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Geographische Charakterbilder. Erster Teil. Arktis ? Europa

August Wilhelm Grube: Geographische Charakterbilder. Erster Teil. Arktis ? Europa - Kapitel 12
Quellenangabe
typereport
authorAugust Wilhelm Grube
titleGeographische Charakterbilder. Erster Teil. Arktis ? Europa
publisherFriedrich Brandstetter
printrunZweiundzwanzigste Auflage
editorHans Stübler
year1921
firstpub1850
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130812
projectid70ccb212
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C. Rheindeltaländer.

1. Die »Niederlande« an der Nordseeküste. – 2. Der Holländer als Schöpfer seines Landes. – 3. In Nordholland und Amsterdam. – 4. Ebbe und Flut in Seeland. – 5. In Brabant und Flandern.

 

1. Die »Niederlande« an der Nordseeküste.

J. G. Kohl.

Ich bin aus Bremen gebürtig und habe die Sitten und die Denkweise, die Luft und die Natur dieses Weserlandes von Kindheit an eingesogen und mir tiefer angeeignet als die irgendeines anderen Fleckchens Erde – und ich habe in den rheinischen Niederlanden fast kein Verhältnis in Natur- und Kulturwelt beobachtet, das mich nicht an die heimischen Niederlande in irgendeiner Weise erinnert hätte.

Hier wie dort dieselben Moor-, Sand- und Heidegegenden, derselbe Mangel an klarem Quellwasser, derselbe Überfluß an salzigem See- und brackig-trübem Flußwasser. Die Torf- und Moorbauern, die Heide- und Marschbauern sind sich überall ähnlich. Schon der Torf, der als vornehmstes Brennmittel dient, hat bei den Leuten eine Menge ähnlicher Einrichtungen im Hauswesen bedingt. Die Heide bringt überall eine gleichartige Schaf- und Bienenzucht hervor, sowie sie auch sonst den Ackerbau vielfach gleichgestaltet. Der fette Boden, welcher den menschlichen Fleiß so reichlich lohnt, und die Eingriffe der Flüsse und des Meeres, welche das menschliche Eigentum hier überall bedrohen, haben eine hohe und überall ziemlich gleichförmige Kultur in allen niedrigen Marschländern hervorgebracht. Die Erdgeschichte ist an der ganzen nordgermanischen Küste dieselbe. Überall der Dünenkranz, überall, in der Zuidersee, im Dollart, in der Jade, in den verschiedenen nordfriesischen Buchten, an der schleswig-holsteinischen Küste – dieselben Einbrüche und Zerstörungen des Meeres. Überall hat der Mensch durch Dünen und Deiche, durch Polderwirtschaft, durch Entwässerung und Schleusenanlage, sowie durch künstliche Erhöhung des Landes sich dagegen zu schützen gesucht. Daher von Flandern bis zur Königsau in Jütland überall umdeichte oder umdünte Inseln, ummauerte Meeresküsten und in Erdwälle eingezwängte Flüsse und Kanäle. Am Rheindelta aber ist sowohl der Kampf der größte, als auch der Lohn der reichste gewesen. Daher zeigt sich hier die schönste Entwicklung der ganzen Volkskraft und des überlegenden Verstandes.

Die Naturbilder, welche die Ländergebiete von der Scheide bis zur Königsau dem Maler und Naturfreunde darbieten, sind überall ähnlich: Große, schöne, fette Weidekoppeln, von herrlichem schwarzweiß geflecktem Rindvieh, von Pferden mit langem Schweife und starken Mähnen, von wolligen Schafen belebt; kleine und große Flüsse bis an den Rand des Ufers voll Wasser; Schiffe, die auf den Kanälen mitten durch die Wiesen zu segeln scheinen; auf künstlich erhöhtem Boden niedliche, reinliche, einstöckige Häuser von durchweg ziemlich gleicher Bauart. Im Winter und Frühling sieht man Dörfer und Städte, die in den Wasserüberschwemmungen zu ersaufen scheinen; mag es bei Bremen oder bei Emden, bei Rotterdam oder Antwerpen sein, daß die Gewässer ihre künstlichen Gehege durchbrachen. Die Torfmoore, ihre Birkengehölze, ihre wilden Einöden, mit hübsch angebauten Dorf-Oasen unterwebt, bieten sich überall den Menschen dar, und mit diesen verschwistert die Heidegegenden, deren gesellige Kräuter im Sommer lieblich erblühen und ganze weite Landstriche mit Duft und Rosenschimmer füllen, und deren Föhrenwälder und Eichengehölze anmutig-schattende Waldbilder dem einförmigen, ernststimmenden Heideteppich einfügen.

Wie die Anlage des Plans der Landschaft, so ist auch die innere Einrichtung und Bauart der Häuser überall sehr ähnlich. Bei den Landbewohnern sind sie durchweg nur einstöckig. Menschen und Vieh wohnen fast überall unter demselben Dach. Stroh ist die gewöhnliche Bedachung, und die roten Ziegelmauern sind hier überall zu Hause. Die holländischen Fliesenwände findet man bis nach Schleswig hinauf. Und wie in Holland, so sieht man auch im Bremischen und Oldenburgischen die Mosaik bunter, kleiner Rollsteine, mit denen man die Flur des Hauses überzieht, sehr oft.

Selbst Einzelheiten in der Einrichtung des Haushaltes, in der Form der Hausgeräte usw. entsprechen einander auffallend. Die dumpfen Schlaflöcher des Landmanns an der Weser, die sogenannten »Dönsen«, finden sich ebenso in Holland. Der Herd des Hauses hat hier wie dort dieselbe Einrichtung. Die Hausfrauen in Bremen, Hamburg, Husum usw. halten ebenso auf blankgeputztes Kochgeschirr, mit dem sie ihre Küche prachtvoll ausschmücken, wie die niederländischen Wirtschafterinnen, welche den holländischen Malern die glänzenden Muster von messingenen Schüsseln, kupfernen Kesseln und zinnernen Tellern lieferten. Überhaupt ist Reinlichkeit, Nettigkeit und Ordnung in der Hauswirtschaft überall zu Hause.

Die Ansicht, daß für jede Familie ein eigenes Haus sein müsse, herrscht in Bremen und Hamburg, wie in Amsterdam und Antwerpen. Und die Abneigung, mehrere Familien in einem Hause zusammenzupferchen, hat bewirkt, daß alle diese Städte wie London, wohin jene Ansicht von hier aus verpflanzt wurde, meistens nur aus sehr kleinen Wohngebäuden bestehen und sehr ähnliche Gesichtszüge darbieten. Selbst in Belgien unterscheiden sich die vom niederdeutschen Flamen und vom romanischen Wallonen bewohnten Ortschaften und Städte dadurch, daß in jenen eine weit geringere Anzahl Einzelwesen auf jedes Haus kommt, als in diesen. Auch das ganze Äußere der Stadt hat viel Ähnliches. In manchen Straßen Hamburgs kann man sich einbilden, man sei in Amsterdam. Man kann sagen, daß es nach Osten bis über die Elbe hinaus eine Menge kleiner Amsterdams gibt, die ebenso wie ihr Urbild von Grachten durchschnitten sind und deren Straßen einen ganz ähnlichen Anblick gewähren. Glückstadt in Holstein ist noch so ein Klein-Amsterdam im Nordosten.

Die Natur hat diese nordgermanischen Niederungen nicht mit so mannigfaltigen Arten von Pflanzen, Kräutern, Blumen und Gesträuchen erfüllt, wie die Wälder und Täler des mittleren oder oberen Germaniens. Gräser und Heidekräuter leben in diesem Flachlande in einförmiger Geselligkeit. Dagegen hat überall der Mensch sich bemüht, rings um sich her mit Fleiß und Kunst reichen Baumwuchs und Blumenflor zu versammeln, in Gewächshäusern, Gärten und auf den Äckern ihre Gattungen zu vermehren und sie zu einer besonderen Vollkommenheit zu bringen. Man findet überall in den Dörfern an der Weser, Ems, Elbe ein gutes Stück von der berühmten holländischen Blumen- und Obstbaumzucht wieder. Auch blühen hier und dort fast dieselben Gattungen von Bäumen und Blumen. Die Gärten sind überall nach demselben Plan angelegt und mit derselben Nettigkeit gehalten. Die Obstgärten der Vierlande an der Elbe bei Hamburg liefern fast ebenso vollkommene und zarte Früchte als die bei Amsterdam. Auch halten die wohlhabenden Kaufleute in jeder niederdeutschen Stadt mit derselben leidenschaftlichen Liebhaberei auf eine anmutige Zimmerflora in ihren engen Häusern wie die von Haarlem und Alkmaar. Haarlemer Tulpen- und Hyazinthenzwiebeln werden im Winter an allen Fenstern der Häuser von Emden, Hamburg und Bremen mit derselben Sorgfalt gepflegt wie in ihrem Vaterlande.

Wenn Hamburger, Bremer und Oldenburger Maler uns nicht eben solche Winterlandschaften, solche Schnee- und Eisszenen geliefert haben, wie die holländischen Landschafter, so ist der Grund anderswo zu suchen als in einem Mangel an Gelegenheit. Denn die Wiesen werden im Nordwesten von Deutschland im Winter ebenso überschwemmt wie an der Ijssel, Merwe und Waal und überfrieren hier wie dort mit einem ebenso glatten und blanken Eisspiegel, der oft in weite Fernen reicht. Nur die auf erhöhtem Boden gebauten Dörfer ragen daraus hervor, und die ganze Fläche belebt sich mit beschlittschuhten Menschengruppen, die beflügelten Schrittes dahingleiten. Nirgends sonst ist die Natur einer untadeligen Eisfläche so günstig wie hier. Im Nordosten von Deutschland machen die kalten Stürme und der viele Schnee die Eisfläche rauh, in der gebirgigen Mitte und im Süden bieten sich nicht solche bequeme Flächen überall dar. Die Eislaufkünste werden daher auch ebenso eifrig betrieben wie in Holland; wie dort, kommen hier selbst Weiber auf Schiebschlitten oder Schlittschuhen zu Markte, und die Wintervergnügen sind dieselben. Klopstock mußte erst aus den Harzgegenden in die deutschen Niederlande der unteren Elbe kommen, um von Begeisterung für den Schlittschuhlauf erfaßt zu werden, um ihn in seinem »Eislauf« poetisch ebenso zu verherrlichen, wie dies die niederländischen Maler auf vielen Gemälden getan haben. Und wie diese winterlichen Natureindrücke, so sind auch die Frühlings- und Sommerbilder und ebenso die Herbstansichten in dem ganzen Landstrich, von dem wir reden, äußerst ähnlich.

