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Gerettet aus Sibirien

Sophie Wörishöffer: Gerettet aus Sibirien - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleGerettet aus Sibirien
authorSophie Wörishöffer
year1890
firstpub1885
publisherFerdinand Hirt & Sohn
addressLeipzig
titleGerettet aus Sibirien
pages224
created20111118
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreizehntes Kapitel.

Der Wiener Zauberer.

Das rechte Ufer der Kolyma erhebt sich fast senkrecht, ja, an bestimmten Punkten hängen die von Thon durchzogenen Schieferfelsen in unheimlicher, drohender Gestalt über das Flußbett herein, an derjenigen Stelle aber, wo der Omolon in die Kolyma mündet, wird das vorhin so gebirgige Land plötzlich zur Ebene. Hier liegt die Niederlassung Zalirina, wo Kosaken, Verbannte, Jakuten und Jakugiren in bunter Mischung durcheinander leben und einträchtig und friedlich als Bauern, Soldaten und Pelzjäger ihren Beschäftigungen nachgehen.

Der Strom war gefroren, es herrschte eine Kälte von zwanzig Graden, aus der nebelverhüllten Luft fiel immerfort der Schnee in dichten Massen herab und bedeckte die Dächer der Hütten, welche jede einzeln hinter einer hohen Umwallung von festgestampfter Erde lagen. Aufgebaut aus dem Treibholz, das die Flüsse bei ihren alljährlichen Überschwemmungen zurückzulassen pflegen, waren diese runden Häuser mit Wänden aus einer Mischung von Moos und Lehm versehen, hatten nur eine einzige niedere Thür und nicht die Spur von einem Fenster.

Im Innern gab es mehrere Abteilungen, deren eine, das Wohnzimmer, durch eine kleine Öllampe matt erleuchtet wurde, und wo außerdem die 134 »Tschuwala« brannte, eine Art von russischem Kamin aus Weidengeflecht, das mit einer dichten Schicht von Thon umzogen ist. Ein aus dem gleichen Material hergestelltes Rohr führt durch das Dach hinaus ins Freie.

Treten wir in eine dieser Hütten.

Die Sommerfenster waren mit Eisplatten, wie üblich, ringsumher verschlossen, ebenso die Thür. In dem Hauptgemache neben dem Feuer saßen zwei jakutische Frauen, während auf einer breiten, an der Wand befestigten Bank ein krankes junges Mädchen ausgestreckt lag. Alle drei Personen trugen das jakutische Hemd aus weichem, geschmeidigem Renntierfell, dessen Haare nach innen gekehrt sind und dessen Leder mit Erlenrinde rot gefärbt ist. An den Nähten, an Hals und Armen fanden sich Streifen von kostbarem Pelzwerk, ebenso an den ganz ähnlichen Beinkleidern. Über diesen beiden Stücken hing der »Kamley«, eine Art von Mantel aus ungegerbtem Renntierfell.

Das kranke Mädchen ächzte leise und drehte wie in fieberhafter Unruhe den Kopf immer von einer Seite zur andern. Die großen Augen sahen starr ins Leere, die Hände griffen maschinenmäßig tastend in die Luft.

Das Zimmer bot einen seltsamen Anblick; es war in jakutischer Weise festlich geschmückt und ein langer Tisch in der Mitte bedeckt mit auserlesenen landesüblichen Gerichten. Renntierbraten, Renntierzunge, eingemachter Fisch, Strugamina und Tschi, alles war in reichlicher Fülle vorhanden, außerdem noch kleine, flache, mit rotem Kaviar überstreute Pasteten, die aus dem Mehl der Makascha, einer harten Wurzel, gebacken werden – dann Thee in einer Blechbüchse.

Aber diesem Mahle fehlten die Teilnehmer. Außer den drei Frauen befand sich im Hause kein Mensch, sie selbst jedoch schienen nicht an Essen oder Trinken zu denken, sondern saßen stumm und in sich gekehrt da.

