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Geographische Charakterbilder. Erster Teil. Arktis ? Europa

August Wilhelm Grube: Geographische Charakterbilder. Erster Teil. Arktis ? Europa - Kapitel 5
Quellenangabe
typereport
authorAugust Wilhelm Grube
titleGeographische Charakterbilder. Erster Teil. Arktis ? Europa
publisherFriedrich Brandstetter
printrunZweiundzwanzigste Auflage
editorHans Stübler
year1921
firstpub1850
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130812
projectid70ccb212
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B. Mittleres Osteuropa.

6. Der Urwald von Bjelowjesch. – 7. In Moskau. – 8. In Nischnij-Nowgorod. – 9. Die Großrussen. – 10. In russischen Kirchen.

 

6. Der Urwald von Bjelowjesch.

»Der schwer geschlagene Feind flüchtete in das Innere des Waldes von Bjelowjesch ...« Dieser im Bericht der deutschen Heeresleitung vom 26. August 1915 enthaltene Satz hat einem Kenner Verfasser unbekannt. des Urwaldgebiets von Bjelowjesch (Bialowieska), das sich nordöstlich von Litauisch-Brest ausdehnt, Anlaß zu folgender Schilderung gegeben:

Die Zeit ist noch nicht lange vorüber, wo man das ganze Gebiet, das sich nach Nordosten über Grodno, Wilna bis Dünaburg und nach Osten bis Minsk und Mohilew erstreckte, als eine nur von Lichtungen unterbrochene Urwaldwildnis bezeichnen konnte; im Norden von Tausenden von Seen durchbrochen, im Süden von den zahllosen Flüssen und Flüßchen, die alle zu dem gewaltigen Stromgebiet des Dnjepr und seines größten Nebenflusses, des Priepjät, gehören.

Aber seit mehr als einem Jahrhundert wütet die Axt gegen die Waldwildnis, und um so ärger, je teurer das Holz wurde. Und überall ist Wasserverbindung, um das Holz zu einem Ostseehafen zu flößen. Ja, wenn man alle die Traften, die auf Memel und Weichsel seit hundert Jahren herabgeschwommen sind, aufzählen könnte und wollte, müßte man sich eigentlich wundern, daß in Polesien überhaupt noch Wald vorhanden ist. Übrigens, allzuviel ist nicht mehr vorhanden. Im nördlichen Teil zählt man noch etwa sechs große Waldgebiete, die mehrere Quadratmeilen bedecken und nur deshalb verschont geblieben sind, weil sie keine Wasserverbindung haben. Im Süden ist noch ein Urwald übriggeblieben, der ehemalig kaiserliche Kronforst von Bjelowjesch. Er bedeckt 1224 qkm, ist also nicht viel größer als die Johannisberger Heide, aber groß genug, um die Eigenart eines von der Axt völlig unberührten Urwaldes zu zeigen.

Das heißt: der Baumwuchs erreicht seine natürliche Altersgrenze, bis er von den feindlichen Naturgewalten bezwungen und zerstört wird. Deshalb wird man wohl nirgends mehr auf europäischem Boden solche Baumriesen finden wie in Bjelowjesch. Darunter sind nicht nur Eichen und Buchen, Linden und Ahorne, sondern auch Kiefern, die noch das Hifthorn der jagdfrohen polnischen Könige gehört haben.

Wo ein Sturm die altersschwachen Riesen gefällt hat, gibt es für einige Jahre eine kleine Lichtung. Aber bald erhebt sich über der Wildnis ein undurchdringlicher Nachwuchs. Viele Geschlechter von Bäumen hat die Zeit niedergeworfen und in Moder verwandelt, der nachts in phosphoreszierendem Licht gespenstisch leuchtet, sobald der Boden feucht wird. Und eigentlich ist er immer feucht; denn die ganze Heide steht auf einer Tiefebene, die sich nur stellenweise etwas über den Grundwasserstand erhebt, auf weiten Strecken aber nur so wenig, daß ein Regenguß Tausende von Morgen mit einem Wasserspiegel bedeckt. Dadurch haben sich im nördlichen Teil, wo Laubwald vorherrscht, große Sümpfe gebildet. Manche sind dem Eindringen des Menschen verschlossen, weil sie mehrere Meter tief aus dünnlüftigem Moder bestehen, aber nicht alle, denn vielfach besteht der Sumpf nur aus einer fußdicken, vermoderten Humusdecke, die auf festem Sande liegt.

Es ist selbstverständlich, daß solch ein Urwald, der in neuerer Zeit gar nicht durch die Axt und nur selten durch Jagd beunruhigt wird, alle Wildarten enthält, die sich in ihm wohlfühlen: Auer-, Birkwild und Haselhühner, alle Arten von Raubvögeln, Enten und Wasservögeln, schwarzer Storch, Kranich, Schwan und Graugans; ferner alles vierbeinige Raubzeug einschließlich Luchs, Wolf und Bär; außerdem Schwarzwild, Elche und die einzige Wisentherde, die, abgesehen von ihrem eingehegten Ableger in Oberschlesien, auf europäischem Boden noch in voller Freiheit lebt. Im Randgebiet gibt es auch Waldhasen und Rehe. Rotwild ist früher zahlreich vorhanden gewesen, jetzt aber stark gelichtet infolge der Kriegsstürme, die durch den Forst gebraust sind; die Wisentherde ist auf wenige Häupter zusammengeschmolzen, vielleicht jetzt ganz vernichtet worden. Der Biber ist schon im vorigen Jahrhundert ausgerottet worden. Denn früher wurde die Bialowieska eifrig bejagt, weil die staatlichen Jäger eine erhebliche Menge von Bälgen abzuliefern hatten.

Seit 1803 ist die Heide zum Kronforst erklärt worden und soll für alle Zeiten von Axt und Weidwerk verschont bleiben. Sie war in zwölf Schutzgebiete eingeteilt, die je von einem Forstmeister und mehreren Förstern bewacht wurden. Außerdem waren auf kleinen Lichtungen etwa hundert Bauernfamilien angesiedelt, denen die Verpflichtung oblag, Wildheu zur Verpflegung der Wisente zu machen. Ziemlich in der Mitte auf einer Hochfläche, auf der ein halbes Dutzend kleiner Flüsse entspringt, liegt die größte Siedlung der Heide, das Krondorf Bialowieska und daneben ein stattliches Jagdschloß, das sich der Polenkönig August III. erbaut hatte.

Mitten im Dorf steht ein Obelisk mit folgender Inschrift in deutscher und polnischer Sprache: »Am 28. September 1752 haben hierselbst die allerhöchsten Herrschaften, und zwar: August III., König von Polen und Kurfürst von Sachsen, mit ihrer Majestät der Königin und den Prinzen Xaver und Karl eine Bisonjagd abgehalten und 42 Bisons zur Strecke gebracht, und zwar 11 alte, von welchen der schwerste 14 Zentner und 59 Pfund wog, 7 geringere, 18 Tiere und 6 Kälber; ferner 13 Stück Elchwild, das stärkste wog 9 Zentner und 75 Pfund, 5 Tiere und 2 Kälber; ferner 2 Rehe, zusammen 57 Stück.«

Die unwillig, aber sicher zwanzig Bisons erlegende Königin war Maria Josepha, eine Tochter des Kaisers Josef von Österreich. Es war die letzte Jagd, die sie mitmachte, und auch die letzte große Treibjagd in der Bialowieska. Erst im Juli 1849 wurde wieder mit großem Aufwand getrieben, aber nur um zwei Wisente zu fangen, die Kaiser Nikolaus der Königin Viktoria für den Zoologischen Garten in London schenken wollte. Es gelang, sechs Kälber einzufangen, darunter einen jungen Stier von 15 Monaten, der neun Jäger und ein Dutzend Hunde wie Fliegen abschüttelte und erst nach mehreren Stunden, müde gehetzt, in einem Morast gestellt und überwältigt werden konnte.

Es ist falsch, das wilde Rind, das in der Bialowieska lebt, als Auerochs zu bezeichnen. Denn es haben ohne Zweifel in der Vorzeit zwei Arten wilder Stiere in Europa gelebt, der Ur oder Auerochs, von dem unser Hausrind abstammen soll, und der mit einem starken Buckel begabte Wisent, der sehr nahe mit dem nordamerikanischen Bison verwandt ist. Die Zahl der in der Bialowieska lebenden Wisente war bedeutenden Schwankungen ausgesetzt. Sie hat mehrmals 800 Köpfe erreicht, ist aber auch bis auf 400 Stück zurückgegangen. Trotz seines jähzornigen Charakters und seiner unbändigen Kraft soll auch manch alter Stier den Wölfen zum Opfer fallen. Einige beschäftigten ihn von vorn, während die anderen ihn von hinten und von der Seite anfallen. Es soll den Wölfen auch manchmal gelingen, eine Herde zu sprengen und dann eine vereinzelte Kuh oder ein paar Kälber zu reißen. Auch der Bär holt sich wohl ab und zu einen Braten.

Der schlimmste Feind aber des ganzen Wildbestandes sind die gewaltigen Brände, die im Hochsommer nicht ganz selten ausbrechen. Manchmal wird durch Blitzschlag ein trockener Baum in Brand gesetzt, aber auch mutwillige Brandstiftungen sollen vorkommen. Dann wütet die Glut wochen-, ja monatelang, bis sie der Herbstregen löscht. Infolge eines solchen Waldbrandes ist vor etwa zwölf Jahren eine Anzahl Elche nach Norden bis nach Ostpreußen abgewandert, wobei einer sich durch einen Einsprung in die Romintener Heide verirrte.

 

7. In Moskau.

Quelle: Roskoschny, Rußland, Land und Leute, Bd. 1. Leipzig 1882, Greßner & Schramm.

.

In der Siebenhügelstadt an der Moskwa begegnen sich morgenländisches und russisches Wesen. Sie ist nach Lage, Bauart und Bevölkerung der Mittelpunkt des Zarenreiches – und die Geschichte gibt dem auch Recht, denn Mütterchen Moskau, Matjuschka Moskwa, ist das Heiligtum altrussischer Art gegenüber dem neumodischen Petersburg, das dem heiligen Osten so fremd, desto offener dem Westen und seiner fremden Kultur ist. Moskau ist trotz der Zerstörungen durch Mongolenhorden und durch Brand immer wieder neu erstanden und hat in der alten Stadt das alte Gepräge behalten: enge, krumme, winkelige Gassen, niedrige Holzhäuser, ummauerte Höfe – nur die neuen Wachstumsringe haben breite Straßen, Prachtbauten, Boulevards, elektrische Bahnen usw. Jeder Russe sieht im eigenen Heim sein Ideal: er spart und darbt so lange, bis er ein kleines Häuschen sein eigen nennt, bis er im eigenen Keller seine Vorräte speichern, im eigenen Hofe sein Geflügel züchten kann. So klein es auch sein mag, so sehr es vorspringt in der Häuserflucht oder zurücktritt, wenn es nur sein ist. So erklärt sich der Wechsel von Palast und Hütte, von großen Obst- und Gemüsegärten, von Ackerfeldern, Fischteichen mit kleinen Geflügelhöfen hinter Mauern und Plankenzäunen in der russischen Hauptstadt. Und der Ausspruch des Fürsten von Ligne: »Moskau ist keine Stadt, sondern nur eine Vereinigung von 4-500 von ihren Dörfern und Gärten umgebenen Schlössern« – hat auch in dem seit 1812 neuerstandenen Moskau noch volle Berechtigung. So erklärt es sich ferner, daß die Stadt 75 qkm bedeckt, einen Umfang von 43 km hat und darin über 1½ Millionen Menschen beherbergt. Die schiffbare Moskwa teilt die Stadt in zwei ungleiche Teile, nimmt innerhalb der Mauern die Jausa und die überwölbte Neglinnaja auf und ist von größeren Fahrzeugen und einer Unmenge kleiner Dampfer und Barken bedeckt. Acht Brücken verbinden beide Stadthälften. Mitten in den Stein- und Holzhäusern liegen mehr als 100 Seen und Teiche; Boulevards und Plätze sind in großer Zahl vorhanden, vor allem aber fällt die Menge der Kirchen auf (434 Kirchen, 82 Kapellen, 21 Klöster).

