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Geographische Charakterbilder. Erster Teil. Arktis ? Europa

August Wilhelm Grube: Geographische Charakterbilder. Erster Teil. Arktis ? Europa - Kapitel 2
Quellenangabe
typereport
authorAugust Wilhelm Grube
titleGeographische Charakterbilder. Erster Teil. Arktis ? Europa
publisherFriedrich Brandstetter
printrunZweiundzwanzigste Auflage
editorHans Stübler
year1921
firstpub1850
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130812
projectid70ccb212
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Zur Einführung.

Unsere Erde. (Versuch einer Charakterskizze.)

 

 

Herrn Professor Dr. Karl Sapper gewidmet vom Herausgeber.

 

 

Das Antlitz der Erde – denn wir kennen eigentlich kaum mehr von ihr als ihr Antlitz – ist durch die erdkundliche Forschung fast in allen Teilen entschleiert, wir sind heute in der Lage, die wesentlichen Züge darin zu überschauen; sie zu deuten freilich, das ist noch nicht einwandfrei möglich und soll auch hier nicht versucht werden. Seit der weitgereiste Nürnberger Martin Behaim (1459–1506) zwischen 1491 und 1493 den ersten Erdapfel anfertigte, das erste anschaubare Bild unserer Weltheimat, ist durch die Arbeit vieler Geschlechter der »Globus« so vervollkommnet worden, daß er ein recht getreues Abbild der Gesamterde vermitteln kann. Wie den Griechen einst der Mensch das Maß aller Dinge war, wie sie die Erde und ihre Erscheinungen und Kräfte unter den Bildern gesteigerter Menschlichkeit sahen und verehrten und so von innen heraus zu einer einheitlichen Lebensanschauung aufstiegen – so sollte es Deutschlands und seines Volkes Menschheitsaufgabe sein, ein lebensvolles Bild der Muttererde, auf der wir Menschen unser Leben zubringen, im Bewußtsein zu tragen und erd- und daseinsfreudig die Erde selbst zum Maße aller Dinge Vergleiche Jean Pauls Ausspruch: Wäre die Erde um die Hälfte verengert, so wäre auch die Zeit ihrer moralischen – und physischen – Entwicklung um die Hälfte verkürzt. zu machen; denn unsre Weltanschauung ist in hohem Grade abhängig von unsrer Erdanschauung. So könnten wir die verlorne Einheit des Lebensgefühls, die Friedrich Hölderlin, der große schwäbische Prophet der Griechheit, rückschauend in jene glücklichen Zeiten des Altertums leidenschaftlich ersehnte, die auch Friedrich Nietzsche vom Menschen her wiedererringen wollte, in einem umfassenderen Sinne gewinnen, als sie jenem Urvolk eigen war. Denn wir Deutschen sind mit unserm heißen Wandertriebe, mit unsrer Gabe des Einfühlens in fremde, andre Art, mit unserm Streben nach weltumfassender Betrachtung dazu wie geschaffen, diese letzte und höchste Aufgabe wahrer Erdkunde zu lösen. Schon haben Dichter und Denker, wie Max Dauthendey, der als Opfer seiner Erdliebe, im fernen Inselindien durch den Weltkrieg festgehalten, starb, wie Keyserling in seinem Tagebuch eines reisenden Philosophen diesem weltweiten Erlebnis des Erdgefühls Ausdruck gegeben. Aber erst, wenn eines ganzen Volkes gesammelte Stoßkraft davon ergriffen würde, könnte dies neue, seelische Erleben der Erde selbst als eines Übergewaltig-Großen und Übergewaltig-Schönen und doch für Menschengeist Faßbaren der Entwicklung, der Förderung der Menschheit dienen.

Seit der große italienische Gelehrte Galilei (1564–1642) 1610 mit Hilfe des Fernrohrs die Bewegung der Weltkugeln im Räume, die der Ostlanddeutsche Niklas Koppernigk aus Thorn (Kopernikus 1473–1543) gelehrt hatte, wirklich sah, ist es möglich geworden, daß fast jedermann irgend einmal Gelegenheit hat, etwa am Bilde des Jupiters mit seinen Monden, die frei schwingenden Körper im All zu beobachten und die gewonnene unmittelbare Anschauung auf die Erde selbst im Geiste zu übertragen. So ist das Kugelbild unseres Wohnsterns Allgemeingut geworden.

