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Geheimagent Nr. 6

Edgar Wallace: Geheimagent Nr. 6 - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/wallacee/geheim6/geheim6.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
booktitleGeheimagent Nr. 6/Mary Ferrera spielt System
titleGeheimagent Nr. 6
publisherGoldmann Verlag
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun13. Auflage
isbn3442002362
year1982
created20111027
projectid8dceba26
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9

Große Verbrecher darf man wie große Helden nicht aus unmittelbarer Nähe betrachten. Smith entdeckte Fehler an Cäsar Valentine, die er niemals vermutet hätte. Der Mann war unheimlich eitel; auf der anderen Seite reichten seine Fähigkeiten aber auch an Genialität heran. Allerdings besaß er mehr Veranlagung zum Diplomaten als zum Feldherrn. In dieser Beziehung glich er seinem berühmten Vorfahren, der größere Erfolge durch Bestechung als durch Waffengewalt erzielt hatte.

Cäsar ließ Smith am Nachmittag wieder zu sich kommen, und zwar in sein Haus am Portland Place. Ein Diener führte den jungen Mann in die Bibliothek, wo Valentine bereits ungeduldig auf ihn wartete.

»Welland muß unter allen Umständen gefunden werden!« Mit diesen Worten begrüßte Cäsar seinen Komplicen. »Ich habe die Angelegenheit Privatdetektiven übergeben. Die Leute sollen keine Ausgabe scheuen, um vorwärtszukommen. Ich bin fest davon überzeugt, daß der Mann noch lebt, denn er wurde von einem meiner Agenten vor zwei Jahren in York gesehen.«

»Verdammt, warum haben Sie mich denn dann mit den gleichen Nachforschungen beauftragt?« fragte Smith ungeduldig. »Warum mußte ich denn zu dem Haus in der John Street gehen?«

»Es bestand doch die Möglichkeit, daß er sich mit dem dortigen Hausmeister in Verbindung gesetzt hatte. Es gibt zwei Leute, die hinter dem Geheimagenten Nummer Sechs stecken könnten. Der eine ist der Sohn des Bankdirektors Gale –«

»Der ist in Argentinien«, unterbrach ihn Smith. »Er hat dort eine Farm.«

»Wie haben Sie das herausgebracht?«

»Das war nicht allzu schwer. Die Beamten der Bank, die Sie beraubt haben –«

»Die ich beraubt habe?« fragte Cäsar schnell.

»Nun, die irgend jemand beraubt hat«, entgegnete Smith mit einer gleichgültigen Handbewegung. »Es kommt jetzt nicht darauf an, wer es getan hat. Auf jeden Fall stehen die Beamten mit dem jungen Gale in Verbindung. Anscheinend will er alles Geld, das die Bank verloren hat, zurückzahlen. Den können Sie also ruhig ausschalten.«

»Dann muß es Welland sein. Meine Informationen von Scotland Yard sind über alle Zweifel erhaben. Der Mann, der sich selbst Nummer Sechs nennt –«

»Es kann ebensogut eine Frau sein.«

»Keine Frau würde das wagen. Es bleibt nur übrig, daß es Welland ist. Es ist ein Amateur, der sich mit dem Chef von Scotland Yard in Verbindung gesetzt und ihn überredet hat, ihm den Auftrag zu geben. Bedenken Sie doch, daß man hier in England nichts gegen mich hat. Beweisen können sie nichts, und sie wissen auch nichts Genaues über ein Verbrechen, das ich begangen haben könnte. Sie haben nur einen Verdacht und fühlen sich unbehaglich, wenn mein Name genannt wird. Das ist alles.«

Smith stimmte ihm bei. Es hatte im Augenblick keinen Zweck, ihm zu widersprechen.

»Gehen Sie jetzt zum Hotel zurück und beobachten Sie diesen Mr. Ross«, sagte Cäsar unvermittelt. »Ich werde Welland auf mich nehmen. Hat er Besuch gehabt?«

»Ross? Nein.«

Smith konnte ebensogut lügen wie Cäsar Valentine, der ihn vollständig in der Hand zu haben glaubte. Er liebte das Leben ebensosehr wie andere Menschen, und er wußte, wie gefährlich es war, Valentine zu hintergehen. Der rätselhafte Besuch des Millionärs im Haus Portland Place Nr. 409 während Cäsars Abwesenheit mußte doch aufgeklärt werden.

