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Geheimagent Nr. 6

Edgar Wallace: Geheimagent Nr. 6 - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/wallacee/geheim6/geheim6.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
booktitleGeheimagent Nr. 6/Mary Ferrera spielt System
titleGeheimagent Nr. 6
publisherGoldmann Verlag
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun13. Auflage
isbn3442002362
year1982
created20111027
projectid8dceba26
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4

Tre-Bong Smith stand reglos und lauschte auf Cäsars Schritte, die sich immer mehr entfernten. Dann sah er sich eingehend und sorgfältig in dem Zimmer um. An der Tür fand er weder Schloß noch Riegel, aber das beunruhigte ihn weiter nicht. Cäsar hatte ihn bestimmt nicht nach Maisons Laffitte gebracht, um ihn zu betrügen.

Warum hatte Cäsar ihn wohl unter seinen Schutz genommen? Der Mann hatte doch den Zusammenstoß mit dem Polizisten am Quai des Fleurs gesehen und wußte, daß er sich selbst vor dem Gesetz schuldig machte, wenn er einen Verbrecher beherbergte.

Die Pläne Cäsars mußten sehr wichtig sein, sonst hätte er nicht ein derartiges Risiko auf sich genommen. Wenn die schwarzgekleidete junge Dame nun alles gesehen hatte! Eigentlich konnte es nicht anders sein. Warum hätte sie sich sonst über das Geländer gelehnt und in den Fluß hinuntergestarrt!

Smith rieb sein Kinn und runzelte die Stirn. Sie konnte alles verderben. Wenn sie zum Beispiel zur Polizei ging... Er fluchte, als er aus seinen nassen Kleidern schlüpfte und den Halfter abnahm, in dem er seine Pistole unter dem Arm trug. Die Waffe legte er unter das Kissen.

Der seidene Pyjama, den er fand, war etwas zu lang für ihn, aber er krempelte ihn hoch, drehte das Licht aus, zog die schweren Samtvorhänge beiseite und schaute aus dem Fenster. Man konnte von hier aus leicht in den Garten springen. Unten lag ein Blumenbeet. Eine Fluchtmöglichkeit war hier also im Notfall gegeben. Es regnete nicht mehr, und die Wolken waren zum Teil verflogen. Nur der Wind blies noch heftig.

In den kurzen Augenblicken, in denen der Vollmond hinter Wolkenfetzen sichtbar wurde, konnte sich Smith über seine unmittelbare Umgebung orientieren. Der helle Fleck am Himmel dort in der Ferne war Paris, und wenn er hier tatsächlich in der Gegend von Maisons Laffitte war, so befand er sich südwestlich von der Stadt. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr – Viertel nach drei. In zwei Stunden würde die Dämmerung anbrechen, aber er war nicht schläfrig. Direkt ihm gegenüber lag eine große Rasenfläche, die sich bis zu einem Gebüsch hinzog. Links sah er den gelblichen Fahrweg, der zur Landstraße führte.

Als eine Uhr in der Ferne vier schlug, war er am Einschlafen. Aber plötzlich hörte er ein Geräusch, das ihn wieder vollkommen wach machte. Es klang, als ob Wasser aus einem Hahn tropfte, aber doch wieder ganz anders.

Erst allmählich wurde ihm klar, daß es von draußen kommen mußte. Es mochte der Regen sein. Vielleicht war die Dachrinne oben schadhaft und lief über. Trotzdem stand er auf und schlich zum Fenster. Man konnte nicht vorsichtig genug sein.

Zuerst sah er nichts, obwohl der Himmel jetzt ziemlich wolkenfrei war und der Mond hell schien. Aber unerwartet bot sich ihm ein so merkwürdiges Bild, daß sein Herz schneller schlug.

Über den Rasen ging eine Frau. Sie trug ein weißes oder graues Kleid und schien etwas in der Hand zu halten. Smith konnte nicht sehen, was es war, bis sie sich umdrehte und zurückging. Der Mond schien ihr hell ins Gesicht, und Smith hörte deutlich das Klirren von Stahlketten. Er hielt die Hand vor die Augen, um nicht von dem Mondlicht geblendet zu werden, und schaute vorsichtig um die Ecke des Fensters.

Die Frau ging mit merkwürdig kurzen Schritten über den Rasen. Ihre Erscheinung wirkte zu dieser Stunde grotesk und phantastisch. Sie kam jetzt immer näher an das Fenster und plötzlich erkannte Smith, daß ihre Hände mit Ketten zusammengeschlossen waren. Auch an den Füßen trug sie Fesseln, die ihren Gang hemmten.

Während Smith noch verstört auf die Frau hinuntersah, hörte er eine leise, befehlende Stimme, die aus dem Schatten der Bäume zu kommen schien. Die Gefangene wandte sich in diese Richtung, Smith beobachtete sie, bis sie verschwand, dann ging er verwirrt zu seinem Bett zurück.

Aber die Überraschungen der Nacht waren für ihn noch nicht zu Ende. Er war gerade eingeschlafen, als er durch einen Schrei wieder aufgeweckt wurde. Im selben Augenblick taumelte jemand gegen die Tür seines Schlafzimmers. Im Nu sprang Smith auf und hielt die Pistole schußbereit in der Hand. Es dämmerte schon, und es war so hell im Zimmer, daß er sehen konnte, wie sich die Tür bewegte.

Plötzlich wurde sie aufgestoßen, und jemand fiel polternd ins Zimmer. Er stieß unartikulierte Laute aus, und seine Stimme war halb von Schluchzen erstickt, als er einen Versuch machte, sich zu erheben. Smith erkannte ihn jetzt.

Es war Ernest. Aber sein Gesicht sah nicht mehr rot und gesund aus, sondern grau und verzerrt.

»Cäsar, Cäsar!« flüsterte er, dann brach er zusammen.

Draußen waren eilige Schritte zu hören, und gleich darauf kam Valentine ins Zimmer. Er trug nur Pyjama und Schlafrock und war allem Anschein nach eben erst aufgewacht.

»Was ist denn los?« fragte er und sah auf den Boden. »Ernest! Was machen Sie denn hier?«

Er schüttelte die reglose Gestalt.

»Es tut mir leid. Der Mensch ist schon wieder betrunken«, sagte er dann und hob ihn auf, als ob er ein Kind wäre. »Sie haben doch nichts dagegen?« Er legte den Bewußtlosen auf das Bett. »Machen Sie doch bitte Licht, Smith.«

Tre-Bong drehte den Schalter, und Cäsar neigte sich über den Mann. Als er aber die weitaufgerissenen, starren Äugen sah, wandte er sich wieder ab.

»Er ist tot«, erklärte er ruhig. »Entsetzlich, daß das passieren mußte!«

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