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Gerettet aus Sibirien

Sophie Wörishöffer: Gerettet aus Sibirien - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleGerettet aus Sibirien
authorSophie Wörishöffer
year1890
firstpub1885
publisherFerdinand Hirt & Sohn
addressLeipzig
titleGerettet aus Sibirien
pages224
created20111118
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierzehntes Kapitel.

Nochmals die Golddiebe.

Nachdem die Bande der Golddiebe sich aus den Umgebungen des Burukanwaldes entfernt hatte, übernahm Dimitri, seinen Vater für tot haltend, Reue und Zorn im Herzen, den Oberbefehl derselben.

Alle diese Leute stahlen das Gold des Landes, indem sie es teilweise selbst erbeuteten und andererseits von den Minenarbeitern billig einkauften, um es dann nach China einzuschmuggeln. Den Kosaken gegenüber wurde an den Ufern des Amur bald Gewalt, bald List angewandt, jedenfalls aber wurden die Grenzwächter immer mit Erfolg hintergangen.

Bald kamen die Golddiebe als Pelzjäger, dann steckte das gelbe, kostbare Pulver vielleicht unter den Hufen der Pferde, dann als Händler, und ein Fisch oder ein Vogel trugen es in ihrem Bauche, endlich als Bettler, deren einziger Laib Brot dem Reichtum als sicheres Versteck diente – jedesmal aber gelangten sie über die Grenze.

Nur gegenwärtig stockte der ganze Betrieb. Alle Posten waren verdoppelt, die Ketten dichter gezogen und den Mannschaften die äußerste Wachsamkeit eingeschärft worden – alles der aus Jakutsk Entflohenen wegen. Um einen Gefangenen wieder zu erwischen, ihm den Weg 146 abzuschneiden, würde die russische Regierung unbedenklich ein Heer in Bewegung setzen, nur des Beispiels wegen.

Die Golddiebe mußten also einen weiten Umweg machen, mußten diesmal auf den Übergang des Amur verzichten und sich nach Penschinsk am Südende des Ochotskischen Meeres wenden; zu diesem Zweck gingen sie durch die Stanowoigebirge und am Omolon hinauf bis zu dessen Quellen.

Von den an dem gedachten Wege wohnenden Jakutenstämmen mit Schlitten und Lebensmitteln im Austausche gegen Gold reichlich versehen, kamen sie verhältnismäßig schnell vorwärts, plünderten so nebenher einige Postfelleisen und hielten sich, wie die Gesellschaft unserer Freunde, immer von der offenen Heerstraße fern.

Im großen und ganzen zogen beide Parteien die gleiche Bahn.

Eines Abends hatten die Ritter von der Landstraße am Eingange eines engen Thales Halt gemacht und unter freiem Himmel ihr Lager aufgeschlagen.

Die Nacht war dunkel, aber der Himmel wolkenlos und die Temperatur ziemlich milde.

Außer dem Sohne des Polizeimeisters befanden sich hier zwei Tungusen, ein Lamut, ein Korjak, ein giliakischer Fischer, ein von der Kolonie auf der Insel Sachalin entflohener russischer Verbannter, ein Kosak und noch ein Mann, dem wir schon auf den ersten Blättern unserer Erzählung begegneten – jener Sträfling mit dem Vermerk »Wor« auf dem Rücken seiner Jacke.

Er war aus der Haft entsprungen und lag jetzt, das schrecklich entstellte Gesicht vom Branntwein gerötet, wie es schien, sehr zufrieden im Schnee. Er trug vom Kopfe bis zu den Füßen Pelzwerk, im Munde glimmte die selbstgedrehte Cigarre, und im Gürtel steckten Messer und Pistolen; so sah er in die Welt hinein wie jemand, der seine Arbeit gethan hat und nun ausruht.

Der Lamut entzündete auf landesübliche Weise das Biwakfeuer, indem er ein großes Stück Achat, wie man sie in Sibirien auf dem Grunde der Flüsse findet, mit einem Flintstein schlug und dabei einen getrockneten Birkenschwamm als Zunder benutzte. Eine kleine knöcherne Büchse enthielt Schwefel. Der Lamut tauchte den Schwamm hinein und die blaue Flamme schlug lustig hervor – schon sehr bald verbreiteten die brennenden Tannenäste eine behagliche Wärme, Kochgeschirre wurden herbeigeholt und Branntweinflaschen aus ungeheuren Taschen hervorgezogen, kurz, es entwickelte sich ein Bild, wie es für den Beobachter kaum fesselnder und bunter gedacht werden kann.

148 Iwan der Kosak und Koschewin der Wor fällten Bäume, um den Vorrat an brennbaren Stämmen für die Nacht zu ergänzen, während die beiden Tungusen nach Art ihres Volkes Fleisch eines eben getöteten Pferdes noch warm und völlig roh mit heißhungriger Gier verschlangen. Der ältere dieser beiden Männer war erst seit gestern bei der Bande, er hatte in einem Streite mit dem Ispravnik seines Dorfes diesen letzteren erschlagen und mußte flüchten, um sich zu retten.

