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Gerettet aus Sibirien

Sophie Wörishöffer: Gerettet aus Sibirien - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleGerettet aus Sibirien
authorSophie Wörishöffer
year1890
firstpub1885
publisherFerdinand Hirt & Sohn
addressLeipzig
titleGerettet aus Sibirien
pages224
created20111118
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel.

Zwei Diener des Zaren.

Am folgenden Tage konnte man in einer sogenannten Zufluchtsjurte, wie sie in gewissen Entfernungen in ganz Sibirien gefunden werden, eine größere und gutgelaunte Gesellschaft um ein loderndes Feuer versammelt sehen.

Unsere Freunde hatten sich notgedrungen auf der offenen Landstraße halten müssen, dafür durften sie nun unter Dach und Fach schlafen, oder besser, die Stunden der Nacht gesichert verbringen, denn ein Plan, in allen Einzelheiten verabredet, hielt die Flüchtigen wach.

Draußen neben den Narten lagen die Hunde im tiefen Schnee; sie hatten sich eingegraben, um der Kälte möglichst zu entgehen; drinnen bewirtete Hermann die beiden Kosaken mit Branntwein, während die Pferde, an Pflöcken befestigt, ihr Futter verzehrten.

In einem Kessel, der über dem Feuer hing, kochte eine Mahlzeit für die Hunde.

Der Lustigmacher des kleinen Kreises war der Wiener, der unverwüstliche Herr Bochner. Er hatte ein Argali geschossen, ausgeweidet und gebraten, dann stellte er noch einige Nebengerichte mit auf den rohen hölzernen Tisch und lud nun die Gesellschaft ein, es sich wohlschmecken zu lassen.

126 Das Fleisch und der Lachs waren gut, der Branntwein noch besser, und so wurde denn den Schüsseln und Flaschen tapfer zugesprochen – schon der dritten hatte man an diesem Abend den Hals gebrochen.

Diese scheinbare Verschwendung geschah in Verfolg eines wohlerwogenen Planes. Hermann und Herr Bochner waren während der Nacht überein gekommen, die beiden Kosaken weder zu bestechen, noch zu vergewaltigen, sondern sie zu berauschen und in der Jurte zurückzulassen, nachdem ihre Pferde getötet worden waren. Den nichtsahnenden Leuten gefiel der Branntwein außerordentlich gut, sie lachten zu den Späßen, den Liedern und Deklamationen des Tanzlehrers und tranken dabei unvermerkt so große Mengen, daß sich ihr Blut zu erhitzen begann – auch sie sangen und lachten laut.

»Wie man von diesem gesalzenen Fisch in den Durst hineingerät!« meinte der Wiener, indem er die Gläser wieder füllte; »es ist ganz erstaunlich.«

Dabei aber trank er selbst nur ein paar Tropfen, und auch Tekel und Khort, die sich bescheiden im Hintergrunde hielten, bekamen nur einen sehr mäßigen Anteil. Was Jermak betraf, so brachte er keinen Schluck über die Lippen.

Herr Bochner holte aus dem Kasten der Narte eine neue Flasche hervor. »Wie heißt Du, mein Freund?« wandte er sich an einen der Kosaken.

»Nikolaus, Ihnen zu dienen mein Herr!«

»Und Du?« fragte er den anderen.

»Ich? – Ardalion!«

»Nun wohl, Nikolaus und Ardalion, nehmt noch ein Stück Lachs, dann schmeckt später auch der Wutki besser.«

Die Leute lachten, daß ihre zweiunddreißig Zähne zum Vorschein kamen. Solche Einladungen konnte man sich gefallen lassen.

Bei diesem Ausbruche einer schon einigermaßen lallenden Heiterkeit runzelte der Polizeimeister die Stirn. »Herr Bochner«, sagte er, »Sie lassen die Leute zu viel trinken – wohin soll das führen?«

Der Wiener hatte Ähnliches erwartet und war daher vollständig vorbereitet. »Pater Quirin«, versetzte er, »die kleine Sünde wird ja nicht gleich zum gefährlichen Verbrechen. Man friert tüchtig durch und sucht sich zu erwärmen, das ist alles.«

Jermak seufzte. »Wir sind Gottlob nicht mehr weit von Nischney-Kolymsk entfernt«, sagte er in ärgerlichem Tone.