Obwohl hier die Hochburg des streng griechischen Glaubens ist, werden auch zwei römisch-katholische, zwei lutherische und je eine reformierte, anglikanische und armenische Kirche, eine jüdische Synagoge und eine mohammedanische Moschee geduldet. Ebenso treffen wir hier Vertreter aller Völker des Morgen- und Abendlandes in ihrer Nationaltracht, die in ihren eigentümlichen häuslichen Einrichtungen unbeirrt und ungestört hier wohnen: tatarische Baschkiren vom südlichen Ural, Kalmücken aus der kaspischen Niederung, Tscherkessen und Mingrelier vom Kaukasus, handeltreibende Armenier, Griechen, Perser, herumschweifende Zigeuner, bezopfte Chinesen, eine große Anzahl finnischer Stämme aus dem russischen Osten, Vertreter aller westeuropäischen Völker. Sie alle halten ebenso fest an ihrer Nationaltracht wie der Großrusse Moskaus an der seinigen: an dem Kaftan, der in Langstiefeln steckenden Pluderhose, an dem Vollbart, an dem Christuskopf mit dem in der Mitte gescheitelten Haar; französische Kleidung ist nur bei den nichtrussischen Europäern, einem Teile der russischen Beamten und der vornehmen Welt vertreten.

Der schreiende, unvermittelte Gegensatz zwischen dem russischen Edelmann, der das Französische wie seine Muttersprache spricht und in Kleidung und Bewegungen die hohe Schule des feinen Salons erkennen läßt – und dem gemeinen Mann im Kaftan, der ohne die Kunst des Lesens und Schreibens aufgewachsen ist, fällt nirgends mehr als hier in der Hochburg des Altrussentums auf: in den Prachtbauten des Adels und den Museen sind Meisterwerke russischer und westeuropäischer Künstler aufgestellt, der gemeine Mann dagegen drängt sich um den Bilderhändler aus Wladimir, der die roh geklecksten Märtyrer und Madonnen seiner zu fruchtbaren Vaterstadt an die Schnur gereiht um den Hals trägt; – neben dem reichen Viergespann erscheint die echtrussische Troika und der Iswoschtschik, der aus den benachbarten Statthalterschaften, ja aus Perm und Orenburg hereingezogene Bauer, der mit dem unansehnlichen, aber leistungsfähigen Rosse und der leichtgebauten Droschka in Moskau als Kutscher seinen Unterhalt verdient. Der Fahrgast besteigt sein Gefährt, ohne ein Wort über Richtung und Fahrgeld zu verlieren; in sausendem Galopp jagt der Iswoschtschik davon, gewärtig, daß bei Straßenkreuzungen sein Fahrgast ihn auf der rechten oder linken Seite am Gürtel fasse, lenke oder Halt gebiete. Neben die großartigsten Kleidergeschäfte tritt in Moskau der wandelnde Trödelladen, der »Kleiderjude«, gewöhnlich ein Mann tatarischen Stammes vom Schwarzen Meer, der mit kundigem Auge den vorübergehenden Stutzer abschätzt, verfolgt und sofort weiß, wo sein Geschäft blüht. Zu den Typen der Hauptstadt Altrußlands gehört entschieden auch der Dwornjik, der Hausmeister. Er weiß zu schweigen über alle die kleinen Vorkommnisse im Verkehr des ersten mit dem zweiten Stockwerk; er hält beide Hände vor die Ohren, wenn bei dem Offizier des dritten Stocks das Gelage bis in den Morgen hinein dauert; er versteht es meisterlich, dem Studenten in der Dachkammer die Gläubiger in der nötigen Entfernung zu halten, aber ebenso dem Kammerdiener des Hausherrn die schuldige Ehrerbietung zu erweisen; ist er doch gewiß, daß ein reichliches Trinkgeld alle diese Liebesdienste vergilt ...

Eigenartig wirkt schon durch den Namen: der Läusemarkt, Nach E. Vely, Moskauer Erinnerungen. Dresdner Anzeiger 8. Sept. 1915. eine sonntägliche Krammesse. Alte Kleider, schier unbrauchbar scheinenden Hausrat, Gerümpel, Lappen und Lumpen, Kisten und Kessel verkauft und kauft hier das eng gequetscht stehende und drängende Volk. Dazwischen taucht aber zuweilen uraltes Silber, wertvoller byzantinischer Schmuck auf, oder eine chinesische Vase, ein gebräuntes Bild. Wer sich auskennt, kann hier für wenige Kopeken einen kleinen Schatz nach Hause tragen. Unter der Räteherrschaft hat sich der alte Trödelmarkt, der früher in fünf Minuten durchschritten war, sehr vergrößert: er zieht sich heute etwa vier Kilometer hin. Die »Burschoa«, die früher herrschende Oberschicht, darunter der russische Adel, verkaufen hier ihre letzten Sachen: Ballkleider, seidene Stiefelchen, Armbänder, goldene Uhren usw. Bezeichnend ist, daß der schönste Künstlerflügel halb so teuer verkauft wird wie eine ganz gewöhnliche Spiel- und Sprechuhr (Grammophon). Aber für Lebensmittel, die im Schleichhandel erworben werden müssen, werden eben ungeheuerliche Preise verlangt: 1 Pfund Schwarzbrot kostet 400 Rubel, 1 Pfund Weißbrot 700 Rubel, 1 Pfund Butter 3000 Rubel, 1 Pfund Kalbfleisch 1200 Rubel, 1 Pfund Schweinefleisch 2400 Rubel, 1 Pfund Kartoffeln 120 Rubel usw. Solche Zustände können nicht von Bestand sein.

Und dann der Heiratsmarkt! Ein riesiger Platz mit vielen kleinen weißen Zelten. Beim gemütlichen Samowar, der Teemaschine, sitzen die Heiratsvermittlerinnen darin, würdevoll geputzt. Um sie geschart, im sonntäglichen Festschmuck, Männer und Mägdlein, die vom Lande oder aus Moskau selber herbeigeströmt waren, heiratslustig. Es war da keineswegs ein Herumliebeln, ein Suchen, Anblinzeln, Zunicken, Winken. Sehr still und ernst ging's zu. Ein Geschäft: Ich geb. Ich nehm. Ich bekomme mit. Ich erbe mal. Das erzählten sich Menschen, die einander nie gesehen. So war das Bekanntschaftmachen, umrahmt von der betulichen Milde und Vorsorglichkeit der ältlichen Heiratsvermittlerin, die Vertrauen genießt bei ihrem Geschäft. Man trinkt Tschai (Tee), ißt Kuchen und gekochte harte Eier. So knüpfen sich Schicksalsfäden, schlingt sich der Knoten. Die Gruppen, die den Kasatschok, einen Volkstanz, der hübsch wirkt, tanzten, waren wohl schon einig geworden. Je ein Paar gesellt, wie einst im Paradiese.

»Die Entgleisten«, hat unser moskowitischer Führer auf sein Programm geschrieben. Entgleiste übersetzte er, er meinte jedoch »Gescheiterte«. Schiffbruch hatten sie gelitten, die wir auf dem Platz, der natürlich wieder riesengroß war, sahen. Arbeitslose, Herumtreiber, stündlich zu einem Verbrechen Bereite, gutmütige Lungerer – wieder Tausende. Große Hallen nahmen sie auf, wenn sie das Liegen auf dem Boden nicht vorzogen. Volksküchen grenzten an. Immer mußte man an Tolstoi denken, und wie das Elend, das er hier sah, ihn bedrückte, so, daß er sich seines eigenen Wohlstandes schämte. Eine Hand, die Gutes zu tun dachte, warf unter eine der ersten Gruppen Münzen. Sie brachte uns fast Gefahr. Unzählige umdrängten unsere Wagen, Johlen erklang, Pfiffe schrillten, Hände erhoben sich heischend, Rufe, die wir ja nicht verstanden, klangen bettelnd und drohend. Da hieß es schnell davonfahren. Aber den bitterschweren Eindruck nie so geschauter Not und Vertierung nahm man mit.

Die Straße steigt langsam zum Kreml an; denn die Festung liegt auf dem 43 m über den Spiegel der Moskwa sich erhebenden Borowizkischen Hügel. Durch eins der fünf Tore in der gewaltigen, 20 m hohen Umfassungsmauer, die 1487 erbaut ist, treten wir ein in diese Stadt in der Stadt, in die alte Zitadelle von Moskau, die zwischen 1500 und 2000 Bewohner zählt und außer dem Kaiserlichen Palast, dem Synodalgebäude, dem Senatspalast, dem Arsenal, der Kaserne und anderen großartigen Gebäuden noch drei Kathedralen, zwölf Kirchen, eine Kapelle und zwei Klöster enthält. Der tiefe Graben, welcher ehemals um dies russische Kapitol lief, ist zwar ausgefüllt und in Boulevards verwandelt, aber die 18 Türme der Umfassungsmauer deuten noch heute den Festungscharakter an. Der Riesenturm »Iwan der Große« (Iwan Welíkij), auf dem höchsten Punkte von ganz Moskau und dem Kreml errichtet, überragt mit 82 m Höhe und dem 16 m hohen vergoldeten Kreuz die ganze Hauptstadt; weithin funkelt die mit echtem Dukatengold überzogene Kuppel in das Land hinein, und bezaubernd ist der Rundblick, den man aus seinem fünften Stockwerk genießt. Der Glockenturm des Iwan Welíkij ist für den gemeinen Mann, der zum ersten Male Mütterchen Moskau aufsucht, das Sehenswürdigste der ganzen Stadt; denn in der Osternacht, wenn Tausende von Gläubigen auf dem weiten Platze zwischen den drei großen Kathedralen andächtig harren, verkündet seine große Glocke zuerst das Wunder der Auferstehung, und sobald ihr dumpfdröhnender Klang in die entferntesten Stadtteile dringt, tun die Tausende von Glocken und Glöckchen in der Stadt den ehernen Mund auf, das »Christos woskres, Christos woskres is mortwui! Woistino woskres!« in die Nacht hinaustönend. Der 66 000 kg schwere Riese erhebt nur zweimal im Jahre seine gewaltige Stimme, in der Christ- und Osternacht. Doch auch er ist noch ein Zwerg gegen den auf hohem Granitsockel stehenden »Glockenkönig« (Zar Kólokol), die Riesenglocke Moskaus, die 200 000 kg wiegt, 20 m Umfang und 6 m Höhe hat; neben ihr liegt ein bei einem früheren Sturze ausgebrochenes Stück von Mannsgröße. Solchen Ungeheuern gegenüber verschwindet freilich unsere Kölner Kaiserglocke mit ihren 27 150 kg.

