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Gedichte und Aufsätze zur deutschen Sprache

Karl Kraus: Gedichte und Aufsätze zur deutschen Sprache - Kapitel 23
Quellenangabe
typeessay
authorKarl Kraus
titleGedichte und Aufsätze zur deutschen Sprache
publisherVerlag Volk und Welt
year1971
correctorreuters@abc.de
senderRoland Welcker
created20070725
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Schändung der Pandora

Es ist vielleicht noch auszurechnen, wie viel Zeit und Blei in der großen Zeit und im neuen Deutschland durch die Ausrottung der meisten Apostrophe in den Druckereien schon für Munitionsbeschaffung und sonstige Kriegsdienstleistung gewonnen wurde. In der Insel-Ausgabe der »Pandora« hat das Verfahren – bei allerlei kunstgewerblicher Entschädigung – die volle Anschaulichkeit einer Tempelschändung. Dieses Sprachheiligtum dürfte auf Goethes Volk ohnedies durch die Weisung des Prometheus Eindruck gemacht haben: »Nur Waffen schafft! Geschaffen habt ihr alles dann«, wobei freilich bereits der Nachsatz: »auch derbster Söhne übermäß'gen Vollgenuß« auf immer stärkere Zweifel stößt. Der deutsche Apostrophenraub, der den Indikativ »ich raub'« nicht mehr vom Imperativ »raub« unterscheiden läßt und gar den Konjunktiv des Imperfekts »ich schrieb'« nicht mehr vom Indikativ »ich schrieb«, macht jede moderne Ausgabe eines Klassikerwerkes schon zur Augenqual, wenn nicht zur vorgestellten Ohrenpein. Abgesehen von der Verwechslungsgefahr, welche manchmal durch den Sinn paralysiert wird, ist das eindeutige Monstrum eines »ich bänd« unerträglich. Diese Zeitsparmaschinen ahnen nicht die Bedeutung eines im Apostroph nachschwingenden Vokals und setzen auch getrost ein raumhaftes »lang« für das zeithafte »lang'«, ohne daß doch in beiden Fällen »lank« zu sprechen wäre. Der Inseldruck der »Pandora« ist ferner dadurch ausgezeichnet, daß das Ende der Dichtung genau bis zum Rand einer rechten Seite reicht, so daß der keinen Abschluß gewahrende, von keiner Abschlußlinie gewarnte Leser die Rede des Eos fortsetzen möchte und umblättert, um das Fragment weiterzulesen, wodurch das Pathos dieses wundervollen Ausgangs zerknickt wird. Die primitivste, von der stilistischen Notwendigkeit erschaffene Druckerregel, daß ein Abschluß von weither sichtbar sei und ein Werk weder rechts unten noch links oben ende, damit eben der Leser rechtzeitig den geistigen Atem auf das Ende einstelle, wird hier mit einer den erhabenen Schlußton, den Gedanken tötenden Ruppigkeit mißachtet. Der Leser muß vollends glauben, daß noch etwas komme, weil er ja noch Blätter in der Hand hält, welche ihn dann freilich mit einem bloßen »Schema der Fortsetzung« überraschen. Der Umstand, daß die »Pandora« ein Fragment ist, also ein Werk, dessen Abschluß aus keinem dichterischen Plan erfolgt war, könnte den Barbarismus nicht als Absicht rechtfertigen, da der Teil als solcher kein Fragment ist; auch wenn noch einer käme, wäre ja jener zu Ende und dürfte nicht rechts unten zu Ende sein. Es ist nichts als Fühllosigkeit, deutsche Raumgewinnsucht und jene typographische Unfähigkeit, die mir seinerzeit die »Luxusausgabe« der Chinesischen Mauer zu einem sechs Monate währenden Leidenskapitel gemacht hat. Von einem Wiener Sachverständigen mußte die berühmte Leipziger Firma (Poeschel & Trepte, deren dekorativen Leistungen auf der »Bugra« Feuilletons in deutschen Blättern gewidmet wurden und die eine der Nährmütter des bibliophilen Snobismus ist) immer wieder belehrt werden, wie man den Satz mit dem auf jene Art ruinierten Schluß (damals links oben, statt rechts Mitte) umgestalte; wie man Zitate einzustellen habe; daß das Wort »neugeboren« nicht nach »neuge« abzuteilen sei u. dgl. Doch sind dies – abgesehen von der Vernichtung des Schlußgedankens Dinge, die hauptsächlich nur die Ehre des Druckers berühren. Was aber das Heil des Geistes, die Sicherheit des textlichen Bestandes anlangt, so läßt sich summarisch behaupten, daß in Deutschland das Schicksal der deutschen Klassiker besiegelt ist; denn kein Vermerk »Vor Nachdruck wird gewarnt« (der hier kein materielles Autorrecht mehr zu schützen hätte) bewahrt das geistige Gut vor Einbruch. Welche Instanz aber sollte auch den Dichter gegen die Gefahren des Nachdrucks schützen, den Leser davor warnen, da jedem Greisler dessen Vorteile zustehen? Ist einer dreißig Jahre tot, so fressen ihn, zugunsten der Volksbildung, die Verleger. Bezeichnend für die stumpfe Ahnungslosigkeit der »Herausgeber«, der für Leichenschändung bezahlten Ausgräber, wären hunderte von klassischen Versen und Sätzen. Das eindringliche Beispiel aus Lichtenberg, das durch die Jahrzehnte fortgewälzt wird, habe ich einmal graphisch illustriert; jammervolle Verwüstungen am Worte Goethes, Jean Pauls, Schillers könnte ich zitieren. In der heiligen »Pandora« hat der Inselmensch den Setzer an einem der bedeutendsten Verse sich austoben lassen oder, weil er den Gedanken für einen Druckfehler hielt, bewußt und gewissenhaft die nichtswürdigste Änderung bewerkstelligt. Prometheus ruft den Kriegern zu:

Auf! rasch Vergnügte,
Schnellen Strichs!
Der barsch Besiegte
Habe sichs!

Der Dichter nennt mit einer kostbaren Abbreviatur, die an sich schon dem kriegerischen Wesen gerecht wird, die Nutznießer eines Sturmlebens, worin der Tag gepflückt und halbgenossen vertan wird – eine ganze, in Weinfässer mündende Offensive ist darin –: »rasch Vergnügte«. Dem Drucker oder dem herausgebenden Literaten schien's richtiger und logischer so:

Auf, rasch! Vergnügte,
Schnellen Strichs!

Der barsch besiegte Gedanke habe sichs! Die Krieger sind schlechthin vergnügt, weil's immer feste druff geht. Die Leser gleichfalls. Und ich wette hundert versenkte Tonnen gegen eine, daß diese Wiederherstellung den Insel-Verlag und die nach dessen Vorlage weiterdruckenden Händler nicht hindern wird, die deutschere Version beizubehalten.

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