Nicht so allgemein und lebhaft bewußt aber ist das Größenbild dieser Kugel. Zwar wissen viele, daß der Äquatordurchmesser der Erde mit 12 756 km dem der Venus mit 12 037 km ziemlich nahe kommt, aber wer hat eine Vorstellung von diesen Weltgrößen? Erst wenn man sich die Sonne und die Planetenkugeln einmal in einem einheitlichen Maßstab nachbildet und auch ihre Entfernungen in demselben Maßstab wirklich abmißt – ich schlug einmal 1 : 2 Milliarden vor –, gewinnen diese Größen menschlich-anschaubare Gestalt. Dann ist die Sonne (wenn auch nur als Scheibe dargestellt) eine Kugel von 70 cm Durchmesser, und 75 m von ihr entfernt schwimmt im Räume ein Kügelchen von 6,3 mm Durchmesser – unsre Erde! Unsre Erde mit ihrer Lufthülle, all ihren Meeren und Ländern, mit ihren Pflanzen, Tieren und Menschen, ihrem Leben! Wie verschwindet Menschensein und -werk schon allein im Sonnenbereich – und vollends, wenn wir bedenken, daß dieses Reich nur eins ist unter Tausenden im All!

Aber auch das Maß unsrer Erd kenntnis – soweit sie auf unsrer unmittelbaren Anschauung beruht – ist recht bescheiden, wenn wir es ins Verhältnis zur Kugelgröße des Erdkörpers setzen. Die neuere Luftkunde ist mit ihren Fahrzeugen etwa 10 km hoch ins Luftmeer emporgedrungen, sie hat unbemannte Versuchsballone mit großem Auftriebe und ausgerüstet mit einer Anzahl sehr sorgfältig gearbeiteter Meßgeräte bis über 30 km hinaufgeschickt. Was bedeuten aber diese Größen gegen die errechnete Höhe des Luftmeers von 200 km – oder gar gemessen am Erdhalbmesser zu 6378 km? Und noch geringfügiger ist unser Eindringen in die Meere – die Senklote des deutschen Vermessungsschiffes Planet maßen die größte Tiefe der Weltmeere im Philippinengraben bei 9788 m – und erst recht in die Erdfesten in dem Bohrloch von Czuchow in Oberschlesien, das 2270 m niedergebracht wurde!

Die Lufthülle stellt unzweifelhaft ein wesentliches Merkmal unsrer Erde dar. In einer Zeit, wo sich der Wunsch Goethe-Fausts erfüllt hat und »zu des Geistes Flügeln sich doch der körperliche Flügel gesellt hat«, wo es schon etwas Alltägliches geworden ist, daß »über uns im blauen Raum verloren« mit Lerche und Adler die Flieger ihre Zirkel ziehen, kann das Bild dieses Luftmeers auch genauer gezeichnet werden als vordem. Die alles beherrschende Schwerkraft hat das Gasgemisch, das wir Luft nennen, nach der Schwere geordnet, wie man das ja auch nach Svante Arrhenius für das Erdfeste annimmt. Gegen den Weltraum liegt von 70 km an eine Wasserstoffhülle (spez. Gew. 0,069), darunter eine Stickstoffhülle (spez. Gew. 0,972). In dieser wiederum nimmt der Sauerstoff gegen den Grund des Luftmeers bis 20 v. H. zu und ermöglicht der bunten Lebenshülle das Dasein. Die Witterungsvorgänge – Wolken und Winde – haben nur einen verhältnismäßig kleinen Spielraum darin, sie reichen nur etwa 10 km hinauf. Durch die unbemannten Versuchsballone ist aber eine neue Tatsache festgestellt worden: unsere Lufthülle ist ein wunderbarer Wärmeschutz gegen den überkalten (-273° C) Weltraum. Ein Wärmemantel legt sich schützend um die ganze Erdkugel – und während in den Äquatorialgegenden am Grunde des Luftmeers eine Mittelwärme von + 25° C herrscht, stockt in 16 km Höhe in der Lufthülle die regelrechte Abnahme bis zu -70° C, und es wird eine ständige langsame Zunahme beobachtet. Dieselbe Erscheinung der »Temperaturumkehr« tritt über den Polargegenden schon in 8-9 km Höhe bei -50° C ein, während dort z. B. Spitzbergen am Grunde des Luftmeers ein Jahresmittel von -10° C hat. Es ist also schon bei 12 km Höhe über Spitzbergen wärmer als über Singapur! Unsre Muttererde ist auf diese Weise gegen die Weltraumkälte von -273° C wie durch ein Treibhausfenster abgeschlossen.