Die Krone unter den drei Kathedralen des Kreml ist die Himmelfahrtskirche (Uspenskij Sobór), in welcher seit den Zeiten Iwans des Schrecklichen (1547) die Zaren gekrönt wurden. Iwans Großvater hat dies Bauwerk von einem italienischen Meister Fioraventi aus Bologna ausführen lassen. Obwohl dieser streng angewiesen war, sich im Stil des Prachtbaues an das Landesübliche anzuschließen, vermochte er sich doch von den Überlieferungen des klassischen Heimatbodens nicht ganz loszumachen, und an der Himmelfahrtskirche lassen sich nicht weniger als vier Stilarten unterscheiden: der byzantinische, romanische, tatarische und Renaissancestil. Vielleicht liegt gerade in deren Verschmelzung das Charakteristische des russischen Kirchenbaustils. Das Innere der Kirche wirkt durch seine Pracht geradezu blendend: der Ikonostas, die Bilderwand, welche den Altarplatz vom Schiff trennt, ist überladen mit Gold und Edelsteinen, an den Wänden wie an den Säulenschäften bis zu den Kapitälen hinauf finden sich kostbare Heiligenbilder auf Goldgrund. Der wertvollste Schatz ist unstreitig das der Sage nach vom Evangelisten Lukas gemalte Bild der Mutter Gottes von Wladimir, der Schutzgöttin Moskaus; ihrem Bilde verdanken die Russen den Sieg über die Horden Timurlans 1395. Der Rahmen dieses Kunstwerks stellt allein einen Wert von 650 000 Mark dar, und solcher Kleinodien besitzt die Kirche viele, namentlich Gefäße, Meßgewänder, Evangelien, darunter ein von Peter des Großen, Mutter geschenktes im Werte von 200 000 Silberrubel. Alle diese Schätze zeigt man nur selten, nämlich am Krönungstage, wenn »Väterchen Zar« seine Vermählung mit dem russischen Volk feiert, bei welcher Gelegenheit gegen 60 000 Untertanen aus allen Teilen des gewaltigen Reiches gegen Einlaßkarten Zutritt erhalten. Alle Wunder des Kreml zu beschreiben ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wir treten nun mit Erlaubnis des Vorstehers vom Hofkontor einen Gang rings um die 2-4 m breite Umfassungsmauer des Kreml an. Welch herrliche Ausblicke sind von hier aus möglich auf die zu unseren Füßen liegende Stadt und ihr Weichbild! Unter den 18 Mauertürmen sind die fünf bemerkenswert, unter denen hindurch die Tore in den Kreml führen. Der Spasskyturm, welcher das Erlösertor krönt, ist der bekannteste. Über dem Tore bemerkt man das Bild des Erlösers, der in der Linken das Evangelium hält, in welchem die Stelle aufgeschlagen ist: »Ich bin die Tür«; die Rechte spendet den unten Vorübergehenden den Segen seit Jahrhunderten; daher wohl der ehrwürdige Brauch, beim Durchschreiten des Tores das Haupt zu entblößen, ein Gebrauch, der früher nach strenger Verordnung überwacht, jetzt einfach durch die Länge der Zeit zu etwas für den Gläubigen Selbstverständlichem geworden ist. Auch der Fremde wird wohl tun, das Gemüt des sonst duldsamen Russen nicht zu reizen durch Verachtung dieses frommen Brauchs.

Dem Kreml und dem Erlöserturm ist nur ein dritter an Volkstümlichkeit gleichzustellen, der Sucharewturm, der große Wasserbehälter. Die Wasserleitung führt ihm das flüssige Element aus 43 Quellen in 18 km Entfernung zu; er liefert täglich 550 000 Eimer (Wedró). Trotzdem, daß zu diesem älteren Wasserwerk 1871 ein zweites (Chodynka-Wasserleitung) getreten ist, das jeden Tag 150 000 Wedró liefert, wird doch bei Feuersbrünsten oft ein Mangel fühlbar, da die tägliche Wassermenge kaum 1 Wedró auf den Kopf der rasch zunehmenden Bevölkerung ergibt.

Früher zogen durch das Erlösertor die Zaren zur Krönung, am Palmsonntag aber sah man den Weltbeherrscher hindurchschreiten an der Spitze einer großen Prozession, demütig die Eselin des Patriarchen am Zügel führend. 1605 zog der falsche Demetrius hier ein, ein Jahr später schleifte man seine Leiche durch dasselbe Tor aus dem Kreml hinaus. 1794 wurde vor dem Erlösertor auf dem Roten Platz Susloff hingerichtet, der an dem Wahne krankte, der Messias zu sein. Und da der Rote Platz durch Jahrhunderte die Richtstätte war, so könnte er seinen Namen wohl von den Blutströmen führen, die hier geflossen. Hier henkerte der gräßlichste Wüterich auf dem Zarenthrone, Iwan der Schreckliche, 120 Bojaren zu Tode, und Peter der Große ließ an derselben Stelle – freilich aus gerechter Ursache – unter dem Fenster seiner hochverräterischen Schwester Sophia die rebellischen Strelitzen verbluten. Heute sind die Blutspuren längst verwischt. Der Palmenmarkt erinnert noch an die frühere große Prozession und die Demut der alten Zaren.

Nordöstlich vom Kreml, der Burg Moskaus, liegt der Mittelpunkt des Großhandels, die alte Chinesenstadt Kitajgorod, 1534 erbaut, mit dem Gostinnoi-Dwor, dem Kaufhof. Seine reihenweise gruppierten, durch enge Gassen getrennten Kaufhallen boten ursprünglich den fremden Kaufleuten Herberge, Kaufladen und Warenlager; jetzt vertritt er gewissermaßen den morgenländischen Bazar. Während früher nur Karawanen aus dem Osten ihre Waren hier feilboten, wurde das Verkehrsleben wesentlich gehoben, als Iwan IV. nach der Zerstörung Alt-Nowgorods 18 000 reiche Bürger dieser mächtigen Republik zur Übersiedelung nach Moskau zwang. Moskau wurde von da ab der Mittelpunkt des russischen Handels. Obwohl durch Petersburg eine Zeitlang überflügelt, hat die Stadt doch als Knotenpunkt des Eisenbahnnetzes und durch die Entwickelung ihrer Industrie die alte Bedeutung zurückzuerlangen gewußt. Besonders im dritten und vierten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts erfolgte ein bedeutender gewerblicher Aufschwung. Die Stadt selbst, sowie die Statthalterschaften Moskau und Wladimir mit ihrer Hausindustrie erzeugen vorwiegend Webwaren. Baumwolle aus Russisch-Zentralasien, russischer Leim werden verarbeitet; auch Wolle und Seide. An zweiter Stelle steht die Industrie der Nahrungs- und Genußmittel, dann kommt die Metallindustrie (einheimisches Sumpfeisenerz), endlich die Verarbeitung tierischer Rohstoffe (Lederindustrie) und die chemische Industrie. Die Uhrenfabrikation, die Kunsttischlerei, der Wagenbau und die Spielorgel- und Pianofabriken beschäftigen ebenfalls Tausende von Arbeitern. Moskau ist ferner ein Hauptplatz für Holz und Rohseide. Nimmt man hinzu die Zufuhr von Lebensmitteln, das Zusammenströmen der Naturerzeugnisse – Fischwaren vom Kaspisee, Metalle aus dem Ural, Rauchwerk aus dem Norden, Getreide und Flachs aus nächster Nähe –, so begreift man die Bedeutung Moskaus auch als Handelsplatz und die Großartigkeit des Verkehrs auf dem Gostinnoi-Dwor, wo sich gleichzeitig der Groß- wie der Kleinhandel abwickelt. Die Verpflegung der Kaufleute, die zum Teil ihre Hallen den Tag über nie verlassen und Öfen nicht führen dürfen, geschieht durch dieselben wandelnden Küchen wie im Kaufhof zu Petersburg.

Kreml und Altmoskau werden in weiterem Bogen umspannt von der halbkreisförmigen » weißen Stadt« Bjelojgorod; die alte weiße Mauer, welche diesen Stadtteil früher umgürtete, ist verschwunden, herrliche Boulevards sind an ihre Stelle getreten. Die ganze weiße Stadt ist ein Kind der Neuzeit; gerade, breite Straßen, stattliche öffentliche und Privatgebäude, Theater, von der feinen Damenwelt besuchte Anlagen, Konzerthäuser, Zirkus, zahllose Restaurants in französischem und russischem Stil, diese mit der unvermeidlichen Riesenspielorgel, echtrussischen Speisekarte und Bedienung, einige Kaffeehäuser, die freilich bei der Vorliebe des Russen für Tee mehr den Fremden Ursprung und Bestand danken: alles dies zeigte uns die Großstadt Moskau. Geradezu auffällig in diesem Stadtteil war die Unmenge deutscher Firmen, das Überwiegen deutscher Bedienung in den Hotels wie im Kaufladen, das Erklingen deutscher Laute auf den Straßen. Von Deutschenhaß war in der Hochburg des Altrussentums wenig zu spüren; die Feindseligkeit gegen deutsche Abenteurer und Industrieritter galt dem Stande, nicht der Nationalität. Der Russe, weit entfernt, deutsche Strebsamkeit, Gewissenhaftigkeit, allseitige Bildung zu verachten, strebte mit Eifer und Erfolg, darin sich dem Deutschen gleichzustellen. Und hierfür sollten außer der kaiserlichen Universität (gegründet 1755) und dem Lyzeum noch acht Gymnasien für Knaben, zwölf für Mädchen, Realschulen, eine landwirtschaftliche Akademie, eine Feldmesserschule, ein Institut für orientalische Sprachen, Handelsschulen und eine Handelsakademie, technische niedere und höhere Schulen, ein geistliches Seminar, ein Lehrinstitut, vier Militärgymnasien, die Alexander-Kriegs- und Junkerschule, Stadt-, Pfarr- und Kreisschulen, ein Konservatorium und eine Theaterschule Sorge tragen. Unterstützt ward die Tätigkeit dieser Bildungsanstalten durch großartig ausgestattete Sammlungen und Bibliotheken. Unter den Wohltätigkeitsanstalten Moskaus verdient jedenfalls das musterhaft eingerichtete Findelhaus Erwähnung, von Katharina II. gegründet. Mächtige Bauten. Breite, luftige Gänge. Große Säle. Oberinnen, Ärzte, die uns, wieder deutsch sprechend, führten, die Vorschriften erläuterten. 1500 Kinder werden monatlich eingeliefert. Ein – wenn auch heimliches – Bekennen der Mutter- oder Elternschaft ist jetzt Bedingung. Nicht getaufte Kinder kommen nach dem ersten Bad und dem Wiegen sofort in die kleine Kapelle, in der ein Pope sie einreiht in die große orthodoxe Christenfamilie. Sehr stattlich sahen die meisten Ammen aus, in Nationaltracht mit dem Kokoschnik. Wie Soldaten standen sie aufgereiht, die verschnürten, lebendigen Bündel in den Armen. In den Annahmeraum brachten just ein paar Mütter ihre Kinder. Die Anstaltsschwester hängte die Nummer um den kleinen Hals, die Weiber machten ein stummes Kreuz über das Kind und gingen. Stumpf, tränenlos – oder doch wohl überzeugt, daß es dem Eingelieferten besser gehen würde wie im Elend daheim. Denn nicht nur Lebensrettung ist es in dem großen Moskauer Findelhause – es bedingt auch ein Fortkommen im Leben mit allerhand besonderen Zuwendungen. Und mancher bedeutende Mensch Rußlands ist aus dem Findelhause und seinen angegliederten Erziehungsanstalten hervorgegangen. Die deutsche Fürstentochter auf dem russischen Throne, Katharina II., hat weit fürsorgend gewirkt.

Die Hunderte goldener Kuppeln Moskaus glänzen über viel verhülltes Elend hin – das schreit in die Erinnerung an all das Seltsame und Eigenartige in dieser Stadt grell hinein. Und man denkt an das ergebene Sprichwort dieses buntgemischten Volkes: »Gott ist groß – und der Zar ist weit.« E. Vely a. a. O.