Wie die Holländer in die Handelsbewegung der deutschen Hanse hineingezogen wurden, so wurden später die Deutschen in die holländischen Handelsunternehmungen verflochten. Die Gegenstände des Handels sind der geographischen Lage zufolge in den norddeutschen wie in den holländischen Handelsstädten fast immer dieselben gewesen, und schon daraus mußte manches Gemeinsame in dem Betrieb des Handels hervorgehen. Dieselben Schiffsformen, derselbe Schlag des Schiffsvolks, dieselbe Art in der Leitung der Schiffe herrschen von Flandern bis nach Nordfriesland in Schleswig-Holstein hin. An dem berühmten Heringsfang und an den Waljagden der Holländer nehmen auch die Nordwestdeutschen teil, und Heringsbuisen gibt es so gut in Bremen, Emden, Hamburg wie in Rotterdam und Scheveningen. Überall an der germanischen Küste des Nordmeeres spürt man Trangeruch und sieht man Walknochen. (Borkum zum Beispiel!) Und wenn wir erst sehr spät eine holsteinische, eine stadische oder jeversche Malerschule bekamen, welche den »Blankeneser Schellfischfänger«, den »Helgoländer Hummerjäger«, die »Hamburger Ewer, die Smack- und Heringsbuise«, sowie Bremerhaven- und Fischmarktansichten, Nordseestürme und Ebbe- und Flutbilder mit Hilfe von Pinsel und Farbe ebenso verherrlichten, wie der holländische Backhuysen und dessen Schüler dies getan haben: so ist die Ursache davon nicht sowohl in einer gewissen Verschiedenheit der Entwicklung und Richtung der Tätigkeit der Leute zu suchen, die neben aller Gleichartigkeit ihrer Naturanlagen bestand. Heine hat die Nordsee besungen, so wie Klopstock den Eislauf; auch Voß hat uns in schöner Rede manches Nordseebild gemalt. Vielleicht, daß die Deutschen mehr in dem Worte darzustellen geneigt waren, was die Niederländer uns auf der Leinwand gaben. Man lese auch die trefflichen Schilderungen von Gorch Fock von Finkenwerder. Der Volkswitz, das Temperament, der Volksaberglaube, die Art der poetischen Anschauung sind bei dem niederdeutschen gemeinen Mann ganz dieselben wie in Holland und Flandern. Der Volkswitz hat überall denselben Anstrich von derbem, launigem Humor. Die flandrischen und holländischen Volkslieder tragen ganz dasselbe Gepräge wie die, welche Voß, Grimm und andere uns aus den Elbe- und Wesergegenden gesammelt haben. Ja, auch die Musik und Gesangsweise ist von der Lüneburger Heide bis zu den Scheldegegenden bei Antwerpen und Gent auffallend ähnlich. Ich hörte die Brügger und Genter Spitzenklöpplerinnen oft Lieder singen, die mich mit einem Zauberschlag in die Mitte meiner Heimat, ins Land der Chauken und Cherusker versetzten. Die Weisen, die Melodien, selbst die Art des Vortrags schien mir ganz dieselbe zu sein. Dieser niedersächsische Volksgesang ist in seiner Art so eigentümlich wie der tirolische und steirische; Kremser hat uns in seinen altniederländischen Volksliedern Perlen daraus dargeboten. Selbst in den Spielen und unwichtigen Beschäftigungen des Volkes findet sich eine erstaunliche Ähnlichkeit. So ist zum Beispiel die Kegelbahn in allen jenen Gegenden außerordentlich volkstümlich. Ebenso sind hier vorzugsweise die niederländischen Ballspiele zu Hause, welche vermutlich zu den berühmten englischen Ballkünsten die erste Veranlassung gegeben haben. In Holland ist die »Kolfbahn« (wo der Ball mit einem Kolben geschlagen wird) ein sehr beliebter Erholungs- und Vergnügungsort des kleinen Bürgers. Gleich beliebt ist in Emden und Bremen das sogenannte »Kloppballspiel«, das dort mit Eifer nicht nur von der Straßenjugend, sondern selbst von den Erwachsenen und Gebildeten geübt wird.

Wie die holländische Blumenzucht, so hat auch die niederländische Taubenzucht sich überall an der Weser, Ems und an der Elbmündung verbreitet. Die Taubenzucht ist eine Lieblingsbeschäftigung der kleinen Bürger in Bremen wie in Brüssel. Man sieht hier wie dort Leute, welche halbe Tage damit zubringen, ihre Tauben in hohen und weiten Flügen zu üben, sie dabei zu beobachten, sie mit denen ihrer Nachbarn Wettflüge anstellen zu lassen, und die darauf sinnen, hochfliegende Taubenrassen zu züchten oder sich Zuchttiere von solchen Rassen zu verschaffen. Der grausame Sport des Taubenschießens, wie er in Ostende, Scheveningen und anderen Orten geübt wird, hängt letzten Endes auch damit zusammen.

Aber nicht bloß in ihren Spielen, auch in ernsteren Dingen gleichen sich Niederdeutsche, Holländer und Flamen. Stiller, emsiger Fleiß, Ehrlichkeit und Wahrheitsliebe, Sinn für das Echte und Dauerhafte zeichnet beide auf gleiche Weise aus. Über Religion denken alle diese Stämme so ziemlich gleich. Die Feier des Sonntags, die Stellung und Bedeutung der Prediger ist überall ähnlich. Bei allen hat man zu allen Zeiten einen echten, gesunden, freimütigen Bürgersinn gefunden. Die hansischen Freistädte in Niedersachsen und die batavischen Republiken liefern dafür Zeugnis im großen.

Die alten Gemeindeverfassungen dieser Landstriche gleichen sich so wie die Pläne und Grundrisse, nach denen ihre Dörfer und Äcker angelegt und gestaltet sind. Die Familienliebe und der häusliche Sinn, sowie eine starke Abneigung gegen öffentliche Vergnügungen sind hier überall zu Hause. Was Reisende über Kinderzucht, Elternliebe usw. in Holland beobachtet und berichtet haben, kann man auch in Bremen und dessen Nachbarschaft gelten lassen. Sogar besondere Gewohnheiten und Ausdrucksweisen gleichen sich oft in überraschender Weise. So ist es zum Beispiel in den holländischen Geschwisterkreisen Sitte, den Familienvater »den Alten« zu nennen, statt »mein Vater«, »mein Alter« zu sagen. Diese nicht sehr gefällige Sitte besteht auch in Bremen und Hamburg, wo auch der Prinzipal von den Handlungsgehilfen »der Alte« genannt wird. Die ganze Art des Umgangs, des bürgerlichen und betriebsamen Lebens gleicht sich bis in kleine Züge.

Es ist wunderbar, daß eine so gleichartige Masse, wie die niedersächsischen Stämme sie darstellen, die in bezug auf ihre äußere wie innere Welt so sehr miteinander übereinstimmen, in politischer Hinsicht stets so sehr geteilt war. Zu keiner Zeit hat es ein alle niedersächsischen Stämme umfassendes Staatswesen gegeben. Stets haben sie sich als eine Anzahl kleiner Republiken, Freistädte, Grafschaften und Fürstentümer dargestellt. Aus dem Koloniengebiet der Niedersachsen im Osten hat sich jetzt ein großes und starkes Staatswesen herausgebildet. Preußen ist der Kristallisationspunkt geworden, an welchen sich alle Niedersachsen und Norddeutschen angelegt haben.

 

Der Holländer als Schöpfer seines Landes.

Nach E. M. Arndt, Versuche in vergleichender Völkergeschichte.

Wer aus anderen deutschen Landen nach Holland kommt, wer die Menschen und ihre Art und ihr Leben sieht, ihre Flüsse, Kanäle, Gräben, Schleusen und Deiche, ihre mächtigen Häfen, Werften, Landstraßen, Städte, Festen, Schlösser und Türme, die Tüchtigkeit, Kühnheit, Zweckmäßigkeit, Nettigkeit, Sauberkeit, Klarheit in allem: der steht still, staunt und wundert sich. Wenn er es länger gesehen und ruhig betrachtet und genauer nach allem sich erkundigt hat und vollends die Geschichte dieser Menschen näher erforscht: so steht er still, lobt und bewundert. Denn alles dies, dieses reiche Land, diese prächtigen Städte, diese blanken, freundlichen, städtegleichen Dörfer hat der denkende und arbeitsame Mensch aus dem Schlamm hervorgehoben und zum Teil den Wogen des Meeres abgewonnen. Am meisten aber haben Holland und Seeland diesen Niederlanden das Gepräge aufgedrückt, und darum müssen die Niederländer es sich gefallen lassen, bei den Fremden durchweg Holländer zu heißen.

Aber diesen Menschen, wie soll man ihn beschreiben? Etwa wie ihn der Schwabe oder Thüringer ausschreit: ein Kerl mit Froschblut, mehr Wasser als Blut in den Adern, langsam, klotzig, steif, kalt, kleinlich und förmlich, kurz nichts als Steifheit, Langweiligkeit und Förmlichkeit? So ist der Schein, und so ist das erste Aussprechen des Gefühls, welches er bei Fremden erweckt; aber du mußt tiefer hineinbohren, länger und aufmerksamer betrachten und wirst dann anders sprechen müssen. Denn wer darf wohl so hinfahren über ein Volk, das ein solches Land gemacht, einen solchen Zustand geschaffen hat, das eine so große Geschichte hinter sich hat, wie diese langweiligen, steifen Holländer? Aber bei alledem, wie sehr man auch die zurückweisen muß, die von den Holländern als einer wunderlichen oder gar lächerlichen Erscheinung reden, so sitzt und steckt in der holländischen Art doch etwas Unbeschreibliches. Man muß sie lange und viel sehen, um sie von innen heraus verstehen zu lernen. Wenn man so in die holländischen Städte und Dörfer kommt oder in die einzelnen Häuser tritt und die Menschen so still und langsam und doch so nett und reinlich einhergehen sieht, als hätten sie mit Arbeit und Mühe sich nur leicht zu befassen; wenn der Bauer langsam und bedächtig wie ein Storch in seinen hohen Holzschuhen einherschreitet und mit wohlbehaglicher Miene und langsamer, breiter Rede dir begegnet: so könnte dir einfallen, ein so stilles, bequemes Geschlecht könne dieses Land nicht gemacht, diese gewaltigen, herrlichen Werke nicht geschaffen haben, die alten Zyklopen, welche diese Mauern, Türme, Wälle und Deiche aufgetürmt, seien längst ausgestorben, und ein matteres Geschlecht habe ihre Stelle eingenommen. Der Holländer steht aber da im Bewußtsein der Wohlhäbigkeit und Behaglichkeit, eben daß er der Schöpfer und Herr dieses Landes ist, wo nur Frösche, Möwen und Rohrdommeln ihre heisere Stimme ertönen lassen würden, wenn der Mensch nicht hinzugetreten wäre und mit Spaten, Schaufel und Ruder in der Hand »Es werde!« gerufen hätte. Er ist der stille, zahme Seelöwe, der sich auf die trockenen Klippen in die Sonne gelegt hat. Wenn man diesen Menschen sieht, wie nett seine Kleider, wie wohlgesetzt seine Perücke, wie mit Blumen und Kräutern mancherlei Art sein Flur- und Vorhaus geziert ist, wie er in seinen zierlich geschnörkelten und mit Bildchen verzierten Wänden wochenlang spazieren gehen kann, ohne ein Spänchen zu verrücken; wenn man sieht, wie er seine Gärten mit allerlei bunten Muscheln und Steinen ausgelegt und die Bäume und Sträucher zu allerlei regelrechten Figuren geschnitzt hat; wenn man in seinen Kuhstall tritt, der so reinlich und nett gefegt ist, daß eine Prinzessin mit ihrem Schleppkleide hindurchgehen könnte, ohne daß sich etwas Ungebührliches daran hängte: dann begreift man den Inhalt des holländischen Wortes Moje, diesen Inbegriff alles Zierlichen, Bequemen und Wohlgeordneten. Dieses holländische Wort drückt ganz das holländische Wesen aus. Aber störe den Seelöwen auf, jage ihn von den Klippen der stillen, sonnigen Lage ins Wasser, da siehst du ihn spielen und plätschern, da hörst du ihn brausen, da bläst er das Wasser aus seinen Nüstern himmelan, da brüllt auch sein Zorn mitunter auf, daß dir vor Grausen die Haare zu Berge stehen. Der sonst so stille und ruhige Mensch wird ein ganz anderer, wenn er auf dem Meere schaltet und waltet; seine Hände und Füße regen sich geschwinder, wenn er den Wellen und Winden Trotz bietet. Freilich ist er ruhig und besonnen und behaglich, aber in seinem Innern steht eine Hartnäckigkeit, eine Trotzigkeit, Festigkeit und Entschlossenheit des Willens, die der Teufel nicht beugen kann; wie sehr auch in vielen eine gewisse stumme Trockenheit und langweilige Einerleiheit sich zeigen mag, jeder Holländer ist doch ein voller Mensch für sich, mit vielem Eigenwillen versehen, und zwar nicht bloß mit dem Eigenwillen eines kleinlichen Menschen. Die Sprache ist spitzfindiger und noch träger als der Mensch, höchst eintönig und unmusikalisch, der einförmigen Tiefebene entsprechend.

Um der Einförmigkeit seines Landes gleichsam zu entgehen, hat sich der Mensch hier mit einem besonderen Schmuck des Lebens umgeben müssen. Die übertriebene Reinlichkeit und Sauberkeit, die uns anderen Deutschen oft peinlich wird, Blumenliebe und Blumenpflege noch mehr als bei den belgischen Nachbarn, sie ist eine holländische Leidenschaft – ebenso die Farbenfreude; daher hat hier die Malerei fröhliche Zeiten gehabt. In diesem Lande der Sümpfe und Heiden und Marschen, wo nur um die Dörfer und Kanäle einzelne Baumreihen sich erheben und der Mensch hinter seinen Deichen und Wällen den Pflug und die Sense rührt; hier, wo die Nähe des Meeres und die fast immer nasse Erde eine feuchte, matte Luft und einen umnebelten Himmel erzeugt; hier, wo Torf- und Moorboden und Steinkohlenstaub alles in Schmutz verkommen lassen würden, wenn der Mensch sich nicht dagegen wehrte: hier mußte er sich in der Freude am Netten, Heitern und Bunten eine fröhliche Gegenwehr gegen das Graue und Trübe bereiten. Man muß dies um so höher anschlagen, je mehr man Schmutzlande sieht, die ihre Bewohner ruhig Schmutzlande bleiben lassen.