Nur der Wind fegte um das Haus, sonst drang kein Laut von außen herein.

Die Hütte gehörte Metek, dem »Ulusen« (Oberanführer) des Jakutenstammes, aber er selbst war nicht daheim. Seit Wochen schon erwarteten ihn die Seinen, seit Wochen deckten sie täglich den Tisch in der Hoffnung, ihn mit Beute beladen von der Sommerjagd heimkehren zu sehen, aber bis jetzt immer vergeblich.

Die Heringe erschienen in der Kolyma und wurden zu Tausenden eingefangen – das war das Zeichen für den Beginn des Herbstes, für die Heimkehr der Jäger – Metek kam immer noch nicht zu den ängstlich wartenden Frauen zurück.

Die Sommerjagd dauerte zweiundfünfzig Tage, jene Zeit, in welcher die Sonne für Sibirien nicht untergeht, aber so schwach leuchtet, daß ihre 135 Strahlen nicht mehr wärmen und daß ihre Scheibe das Auge nicht blendet – jetzt war der Herbst schon längst eingetreten; wo mochte Metek, der tapfere, geschickte Metek bleiben?

Niemand kam dem alten Ulusen gleich in der Geschicklichkeit, welche er beim Renntierfang entwickelte. Das Wild flieht in die großen Seeen, tritt bis an den Hals in das flutende Element und hält sich nun für sicher! – Diesen Augenblick erwartet der Jakute, um es zu würgen. Metek erbeutete in solcher Weise alljährlich über hundert feiste Tiere; mit dem Zuge der Heringe zur Kolyma aber kam er nach Hause. Was mochte ihn jetzt fernhalten?

Seine jüngste Tochter lag krank an jener Seuche, die alljährlich ganz Nordsibirien durchzieht, dem »Miryak«, einem qualvollen, von Zuckungen und starken Schmerzen begleiteten Nervenleiden – sie war nach der Annahme des niederen Volkes behext.

»Mein armes Kind«, murmelte die ältere der beiden Frauen, »mein armes Kind! – Hörst Du den Sturm, Nachbarin? – Wo ist Metek?«

In diesem Augenblick klopfte jemand an die Thür. »Heda, Leute« rief eine Stimme, »sind hier einige Lebensmittel zu haben?«

Die Frauen horchten. »Soll ich antworten?« flüsterte die Nachbarin.

»Frage, wie viele Männer draußen sind!«

»Wie viele seid Ihr?« rief die Frau.

Das Gebell der Hunde übertönte die Antwort, erst auf eine zweite Anfrage kam der gewünschte Bescheid. »Wir sind unser sieben!«

»Öffne!« befahl die alte Jakutin.

Die Nachbarin gehorchte, auf der Schwelle erschienen Hermann und der Polizeimeister, beide von Eis bedeckt und gefolgt von Emma, die Herr Bochner führte. Tekel trug den durch die Kälte fast erstarrten Otto auf seinen Armen.

Den Beschluß machte Khort.

Hermann wollte eben eine Anrede halten, als er die plötzlich in Zuckungen verfallende Kranke bemerkte und sich zu dem Tanzlehrer wandte. »Sehen Sie doch, Herr Bochner!« flüsterte er.

Die Mutter winkte den Männern. »Tretet nicht näher«, sagte sie, »Ihr bringt in Euren Kleidern so viel Kälte mit Euch!«

»Was fehlt Deinem Kinde, alte Frau?« fragte der Wiener.

Die Jakutin weinte. »Ogropono-Dschiganskoi!« antworte sie.

»Ach – so, so!«

Herr Bochner wußte, was die beiden Worte bedeuten sollten. Der Ogropono-Glaube geht durch ganz Sibirien und stützt sich auf eine Sage aus dem vorigen Jahrhundert.

