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Gedichte und Aufsätze zur deutschen Sprache

Karl Kraus: Gedichte und Aufsätze zur deutschen Sprache - Kapitel 22
Quellenangabe
typeessay
authorKarl Kraus
titleGedichte und Aufsätze zur deutschen Sprache
publisherVerlag Volk und Welt
year1971
correctorreuters@abc.de
senderRoland Welcker
created20070725
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Sakrileg an George
oder
Sühne an Shakespeare?

Selbst der, der nicht staunend vor der Pathologie des Geisteslebens einer Gesamtheit steht, sondern Dekaden für grassierende Kulturseuchen als Einrichtung anerkennt; selbst der, der allerlei Erbschaft des neunzehnten Jahrhunderts zwischen Dionysischem und Psychologischem noch in der Reduktion auf Kunstgewerbe, Feuilleton und Regie als geistige Daseinsmöglichkeit begreift; selbst der, der alles bejaht, was die Giftmischerin der Menschheit, die Tagespresse, als ihren Zweck oder Vorwand betreibt – selbst der steht ratlos vor dem Begriff Stefan George. Das heißt, nicht so sehr vor der Erscheinung als solcher, die zu durchdringen ja nicht so schwer ist wie die Esoteriker vermuten, sondern vor dem Phänomen, wie dieser Kredit der Undurchdringlichkeit zustandekam, mehr noch: wie es jenseits der durchgehaltenen Ehrfurcht vor einer durchgehaltenen Gebärde – oder sagen wir, der berechtigten Schätzung einer Energie –, wie es jenseits der Begeisterung einer Zivilisation für den, der ihr in unkontrollierbare Schönheitsgegend entwich – wie es gelingen konnte, diesen Begriff Stefan George noch dort zu züchten und unversehrt zu erhalten, wo nur der geringste Versuch unternommen wurde, ihn in die allergefährlichste Verbindung zu bringen: in die mit dem Begriff der Sprache, als eines Elements, von dem wahrscheinlich in jedem andern Lebensgebiet mehr enthalten ist als in der Literatur, ihre sämtlichen Nobelpreisträger und Nobelpreisträgerkandidaten inbegriffen. Denn daß einer journalisierten und auf jeglichen Humbug dressierten Öffentlichkeit die abweisende Aufschrift eines Werkes: »Unbefugten ist der Eintritt verboten« – zumal mit kleinen Anfangsbuchstaben – hinreicht zu dem Glauben, was dort getrieben wird, sei Fug; und daß ein profanum vulgus automatisch den heilig spricht, der odisse et arcere behauptet, das wäre ja zur Not aus einem, namentlich in Mitteleuropa vorrätigen Drang der Masse nach Subalternität zu verstehen. Ein tieferes Mysterium jedoch als die vermuteten Geheimnisse ist die Möglichkeit einer Erkennung sprachlichen Wertbestandes innerhalb einer rein kunstgewerblichen Angelegenheit, die von einem außergeistigen Willen bestimmt und mit beträchtlicher Folgerichtigkeit geführt wird. Ich kann nicht finden, daß dieser Aufwand an Zucht auch nur im geringsten sprachlich wirksam wäre. Die versprengten lyrischen Zeilenwerte, dem Vorsatz zur Vereinfachung, zum Volksliedhaften entstammt, als dem immerhin vorstellbaren Erlebnis eines Verschnörkelten, eines sakral Ornamentierten – diese Stäubchen Goldes wiegen auf der Waage meines Sprachbewußtseins ja doch die massige Mühsal nicht auf, deren geistiger Inhalt und Sprachwert mich keineswegs als die Flucht aus der Zeit in die Ewigkeit überzeugt, aber durchaus als die Flucht eines Zeitgenossen ins Hieratische, als die Ausflucht dessen, der vor der ewigen Gefahr der Sprache im sichern Hort des Kommerz- und Journalstils geborgen ist und von diesem Zustand durch gewisse Zeremonien ablenken möchte. Solches, trotz und mit allem Feinschmeckertum für ausgediente deutsche Vergangenheitswörter, an tausend Beispielen von Sprachferne und Zeitnähe zu erweisen – zu solchem Sakrileg bin ich erbötig. Aber es genügen vorläufig Teile von jener besonderen Geistestat, deren Bewunderung, deren unbehinderte Möglichkeit ich zu den gravierendsten Fakten der deutschen Kulturgeschichte zähle. Es handelt sich um die Übersetzung, genannt Umdichtung, der Sonette Shakespeares. Daß ein verbreitetes Bedürfnis nach Denkmalschändung, wie es auf den Bühnen namentlich in der Zurichtung Shakespeares und Offenbachs sich geltend macht – unter dem Vorwand zeitlicher Anpassung: wiewohl an den Resultaten nichts der Zeit angepaßt ist als der Drang, der sie bewirkt hat, nichts aktuell als die Büberei um ihrer selbst willen –; daß ein solches Bedürfnis nicht nur Shakespeares