Dabei stürzte sein Pferd und verletzte eines der Vorderbeine. Ephraim, der alte Tunguse, erkannte, daß es nicht zu retten sei und saß ziemlich ratlos neben dem ächzenden Tiere, als ihm die Gesellschaft der Golddiebe in den Weg kam. Er ließ sich sogleich als Teilnehmer eidlich verpflichten, dann beschloß er, mit Hilfe des jüngeren Landsmannes das Tier in der üblichen grausamen Weise zu töten und zu essen.

Sie warfen nun mit vereinten Kräften das wehrlose Pferd zu Boden, banden es und öffneten ihm die Brust, dann fuhr Ephraim hinein, packte das Herz und drückte es zusammen, bis der Atem stillstand.

Selbst der Wor schauderte, als er diesen Vorgang mit ansah. »Weshalb schossest Du nicht dem Gaul eine Kugel durch den Kopf, Alter?« fragte er, mit einem langen Zug aus der Flasche die unangenehme Erinnerung hinunterspülend. »Pfui Teufel, das ist Schinderarbeit!«

Der Tunguse kaute mit beiden Backen. »Auf diese Weise schmeckt das Fleisch besser«, antwortete er unbekümmert.

Der letzte der Anwesenden war ein Mann aus Südostsibirien, ganz in Fuchspelz gekleidet, mit einer Kappe aus rotem und weißem Fell, dem »Malachi«, das am Mantel befestigt ist und nach Wunsch zurückgeworfen oder heraufgezogen werden kann. An allen Nähten befand sich ein kleidsamer Ausputz von Otternfell, selbst die bis über das Knie reichenden Stiefel zeigten am oberen Rande eine solche Einfassung. Arwaram war der jüngste und hübscheste der ganzen Gesellschaft.

Im Kessel brodelte das Lendenstück eines frisch erlegten Renntieres, daneben kochte in einem anderen, kleineren Gefäß eine Suppe, deren Zubereitung der Lamut übernommen hatte und die einen wenig angenehmen Duft verbreitete.

Man denke sich den Mageninhalt eines Renntieres mit einem Stück von dem Fette desselben und ein paar Schaufeln voll Schnee zusammengekocht – und man wird von dem Geschmacke des Lamuten einen ungefähren Begriff bekommen.

149 Er, der Korjak und der Fischer hatten sich den Golddieben angeschlossen, um womöglich der Hungersnot, welche in jedem Frühjahr die sibirischen Dörfer entvölkert, zu entgehen und sich als Räuber täglich satt zu essen, da sie es als ehrliche Leute nicht konnten.

Einer nach dem anderen legte sich rauchend in den Schnee zurück. Das Abendbrot war verzehrt und genügend Holz herbeigetragen – jetzt konnte man plaudern oder schlafen, je nachdem.

Die Nacht war dunkel und still, als plötzlich ein Schrei erklang, laut und durchdringend, aus nächster Nähe des Lagers. »Hilfe! Hilfe!«

Der Wor fuhr auf. »Was ist das?« rief er.

»Eine Kinderstimme!«

»Da kommt ein Schlitten!«

»Und hinterdrein eine Schar von Wölfen!«

Jeder der Golddiebe sprach, jeder suchte seine Waffen zusammen, aller Blicke lenkten sich auf das Gespann, bei dem zunächst kein Führer zu entdecken war. Erst als die Narte herankam, erkannten die Männer in derselben ein Kind, einen zwölfjährigen Knaben, welcher mehr einer Leiche als einem lebenden Wesen glich.

Der Wor und Dimitri sprangen hinzu, brachten die Renntiere zum Stehen und hoben den halbohnmächtigen Knaben aus dem Schlitten, um ihn an das Feuer zu tragen. Während Koschewin aus seiner Narte ein großes Stück gefrorener Pferdemilch hervorzog, mit der Axt mehrere kleinere Splitter davon abschlug und diese in einem Blechbecher über das Feuer hielt, während Dimitri den halbbewußtlosen Knaben rieb und mit Branntwein wusch, eröffneten die übrigen ein lebhaftes Feuer gegen die Wölfe, welche teils erlegt, teils verscheucht wurden – dann erst konnte die Erzählung des kleinen, erschreckten Reisenden beginnen.

Die heiße, schäumende Milch brachte auf ihn sofort eine sehr günstige Wirkung hervor. »Ich danke Euch, Leute«, flüsterte er, »ich danke Euch.«

»Laßt ihn schlafen«, sagte mitleidig Dimitri. »Der arme Schelm ist todmüde.

Der Wor öffnete seinen oberen Pelzrock »Gieb ihn her, Kamerad – ich will zur Veränderung einmal ein wenig Kindsfrau spielen!«

Dimitri reichte ihm seinen kleinen Schützling, und der Verbrecher bettete sorgfältig das schutzlose Kind in die weiten Falten des Mantels. 150 »Da schlaf, armer Kerl«, sagte er voll Mitleid, »Koschewin behütet Dich!« –

Und sich so ausstreckend, daß des Kindes Kopf auf seiner breiten Brust wie auf einem Kissen lag, schloß der Räuber mit einem ihm selbst unerklärlichen Frohgefühl die Augen. Er that einmal einem anderen Menschen etwas Gutes – wie seltsam war das doch!

Und leise legte er die Pfeife weg – der Rauch konnte dem Kinde ja schaden. 151

 


 

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