Also der stille Seelöwe, der fest und ruhig waltet, der unter einem ruhigen, wie mit einem dämmernden Schlummer übergossenen Äußern einen trotzigen Mut und eine tiefe Leidenschaft verbirgt, das ist der Holländer! Denn rühr' ihn nur an, wo sein Leben sitzt und wo er dieses Leben bedroht fühlt, und du wirst sehen, mit welchen Zornflammen er auflodert und wie der geweckte Aufruhr seiner Natur alles um sich her niederwerfen will. Erinnere dich der Geschichten von Albas Tagen, oder als die Oldenbarneveld und de Witte als Opfer fielen; durchblättere die Geschichten von Brügge, Gent, Antwerpen, Dordrecht, Leyden und anderen Städten – durch das ganze Mittelalter, und du wirst an der Küste dieser Seelande immer noch ähnliche Erscheinungen finden. Ungestüm und unbändig, wenn dieser friesische Mann seine Art und seine Freiheit in Gefahr glaubt, fest und still in den gewöhnlichen Zuständen des Lebens.

Wie gesagt, er hat das Gefühl – und wer wagt es ihm zu bestreiten? – daß dieses Land im eigensten Sinne sein Land ist, daß er selbst es sich geschaffen hat. Er hat im Kampf und in der Arbeit seiner Schöpfung alles, was Verstand, Mut und Besonnenheit heißt, zusammennehmen müssen; Zucht, Ordnung, Klarheit des Urteils, Nüchternheit der Überlegung sind auf solche Weise sein Wesen geworden, darum haßt er alles Verschwimmende, Unbestimmte, Übertriebene in Gefühlen und Gedanken und schilt es gern deutsche Krausköpfigkeit, deutsche Schwärmerei. Krollebol nennt er wohl den Deutschen, wenn er eine äußere Ziererei und eine innere Verworrenheit der Gedanken bezeichnen will. In seinen Gesetzen wie in seiner Religion ist er daher gern auf dem Wege der Klarheit geblieben. Der Genfer Calvinismus war der einfachen, klaren Form seiner Verfassung angemessen, darum nahm er ihn an, als übereinstimmend mit dem Demokratischen seines Charakters. Der strenge, trockene holländische Calvinismus steht offenbar in einer gewissen Ähnlichkeit mit dem englischen Protestantismus, nur daß die englische Hochkirche den monarchischen, ritterlichen Zug des Glanzes und der Pracht, gleichsam eine Darstellung der äußerlichen Herrschaft der Kirche, die dort besteht, beibehalten hat. Denn in dem ganzen englischen Volke, wie demokratisch wunderlich sich auch der einzelne gebärden mag, herrscht doch ein adeliger, aristokratischer Sinn vor. Es ist diese Ähnlichkeit und dieser Unterschied gleichsam das unterscheidende Bild der beiden Völker. Beide haben den Sinn und das Streben des Klaren, Festen und Bestimmten im Leben und in der Verfassung, beide fragen bei allem, auch bei dem Höchsten: was nützt es? wie steht und besteht es auf der Erde? Sie fliegen mit dem Deutschen nicht gern so hoch, daß ihnen der Boden unter den Füßen schwindet. Sie sind auch im religiösen Leben mehr auf ein Feststehendes, auf die Orthodoxie hingewiesen. Darum kommt der Holländer als ein mehr trockener und klarer Mensch auch mehr mit dem Engländer überein als mit dem Deutschen.

 

In Nordholland und Amsterdam.

Quelle: F. v. Hellwald, Nordlandfahrten, Bd. IV. Leipzig 1886 (F. Hirt & Sohn).

Selten hat ein Land seine Eigenart in dem Grade bewahrt wie Holland; es ist dies eine Erscheinung, die allerdings bei dem unmittelbaren Zusammenhange mit der großen germanischen Tiefebene geradezu auffällig erscheint. Hier »fließen die Flüsse sozusagen über den Köpfen der Einwohner hinweg, hier erheben sich mächtige Städte unter dem Spiegel des Meeres, das sie beherrscht und nahezu erdrückt; hier wurden weite Strecken bebauten Landes abwechselnd vom Wasser erobert und wieder verloren; hier hat der natürliche Lauf der Ströme alte Inseln durch Sandbänke mit dem Festlande verbunden; hier haben alte Teile des Festlandes, abgerissen und zerbröckelt, neue Inseln gebildet.« Mensch und Natur messen sich hier in beständigem Kampfe, in dem der Mensch sich nicht etwa auf die Verteidigung beschränkt, sondern angriffsweise dem Meere in Poldern das geraubte Gut wieder entreißt. Dieser Kampf mit dem nassen Elemente hat den holländischen Landes- und Volkscharakter in einer Weise bestimmt, daß der Bewohner des europäischen Festlandes, obwohl er mit dem Holländer dieselbe Scholle bewohnt, sich in Holland in ganz fremden Verhältnissen fühlt.

Der Name Holland bezeichnet im Lande nur die zwei Provinzen Nord- und Südholland, während man den gesamten Staat nur als »Niederlande«, den Bewohner nur als »Niederländer« kennt. Es ist der Rhein, der zwischen dem Gezweig zahlreicher Mündungsarme den fruchtbaren Marschboden Hollands absetzt. Aufgabe des Menschen ist's, dies Geschenk des Rheins durch mächtige Dämme oder Deiche gegen die Zerstörungswut des Ozeans zu schützen. Daher das Sprichwort: »Gott schuf das Meer, seine Küsten aber zog der Niederländer.« Da der Rhein sowie seine Mündungsarme in Holland westlich strömen, so zerfällt das Land in ein süd- und ein nordrheinisches, ein einförmiges und ein mannigfaltiges. Diese Scheidung der Niederlande wird noch verschärft durch das unfruchtbare Heideland von Nordbrabant, das sich südlich vom Rhein zwischen die Ebenen Belgiens und Hollands einschiebt.

Nördlich und südlich von diesem an Sümpfen und Mooren reichen Strich liegen die fruchtbarsten und bevölkertsten Ebenen der Niederlande und Belgiens; man vergleiche nur die Linie Brügge, Gent, Antwerpen, Brüssel mit jener: Amsterdam, Haarlem, Leyden, Haag.

Bezeichnenderweise entsprechen den beiden Landschaften südlich und nördlich vom Rhein auch zwei Zweige der niederländischen Bevölkerung. Auf den Deltainseln nördlich der Maaswaalmündung wohnten bereits zur Römerzeit die Bataver, jener Stamm, der selbst der römischen Kriegskunst schweres Spiel machte, südlich von ihnen, mehr landeinwärts die Flamen. In den Batavern und den mit ihnen später verschmolzenen Franken sehen die heutigen Holländer ihre Stammeltern in leiblicher wie in geistiger Hinsicht. Noch heute sind die Holländer Fischer und Seeleute. Anders die Flamen; zwar ein Teil von ihnen, die Seeländer (»Zeews«) auf den Scheldeinseln, hat sich in Hantierung und politischer wie kirchlicher Gesinnung den verwandten Holländern zugesellt. Aber die größere in Belgien seßhafte Menge büßte früh schon ihre Selbständigkeit ein an Römer, Spanier, Österreicher und Franzosen.

Der heutige Holländer ist der Brite des Festlandes. In der ihm oft zum Vorwurf gemachten, wenn auch nur scheinbaren Froschblutkühle, Nüchternheit und Verschlossenheit, in der Gewohnheit, das Haus als seine Burg zu betrachten, die er mit niemand teilt, in dem Streben nach Komfort in der häuslichen Einrichtung, in der Zähigkeit, mit welcher er seine Unabhängigkeit verteidigt, in der Großartigkeit seiner Handelsverbindungen, in der im besten Sinne des Wortes echt weltmännischen Bildung seiner höheren Stände, welche die Hauptsprachen ihrer Kolonien beherrschen und jahrelang dort zur Erweiterung ihrer Berufsbildung verweilen: in allen diesen Zügen erkennt man sofort Ähnlichkeit mit dem Inselvolke der Briten.

Man nennt Amsterdam oft das holländische Venedig, obwohl es nichts von den Palästen, nichts von den kirchlichen Prachtbauten, nichts auch von dem in die glühenden Farben des Südens getauchten Gondeltreiben der italienischen Lagunenstadt hat. Allerdings ist es von zahlreichen überbrückten Kanälen durchzogen, ist in der Ebene gelegen, auf Pfählen gebaut, durch lidiähnliche Eisenbahndämme von der Aussicht auf das Meer abgeschnitten: aber Amsterdam, die Stadt der Nüchternheit und Geschäftigkeit, weicht doch himmelweit von Venedig ab, das von vergangener Größe nur das große, prachtvolle Gehäuse gerettet hat.

Von der Zuidersee streckt oder richtiger streckte sich nach Westen ein schmaler, tiefer, nach Süden gekrümmter Arm ins Land, Het Ij (das Ypsilon, sprich ei) genannt. Daran schmiegt sich Amsterdam in Halbkreisform nach Süden hin an. Noch vor einem Jahrzehnt war der Blick von der Stadt auf den Meerbusen frei, während jetzt ein gewaltiger Eisenbahndamm, der die am West- und Ostende gelegenen großen Docks verbindet, dem Auge Schranken setzt von der Land- wie von der Seeseite aus. In das Ij mündet unter schiefem Winkel die Amstel (von SO nach NW), welche der holländischen Hauptstadt den Namen gab. Amsterdam ist in lauter konzentrischen Halbkreisen erbaut, deren Durchmesser das Ij ist. Als deren kleinsten haben wir die Altstadt Amsterdams, den »Dam« anzusehen; um ihn legen sich mit immer größer werdenden Durchmessern die weiteren Halbringe, welche durch Kanäle oder »Grachten« Gracht = niederdeutsch die Graft, hochdeutsch der Graben. voneinander getrennt sind. Die eigentlichen Straßen laufen vom Dam, dem Mittelpunkt, wie die Strahlen des Fächers nach den Außenringen und bedingen naturgemäß eine Anzahl von Brückenbauten. Der Dam, das Herz in dem gewaltigen Körper der Hauptstadt, ist jedenfalls auch ihr ältester Teil und wurde wohl von friesischen Fischern, denen das Ij ein lohnendes Arbeitsfeld eröffnete, angelegt. Heringsfang, Bierbrauerei, Tuchgewerbe, Handel und vor allem der Eintritt in die Hanse veränderten im späteren Mittelalter das Gepräge der Stadt ganz gewaltig. Doch der Dam blieb der Brennpunkt der Ansiedlung. Gering an Umfang, unregelmäßig in der Form, ist dieser Markt doch umstanden von einigen der wichtigsten Gebäude, dem Königsschloß, der Börse.

Der Grund, auf welchem die Hauptstadt steht, ist sumpfig, dem Fußtritt nachgebend, oft nur aus schwarzem Wasser und Schlamm bestehend. Jeder Hausbau ist zugleich Wasserbau. Erst nachdem die 16 bis 17 m dicke Schlammschicht durchstochen, stößt man auf festeren Sand und Ton. Daher stehen alle Gebäude auf Pfählen, die man mit Dampframmen 10-14 m in die Erde treibt. Die Gründung des königlichen Palastes zum Beispiel erforderte deren 13 659, die der Börse 3469. Die Wälder Skandinaviens wie des Schwarzwaldes werden zu diesem Zweck geplündert. Indem man die untersten Balken und Dielen mit Portlandzement überzieht, hält man die Bodenfeuchtigkeit ab. Übrigens wurden die hölzernen Grundlagen der Stadt bereits zweimal (1730 und 1858) von Bohrwürmern, die aus den Tropen durch Schiffe eingeschleppt waren bedroht, doch verschwanden sie wieder von selbst.