Dramen, sondern auch die schöpferische Leistung der Schlegel und Tieck den Worttaten von Kommis oder libertinischen Oberlehrern ausgeliefert hat, ist trostlos. Aber es ist nichts im Vergleich zu dem, was mit den Sonetten, Shakespeares persönlichster, verwundbarster Partie, gewagt wurde, deren Nachdichtung schon die ganze Literatur hindurch eine widerliche Veräußerlichung des erotischen Problems, eine Verödung des Dämons, eine Versimplung des Genius vorstellt, kurzum eine Mischung von Dilettantismus und Spießbürgerei, in einer Art, daß es vielleicht noch zweifelhaft sein konnte, ob die Täter aus dem Englischen, aber klar sein mußte, daß sie höchstens gesinnungsmäßig ins Deutsche übersetzt haben. Durch alle Varianten der Banalität – welch ein Geklapper diese angehängte Sentenz; welch eine Übereinstimmung in dem Unvermögen, der shakespearisch zusammenfassenden Gewalt des Abschlußreimes habhaft zu werden! Doch unfaßbar die Ausdauer der Respektlosigkeit, beinah selbst Respekt gebietend (mindestens würdig dessen, was in der Sprache Geores »ein Gestaun« heißt); bewundernswert der immer neue Aufwand von Strapaze, da der Doppelfrevel an Shakespeare und der deutschen Sprache zumeist in der Benützung und Verschlechterung des Vorgängers betätigt erscheint. In keinem Gebiet gesellschaftlichen Schaffens wäre ja doch die Usurpation durch die leibhaftige Unberufenheit in dem Maße und mit der Selbstverständlichkeit wie in dem der professionellen Sprachübung, deren Instrument Gemeingut ist und darum jeden, der eine Zunge hat, zum Fachmann macht. Die Übersetzungen der Shakespeare-Sonette zeigen, wie kaum ein deutsches Original, was die Sprecher der tiefsten und schwierigsten Sprache dieser für würdig, innerhalb ihrer für möglich halten, und was man in Deutschland unter einem Gedicht, unter einem Vers, unter einem Reim versteht. Sie beruhen auf der Vermessenheit lyrischer Nullen, Shakespeare-Empfindungen, die in der Glut zwischen Jüngling und Dame kreuzen – Sehnsucht nach Erhaltung des männlichen Schönheitsbildes, Eifersucht, die das weibliche umloht – kurz das lebendige Chaos in das eigene sprachliche Nichtdasein zu domestizieren. Oder sie bestehen mit der gleichen Nichtbeziehung zum Pathos in dem Unternehmen, eine scheinbare Wörtlichkeit mit Prokrustesmitteln ins Versbett zu bringen, den Leichnam der Wortgestalt auf die Versfüße: eine Idiotie, die das Eigenleben zweier Sprachen negiert, ein Gedanke, an dem sich das Unvermögen, in beiden zu denken, entschädigt. Wahres »Über-Setzen« könnte natürlich nie von dieser fixen Ideelosigkeit ausgehen, nur von dem Plan, der bisher den Bodenstedts überlassen war: schöpferisch zu ersetzen, in das eigene Erlebnis zu versetzen. Es wäre ein Nachdichten, das durch doppelte Bindung sich mit weit größerer Verantwortlichkeit zu beglaubigen hätte als das Dichten im eigenen Erlebnisraum; es wäre der Versuch, Gefühle und Gedanken so in jener des Nachfühlenden und in die der andern Sprache zu übertragen, so daß der Eindruck zwingend werde, der Dichter hätte, in dieser Welt und Sprache lebend, nicht anders gedichtet. Es käme da auf die Kraft an, den Atem zu erhalten, die Lebensfülle zwischen den Worten und nicht deren Identität, die doch in der anderen Sprache eine andere Beziehung ergibt; und da die Schwierigkeit vor allem in der Bewältigung der einfachsten aller Sonettformen gelegen ist und mit ihr in der Einförmigkeit des gleichartigen Erlebnisinhaltes, so wäre weit und breit nur die Gefahr zu erkennen, daß das Nachgedicht besser würde, shakespearehafter – denn die größere und häufigere Gefahr, daß es schlechter würde, hat durch rechtzeitige Scham die Produktion zu verhindern, oder die Achtung des Ungehemmten, der sich am Geist vergriffen hat, zur allgemeinen Kulturpflicht zu machen. Denn wenn schon jeder ein Dilettant auf eigene Faust sein darf, weil das Gemeingut der Sprache kein Rechtsgut ist, so dürfte doch selbst im Umkreis einer schäbigen Staatsaufsicht, die, wenn's ihr paßt, jeden Krempel bewacht und selbst nichts ist als boshafte Beschädigung fremden Eigentums – so dürfte doch keiner ungestraft Dilettant am fremden Geisteswerk sein, weil ein solcher strafbarer erscheint als der Pfuscher, Fälscher, Dieb am materiellen Gut. Stefan George ist ein Verwörtlicher, dem es von der Natur