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Geheimagent Nr. 6

Edgar Wallace: Geheimagent Nr. 6 - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/wallacee/geheim6/geheim6.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
booktitleGeheimagent Nr. 6/Mary Ferrera spielt System
titleGeheimagent Nr. 6
publisherGoldmann Verlag
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun13. Auflage
isbn3442002362
year1982
created20111027
projectid8dceba26
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3

Cäsar Valentine hatte verschiedene Häuser und Wohnungen in und bei Paris. Tre-Bong Smith wußte das genau. Zuerst glaubte er, daß die Wohnung am Boulevard Victor Hugo das Ziel sein würde, aber der Wagen fuhr geradeaus über den Place de l'Etoile und raste die Avenue de la Grande Armée entlang.

In einer solchen Nacht war es schwer, die Richtung zu erkennen, aber nach einiger Zeit merkte Smith, daß sie auf Maisons Laffitte zuhielten. Gleich darauf bog das Auto in eine Seitenstraße ein, die von hohen Hecken umgeben war, und dann ging es über einen unebenen Feldweg zu einem halbverfallenen Tor. Es war so dunkel, daß man das Gebäude dahinter nicht sehen konnte. Auch als der Wagen stand und Smith ausstieg, blieb ihm keine Zeit, sich lange umzuschauen. Er sah nur, daß es ein ziemlich großes Schloß war.

Cäsar öffnete die Tür und führte seinen Gast in die große, dunkle Halle. Dann machte er Licht, und sie gingen quer durch den Raum in einen hohen, geräumigen Salon.

»Nehmen Sie Platz!« befahl Cäsar. »Wollen Sie etwas Wein trinken?«

Er nahm ein Tablett, eine Flasche und Gläser aus einem Schrank und stellte alles auf einen kleinen Tisch in Tre-Bongs Nähe.

»Trinken Sie«, sagte er kurz.

Smith goß sich ein Glas ein.

Cäsar legte seinen nassen Mantel ab und warf ihn über eine Stuhllehne. Dann ging er zum Kamin, drehte den elektrischen Ofen an und wärmte sich. Dabei betrachtete er Smith mit eigentümlichen Blicken und lächelte spöttisch.

»Mein Freund Tre-Bong Smith«, fragte er langsam, »haben Sie schon einmal gesehen, wie jemand mit der Guillotine der Kopf abgehackt wird?«

»Schon ein halbes dutzendmal«, entgegnete Smith prompt. »Auf das Brett geschnallt, Kopf in die Vertiefung – schnack! Kopf im Korb. Vive la France!«

Valentine legte die Stirn in Falten, als ob er sich über diesen leichtfertigen Ton ärgerte. Aber dann lachte er und nickte.

»Ich glaube, Sie sind der Mann, den ich brauche. Das ist die Haltung, die man dem Leben gegenüber einnehmen muß. Aber vergessen Sie ja nicht, daß man die Behörden nicht auslachen darf. Staatsgewalt ist nicht lächerlich, sondern grausam, ungerecht und tragisch.«

Smith zog seinen nassen Rock aus, während Valentine mit ihm sprach.

»Hängen Sie ihn ans Fenster, oder besser, legen Sie ihn auf einen Stuhl vor der Tür.« Cäsar zeigte auf einen Ausgang rechts vom Kamin. »Madonna Beatrice wird sich schon darum kümmern.«

Smith kam der Aufforderung nach und wunderte sich, wer wohl Madonna Beatrice sein mochte.

Plötzlich sah ihn Cäsar scharf an.

»Haben Sie eigentlich Blut an den Händen?«

Smith schüttelte den Kopf.

»Ich habe genau zwischen die vierte und fünfte Rippe gezielt«, erwiderte er ruhig. »Es fließt nur wenig Blut an dieser Stelle.«

Valentine nickte beifällig, während Smith seine Hände betrachtete.

»Viel Opium haben Sie auch nicht geraucht«, bemerkte er, trat auf seinen Gast zu und sah ihm in die Augen.

»Ich rauche niemals Opium«, entgegnete Tre-Bong kühl. »Ich gehe nicht in Chi Sos Spelunke, um zu rauchen, sondern um zu beobachten.«

Cäsar lachte aufs neue.