Um die weiße Stadt legte sich ein jüngerer Ring, die nach der Umwallung durch Erdbefestigungen den Namen Erdstadt trägt (Semljanojgorod); der Erdwall ist aber zur Gartenstraße geworden, und ein jüngster Ring von Vorstädten ist darüber hinausgewachsen. Jenseits der Moskwa liegt nur ein kleiner junger Stadtteil, der mit in den Ring der Erdstadt fällt. In dem äußersten Stadtkranze liegen die Bahnhöfe, viele Fabriken und Arbeiterwohnungen, auch Kasernen. Weiter hinaus folgen wie bei Petersburg auch die Sommervillen oder Datschen; besonders zahlreich sind diese hübschen Holzhäuschen in dem großen Sokolnikiparke im Nordosten der Stadt – auch Schlösser und städtische Dörfer und Villenkolonien. Im Südwesten der Stadt liegen die Sperlingsberge, von denen aus man einen schönen Überblick über die alte Zarenstadt genießt.

 

8. In Nischnij-Nowgorod.

Quelle: Roskoschny, Rußland, Land und Leute. Bd. 2. Leipzig 1882, Greßner & Schramm.

Ist Moskau der Mittelpunkt der Verwaltung, des Heeres, der Industrie Rußlands – so noch immer die Wolga-Okastadt Nischnij-Nowgorod die Handelszentrale. Ihren Namen Neu-Nowgorod trägt sie nach einer der ältesten russischen Städte, die am Ausfluß des Wolchow aus dem Ilmensee von dem Waräger Rurik, einem schiffskundigen Normannen, als Groß-Naugard gegründet wurde und der deutschen Hansa als wichtiger Handelsplatz für Pelzwerk diente, bis Iwan der Schreckliche 1478 die freie Stadt brach und den »Deutschen St. Petershof« schloß.

An Neu-Nowgorod fesselt uns keineswegs die Stadt von 104 000 Einwohnern an sich, ebensowenig ihre herrliche Lage – »wie die Diamantschließe am silbernen Wolgagürtel, der die kraftstrotzenden Glieder des Zarenreichs umspannt, liegt es da« – auch nicht ihre amphitheatralisch aufsteigenden, im Laube versteckten Häuser, ebensowenig ihre Kathedralen und ihr Kreml, sondern einzig und allein der Marktplatz der Stadt, der sich in dem Winkel zwischen rechtem Wolga- und linkem Okaufer ausbreitet. Schon aus dem neunten Jahrhundert haben wir sichere Nachrichten über einen zwischen Asiaten und Europäern hier stattfindenden Warenaustausch, dessen Ort sich von Kasan westwärts nach dem als Kloster berühmten Makariew zog, um endlich nach dem Brande der Marktbuden 1817 nach Nischnij-Nowgorod verlegt zu werden. Die Oka teilt diese Stadt in zwei ungleiche, durch eine Schiffsbrücke verbundene Hälften. Am rechten Wolga- und Okaufer liegt die alte Oberstadt mit dem Kreml, 120 m tiefer gelangt man auf Hohlwegen hinab zur Niederstadt und aus dieser auf einer 900 m langen Schiffsbrücke hinüber über die Oka auf die schmale Landzunge, welche die Budenstadt für die große Handelsmesse im Juli, August und September (russ. jarmarka) trägt. 6000 teils steinerne, teils hölzerne Buden bedecken eine Fläche von 1700 m Länge und 1000 m Breite.

Woher nun der so unendlich verschiedene Inhalt der Buden rührt, das sagen uns jene Wälder von Masten und Dampfschloten, welche wir, am Oka- und Wolgaufer entlang wandernd, auf einer Strecke von 20 Werst aufragen sehen. Gegen 500 Dampfer, 4000 Ruder- und Segelschiffe, 1500 Flöße tragen Waren aus allen Teilen Rußlands herzu: Korn und Weizen aus den Statthalterschaften Saratow, Pensa, Samara, Simbirsk und Kasan, Fische vom Kaspisee, Salz vom Eltonsee, Talg aus Samara, Senf von Sarepta, Felle aus Kasan, Wein von Kislar, Seide vom Kaukasus und Buchara, Metalle aus Sibirien, Tee von China. Bedeutend ist aber auch die Menge von Waren, welche auf leidlich gehaltenen Landstraßen als Industrieerzeugnisse aller größeren und kleineren Orte der engeren und weiteren Umgebung durch Fuhrwerk befördert werden, wiewohl sich die so verfrachteten Güter nicht in Vergleich setzen lassen zu denen, welche die Eisenbahn aus den gewerbreichen Gegenden Mittelrußlands herbeiführt.

In der Zeit vom 27. Juli bis Mitte September entfaltet sich nun in Nischnij-Nowgorod ein Meßtreiben, zu welchem 2-300 000 Verkäufer aus allen Weltteilen und eine entsprechende Käuferzahl beisteuern. In der Stadt der Kaufhallen mit ihrer ermüdenden Regelmäßigkeit fällt uns außer den Kirchen und der tatarischen Moschee von allem der 1890 in altrussischem Stile erbaute Meßpalast auf. Die unteren Räume bilden einen Bazar für Gewebe- und Schnittwaren aus Deutschland, Frankreich, England, Metallgegenstände von Tula, Teppiche von Taschkent, wohlriechende Essenzen von Smyrna und Damaskus, Seidenstoffe aus Persien, goldene Filigranarbeiten aus Buchara, kunstvoll geschnittene Halbedelsteine, wie Malachit und Lapislazuli aus Sibirien. Die Bedeutung des Marktes liegt jedoch nicht in diesen Luxusgegenständen, sondern in den Unmengen von Roh- und Halbprodukten; in langen Budenreihen lagern Roß- und Rinderhaare, Kalb- und Ziegenfelle aus der Kirgisensteppe, Kamel- und Kaschmirwolle aus den Turanischen Steppen, sibirische Rauchwaren von Tobolsk und Jenisseisk, Tabak und Gewürze, feilgeboten von Armeniern und Persern, Unmassen chinesischen Tees, herzugeführt von Söhnen des himmlischen Reiches.

Während in den Vierteln der Asiaten Schweigen herrscht, geht es in anderen Budenreihen ungemein lebhaft zu: in den Ständen der Eisenhändler von Tula, der Kattun- und Leinenhändler von Pawlowo, der Kurzwarenhändler aus den Ostseeprovinzen, der polnischen Süßholzverkäufer, der am Orte wohnenden Fleisch- und Fischhändler, die freilich auf eine Okainsel verwiesen sind. Die Marktpolizei hält Umschau bei Tag und bei Nacht im Lichte der elektrischen Lampen, doch hat sie selten Ursache, einzugreifen; verpönt ist besonders wegen der Feuersgefahr das Rauchen; sehr streng werden Taschendiebe und Falschspieler, Hochstapler im Kleide russischer Würdenträger oder biederer Kaufleute bestraft.

Alle Völker Europas und Asiens geben sich hier ein Stelldichein. Der stets zu Scherzen aufgelegte blonde Großrusse sticht ab von dem finster dreinschauenden braunen Kleinrussen. Der Kosak als Marktpolizist legt am Tage das Gesicht in strenge Amtsfalten, des Abends aber trinkt er mit den Fabrikarbeitern von Pawlowo oder den Webern von Klasma Brüderschaft. Für die Zerstreuung der Meßgäste sorgen eine Menge »Salons«, wo Musik aller Art, von der Hirtenschalmei an bis zur Janitscharenmusik, vom Volkssänger bis zum Damenquartett herausschallt, ferner deutsche Bierstuben mit den üblichen Kellnern, russische, tatarische, persische Nationalschenken, Karusselle, Schaukeln, Operettenbühnen und Variétés. Der jährliche Umsatz hat sich von 51 Millionen Rubel im Jahre 1817 ständig gehoben. Doch schwankt die Umsatzziffer, da die Wege des Welthandels nicht fest sind; neue tun sich auf und alte verfallen, Englands Schiffe bringen den chinesischen Tee nach Europa, und die sibirische Bahn sucht ihnen zu Lande den Rang abzulaufen. Und der Weltkrieg mit seinen zerstörenden Folgen auch für das russische Riesenreich wird sich auch in dem Schicksale dieser osteuropäischen Handelsstadt spiegeln.

 

9. Die Großrussen.

Nach J. C. Petri.

Die russische Nation, die heute das Riesenreich Osteuropas füllt, ist ursprünglich ein slawischer Stamm gewesen, hat aber mit fortschreitender Entwicklung finnische und tatarische Stämme in sich aufgesogen und ist so emporgewachsen zu der volkreichen, durch die Sprache geeinten Masse von heute von nahezu 80 Millionen. Die Ausbildung einer so gleichartigen Nation von solcher Größe in verhältnismäßig kurzer geschichtlicher Zeit ist auf die Tieflandsnatur Osteuropas zurückzuführen, die einen raschen Verkehr friedlicher und kriegerischer Art nach allen Seiten gestattet. Der Hauptzweig der Nation sind die Großrussen (60 Mill.) im Innern und Norden, Nebenzweige die Kleinrussen (15 Mill.) im Süden in der fruchtbaren Ukraine, am Dnjepr, und Donetz und die Weißrussen (3½ Mill.) im Westen, unter polnischem Einflusse. Die Russen beherrschen außer dem breiten Osten Europas auch ganz Nordasien, Russisch-Asien wurde in drei selbständige Verwaltungsgebiete geteilt: Die Statthalterschaft des Kaukasus nebst den armenischen Besitzungen 473 000 qkm, Sibirien 12 500 000 qkm und Russisch-Zentralasien 3 500 000 qkm. einen Raum von 22 ¼ Millionen qkm, fast den 6. Teil der Landoberfläche der Erde mit 60 Millionen Menschen anderen Stammes.

Dieses Reich ist ein Koloß, aber mit tönernen Füßen. Die völkische Einheit ist zwar da, die diese europäische Großmacht zusammenhält, aber es geht ein gesellschaftlicher Riß hindurch, der die Entfaltung der Macht hindert. In der Größe wetteifert dieses Riesenreich mit Großbritannien, vor dem es die Geschlossenheit voraus hat; denn Rußland ist eine Festlands-, England eine Seemacht. Jenes beherrscht von einem Mittelpunkte aus halb Europa und ein Drittel von Asien; dieses beherrscht von mehreren weit entfernten Punkten aus die Binnenmeere und den Ozean. Jenes hat durch seine Landkriege die gerade Richtung nach den Küsten und Strommündungen genommen; die Levante ist trotz der Dardanellen seinem Handel und seinen Kriegsschiffen geöffnet, und von Armenien aus weist ihm der Euphrat den Weg nach Indien; dieses kann nicht mit gleichem Vorteil von den Küsten aus, die es sperrt, in das Land eindringen und Gesetze vorschreiben. Noch wichtiger ist ein anderer Unterschied zwischen den beiden Riesenstaaten. Rußland befindet sich in den ersten Anläufen der allseitigen Entwickelung seiner ungeheueren Natur- und Volkskraft; aber der Abstand zwischen der Bildung der herrschenden Gesellschaft und der Unbildung der Massen ist so groß, daß die dadurch erzeugte innere Spannung stets Gefahr droht; die Großen mißbrauchen die Macht ihrer Intelligenz, die Massen die rohe Naturgewalt ihrer ungebändigten Kraft. Das einende und zügelnde Band für alle Russen, die rechtgläubige griechische Kirche, lockert sich hie und da auch schon: sie ist nicht mehr der stärkste Halt des Volkstums, in der die Tausende von Meilen entfernt wohnenden Stämme sich als Glieder eines Leibes fühlen, dessen Haupt der Zar, der sichtbare Stellvertreter Gottes, vorstellte.

Auch in der Sprache herrscht kein bedeutender Unterschied. Das Russische zerfällt in zwei Hauptmundarten: in das Groß- und Kleinrussische. Jenes sprechen außer den Großrussen die donischen und alle anderen Kosaken großrussischen Ursprungs, sowie die Westrussen in den ehemaligen polnischen Provinzen; – dieses alle Kleinrussen, nicht nur in dem eigentlichen Kleinrußland, sondern auch in Podolien und in der früher sogenannten polnischen Ukraine, die Kosaken des Schwarzen Meeres, sowie alle übrigen von Kleinrussen abstammenden Kosaken. Alle Kosaken sind wahre und echte Russen, in Abstammung, Sprache, Religion und Sitte, und alle Russen sind eins durch ihre Sprache. Das Groß- und Kleinrussische ist bei weitem nicht so verschieden, als z. B. das Ober- und Niederdeutsche.