»Also lassen Sie doch die armen Leute, denen das ganze Jahr nur Mühsale und Entbehrungen bringt, einmal essen oder trinken, 128 soviel ihnen beliebt, ehrwürdiger Herr – weshalb gleich einem unschuldigen Vergnügen eine so ernste, ja gehässige Bedeutung beilegen?«

Der Polizeimeister sah auf: ein spöttischer und zugleich strenger Blick traf Hermanns lachendes Gesicht. »Herr – – Tumanoff«, sagte er in bedeutsamem Tone, »wenn man, wie Sie, der Beschützer einer wohlerzogenen jungen Dame ist, so sollte man in erster Linie darauf bedacht sein, ihr Schauspiele wie dieses vollständig fernzuhalten.«

Emma lächelte ruhig. »Ich nehme die Dinge immer, wie sie sind, ehrwürdiger Herr, nie, wie sie sein sollten, das ist für mich ein Glück, da ich sonst wohl kaum das Leben ertragen würde.«

Ihr trauriger, sanfter Blick traf den alten Herrn wie ein Vorwurf. Im Grunde waren Emma und Otto keine Sträflinge, also auch nicht auf der Flucht begriffen, das wußte er sehr wohl – aber dennoch, sie halfen ihrem Bruder die Gesetze zu umgehen, sie waren in dieser Beziehung mitschuldig.

Dem alten Beamten klopfte das Herz wie ein Hammer. Was mochten die armen Kinder gelitten haben – was stand ihnen höchst wahrscheinlich noch bevor?

Herr Bochner schenkte schon wieder fleißig ein, er sang jetzt ein Scherzlied, das die Leute ganz außerordentlich belustigte.

Nikolaus stieß seinen Gefährten an. »Du«, rannte er, »sieh doch den Schwarzrock, er mißgönnt uns die paar Tropfen Wutki!«

»Dafür trinke ich nun desto mehr.«

»Ha, ha, ha, ich auch!«

»Er ist ein Dominikaner aus Samogitien«, flüsterte der Tanzlehrer einem der beiden Kosaken ins Ohr.

»Biacha! Biacha!« (einfältiges Schaf!) lachte dieser und streichelte im trunkenen Übermut den Rücken des Polizeimeisters.

Dieser fuhr auf. »Was nimmt sich der Schlingel heraus?« rief er heftig. »Wißt Ihr, wer ich bin, Kerle? Ein Wort von mir bricht Euch das Genick!«

Ardalion lachte ihm ins Gesicht. »Heraus damit, alter Papa«, rief er, »wer bist Du denn Gutes, he?«

Jermak war, empört durch das, was er sah, jetzt völlig entschlossen, die Leute um jeden Preis zu ihrer Pflicht zurückzuführen.

»Wer ich bin?« rief er. »Der Polizeimeister von Jakutsk!«

Er dachte sich die Wirkung dieser Worte gleich der eines Blitzstrahles, aber er täuschte sich durchaus.

»Ah so!« lallte Ardalion, »dann ist Dir dies hier äußerst gesund!«

Und er versetzte dem erzürnten Manne einen derben Schlag auf die 129 Schulter. »Polizei ist ein häßliches Wort!« sagte er lachend. »Ich mag die Polizei nicht leiden, sie will das Trinken verbieten.«

Nikolaus drohte mit geballter Faust. »Ein Hund will ich sein, wenn dieser Priester nicht schon seinen ganzen Verstand auf dem Boden der Flasche gelassen hat!« schrie er voll trunkener Heiterkeit.

»Ich will Euch Eure Unverschämtheit eintränken, verlaßt Euch darauf!«

»Das kommt vom bösen Wutki! Mach kein so krauses Gesicht Mann – singe mit, hörst Du?«

»Oder verbietet der Dir's? He? Der Gottseibeiuns nämlich!«

»Sprich gar nicht mehr mit ihm!« rief der andere. »Laß ihn brummen, soviel er mag, es ist sein eigener Schade.«

»Herr Brandt«, rief außer sich der Polizeimeister, »geben Sie zu, daß man mich in Ihrer Gegenwart öffentlich beleidigt?«

Hermann erschrak nicht, als er so plötzlich seinen wahren Namen hörte; die Kosaken konnten nichts mehr verstehen. »Das alles ist nicht so böse gemeint, ehrwürdiger Vater«, sagte er begütigend.