nicht gegeben ist, jenem Unikum der Geistesgeschichte nahezukommen, das der Fall Schlegel-Tieck vorstellt durch die Erschaffung gleichsam einer dritten Sprache als eines Amalgams. Man soll sehen und hören, wie dieser gebenedeite Schönheits-Sucher, der sie noch nicht gefunden hat, wie dieser Hohepriester des Unglaublichen, dieser Erdferne, der bei Lebzeiten die Äonen vorwegnimmt, in denen seine Spur untergehen wird – wie er es zustandegebracht hat, die »Anbetung vor der Schönheit« und den »glühenden Verewigungsdrang«, eben das, was er vorwörtlich als den Gehalt der Shakespeareschen Sonette erkannte, aus diesen zur Anschauung, zur Anhörung zu bringen. Dieses Werk, 1909 erschaffen, hat mit einer bescheidenen Auflage den Weltkrieg durchgehalten. Unmittelbar nach ihm, ›und wenn die Welt voll Teufel wär', neu erstanden, hervorgeholt in den Tagen, da alles Deutschtum Zuversicht in George suchte, macht es den Eindruck eines Planes kultureller Vergeltung, in dem Sinne, dem damals noch verbreiteten Wunsch, daß Gott England strafen möge, die Tat auf dem Fuße folgen zu lassen. War dies der Fall, so ward, Gott sei's geklagt, die Rute schwerer gezüchtigt; das Deutsche hat noch mehr gelitten. Ich, der in so vielen Lebensgebieten Schmach und Gram empfindet, die aus den Fugen geratene Zeit einrichten zu sollen – dies noch immer in Schlegelscher Übersetzung –, ich bin nach dieser Tat, und nach dem Vergleich mit früheren und späteren Taten deutscher Kriegführung gegen die eigene Sprache, zu dem Entschlusse gelangt, es mit Shakespeare zu versuchen und mit George aufzunehmen, wozu ich nicht so sehr der Kenntnis des Englischen als des Deutschen bedarf. Das Englische gibt mir George. Da ich nun an einigen Beispielen einer Gegenüberstellung Anhörungsunterricht erteilen will, Sprachlehre im wahren Sinn der Sprache, so besteht die Gefahr, daß eine karikierende Absicht der Hervorhebung vermutet werde. An dieser bin ich aber unschuldig, sie stammt, wie der nachprüfende Anschauungsunterricht jedem Hörer bestätigen kann, von einem Lyriker, der eine so eigenartige Beziehung zur Sprache unterhält, eine so eigenartige Auffassung von der Natur des Verses betätigt, daß er grundsätzlich das gedanklich in Unbetonte in die Hebung und das Betonte in die Senkung bringt, so daß ich, um den Vers richtig zu sprechen, den Gedanken falsch skandieren muß. Es geschieht bei George nicht durch Wahl, sondern durch Zwang, er kann sich nicht anders helfen und ich infolgedessen auch nicht. Die reizvolle Schwierigkeit der kleinen Anfangsbuchstaben – der ich den ganzen Zauber zuschreibe – läßt sich dem Hörer leider nicht vermitteln. Das ist bedauerlich; der Leser kann sie für Konstruktionen wie »dein schlimm« oder »jed gut« ohneweiters nachholen. Es ist eine harte Schule, in die das Sprachgehör genommen werden soll, die es aber hoffentlich leichter durchmachen wird als der Glaube, der immer sitzen bleibt; denn es ist nicht nur eine Exekution mit Beweisen, deren Kraft dem Glauben an die Sprache entstammt, sondern einmal auch der Anspruch der Kritik, es besser machen zu können. Als ich ihn kürzlich in München erhob, soll die Meinung laut geworden sein, ein solches Beginnen sei nicht sittlich, wenn Stefan George nicht persönlich zugegen sei. Wiewohl er ohne Zweifel die Möglichkeit hat, der Drucklegung, bei der er gleichfalls nicht persönlich zugegen ist, sei es durch eine Antwort, sei es durch bessere Sonette zu entgegnen, so bedauert niemand mehr seine Abwesenheit als ich, der ich ja noch selten das Glück hatte, daß eines meiner Themen im Saal anwesend war. Wenn ich die geringste Aussicht gehabt hätte, daß jener vom Teppich des Lebens oder von den Pilgerfahrten, vorn Stern des Bundes oder aus dem siebenten Ring den Weg in einen profanen Vortragssaal würde, so hätte ich ihn gern eingeladen, sich einmal seine Sonette anzuhören, den Hochgesang von der »weltschaffenden Kraft der übergeschlechtlichen Liebe«, den er nachgedichtet hat für jene, die, wie er sagt, von ihr »nicht einmal etwas ahnen können«. Ich traue mir schon zu, daß ich auch ihm eine Ahnung beigebracht hätte. Und damit die Fähigkeit zu der Entscheidung, was mein Tun eher bedeute: Lästerung des Hohepriesters oder Reinigung des Heiligtums, das er entweiht hat; Sakrileg an George oder Sühne an Shakespeare!

