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Geheimagent Nr. 6

Edgar Wallace: Geheimagent Nr. 6 - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/wallacee/geheim6/geheim6.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
booktitleGeheimagent Nr. 6/Mary Ferrera spielt System
titleGeheimagent Nr. 6
publisherGoldmann Verlag
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun13. Auflage
isbn3442002362
year1982
created20111027
projectid8dceba26
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6

Smith hatte einen leichten Schlaf, aber er hörte trotzdem nicht, daß Cäsar Valentine um vier Uhr morgens in sein Zimmer kam. Erst als ihn jemand an der Schulter packte, wandte er sich um und hörte Cäsar lachen.

»Sie können sich nicht so weit herumdrehen, daß Sie die Pistole unter dem Kissen erreichen. Es wäre auch zu schade, wenn ich durch so einen Zufall ums Leben kommen sollte.«

Smith setzte sich auf und rieb sich die Augen.

»Was ist denn passiert?«

»Nichts Besonderes. Ich habe Ihnen nur Ihre Kleider gebracht.« Cäsar selbst war im Schlafrock. »Ich hoffe, sie passen Ihnen. – Den dicken Mantel habe ich gestern in Paris gekauft. Den werden Sie gut brauchen können.«

»Warum wecken Sie mich denn?« fragte Smith gähnend, als er aufstand.

»Ein Freund von mir geht nach London, ein junger Pilot, der öfter zwischen Frankreich und England hin und her fliegt. Er ist so liebenswürdig, Sie in seinem Flugzeug mitzunehmen. Einen Paß habe ich für Sie besorgt, Sie finden ihn in der Tasche Ihres Mantels.«

»Nach London geht es also? Was soll ich denn dort tun?«

»Auf mich warten«, erwiderte Cäsar. »Außerdem ...«

Sein scharfes Ohr hörte Schritte auf dem Korridor. Er ging hinaus und kam mit einem Tablett zurück, auf dem das Frühstück stand.

»Madonna Beatrice hat für Sie gesorgt. Was Sie in London tun sollen? Das will ich Ihnen sagen. Ich hatte eigentlich die Absicht, es Ihnen gestern schon mitzuteilen. Aber die unerwartete Ankunft meiner Tochter machte das unmöglich.«

»Ich wußte nicht, daß Sie eine Tochter haben. Sie sehen nicht alt genug aus für so große Kinder.«

»Da haben Sie recht«, gab Cäsar zu, sprach aber nicht weiter darüber. »In London ... Haben Sie übrigens Grund, nicht nach London zu gehen?«

»Nein, durchaus nicht. In England stehe ich noch nicht in den – Akten.«

Cäsar ging mit einer leichten Handbewegung über den Punkt hinweg.

»Sie werden im Bilton-Hotel wohnen. In Ihrer Manteltasche finden Sie auch ein kleines Notizbuch. Darin steht die Adresse, unter der Sie sich mit mir in Verbindung setzen können. Aber wir werden uns nur treffen, wenn es unbedingt notwendig ist. Ihre Aufgabe besteht darin, den Geheimagent Nummer Sechs zu finden.«

»Nummer Sechs?« Smith starrte ihn erstaunt an.

»Scotland Yard ist ein großes Amt, und ich habe allen Respekt vor den Leuten, die dort tätig sind.« Er setzte sich aufs Bett, während sein Gast zu frühstücken begann. »Aus irgendeinem Grund sind sie auf mich aufmerksam geworden und verdächtigen mich. Ich war lange in England, habe viel Geld dort ausgegeben, und Scotland Yard weiß nicht genau, wie ich in den Besitz dieser Mittel gekommen bin. Außerdem haben sich ein oder zwei unglückliche Zufälle ereignet.«

Smith fragte nicht näher nach diesen unglücklichen Zufällen, und Cäsar gab keine weitere Erklärung.