»Friede! Friede!« rief der Tanzlehrer, indem er eine neue Flasche entkorkte. »Laßt uns alle noch ein Glas trinken!«

Die Kosaken hielten ihm ihre Blechgefäße schon entgegen. »Immer zu, gnädiger Herr, immer zu, Sie sind ein angenehmer Reisegefährte.«

»Namentlich«, rief Nikolaus, »namentlich da man kein Kopfweh bekommt, wenn andere Leute die Zeche bezahlen!«

Herr Bochner füllte zuerst den Becher des Polizeimeisters, aber Jermak, wütend über die Rolle, welche man ihn spielen ließ, goß mit einem Ruck das Getränk ins Feuer. Eine blaue Flamme züngelte lustig empor und beleuchtete hell das Innere der Hütte.

»Merkt Ihr denn nicht«, rief er den Soldaten zu, »daß man Euch betrunken machen will, um die unbequemen Wächter abzuschütteln!«

Die beiden Kosaken sahen einander an, sie schienen plötzlich nüchtern geworden zu sein. »Sollte das – – –« lallte der eine.

»Wäre – wäre – –« stammelte der andere.

Herr Bochner schenkte jetzt den beiden Jakuten ein und ließ sie mit den Kosaken wetteifern. Gegen den unseligen, verhängnisvollen Zauber des Branntweins konnten die ungebildeten Söhne der Wildnis nicht kämpfen, sie tranken, bis es ihnen nicht mehr möglich war, zusammenhängend zu denken oder zu sprechen.

Emma und Otto flüchteten in den fernsten Hintergrund der geräumigen Jurte.

130 Jetzt beschloß der Polizeimeister eine letzte entscheidende Anstrengung. »Meine Freunde«, sagte er, »nehmt alle Eure Fassungskraft zusammen und sucht zu verstehen, was ich Euch begreiflich machen möchte!«

Ardalion hob den Becher hoch empor. »Der Dominikaner – aus Samogitien – will – uns – den – Kate – Katechismus – lehren!« stammelte er.

»Durstige Fliege das!« fügte Nikolaus hinzu.

Jermak stand auf. »Leute«, rief er im beschwörenden Tone, »Leute, es handelt sich hier vielleicht um Eure ganze Zukunft, Euer Leben!«

Aber die Kosaken lachten und tobten, sie hörten ihn kaum noch, dann taumelten beide bis zum Eingang der Jurte und legten sich hin, um zu schlafen.

»Dahin haben Sie es bringen wollen!« wandte sich der Polizeimeister wutbebend an den jungen Deutschen.

»Vielleicht!« antwortete dieser sehr gelassen.

Dabei aber legte er sich auch zum Schlafen hin; auf einen Wink von ihm thaten die übrigen das Gleiche, nur Jermak durchschritt fortwährend in größter Unruhe die Hütte, und endlich, als er es nicht länger aushalten konnte, wollte er die Kosaken aufwecken. Ardalion, als er gerüttelt wurde, öffnete die Augen und brachte auch seinen Genossen zum Bewußtsein zurück. Die beiden Betrunkenen schienen irgend etwas zu vereinbaren, sie taumelten hinaus und lachten, dabei dem Polizeimeister ein geheimnisvolles Zeichen gebend.

Jetzt glaubte dieser seine Stunde gekommen; trotz der draußen herrschenden schrecklichen Kälte beeilte er sich, den Soldaten zu folgen.