Die Ausdehnung der Literatur im Volke wird von ihr überschätzt. An Hauptmann wurde, gewiß nicht unzutreffend, kürzlich durch eine Enquete nachgewiesen, daß ihn »das Volk nicht kennt«. Das hindert einen ignoranten Schmock nicht, in der gleichen Berliner Zeitungsnummer von Herrn George auszusagen, daß ihn »das Volk liebt«. Die Menschen seien »zu zählen, die diesen Mann schon von Gesicht zu Gesicht gesehen haben« ; aber jene seien nicht zu zählen, »die seine Gedichte sich vormusiziert haben«. Und solche Gegenüberstellung spreche für den Mann sowohl wie für das Werk. Wir wollen heute eine andere Gegenüberstellung sprechen lassen und versuchen, uns Georgesche Gedichte vorzumusizieren.

Der Anhörungsunterricht, der von dem Gedanken ausgeht, daß, wer nicht fühlen will, hören soll, erfolgt nach der Methode der Gegenüberstellung. Vor dieser ist es leider unerläßlich, für die Art, wie die Shakespeare-Sonette in der Zeit vor George übersetzt wurden, ein Beispiel Bodenstedts anzuführen, dessen leere Bildungssprache zwar in keinem Fall das Nachgedicht als Gedicht, aber doch auch nicht als Mißgeburt erkennen läßt:

CXVI

Nichts kann den Bund zwei treuer Herzen hindern,
Die wahrhaft gleichgestimmt. Lieb' ist nicht Liebe,
Die Trennung oder Wechsel könnte mindern,
Die nicht unwandelbar im Wandel bliebe.

O nein! Sie ist ein ewig festes Ziel,
Das unerschüttert bleibt in Sturm und Wogen,
Ein Stern für jeder irren Barke Kiel,
Kein Höhenmaß hat seinen Wert er wogen.

Lieb' ist kein Narr der Zeit, ob Rosenmunde
Und Wangen auch verblühn im Lauf der Zeit –
Sie aber wechselt nicht mit Tag und Stunde,
Ihr Ziel ist endlos, wie die Ewigkeit.

Wenn dies bei mir als Irrtum sich ergibt,
So schrieb ich nie, hat nie ein Mann geliebt.

George ist da viel moderner:

Man spreche nicht bei treuer geister bund
Von hindernis! Liebe ist nicht mehr liebe
Die eine ändrung, säh als ändrungs-grund
Und mit dem schiebenden willfährig schiebe

O nein, sie ist ein immer fester turm
Der auf die wetter schaut und unberennbar.
Sie ist ein stern für jedes schiff im sturm:
Man mißt den stand, doch ist sein wert unnennbar.

Lieb' ist nicht narr der zeit: ob rosen-mund
Und -wang auch kommt vor jene sichelhand ...
Lieb' ändert nicht mit kurzer woch und stund,
Nein, sie hält aus bis an des grabes rand.

Ist dies irrtum der sich an mir bewies,
Hat nie ein mensch geliebt, nie schrieb ich dies.