Amsterdam besitzt einige 40 Kirchen, darunter solche von stattlicher Schönheit, die meisten versehen mit dem in Holland landesüblichen Glockenspiel, im Innern aber merkwürdig kahl, einmal weil die Bilderstürmer der Reformationszeit nichts vom Schmuck übrig ließen, das andere Mal, weil der verstandesmäßige, kühle Calvinismus nichts davon wissen will. Auf einfacher Holzkanzel waltet der Geistliche seines Amtes, seine Zuhörer versammeln sich in ziemlich ungezwungener Weise und behalten ruhig die Mütze auf dem Kopf, die sie nur beim Gesang und Segen ein wenig lüften. Die bedeutendste, in den Dam einmündende Straße ist unstreitig die lange, schmale Kalverstraat (Kälberstraße). In der Mitte der Kalverstraat bewegen sich geräuschlos auf dem Asphaltpflaster die Droschken. Da aber der Wagenverkehr in Amsterdam infolge der vielen, in der Mitte hochgewölbten Brücken in der Bewegung sehr gehemmt wird, ist der Fußverkehr um so bedeutender. An den Häusern entlang zieht sich ein schmaler Fußsteig hin, auf welchem bis um Mitternacht Schau- und Kauflustige aneinander vorbeieilen. Am tollsten ist das Treiben in dem nebenher laufenden, durch einen Kanal von der Kalverstraat getrennten »Nes« mit seinen Vergnügungsstätten.

In den cafés chantants, wo leichtgeschürzte Sängerinnen Lieder in allen möglichen Kultursprachen – jedoch sehr selten in der holländischen – mit Musikbegleitung vortragen, lauschen Mann und Weib, Eltern und Kind, beim schlechten teuren Trunke den leichtfertigen Weisen. Prasselndes Feuerwerk, Musik aller Enden, Nachtgesang von groß und klein, Jubel und Geschrei lassen den Fremden vergessen, daß er im Lande der froschblütigen Holländer weilt.

Der am Altehrwürdigen festhaltende Charakter der Bewohner Hollands ist schon aus gewissen Gestalten auf den Straßen der Hauptstadt zu erkennen. Wir erinnern nur an die Zöglinge der Waisenhäuser, deren männliche Insassen mit der halb weißen und halb roten Jacke sich seltsam genug ausnehmen, während die Mädchen über dem dunklen Unterkleid blendend weißes Leinenzeug tragen. Die Waisenmädchen begegnen einem meist paarweise; gewöhnlich sieht unter dem weißen Häubchen ein munteres Gesicht hervor, und die Formen der Erwachsenen unter ihnen zeigen jene Ebenmäßigkeit und Fülle, welche der gesamten weiblichen Jugend des Landes und Amsterdams im besondern eigen ist. Ein weiteres lebendes Zeugnis für den erwähnten Charakter der Holländer besitzen wir in der Tracht der Dienstmädchen. Die »Herrschaft« hält in Amsterdam auch heute noch streng darauf, daß der dienstbare Geist auch in der Kleidung die Kaste, der er angehört, nicht überschreite; daher muß das meitje (Mädchen) Sommer und Winter im weiß und violett gestreiften Kattunkleide, mit weißem Häubchen, weißer Schürze, weißen Strümpfen, die unter dem Röckchen hervorschauen müssen, schwarzen Schuhen und glattem, in der Mitte gescheiteltem Haar einherschreiten, und unbestritten trägt das stets saubere Weiß das Seinige dazu bei, das Straßenbild Amsterdams freundlicher zu gestalten. Zu den Amsterdamer Straßentypen gehören entschieden auch die zahlreichen Leichenbitter oder »Aansprekers«. Sie melden im Frack und hohem Hut den Trauerfall in der Verwandtschaft und Nachbarschaft und bilden die Begleitung beim Begräbnisse. Je größer ihre Zahl zu beiden Seiten des Leichenwagens, für um so vornehmer gilt der Tote. Freilich darf man – um solche Schlüsse zu begreifen – die Herren Aansprekers nicht auf dem Heimwege vom Friedhofe sehen, wo sie, die Beine an den Seiten des eilig dahin jagenden Leichenwagens herabbaumeln lassen, nach der Schenke eilen, um die jedenfalls sehr tief eingedrungenen Schmerzen wegzuspülen. Ein Überbleibsel aus der guten alten Zeit ist auch der mit der Hellebarde einherschreitende Nachtwächter, der mit einer Art Hammer auf ein Kreuz schlägt, um so die Stundenzahl anzuzeigen, die er übrigens gleichzeitig ausruft; »Twalf aan de klok, de klok is twalf.« Er genießt hier noch das Recht, in einem dichterischen Neujahrsglückwunsch seine bescheidenen Verdienste namhaft zu machen, und außerdem darf er sich monatlich in jedem Bürgerhause ein Stück Torf zur Heizung des Wachthäuschens erbitten.

Aus dem Mittelalter sind alte Türme romanischen Stils erhalten, von der Renaissance zeugt das Königliche Palais Jakob v. Kampens. Die meisten und prächtigsten Baudenkmäler entstammen jedoch dem im 17. Jahrhundert eingedrungenen Rokoko; in dieser Art erbaut sind zum Beispiel die prächtigen Paläste in der Heeren- und Kreizersgracht, »worin sich nichts als geschnitztes Eichen- und Mahagoniholz, reiche Tapeten, wertvolle Gemälde, Holz- und Marmorbilder, Schildpattmöbel, seltene Porzellane und dergleichen fanden.«

Die für England so bezeichnende Sitte, nicht Mietkasernen, sondern nur Familienhäuser zu bauen, hat sich auch in Amsterdam eingebürgert. Mit oft nur zwei oder drei Fenstern Front ragen die schmalen Gebäude aus roten Ziegeln, mit weiß ausgestrichenen Fugen empor. Die Haustür führt in einen langen, schmalen Gang; zu beiden Seiten sind im Erdgeschoß nach der Straße das Empfangs-, nach dem Hofe das Speisezimmer angelegt. In dem ersten Stockwerke liegen die eigentlichen Wohnräume mit dem Arbeitszimmer des Hausherrn und dem Putzstübchen der Hausfrau, im zweiten die Schlafräume. Auffällig sind die gewaltigen Fenster, von der Höhe eines ganzen Stockwerkes und entsprechender Breite; sie öffnen nicht zwei Flügel nach innen, sondern die untere Hälfte wird einfach über die obere emporgeschoben. Ihre Größe erklärt sich aus der unsinnigen Fenstersteuer. Die Häuser, besonders die längs der Kanäle stehenden, lassen jene ermüdende Gleichmacherei neuer großstädtischer Bauten vollständig vermissen; welche Mannigfaltigkeit herrscht da nicht in Giebel- und Gesimsformen, in Gewölbebogen, Zieraten und Erkern, selbst in der Höhenlinie der Fenster, die mit ihren blendendweißen Rahmen und Gardinen, sowie mit ihren großen, spiegelblanken Scheiben einen wohltuenden Eindruck machen.

Während die Straßen eng und die Fußsteige schmal sind, stellen sich die Wasserwege, die Grachten mit ihren Kais, in stattlicher Breite dar; besonders anheimelnd sind sie durch schöne Baumreihen zu beiden Seiten. An manchen Grachten reichen freilich die Häuser nicht bloß bis an das Wasser, sondern hängen mit ihren Erkern sogar über dem Wasser, eine altertümliche Erscheinung, die uns besonders im Judenviertel auffällt. Obwohl dasselbe den unaussprechlichen Geruch und die – in Holland durch den Gegensatz um so stärker wirkende – Unsauberkeit auch hier nicht verleugnet, muß doch auf der anderen Seite die Betriebsamkeit gerade des Judenviertels zugestanden werden. Eine Unmenge kleiner Handwerker und Trödler, die mit allen möglichen und unmöglichen Gegenständen handeln, sowie Lumpensammler haben hier ihre Behausung. Jedes Alter und Geschlecht trifft man hier schachernd, von der alten zerlumpten Matrone, die für einen Cent Käse oder sehnige, ekelhafte Leber ersteht, bis herab zu dem Haufen unmündiger Kinder, auf die man besonders zur Zeit der Obstreife in jeder Straße fast tritt. Hier wird ausgeboten, angepriesen unter Schreien und Lachen in allen Tönen der Tonleiter, und Klapper, Kastagnette und im Notfalle der als Trommel benutzte Eisentopf müssen die Geschäftsanpreisung unterstützen.

Die Juden Amsterdams sind überall her; es gibt spanische, deutsche, portugiesische Juden. Der israelitische Einschlag macht fast den 10. Teil der Bevölkerung Amsterdams aus. Ein Erwerbszweig, welcher der holländischen Hauptstadt eigentümlich ist, liegt fast ganz in den Händen der Juden, es ist die Diamantschleiferei, durch die ja auch Spinoza einst sein Leben fristete. Treten wir in der Zwanenburgstraat ein in das namhafte Geschäft von Koster & Co., das mit Dampf betrieben wird und 200-300 Diamantschleifer beschäftigt! Im Erdgeschoß arbeitet eine Mühle, welche in den oberen Stockwerken 30-40 kleine eiserne Scheiben in schnellste, kreisförmige Bewegung setzt. Jede dieser Scheiben ist mit Öl befeuchtet und mit Diamantstaub bestreut. Der vor ihr stehende Arbeiter drückt den in Blei eingekitteten Diamanten gegen die Scheibe, um in wenigen Minuten eine Schliffläche hervorzubringen. Soll ein Edelstein geteilt werden, so streut man Diamantstaub auf einen feinen Metalldraht und zersägt den Stein. Da jedes Stäubchen von Wert ist, so erklärt sich die scharfe Beaufsichtigung der Arbeiter. Ist es auch wahr, daß der Geschäftsherr in kurzer Zeit sein übrigens bedeutendes Betriebskapital verzehnfacht, so muß doch auch betont werden, daß die Arbeit, die allerdings seltene Geschicklichkeit und Peinlichkeit erheischt, besonders bei hervorragenden Leistungen sehr hoch bezahlt wird.

Die Besichtigung herrlicher Denkmäler und anderer Sehenswürdigkeiten innerhalb der Stadt nimmt nur kurze Zeit in Anspruch; denn nachdem wir das Rembrandtstandbild, das Denkmal des bedeutendsten heimischen Dichters Vondel, den Tiergarten, die schönen Gartenanlagen in der Nieuwe Singel Gracht, den Industriepalast gesehen, haben wir kaum noch etwas Bedeutendes zu erhoffen und verfügen uns nach dem Hafen; hier in den Docks, Speichern, Werften zeigt sich recht eigentlich Amsterdams Größe.

»Uns zur Seite erhebt sich das prächtige Zeughaus, ein Geviert von mehr als 60 m Länge, auf 18 000 Pfählen ruhend und ganz von Wasser umflossen, welches in seinen drei Stockwerken Vorräte für ganze Flotten enthält. In bewundernswürdiger Ordnung liegen hier mit dem besonderen Zeichen jedes Kriegsschiffs in vielen Kammern die Ankertaue und kleineren Seile, die Schiffblöcke und Segel, das grobe Geschütz mit seinen Geschossen, die Flinten, Pistolen und kurzen Waffen, die Laternen, Kompasse, Flaggen, mit einem Worte alles bis auf die geringsten Bedürfnisse der Ausrüstung. Vor uns breitet sich die weite Wasserfläche des »Oostelijk Dok« aus, dessen Außendämme den Sand des jenseitigen flachen Ijufers verhindern, wie ehedem in dämmernder Ferne herüberzublinken. Weiter hinab zur Linken erhebt sich ein Wald von vielen tausend Mastbäumen der Kauffahrer; die Sonnenstrahlen spielen auf ihrem glänzenden Firnis. Am Ufer nah und fern auf der Reede liegen, teils abgetakelt und ohne Masten, teils im stolzesten Aufputz mit der Flagge, die im Winde flattert, und dem langen schmalen Wimpel am obersten Gipfel der Stange, die größeren und kleineren Schiffe der holländischen Seemacht. Zur Rechten bis nach der Insel Osterburg ankern die Schiffe der ostindischen Kompanie, die hier ihre Werfte hat. Die ankommenden und auslaufenden Fahrzeuge und eine Unzahl kleinerer Ruderboote beleben das Bild; platte Fischer-Tjalke der Zuidersee mit großen braunen Segeln und dem plumpen »Schwert« an der Seite, einer Art Flosse, welche den fehlenden Kiel ersetzen muß, gleiten langsam über das ruhige Wasser hin.

