Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ernst Wilhelm Lotz >

Gedichtsammlung

Ernst Wilhelm Lotz: Gedichtsammlung - Kapitel 31
Quellenangabe
typepoem
authorErnst Wilhelm Lotz
booktitleGedichte, Prosa, Briefe
titleGedichtsammlung
publisheredition text + kritik GmbH
editorJürgen von Esenwein
year1993
isbn388377443X
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160829
projectid490a79bb
Schließen

Navigation:

Der Dichter und seine Seele

Es klopft. – Herein! Die Tür springt auf –: Entsetzen
Durchgraust mich –: Denn Ich steh dort auf der Schwelle!
Wahnsinn flammt aus den Blicken jäh und helle!
Der Mantel weht in langen, wilden Fetzen!

»Hei! Bruder! Schau, hier kehre ich nach Haus!
Was du mir aufgetragen, ist vollbracht:
Denn alle Schätze der verfluchten Nacht
Schütt ich mit diesem Füllhorn vor dir aus!

Wie diese Kostbarkeiten zu mir kamen?
Ich kam zu ihnen, Freund; und wer sie trug,
Sie heißt der Erde Königin mit Fug:
Fortun und Lilith nennt man sie mit Namen.

Hier in dem Kopfe wohnt die große Dirne,
Und sie ist feil für echtes, blankes Gold.
Sie hat im Stübchen mir herumgetollt,
Bis daß es – weich ward hinter meiner Stirne.

Ganz weich ist nun mein »göttergleiches Hirn«!
Es taugt nur mehr zu einem Nadelkissen,
Und drein stach viele Nadeln das Gewissen,
Behängt mit langem, dünnem Sündenzwirn.

Ja, du bliebst träg an deinem Schreibtisch kleben
Und sandtest deine Seele auf das Pflaster,
Sünden zu suchen, seltne, fremde Laster,
Um damit deine Bücher zu beleben.

O Sünden mehr als du begehrst sind dein:
Denn sieh, das Gold von deinen Dichterlocken
Läutete lieblich wie die Kirchenglocken;
Ich klingelte, und alle waren mein.

Erlesne Laster, kultiviert und zart,
Die deinen Büchern feine Farben leihen, –
Und Laster, die vor Ekel sich bespeien, –
Doch stets ästhetisch, raffiniert, apart. –

Die Sünde ist Fortunas Diadem,
Das sie sich siebenfach ums Haupt geschlungen. –
Ich habe ihre Krone ihr entrungen
Für dich, – wie deinem Wunsche war genehm.

So steh ich nun vor deines Schädels Pforte
Und poche dran mit dürrer Knochenhand:
Laß mich herein; wir sind ja gut bekannt!
Bin ja dein Selbst, das sieche, lustverdorrte! –«

Wie? Meinst du, meine Stunde hat geschlagen?
Da irrst du sehr. Mein Wahnsinn hat noch Frist.
Sieh dieses Buch, – das dein Gefängnis ist, –
Hier hab ich säuberlich dich eingetragen.

Du schneidest Fratzen mir aus meinen Zeilen?
So klapp ich's zu. Nun bist du wohlverwahrt. –
O meine Seele war so schön, so zart!
O wer wird meine kranke Seele heilen?

Und wieder klopft's. Und wieder geht die Tür.
Und wieder seh ich mich im Rahmen stehen.
Doch anders: Ach, so jung, so schön zu sehen,
Als käm ich aus dem Paradies herfür.

»Was soll ich nun für deine Bücher holen?«
Fragt meine Seele und errötet sacht
– Als wüßte sie, daß sie mich glücklich macht –
Und lächelt so verlegen und verstohlen.

Dich will ich nicht zum wilden Sumpfe ziehen –!
Du bist so lyrisch, bist so rein, so weich:
Geh nach Arkadiens grünem Hirtenreich
Und bring die schönsten seiner Melodien.

 << Kapitel 30  Kapitel 32 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.