Die große Einheit und Einförmigkeit des Volkes wird aber mächtig getragen und zusammengehalten von der Einförmigkeit des Landes, von der weit ausgedehnten unterschiedslosen Fläche, auf welcher kein Teil sich absondern kann, und alles – Mensch und Pflanze, Tier und Boden, Wind und Wetter – ein und dasselbe Gewand trägt. Das russische Weltreich konnte sich nur entwickeln auf russischem Boden. Der ganze europäische Teil Rußlands, vom Weißen bis zum Schwarzen Meere und vom Kaspischen See bis zur Ostsee, stellt eine weite Ebene dar. Gebirge scheiden Völker, geben den einzelnen besondere Gestaltung und bedingen dadurch entgegengesetzte, einander feindliche Volksstämme. Es ist bekannt, daß nirgends Volksstämme sich weniger zersetzen als in Gebirgen, und ein besonderer Volksstamm sich auch nirgends länger hält. Eine ganz andere Erscheinung bieten uns die Ebenen dar: bei der Offenheit des Landes, der Leichtigkeit der Verbindungen und Annäherungen streben verschiedene Volksstämme bei ihrem Aufeinanderstoßen ganz natürlich zur Verschmelzung hin; scharfe nationale Eigentümlichkeiten glätten sich ab, und bald bietet die ganze Ebene ein Volk, mit einem Glauben, einer Sprache, einerlei Sitten und bürgerlichen Einrichtungen dar. So sind auf dem Boden Rußlands, in der weiten Mittelebene zwischen Europa und Asien, auf diesem Tummelplatz der Völker, ungezählte Stämme aufeinander gestoßen, jeder Stamm lebte für sich und feindete die übrigen an; aber diese Absonderung und Feindschaft konnte sich nicht lange auf der Ebene erhalten; mit staunenswerter Schnelligkeit verschmolzen diese Stämme untereinander, sie fanden einen gemeinschaftlichen Mittelpunkt; das Christentum verstärkte ihre Einheit, und in der Folge, als bei der Schwächung des Stammlebens einzelne Fürstentümer hervortraten, konnten auch diese nicht lange sich abgesondert behaupten. Der Mangel an Provinzialfeindschaft und provinzialen Unterschieden bedingte eine rasche Vereinigung aller Fürstentümer um Moskau her, und jetzt sind die Provinzialunterschiede in Rußland trotz seiner ungeheueren Ausdehnung unbedeutend. Infolge geschichtlicher Ereignisse waren viele russische Provinzen unter fremde Herrschaft geraten, aber die Natur selbst war dieser gewaltsamen Lostrennung entgegen, und Polen konnte das südwestliche Rußland nicht von dem nordöstlichen abreißen.

Indes kann die ebene Beschaffenheit eines Landes allein nicht die Einheit des Reichsgebietes bedingen; zu einer raschen Verbindung und Ausgleichung der Stämme trugen vor allem die Verkehrsbahnen der zahlreichen Flüsse bei. Der Größe des Landes entsprechen riesenhafte Stromnetze, die sich wiederum fest untereinander verflechten. Die Flußwege spielen in der russischen Geschichte eine bedeutende Rolle; als Fischer und Schiffer sind die Russen an ihren Strömen groß geworden. Auf Schleppwegen oder Woloks einst, jetzt auf Kanälen drangen sie von einem Stromgebiet ins andere mit ihren Fahrzeugen vor. Ein 16 km langer Schleppweg führte sie vom Wolga- ins Obgebiet, und von Strom zu Strom drangen sie im 17. Jahrhundert erobernd im sibirischen Tieflande vor, bis 1639 Ochotsk gegründet wurde und der Kosak Deschneff 1648 am Ostkap Asiens das Banner mit dem Andreaskreuz aufpflanzen konnte.

Das Russenvolk hat eine gewaltige Lebenskraft, eine unverwüstliche Zähigkeit. In besonderem Maße gilt das und alles folgende von dem herrschenden Stamm der Großrussen.

Der Russe hat einen ebenmäßigen Körperbau; der Wuchs ist in den verschiedenen Gegenden des großen Landes sehr verschieden, meistenteils aber eher groß als klein und mittelmäßig. Die Männergestalten sind im ganzen schöner als die Frauen. Von Natur verunstaltete Menschen trifft man höchst selten. In dem rauhen, aber gesunden Klima werden sie abgehärtet. Sie sind auch im allgemeinen nur wenigen Krankheiten unterworfen und erleben gewöhnlich ein heiteres, gesundes, oft sehr hohes Alter. Greise von 100, 110, ja 120 Jahren sollen gar nicht selten sein.

Die Hauptzüge der Gesichtsbildung mögen ungefähr, soweit sich Allgemeines derart überhaupt feststellen läßt, folgende sein: Kleine durchdringende Augen, eine freie und offene Stirn, ein nicht sehr großer Mund, dünne Lippen, weiße Zähne, eine meist kleine und auswärts gebogene oder wenig aufgestülpte Nase, ein sehr starker Bart, dickes Haupthaar von verschiedenen Schattierungen, von dunkelbrauner bis roter Farbe, selten ganz schwarz. Über dem Gesicht liegt meist Ernst und Gutmütigkeit, auch Schwermut, seltener Schlauheit und Verschlagenheit. Gehör und Gesicht sind meist sehr scharf, die übrigen Sinne jedoch durch Lebensart und Klima mehr oder weniger abgestumpft. Der Gang und die Bewegungen des Körpers bei den Russen haben eine charakteristische Schnelligkeit und Heftigkeit, oft eine leidenschaftliche Lebhaftigkeit. Dabei sind sie gewandt an Geist und Körper, immer gutes Mutes, fröhlich, tätig – aber selten bis zu einer beharrlichen Anstrengung des Leibes oder Geistes; Freunde des Gesanges und der Musik, gutmütig aus Naturanlage; aber aufbrausend, heftig und bis zur Grausamkeit wütend, wenn sie beleidigt oder sonst gereizt werden – die nordischen Franzosen! Sie sind äußerst betriebsam, erfinderisch und schlau in ihrem Gewerbe, aber auch betrügerisch, zur Verschwendung geneigt, dienstfertig, gastfrei, gesellig und gesprächig. Selbst der gemeine Mann besitzt viel natürliche Beredsamkeit Vergleiche das Gespräch S. 151 ff. und eine gewisse natürliche Höflichkeit – ähnlich dem Franzosen.

Fast dieselben Grundzüge findet man auch bei dem weiblichen Geschlecht; nur daß hier alles mehr verschönert und oft veredelt ist. Die Mädchen werden früher reif, als man in einem so kalten Klima vermuten sollte, und es ist gar nichts Seltenes, daß der Bräutigam erst 16-17 Jahre, die Braut 13-14 zählt. Es ist Volkssitte, früh zu heiraten; Erziehung, Lebensart, namentlich der häufige Genuß des Branntweins, der reichliche Gebrauch warmer Bäder tragen zur schnellen Entwickelung viel bei. Eine Folge davon ist aber, daß die Blüte und Schönheit des weiblichen Geschlechts früh verwelkt. Der Umgang beider Geschlechter ist ziemlich frei und ungebunden, namentlich auf dem Lande, wo man eng beisammen wohnt. Das Betragen der Männer auf dem Lande gegen ihre Frauen ist oft barsch, rauh, grob, hart; diese sind auch von Jugend auf zur Arbeit und Unterwürfigkeit gewöhnt. Doch genießen sie in den gebildeten Kreisen durchweg die Vorrechte und Freiheiten, welche Westeuropa dem schönen Geschlechte gestattet.

Wenn man aber den Charakter eines Volkes genau kennen lernen will, so muß man die einzelnen Züge des Gemäldes nicht in den höheren Klassen der Einwohner aufsuchen, sondern bei den mittleren und niederen Ständen bleiben. Die oberen Klassen sind hier, wie überall, von der ursprünglichen alten Lebensart weit abgegangen und gleichen schon ihren westeuropäischen Standesgenossen sehr. Der Bürger und Bauer zeigt noch wie vor alters Frohsinn, Lustigkeit, Sorglosigkeit, Genügsamkeit, Zufriedenheit; aber auch Trunksucht, Härte, Sklavensinn und Sklaventücke, Jähzorn, Gefräßigkeit, wenn es auf Kosten anderer geht, Hang zum Stehlen, zum Aberglauben und zur Frömmelei.

Der russische Handwerker ist talentvoll und geschickt, aber es fehlt ihm das Gründliche, Ausdauernde des Deutschen oder Engländers; er ist oberflächlich und leichtsinnig. Der Kaufmann und Krämer nimmt mit einem geringen Verdienste fürlieb, eben weil ihm, außer der Befriedigung seiner Trunksucht, der Überfluß wenig darbieten kann. Aber gerade diese Zufriedenheit mit mäßigem Gewinne und dürftigem Auskommen, sowie der sorglose Blick in die Zukunft erzeugen oft Müßiggang, der um so schädlicher ist, je seltener sich die unteren Stände zu ungewohnten Geschäften entschließen, wenn sie nicht durch besondere Aufmunterung, durch Beispiele oder sichtbare, leicht zu erreichende Vorteile oder durch harten Zwang dazu angespornt werden. Der Handwerker hält daher gern blauen Montag und treibt sich, wenn er kann, mehrere Tage lang in Kabaken (Schenken) herum.

Zu den Hauptvergnügungen der Russen gehören Gesang und Musik. Diese Liebhaberei ist so allgemein und tiefliegend, daß man wohl sagen kann: »Der Russe lebt nicht ohne Gesang.« Der Gesang begleitet ihn bei allen Beschäftigungen, bei der Arbeit wie auf der Reise. Der Ackersmann singt hinter dem Pfluge, der Fuhrmann bei seinem Fuhrwerke, der Hirt bei der Herde, der Handwerker bei seiner Arbeit, der Soldat auf dem Marsche, selbst wenn er zur Schlacht zieht. Die Ruderer auf den Booten singen vollstimmige Lieder, wenn es nicht gegen den Sturm geht und zu scharf gerudert wird. Am Sonntage und an Festtagen findet man bei gutem Wetter an allen Orten, selbst im kleinsten Dorfe, Tanz und Gesang, begleitet von ländlicher Musik, der Gusli oder liegenden Harfe und der Balalaika, einem mit zwei Darmsaiten bezogenen Instrumente von Tannenholz, fast wie eine Zither gestaltet. Sogar im strengsten Winter, besonders um die Weihnachtszeit, sieht man die Dorfjugend bis spät in die Nacht singend und spielend auf den Straßen umherlaufen.

Die Lebenshaltung der gemeinen Russen ist sehr einfach. Ihre Wohnungen sind meistenteils einstöckige Rauchstuben, hie und da auch, besonders an den Poststraßen, gut gebaute Häuser mit Schornsteinen. Die Bauart ist die im ganzen Norden gebräuchliche: übereinander gelegte und an den vier Ecken ineinander gefügte Balken, deren Zwischenräume mit Moos verstopft werden, mit Stroh oder bretterähnlichen Schindeln gedeckte, warme Häuser. Es gibt Dörfer, die an Größe und Bauart manche kleine Kreisstadt übertreffen, wo die Gebäude sehr fest, geräumig, bequem, ja mitunter zierlich bemalt sind. Indessen gewährt auch das schlechteste russische Dorf dem genügsamen Reisenden einen erfreulichen Anblick. Man sieht überall tätige, geschäftige und frohe Menschen. An schönen Sommerabenden versammeln sich nach beendigter Tagesarbeit die jungen Burschen und Mädchen in den Dörfern auf freien Plätzen, singen und springen, schaukeln und belustigen sich durch allerlei Volksspiele. Bei dem Adel gehörte es mit zu der ländlichen Abendkurzweil im Winter, daß ein Chor junger Bäuerinnen, sauber und schön gekleidet, die Gesellschaft durch Gesang und Tanz ergötzt.