»Nun, Sie können ein guter Assistent werden. Aber ich warne Sie, sich mit mir irgendwelche Tricks zu erlauben. Ich habe Ihretwegen ein großes Risiko auf mich genommen. Sie können wissen, daß auch ich Chi Sos Lokal besuche, um zu beobachten, und zwar, um Sie zu beobachten.«

Smith hatte das bereits geahnt, aber er sagte nichts.

»Ich habe Sie mir dort angesehen; Chi So hat seine Kneipe mit meinem Geld aufgemacht. Der Platz ist für mich unbezahlbar. Ich erhalte von dem Gelben viele wertvolle Nachrichten. Als ich nun erfuhr, daß sich ein englischer Verbrecher in Paris vor der Polizei versteckt, weil er in Amerika wegen eines Mordes, wegen Fälschung und verschiedener anderer ziemlich blöder Verbrechen gesucht wird, interessierte ich mich für Sie. Aber ich halte derartige Verbrechen, wie Sie sie begangen haben, für töricht und albern. Damit kommt man nicht weiter, höchstens zur Guillotine oder zum Galgen.«

Smith hätte vielleicht auch seine Ansichten über Verbrechen geäußert, wenn sich in diesem Augenblick nicht die Tür geöffnet hätte und ein Mann eingetreten wäre. Er war klein, hatte rote Haare und ziemlich rohe Gesichtszüge. Seiner äußeren Erscheinung nach paßte er weder zu seiner Umgebung noch zu Cäsar Valentine. Er war zu auffallend gekleidet und benahm sich herausfordernd. Smith vermutete, daß der Fremde getrunken hatte.

»Nun, Ernest, was wollen Sie?«

Der Mann kam mit unsicheren Schritten näher und sah von Cäsar zu Smith hinüber.

»Hallo, Sie haben Besuch?« sagte er laut.

»Wie Sie sehen«, erwiderte Cäsar freundlich.

Eine Zeitlang schwieg Ernest, dann räusperte er sich.

»Ich gehe morgen.«

»So, Sie gehen morgen?« wiederholte Valentine liebenswürdig.

»Ja, nach London. Haben Sie vielleicht etwas dagegen?«

Cäsar schüttelte den Kopf und lächelte.

»Durchaus nicht.«

»Sie wissen doch, wohin Sie mein Gehalt zu schicken haben?«

»Ihr Gehalt? Ich dachte, Sie wollten meine Dienste verlassen?«

»Sie wissen, wohin Sie mein Gehalt zu schicken haben?« sagte Ernest in drohendem Ton. »Ich nehme zehn Jahre Urlaub.« Er lachte über seinen eigenen Witz. »Das wird mir guttun, meinen Sie nicht auch?«

»Und ich soll Ihnen für zehn Jahre das Gehalt schicken?«

»Es wird Ihnen schlecht bekommen, wenn Sie es nicht tun! Ich habe nicht drei Jahre lang Ihre schmutzige Arbeit fast umsonst getan. Jetzt kann der es ja machen.« Er zeigte mit dem Kopf auf Smith. »Ich bin gespannt, wie es ihm gefällt. Ich könnte schon ein ganzes Buch über Sie schreiben, Mr. Valentine.«

Cäsar lachte.

»Das würde sicher sehr interessant werden. Sind Sie den ganzen Abend aufgeblieben, um mir das zu sagen?«

»Ja. Ich habe Ihnen eine ganze Menge zu sagen, und ich würde Ihnen noch viel mehr stecken, wenn der nicht hier wäre.«

»Dann warten Sie bis morgen früh.« Cäsar legte gutgelaunt die Hand auf Ernests Schulter. »Legen Sie sich zu Bett, mein Freund, und sagen Sie Madonna Beatrice, daß sie zu mir kommen soll.«

»Immer Madonna Beatrice!« erwiderte der Mann ärgerlich. »Die ist ja eine Schönheit!«

Cäsar schob den unangenehmen Besucher hinaus.

»Eine merkwürdige Eigenschaft von Dienern, daß sie sich einbilden, sie würden irgendwelche dunklen Geheimnisse ihrer Herren kennen und hätten sie in der Hand.«

Es klopfte, und Cäsar drehte sich schnell um.