Abgesehen davon, daß »treue Geister« dienstbare Geister sind; daß sich wohl Tag und Stund, Jahr und Stund, Mond und Stund, aber nicht Woch und Stund dichterisch verbinden; abgehört von allem Ungetüm der Sprache, von dem unmöglichen Konjunktiv präsentis nach dem richtigen Konjunktiv imperfecti: Liebe ist nicht mehr Liebe, die säh und schiebe (statt, wenn dies Greuel schon gedichtet sein soll, »schöbe« oder mit indikativer Nuance »schiebt«) – abgehört davon und bei aller Wörtlichkeit ist der Schluß mißverstanden und verdorben. Der vorletzte Vers

Ist dies Irrtum der sich an mir bewies

ist unschwer zu verbessern:

Ist Irrtum dies, der sich an mir bewies

dann klänge es umso schöner weiter:

Hat nie ein Mensch geliebt, nie schrieb ich dies.

Es klingt aber nur (selten genug bei George). Der weit und breit einzige gute Reim beruht auf einem Mißverständnis. Denn Shakespeare will, sich beglaubigend, sagen: Wenn dies, mein Treuegelöbnis, unwahr ist, so habe ich nie etwas geschrieben. George sagt: Wenn dies, mein Treuegelöbnis, ein Irrtum ist, ziehe ich es zurück.

CXVI

Nichts löst die Bande, die die Liebe bindet.
Sie wäre keine, könnte hin sie schwinden,
weil, was sie liebt, ihr einmal doch entschwindet;
und wäre sie nicht Grund, sich selbst zu gründen.

Sie steht und leuchtet wie der hohe Turm,
der Schiffe lenkt und leitet durch die Wetter,
der Schirmende, und ungebeugt vom Sturm,
der immer wartend unbedankte Retter.

Lieb' ist nicht Spott der Zeit, sei auch der Lippe,
die küssen konnte, Lieblichkeit dahin;
nicht endet sie durch jene Todeshippe.
Sie währt und wartet auf den Anbeginn.

Ist Wahrheit nicht, was hier durch mich wird kund,
dann schrieb ich nie, schwur Liebe nie ein Mund.

George übersetzt das erste Sonett, das erste der sogenannten »Fortpflanzungssonette«, in denen der Dichter dem Jüngling zur Verehelichung zuredet:

I

Von schönsten wesen wünscht man einen sproß

»Von schönsten Wesen« gibt es nur in der Kommerzsprache; bei Artikeln hat der Superlativ keinen Artikel: Schönste Wesen hier vorrätig. Überdies ist der Superlativ falsch eingestellt, so daß er das Gegenteil bedeutet: Von den schönsten Wesen wünscht man einen Sproß, warum nicht sogar von dir? Und mit solchem Vers begann George das Werk!

Daß dadurch nie der schönheit rose sterbe:
Und wenn die reifere mit der zeit verschoß
Ihr angedenken trag ein zarter erbe.

Doch der sein eignes helles auge freit
Du nährst dein licht mit eignen wesens loh,
Machst aus dem überfluß die teure-zeit,
Dir feind und für dein süßes selbst zu roh.

Du für die welt jezt eine frische zier
Und erst der herold vor des frühlings reiz:

»Erst der Herold« des Frühlings, also weniger als dieser.

In eignet knospe gräbst ein grab du dir
Und, zarter neider, schleuderst weg im geiz.

Gönn dich der welt! Nicht wie ein schlemmer tu:
Eßt nicht der welt behör, das grab und du!

Des Wesens Loh und die Teure-Zeit: alles hat doch im Kunstgewerbe Raum!

I

Ein schönes Wesen wünscht man fortgesetzt,
daß nie der Schönheit Rose ganz vergehe,
und welkt sie durch die zeit, daß unverletzt
im schönen Sproß das Schöne auferstehe.

Du aber, nur dem eignen Strahl verbunden,
du, nur genährt, verzehrt von deinem Glanze,
du hast, dich neidend, deinen Feind gefunden,
der dir im Allbesitz mißgönnt das Ganze.

Du, der die Welt beglückt mit jedem Reiz,
des Frühlings Herold, der mit vollen Händen
versagt im Spenden, du gewährst dem Geiz,
dich endlich in dir selber zu verschwenden.

Gewähre dich der Welt, der zugehört
die Schönheit, die das Grab der Zeit verzehrt.

V

Die stunden die mit holdem Werk umziehn
Liebliche schau drauf jedes Auge ruht
Entzieren was am zierlichsten gediehn
Und treffe ganz das gleiche ding mit wut.

Den sommer treibt die zeit die nimmer steht
Greulichem winter zu und tilgt ihn dort:
Saft dürr im Frost und üppig Laub verweht!
Schönheit vereist! Kahlheit an jedem ort!

Doch bliebe flüssig nicht in glases haft
Als geist zurück des sommers filterung,
So wär mit schönheit auch der schönheit kraft
Geraubt – es schwände selbst erinnerung.