Leicht und rasch fahren Lustkähne zwischen schwarzen Fahrzeugen mit geschnitzten Galionen und Booten voller Früchte, blauer, Milch enthaltender Tonnen oder braunen Torfes hindurch. Viele der größeren Schiffe dringen durch die Zugbrücken in die breiten Kanäle der Stadt, die in den Hafen einmünden. Auch sie sind in Gestalt und Farbe von angenehmer Mannigfaltigkeit und erscheinen häufig der niedrigen Brücken wegen mit niedergelegten Masten. Jenes dort bringt eine hausgroße Ladung Heu, hier ist eins mit Gemüsen beladen, und dieses dort mit Heringstonnen, mit Kohlen, mit Käse, Butter, mit Holz und allem Erdenklichen.«

Eine merkwürdige Wechselbeziehung zwischen den holländischen Städten und den Moorlandschaften muß hier erwähnt werden. Draußen im Moor wird die Mutterbodenschicht oder Bunkerde zunächst abgetragen, um zu den darunter liegenden Torfmassen zu gelangen. Diese werden abgestochen, getrocknet, und im Herbst fahren auf den schwarzen Moorgräben die breiten Boote hochbeladen in die Städte. Dort dient der Torfziegel wohl auch als Brennstoff, vorwiegend aber wird er aufgekauft zum Aufsaugen der Abwässer und des Unrats in den Gruben der Häuser und den Schleusen der Straßen. Denn eine regelrechte Beschleusung der Städte ist im tiefgelegenen Holland nirgends möglich, weil die natürliche Bedingung des Gefälls überall fehlt. Als Rückfracht nimmt der Fehnbauer stets solch vollgesaugten Torf mit in seine unfruchtbare Moorheimat und düngt die kärgliche Bunkerde damit, die nun von Jahr zu Jahr bessere Ernten abwirft, besonders an Gemüsen.

Het Ij führt uns hinaus in die Zuidersee, das heißt die Südersee im Gegensatze zur Nordsee.

Wie ein Keil ist sie hineingetrieben in den Körper Hollands, mit ihrem schmutzig-gelben Wasser, ihren flachen, niedrigen Ufern, die nur durch gewaltige Steindämme vor dem Überfluten geschützt sind, auf denen man stundenlang fortwandern kann, indem man auf der einen Seite die öde See, auf der anderen die saftig grünen Auen beobachtet. Die Zuidersee ist durch unzählige Einbrüche der Nordsee in geschichtlicher Zeit zu ihrer jetzigen Größe angewachsen; zuletzt (1282) eroberte sie auch die Landbrücke zwischen Medemblick – Enkhuizen – Stavoren (siehe die Skizze!), umarmte in wildem Aufwallen den schon den Römern bekannten, südlich von jener Landenge gelegenen Flevosee und bereitete einer Unmasse von blühenden Ortschaften ein Grab in den weit über die Ufer des Flevo hinausgreifenden Fluten. Trotz ihres kurzen Wellenschlags, der auch den erfahrensten Matrosen jene leidige, unter dem Namen Seekrankheit bekannte Magenentladung nicht erspart, trotz der Unzahl von Sandbänken, welche zwischen sich nur ein schmales, kaum 5-6 m tiefes Fahrwasser lassen, war sie für Amsterdam doch eine Lebensfrage, so lange man sich nicht entschließen konnte, der Natur durch die Kunst der Technik zu Hilfe zu kommen. Als die Verschlämmung der Zuidersee zunahm und gleichzeitig der Tiefgang der Schiffe Fortschritte machte, entschloß sich 1819 die holländische Regierung zur Anlegung des » Nordholländischen Kanals«, der nördlich von Amsterdam beginnt, die Provinz Nordholland durchschneidet und bei Helder in die Nordsee mündet.

Schon 1835 konnte das für jene Zeit großartige Bauwerk dem Verkehr übergeben werden; freilich hatte die Regierung die Hauptabsicht aus dem Auge gelassen: um nämlich möglichst vielen örtlichen Wünschen gerecht zu werden, hatte man eine Wellenlinie geschaffen, die dreimal so lang war, als es der nächste Zweck, »Amsterdam den kürzesten Weg nach dem offenen Meere zu schaffen«, erforderte. Der nordholländische Kanal ist für Studienreisende, die Nordholland kreuz und quer bereisen wollen, recht wohl zu empfehlen. Schon nach kurzer Kanalfahrt biegen wir in eine Nebenrinne des Hauptkanals ein und erreichen Broek (spr. bruk) im Waterlande, jener »üppig grünenden Landschaft, auf welcher Wasserstreifen glitzern, Windmühlen ihre langen Flügel in gemessener Beweglichkeit drehen und unzählige Rinder die Üppigkeit der Wiesendecke sich zunutze machen.« Broek ist so recht ein Ort nach dem Herzen des Stockholländers: ohne jede Erhebung des Bodens, wasser- und schilfreich, dem Meere durch riesenhafte Deiche Trotz bietend. Es ist dieser Ort berühmt durch die hier auf die Spitze getriebene, ans Lächerliche grenzende Reinlichkeitssucht.

Die Wege, besonders die an den Häusern hinlaufenden, zeigen Mosaikpflasterung mit den zierlichsten Figuren; in den Gärtchen ist eine Spielerei zu beobachten, die dem Naturfreunde ein Kopfschütteln abnötigt; denn über ein Quellchen führt ein Brückchen; in dem fußbreiten Bache hockt ein großer hölzerner Schwan, während die Zwerggrotte einen Einsiedler sichtbar werden läßt. Hier hat der Reisende auch Gelegenheit, jene durch ihre Reinlichkeit weltberühmten holländischen Rinderställe in Augenschein zu nehmen, die mit Fayencekacheln ausgelegt und mit verschiedenfarbigem Sande bestreut sind, die man ohne die üblichen weißgefärbten Holzschuhe, die man als Überschuhe erhält, nicht betreten darf; hier stehen zu beiden Seiten des Ganges in vollendeter Ebenmäßigkeit schwarze und weiße echte Holländer Kühe auf frischer Streu. Der Schwanz dieser Tiere ist an der Decke festgebunden, damit sie sich beim Wedeln nicht beschmutzen. Das Wohnzimmer des Besitzers wetteifert mit dem »Kuhsalon« an Reinlichkeit und enthält unter andern die glänzenden Milchgeschirre, in denen die Milch zur Käsebereitung vorbereitet wird; der Käse nimmt als »Edamer« in roter Kruste seinen Weg in die Welt, während der aus abgerahmter Milch hergestellte Kümmelkäse meist im Lande verbleibt. Wie bedeutend die Käseerzeugung Nordhollands ist, mag man daraus ersehen, daß auf der Wage zu Alkmaar jährlich allein über eine Million Pfund abgewogen werden.

An der Mündung des Nordholländischen Kanals liegt der neugewonnene Anna Paulowna-Polder. Solch ein Polder ist fruchtbarer Acker- und Wiesenboden, dem Meere abgerungen, indem man seinem Andringen den schützenden Damm entgegensetzte. Soweit die Hochflut reicht, ist der Deich mit Steinen und Pfählen, darüber aber mit Grasnarbe bedeckt, um das Verwehen des lockeren Sandes zu hindern, auch mit Weiden, Strandhafer, Strandkiefern. Steigt man auf der Innenseite hinab, so steht man 6 m unter dem Spiegel des brandenden Meeres. Bei Anlegung eines Polders handelt es sich zuerst um Erforschung der Meerestiefe über dem Kulturboden, und ebenso um Untersuchung des einzudämmenden Meeresgrundes selbst, um zu wissen, ob es sich überhaupt lohnt, dem Meere ein Stück seines Raubes zu entreißen. Fällt die Erforschung ermutigend aus, so ist das Anlagekapital zu beschaffen, der Damm abzustecken und aufzuschütten. Liegt nun das in Angriff genommene Stück im Schatten des schützenden Deiches, so gilt es, an den tiefsten Stellen Pumpwerke zur Entwässerung aufzustellen: Windmühlen mit Schaufelrädern, Wasserschnecken (Eckhardtsche Räder) und Dampfmaschinen. Nach der Trockenlegung wird der Polder mit schnurgeraden Kanälen versehen, die durch Schleusen verbunden werden, ferner mit geometrisch genau angelegten Wegen durchzogen und in einzelnen Teilen verkauft oder verpachtet. Kanäle wie Wege werden zu beiden Seiten mit Bäumen bepflanzt, die einzelnen Grundstücke mit Winkel und Maßstab abgezirkelt. Sie erhalten so von weitem den Eindruck größter Regelmäßigkeit. Nur gegen die Mitte des Polders hin befinden sich anstatt der einzelnen Grundstücke dorfähnliche Ansiedelungen mit Kirche, Schule und Rathaus. Das Kanal- und Schleusennetz macht eine genaue Regelung der Wasserversorgung möglich. Auf diese Weise wurden im Anna-Paulowna-Polder für 5 Millionen Gulden 5000 ha fruchtbarsten Kulturbodens gewonnen, wo nicht bloß in dem hochaufschießenden, fetten Grase milchgebende Herden sich strecken, sondern neben Weizen, Gerste und Hafer auch Bohnen, Erbsen, Zichorie, Hanf, Lein, Kümmel und Senf reiche Ernten geben.

Eine Errungenschaft der Neuzeit ist auch die Durchstechung der schmalen Landenge, welche zwischen dem Westende des Ij und der Nordsee die Verbindung herstellt zwischen Nord- und Südholland; man bezeichnet diesen Kanal als den Nordseekanal, welcher die wirklich kürzeste und zufolge seiner Maßverhältnisse für Schiffe jeden Tiefgangs fahrbare Verbindung zwischen Amsterdam und dem Meere herstellt. Er verläuft genau ostwestlich und erreicht bei Ijmuiden (spr. eimeuden) die Nordsee. Er ist 25 km lang, 8 1/5 m tief, hat eine Oberflächenbreite von 68-120 und eine Sohlenbreite von 27-42 m. Eine Menge von Abzweigungen, die in ihrer Gesamtlänge fast den Hauptkanal erreichen, lassen den Segen dieses Kunstbaus auch Städten zweiter und dritter Ordnung zugute kommen. Die Zuidersee ist am Eindringen in den Kanal durch einen gewaltigen, 1290 m langen Damm, der sich von Amsterdam nach dem am andern Kanalufer gelegenen Schellingwoude erstreckt, abgesperrt; nur durch fünf Riesenschleusen wird der Verkehr zwischen Kanal und Zuidersee vermittelt. Auch das Eindringen der Nordseeflut ist durch Schleusen geregelt. Da der Kanal an seiner Mündung keinerlei natürliche Hafenbildung vorfand, so hat man durch den Bau zweier großer Hafendämme von je 1600 m Länge den Kunsthafen von Ijmuiden geschaffen. Der Bau ist in der Zeit von 1865-1876 vollendet worden. Das Ij ist als Meerbusen verschwunden; in seiner Mitte zieht sich die tiefe Furche des Kanals hin, während der übrige Teil eingepoldert ist, wodurch man wiederum 5000 ha fruchtbaren Landes gewann. Der Kanal setzt Amsterdam in den Stand, mit Rotterdam zu wetteifern.

Zu den Eroberungen, die der Holländer in neuerer Zeit (1840 bis 1853) innerhalb seiner Landesgrenzen machte, gehört auch die Einpolderung des Haarlemer Meeres. Auch diese See ist erst in geschichtlicher Zeit entstanden. Noch 1531 sind an ihrer Stelle vier kleinere Seen nachgewiesen; 1647 hatten sie sich vereinigt, indem die Scheidewände versunken waren. Das Haarlemer Meer zeigte die merkwürdige Erscheinung, daß sein stürmischer Charakter mehr und mehr zunahm. Es bildeten sich bei nahendem Sturme so gewaltige Wasserberge, daß man für die kostspieligen Deichbauten und die dahinter liegenden Landschaften das Schlimmste fürchtete. Erst als am 9. November 1836 seine Wellen bis an die Tore Amsterdams gepeitscht wurden, war sein Schicksal besiegelt. 1848 begann die Auspumpung durch Dampfmaschinen und eine Unmenge Windmühlen, indem man das Wasser mittels eines Kanals, der auf hohem Damm zum Meere lief, entfernte. Im ganzen sind im Zeitraume von 3¼ Jahren 924 266 112 cbm Wasser entfernt worden. Die 18 000 ha Landes, welche man auf diese Weise gewann, machen als alter Meeresboden einen seltsamen Eindruck. Wo früher Flotten manövrierten, durchschneiden heute Wagen Sandwege; Vögel bevölkern die Orte, wo früher Fische spielten; von den einst verschlungenen Ortschaften hat man so gut wie nichts gefunden. Die neugewonnenen Polder mit ihren 13 000 Einwohnern gewähren einen erfreulichen Anblick. Die geometrisch neue Verteilung der Wege und Gräben, die zweckmäßige Anlage der Gehöfte, die schmucken Herrenhäuser, der treffliche Viehstand (Kühe, Schafe, Pferde), der sich auf den üppig grünen Weiden gütlich tut, die mannigfaltige Ernte an Körnern, Knollen, Küchengewächsen und Baumfrüchten, machen den besten Eindruck. Die 18 000 ha verteilen sich auf 10 000 ha Ackerland, 7000 ha Wald- und Wiesenboden, 1000 ha Gemüse- und Lustgärten.

