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Gerettet aus Sibirien

Sophie Wörishöffer: Gerettet aus Sibirien - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleGerettet aus Sibirien
authorSophie Wörishöffer
year1890
firstpub1885
publisherFerdinand Hirt & Sohn
addressLeipzig
titleGerettet aus Sibirien
pages224
created20111118
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtzehntes Kapitel.

Auf dem Eise.

Noch ein Renntier wurde mit Hilfe der verhungerten, schon für eigene Rechnung jagenden Hunde erlegt, der Polizeimeister schoß ein Argali, und so hatte man für einige Tage das Nötige zur Hand, aber dennoch blieben die Sorgen sehr drückend. Es schien völlig unmöglich, auf dem Meere einen Eisbären zu erlangen, ebensowenig kam einer seiner Stammesgenossen auf dem festen Lande jemals zum Schuß, man mußte sich also ganz auf den Robbenfang beschränken, und so machte Herr Bochner denn Fallen, um die ungeschlachten Tiere ohne Verschwendung von Pulver und Blei für die Küche zu gewinnen.

Aber es ging nichts hinein, und nun verfertigte sich der unermüdliche Mann eine Harpune, mit der er wie der weiße Bär im Hinterhalt lag und wirklich eine riesige Robbe einfing. Siegesfroh schleppte er an einem Lederriemen die kostbare Beute zur Hütte – das war zugleich Fleisch für den Tisch und Öl für die Lampe.

Am Abend dieses Tages erschien in der Schneehütte etwas, das die Flüchtlinge am allerwenigsten erwarteten, nämlich ein Besuch. Die drei Hunde schlugen plötzlich an, und als Hermann hinausging, sah er vor 184 sich zwei Eingeborene, einen Mann und eine Frau, die beide dem Hungertode nahe schienen! Sie trugen dreifache Kleider von Bärenpelzen und blau tättowierte Gesichter; an ihren bittenden Bewegungen erkannte der Deutsche, daß sie einige Nahrungsmittel zu erlangen hofften.

Er winkte ihnen, ihm zu folgen, und die beiden alten Leute – eingeborene Tschuktschen – zögerten nicht, der Einladung Folge zu leisten. »Torona!« sagten sowohl der Mann als auch die Frau, und »Torona!« wiederholte Herr Bochner, zugleich übersetzend, daß dies Wort so viel bedeute als »Guten Abend!«

Dann wurde, was das Haus besaß, großmütig den armen Leuten vorgesetzt und von ihnen heißhungrig verschlungen, obgleich die Art und Weise, wie Emma den Braten behandelt hatte, sowohl bei der Dame Tschuktschin als auch bei ihrem Herrn Gemahl das entschiedenste Mißfallen erregte.

Der Wilde schlug erst auf die Harpune, dann auf seine Brust, als wollte er sagen: »Ich werde Euch lehren, wie man die Sache anfängt.«

Am anderen Morgen machte er sich auch wirklich mit der Harpune auf den Weg und brachte gegen Mittag eine ausgewachsene Robbe nach Hause.

Seine Frau nahm jetzt am Herd Emmas Stelle ein. Zunächst erklärte sie sich gegen alle und jede Verwendung von Wasser; ihr Mann und sie ließen das Blut der Robbe in den Kochkessel laufen, und dann wurden Fleischstücke hinzugethan, ebenso etwas Fett. Während dies ohne Salz bereitete Gericht kochte, machte sich Madame daran, aus den kleinsten Fettklümpchen Öl für die Lampe zu gewinnen, aber nicht etwa, indem sie dasselbe ausbriet, sondern indem sie die Stücke zwischen ihren Zähnen zermalmte, begierig die Häute hinunterschlang und den Brennstoff in eine Schüssel spie. Es war unglaublich, in wie kurzer Zeit das Gefäß sich füllte!

Nachdem endlich die Fleischstücke im Kessel gar gekocht waren, legte sich der Tschuktsche zum Beginn des Mahles flach auf den Rücken und überließ es seiner Ehehälfte, ihn zu füttern, wie man eine Gans nudelt. Sie stopfte ihm Bissen nach Bissen in den Mund; er verschlang wahrhaft ungeheure Mengen.