Die gefürchtete Frau war eine Hexe, erschien aber den ahnungslosen Menschen in der Gestalt einer vornehmen Dame und wollte überall mit 136 der größten Unterwürfigkeit behandelt sein; wo irgend jemand ihren Absichten widerstrebte oder gar ihrer Herrschsucht spottete, da brachte sie Unglück ins Haus und verfolgte den Schuldigen, bis er zu Grunde gerichtet war, nicht allein in ihrer gewohnten menschlichen Gestalt, sondern auch als Katze, Rabe oder Seevogel verschiedener Art. Sie konnte dem Sturm gebieten, die Schiffe ihrer Gegner in den Abgrund stürzen, sie konnte den Wahnsinn und den Tod schicken, dabei besaß sie die Gabe, ewig jung und schön zu bleiben.

Bei ihrem scheinbaren Sterben als achtzigjährige Frau blieb sie natürlich vollkommen unbeschadet und lebte seitdem in Sibirien fort, um die Menschen zu quälen, ungesehen zwar, aber überall anwesend, überall bemüht, Schaden zu stiften.

Ogropono-Dschiganskoi war gefürchtet wie der Gottseibeiuns selbst.

Als die alte Frau den schrecklichen Namen aussprach, verfiel das kranke Mädchen abermals in Zuckungen. Es schüttelte sich krampfhaft und schluchzte laut.

»Armes Kind!« murmelten die beiden Weiber. »Verfluchte Hexe!«

Herr Bochner sah mit bedeutsamem Blick seine Gefährten der Reihe nach an. »Wartet!« stand in diesen klugen, lebhaften Augen deutlich geschrieben; »ich habe einen Plan.«

Er zog aus der Tasche die kleine Violine und legte sie neben die aufgetragenen, verschiedenartigen Speisen – nicht ohne lüsterne Blicke und wohlgefälliges Schmunzeln, wie wir eingestehen müssen.

Er liebäugelte sogar mit dem eingemachten Fisch auf das zärtlichste.

»Ihr Frauen«, sagte er dann, »weshalb gebt Ihr heute ein Gastmahl?«

»Ach! – Ach! – Das ist ja das Unglück! Der Uluse muß auf der Sommerjagd die Ogropono beleidigt haben, daher hält sie ihn irgendwo in Gefangenschaft zurück und quält außerdem das Kind. Die Heringe sind längst hier, aber Metek ist ausgeblieben.«

Herr Bochner neigte den Kopf. »Das ist bös!« sagte er; »das ist sehr bös! Aber wozu das Gastmahl Frau?«

»Der Uluse könnte doch heute zurückkehren, Herr!«

»Ja, ja, Du hast recht. Wie alt ist Deine Tochter, Frau?«

»Es hat achtzehnmal geschneit, seit sie zur Welt kam!«

»Ich werde sie heilen!« erklärte der Tanzlehrer.

Alle drei Frauen fuhren auf. »Bist Du ein Schamane, Herr?« riefen sie einstimmig.

»Ja. Ich komme sehr weit her, ganz aus fernen Ländern.«

»Wohnen denn dort Schamanen (Zauberärzte, Wahrsager), die Ogropono-Dschiganskoi vertreiben können?«

137 »Gewiß! Ihr müßt mich nur vollständig gewähren lassen und allen meinen Anordnungen sogleich Folge geben!«

Nachdem er das gesagt hatte, forderte er seine Gefährten auf, sich zu Tisch zu setzen und zu essen, was Gutes dort aufgestellt war.

»Dein Mann, der Uluse, kommt weder heute noch morgen, Alte«, erklärte er, mit allen zweiunddreißig Zähnen kauend.

Die Frau schlug die Hände zusammen. »Niemals?« rief sie; »niemals wird er zurückkehren, der arme Metek?«

»Doch, er kommt eines Tages wieder in diese Hütte, Frau. Meine Kunst sagt es mir – Du darfst ganz getrost sein, er kommt!«

»Aber wann denn, wann, Schamane?«

»Das müssen mir die Götter erst noch deutlicher zu erkennen geben. Jetzt sollst Du gleich einen Beweis meiner Macht erhalten, Alte.«

Er nahm die Violine, und während seine Reisegefährten wie halbverhungerte Menschen über das leckere Mahl herfielen, begann er ein Lied zu spielen, eine Träumerei, ein Gebet, kurz, eine getragene, lang gehaltene Weise.