»Was hätten Sie eigentlich angefangen, wenn Sie mich nicht getroffen hätten?« fragte Smith plötzlich. »Der unglückliche Ernest hätte Ihnen doch bei der Durchführung Ihrer Pläne hier in London nicht helfen können.«

»Der hat seinen Zweck erfüllt«, entgegnete Valentine kühl, »Er hat gewisse Aufgaben gehabt, die wichtig genug waren, aber er hatte natürlich nicht den nötigen Verstand. Der arme Kerl!«

Cäsar Valentine heuchelte diesmal nicht, davon war Smith überzeugt. Sicher tat es diesem Mann aufrichtig leid, daß er diesen aufsässigen Diener hatte beseitigen müssen, dessen skrupelloser, grausamer Charakter ihm irgendwie verwandt gewesen war.

Die Beobachtung von Mr. Ross war etwas langweilig. Smith hätte sich lieber intensiver beschäftigt. Er hielt mit seiner Meinung auch nicht zurück, als er Cäsar am nächsten Morgen traf.

»Es tut mir leid, daß ich Sie nicht jeden Tag einen Mord begehen lassen kann«, erwiderte Cäsar ironisch. »Überwachen Sie ruhig Mr. Ross.«

»Er bringt die meiste Zeit im Reform-Klub zu und liest langweilige Magazine«, beklagte sich Smith. »Es wird wirklich zu blöde.«

»Sie setzen die Beobachtungen fort«, erklärte Cäsar entschieden.

Am selben Abend telefonierte er aufgeregt mit Smith.

»Er ist gefunden worden!«

»Wer?«

»Welland – ich gehe jetzt zu ihm.« Smith glaubte ein leises Zittern in Cäsars Stimme zu hören. »Die Detektive haben seine Spur in Manchester gefunden und ihn nach London verfolgt. Er wohnt in einem Vorort.«

»Ach so!« Smith wußte im Augenblick nicht, was er sonst sagen sollte. »Und dort wollen Sie ihn aufsuchen?«

Aber Cäsar hatte den Hörer bereits aufgelegt. Er war wie immer impulsiv.

Am nächsten Tag hatte Smith bei der Rückkehr ins Hotel ein unangenehmes Erlebnis.

Zwölf Monate lang hatte er sich in den Verbrecherkreisen von Paris einen gewissen Namen gemacht. Aber es war ihm doch sehr peinlich, zu entdecken, daß seine eigenen Koffer und seine Schreibmappe von anderen erbrochen und durchsucht worden waren. Nur ein Amateur und Anfänger würde das Schloß aus einer neuen Ledermappe herausschneiden. Es tat ihm leid um das gute Stück, das er erst am Tag vorher gekauft hatte. Als er in sein Zimmer trat, lagen die Schriftstücke auf dem Boden verstreut. Nur ein in solchen Dingen unerfahrener Mann konnte Kleider durchwühlen, ohne sie wieder sorgfältig zusammenzulegen und in den Schrank zu hängen.

Smith ließ den Geschäftsführer kommen und zeigte ihm die Unordnung. Dieser entschuldigte sich bestürzt. Weder er noch einer der anderen Angestellten hatten einen Fremden ins Hotel kommen sehen. Die einzige, die nicht im Hotel wohnte, war die junge Dame, die Mr. Ross öfter besuchte. Aber sie war so vornehm, daß sie eigentlich unmöglich als Täterin in Frage kommen konnte.

Als sie erwähnt wurde, beruhigte sich Mr. Smith etwas. Er hatte schon gefürchtet, daß ein Beamter von Scotland Yard ihm einen Besuch abgestattet hätte. Besonders fürchtete er verhältnismäßig junge Beamte, die erst kurze Zeit im Dienst und manchmal übereifrig waren. Nur sehr ungern hätte sich Smith bei Mr. Hallett über einen seiner Leute beschwert.

Aber schließlich sagte er sich, daß ein Polizeibeamter niemals so systemlos vorgegangen wäre. Nur ein Amateur konnte diese Verwüstung angerichtet haben. Als er auch noch einen Blutfleck auf dem Löschblatt entdeckte, zweifelte er nicht mehr daran.

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