Dann bekamen auch die Weißen ihren Anteil, abgerissene Fetzen der Eingeweide und Speckscheiben in rohem Zustande, sowie gekochtes Fleisch, alles, nachdem es die Tschuktschin vorher von Haaren und Unreinigkeiten irgend welcher Art sorgfältig gesäubert hatte, indem sie es durch ihren Mund zog.

185 Die beiden Wilden waren viel zu eifrig mit der Stillung ihres ungeheuren Appetites beschäftigt, als daß sie bemerkt hätten, wie die abgenagten Leckerbissen heimlich den Hunden zugesteckt wurden; sie aßen Pfunde auf Pfunde, bis endlich, nachdem Fleisch, Speck und Eingeweide verzehrt waren, der Nachtisch an die Reihe kam, einige Schnitte der rohen Leber nämlich – des Köstlichsten, was die Eingeborenen kennen.

Nach der Mahlzeit schliefen sie lang ausgestreckt wie die Bären und gingen dann später ohne Abschied davon, indem sie nicht allein die Überreste der Robbe, sondern auch diebischerweise einen kleinen, gestickten Beutel mitnahmen, in welchem Emma die Zündhölzer verwahrte.

Einige Schächtelchen voll befanden sich noch an einem anderen Orte, sonst wäre das Dasein der Flüchtlinge durch diese Unredlichkeit vernichtet gewesen; ohne Feuer hätten sie in der Eiswüste nicht leben können.

Herr Bochner benutzte bei seinem nächsten Robbenfang die Lehren, welche ihm der Tschuktsche gegeben hatte, und kam dadurch weit leichter in den Besitz der Beute.

Fischte er nicht, so lieh der Polizeimeister die Harpune und fing Robbe nach Robbe. Die schönsten Speckscheiben legte er zwischen Eis und speicherte sie auf – offenbar um für eine spätere Zukunft einen Vorrat zu gewinnen.

Je länger indessen die unglücklichen Verbannten das Robbenfleisch genossen, desto mehr wurde es ihnen zuwider, sie fühlten sich krank danach und hungerten lieber, als daß sie es berührten, endlich schickten sich sogar Hermann und Herr Bochner an, nochmals die Bärenjagd zu versuchen. Das thranige Robbenfleisch erregte ihnen und den Ihrigen die heftigsten Übelkeiten.

Der Sturm hatte aufgehört, und die Kälte war so stark, daß das Meer überall nur eine einzige feste Decke bildete, uneben zwar, aus Bergen und Thälern bestehend, aber doch ohne Riffe oder Spalten. Mühsam kletternd, arbeiteten sich die Jäger hindurch, ungeheure, im Strome von den Küsten Grönlands losgerissene Eisberge umgehend, halb erstarrt, ohne einen lebenden Bär zu entdecken, obwohl die Spuren rechts und links durch das Eis führten. An einer bestimmten Stelle vereinigten sich deren so viele, daß die beiden Männer erstaunten; hier schien eine ganze Karawane von Sohlengängern vorübergekommen zu sein.

186 »Ohne Zweifel in der Verfolgung einer Beute!« rief Hermann.

»Aber welcher?«

»Das könnten wir vielleicht von der Höhe dieses Eisberges herab ermitteln!«

Gedacht, gethan. Sie stiegen unter unsäglicher Anstrengung hinaus und spähten nach allen Seiten umher, endlich brach über Hermanns Lippen ein Freudenschrei. »O Herr Bochner, Herr Bochner, sehen Sie dorthin! – So wahr ich lebe, ein Schiff!«

Und auch der Wiener wiederholte den Ruf. »Ein Schiff! Ein Schiff!«

»Es ist eingefroren – großer Himmel, wenn die weißen Bären die unglückliche Besatzung zerrissen hätten!«

»Wir müssen hin und denen beistehen, die vielleicht an Bord noch leben!«

Hermann hielt ihn am Arme zurück »Wenn es ein russisches Schiff wäre, Herr Bochner!« sagte er warnend.