Herr Bochner rieb sich drinnen die Hände. »Wir haben gewonnenes Spiel!« flüsterte er. »Die Kerle denken nur an den Branntwein, sie stehlen unseren ganzen Vorrat und trinken, bis kein Kanonendonner sie mehr erwecken könnte.«

Er sollte richtig prophezeit haben. Beide Kosaken steuerten schwankend den Narten zu, und als sie dieselben erreicht hatten, fragte Nikolaus den Polizeimeister, wo die Flaschen steckten. »Wutki!« lallte er, »mehr Wutki!«

Der Polizeimeister stand mit erhobener Faust vor ihm. »Unglücklicher«, rief er, »jetzt willst Du sogar stehlen? Laß ab, oder es ist Dein Verderben!«

»Biacha!« lachte Ardalion; »dummes Zeug! – Unsinn! Wir wollen den Wutki haben, hörst Du!«

Sie durchwühlten die Schlittenkasten, und sehr bald fielen ihnen die von dem schlauen Wiener oben auf alle übrigen Vorräte gelegten Flaschen in die begierigen Hände. Mit einem Freudenschrei den kostbaren Schatz an sich reißend, taumelten sie wieder in die Jurte zurück.

131 Jermak eilte hinterdrein, obwohl er selbst nur sehr geringe Hoffnung hegte. Den Soldaten ohne Beistand die Flasche zu entreißen, würde ganz unmöglich sein, das erkannte er vollständig, ergab sich aber trotzdem noch nicht.

»Fürs erste«, begann er, »habt Ihr beide gestohlen!«

»Du lügst, Biacha! – Wenn Du die anderen weckst – schlage ich Dich tot!«

Und er trank, bis ihm die Augen zufielen, bis er wie tot dalag. Auf diesen Augenblick schien sein Kamerad gewartet zu haben, er entriß ihm die Flasche und setzte sie an die Lippen; dazwischen drohte er immerfort.

»Nicht wecken, Dominikaner! – Totschlagen!«

Jermak versuchte es, sich der Flasche zu bemächtigen, aber vergebens, er rief die Jakuten, welche indessen plötzlich taub geworden zu sein schienen, und gab endlich verzweifelnd den Kampf auf. Die Kosaken lagen gänzlich leblos da.

Der Polizeimeister sah zu den beiden Deutschen hinüber, seine Augen blitzten vor Zorn. »Das Bubenstück ist Ihnen gelungen, meine Herren!« rief er.

Hermann überhörte geflissentlich diese Beleidigung. »Ich hoffe es!« antwortete er mit tiefem Atemzug.

Und dann rief er die Jakuten. »Tekel! Khort! – Spannt an, meine Freunde!«

Die Eingeborenen erhoben sich sofort. »Toyma (Herr)«, sagte Tekel, »Du befiehlst, und wir gehorchen.«

Einige Minuten später zeigte das Bellen der Hunde, wie rasch sie der erhaltenen Weisung Folge gaben.

Jermak glaubte vor Zorn ersticken zu müssen. »Herr Brandt«, sagte er endlich, mühsam sprechend, »was beschließen Sie über meine Person?«

»Bitte sehr«, rief der Deutsche, »wir erlauben uns, Ihnen einen Platz in unserem Schlitten anzubieten. Allein könnten Sie hier nicht bleiben.«

»Und die Kosaken?«

»Das ist etwas anderes. Überdies schneit es, wir dürfen, gottlob, die Pferde leben lassen, ohne durch sie eingeholt zu werden. Unsere Spur geht verloren.«

»Im übrigen«, setzte der Wiener hinzu, »ist uns Ihre werte Gesellschaft so angenehm, daß wir dieselbe ungern entbehren würden.«

»Danke!« sagte im heftigsten Zorne der Polizeimeister. »Ich muß gehorchen, das weiß ich sehr wohl. Aber, meine Herren, das merken Sie sich gut, mit dem heutigen Tage sind wir quitt! Ich habe mich bei Ihnen ausgelöst!«

132 »Ausgelöst!« wiederholte der Tanzlehrer. »Wären Sie nicht lebendig begraben gewesen ohne uns, Sie Unglücklicher?

Und ebenso weit, ebenso vollständig«, setzte er lächelnd hinzu, »gehören Sie folgerichtig uns, mein Herr Jermak!«

Der Polizeimeister wandte sich ab, er glaubte in jedem Augenblick, daß ihn der Schlag rühren müsse.

Wenige Minuten später kläfften die Hunde und klingelten die Schlittenglocken. Beide Narten fuhren mit Windeseile in den wirbelnden Schnee hinein. 133

 


 

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