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Gedichte und Aufsätze zur deutschen Sprache

Karl Kraus: Gedichte und Aufsätze zur deutschen Sprache - Kapitel 3
Quellenangabe
typeessay
authorKarl Kraus
titleGedichte und Aufsätze zur deutschen Sprache
publisherVerlag Volk und Welt
year1971
correctorreuters@abc.de
senderRoland Welcker
created20070725
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Bei den Tschechen
und bei den Deutschen

Meinungen, Richtungen, Weltanschauungen – es kommt doch zuerst und zuletzt auf nichts anderes an als auf den Satz. Die ihn nicht können, fangen beim Lebensinhalt an, welchen sie infolgedessen nicht haben und welcher da ist, wenn der Satz gelingt. Es wird kaum je einen Autor gegeben haben, dem Stofflicheres Wirklicheres, Zeitlicheres abgenommen werden konnte als dem, der meine Schriften geschrieben hat, und doch habe ich mich mein Lebtag um nichts anderes als um den Satz geschoren, darauf vertrauend, daß ihm schon das Wahre über die Menschheit, über ihre Kriege und Revolutionen, über ihre Christen und Juden, einfallen wird. Wenn man es las, war es Politik. Wenn man liest, was ich davon halte, ist es l'art pour l'art. Das kommt davon, daß man weder jenes noch dieses versteht, und davon kommt, daß alle Kritik, aller Widerspruch und aller Einwand von »Widersprüchen« an mir abgleiten muß, von mir nur beachtet und gefürchtet wie alles, dessen Stumpfheit mich anregt und das mich betrifft, auch wenn es mich nicht meint. Ob es nun so ist, daß mich der Stoff überwächst oder ob ich an der Unmöglichkeit, ihn zu bestreiten, wachse; und in welche Beziehung man mich immer zu dieser Wirklichkeit setzen will, und ob meine Feinde glauben, daß ich Mücken seige und Kamele, so groß wie sie, verschlucke: ich bleibe ihrer Kritik unerreichbar, weil ich weder dies noch jenes tue, sondern Sätze schreibe. Weil das bisher in der deutschen Literatur noch so selten der Fall war und ganz gewiß nie mit solch erschöpfender Ausschließlichkeit des Interesses an dem, was den Beruf des Schriftstellers ausmacht, so sind es die Leser nicht gewohnt, es verwirrt sie und sie sprechen darum, da sie ja doch von etwas sprechen müssen, so gern von etwas anderm, was mit dem Beruf des Schriftstellers gar nichts zu tun hat, und legen ihm dessen Erfüllung als Marotte und das Bewußtsein um dessen Erfüllung als Eitelkeit aus. Denn nichts verstehen die Menschen weniger, über nichts staunen sie mehr, als daß der Schriftsteller es mit dem Wort, der Maler es mit der Farbe zu schaffen haben möchte; daß sie Erlebnisse haben möchten, die nicht das geringste mit dem eigentlichen Gegenstande zu schaffen haben, also mit einer Gerichtsverhandlung oder mit einer Madonna. Sie maßen sich in diesen Dingen ein Urteil aus dem Grunde an, weil ja, soweit sie in der Anordnung der Worte und der Farben den Gegenstand erkennen, doch wirklich so etwas wie die Gerichtsverhandlung oder die Madonna herauskommt, und dies eben gibt ihnen das Recht, diese und jene zu agnoszieren. Anstatt der Kunst dankbar zu sein, daß sie einen den Gegenstand verkennen lehrt, »stehn sie hier auf ihrem Schein«. Würden sie einen Satz so oft lesen als er erlebt wurde, so würden sie den Gegenstand nicht mehr sehen, den sie beim einmaligen Lesen eben noch erkennen. Die von mir sagen, daß ich einen guten Stil schreibe, wissen das sicher nur vom Hörensagen; denn in Wahrheit ist für sie noch nie ein schlechterer geschrieben worden. Die Erlaubnis, auf Druckfehler aufmerksam zu machen, hat dies in einer umfassenden Weise offenbart. Man könnte aus den Fällen, wo ein Sprachwert als Druckfehler angezeigt wird, einen Roman der wildesten Abenteuer des Geistes, also eine Sprachlehre machen. Es »jückt« mich in den Fingern. (Auf diese Begegnung einer faustischen mit einer jüdischen Nuance in einem Vokal haben etliche Leser von »Literatur« als auf einen Druckfehler aufmerksam gemacht.) Stil kann man getrost als das definieren, was der Leser nicht versteht. Denn er ist schon dadurch, daß er die Sprache spricht, der Fähigkeit überhoben, sie zu hören. Er ist und bleibt auf nichts anderes eingestellt, als daß der Autor die Meinung, die er als der vermutlich Klügere haben könnte, ihm sage, die Gegenmeinung oder alles ironisch Gemeinte in Gänsefüßchen setze, und wenn er dazu noch einen Gedanken hat, den der Leser von ihm nicht erwartet, auf diesen durch einen Gedankenstrich schonend vorbereite, damit er ihm nicht entgehe. Daß Stil nicht der Ausdruck dessen ist, was einer meint, sondern die Gestaltung dessen, was einer denkt und was er infolgedessen sieht und hört; daß Sprache nicht bloß das, was sprechbar ist, in sich begreift, sondern daß in ihr auch alles was nicht gesprochen wird erlebbar ist; daß es in ihr auf das Wort so sehr ankommt, daß noch wichtiger als das Wort das ist, was zwischen den Worten ist; daß dem, der im Wort denkt wie ein anderer in der Farbe und wieder ein anderer im Ton, es nicht nur die Welt aufmacht, sondern sie auch wechseln läßt, wenn jenes da steht oder dort; daß nicht immer nur eine Mehlspeise, sondern manchmal auch ein Gedicht ein solches sein kann, ja sogar eine Prosazeile, und daß weit hinter dem Begreifen des Sinns eine Letter ein Gedanke sein könnte: solcherlei geht dem Leser so wenig ein, daß er vor dem klarsten Abbild jenes Erlebnisses, in dem nur die Verbindung von Sprachlichem und Stofflichem ein Rätsel bleibt, strauchelt und den Satz, der alles was in ihm enthalten ist sich selbst verdankt und sich darum von selbst versteht, mißversteht. Der intellektuelle Ehrgeiz, das »verstehen« zu wollen, was nur empfunden werden darf, um aufgenommen zu werden, was nur gesehen und gehört werden muß, wie es empfunden wurde, spielt, vom Dummkopf aufwärts, beim Lesen die verhängnisvollste Rolle. Was die Verstandesmäßigkeit aber am schlechtesten kapiert, ist die Ironie, die sie herausfordert. Da sie sich um keinen Preis wiedererkennen will, so wird das einfache Hinausstellen dessen, was sie denkt, die ironische Wiederholung ihres Motivs, bei ihr am wenigsten verfangen. Sie wird es für die Meinung des Autors halten. Ein Satz hat vor ihr nie ein Gesicht, er lacht nicht, er spielt und schielt nicht, er zwinkert nicht, sondern er hat die Meinung, die er hat, wenn man ihn aus der psychischen Situation, in der er steht, herausschneidet.