Auch die Zuidersee war ursprünglich ein Binnensee, der in der Mitte des 12. Jahrhunderts mit dem Meere in Verbindung trat und 1282 sich zu der jetzigen Ausdehnung erweiterte durch neue Sturmfluten. Auch dies Gewässer soll der Kultur wiedergewonnen werden mit seinen 3600 qkm Fläche! Die Zuidersee ist ja durchschnittlich kaum 3 m tief. Der Plan der holländischen Regierung geht dahin, daß zwischen der Insel Wieringen und Piaam in Westfriesland ein großer Deich von 24 km Länge gezogen wird gegen die Nordsee, der auch dem Eisenbahnverkehr dienen, aber den Schiffsverkehr durch 33 große Lücken und einige Schleusen ermöglichen soll, und dann innerhalb des Beckens vier Gebiete von 1030, 570, 503 und 217 qkm durch große Deiche abgeteilt werden. 1300 qkm blieben dann noch für die Zuidersee übrig, die mit dem Hafen Amsterdam und mit Zwolle in Verbindung gelassen wurde, um die Ijssel aufzunehmen. Das Werk soll 25 Jahre brauchen und gegen 400 Millionen Mark kosten. (Siehe die Skizze!)

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In welch nachdrücklicher Weise der Holländer die Bodenkultur betreibt, läßt sich am besten an jenen Beeten erkennen, die besonders in Hillegom bei Haarlem der Blumenzwiebelzucht dienen. Dort liegen im Windschatten der Dünen die großen Tulpenfarmen von van der Schoot, die etwa 150 ha des sandigen, aber feuchten Geländes umfassen. Nachdem im August die Kartoffeln aus der Erde entfernt sind, wird der durch Kuhdünger befruchtete Sandboden in rechteckige Beete von ungefähr 1 1/5 m Breite schachbrettartig geteilt, und jedes Stück nimmt etwa 500 Zwiebeln oder Knollen auf, besonders Tulpen, Hyazinthen, Anemonen, Ranunkeln, während Narzissen, Jonquillen, Kaiserkronen usw. wegen ihres geringen Wertes erst in zweiter Linie folgen. Wer im April durch jene Gegenden fährt, kann sich satt sehen an der Pracht jener Millionen herrlicher, buntfarbiger Kinder Floras. Sobald der Züchter die Blüte in Augenschein genommen hat, wird sie abgeschnitten, damit die Zwiebel sich nicht zu sehr erschöpfe. Die meisten der Blumen werden untergegraben, andere in ganzen Bootsladungen fortgebracht; jedes Fenster in Haarlem ist mit dichten Sträußen besetzt, ja auf jeder Straße tritt man sie mit Füßen. Die Zwiebeln werden nun in Lagerräumen gesammelt, zwei- und dreistöckigen, gut gelüfteten Häusern, welche eine bestimmte Wärme halten müssen, und wie Obstsorten nach Gattung, Farbe und Güte auf Hürden getrocknet. Der Blumenzwiebelhandel ist auch heute noch ganz bedeutend, besonders in Tulpen und Hyazinthen, und wenn auch jetzt nicht mehr die riesigen Preise des 16. Jahrhunderts erzielt werden, so ist doch dem Liebhaber noch immer Gelegenheit gegeben, sein Geld nach seinen Begriffen würdig anzulegen.

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4. Ebbe und Flut in Seeland.

Von J. G. Kohl.

Ganz Seeland mit allen seinen Nebenlanden und Nachbarinseln ist gleich einem großen Schwamme, der sich täglich zweimal bis zum Überlaufen vollsaugt und zweimal sich fast entleert. Wir waren von Antwerpen mit der ausströmenden Flut abgefahren, und unser Schiff schoß rasch mit den wetteifernd ablaufenden Gewässern des Flusses und des Meeres zur Schelde hinaus. Da stürzten sich in eiliger Hast mächtige Ströme durch die Oster- und Westerschelde und durch alle die anderen Mündungen ins Meer hinaus. Alle Gewässer waren in Bewegung, aus allen Flieten, Kanälen, Gräben und Zweigadern des Landes strömte es heraus wie in den Straßen einer Stadt nach einem heftigen Regen. Es war ein Schauspiel, wie es Noah am Ende der Sintflut hatte. Überall wuchsen trockene Länder aus dem Grunde hervor und nahmen zusehends an Umfang zu. Jede Insel, an der wir vorüberfuhren, umgab sich mit einem breiten Gürtel von Vorland, das sich sofort, wenn auch nur für einige Stunden, mit Menschen bevölkerte, die den Krabben und anderen im Schlamme zurückgebliebenen Seetieren nachstellen. Als wir in die Osterschelde hineinsegelten, tauchten lange Strecken des einst untergegangenen Teils von Süd-Beveland wie Gespenster aus dem Grunde auf. Man bezeichnete uns die Stellen im Schlamme, wo einst die blühenden Orte Kreeck, Nieuwkerke, Skodde und andere lagen. Da die Ebbe hier den Wasserspiegel gewöhnlich um 5 m, zuweilen auch um 6 erniedrigt, so kann man sich denken, wie die darauf beruhende Erhöhung und Hervorsteigung aller Dämme, Ufer und Sandbänke ebenfalls um 5 m das Aussehen verändern muß. Die Seedeiche scheinen riesenhoch zu wachsen, die Bollwerke, Brücken und Pfahlreihen der Häfen steigen mit langen Fußgestellen empor, die Schiffe sinken mit dem Wasser hinab und verstecken sich in den hochuferigen Rinnen.

Die Fahrt durch die Inselflur bis Rotterdam datierte 12 Stunden. Wir wurden daher unterwegs auch wieder von der zurückkehrenden Flut erreicht und hatten Gelegenheit, die umgekehrten Erscheinungen zu beobachten. Zuerst entsteht eine Art von Stillstand in den Strömen. Es scheint, als wären alle während der Ebbe so rasch eilenden Flüsse plötzlich in stillstehende Seen verwandelt. Allmählich aber kommt wieder Leben und Regsamkeit in die versiegenden Gewässer, die im niedrigen Schlamme dahinsterben zu wollen schienen. Doch kommt diese Bewegung nun von der entgegengesetzten Seite. Das Meer drängt erst leise rückwärts. Die süßen Gewässer, welche aus dem Innern des Landes her sich einen Ausgang erringen wollen, geraten mit ihm in Streit. Aus diesem Streit entsteht an vielen Punkten ein Menge von Wirbeln – »Walen«, wie die Kinder des Landes sie nennen, – die erst klein sind, aber immer mächtiger sich schwingen, je größer der Andrang des Meeres wird. Endlich siegt Okeanos. Seine Schulter hebt sich gewaltig, und er zieht siegreich zu allen Toren des Landes ein. Es ist, als wollte er seine ihm zinspflichtigen Flußnymphen zu Paaren treiben. Sie müssen weichen, und wie bei Äneas Ankunft in Latium der Tiber

»rückwärts ebnete der Wellen Erguß«,

so fliehen sie alle landeinwärts. Die kleinen und großen Kanäle des Landes füllen sich mit flüssigem Stoff und schwellen bis an den Rand. Die weiten, kahlen Sandbänke schmiegen sich gemach wieder unter die feuchte Decke des Ozeans, zu dessen Gebiet sie gehören, zurück, wie Untertanen sich den Armen ihres Herrschers fügen. Die Menschen, die Fischer, Austern- und Krabbensucher, die Strandspaziergänger, die für ein paar Stunden diesen Grund und Boden in Besitz nahmen, ergreifen die Flucht und verbergen sich hinter ihren Dämmen und Deichen. Die Inseln, deren Außen- und Vorwände verschwinden, schmelzen auf die Hälfte ihres Umfangs zusammen. Kleine Landesteile, die noch soeben mit dem Festlande zusammenhingen, lösen sich und werden zu Inseln. Die Hafendämme der Städte, vorher riesengroß, schrumpfen fast zu nichts zusammen. Alle Gräben, Kanäle, alle Meeres- und Flußarme füllen sich bis an den Rand der Deiche. Unser Schiff hebt sich mächtig in die Höhe und scheint als beherrschender Riese durch die Gegend zu fahren. Wir schauen über die Dämme hinweg ins Innere des tiefen und niedrigen Landes hinein, das allmählich untergehen zu wollen scheint. Da überall sich die Wassertiefen um 4–5 m vermehren, so werden Gräben, die einige Stunden zuvor kaum ein Boot zu tragen vermochten, selbst für große Fahrzeuge schiffbar. Alle Schiffe, welche die Ebbe auf den Sand setzte, und die, schief auf die Seite geneigt, traurig dalagen wie Fische, die der Sturm ans Land warf, richten sich gemach wieder empor und erholen sich allmählich wie Kranke, die man der frischen Luft zurückgab. Endlich lösen sie sich völlig aus dem klebrigen Boden und schweben beweglich und schwankend empor auf dem klaren Elemente wie flüchtende Enten, die vom unbequemen Festland auf den glatten Teich sich gerettet. Nun wird in allen Häfen und an allen Ufern gerüstet. Schiffe aller Größen und Arten spannen die Segel auf, lösen sich vom Strande und tragen ihre Reisenden, ihre Waren, ihre Botschaften von Ufer zu Ufer. Auch die großen Kauffahrer, die vor den Mündungen der Ströme den Augenblick der Fluthöhe erwarteten, ziehen landeinwärts und schwimmen mit gebauschten Segeln in die sicheren Tore des Festlandes.

Viele niederländische Maler haben das Anregende und Ansprechende, das in diesem täglich sich wiederholenden Wechsel von Ebbe und Flut liegt, sehr fein aufgefaßt und in zahlreichen Gemälden dargestellt. Es ist aber bemerkenswert, daß es weit mehr Ebbe- als Flutbilder gibt, und in der Tat ist die Ebbe auch viel ergiebiger in Erzeugung malerischer Anblicke als die Flut. Die Ebbe ist poetischer wie die Armut, das Unglück und die Not. Da liegt das arme Schiff gestrandet am Ufer und erweckt unser Mitleid. Da kriecht das Bettelvolk der Küstenstädte – die zerlumpten Kinder und die armen Muschelsammler und Krabbenfänger – hervor und schleicht an den Bollwerken der Häfen herum, an denen seine Ernte gereift ist, nämlich die Muschel, die das Meer hier säte und pflanzte. Mit der Flut ist nur der Reiche und Glückliche im Bunde, der seine stolzen Schiffe auf ebener Bahn entsendet. Die Ebbe enthüllt auch eine Menge Geheimnisse der Tiefe, welche die Flut mit dem einförmigen Teppich des Wassers gleichmäßig überzieht. Da kommen die hübschen Muscheln und die wunderlichen Ungetüme des Meeres zutage, die sich auf dem Grunde versäumten, da sieht man die versandeten Wracks und Balken des ehemals gestrandeten Schiffs, da zeigen sich im Sonnenschein die Tange und Gräser, die in der dunkeln Tiefe des Meeres wuchsen. Auch sonst ist die Ebbe viel reicher an Gegensätzen der Lichter und Farben als die Flut, die alles mit einer Farbe überzieht. Selbst in der Luft herrscht zur Zeit der Ebbe regeres Leben; denn die Vögel machen sich heran, um der Ebbe zu folgen. Auch sie finden ihre Tafel auf den Sandbänken reichlich gedeckt. Die Strandläufer, die Möwen, die Schnepfen und Störche flattern oder wandeln am Strome oder auf den entblößten Lagunen, um auf das Seegewürm Jagd zu machen. Während der Flutzeit, die ihnen einen Teil ihrer Nahrung entzieht, sitzen sie dann ruhig am Lande, auf den Wiesen, hinter den Deichen, mit dem unpoetischen Geschäfte der Verdauung beschäftigt.