Doch geist der blumen, ob auch winter grüße,
Entbehrt nur form: es lebt die innre süße.

Wann hätten sich, in Ding und Wort, jemals »Filterung« und »Erinnerung« gereimt? Und Winter grüßt nicht, tut nicht dem Reim zuliebe, was der Frühling tut; sondern dräut, wütet u. dgl. Selten dürfte ein holdes Werk so mit Wut getroffen und »entziert« worden sein. Saft dürr! George schildert den Winter mit Rufzeichen. Er behält recht: Schönheit vereist! Kahlheit an jedem Ort! Ich habe mich bemüht, die innere Süße zu erhalten.

V

Das Werk der Zeit, das unsern Sinn entzückt,
den Augen Wonne, dem Verstand ein Wunder,
tyrannisch wird es von ihr selbst entrückt,
zerstückt, zerpflückt und abgetan zum Plunder.

Nicht ruht die Zeit und treibt das Sommerglück
in Winterelend, um es zu verderben.
Natur erstarrt in Frost, und Stück für Stück
muß unter Eis und Schnee die Schönheit sterben.

Und bliebe nicht des Sommers süßer Geist
im Glase als ein schmerzlich blasses Wähnen,
dann lebte nichts, was Schönheit uns beweist,
und kein Besinnen bliebe und kein Sehnen.

So aber wirkt, wenn Winter noch so wüte,
der Sommer fort in seines Wesens Blüte.

Es ist ein einfaches Landschaftsbild. Nun aber soll die Anwendung des Landschaftlichen auf das Menschliche kommen, angeschlossen bei Shakespeare mit »darum«. Das hat George verfehlt:

VI

Sei nicht durch winters knorrige hand verdorrt
Dein lenz eh deinen duft ein filter faßt!
Mach eine phiole süß! schmück einen ort
Mit schmuck der schönheit eh sie in sich blaßt!

Der nutz ist nicht verpönt als wucherlich
Der den beglückt der zahlt für williges lehn.
Erzeuge für dich selbst ein andres ich –
Und zehnmal mehr glück, sinds statt einem zehn!

Du wärst zehn mal beglückter als du bist
Wenn zehn von dir dich zehn mal dargestellt.
Was nimmt der tod wenn deine zeit um ist
Da er dich lebend läßt für spätre welt?

Sei nicht selbst willig: du bist viel zu hold
Für todesbeute und der würmer sold.

»Sei nicht« (1. Vers) ist nur als Imperativ fühlbar, unmöglich für »Es sei nicht«. Im vorletzten Vers ist es richtig angewendet (Sei nicht so). Mach eine Phiole süß: abgehört davon, daß da zwei Silben mit einer Klappe getroffen sind, bleibt die Frage offen, ob eine Phiole süß gemacht oder eine Phiolesüß gemacht werden soll. »Drum« macht man es besser gleich so:

VI

Drum, eh der Winter deinen Sommer kränkt,
sollst seinen Duft in ein Gefäß du fassen.
Von dir ein Abglanz sei von dir geschenkt
der Welt, bevor der Glanz ihr muß erblassen.

Vermehrung ist nicht Wucher, wenn gewillt
zum Dank man schuldet. Daß dein Gut du mehrst,
gewährt von deinem Wesen uns ein Bild,
Und zehnmal schöner, wenn du zehn gewährst.

Und zehnmal größer wär' dein eigen Glück,
könntst zehnfach sehn du jedes von den zehn.
Dann blickst getrost du auf dich selbst zurück,
und trotz dem Tod siehst du dich fortbestehn.

Weit besseren Entschluß soll Schönheit fassen,
als nur den Würmern sich zu hinterlassen.

Sonette an die Dame:

Von welcher kraft hast du die mächtige kraft
Daß unvollkommenheit mein herz regiert,
Ich wahres schaun bezeichn als lügenhaft
Und schwöre daß das licht den tag nicht ziert?

Woher nimmst du fürs schlechte wohlgestalt
Daß noch sogar im abhub deiner tat
Soviel gewähr von kunst ist und gewalt,
Mein geist dein schlimm mehr als jed gut bejaht?

Was ists das mich dich mehr zu lieben zwingt
Je mehr ich grund zum hassen hör und blick'?
Wenn meine lieb auch Andren abscheu bringt
Verabscheu nicht wie andre mein geschick!

Wenn dein Unwert die lieb erweckt in mir
Bin ich mehr wert geliebt zu sein von dir.