In seiner Heimat und unter seinem Dache ist der Russe sehr genügsam und nimmt mit der geringsten Kost fürlieb. Schwarzes Brot von ungebeuteltem Mehl, oft schlechter als Kommißbrot, frischer oder saurer Kohl, Rüben, Erbsen und Bohnen, am liebsten aber Grütze und Salzfische, Zwiebeln, Knoblauch und Gurken, selten Kartoffeln, sind seine gewöhnlichen Speisen. Fleisch, meistens geräuchertes, wird nur an Sonn- und Feiertagen in die Kohlsuppe getan. Schwämme, Fleischpastetchen (Piroggen), Fische mit Kohl und Wurzelwerk, Eier- und Pfannkuchen gelten schon für Leckerbissen. Frisches Obst, allerlei wilde Beeren und Haselnüsse werden zum Nachtische aufgetragen. Saure rote Rüben oder Kohl, mit Grütze und Pfeffer gewürzt, sind sein Lieblingsgericht in der Ukraine; auch ist ein Gemisch von Fleisch, Grütze, Mehlbrei, mit Zwiebeln und Knoblauch gewürzt, sehr beliebt. Das allgemeine Nationalgetränk ist Kwaß, der von Roggenmehl, Brot, auch bisweilen aus Malz, durch Gärung und Säuerung bereitet wird, unserem Dünnbier ähnlich ist und eine angenehme Erfrischung gewährt.

Die Russen haben viel natürlichen Erwerbssinn. Schon Peter der Große setzte unter eine Bittschrift etlicher polnischer Juden, die um Handelsfreiheit in seinem Reiche nachsuchten, den Vermerk: »Nichts von Juden hier; ich kenne meine Russen, sie verstehen den Kram besser als ihr.« Das Sprachtalent unterstützt den Großrussen sehr bei seinen Handelsunternehmungen. Hat er sein Kapital, so weiß er die Prozente davon zu gewinnen. Sein Kopf ist erfinderisch, seine Augen sind wachsam, seine Hände flink, seine Füße schnell, sein Magen genügsam. »Man setze ihn,« sagt ein russisches Sprichwort, »mit einem Geldbeutel auf einen Stein, und er wird sich nähren.« Die der ganzen Nation eigene Erwerbslust ließ auch die Leibeigenschaft, deren gänzliche Abschaffung seit dem Regierungsantritt des volksfreundlichen Kaisers Alexander II. angebahnt und trotz dem Widerstreben des russischen Adels und teilweise selbst der befreiten Bauern durchgesetzt ward, weniger empfinden, da die Hörigen nicht, wie ehemals noch die Esten und Letten, an ihren Erbacker gebunden waren. Dem russischen Erbherrn war es gleich, wo sein Leibeigener sich aufhielt, wenn er nur seine Obrok (Geldabgabe) bezahlte und mit einem Passe oder Erlaubnisscheine versehen war. Hierzu kommt, daß der Russe sein Ich, sein Vaterland, seine Nation, seine väterliche Religion über alles liebt und ehrt, wodurch er sich mit anderen Nationen unvermischt hält. Nur selten und nicht ohne Not wird er das Vaterland des Gewinnes halber verlassen, und wenn er es ja tut, kehrt er gewiß bald wieder in seine Heimat zurück. Er geht wohl in eine andere Provinz, aber nie in ein ganz fremdes Reich. Deswegen ist auch das Davonlaufen der Soldaten nach Schweden oder Preußen nur ein seltener Fall.

Vornehme und geringe, arme und reiche Russen sind Freunde der Jagd. Die vornehmen lieben vorzugsweise die Hetzjagd, bei welcher Hasen und Füchse mit Windhunden, bisweilen auch Bäre und Wölfe mit Packern (Bärenhunden) gehetzt werden. Im Winter findet man in den Dörfern oft wenig Männer zu Hause. Sie sind in dieser Jahreszeit meistens als Fuhrleute (Jämtschiks) abwesend, um für billige Fracht Bodenfrüchte und Waren nach allen Häfen, Stapelorten und Handelsplätzen des Reiches zu führen. Andere beschäftigen sich mit allerlei Handarbeiten, Schlittenmachen, Verfertigen hölzerner Geräte, Töpferwaren, Korb-, Matten- und Bastschuhflechten. Andere stricken Netze und verarbeiten Bast und Hanf zu Stricken, Leder zu Pferdegeschirr, drechseln Löffel und Schalen usw. Wenn der russische Bauer nur einigermaßen wohlhabend ist, so sieht er in seinem Hause wie an seiner Person sehr auf Reinlichkeit und Ordnung. Nicht nur er selbst und die Seinigen gehen wenigstens alle Wochen einmal (gewöhnlich am Sonnabend) in die heiße Badestube, sondern auch die Stuben und Kammern werden fleißig gewaschen und gereinigt.

Der gemeine Russe läßt noch immer wie vor Jahrhunderten seinen Bart wachsen und trägt rund um den Kopf abgeschnittenes Haupthaar. Die Kleidung der Männer ist in allen Provinzen so ziemlich dieselbe; bloß in der Ukraine hat sie den polnischen Zuschnitt. Sie besteht im Sommer aus langen, weiten, grobleinenen Hosen, einem mit kurzen Ärmeln versehenen und um den Leib mit einem ledernen Gurt befestigten Hemde, über welches, wenn es kälter wird, ein langer Rock von grauem Landtuche mit sehr langen Schößen gezogen wird. Dieser Rock wird mit einer Art farbiger, wollener oder leinener Schärpe umgürtet. Im Winter trägt jeder einen Schafpelz, der Ärmere ohne Überzug, der Reiche mit Tuch oder Zeug überzogen. Als Kopfbedeckung haben die Männer im Sommer einen runden Hut mit schmaler Krämpe, im Winter aber eine mit Tuch oder Plüsch überzogene Pelzmütze. Statt der Strümpfe werden bei den Ärmeren die Füße mit langen Binden von Linnen oder grobem wollenen Tuch umwickelt, und die Schuhe sind von Lindenbast geflochtene Socken, oder auch Sandalen von rotem Leder, die über dem Fuße zugeschnürt werden.

Die Hochzeiten der Dorfbewohner werden mit großem Jubel und Lärm gefeiert. Acht Tage vor der Trauung verlobt sich das junge Paar vor dem Popen, und diese Verlobung ist unauflöslich. Bei der Trauung wird in der Kirche vor den Brautleuten ein heiliges Bild hergetragen; es wird ihnen dann ein Kränzchen aufgesetzt, und sie wechseln vor dem Altare die Ringe, worauf sie mit vielem Kreuzmachen vom Geistlichen eingesegnet werden, nachdem sie zuvor aus einem Becher getrunken haben. Nach Hause zurückgekehrt, reicht ihnen der Brautvater ein Brot mit etwas Salz, mit dem Wunsche, daß es ihnen nie daran fehlen möge. Nun wird geschmaust, gezecht, getanzt – oft mehrere Tage lang. Ein »Hanswurst« muß schon auf dem Zuge zur Kirche und aus der Kirche, besonders aber beim Mahle seine Possen reißen und die Hochzeitsgesellschaft im Lachen erhalten.

Die Gebräuche der Religion halten die Russen sehr eifrig. Man findet in jeder Stube, der Tür gegenüber, an der Wand eine Kapsel oder ein Schränkchen, worin sich das Bildnis desjenigen Heiligen befindet, den der Hausherr zu seinem Schutzpatron gewählt hat. Gewöhnlich ist dies der Ritter St. Georg, welcher den Lindwurm erlegt. Vor diesem Heiligenbilde, das zwei kleine Vorhänge bedecken, macht jeder Eintretende, noch vor Begrüßung der Hausgenossen, seine Verbeugung und ein paar Kreuze mit den Fingern der rechten Hand, begleitet von dem gewöhnlichen, in allen Kirchen unzählige Male ertönenden Gospodi pomilui (Kyrie-Eleison). Die Männer entblößen dabei ihr Haupt, lassen es auch oft aus Hochachtung – nicht vor den Anwesenden, sondern vor dem Heiligen – unbedeckt bis zum Weggehen. Jene Verehrung empfängt der Heilige von allen Bewohnern des Hauses, jeden Morgen und jeden Abend, vor dem Essen, ja vor dem Trunke. Bei wirklichen Zechgelagen machen sie sich aber von den Bräuchen frei, ziehen auch wohl die Vorhänge des Heiligenschreins zu, damit der Heilige nicht sehe, daß sie betrunken sind. Überhaupt wird jedes Heiligenbild, sei es in einer Mauernische oder auf einer Prozession usw., mit Bücklingen und Kreuzen begrüßt. Auch trägt jeder Russe und jede Russin ein kleines gemaltes Heiligenbild oder metallenes Kreuz, welches ihnen bei der Taufe umgehängt wird, bis an den Tod auf der Brust, und orthodoxe Geistliche tragen Bedenken, einem Verstorbenen, bei welchem dieses Zeichen seines Christentums sich nicht findet, ein ehrliches Begräbnis zu geben. Vor diesem Heiligtum hat jeder Russe eine tiefe Verehrung, läßt sich aber dadurch nicht abhalten, nach seinem Gelüst zu handeln. Er braucht indessen die Vorsicht, das Kreuz oder das Heiligenbild jedesmal, wenn er im Begriff steht, eine sündhafte Handlung zu begehen, vorher abzulegen, so wie er den Stubenheiligen zudeckt, damit dieser nicht Zeuge seiner bösen Taten sei. Nach vollbrachter Tat wird das Bild wieder umgehängt und der Vorhang wieder aufgezogen. Diejenigen Russen, welche an Sonn- und Festtagen die Kirchen nicht besuchen, unterlassen doch nie, ihre Hausandacht zu halten. Der Herr des Hauses tritt mit sämtlichen Hausgenossen vor das Heiligenbild, vor welchem Lichter brennen. Man bückt und bekreuzt sich, ruft mehrere Male Gospodi pomilui; die Andächtigsten knien auch wohl nieder, stemmen die Hände auf die Diele und drücken sogar die Stirn dagegen. Dies alles geschieht noch weit öfter in der Kirche, wo auch die Gebildeten und Vornehmen den Brauch nicht unterlassen.

Wenn man sagt, der Russe müßte durch Strenge und harte Strafen zum Arbeiten gezwungen werden, so ist das nicht durchaus wahr. Billige Vorgesetzte und gerechte Herren haben das nicht nötig, und es galt nur für solche Leibeigene, die durch lange Knechtschaft an das Prügeln gewöhnt waren. Leider sind Billigkeit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit nicht eben die Tugenden der russischen Großen und Erbherren. Sie haben ihre Untergebenen harthäutig gemacht. Sie prügeln die Postknechte, wenn diese nicht schnell genug fahren; Deutsche, Engländer oder Franzosen, die in Rußland reisen, haben das aber nicht nötig und kommen mit einem kleinen Geschenke an Geld oder einem Glase Branntwein ebenso weit.