Es ist wohl kein Zweifel, daß die Inselflur von Seeland zu den am seltensten besuchten und am wenigsten gekannten Strichen der Niederlande, man könnte sagen Europas gehört. Sogar in Holland selbst ist Seeland eine ziemlich unbekannte und sogar etwas verrufene Gegend. Die Holländer sprechen von »Zeeland« und von den »Zeews« mit einer Art von Wegwerfung, etwa wie die Engländer von Irland oder die Kurländer von Semgallen. Und doch haben die Seeländer ihrem Vaterlande gerade viele seiner tüchtigsten Männer und Wohltäter geliefert, die Ruyter und andere Admirale, welche die Seemacht Hollands auf den Gipfel der Blüte brachten, den Dichter Cats, welcher der Erneuerer der holländischen Literatur und Sprache war, und den in Holland allgemein verehrten Beukels, den Begründer der holländischen Heringsfischerei. Es scheint den Seeländern auf ähnliche Weise Unrecht getan zu werden wie bei uns den Schwaben. Dieses Unrecht wird noch größer, wenn man bedenkt, daß auch der Ackerbau fast in keinem Teile von Holland in einem so hohen Grade blüht, wie in Seeland. Der beste und mehlreichste Weizen in den Niederlanden ist der seeländische. Hülsenfrüchte, Erbsen und Bohnen kommen vorzugsweise aus Seeland. Endlich steht Seeland auch wegen seines Flachses und Hanfes in gutem Rufe.

 

5. In Brabant und Flandern.

Quelle: Julius Rodenberg, Belgien und die Belgier. Berlin 1881, Gebr. Paetel.

Wie klein doch das Land – und wie groß der Gegensatz zwischen Ost und West, zwischen Maas- und Scheldegebiet, zwischen dem wallonischen und flämischen Landesteile! Wer von Deutschland kommt, der durchfährt von Verviers bis Lüttich fast eine einzige Stadt, die bald durch Schlote und Rußdächer, bald durch Villen und Parks gekennzeichnet ist; neben gesegneten Fluren erinnern die Schutthalden an den Kohlen- und Eisenreichtum des wallonischen Belgiens; mit den ebenen Landstrichen wechseln die durchtunnelten Höhen des Ardennengebirges; die Mineralbrunnen von Spa und die heißen Quellen von Chaudfontaine sind wohl die einzigen Plätze, wo man feiernde Menschen gewahrt; sonst kennt man im Wallonenlande fast nur ein durch Dampfpfeifen geregeltes, durch die Maschinen rastlos getriebenes Arbeitsleben: es ist das Land der Arbeitergestalten Meuniers.

Wie ganz anders der Eindruck, sobald man die Maas im Rücken hat; alles, selbst der abgeflachte Boden nimmt einen ruhigeren Charakter an; bis zum Meeresgestade hin wogende Felder, sauber abgeteilte Gemüsegärten; im Weideland tummeln sich Fohlen und grasen Rinder; das Schattenspiel der Windmühlenflügel zaubert seine verschlungenen Figuren auf den Boden; in einschläfernder Ruhe ziehen die Wasser in zahllosen Kanälen durchs Land; Bilder reizenden Strandlebens rollen sich auf bei Ostende, Blanckenberghe und Heyst. Wohl trifft man auch auf flämischer Erde, wie beispielsweise in Antwerpen, der Heimat Rubens', und Gent modernes Leben in Gewerbefleiß, Handel und Schifffahrt; aber der Hintergrund, auf dem dies neuzeitliche Leben sich abspielt, weist auf frühere Zeiten, auf das Mittelalter, das 14. und 15. Jahrhundert; es fehlte nur, um die Täuschung vollkommen zu machen, daß über die Place de Meir in Antwerpen Männer schreiten, die mit spanischer Grandezza den Mantel über die Schulter geworfen, die weiße Krause umgelegt haben, und Frauen mit dem derben Gesicht, der üppigen Fülle und den kostbaren Gewändern, wie sie uns Rubens' Kunst auf die Leinwand gezaubert. Ja, einige der Städte in Brabant und Flandern, wie Mecheln, Gent und Brügge erscheinen uns wie ein Stück Mittelalter, das in voller Lebenstreue in die Gegenwart hineinreicht: die Märkte mit den zackig gegiebelten Häusern, die Rathäuser, Gildenhäuser; die unverwischt fortlebenden Erinnerungen an die Vergangenheit, an Scheiterhaufen, Freiheitskämpfe, Triumphzüge Karls des Kühnen, Maximilians, »Karels des Vyften«; das Standbild van Eycks und Rubens', die Meisterschöpfung Memlings im St. Johannis-Hospital zu Brügge und zahlreiche andere Kunstschätze: alles ruft die Blütezeit dieses Landes im 14. und 15. Jahrhundert uns ins Gedächtnis, und wie haben die Belgier es verstanden, in den fromm verehrten, überkommenen Rahmen ein Bild neuzeitlichen Lebens hineinzusetzen! Nur auf diesem Boden kann man einen Egmont voll würdigen; offenherzig, den Scherz auf der Lippe, leichtlebig und doch heldenhaft, trotzend auf Recht und Manneswürde: so ist er Urbild und Musterbild des Belgiers zugleich: wir sagen nicht des Flamen, nicht des Wallonen, sondern des Belgiers; denn obwohl dies Volk zweierlei Blut in seinen Adern hat: »Flamen und Wallonen sind Vornamen; unser Familienname heißt: Belgier!«, um mit dem Volksdichter Antoine Cesse zu reden. Und eben weil die beiden Volksteile über den Stammesunterschieden die höhere Einheit fanden, darum haben sie bei jedem Auftreten auf der Bühne, wo sich die Weltgeschichte abspielt, mit Ehren bestanden.

Wohl hat dieses Völkchen, das als Puffer zwischen die germanische und romanische Welt gestellt, und in welchem diese beiden Stämme sich glücklich und gedeihlich vermählt, einmal den kurzen Traum weltgeschichtlicher Größe geträumt; es war zu jener Zeit, als Karl der Kühne Belgien zur Stütze seines Burgunderreichs machte, als Brüssel mit Paris wetteiferte; aber vorher und nachher erfüllte es sein natürliches Geschick, daß es bald zu Frankreich, bald zum deutschen Nachbar durch Erbe oder Eroberung hinübergezogen wurde; es ist nicht von ungefähr, daß der Riesenkampf zwischen der vom Romanentum gestützten Weltherrschaft eines Napoleon und dem Germanentum auf belgischem Boden ausgefochten wurde; es war der natürliche Isolator zwischen dem Deutschen Reich und der französischen Republik; seine Selbständigkeit beruhte auf streng beobachteter »Ohnseitigkeit«, wie der Flame für Neutralität sagt. Und eben weil das Germanentum hinübergreift in die Flußgebiete der Maas und Schelde, ist's zu verwundern, daß die Meister deutscher Dichtkunst uns im »Egmont« und »Don Carlos« die Helden jenes Völkchens so lieb und wert machen konnten?

Daß aber Belgien nicht nur das Land einer vernünftigen Bodenkultur und neuzeitlichen Großindustrie, nicht nur die Heimat eines Völkchens mit glücklichen Anlagen und großer Vergangenheit, sondern daß es auch eine vollständig moderne Staatsschöpfung ist und ein politisches Volk im höheren Sinne des Worts beherbergt, das lernt man am besten bei einem Aufenthalt in der Landeshauptstadt Brüssel. Der Eindruck, den man schon nach den ersten Berührungen mit den verschiedenen Volkskreisen erhält, ist der, daß Belgien ein Land ist mit monarchischer Spitze, aber republikanischen Rechten. Die Befugnisse des Königs reichen kaum so weit als diejenigen des Präsidenten in den Vereinigten Staaten. Die belgische Verfassung von 1830 entlehnte von der Republik alle Freiheiten, von der Monarchie alle Bürgschaften; ja, sie wollte auch den religiösen Fragen und Kämpfen ein Ende machen und stellte daher die Trennung von Staat und Kirche fest. Es wundert uns unter diesen Umständen nicht, daß die Kongreßsäule, die sich hoch und schlank als ein Wahrzeichen über die Stadt Brüssel erhebt, neben den in Erz gegrabenen Namen der Begründer belgischer Unabhängigkeit und dem Standbilde Leopolds I. auch – von zwei Löwen bewacht – die vier Grundfreiheiten des Landes darstellt: die Freiheit der Presse, die Freiheit des Unterrichts (nicht bloß der Staat, sondern auch die Kirche, die Parteien usw. können Schulen gründen); das Vereinsrecht, die Freiheit des Kultus (Belgien hat keine Landeskirche). Es liegt im Sinne dieser Grundfreiheiten der Verfassung, daß die Staatsschulen in Belgien dem Klerus die Schwelle verbieten; nur vor oder nach den eigentlichen Schulstunden darf er den Religionsunterricht erteilen; denn die Staatsschule ist neutral. Dagegen bekümmert sich der Staat auch nicht um die von der Geistlichkeit gestifteten Schulen; Staat und Kirche sind getrennt, und doch brachte diese von manchen politischen Schwärmern auch für Deutschland gewünschte Einrichtung nicht den Frieden, sondern mit der äußersten Erbitterung eröffnete die katholische Partei den Kampf um die Schule, vor allem um die Primär- oder Volksschule, während ihr die liberale Partei mit der Ruhe, die das Bewußtsein, für das Licht zu kämpfen, gibt, Widerpart hält. So erleben wir die merkwürdige Erscheinung, daß sich hier weniger ein Kampf der Nationalitäten abspielt, ein Kampf mit der Losung: Hie Flame, hie Wallone! sondern vielmehr ein Kampf zwischen Fort- und Rückschritt, zwischen »Lichtfreunden und Dunkelmännern« – so lauten wenigstens die Namen! Das Traurige dieser Erscheinung liegt vor allem darin, daß diese Trennung in zwei Lager durchs ganze Land geht, bis in die Familien hinein, bis in die Geschäftsverhältnisse. »Die Anhänger jeder der beiden Meinungen haben ihre Zeitungen, ihre Klubs, ihre Schulen, ihre Universität, ihre Armee, ihre Händler, ihre Schutzbefohlenen.« Ja, man könnte auch die Wirtshäuser und die Zeitungsverkäufer hinzufügen; man sieht auf Bahnhöfen wohl einen Zeitungshändler, an dessen Mappe in großen Metallbuchstaben die Worte prangen: »Journaux catholiques«, und erscheint es nicht lächerlich, daß man sich im kleinsten Badeörtchen erst vergewissern muß, welches die katholischen und welches die liberalen Hotels sind?

Für den Fremden tritt dieser Kampf weniger an die Oberfläche, am wenigsten in Brüssel, wo zufolge der zahlreichen französischen, englischen, deutschen Kolonien und des immerwährenden Fremdendurchzugs ein mehr allvölkischer Geist zu finden ist. Es ist kein Zweifel, daß Brüssel in seinen Läden, Wirtshäusern, Cafés, Theatern sehr viel von Paris an sich hat, besonders die Namen und die Preise; aber das Französische ist ein Firnis, der nur die Oberfläche deckt, darunter steckt die echte Brabanternatur! Tritt nur aus dem prachtvollen Magazin in das Hinterstübchen, wohin Monsieur und Madame sich zurückgezogen haben: sie reden untereinander, mit den Kindern, mit den Dienstboten, flämisch. Nur wo sie nach außen hin vertreten müssen, sind sie Pariser. Dieser Anstrich ist übrigens mehr der oberen Stadt eigen, wo das Schloß, die Regierungsgebäude, die feinen Leute und Fremden, die Museen sich befinden, alle Häuser sind stilvoll in Renaissance gehalten, in Grün gehüllt; Boulevards und Parks dienen zur Erholung; vornehm in Aussehen und Namen sind die freien Plätze: die Place Royale, Place des Palais, Place du Trône, vornehm die Kirche St. Jacques de Caudenberg mit ihrer Freitreppe und der korinthischen Säulenhalle, von der aus 1831 Leopold I. zum König ausgerufen wurde.