Schon bei den ersten Tönen glitt das junge Mädchen von der Bank herab und ging mit vorgestreckten Händen dem Tanzlehrer entgegen; sie gewann plötzlich Farbe, ihr Auge erhielt Glanz, ihr Schritt Festigkeit. Das nervöse Leiden sprang über in eine andere Form, wie der schlaue Wiener von vornherein richtig vorausgesetzt hatte.

Die Kranke verneigte sich einmal über das andere, sie sang leise die Melodie mit und sah glänzenden Auges umher, dann, als sei ihre Brust von einem schweren Druck erlöst, lehnte sie den Kopf gegen die Wand und schlief ein wie ein müdes Kind.

»Nach Wochen des ruhelosen Leidens der erste Schlaf!« – Die alte Mutter weinte vor Freude.

Herr Bochner trug sie sorgsam auf ihr Bett zurück; er war von dem zweifelhaften Versuch, mittelst der Violine eine ärztliche Thätigkeit zu entwickeln, sehr erbaut, er sah einen Erfolg, auf welchen er durchaus nicht gerechnet hatte und wandte sich mit großem Eifer den Speisen zu.

»So, Babuschka«, sagte er, »jetzt ist Deine Tochter gerettet, Ogropono kann ihr nichts mehr anhaben – nun mache uns Thee, vielen heißen Thee, hörst Du!«

Die arme Alte umarmte ihn schluchzend, die Nachbarin that dasselbe, dann bereiteten beide den wohlthätigen chinesischen Trank, der neues Leben in die Adern der halberfrorenen Reisegefährten goß.

»Wie gut ist Herr Bochner«, flüsterte Emma, »welch ein Schlaukopf! Er benutzt jeden Umstand und beutet ihn aus zu unserem Vorteil.«

138 Hermann hob seinen Blechbecher zu dem des blinzelnden Wieners. »Auf Ihr Wohlergehen, mein teurer Freund«, sagte er. »Hoffentlich trinken wir bald auf sicherem Boden eine Flasche Wein miteinander und besiegeln dabei eine Freundschaft, die nie im Leben enden soll!«

Der Tanzlehrer nickte nach allen Seiten. »Gott gebe es!« sagte er herzlich.

Nur Jermak schwieg mit finsterem Gesicht. »Jetzt bin ich der Gevattersmann eines Schwindlers«, dachte er grimmig. »Weiter kann es kaum mehr kommen.«

Die alte Jakutin ging von einem ihrer Gäste zum anderen und bot allen die Hand. »Seid willkommen, Toyonas! Ihr seid hier in der Hütte Meteks, des Ulusen – eßt, was auf seinem Tische steht.«

Der Theekessel dampfte, die guten Speisen mundeten vortrefflich, und die Wärme des geschlossenen Raumes that allen außerordentlich wohl. Das kranke Mädchen schlief ruhig auf der Bank, während sich sämtliche Gäste ihrer Mutter an Essen und Trinken für die Weiterreise stärkten.

Herr Bochner, der Schamane, entwickelte einen wahren Wolfsappetit und bedauerte nur eins, daß den Gerichten alles Salz fehlte.

Es waren drei Tage, seit sich die Flüchtlinge der Kosakenwache entledigt hatten, seit sie also nichts Warmes mehr erhielten.

Während sie jetzt den ersehnten Thee schlürften, wandten sich die Führer flüsternd an ihren Gebieter. »Und die Hunde, Toyona?«

»Alle Wetter, das ist wahr! – Herr Bochner, wissen Sie Rat?«

Die alte Jakutin lächelte. »Wir haben gekochten Fisch für unsere Hunde«, sagte sie, »da Metek nicht gekommen ist, so mögen ihn einstweilen die eurigen nehmen.«

Khort erhielt den Befehl, einen großen Kessel vom Herd zu holen und hinauszutragen. Eine Minute später zeigte das Heulen und Bellen der Hunde, welche Befriedigung sie empfanden.