Es ist unglaublich, was diese Menschen aushalten konnten und wie weit ihre Abstumpfung, aber auch Stärke und Festigkeit ging. Manche hielten 30, 60, ja 100 Knutenhiebe aus. Manche bekamen mit Batoggen, d. h. kleinen hölzernen Stäben (liegend, wobei zwei Männer Arme und Füße festhalten), 400-500 Hiebe, wodurch der ganze Rücken zerfleischt wurde, und standen dann wieder auf, ohne gehalten oder geführt zu werden. Die Ausdauer und Unverwüstlichkeit ist eine Folge teils des rauhen Klimas, teils der harten Erziehung. Diese unmenschlichen Strafen sind zwar verboten, werden aber hie und da doch noch gehandhabt.

Es geschieht oft, daß Eltern ihre Kinder erst in heißem Wasser baden und dann nackt in den Schnee stecken, daß sie rot werden wie gesottene Krebse. Die meisten halten es aus, weil sie einen gesunden Körper auf die Welt bringen. Die Kinder werden auch sehr früh an die härtesten Arbeiten gewöhnt, sie bekommen wenige und nur harte Kost zu essen und werden bei kleinen Vergehen nachdrücklich gestraft, obwohl die Russen große Kinderfreunde sind. Diese Strenge bewahrt sie vor Entnervung und Weichlichkeit; sie bildet Kernmenschen, die sich in der Folge in alle Umstände schicken, keine Gefahr noch Schwierigkeit scheuen, alle Anstrengungen ertragen, alles aushalten, alles unternehmen, jeder Mühsal trotzen. Daher erklärt sich ihr Mut, ihre Kühnheit, Unerschrockenheit, Unverdrossenheit, Beharrlichkeit, Ausdauer bei Frost und Hitze, bei Hunger und Durst, im Felde, auf dem Meere, in der Wüste, bei jeder Witterung. Ihr ganzes Aussehen zeugt von Kraft, Mut und Stärke. Sie haben große Lust zu Leibesübungen, und diese sind alle von solcher Art, daß man die Härte ihrer Körper mit in Betracht ziehen muß, um ein Vergnügen darin zu entdecken. Man sieht sie fast täglich ringen, sich balgen, schlagen, werfen, mit Fäusten stoßen, einander ein Bein stellen, zu Boden strecken und sonst noch ihre Stärke versuchen. Ihr größtes Vergnügen ist das Schaukeln und Herumdrehen auf den bekannten, den Windmühlen ähnlichen russischen Schaukeln, das Gleiten auf dem Eise und das pfeilschnelle Herabfahren von künstlich gemachten Eisbergen auf kleinen Schlitten. Schnelles Fahren überhaupt, im Winter wie im Sommer, lieben alle Russen.

Ohne Bad kann kein Russe leben; doch lieben alle die heißen Bäder mehr als die kalten. Wenn es ihnen im Leibe nicht recht ist, trinken sie ein oder zwei Glas Branntwein, essen Schießpulver, kauen Tabak und gehen darauf ins Schwitzbad. Eine solche Badestube ist in vielen Häusern, und jedes Dorf hat deren wenigstens zwei bis drei. Sie sind so gebaut, daß sie bis zu einem hohen Grade erhitzt werden können, und, wo es angeht, legt man sie gern an einem Flusse an, damit man nach dem Dampfbade sich gleich wieder abkühlen kann. In diesem Dampfbade waschen und reiben sie mit grünen und dürren Birkenbüscheln nicht nur den ganzen Körper in heißem Wasser, sondern sie reinigen auch ihre Kleider und Hemden von allerlei kleiner Einquartierung, indem sie selbige über dem Feuer ausschütteln oder an den heißen Ofen hängen, wo dann die Hitze alles, was lebt, tötet. Viele machen sich hinterher noch das Vergnügen, daß sie mit dem hochrot aufgedunsenen Leibe aus der heißen Badestube nackt herauslaufen, in den nahe gelegenen Fluß springen oder sich im Schnee herumwälzen, darauf wieder in die heiße Stube zurückkehren und es so lange wiederholen, bis sie es satt haben. Nach der Versicherung vieler soll diese Kur sehr angenehme Empfindungen erregen. Die vornehmen und reichen Russen haben ebenso Badestuben in den Landhäusern wie der gemeine Mann. Sie sind aber viel größer und bequemer und oft mit ausgesuchter Üppigkeit eingerichtet.

Mit Recht hat man dieser Gewohnheit der Russen, die stärkste Hitze eines Dampfbades mit der größten Kälte abwechseln zu lassen, die Kraft, Abhärtung und Widerstandsfähigkeit ihrer Natur zugeschrieben, da sie von frühester Jugend dazu gewöhnt werden.

Wenn man von ihrer Trunkenheit spricht, so muß man nicht glauben, daß sie diese zur Gewohnheit machen, sondern derselbe Bursche, der heute betrunken sich auf der Straße wälzt, ist nicht bloß morgen, sondern mehrere Wochen nachher wieder der nüchternste, mäßigste und arbeitsamste Mensch und löscht seinen Durst mit Wasser, ohne nach Branntwein lüstern zu sein. Er fordert auch zu Hause nie barsch, sondern fast immer bittend, und ist dankbar, wenn man ihm etwas über seinen kärglichen Lohn gibt. Will er sich einmal etwas zugute tun, d. h. sich berauschen, so bittet er ganz unbefangen um Erlaubnis dazu und sagt: »Väterchen, ich kann es nicht länger mehr aushalten, ich muß mich einmal besaufen! Morgen früh bin ich wieder nüchtern und mache alles gut und ordentlich.« Es tut nicht gut, wenn er von seinem löblichen Vorsatze abgebracht wird; denn er läßt das Trinken doch nicht und wird von dem Augenblicke an mißtrauisch. Gönnt man ihm einmal das Vergnügen, einen halben Tag lang wahnsinnig zu sein, so verrichtet er nachher seine Geschäfte noch einmal so willig.

Ähnlich ist's auch mit dem Essen. So starke Mahlzeiten der Russe zu sich nehmen kann, wo sie ihn nichts kosten, so einfach und sparsam lebt er meist daheim mit seiner Familie. Genügsamkeit ist sogar als ein Hauptzug im russischen Volkscharakter zu bezeichnen. Auch in Zeiten größter Entbehrung bleibt er heiter und lustig.

Gastfreundschaft liebt der Russe sehr. Vom Muschik, dem Bauern, bis zum Fürsten herauf nimmt jeder seinen Gast in Ehren auf und bewirtet ihn mit dem Besten, was er bieten kann. Die Leute mittleren und niederen Standes setzen dem Gaste nach dem Frühstücke, das aus hartem, geräuchertem Fleische oder aus getrockneten oder gesalzenen Fischen besteht, beim Hausvater anhebend ein »Schälchen« vor, d. h. ein Glas Branntwein; dann bekommen die Hausfrau, die Söhne, endlich die Töchter – je ein Gläschen Schnaps, das man nicht abschlagen darf, ohne unhöflich gescholten zu werden. Beim Mittagessen wird Kwaß, Bier, selten Wein getrunken; nach Tische Tee mit Kirschbranntwein oder Zitronensaft und dgl.; um 4 Uhr vielleicht ein Punsch mit Arrak, dann wieder Bier, Schälchen und so auch nach dem Abendessen. Wer alsdann noch bei Sinnen ist, geht heim und legt sich aufs Ohr. Der rohe echte Russe aber zecht, lärmt und singt fort, tollt und macht Späße, je wilder desto besser. Erinnert diese Art nicht an die Erzählungen von den Trinkgelagen unseres Mittelalters?

 

10. In russischen Kirchen.

J. G. Kohl, Reisen im Innern von Rußland und Polen. 1. Teil: Moskau.

Rußland empfing sein Kirchentum von Byzanz her und damit auch, den Baustil der Gotteshäuser. Natürlich wurde auf fremdem Boden das Christentum und der Kirchenbau den neuen Verhältnissen des Volkstums angepaßt, und es entstanden so die griechisch-russische Kirche und der ihr eigene byzantinisch-russische Baustil, der auch auf die weltlichen Bauten überstrahlte.

Rußland hat sehr wenige alte Kirchen, weil man zuerst aus Holz baute, das leicht ein Raub der Flammen oder der Fäulnis wurde. Erst gegen das Ende unseres Mittelalters wurden Steinkirchen errichtet; die ältesten stehen in Kiew und auf dem Kreml Moskaus. Die Hagia Sophia in Konstantinopel ist das Urbild dieser Kirchen. Hier wurden sie nur klein, mit äußerst dicken Mauern und kleinen Fenstern ausgeführt; sie sind daher unglaublich finster. Das Dach trägt fünf zierliche Zwiebelkuppeln, von denen die größte in der Mitte thront, die anderen im Geviert um sie her angeordnet sind. Jede endet in einem hohen vergoldeten Kreuze, das auf einem Halbmonde steht, mit allerhand Ketten behangen und durch sie an der Kuppel verankert ist. Von außen sind die Kuppeln mit grellbunten Farben angestrichen, schreiend rot, grasgrün, himmelblau – oder sie sind auch über und über vergoldet oder versilbert. Im Innern blickt von der Hauptkuppel irgendein Bild herab, bunt, aber schreckhaft häßlich: das Bild Christi, Marias, Johannis oder eines greisen Mannes, unter dem man Gott den Vater darstellen wollte. Die Wände sind gewöhnlich ebenso von oben bis unten mit wunderlichen Heiligen- und Engelsgestalten bemalt, die alle ungefähr in der Art der 10 m hohen hölzernen Maria in der Kirche zu Marienburg in Preußen oder des Markt-Rolands zu Bremen ausgeführt sind.

So wenig alte Kirchen Rußland aufzuweisen hat, so zahlreich drängen sich die neueren Kirchen in den Städten dieses Reiches. Es gibt jetzt keine Stadt in Rußland, die nicht, aus der Ferne betrachtet, mit ihren vielen weißschimmernden Kirchen, unzähligen Kuppeln und Türmen wie ein kleines Konstantinopel aussehe. Ja, Ortschaften, die ihrer Holz- und Lehmhäuser wegen, in der Nähe betrachtet, kaum für Flecken gelten würden, machen in weite Ferne hinaus fürs Auge so viel Aufsehen, daß man eine Residenz vermutet; alles bloß durch ihre zahlreichen neuen Kirchen.

Diese werden nun durchweg in einem eigenen neurussisch-byzantinischen Stile gebaut, der sich wie der alte auf eine quadratische Kirche mit einer großen Kuppel in der Mitte und vier kleinen auf der Seite beschränkt. Dazu kommt aber als hauptsächlichste Neuerung eine Menge von Säulen, gewöhnlich der reichen korinthischen Ordnung, eine bedeutende Vermehrung der Fenster und eine Vergrößerung der Räume. Jetzt haben die Kirchen einer kleinen russischen Kreisstadt für mehr Gläubige Platz, als die alten Kathedralen der ehemaligen großmächtigen Republik Nowgorod.

Die Sitte, Uhren auf den Türmen zu haben, ist in Rußland völlig unbekannt; auch hängt man keine Glocken darin auf. Dazu hat man bei allen Kirchen ein eigenes Gebäude, den sogenannten »Kolokolnik«, d. h. den Glockenträger. Dieser Kolokolnik ist bei den ländlichen Kirchen in baumreichen Gegenden gewöhnlich eine alte Eiche, die in ihren Ästen das ganze bunte Geläute der Kirchen trägt, als wären die Glocken große Baumfrüchte. In den Gegenden der Fichtenbäume hängen die Glocken der Reihe nach bloß an einem dicken Querbaum, den zwei andere in der Erde steckende in der Höhe tragen. Der zierlichere Baustil hat nun diesen rohen hölzernen Glockenträger teils in einen aus Steinen aufgeführten Bogen verwandelt, der einer Triumphpforte nicht unähnlich sieht, unter der die Glocken hängen, teils aber an seine Stelle einen Turm gesetzt, welcher von der Kirche abgesondert für sich aufgebaut ist.