Doch steigen wir die engen, stark abfallenden Straßen, wie die Montagne de la cour, die Rue de la colline, die Montagne du Parc oder eine andere hinab, nach der alten Stadt, so sind wir wie in einer ganz anderen Welt; alles erinnert an Holland und die alten Maler. Vor allem auf dem Marktplatze kann man echt niederländisches Leben beobachten. Früh zwischen 7 und 8 Uhr werden die Häuser wie in Holland »schön gemacht«; da begießt man nicht bloß Fenster und Türen, sondern auch Mauern und Fußsteige, um dann mit Besen und Wischtuch, auch bei den Fußsteigen! nachzuhelfen. Da heißt's, die Füße hoch heben! Der Marktplatz, und zwar der eigentliche alte vor dem Rathaus: ja das ist echt niederländisches Leben, wie es uns die großen Maler auf die Leinwand geworfen: diese Berge von Blumen und Früchten, Ananas, Melonen, Tomaten, Kohl und Zwiebeln; diese Behälter mit den geschuppten Bewohnern der See; diese ausgeprägten flämischen Bauerngesichter, diese Gruppen plaudernder, feilschender, schimpfender Kernmenschen! Und rings um den Markt noch die alten Häuser mit Giebeln und Erkern, die Häuser der Hansa! Und in den Schenken die frühstückenden Landleute, während aus den Kellern der Duft alten Weines heraufdringt! Alles noch wie vor 400 Jahren! Doch in unmittelbarer Nähe erinnern uns die Markthallen mit der großstädtischen Einrichtung, daß wir im 19. Jahrhundert leben.

Nun nach Gent, der Hauptstadt Ostflanderns! Schon beim Herannahen des Eisenbahnzuges sind uns die großartigen Treibhäuser und Blumengärten, sowie die zahlreichen Schornsteine deutliche Fingerzeige, daß wir uns einer Industrie- und Gartenstadt nähern. Doch beim Schlendern durch die Straßen will es uns überkommen, als ob die Stadt ein Kleid trüge, das entweder eine frühere größere Fülle andeutet oder auf Zuwachs berechnet sei. Weite Strecken liegen leer, große Gärten, Wiesen und Bleichen mitten in der Stadt; ja mancher große Plan macht den Eindruck des Feldes! Es ist in der Tat, wie wir vermuteten: Gent, das im 15. Jahrhundert 250 000 Köpfe zählte, der Sitz eines weltberühmten Tuchgewerbes war, 80 000 waffenfähige Männer ins Feld stellte; Gent, wo Maximilian von Österreich seine Hochzeit mit der reichen Erbin Maria von Burgund feierte, wo Karl V. geboren wurde, der Gent als seine Heimat liebte, seinen Handel und seine Kunst förderte, der mit den Bürgern nach dem Vogel schoß und mit ihnen den Krug leerte, der hier seine Krone niederlegte und seinem Erben Philipp hier die Niederlande auf die Seele band: Gent ist nicht mehr, was es früher gewesen; es ist auf 152 000 Seelen zurückgegangen. Die Hauptschuld daran trug der Jesuitenzögling Philipp II., der – wie hundert Jahre später Ludwig XIV. gegenüber den Hugenotten, »den besten Bürgern Frankreichs« – den lebensfrohen und königstreuen Gentern durch Religionsverfolgungen, Ketzergerichte und Schaffot die Heimat verleidete und ihr weltberühmtes Gewerbe vernichtete.

Während aber die Nachbarstadt Brügge noch heute nur von der großen Vergangenheit zehrt, hat Gent seit der Unabhängigkeitserklärung 1830 sich aufgerafft, hat das gerade damals beginnende Zeitalter des Dampfes in seiner Bedeutung begriffen und benutzt, um zu neuer Blüte zu gelangen, ja das Niederlegen der Wälle scheint die Absicht anzudeuten, daß es noch über den alten Rahmen hinausquellen will. Wo früher die Handstühle klapperten, da arbeiten jetzt Spinnereien und Webereien mit riesigen Dampfmaschinen, mit Schwungrädern, welche die Höhe des ganzen Hauses haben, mit Tausenden von Arbeitern, die, wenn die Fabriken sich schließen, die geräumige Stadt beleben.

Einen lebhaften Gegensatz zu den Leinen- und Baumwollfabriken mit ihrem entsetzlichen Gerassel bilden die großartigen Gärtnereien, deren gewaltige Treibhäuser Palmen und alle möglichen ausländischen Pflanzen beherbergen; und der Preis von 1000 Franken für eine unscheinbare Pflanze ist nichts Ungewöhnliches. Die meisten dieser Gärtnereien senden wissenschaftlich gebildete Botaniker in die Urwälder Amerikas und Afrikas und in die Gebirge Indiens und der Sunda-Inseln. Ganze Schiffsladungen von astlosen, scheinbar toten Stämmen, Farnen, Cykadeen usw. kommen jedes Jahr in Gent an; die Stämme beleben sich in den Kellern sehr bald wieder, und im Treibhause entfalten sie sich wie einst in der feuchtheißen Heimat. Man bemerkt in dem einen dieser Geschäfte Glashäuser, die man Kristallpaläste nennen könnte, die Flächenräume von der Größe unserer Märkte decken. In der Preisliste zählt dieses Haus allein 515 bisher ganz unbekannte Orchideenarten aus Brasilien, Mexiko und den Anden auf, und Palmen, von denen ein Stück 1600 Mark kostet. Die Einführung und Einbürgerung solcher Fremdgewächse bildet die Eigenart dieses Hauses.

Und zuletzt noch einen Blick in den Haupthafen des Landes: Antwerpen! Es ist gleich Gent eine vollständig flämische Stadt, das Herz der flämischen Bewegung, die sich die Wiedergeburt des kleinen Stammes besonders in bezug auf Malerei, Literatur und Musik angelegen sein läßt. Als Gent bereits in hoher Blüte stand, war Antwerpen noch klein; denn Brügge besorgte vom 13.–15. Jahrhundert den Welthandel; hier war der Stapelplatz für die Erzeugnisse, welche von Venedig, Genua, Mailand usw. ihren Weg zu Schiff nach den Hansestädten nahmen; hatten doch die Italiener ein ganzes Stadtviertel in Brügge inne, dasjenige der Lombarden. Die Entdeckungen eines Columbus und Vasco da Gama wiesen den Welthandel in andere Bahnen und spielten ihn in andere Hände, vor allem in die Spaniens. War Brügge der Sitz italienischer Großkaufleute, so wurde nun Antwerpen der Stapelplatz der Spanier, und noch in manchem Antlitz erkennen wir die Ähnlichkeit mit dem spanischen Gesichtsschnitt.

Deshalb zeigen alle die großen öffentlichen Bauten den Stil des 16. Jahrhunderts, so die Börse, die 1858 auf dem Platze und nach den Plänen der alten (von 1531) wieder aufgebaut wurde, das Rathaus in Renaissance mit dem belebten Marktplatz, auf welchem eine schlanke Buche den Eingang zum Rathaus beschattet; um ihn herum stehen noch jene altertümlichen Gebäude, die sämtlich ihre 400 Jahre auf dem Rücken haben: das Haus der Bogenschützen Die alten geschichtlichen Gebäude sind heute natürlich andern Zwecken dienstbar gemacht worden. mit seinen fünf Stockwerken, das Haus der Gewandschneider, das Haus der Schreinerzunft mit reicher Stirnseite, mit feinen Säulchen und steinernem Bildwerk. Auf dem Markte ragt auch die großartige Kathedrale in die Lüfte. Die schon früher erwähnte Place de Meir, eigentlich eine breite Straße im Herzpunkte der Stadt, hat in ihren Patrizierhäusern und dem königlichen Schloß so recht den Charakter der Renaissance des 16. Jahrhunderts gewahrt. Van Eyck hat diesen Platz gemalt, Albrecht Dürer – als er 1521 beim Einzug Karls V. war, ihn bewundert, Rubens' Geburts- und Wohnhaus steht hier, zwar erneuert, aber im Geiste seiner Zeit; auf dem Groenplaats zeigt ihn sein Denkmal in der ganzen ritterlichen Vornehmheit seines Wesens. Ein Muster eines Patrizierhauses ist das 1876 von der Stadt angekaufte und mit der vollen Ausstattung in ein Museum verwandelte ehemalige Besitztum der berühmten Buchdruckerfamilie Plantin-Moretus; dieser Familie hatte der Weltherrscher Philipp II. den Titel »Erz-Typographen« und das Sonderrecht verliehen, für alle Völker seines Weltreichs die Bibel zu drucken. Keine Buchdruckerei der Welt hatte damals mehr Pressen, mehr Lettern für alle Sprachen der Christenheit, mehr Holzschneideformen, mehr geschickte Setzer und Nachprüfer als diese; die Setzerkästen stehen noch da, gefüllt mit Lettern, ebenso die Druckerpressen. Um den Hof zieht sich noch der vielästige Weinstock, den der erste Plantin gepflanzt. Und die Wohnräume! Tapeten von gepreßtem Leder; die Wände behangen mit den Familienbildern aus der Hand Rubens' und van Eycks; die geschnitzten Schränke und die Stühle mit den des Hauses Wahlspruch: labore et constantia aufzeigenden Lederpolstern, die schweren Kronleuchter von Kristall oder Bronze, die Sammetmöbel, die alte köstliche Uhr, welche Minuten, Stunden, Tage und Monate zeigt, die Glasmalereien der Fenster: alles offenbart den Geist des 16. Jahrhunderts und den gediegenen Reichtum einer durch Arbeit groß gewordenen Patrizierfamilie! Und dieser Charakter des gediegenen Altertümlichen eignet der ganzen Stadt mit Ausnahme einiger neu hinzugekommener Vorstädte.

Wir nehmen unseren Weg aus dem Herzen der Stadt nach dem Scheldestrom; immer zahlreicher, immer enger werden die Gassen mit den merkwürdig gegiebelten Zackenhäusern, immer größer die Kinderschar auf den Stufen, immer stärker das Wagengerassel; warum hat man doch hier den Platz gar zu sehr ausgenutzt? Wir nähern uns der eigentlichen Lebensader der Stadt, der Schelde! Welch gewaltiger Strom ist sie hier; wie die Segler und die Dampfer, die vor Anker liegen, sich wiegen lassen von den majestätischen Wellen! An der Sehne des Bogens, auf den die halbkreisförmige Stadt sich stützt, ist ein gewaltiger Uferbau ausgeführt worden, der 56 Millionen Mark verschlungen hat. Der wachsende Handel erforderte diese Opfer. Und sie sind gern gebracht worden; der Belgier weiß, daß die Schelde das Schicksal Belgiens bedingt.

Als der holländische Nachbar das aufstrebende Belgien erdrosseln wollte, sperrte er im westfälischen Frieden die Schelde, und sofort begann ein Verfall, dessen Größe man sich kaum vorstellen kann: die Weber von Gent und Mecheln, die Teppichmacher von Brüssel, die Wissenschaft und die Kunst suchten nach Brot; Antwerpen war wie ausgestorben; die 200 000 Einwohner sanken auf 40 000 herab; sein Hafen, der 2000 Schiffe fassen konnte, war nur von wenigen Fahrzeugen besucht. Erst die französischen Eroberer brachen 1794 diese unwürdigen Bande, erklärten die Schiffahrt auf der Schelde für frei, und der erste König Leopold erlangte bei der Trennung Belgiens von Holland auch die Aufhebung des Scheldezolles. So war die Hand, die Belgien an der Gurgel gefaßt, beseitigt, und wie mit Zauberschlag belebte sich der ganze Landesorganismus von neuem: der Bodenwert, die Bergwerksindustrie von Lüttich, Mons und Charleroi, die Zahl der Dampfmaschinen, das Tuchgewerbe von Verviers, die Baumwollweberei von Gent, die Leinenindustrie von Flandern, das Eisenbahnnetz, die Bevölkerungsziffer, das geistige Leben: alles hob sich zu ungeahnter Höhe, und der Hafen von Antwerpen erlebte seine zweite Blütezeit; er überholte Hamburg und Marseille. Süddeutschland und die Rheinprovinz sahen in Antwerpen ihren wichtigsten Stapelplatz; von London ist es 12, von Paris 10 Stunden entfernt, und der Scheldestrom mit Ebbe und Flut trägt ebenso die größten Ozeandampfer bis an die Kais der Stadt wie die Dreimaster aus Brasilien und La Plata. Die Docks zum Ein- und Entladen sind besetzt; beide Ufer der Kanäle, welche von der Schelde nach den Docks führen, liegen voll von Fässern, Kisten, Baumwollballen, Kohlen, Steinen. Die zahllosen Kähne in den Kanälen, die Rollwagen auf den Uferwegen, rotjackige Arbeiter, umherschlendernde Matrosen mit dem Ring im Ohr, Kapitäne im blauen Rock und der goldgeränderten Mütze: das alles gibt zusammen mit den Schätzen der Natur aller Zonen und den Kunsterzeugnissen der heimischen und anderer Weltindustrien ein wunderbares, erhebendes Bild. Der freien Schelde verdankt Antwerpen, daß es heute wieder Großhafen geworden ist.

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