»Das macht nichts, mein bester Brandt. Ein Kriegsschiff ist es auf keinen Fall.«

Und nun eilten beide, gefolgt von den Hunden, so schnell sie konnten, vorwärts. Wie ein schwarzer Koloß, überall umsäumt von weißen, glitzernden Schneestreifen, lag im halben Licht der noch nicht zur vollen Höhe des Tagesscheines zurückgekehrten Sonne das Schiff auf der unermeßlichen Eisfläche. Es war kein Wrack, sondern in allen Teilen, von den Mastspitzen bis zum Rumpfe, wohl erhalten, aber eingefroren; es lag so, wie die Wogen um seinen Kiel her erstarrten, und schien an Bord keinen Wächter, überhaupt in seinem Inneren kein lebendes Wesen mehr zu besitzen.

»Ein Holländer!« entschied Herr Bochner. »Ein Walfischfahrer von Amsterdam oder Rotterdam.«

»Dann wollen wir ihn anrufen!«

Sie legten beide die Hände an den Mund und schrieen, so laut sie konnten, aber ohne eine Antwort zu erlangen, nur sahen sie, daß eine in einen weißen Pelz gehüllte Gestalt sich auf dem Verdeck hin und her bewegte.

»Ein Bär!« rief Hermann. »Bei Gott, ein Bär!«

»Dachte ich es doch! Die Mannschaft ist bei lebendigem Leibe zerrissen worden.«

»Wir müssen also sehr vorsichtig sein!«

187 Der Bär ging wie ein Wachtposten an Deck auf und ab. Er schien sich um die beiden Jäger nicht im mindesten zu bekümmern, dann aber, als ihm eine Büchsenkugel um die Ohren pfiff, brummte er, und bald darauf tönte ein Poltern, welches bewies, daß er sich in das Zwischendeck verfügt hatte.

»Wir werden auf alle Fälle mit ihm abrechnen müssen!« meinte Hermann.

In nächster Nähe zeigten sich die Wände des Schiffes mehrfach geborsten, große Sprünge und Risse waren überall zu sehen, die Seile zerrissen und das Takelwerk zerfasert; es hielt schwer, an Bord zu gelangen, und dann, als die Jäger endlich oben standen bot sich ihnen ein schauerlicher Anblick. Fünf Skelette in Matrosenkleidern lagen auf den Planken umher, alle erstarrt in der eisigen Luft, wie zu Holz vertrocknet, eine schreckliche Gruppe, vor der die Jäger im ersten Entsetzen förmlich zurückbebten.

»Die Unglücklichen!« rief Hermann; »ob sie verhungert sind?«

»Auf keinen Fall, da sie sonst am Lande eine Zuflucht gesucht haben würden. Es war der Skorbut, welcher sie tötete.«

In diesem Augenblick erklang unten ein Geräusch. »Das ist der Bär!« rief Herr Bochner. »Aufgepaßt, Hermann!«

Die Hunde bellten wie toll und stürzten sich der Schiffstreppe entgegen, wo in kurzen Zwischenräumen der Kopf und der Nacken eines riesigen Eisbären ruckweise zum Vorschein kamen. Der Rachen stand weit offen, die roten Augen sahen wild und drohend den Ankömmlingen entgegen.

Ohne Zeitverlust schickte Hermann eine Kugel in den Hals des Tieres hinein. Unter furchtbarem Gebrüll sprang dasselbe vorwärts und den kühnen Jägern fast vor die Brust – die Bestie und ihre beiden Verfolger standen einander unmittelbar gegenüber.

Herr Bochner schoß noch eine Ladung nach dem Kopf des Kolosses, aber auch ohne ihn zu töten – die Lage war sehr ernst geworden, Hermann griff zu einem letzten, verzweifelten Mittel, er warf das Gewehr weg und versetzte mit der Axt dem Bären einen so gewaltigen Schlag, daß das Tier taumelnd zusammenbrach. Herr Bochner gab ihm mit seiner Kugelbüchse vollends den Rest; die Holzsplitter flogen über das Verdeck dahin, aber Meister Petz war besiegt.