»Ich gehöre zu den Menschen«, fuhr er fort, »die gern rasch Bescheid wissen, selbst wenn es sich um das Schlimmste handeln sollte. Ich bin unruhig, wenn ich nicht weiß, was meine Gegner vorhaben, und ich gebe große Summen aus, um zu erfahren, welche Schwierigkeiten mich erwarten. Lange Zeit habe ich einen Beamten bezahlt, der in der Registratur von Scotland Yard tätig war, und vor ungefähr einem Jahr erhielt ich die Nachricht, daß der Leiter der Kriminalabteilung einen besonderen Agenten ausgeschickt hat, um mich zu überwachen.«

Smith pfiff leise vor sich hin.

»Hm«, meinte er. »Und das ist wahrscheinlich Nummer Sechs?«

Cäsar nickte.

»In Scotland Yard hält man mich für eine zweifelhafte Existenz, und es ist bezeichnend, daß der Agent, den man ausgeschickt hat, kein gewöhnlicher Beamter der Polizei ist, sondern irgendein Feind von mir, jemand, der mich aus persönlichen Gründen haßt.« Er zuckte die Schultern. »Es gibt natürlich eine Reihe von Leuten, die mir nicht gewogen sind, darunter ist vor allem ein gewisser Welland. Sie finden seine Adresse auch in dem Notizbuch. In letzter Zeit habe ich den Mann nicht getroffen, aber vor zwanzig Jahren war ich mit seiner Frau bekannt.« Er machte eine Pause. »Ich glaube, sie war glücklicher mit mir als mit ihm – das heißt, für einige Zeit.«

Smith gähnte.

»Wenn Sie mir Ihre Liebesgeschichten erzählen wollen, dann verschonen Sie mich lieber.«

»Unglücklicherweise starb sie, und sein Kind, das sie mitbrachte, starb auch. Bedauerliches Schicksal.« Cäsar stützte das Kinn in die Hand und schaute eine Weile, in Gedanken versunken, auf den Teppich. Plötzlich sah er wieder auf. »Welland ist irgendwie im Regierungsdienst beschäftigt. Einem Freund hat er gesagt, daß er mich umbringen will. Aber deshalb mache ich mir natürlich keine großen Sorgen. Vielleicht ist er Nummer Sechs. Sie sind ja begabt genug, das herauszubringen.«

»Haben Sie sonst noch jemand in Verdacht?«

»Ja, die Verwandten eines gewissen Mr. Gale«, erwiderte Cäsar nachdenklich. »Ich hatte geschäftlich mit ihm zu tun. Unsere Unternehmungen schlugen fehl, und der Mann beging Selbstmord. Tragische Geschichte.«

Smith nickte wieder. Er hatte von Mr. Gale gehört.

»Ich erinnere mich an den Fall; allerdings wußte ich nicht, daß Sie auch darin verwickelt waren. Gale war doch Bankdirektor? Nach seinem Tod fehlte eine Summe von hunderttausend Pfund bei der Bank?«

»Ja. Ein unglücklicher Zufall. Man wußte, daß ich geschäftlich mit ihm zu tun hatte, und seine Frau machte mir eine heftige Szene. Es war sehr peinlich. Sie klagte mich an ...« Er zuckte die Schultern. »Bald darauf starb sie.«

»Eines natürlichen Todes?« fragte Smith brutal.

Cäsar lächelte und legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Sie sind ein Mann nach meinem Herzen. Sie gefallen mir.«

Kurz darauf verließ er das Zimmer, um sich anzuziehen. Er mußte Smith zu dem Privatflugplatz bringen, wo sein Freund wartete. Er brachte die Maschine so rechtzeitig nach Croydon, daß Smith zum zweitenmal frühstücken konnte. Im Grund freute er sich darüber, daß er wieder in England war.

Obwohl er keine Sentimentalität kannte, hatte es ihn doch ein wenig geschmerzt, daß er Stephanie nicht mehr zu sehen bekam. Trotz der kurzen Begegnung hatte sich ihm ihr Bild unauslöschlich eingeprägt.

Cäsars Tochter! Er lachte ironisch. Eine Borgia, und viel schöner als ihre Vorfahrin, die berühmte Lucretia!