Was Treu anbetraf, so ging er am Tische von einem zum anderen und erhielt so viele gute Bissen, daß er bald nicht mehr wußte, was er bevorzugen sollte.

Jermak war der einzige, welcher fast nichts genoß und kein Wort zur Unterhaltung beitrug.

Das Gehirn des bedauernswerten Mannes grübelte schon wieder über einen neuen Plan. In jeder Stunde konnte Metek, der Uluse, von der Sommerjagd heimkehren – dann sollte er, als das Oberhaupt des Jakutenstammes, ihm eine hinreichende Mannschaft stellen, um die Flüchtlinge nach Jakutsk zurückzuliefern. Er mußte es, oder die Strafe der Gesetze würde ihn ereilen.

139 Jermak horchte. Nahte immer noch kein Hundegebell, kein Klingeln von Schlittenglocken?

Er wußte nicht, daß der tapfere alte Uluse längst begraben lag unter den weißen wirbelnden Flocken, er träumte sich in dem Besitz des letzten ersehnten Rettungsmittels und spann immer weiter den Faden der Gedanken.

Er sah den beschimpfenden Verdacht von seinem Haupte genommen, er lebte wieder in den früheren Verhältnissen, und Weib und Kinder lächelten ihm entgegen, auch Dimitri, der älteste, geliebteste Sohn war dem Verderben entrissen – die Golddiebe mußten ihn herausgeben, ob sie wollten, oder nicht.

Langsam fielen dem alten Manne die Augen zu. Er träumte von der Heimat, er glaubte, die Glocken an dem Schlitten des Ulusen zu hören. – – – –

Und allgemach ward es stiller in der engen, warmen Klause. Sie schliefen alle, die müden Menschen, und mitleidig schenkte ihnen zwischen Kampf und Kampf das Schicksal eine Pause wohlthätiger Ruhe im sicheren Schutz eines festen, den Unbilden des Wetters nicht ausgesetzten Hauses.

Jermak hob im Traume die Hand. »Es wird mir unsäglich schwer«, murmelte er, »ich habe diese armen jungen Kinder liebgewonnen, aber – es muß sein – ich zeige sie dem Ulusen an – es muß sein.« –


Am andern Morgen bereitete das jakutische Weib die neuen Speisen für den Tisch ihres abwesenden Gebieters, unsere Freunde aber fuhren weiter hinein in das Land voll Schnee und Eis. Der Weg führte an dem steilen rechten Ufer der Kolyma dahin, gerade nach Nischney-Kolymsk, d. h. in dieser Richtung. Der Ort selbst, die letzte russische Station, sollte natürlich unberührt bleiben – es galt lediglich, das nördliche Eismeer zu gewinnen.

Jermak hoffte jetzt nur noch eins. Wenn das Tschuktschenland erreicht war, so befanden sich die Flüchtlinge nicht mehr auf russischem Grund und Boden, dann würden sie ihm sein Gewehr zurückgeben, ihm eine Narte und etwas Mundvorrat überlassen und ihn in Freiheit setzen. Von einem Kosakenposten zum anderen mußte er sich auf solche Weise bis nach Jakutsk wieder durchschlagen.

Gegen die Mitte des Tages schien Herr Bochner plötzlich unruhig zu werden, ebenso die beiden Jakuten. Der Himmel verdunkelte sich, grauer, dichter Nebel umhüllte alles, pfeifende, singende Töne fuhren zuweilen durch die Luft.

140 »Gott stehe uns bei«, murmelte der Tanzlehrer, »die Purga kommt!«

Auch Tekel und Khort wiederholten die erschreckende Vermutung des Wieners. »Die Purga! – Die Purga!«

Sie alle kannten den gefährlichen Sturm, welcher gleich dem Samum der afrikanischen Wüste plötzlich und vernichtend hereinbricht, sie sahen einander an, um zu beraten, wie man in der offenen Einöde am besten den drohenden Angriffen dieser Naturerscheinung zu begegnen oder doch ihre Verderblichkeit abzuschwächen vermöge.