Gewöhnlich hängen diese Türme voll Glocken wie die Palmbäume voll Kokosnüsse, voll kleiner, mittelgroßer, riesengroßer, brummender, brüllender, klingender, schreiender und schellender Glocken. Wenn sich so ein russischer Kolokolnik dann an einem Festtage in Arbeit setzt, aus allen seinen Luftlöchern feuert und mit allen seinen Lungen leiert und schreit, oder wenn in einer Hauptstadt deren zwanzig bis dreißig auf einmal ihr Konzert beginnen, dann gnade Gott allen Ohren, deren Nerven einigermaßen tongerecht gestimmt sind. Die Russen finden indes ihr Geläute nicht so unleidlich wie wir Fremden. Denn gerade an Feiertagen sind die Kolokolniks immer sehr besucht und gewöhnlich von oben bis unten mit Menschen eingefaßt, die sich in ihrem Sonntagsschmuck unter dem Glockengeläute hinsetzen und in die Welt hinausschauen.

Einen russischen Küster läuten zu sehen, gewährt einen besonderen Anblick. Er setzt die Glocken selbst nicht in Bewegung, diese hängen vielmehr fest, haben auch keinen Klöppel. Bei jeder Glocke ist ein Hammer beweglich angebunden. Von diesen Hämmern führen nun auf allen Seiten Stricke zu dem Küster, der entweder, wenn er nur mit ein paar Glocken läutet, auf einem Stuhle in der Mitte sitzt und abwechselnd bald an diesem, bald an jenem Stricke zieht, oder, wenn er viele Glocken zu bearbeiten hat, dabei steht. Alsdann hält er ein paar Stricke in den Fingern jeder Hand, einen anderen hat er über den Rücken gebunden, und noch ein paar bewegt er mit den Beinen. Die Bewegungen, die er nun rückwärts, vorwärts, bald zur Rechten, bald zur Linken macht, sind oft sehr komisch, und ein russischer Zar soll die Sache so vergnüglich gefunden haben, daß er bei seiner Hofkirche gewöhnlich selbst den Küster spielte.

Von den Stadtkirchen weichen aber die Dorfkirchen sehr ab. In Großrußland sind die meisten Dorfkirchen nur einfache, hohe, hölzerne Häuser mit einem großen Kreuze auf dem Dache, ohne Turm und anderweitige Auszeichnung; nur befindet sich der meist schiefe und halbzerfallene Kolokolnik zur Seite.

Im Norden hat auch die Härte des Klimas einen Unterschied zwischen Sommer- und Winterkirchen eingeführt. Gewöhnlich sind beide in einem Gebäude derart miteinander verbunden, daß die Sommerkirche über die Winterkirche gesetzt ist. Jene ist dann ein hoher, luftiger, heller Raum im zweiten Stockwerk des Gebäudes, diese ein niedriges, dunkles Gewölbe, in das nur spärlich Licht und Luft eindringt. Solcher doppelten Kirchen findet man selbst in Petersburg einige und in Moskau noch viele. Da aber auf diese Weise weder die eine, noch die andere sich baulich entwickeln kann, so setzt man jetzt in die neueren Kirchen viele großen Öfen, die beständig geheizt werden, und versieht den Eingang mit doppelten Türen. Die Kirchen mit den Öfen und der angenehmen warmen Luft gleichen, besonders wenn man noch eine gewöhnliche Hausuhr darin ticken hört, unseren Wohnzimmern.

Das Innere zerfällt wesentlich nur in zwei Teile, nämlich in den großen, für die Gemeinde bestimmten Raum und in das davon getrennte Allerheiligste, wo der Altar steht. Beide Teile werden durch eine Art von spanischer Wand, die gewöhnlich aus Holz gezimmert ist, voneinander geschieden. Diese Wand heißt »Ikonostas«, d. h. Bildergerüst, weil sie auf der nach der Kirche zugewandten Seite von oben bis unten mit Heiligenbildern bedeckt ist. Vor dieser Wand her läuft noch eine niedrige Empore, welche einen etwas erhöhten Raum, zu dem man auf einigen Stufen hinansteigt, abschließt. Dieser Raum stellt eine Art von Vorhof oder Vorbühne des Allerheiligsten dar.

In der Mitte des Allerheiligsten steht der Altar, mit Teppichen geschmückt. Darauf liegen stets ein großes Evangelium, häufig mit Gold und Edelsteinen bedeckt, ein Kreuz von Silber, an dem aber, weil die griechische Kirche keine Skulpturen duldet, der Heiland gewöhnlich nicht angebracht ist, sondern in das nur Engelsköpfe und andere Verzierungen eingeritzt sind. Dieses Kreuz liegt platt auf dem Tische. Stehende Kreuze sieht man überhaupt nicht in den russischen Kirchen. Alsdann befindet sich in der Mitte des Altars zwischen dem Evangelium und dem Kreuze die Hostie. Zuweilen stellt man sie in ein kleines Schränkchen oder in einen aus Metall gebildeten Berg, der über und über mit Engeln besetzt ist, und worin in einer Höhle ein kleiner silberner Sarg steht, in dem sie liegt.

Da das Allerheiligste in der ganzen Kirche, der Altar aber im Allerheiligsten und dies Schränkchen mit der Hostie auf dem Altare das Wichtigste ist, so ist dieses eigentlich als der Mittelpunkt der ganzen Kirche zu betrachten, auf den sich alle Blicke vereinigen, um den sich eigentlich das ganze Leben der Kirche dreht, weshalb man denn auch alles mögliche angewandt hat, dieses Hauptstück aller Kirchengerätschaften recht glänzend zu machen. Sehr häufig ist jener ganze Berg von gediegenem Silber, ja in der Auferstehungs-Kathedrale in Moskau ist er sogar von reinem Dukatengolde, ein Meter hoch mit allen seinen Figuren, Höhen und Gipfeln.

Weiter stehen auf dem Altar ein Becher und silberne Teller fürs Abendmahl, bedeckt mit den schön gestickten »Wosduchi«. Das sind bunte Tücher, mit welchen der Becher in dem Augenblicke bedeckt wird, wo die Verwandlung des Weines vor sich gehen soll. Die russischen Frauen betrachten es als ein Werk der Frömmigkeit, dann und wann solche Tücher für die Kirche zu sticken.

Der Ikonostas ist von drei Türen durchbrochen, durch welche das Allerheiligste mit dem übrigen Raume der Kirche in Verbindung steht. Die mittlere dieser Türen heißt die » königliche« oder » zarische Pforte«, weil durch diese außer dem Oberpriester – welcher sie nur bei den feierlichen Handlungen des Gottesdienstes, z. B. beim Hineintragen des Brotes und Weines, durchschreitet – nur noch der Kaiser, und auch der nur beim Genusse des heiligen Abendmahls, eintreten darf. Diese Tür ist daher gewöhnlich verschlossen und öffnet sich während des Gottesdienstes nur selten, die Osterwoche allein ausgenommen, wo sie sieben Tage und sieben Nächte lang offen steht. Die beiden Seitentüren dagegen sind immer geöffnet, und die Priester gehen durch sie aus und ein. Auch ist sonst jedermann, welches Bekenntnisses er auch sei, der Durchgang verstattet, auch der Eintritt in das Allerheiligste; aber beides ist Frauen auf das strengste untersagt, mit Ausnahme der Nonnen.

Die beiden Seitentüren haben nichts Besonderes, desto mehr Fleiß wird aber auf die prächtige Ausschmückung der königlichen Pforte verwendet. Das, was hinter ihnen beim Gottesdienste am Altare geschieht, soll allerdings für den Zuschauer in einigem Dunkel gehalten werden. Dennoch aber muß, damit dem Geheimnisse nicht sein Reiz genommen und die Spannung erhöht werde, etwas von dem inneren Getriebe im Allerheiligsten wahrnehmbar sein, das Ganze aber in einem gewissen Helldunkel erhalten werden. Zu diesem Ende sind daher die königlichen Pforten immer von durchbrochener Arbeit, so daß große Zwischenräume zum Durchblicken bleiben, und hinter ihnen hängt allemal ein halbdurchsichtiger Vorhang, gewöhnlich von rotschimmerndem Seidenstoffe. Hinter diesem Vorhang schaffen denn die Priester wie hinter einem Schleier.

Die königlichen Türen selbst, die immer in vergoldeten Stoffen gearbeitet sind, stellen in halb erhabener Arbeit sehr Verschiedenes dar. Zuweilen sind sie nur ein buntes Gitterwerk mit goldenen Frucht- und Blumengirlanden. Zuweilen bilden sie eine goldene Sonne mit tausend Strahlen, die sich dann während des Gottesdienstes auf einmal auseinander tut und den Altar zeigt. Zuweilen ist es der Berg Zion, von oben bis unten mit Zinnen und Tempeln besetzt, der sich darin plötzlich in zwei Teile spaltet und der Welt den Altar zeigt.

Die Bilder des Ikonostas sind nur zur Hälfte Ölgemälde und größtenteils mit Silberblech überzogen. Es ist nämlich in der griechischen Kirche Sitte, nur Gesicht und Hände eines heiligen Gemäldes unbedeckt zu zeigen, alles andere aber mit einem Silberblechpanzer zu überziehen, in welchem dann das Verdeckte durch halb erhabene Arbeit dargestellt wird – Häuser, Bäume, Mäntel, Mützen, Schwerter, Kreuze usw.; dieses alles ist von Silber oder auch Gold, und durch die gelassenen Öffnungen küssen dann die Gläubigen die Stirn, Füße und Hände. In solchen Bildern steckt oft ungeheurer Wert, z. B. in dem der heiligen Mutter Gottes von Kasan, das mit den herrlichsten Brillanten geschmückt ist.

Der Raum zwischen den Bildern ist mit reichen Gewinden vergoldeter Blumen, mit Blättern, Ähren und Früchten geschmückt, namentlich mit Weintrauben, denn »die Traube ist die reichste Frucht und besonders dazu geeignet, die Fülle der Gnade, an der die Kirche so reich ist, vorzubilden«.

Auf der kleinen Vorbühne vor dem Ikonostas stehen viele mächtige Leuchter mit vergoldeten, dicken Wachskerzen zur Beleuchtung, wozu auch die vielen aufgehängten Lampen dienen, die statt der Ölflammen gewöhnlich Wachskerzen tragen. Vor der königlichen Tür auf der Vorbühne liegt ein Teppich, auf dem bei den meisten Verrichtungen der Oberpriester steht. Auf diesem Teppich erblickt man Wolken gestickt, und in der Mitte den heiligen Geist in Gestalt einer Taube, die aber zuweilen so groß ist wie ein Adler.

Diese Vorbühne ist dann auch für den Sängerchor bestimmt, welcher immer zur Seite an einer der Ecken aufgestellt ist. Orgeln fehlen, es dürfen auch keine Blas- und Streichinstrumente angewandt werden.

In dem übrigen Raume ist dann alles ziemlich leer, an den Pfeilern und Wänden hängen noch Heiligenbilder mit den brennenden Kerzen oder Siegeszeichen, Fahnen, Schlüssel eroberter Festungen u. dgl.: man sieht aber gar keine Sitze für die Versammlung. Das stete Knien, Bekreuzen und Stirnschlagen verbietet das Sitzen. Auch gibt es keine besonderen Abteilungen für den Magistrat, für höhere und höchste Personen; alles drängt sich hier durcheinander, ohne Unterschied des Geschlechtes, Ranges und Alters. Nur für die kaiserliche Familie war ein um einige Stufen erhöhter, mit Sammet überzogener und mit einem Baldachin überdeckter Platz errichtet, zu dem ein paar Stufen hinaufführen, wo der Kaiser, wenn er einmal auf Reisen in einen solchen Ort kam, dann mitten unter seinen Untertanen und wie sie stehend dem Gottesdienste beiwohnte.

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