Er nahm sich zusammen, schaltete Stephanie aus seinen Gedanken aus und konzentrierte sich auf den Auftrag, den ihm Cäsar gegeben hatte. Zu seiner Bestürzung mußte er feststellen, daß das Bilton-Hotel nicht nur elegant, sondern für seine Zwecke auch gefährlich war. Es lag in der Cork-Street und wurde von vermögenden Leuten besucht, die ihrem Vergnügen nachgingen. Deshalb war es sehr wahrscheinlich, daß er dort mit Leuten zusammenkam, die er früher in Paris und Rom getroffen hatte, als er noch in solchen Kreisen verkehrte.

Bei seiner Ankunft erfuhr er, daß nicht nur ein Zimmer für ihn bestellt war, sondern daß Cäsar auch den Geschäftsführer genau informiert hatte, welchen Raum er dem neuen Gast geben sollte.

»Ich kann leider Ihr Gepäck noch nicht auf Nr. 41 bringen lassen, weil der Herr, der dort wohnt, erst heute nachmittag abreist.«

Der Geschäftsführer nahm Smith beiseite und sagte leise:

»Hoffentlich nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich eine persönliche Frage an Sie richte? Sie – Sie ...« Er suchte nach dem richtigen Wort.

»Nun?« fragte Smith interessiert.

»Sie – schnarchen doch nicht etwa? Entschuldigen Sie!«

»Nein, nicht daß ich wüßte«, erwiderte Smith belustigt.

»Ich habe Sie nur gefragt, weil Mr. Ross in der Beziehung sehr empfindlich ist und seit dreißig Jahren schon in unserem Hotel verkehrt. Er schläft in dem Zimmer neben Ihnen.«

»Wer ist denn Mr. Ross?«

Der Geschäftsführer war offensichtlich erstaunt, daß es einen Menschen in London gab, der Mr. Ross nicht kannte, und erklärte ihm, daß es sich um einen amerikanischen Multimillionär und exzentrischen Junggesellen handelte. Smith schloß aus der Schilderung, daß dieser Herr nicht gerade sehr liebenswürdig und umgänglich war. Mr. Ross brachte fast den ganzen Tag im Reform-Klub zu, und obwohl er seit dreißig Jahren in England lebte, hatte er doch keine Freunde. Im Bilton-Hotel bewohnte er Zimmer Nr. 40.

»Ein Millionär ohne Freunde ist allerdings eine Seltenheit«, meinte Smith und versprach, nicht zu schnarchen.

Da er von Cäsar reichlich mit Geld versehen worden war, machte er zunächst einen Besuch bei einem Schneider in der Bond Street und bestellte sich mehrere Anzüge. Dann schlenderte er den Strand entlang.

Am Trafalgar Square traf er unglücklicherweise den Mann, den er am wenigsten zu sehen wünschte. Er bemerkte ihn schon aus einiger Entfernung, aber er war klug genug, ihm nicht aus dem Weg zu gehen.

Hallett von Scotland Yard war auch nicht zu verkennen mit seiner gesunden Gesichtsfarbe, seinen weißen Haaren und seinem grauen Schnurrbart. Smith ging an ihm vorüber, aber Hallett blieb stehen.

»Hallo!« sagte er in väterlichem Ton. »Wieder in London, Mr. Tre-Bong Smith?«

»Wie Sie sehen«, entgegnete der andere vergnügt.

»Ich habe tolle Geschichten von Ihnen gehört. Mord, Raub und andere böse Dinge.« Er zwinkerte mit den Augen, und wenn Hallett das tat, bedeutete es selten etwas Gutes. »Seien Sie bloß vorsichtig, mein Freund, sonst geht es Ihnen hier schlecht. Ich warne Sie.«

»Fabelhaft liebenswürdig von Ihnen. Aber wenn es mir schlecht gehen sollte, geht es anderen auch an den Kragen. Im übrigen – nehmen Sie es mir nicht übel – lasse ich mich nicht gern mit Ihnen sehen. Man kommt dadurch zu leicht in schlechten Ruf.«

Hallett lachte grimmig und ging weiter.

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