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Geld und Geist

Jeremias Gotthelf: Geld und Geist - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorJeremias Gotthelf
titleGeld und Geist
booktitleBilder und Sagen aus der Schweiz
firstpub1843
senderaristokles@onemail.at
created20041002
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Schluß

Meine günstigen Leser werfen mir so oft vor, meinen Erzählungen fehle der Schluß, daß ich genötigt bin, die Schlüsse förmlich herzusetzen. Ich beginne also hier damit, da auch hier der gleiche Tadel sich erheben könnte. Allerdings ist die Neugierde in Beziehung auf die persönlichen Verhältnisse nicht vollständig befriedigt; die Umstände, welche Anne Mareili an der seligen Mutter Bette brachten, sind nicht angegeben, Änneli ist nicht zur Erde bestattet, die Hochzeit von Anne Mareili und Resli nicht gefeiert. Das alles hätte sich wohl erzählen, einschalten lassen, wenn der Verfasser bloß die Neugierde seiner Leser im Auge hätte. Aber er ist untertan einem eigenen Geiste, der in jeder Erzählung lebendig wird, sie leitet und schließt; der Verfasser kann eine Erzählung beginnen, aber dieser Geist ist es, der sich ihrer bemächtigt und sie gestaltet nach seinem Willen. Es ist dieser Geist ein eigentümlich Wesen, er war es, der mit Ännelis Tod einen freundlichen Schlußstein setzte der Erzählung »Geld und Geist«, welche die Leser so freundlich aufgenommen. Das Betragen des Kellerjoggi und des Dorngrütbauern, Anne Mareilis Leiden und das Ereignis, welches ihns nach Liebiwyl brachte, hätten den Schloß nur getrübt, freilich den Gegensatz greller gemacht, aber vielleicht neue Klagen über die Länge der Erzählung erzeugt, zum Verständnis des Ganzen, zur Verklärung des Bildes einer guten Mutter nichts beigetragen. Die Leute sind manchmal wunderlich, klagen bald über Kürze, bald über Länge; teilweise ist es mir schmeichelhaft, teilweise wohl peinlich Es läßt sich Holz nach Schuhen messen, Kopistenarbeit nach der Seitenzahl, aber wie lang sein Kind werden wird, weiß kein Vater, und wenn dasselbe über Gebühr auswächst, ein Mädchen z.B. über sechs Schuh hinaus, so wird kein Vater zu finden sein, der den natürlichen Wachstum künstlich oder gewaltsam hemmt, unten oder oben abhaut. Freilich mögen Körperteile zu kurz oder zu lang sein; aber wo ist der Vater, der vollständiges Ebenmaß in seiner Gewalt hat, und wo ist der Vater, der Verkürzungen und verunstaltende Verlängerungen immer richtig erkennt; erkennen es doch die Leser selbst nicht, denn wenn man ihnen das Urteil überließe, wo abzuschneiden, wo zuzusetzen sei, so würden sie vielleicht nach langem Reden darin einig werden, das Ding sein zu lassen, wie es von Anfang gewesen.

Es wäre leicht möglich, in einigen folgenden Bändchen den Tod des Dorngrütbauern zu zeichnen, den Gegensatz zu zeigen zwischen dem Tod im Geiste und dem Tod im Gelde; aber eben der Geist weigert sich dessen. Erstlich weil er sich Ännelis Tod nicht trüben lassen, weil er zweitens nicht von sich sagen lassen will, er hätte es, trotzdem daß er im Geist sei, doch nur aufs Geld abgesehen. Somit ist die Erzählung »Geld und Geist« vollendet.

Über den Verhältnissen stehen die Persönlichkeiten, wie über der Neugierde die Liebe. Sollte es mir gelungen sein, den in vorstehender Erzählung aufgestellten Persönlichkeiten Leben einzuhauchen, Leben, welches Leser lieb gewonnen, lieb gewonnen wie das Leben werter Bekannter, teurer Kinder, welches sich entwickeln zu sehen zu den wesentlichsten Lebensgenüssen gehört, so daß man im Geiste sie fortbildet, auch wenn Gott den Faden derselben abbricht, die Erscheinung löscht, sie andershin versetzt: so steht der Entwicklung dieser Leben in neuem Rahmen nichts im Wege als zwei Dinge: Erstlich das Mißtrauen, als ob solche Erzählungen ebenso viele Schrepfhörner sein sollten, angesetzt den Finanzen des Publikums. Der Verfasser sagt es dem Publikum frank und frei ins Gesicht, daß er weit mehr zu des Publikums Nutzen zu schreiben glaubt als zum eigenen. Zweitens der Kopf des Verfassers und die Zeit, welche Gott ihm gibt. Dieser Kopf ist ungeordnet, unorganisiert, treibt allerlei einem neu aufgebrochenen Acker gleich, dessen wilde Triebe nicht gezähmt und geregelt worden; die Zeit aber des Ausführens wird kaum mehr lange dauern, denn spät ward der Acker aufgebrochen, eine beschränkte Zeit hat jede Jahreszeit. Wie kein Jahr nur aus einem Frühling besteht, welcher Leben, und einem Sommer, welcher die Reife bringt, sondern auch aus einem Herbste, in welchem wohl manches keimet, aber für einen andern Sommer, und einem Winter welcher die feierliche Ruhe bringt zur Sammlung für den andern Sommer: so werden die Leben selten gefunden, welche die schaffende Kraft und die Wärme, welche zur Reife das Geborne führt, bis zu ihrem Ende bewahren. Wie nahe dem Verfasser der Herbst schon ist, der Saaten keimen läßtt doch nur für einen andern Sommer, wie nahe der Winter der nichts mehr gebiert, sondern das Geborne nur wahre für das neue Gottesjahr, das weiß eben Gott alleine.

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