»Wenigstens schneit es nicht«, seufzte der Wiener.

Tekel schüttelte den Kopf. »Aber die Ebenen, die Tundren und Abhänge liegen voll von losem Schnee, Toyona – das ist ebenso schlimm!«

»Der Schneehosen wegen, meinst Du? – Nun, wir haben schon so manche Klippe glücklich umschifft – auch hier wird Gott den Ausweg zeigen.«

Hermann beugte sich unruhig aus seiner Narte zu dem erfahreneren Freunde hinüber. »Haben Sie schon einmal eine derartige Purga erlebt, Herr Bochner?«

»In den Städten oder Dörfern häufig genug, aber – so in der Wüste allerdings nicht. Wir werden einen recht harten Stand haben, das kann ich Ihnen schon im voraus sagen.«

Hermann erstickte, während die Schlitten durch den dichten Nebel dahinjagten, einen Seufzer voll heimlicher Furcht. »Welche Vorsichtsmaßregel können wir anwenden, mein lieber Herr Bochner?« fragte er.

»Nur eins«, versetzte der Wiener, »ein einziges bleibt uns übrig. Wir müssen aus unseren Schlitten eine Mauer bilden, die wir vor den Wind bringen, und dann selbst hinter ihr Schutz suchen; wir müssen unsere Lebensmittel in die Hände nehmen und jedes für sich eine Höhle in den Schnee graben, um dort das Aufhören des Sturmes zu erwarten. Gott und der alten Jakutin sei es gedankt, daß wir Fleisch in Menge besitzen.«

Hermann erschrak sehr. »Wir können also während des Sturmes nicht reisen?« fragte er.

»O, auf keinen Fall. Es ist gar nicht daran zu denken.«

»Und wie lange dauert die Purga?«

»Sie kann eine Woche und darüber hinaus anhalten.«

»Gott stehe uns bei!«

Noch immer flogen die Schlitten dahin. Am Himmel verdichteten sich die Wolken, und in der Luft schwebten Nebel wie lange, flatternde Trauerbänder.

141 Plötzlich stürzte sich der Sturm mit rauhem, von den Eisbänken des Polarmeeres herübergetragenem Brüllen auf die Ebene herab. Schneemassen wirbelten durch die Luft, Tierstimmen kreischten, und Bäume knickten wie dürre Halme. Die Purga mit allen ihren Schrecken war losgebrochen.

Tekel und Khort brachten die beiden Narten dicht aneinander. Es war die höchste Zeit, denn schon vermochte der Schall der menschlichen Stimme das Toben des Sturmes nicht mehr zu durchdringen. Der Schnee legte sich in dichten Massen auf die Gesichter – es schien alles verloren, die Flüchtlinge glaubten zu ersticken.

Dann trennte ein gewaltiger Windstoß die beiden Schlitten. Hermann und Emma standen im Schnee unmittelbar nebeneinander, aber von den übrigen Genossen der Reise konnten sie nichts entdecken, selbst die Hunde verschwanden vor ihren Blicken, sie waren genötigt, sich gegenseitig zu stützen, sonst hätte die rasende Luftströmung sie fortgerissen und unter den rieselnden Flocken begraben.

Den jüngeren Bruder hielten die beiden erwachsenen Geschwister schützend in ihrer Mitte; so warteten sie und hofften in jedem Augenblick, den anderen Schlitten mit dem Tanzlehrer und dem Polizeimeister wider neben sich zu erblicken, allein vergebens, das Gefährt war und blieb verschwunden.

Hermann schoß seine Pistole ab, Tekel formte aus den Händen einen Trichter und stieß mit Mühe einen gellenden Schrei hervor – allein alle diese Anstrengungen blieben vergeblich, niemand antwortete ihnen, es zeigte sich kein lebendes Wesen.