Aber, aber! Das Mehr in »mehr als« und »mehr wert« verlangt die Hebung (wie in »mehr zu lieben« und »Je mehr ich«), nicht zu verwechseln mit »nicht mehr« oder »nur mehr«, welche Verbindung ich nicht einmal durch einen Zeilenumbruch trennen ließe, damit das unbetonte »mehr« keinen Ton erhalte. Wie anders George! Und doch wird es Leute geben, die sein schlimm mehr als jed gut von mir bejahen, zum Beispiel als dieses:

CL

Sag, welche Macht gab dir die Allgewalt,
daß deine Schwäche meine Kraft zerbricht?
daß ich ein Trugbild schwöre zur Gestalt
und mir die Nacht erscheint als Tageslicht?

Sag, was bewirkt den Zauber des Gesichts,
den Schein, der so dem Schlechten ward verliehn,
daß nichts verbleibt, als dein verwünschtes Nichts
der Tugendfülle andrer vorzuziehn?

Wie kommt's, daß stets mit heißern Liebesflammen
gerechter Grund zum Haß mein Herz entflammt?
Wenn alle mich und dich darob verdammen,
von dir allein drum sei ich nicht verdammt.

Daß ich nach deinem Unwert so begehrt,
das wahrlich macht mich deiner Liebe wert!

Und die beiden Gedichte, in denen Shakespeare zwischen dem Willen der Dame und seinem Vornamen Will ein entzückendes Wortspiel treibt! George ist ein Wortspielverderber, indem er es sofort verrät, den Willen ausnahmsweise groß schreibt und auch im Dativ und Akkusativ zum »Will« dekliniert; noch plumper als die andern, die aber alle wie der Ungar in der Anekdote mit der Pointe herausplatzen.

CXXXV

Man che hat ihren wunsch – du deinen Will
Und Will dazu und Will noch obendrein.
Ich überflüssig tu dir die unbill
Bei deinem süßen willen auch zu sein.

Läßt du nicht, mit dem willen weit und groß,
Einmal in deinem meinen willen ruhn?
Magst du genehmigen andrer willen bloß,
Und meinem willen nicht die ehr antun?

Die see ganz wasser trägt den regen still
Und hält, schon voll, den zufluß noch für wert.
So, Willen-reiche, füg zu deinem Will
Mei nen der deinen großen Will noch mehrt!

Die freundlich bittenden verweis nicht schrill.
Nimm all für eins und mich im einen Will!

Eine schwere Belästigung der Geliebten.

CXXXV

Die, was sie will, auch hat im Überfluß,
dir ist's erfüllt, kein Will' bleibt ungestillt:
bis auf den einen: der sich melden muß,
weil ganz so, wie er heißt, er ist gewillt.

Will denn dein Will', im Walten ungehemmt,
nicht auch den meinen einmal einbeziehn?
Läßt denn der Will' von andern, die dir fremd,
dich mir, weil ich nichts andres will, entfliehn?

Du willst so viel, du gleichst darin dem Meer,
das alle Wasser faßt: so gleich ihm ganz;
die Willensfülle würde mein Begehr
noch mehren, noch ein Will' will Toleranz.

Laß alle wollen, doch gewähr die Bill:
Wo eins der Will', will auch der eine Will.

Auf die folgende Art aber macht sich George ihr noch deutlicher:

CXXXVI

Schilt deine seele dich: ich käm zu nah,
So schwör der blinden seel, ich sei dein Wille.
Und wille, weiß sie, ist mit rechten da.
Soweit, mein lieb, mein liebessehnen stille!

Will will vollfüllen deiner liebe schatz.
So füll ihn voll mit Wills und sei ich einer
Bei dingen großen Umfangs gilt der satz:
In einer zahl sieht einer aus wie keiner.

Wieso denn? Das gilt für eine Anzahl, niemals für eine Zahl!

Bei deiner güterzählung laß mich fern,
Doch unter deinen schätzen dulde mich.
Sieh für ein nichts mich an, siehst du nur gern
Dies nichts als etwas süßes an für dich.

Lieb meinen namen nur, dann bin ich still!
Du liebst dann mich: mein name ist ja Will.

Das wäre kein Kunststück, gemeint ist aber: Lieb deinen Willen nur, dann liebst du auch mich, der so heißt! Da kann man mit Shakespeare nur fragen: Ward je in solcher Laun' ein Weib gefreit? Und darf der liebende Shakespeare leibhaftig in solche Erscheinung treten? Eines Philisters, der nicht Humor, aber die Gabe hat, sich unverständlich zu machen? Gewiß, er geht ihr mit dem Wortspiel förmlich nach, aber er soll sie durch galanten Witz rühren, nicht anöden! Ein Liebessklave, der es mit Geistlosigkeit erzwingen will, wird mit Recht mißhandelt. Doch vielleicht reagiert sie williger auf solches Angebot:

CXXXVI

Wenn's dich verdrießt, daß ich zu nah dir trat,
so mach mit einem Trost den Vorwurf still:
dein eigner Will' verteidigt deine Tat,
was aber wär' ich andres als dein Will?

