ihnen bei solcher Kälte unfehlbar den Tod gebracht haben.

Am folgenden Tage wurde nach einem höchst beschwerlichen Marsche der südliche Teil der Tschaunskaia-Bai erreicht, und immer noch liefen die Schlittengeleise über den Weg dahin, immer noch zeigte sich die Gegend unbewohnt.

Es wehte bei klarer Luft ein sehr lästiger Ostwind, der das schnellere Vordringen bedeutend verhinderte. Um Mittag zeigte sich am Himmel eine Lufterscheinung von überraschender Schönheit; um die Sonne herum glänzten vier Nebensonnen, welche miteinander durch Regenbogen in Verbindung standen, das Ganze bildete einen großen, in lebhaften Farben schillernden Kreis, welchen wieder ein Regenbogen überwölbte.

Diese wundervolle Erscheinung dauerte etwa zwei Minuten, dann folgte ein Schneefall, der sich zuletzt bis zur Stärke eines argen Schneetreibens erhob und unsere beiden Freunde, ermüdet wie sie waren, ganz außerordentlich belästigte.

Jetzt waren die Schlittenspuren verwischt; es gab keine andere Hoffnung mehr als die auf den Hund.

Das kleine Tier suchte mit der Nase auf dem Boden, nahm hier oder dort eine Fährte auf und ließ sie nach einigen Minuten wieder fallen, dann aber, während Hermanns Herz zum Zerspringen klopfte, schien es 199 die rechte Richtung gefunden zu haben. Ein vergnügtes Gebell ausstoßend, lief Treu wieder weiter, als sähe er noch die Schlittenspuren, welche ihm bis dahin den Weg vorgezeichnet hatten.

Mit neuerwachendem Mute gingen ihm die beiden Männer nach.

Der Polizeimeister hatte unterdessen nach vielem Suchen das eingefrorene Schiff entdeckt und zunächst den Namen desselben aufgeschrieben. Es hieß »Karoline«. Nachdem das geschehen war, setzte sich der alte Herr in die zerstörte Kajüte und nahm eine vollständige Inventur auf; danach trug er alle Leichen zusammen und bedeckte sie mit großen Stücken Segeltuch.

Nach diesen wichtigsten Vornahmen begann die lange Reihe der Fußreisen zwischen dem Schiffe und dem Lande. Jermak trug unermüdlich das Strandgut, das Eigentum seines Kaisers, auf dem Rücken in die Schneehütte oder die Vorhöfe derselben, so unter anderem auch aus dem Matrosenraum eine Drehorgel, deren Kurbel er einmal, ohne es zu wollen, in Bewegung setzte und die zu spielen anfing:

»Freut Euch des Lebens, weil noch das Flämmchen glüht,
»Pflücket die Rose, eh' sie verblüht.«

Jermak schauderte. Er griff beinahe leidenschaftlich zu und erstickte die lustigen Klänge. Wer den alten Herrn so gesehen hätte, allerlei Waffen und Werkzeuge im Gürtel, auf dem Rücken einen Korb, in jeder Hand einen Packen oder einen Sack, der hätte ihn für einen Robinson dieser unwirtlichen Polargegend halten müssen, und doch glaubte der pflichtgetreue Mann, nur ganz einfach seine Schuldigkeit zu thun.

Nach und nach trug er alle Schätze des Schiffes in die Nähe der Hütte. Als zuerst die Ladung geborgen war, ging es an die Betten und das Brennmaterial, dann an die Segel und Rahen, an die Mobilien und die Masten. Der alte Herr arbeitete wie ein Lastträger und ein Beamter zugleich.

Mehrere Tage nach der Entfernung Hermanns und des Tanzlehrers kamen die Eingeborenen mit den Narten von der Reise zurück. Jermak empfand eine Freude, die ihm förmlich die Brust zu sprengen drohte. Jetzt konnte er seinen Fluchtplan wieder aufnehmen und zwar, dank der Abwesenheit Hermanns, unter sehr günstigen Bedingungen. Nur eins ärgerte ihn – die Warnaks hatte er doch nicht erwischt.

Alle seine Gedanken drehten sich um diesen Punkt so lange, bis er endlich den Ausweg fand. Wenn Hermann und die übrigen wirklich aus Rußland flüchten wollten, so mußten sie den Golf von Anadyr erreichen; vielleicht gelang es ihm nun, die an den Küsten des Eismeeres zerstreuten Kosakenwachtposten rechtzeitig zu benachrichtigen, so daß die Flüchtigen 200 nur nach Anadyr zu kommen brauchten, um dort gefangen genommen zu werden.

Ohne irgendwo die Wahrheit thatsächlich zu verletzen, schilderte er doch den Jakuten die Reise ihres Herrn derartig, daß die einfachen Leute glauben mußten, Hermann werde den Rückweg zur Hütte niemals wiederfinden. Sie willigten daher ohne langes Bedenken in alles, was der Polizeimeister wünschte, verlangten aber, der Gespanne wegen, eine Frist von vier Tagen, die der ungeduldige Mann wohl oder übel bewilligen mußte.

Er benutzte deshalb auch die unfreiwillige Muße, um seinem Kaiser zu dienen.

Die Narten wurden bespannt, die Jakuten mußten Sägen und Beile zur Hand nehmen, und Planke nach Planke wurde das ganze Schiff aufs Trockene gebracht.

Dann veranstaltete der alte Herr das Begräbnis der auf so schreckliche Weise ums Leben gekommenen Holländer, indem er alle Überreste neben denen seines Sohnes beisetzen und den Ort mit einem rohgezimmerten, aber festen Gitter umgeben ließ.

Nach allen diesen anstrengenden Arbeiten wartete er geduldig, bis sich die Jakuten zur Abreise bereit erklären würden. 201

 


 

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