Hermann dachte an den Rat des treuen, jetzt so spurlos verschwundenen Freundes, er grub hinter dem Schlitten zunächst für seine Geschwister ein tiefes Loch in den Schnee und bettete sie hinein, dann erst sorgte er für sich selbst. So, mit den Gesichtern bis auf den Boden herabgedrückt, konnten die drei geängstigten Menschen in ihrer unbequemen Lage kaum atmen.

Plötzlich ertönte neben ihnen ein halberstickter Schrei, der die Geschwister aufhorchen ließ. Etwas wie ein Schlitten, eine unkenntliche Masse, stürmte an ihnen vorüber, sie riefen wie aus einem Munde »Herr Bochner! Herr Bochner!« Dann zerfloß die Erscheinung, alles war dahin.

Die Dunkelheit nahm zu, aber das Schneetreiben ab. Tekel arbeitete sich aus den ihn umgebenden Massen los, befreite auch die Hunde und säuberte den Schlitten, dann half er seinen Fahrgästen wieder hinein. »Es geht vielleicht, Toyona, der Wind ist umgesprungen, wir haben ihn jetzt im Rücken! – Vorwärts!«

142 Die Hunde zogen an, wieder flog der Schlitten über die weiße pfadlose Wüste. Würde er jemals dem anderen, vorangegangenen begegnen? Würden die Flüchtigen ihren aufopferungsvollen Freund, ihren wahrhaft väterlichen Beschützer wiedersehen?

Sie schauderten. Dieser Tag war der schrecklichste der ganzen, von so vielen Gefahren umdrohten Reise.

Wenigstens glaubten es die Unglücklichen.

Tekel hatte keinen Grund, seine Hunde anzutreiben. Durch den heulenden, brüllenden Sturm flogen sie über die Ebene dahin wie toll.

So verging eine Stunde, welche den Flüchtigen wie eine Ewigkeit erschien.

Dann zeigte sich vor dem Schlitten ein Wald, die Hunde stürzten hinein, vielleicht instinktmäßig, um einigen Schutz zu gewinnen. Baum nach Baum flog vorüber, die Flocken wirbelten weniger dicht, die Gewalt des Sturmes schien halb und halb gebrochen.

Da erhob sich auf dem weißen Schnee eine dunkle Masse, Stimmen wurden laut – Tekel brachte dicht vor einem Gebüsch die Hunde zum Stehen.

Hermann richtete sich auf. »Wer da?« rief er.

»Wir!« tönte die Stimme des Wieners. »Halloh – wir sind es!«

»Gott sei gepriesen – ich glaubte Sie beide verloren!«

»Und ich dachte bereits an das Ende aller Dinge. Mein Gott, welch ein Wetter! – Wenn diejenigen Gelehrten, welche die Welt durch Erstarrung untergehen lassen wollen, recht behalten, dann steht den letzten Menschen ein schweres Scheiden bevor!«

Die Jakuten hatten während dieser Begrüßung ihrer Herren einen Haufen Tannenäste herbeigeholt und zündeten nun das harzreiche Holz so schnell als möglich an. Zuerst knisterte es, dann siegte die Flamme über den Schnee und schlug lustig empor.

Ein Freudenschrei brach über die Lippen des jungen Mädchens. »Licht! Licht!« – Schon das war ein unermeßliches Glück.

Nur Jermak schnitt eine Grimasse. Er wünschte, daß ihn die Erde verschlingen möchte.

Hermann wollte seine Schwester aus dem Schlitten heben, um sie in die Nähe des Feuers zu bringen, da bemerkte er plötzlich, daß Otto fehlte.

»Wo ist das Kind?« rief er heftig erschreckend aus.

Emma sah umher. »Otto! Otto! – Wo bist Du?«

Keine Antwort.

Sie wiederholten jetzt sämmtlich den lauten Ruf, selbst Jermak stimmte mit ein, aber ganz umsonst, der Knabe war und blieb verschwunden.