»Kommen Sie herein, Madonna.«

Smith war auf die Frau gespannt. Cäsar stand in dem Ruf, viele Liebesabenteuer hinter sich zu haben, und Tre-Bong erwartete deshalb, eine junge, schöne Dame zu sehen. Aber die Frau, die hereinträt, war nicht jung und schön, sondern alt und korpulent. Das grauschwarze Haar hatte sie glatt aus der Stirn gebürstet und in einen Knoten aufgesteckt. Sie erschien in einem meergrünen Kleid mit großem, viereckigem Ausschnitt; um den Hals trug sie eine goldene Kette von ziemlich kitschigem Aussehen. Ihre dicken Finger waren mit Brillantringen geschmückt.

»Madonna, unser Freund hier bleibt einige Zeit bei uns«, wandte sich Cäsar in Spanisch an die Frau. »Bitte sorgen Sie dafür, daß ein Zimmer zurechtgemacht wird.«

Sie sah zu Smith hinüber und nickte. Er hatte inzwischen etwas entdeckt, was ihn mehr interessierte als ihre ungewöhnliche Aufmachung. Dieser aufmerksame Mann schaute auf ihre Füße und bemerkte, daß ihre festen Schuhe naß und schmutzig waren, als ob sie draußen umhergewandert wäre.

»Si, Señor«, entgegnete sie.

Smith hätte gern gewußt, warum Cäsar sie Madonna nannte, was in Italien früher als Anrede gebräuchlich war, während er sich doch in spanischer Sprache mit ihr unterhielt.

Cäsar schien seine Gedanken zu lesen und beantwortete die Frage, als die Frau gegangen war.

»Madonna Beatrice ist sowohl Spanierin wie Italienerin. Ich werde Ihnen das an einem der nächsten Tage erklären.«

Er erwähnte die Ereignisse des Abends nicht weiter, sprach aber noch eine Weile mit Smith über Verbrecher und Verbrechen im allgemeinen.

»Die kleinen Leute sind wirklich zu bedauern. Nehmen wir zum Beispiel diesen Ernest, den Sie eben gesehen haben. Er ist ein ganz gemeiner Kerl, ein Falschspieler und Dieb. Ich nahm ihn in meine Dienste und brachte ihn mit mir nach Frankreich, als die Polizei gerade nach ihm fahndete. Hätte man ihn erwischt, so wäre er nicht ohne eine mehrjährige Strafe davongekommen. Ich habe ihm genug Geld gegeben, und ich habe ihm sogar Französisch beigebracht.«

»Mit Geld kann man sich keine Treue kaufen«, entgegnete Smith kurz.

»Das gebe ich zu.« Cäsar nickte. »Aber mit Geld kann man sich die meisten anderen Dinge kaufen, die in dieser Welt begehrenswert sind. Und wenn ich genügend Geld hätte, könnte ich von diesem Haus aus die ganze Zukunft Europas ändern. Mit Geld kann man Parteien und Politiker kaufen.«

Er seufzte, wandte Smith den Rücken zu und betrachtete ernst das Wappen über dem Kamin.

»Welche Bedeutung hat es eigentlich?« fragte Smith plötzlich.

Cäsar drehte sich wieder um.

»Sie meinen das Wappen? Verstehen Sie etwas von Heraldik? Nein? Eines Tages werde ich es Ihnen erklären.«

Er brach die Unterhaltung ab und führte Smith in die Halle zurück.

»Ihr Zimmer ist fertig. Morgen sprechen wir über Ihre Zukunft. Es wäre nicht klug von Ihnen, hier in Frankreich zu bleiben. Außerdem brauche ich Sie in England!«

Das Zimmer, in das er seinen Gast brachte, war einfach, aber gut möbliert.

»Natürlich trinken Sie morgens Tee – Sie sind ja Engländer. Alle notwendigen Toilettegegenstände finden Sie auf dem Frisiertisch, und Madame Beatrice hat sicher einen Schlafanzug für Sie herausgesucht – ah, dort liegt er. Also, gute Nacht.«

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