Trotz der Kälte trockneten beide Männer den Schweiß von der Stirn. »Alle Achtung«, rief der Tanzlehrer, »alle Achtung, mein lieber Hermann, wir erschlagen also jetzt die Eisbären mit der bloßen Faust!«

188 »Schade! Schade! Einen Braten haben wir bei dem Strauß nicht erlangt!«

»Brr! – Nicht um die Welt. Da liegen Knochen – es war ein Mensch, zu dessen Körper sie vorher gehörten.«

»Und den die Bestien zerrissen haben. – Jetzt lassen Sie uns die Kajüten durchspähen; es ist durchaus nicht unmöglich, daß dort noch mehr Bären hausen. Hören Sie nur, wie die beiden sibirischen Hunde bellen!«

In diesem Augenblick fuhr blitzschnell eine weiße Gestalt aus der Luke hervor, mit gleicher Eile über das Deck und, verfolgt von den Hunden, seitwärts auf das Eis hinaus. Der zweite Bär, ein noch junges Tier, vielleicht erschreckt von dem Sterbegeheul seines Kameraden, suchte sich durch die schleunigste Flucht zu retten, und weder Hermann noch Herr Bochner wehrten ihm. Mochte er laufen, so weit ihn seine Füße trugen.

»Die Jagdhunde rennen ihm nach«, meinte Hermann, »folglich ist in der Kajüte nun alles leer. Lassen Sie uns nachsehen, Herr Bochner!«

»Ach Gott«, seufzte der Wiener, »wenn wir Lebensmittel fänden!«

Sie stiegen die Treppe hinab. Noch zehn Leichname lagen umher – ein entsetzlicher Anblick!

»Weshalb mögen doch die zuerst Gestorbenen nicht von den damals noch Gesunden beerdigt worden sein?« meinte Hermann.

»Das will ich Ihnen sagen, Lieber. Der Skorbut lähmt die Leute, sie werden an allen Gliedern steif und können sich nicht bewegen; es ist eine schreckliche und sehr ansteckende Krankheit.«

»Die wir uns also möglicherweise holen können?«

»Nein. Die Leichen sind wie Holz; das ist undenkbar.«

Sie schlugen nun mit den Beilen die Fenster und Luken ein, so daß Licht in den verschlossenen Raum drang, dann musterten sie die Umgebung. Neben dem Ofen lag auf einem Tische eine holländische Bibel mit vielen, in gleicher Sprache abgefaßten Bemerkungen, aus deren verschiedenen Namen deutlich hervorging, daß einer dem anderen in diesen Aufzeichnungen nachgefolgt war, bis die Feder liegen blieb, weil sich keine Hand mehr vorfand, um sie zu führen.

Hermann sprach deutsch und englisch, er konnte infolgedessen das Holländische einigermaßen verstehen und erkannte, daß die unglückliche Besatzung wirklich vom Skorbut hingerafft worden war. »Die Eisbären umkreisen das Schiff«, so lautete der letzte Satz, »wir werden von ihnen 190 jedenfalls zerrissen. Möchte es aber doch erst dann sein, wenn wir gestorben sind.« –

Der junge Mann legte voll Grauen das Buch aus der Hand! »Welch ein furchtbares Los hatte die Armen betroffen!«

Herr Bochner tauchte unterdessen seine spähenden Blicke in jeden Winkel des Schiffes. »Aha!« rief er, »hier kommt es. Speck! – Bisquit! – Rum! – Kondensierte Milch! – Wenigstens fünfzig Büchsen! – Zwanzig Töpfe mit Pemmikan! – Zucker! – O Gott, und da ist Mehl! – Rosinen, Pflaumen! – Rotwein! – Eine Kiste mit Lichtern! – Eine Tonne voll Schiffsbrot! – Nudeln! – Schokolade! – wenigstens zwanzig Pfund Kaffee! – Aber welche Verwüstungen haben Bären und Füchse hier angerichtet! – Oho, grüne Bohnen! – Sardinen in Öl!«

»Hören Sie auf!« rief Hermann. »Wir wollen von allem eine Probe nehmen und es so schleunig als möglich nach Hause bringen. Dann verfertigen wir uns große Säcke – der Polizeimeister muß helfen – und ruhen nicht, bis die Sachen geborgen sind. Welche Dienste sollen uns die Steinkohlen leisten, ach, und welcher Fund ist der Kaffee!«

»Hier sind Zündhölzer!«

»Stecken Sie dieselben zu sich.«

Nun ging es ans Packen. Zwei Stunden später schlichen die beiden Männer, gebeugt unter der Last übermäßig großer Bündel, der Schneehütte zu. Jeder trug mindestens fünfzig Pfund Lebensmittel, und zwischen sich zogen sie einen Sack voll Kohlen.

