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Gedichtsammlung

Ernst Wilhelm Lotz: Gedichtsammlung - Kapitel 90
Quellenangabe
typepoem
authorErnst Wilhelm Lotz
booktitleGedichte, Prosa, Briefe
titleGedichtsammlung
publisheredition text + kritik GmbH
editorJürgen von Esenwein
year1993
isbn388377443X
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160829
projectid490a79bb
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Das trunkene Schiff

Jean-Arthur Rimbaud nachgedichtet

Leidlose Ströme kam ich heruntergeschwommen,
Da fand ich mich von den Treidlern verwaist auf einmal;
Rot-Häute hatten sie schreiend zu Scheiben genommen
Und angenagelt, nackt, an den Marterpfahl.

Da mochte ich weiter mich nicht um die Ladung scheren,
Mit flämischem Weizen und englischer Wolle an Bord.
Mit meinen Treidlern war ich los die Miseren
Und trieb auf eigene Faust durch die Strömungen fort.

Im fürchterlichen Wogenschlag der Gezeiten
Spülte ich, rauh wie Winter und taub wie ein Kindergehirn,
Und fühlte entwurzelter Inseln Vorübergleiten
Glanzlos verklingen vor dem Gebraus meiner Stirn.

Das Wetter segnete meinen Drang nach den Meeren,
Hell tanzte ich über die Flut, wie ein Korken geschnellt,
Durch Wogen, die maßlos nach Opfern begehren, –
Zehn Nächte, nie der Blick von Laternen erhellt.

Viel süßer als saure Äpfel Kinder bestechen,
Hatte das Wasser grün meine Planken durchwühlt,
Und Flecken blauer Weine und von Erbrechen
Wuschen mich kühl, über Ruder und Anker gesühlt.

Von da an war ich gebadet in dem Gedichte,
Des Meers, von Gestirnen und fiebrigen Bildern durchzweigt,
Und sog den grünen Azur, dem – tiefer Gesichte,
Mit flackernden Kiel – manchmal ein Ertrunkener entsteigt.

Wo – blatternarbig das Blau, und irrsinnige Feiern,
Und langsame Rhythmen unter dem glänzenden Tag -
Geglühter als Weingeist und wüster als eure Leyern:
Die bittere Röte der Liebe in Gährungen lag!

Ich sah die Himmel zersplittern im Blitz. Und Windhosen sprühend.
Und die Brandung. Und die Ströme. Den Abend von Lichtern entlaubt.
Die Frühe, wie ein Volk von Columbussen glühend.
Und manchmal sah ich, was Menschen zu sehen geglaubt.

Ich sah die Sonne, tief in mystischen Schrecken gehalten,
Aufglitzernd groß im violetten Flor,
Gleich sehr antiker Dramen erhabnen Gestalten,
Die Wogen rollten den frostigen Vorhang empor.

Ich fühlte die grüne Nacht im blendenden Schneefall zergehen
– Küsse, gedehnt auf die Augen der Meere gelegt –,
Maßloser Säfte Steigen und Wehen,
Und singende Phosphore, gelb und bläulich erregt.

Ganz schwer von Fülle – wie selige Hysterieen –.
Ich folgte der See, hohl stürmend um Klippen und Riff,
Und dachte nicht, daß die leuchtenden Flüsse verträumter Marieen
Leicht stillten der gierigen Meere schnappenden Griff.

Wißt Ihr? Auf unglaubliche Floridas konnte ich starren,
Die hatten den Blumen Augen von Panthern vermählt,
Den Häuten von Menschen Regenbogen gespannt wie Kandarren.
Und meergrüne Herden, am Grunde des Meers, ungezählt.

Ich sah die Sümpfe gären. Und Netze, gewaltig gesponnen:
Ein ganzer Leviathan faulte im Binsenwald.
Einstürze von Wassern, inmitten windstiller Meere begonnen,
Und Weiten, in strudelnde Abgründe klaffend gehallt.

Eisberge, silberne Sonnen. Perlmutterne Fluten. Himmel wie Feueressen.
Und scheußliche Wracks, am Grund brauner Golfe versenkt,
Wo gigantische Schlangen, von Wanzen zerfressen,
An Bäumen hängen in schwarzen Parfümen verrenkt.

Ich wollte den Kindern diese Goldfischchen weisen
Im Blauen, die Fischchen aus Gold, die Singen verweht. –
Schaumflocken der Blumen waren gut meinen Reisen.
Und unaussprechliche Winde beschwingten mich stet.

Bisweilen, wenn die Martern der Pole und Zonen ermatten,
Das Meer, dessen Schluchzen mein Schlingern versüßt,
Hob mir aus gelben Windlöchern Blumen von Schatten, -
Und ich sank in die Knie, wie ein Weib, das man küßt.

Gleich einer Insel beschütteten mich die Gezänke
Und Mist der Vögel – Schreihälse mit Augen hellblond –.
Ich strömte weiter. Und quer durch mein gelöstes Geplänke
Schwammen Ertrunkene rücklings, im Schlafe besonnt. –

Doch ich ein Schiff, in den Haaren der Buchten verloren;
In entvölkerten Äther gespritzt von Orkanen und Gischt;
Ich: den die Segler der Hansas und Monitoren
Niemals, ein trunknes Gerippe, herausgefischt;

– Frei. Rauchend. Ersteiger von Nebeln, tief violetten, –
Ich: der die Himmel durchbohrte, gerötet Lös;
Der als erlesene Konfitüre der guten Poeten,
Die Flechten der Sonne trug und des Azurs Gekrös;

Der raste – den halbe Monde elektrisch durchschütteln –
Toll torkelnde Planke, von Seerosen schwarz umragt –:
Als Julihitzen mit stürzenden Knütteln
Die ultramarinen Himmel in brennende Trichter gejagt;

Ich: Der erzitterte; der fühlte das Ächzen an fünfzig Plätzen,
Die Brunst der Behemots, der Mahlströme wirbelnden Wanst,
– Ein unermüdlicher Spinner bewegloser blauer Netze – – –:
Ich bedaure Europa, in alten Zinnen verschanzt!

Ich habe Sternarchipele gesehen – Inseln der Prächte –
Irr lallende Himmel darüber, von springenden Wogen zerklafft – –:
Hältst Du, in Verbannung verschlafen, in solchen maßlosen Nächten
Millionen goldener Vögel – o künftige Schöpfer-Kraft?

Doch richtig, ich weinte zu viel. Das Frühlicht ist herzzerreißend.
Jeder Mond ist gräßlich. Jede Sonne bitter und schwer.
Die Liebe, die mich im Starrkrampf aufblähte, ist beißend. –
Oh, daß mein Kiel zersplittre! Oh, daß ich zergehe im Meer!

Das einzige Wasser Europas ist eine Lache, nach der ich mich sehne,
Die frostig und schwarz, voll Geruch in der Dämmerung sei,
Dran ein Kind hockt, voll Trauer und kraftloser Träne,
Ein Schiff, zerbrechlich wie ein Schmetterling im Mai.

Ich kann nicht weiter – gebadet von matterem Wogenschlagen –
Kielwasser aufwirbelnd mit Trägern von Wolle und Flick,
Nie mehr den Glanz der Fahnen und Flammen durchjagen,
Nie mehr unter Schiffsbrücken schwimmen mit schrecklichem Blick.

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