Man kann in demselben Sinne wie von der Lufthülle nicht von einer Wasserhülle der Erde sprechen. Sie ist nicht geschlossen und läßt sich nur im Zusammenhange mit den daraus hervorragenden Teilen der festen Erdkruste betrachten, die sie mit dem Adernetz der Ströme, Flüsse und Quellen durchdringt. Der wesentlichste Zug beider ist die Tatsache, daß alles Land der Erde Insel ist. Insofern war die Weltansicht der Griechen und der alten Völker überhaupt, die eine vom Okeanos umringte Erdscheibe annahm, vollkommen richtig. Man denke sich nur einmal das Umgekehrte: einen Planeten, auf dem alles Wasser See ist, wie es auf dem kleinen Mars tatsächlich zu sein scheint, um die Bedeutung dieser Tatsache für die Entwicklung des Lebens, insonderheit des Menschenlebens, zu erfassen.

Daran reiht sich ein Zweites: Das Übergewicht der Wasserflächen der Erde über die Landflächen. Die heutige Verteilung beider zeigt dem genauer Betrachtenden ein ziemlich regelmäßiges Bild, in dem sich vielleicht (wie in manchem andern ähnlichen Zuge) ein noch unbekanntes Bildungsgesetz abspiegelt.

Nansen hat eine arktische Tiefsee nachgewiesen, Scott und Amundsen entdeckten ein antarktisches Hochland. Der nördlichen Inselflur rings um das Polarmeer, die am dichtesten im nördlichsten Nordamerika ist, steht das fast inselfreie südliche Eismeer zwischen 45° und 66½° s. Br. gegenüber.

Drei Weltmeere zerlegen die Landmassen so, daß drei nordsüdlich gerichtete Landstreifen entstehen: die beiden Amerika, Europa-Afrika, Asien-Australien. Doch ist die Trennung zwischen den letzten beiden Streifen heutzutage durch das indische Weltmeer nicht so vollkommen wie zwischen den übrigen. Der Indische Ozean ist eigentlich nur ein halbes Weltmeer. Diese drei Landstreifen sind durch den Quergürtel der Mittelmeere zwiegeteilt, so daß je einem Nord- ein Süderdteil entsprechend gegenübersteht.

Diese sechs Erdteile oder Weltinseln tragen wiederum gewisse gemeinsame Züge. Während die Norderdteile die Neigung haben, in ihrer Ausbreitung nach dem Nordpol hin zuzunehmen, spitzen sich die drei Süderdteile südpolwärts zu. Die beiden Amerika zeigen diese Gesetzmäßigkeit am schönsten. Eine weitere ist die Verschiebung der Nord- und Süderdteile gegeneinander in der Richtung der Erdumwälzung um etwa 40 Längengrade. Auch diese Eigenart zeigt Nordamerika-Südamerika am deutlichsten. Die Anordnung der Landmassen auf der Erdkugel gleicht in dieser seltsamen Verschrobenheit gegeneinander gewissen bunten Glaskugeln, mit denen wir als Kinder spielten, deren Herstellung wohl auch auf einem Drill der noch weichen Glasmassen beruht. Für unsre Erdkugel können wir nur die Tatsache feststellen; aber das Bildungsgesetz, das ihr zugrunde liegen mag, ist uns noch unbekannt.