Einer der ergiebigsten Fälle, die mir je untergekommen sind, ist der folgende: Da hat einmal, vor dem Krieg, eine jener deutschen Lese- und Redehallen, deren Mitglieder weniger lesen und mehr reden als unbedingt notwendig ist, an einen deutschen Dichter, der zeitweise wirklich einer war, eine jener Kundgebungen gerichtet, die zwar flammen und zünden können, deren Pathos aber durch den Humor, den es verbreitet, zugleich gelöscht wird. Sie sprach davon, daß Zorn und Empörung uns die Feder in die Hand drücke, uns, »auf deren Fahnen die Freiheit des Geistes und der Wissenschaft geschrieben steht und die wir in einem Lande leben, wo Haß und Heuchlertum gar manche häßliche Erfolge zu zeitigen vermochten«. Die Geschichte spielt also in Prag: wo »wir wissen, was es bedeutet, wenn falsche Unterwürfigkeit und launische Willkür ungebärdiger Höflinge die Wahrheit in den Staub zu zerren vermag. Doch zu herbstem, bitterstem Ingrimm wächst unser Unmut, wenn –«. Ich fuhr dazwischen. Gerhart Hauptmann war – man sollte es nicht für möglich halten, aber es ist Tatsache – der »zurückgezogenste Dichterfürst« genannt worden, kurzum, es war ein Deutsch, das schon ohne alle Bomben auf Nürnberg ein Kriegsgrund war und vor dem es jede Sau im deutschen Lande, jedoch nicht dessen Bürger graust: die Sprache derer, die zwar deutsch fühlen, aber nicht können. Ein Lebenszeichen jener durch Not und Tod unverwischbaren Couleur, die darum noch heute, öffentlich oder privat, in Wäldern oder in Vereinen, auf Anstandsorten oder außerhalb, dem Vaterland zuspricht, daß es ruhig sein mag, aber selbst nichts dazu tut, sondern im Gegenteil Lärm macht. Die rote Kappe auf dem Kopf, das schwarze Brett vor und den weißen Terror im Kopf, war diese Geistigkeit in Prag durch den freisinnig-jüdischen Einschlag wesentlich gemildert, wenngleich in der Phraseologie unverkürzt. Ich habe nun, da ich – in kriegsferner Zeit – mit dem zurückgezogensten Dichterfürsten das Schicksal teilte, eine Einladung zu einem Vortrag vor solchem Auditorium zu bekommen, alle Elemente jenes sittlichen Pathos auf meinen Fall bezogen und geschrieben:

Auch ich habe dort einmal einen Vortrag gehalten und ich weiß, was es bedeutet, wenn Jugend, die nicht falscher, nur echter Unterwürfigkeit fähig ist, mich in der Pause um hundert Autogramme bittet, meinen Namen in das goldene Buch des Vereins einträgt, mich stürmisch zu einem zweiten Vortrag auffordert, und wenn dann die Freiheit des Geistes zaghaft wird, zurückweicht, sich davonschleicht wie die Bürger in »Egmont« und sich nicht traut, den zweiten Vortrag zu veranstalten, weil der zweitzurückgezogenste Dichterfürst, der Hugo Salus, etwas dagegen hat und weil deutsch gesinnte Jünglinge in einem Lande, wo Haß und Heuchlertum – bei den Tschechen – gar manche Erfolge zu zeitigen vermochten, auf die Gefahr aufmerksam gemacht wurden, daß es ihnen in der Karriere schaden könnte.

Und nun rate man, bei welcher der beiden Nationen – bei den Tschechen oder bei den Deutschen – mir diese Bemerkung in meiner Karriere schaden mußte. Bei den Deutschen? Nein, »bei den Tschechen«! Denn ich hatte den Zwischensatz doch offenbar hingeschrieben, um mich bei den Deutschen beliebt zu machen und nur ja zu betonen, daß ich ihnen Haß und Heuchlertum keineswegs vorwerfen wolle. Wofür ja schon das Lob der deutschgesinnten Jünglinge spricht, die in einem Lande, wo die Tschechen sich so heuchlerisch gebärden, sich in geistigen Angelegenheiten um ihre Karriere besorgt zeigen. Dieses »bei den Tschechen« nun sollte mein Charakterbild, nicht mehr von der Parteien Haß und Gunst verwirrt und nicht mehr in der Geschichte schwankend, sondern ganz eindeutig als das eines ausgesprochenen Tschechenfeindes überliefern, und schon vor dem Krieg hat es diese Mission erfüllt, indem es einer aus eben jener Geistesmitte in einer Hochschulzeitschrift den Tschechen denunziert hat mit dem eingestandenen Zwecke, zu verhindern, daß die tschechische Presse fürder Notiz von mir nehme. Und nach dem Krieg, als ich, auf das kurze Gedächtnis meiner Prager Kenner spekulierend, mich an die Tschechen anbiedern wollte, wurde es mir (vielleicht von derselben Feder) als Dokument entgegengehalten. Es war mein eigener Text, ja mein eigener Druck, den ich wiedererkennen mußte, die Stelle war angestrichen und der Absender hatte an den Rand geschrieben: »K. K. der jetzige Tschechenfreund!«. Daß es mir wenigstens nicht gelänge, mich über diesen krassesten meiner Widersprüche hinwegzuschwindeln. Gelingt es mir aber trotzdem, so würde ich doch meinem Schicksal nicht entgehen, da ja künftig jeder Leser mir nun die Seite angestrichen ins Haus schicken könnte, auf der ich soeben zugegeben habe, daß ich mich eines krassen Widerspruchs schuldig machte. (Und doch wieder von dem Lande gesprochen habe, wo die Tschechen sich so heuchlerisch gebärden.) Da hülfe mir dann nichts mehr. Außer, ich kehre zu der Methode älterer Ironiker zurück, deren beißender Spott auch dem Minderbemittelten zugänglich war, indem sie sich einen Setzerlehrling hielten, der ihnen mit einer Anmerkung in die Rede fiel, ei ei oder hi hi machte, guck guck oder schau schau, und der in diesem Falle todsicher ausgerufen hätte: »Bei den Tschechen? Soll wohl: Bei den Deutschen heißen? Anm. d. Setzerlehrlings«. Ich glaubte mit zwei Gedankenstrichen mein Auslangen zu finden. Einer wäre mehr gewesen. Dieser, oder der Setzerlehrling, oder irgendeine Bitte an den Leser, mich nicht mißzuverstehen, da ich's ja nur ironisch meine, und dieser böhmische Löwe sei gar kein Löwe, sondern bloß eine Retourkutsche gegen die Deutschen – so irgendwas, oder Gänsefüßchen und Eselsohren, alles, nur nicht die Sprache selbst, es hätte mich vor jedem Mißverständnis bewahrt oder ich hätte mir wenigstens bei den Tschechen nicht geschadet, welche zwar nicht Deutsch verstehen, aber immerhin doch besser als die Deutschen.

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