Herr Bochner schmunzelte. »Jetzt wollen wir doch sehen, ob der Polizeimeister bei Rotwein, Fleischsuppe und Kaffee bloß Zuschauer bleiben will«, sagte er. »Wird der Augen machen! – Aber, Hermann, finden Sie es nicht auffallend, daß uns Treu heute ohne alle Begrüßung läßt?« setzte er hinzu.

Hermann hatte dasselbe Erstaunen schon früher empfunden – jetzt wuchs es bis zu einem unangenehmen Vorgefühl. Mit einem Ruck alles, was er trug, von sich werfend, sprang er voraus zur Hütte und rief mit lauter Stimme: »Emma! – Otto!« –

Niemand antwortete ihm.

Er stürzte hinein, gefolgt von dem erschreckten Wiener, er durchspähte jeden Raum, selbst das kleine Zimmer des Polizeimeisters und den Verschlag, wo die Jakuten schliefen – es war alles leer.

Hermann taumelte. »Das ist mein Tod!« rief er.

191 »Herr des Himmels, wo sind die beiden armen Kinder?«

»Sehen Sie! Sehen Sie!« stammelte Hermann kaum verständlich, »es hat hier ein Kampf stattgefunden! Der Tisch ist umgeworfen, die Pelze sind verstreut, das Feuer ist erloschen – ein Gewehr fehlt – hier waren Räuber!«

»Und meine Harpune haben sie mitgenommen! – Aber wie kommt es, daß Jermak alles dies zugab, daß er nicht wenigstens uns beide aufsuchte und benachrichtigte? Sollte er während des ganzen Tages nicht zu Hause gewesen sein?«

»Oder sollte er selbst die Kinder entführt haben, um uns zur Ergebung zu zwingen?«

»Dann finde ich ihn«, schwor Hermann, »und erdrossele ihn zwischen meinen Fäusten!«

Nachdem sie sich vom ersten Erschrecken einigermaßen erholt hatten, gingen beide hinaus, um zu sehen, wohin die Spuren führten! Hart neben der Hütte hatte ein mit vier Renntieren bespannter Schlitten gestanden; die Geleise waren in den losen Schnee scharf hinein gedrückt.

Diese Entdeckung traf wie ein Blitz. Vier Renntiere zu Fuß zu verfolgen, war durchaus undenkbar.

»Verflucht soll der Schurke sein!« rief Hermann im Übermaß des Kummers.

»Sachte, sachte, ich glaube kaum, daß er bei der ganzen Angelegenheit irgendwie beteiligt ist!«

»Nun«, rief Hermann, »und weshalb ist er denn nicht hier? Weshalb hat er die armen Wesen nicht verteidigt? – Er allein trägt die Verantwortung – und bei Gott! sie soll ihn schwer genug treffen. Meine Geschwister sind freie russische Unterthanen, gegen sie wurde nie ein Verbannungsurteil ausgesprochen, man darf also ihre Freiheit auch rechtlich in keiner Weise beschränken.«

Herr Bochner legte ihm die Hand auf den Arm. »Sehen Sie doch nur«, sagte er, »die Spuren führen ja gar nicht gegen die russische Seite hin – ich habe einen ganz anderen Gedanken.«

Hermann stutzte. »Das ist wahr!« rief er.

»Es sind Tschuktschen gewesen«, nickte der Wiener, »und vor morgen, vor dem Erscheinen des neuen Tages können wir uns nicht an die Verfolgung machen. Kommen Sie, kommen Sie, hier draußen stirbt man vor Kälte!«

Hermann ließ sich willenlos fortziehen; es war ein trauriger Abend, den die beiden in der verödeten Hütte zubrachten. Herr 192 Bochner holte alle Vorräte herein und zündete auch das erloschene Feuer wieder an, aber von den auf so wunderbare Weise erhaltenen Lebensmitteln wurde nichts berührt; stumm saßen die Freunde einander gegenüber.

»Selbst der Hund!« murmelte endlich Hermann; »selbst mein armer Treu! Nie und nimmer würde er dem Polizeimeister freiwillig gefolgt sein.« 193

 


 

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