Die drei quertrennenden Mittelmeere liegen nicht in derselben Breite; nur das austral-asiatische schneidet der Äquator, das amerikanische ist bis zum nördlichen Wendekreis, das europäisch-afrikanische gar bis 36° nach Norden verschoben, das entspricht jenem Ausbreitungsgesetz der Landmassen nach Norden.

Wir folgen in der Anordnung der Charakterbilder in diesem Werke dieser regelmäßigen Anordnung.

Hier sei aber weiterhin mit wenigen Worten noch auf gewisse Stileigentümlichkeiten im Aufbau der sechs Weltinseln hingewiesen. Jede trägt da ihren besonderen Wesenszug.

Europa ist das Land der vorwiegend ostwestlich gerichteten Kettengebirge, die im Atlas nach Afrika, im Kaukasus nach Asien hinübergreifen.

Afrika zeigt starren Schollenbau mit Bruchstufen und Gräben. In der Jordanspalte greift dieser Wesenszug nach Asien hinüber. Asien hat als größter Erdteil ein Doppelgesicht; von Randketten eingefaßte Hochländer mit gedrungenen Scharungen in Armenien, den Pamiren, Hinterindien ziehen, von West nach Ost sich immer breiter und gewaltiger auch in der Höhe aufbauend, durch den ganzen Erdteil. Ostasien aber nimmt einen entfernt ähnlichen Zug auf, der schon im nördlichsten Nordamerika mit den Aleuten einsetzt: wunderschön geschwungene Inselranken hängen sich wie Perlenschnüre an Halbinseln oder festlandnahen Inseln in regelmäßigem Wechsel auf, bis sie in der Sundaranke diese Stileigentümlichkeit nach Australien hinübertragen.

Den beiden Amerika sind die wunderbar langgestreckten Meridionaldoppelketten (»Cordilleren«) mit den dem innerasiatischen Bau äußerlich vergleichbaren eingeschlossenen Hochländern eigentümlich. Australien-Ozeanien endlich zeigt im Festland Cordillerenbau, in den Inseln aber drei weitgeschwungene Bögen in ostasiatischer Art, die in der Antillenranke bis in den Atlantischen Ozean hineinschwärmen.

Die den »Cordilleren« und Inselranken angeschmiegten ozeanischen Gräben, die untermeeriscnen Höhenrücken, wie zum Beispiel der S-förmige mittelatlantische, zeigen, daß auch die Weltmeere in ihrem Baustil sich den benachbarten Festländern anpassen.

So stellt sich das Erdbild als ein wundervoll mannigfaltiger und doch gesetzmäßig, wie von Künstlerhand gestalteter Januskopf dar, dessen Anblick uns jeder gute »Erdapfel« oder Globus vermitteln kann, dessen Wesenszüge sich jedem, der sie einmal mit Verständnis gelesen, tief in die Seele einprägen und trotz ihrer Abgezogenheit es vermögen, das Preislied von der Schönheit der Erde darin zum Anklingen zu bringen. Diese Schönheit aber, die auch unser Gefühl ergreift, leuchtet am hellsten und farbigsten auf, wenn wir uns der dünnen Kugelschale des Lebens zuwenden, die die Erdkugel am Grunde des Luftmeers bis in die Tiefen der Weltmeere, am lieblichsten aber über den Landmassen umkleidet. Beweglichkeit ist das Kennzeichen alles Lebens. Unscheinbar erscheint uns die Beweglichkeit der Pflanzen in ihrem Wachstum allüberall, »lebhafter« schon in der Tierwelt; am beweglichsten und regsamsten aber ist überall der Mensch selbst, in dem sich die Lebenskraft der Erde, wenn man davon sprechen darf, am gewaltigsten bis jetzt offenbart hat. Er füllte die Erde und machte sie sich Untertan – und auch diese unendliche Mannigfaltigkeit des menschlichen Ringens mit den Gaben und Kräften der lebendigen Erde versucht unser Buch in Einzelbildern darzustellen, um der seelischen Erfassung der Erdheimat zu dienen: denn alle Erdkunde soll frohe Kunde von der Größe und Schönheit der Erde sein.

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