143 »Wie ist das gekommen?« schluchzte Emma. »Wo mag er sein?«

»Jedenfalls hat ihn ein Windstoß aus dem Schlitten geworfen. Wir konnten ja bei dem rasenden Toben weder hören noch sehen.«

Ein lähmendes, trostloses Gefühl beherrschte die Herzen aller. Das unglückliche Kind – sein Los war ein schreckliches, besonders, da die Stelle, wo jetzt die beiden Narten hielten, vielleicht meilenweit von der Unglückstätte entfernt lag.

»Hermann, Hermann«, jammerte Emma, »Du mußt ihn suchen!«

Der junge Deutsche rief seinen Hund. »Treu, wo bist Du? Komm hierher, mein gutes Tier, Du sollst Deinen Herrn suchen!«

Dann band er eine kleine Blechlaterne an den Nacken des Hundes. »Such Otto, mein Tier – wo ist Otto?«

Der Hund eilte fort, als habe er ihn verstanden.

Eine bange Stunde verging den einsamen, vor Kälte und Furcht schaudernden Menschen, eine lange trostlose Stunde, während die Jakuten ununterbrochen Holz herbeischleppten und der Sturm mit seinen Posaunenstößen das Feuer riesenhoch hinauftrieb in die schneeverhüllte, eisige Luft – während gierige Wolfsaugen aus dem Dunkel hervorsahen und die Herzen vor Unruhe schneller pochten – dann kam der Hund allein aus der Ebene zurück wimmernd und mit bluttriefenden Füßen.

Er hatte gesucht, soweit ihn sein Spürsinn zurückführte – er war nur umgekehrt, weil er die Unmöglichkeit weiteren Vordringens erkannte.

»Armer Otto!«

Emma weinte still vor sich hin, die Männer standen ratlos bei einander. Was konnte nun für den bedauernswerten Knaben jetzt noch geschehen?

Jermak gedachte seines verlorenen, doppelt und dreifach verlorenen Sohnes. Auch diesen hatten die finsteren Mächte umgarnt und verstrickt, auch er war denen, die ihn liebten, entrissen für immer. Der Polizeimeister seufzte, er schlug die Arme übereinander und sah starr vor sich hin.

»Vielleicht hilft ihm Gott durch ein Wunder«, sagte er halblaut, – und es war ungewiß, an wen er dachte, an den armen, verlassenen Knaben oder seinen eigenen unter Räubern und Dieben lebenden Sohn.

Die Jakuten gruben eine große Schneehöhle und trugen die Pelze hinein. Es mußte ja bei allem Kummer, aller Furcht doch ein Lager für die Nacht bereitet werden.

Herr Bochner, Hermann und der Polizeimeister besprachen alle Möglichkeiten, erwogen zehnmal alle Umstände, ohne zu einem günstigen Ergebnisse zu gelangen. Es gab für das arme Kind in dem wilden Schneetreiben keine Hoffnung mehr.

144 Eine zweite Laterne wurde in der Höhle angezündet, das Feuer mit neuem Holze versehen und etwas Thee bereitet. Die Hunde hatten sich sämtlich bis an den Hals in den lockeren Schnee eingegraben.

Von Zeit zu Zeit schoß Hermann das Gewehr ab. Vielleicht hörte der verirrte Knabe doch, wenn er nicht schon den Feuerschein sah, den Donner des Schusses.

Dann horchte der junge Mann und mit ihm alle übrigen. Aber vergebens, vergebens – die Stimme, für deren Klang sie jetzt den Erfolg der ganzen Reise dahingegeben hätten, die Stimme des armen, wehrlosen Kindes schien verstummt für immer.

Es war eine jener Stunden, in welcher dem schmerzzerrissenen Menschenherzen nur ein Trost bleibt, eine einzige Zuflucht, die zum Himmel.

»Herr, Dein Wille geschehe!« – alles Toben der Verzweiflung lindert sich zur stillen Wehmut, sobald sich die Seele ergeben, rückhaltlos in den Beschluß der Vorsehung ergeben kann. – – 145

 


 

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