Und will nichts andres, als den Herzensschatz
vermehren dir, so gut ich eben kann.
Dort, wo so viele finden ihren Platz,
kommt's wahrlich auf den einen nicht mehr an.

Nicht zählen mußt du mich; ich sei dir nichts,
ich bin nicht da; und falle dennoch auf.
Entbehrt mein Wert auch scheinbar des Gewichts,
urn eines Umstands nimmst du mich in Kauf.

Dein Will' sei alles dir; ich dulde still:
du liebst mich, merkst du einst: ich bin dein Will.

Aber nun die Eifersucht auf das Spiel der Geliebten! Was ist aus diesem süßen Liebesgedicht geworden, an dem vor allem bemerkt werde, daß so in der zeitlichen Mitte zwischen Shakespeare und Wedekind jene Laura am Klavier saß.

CXXVIII

Wie oft wenn du, mein klang, die klänge spielst
Auf dem beglückten holz dess regung tönt
Von deiner süßen hand und sanft befiehlst
Der drähte einhall der mein ohr umdröhnt:

Beneid ich diese tasten die mit eil
Das zarte innre küssen deiner hand ...
Indeß mein armer mund, reif für solch teil,
Errötend bei des holzes kühnheit stand.

Um so gestreift zu sein nähm er in kauf
Tanzender schnitze formunggg und befund
Darauf dein finger geht mit sanftrm lauf,
Tot holz beseligend statt lebendigen mund.

Da freches werkzeug so beglückt sein muß
Gib ihm den finger, mir den mund zum kuß.

Umdröhnt ist falsch. Gestreift unmöglich. Befund hoffnungslos. Totholz jede Zeile.

CXXVIII

Wie oft, wenn deine lieben Finger leihen
dem toten Holze der Befühlung Glück
und lassen ihm die Wohltat angedeihen,
die meinem Ohr zuteil wird als Musik,

bin ich ein Bettler bloß vor solchen Tasten,
die spielend küssen deine holde Hand,
dieweil mein stummer Mund, verdammt zum Fasten,
nicht Töne hat wie jener Musikant.

Wie neidet er das Ding, das so genießt
und tief sich bückt, dem süßen Druck ergeben,
und wie's beglückt von Wohllaut überfließt,
weil deine Gnaden totes Holz beleben.

Sei weiter gnädig, doch gerecht auch, und:
gib ihm zum Kuß die Finger, mir den Mund!

VIII

Musik dem ohr, was hörst du musik traurig?

Kein Wunder; es müßte einfach umgestellt werden:

Musik dem Ohr, was hörst Musik du traurig?

Süß kämpft mit süß nicht, lust ist froh mit lust.
Warum du liebst was du empfängst als schaurig
Und gern empfängst woran du leiden mußt!

Schlägt wohlgestimmter töne treue einheit,
Verknüpft zum bunde, quälend an dein ohr:
Sie schelten sanft dich der du in alleinheit
Sie störst, weil deine stimme fehlt im chor.

Merk wie sich eine saite süß verbinde
Der andren, auf sie treff im wechselgang,
Beglückten eltern gleichend mit dem kinde,
Versammelt all zu Einem holden klang.

Wortloser sang, aus vielen, scheint nur einer.
Er singt dir zu: »einzeln wirkst du als keiner.«

Musik, so falsch gesetzt, muß traurig wirken.

VIll

Der selbst Musik hat, dich verstimmt Musik?
Dein süßes Wesen weigert sich der Süßen?
Und bittres Leid genießt dafür das Glück,
als wär's Musik, ins Herz dir einzufließen?

Wird dein Gehör von Harmonien,
so ist's, weil's diese wie ein Mißton störte,
daß du, dich dem Konzerte zu entziehn,
der Einklang bliebst, der Einklang nicht begehrte.

Hör ihn ihn im Spiel verliebter Saiten dort,
bereit, daß holder Tonbund sie vermähle,
wie es sich mehrt, und schwellend zum Akkord,
Entzücken aus der Seele dringt zur Seele.

Mit allen Stimmen schallt es dir im Chor:
»Steht einer einsam, stellt er keinen vor!«

Das wäre freilich erst ein Problem, in welchem Fall einer, der einsam steht, keinen vorstellt, und in welchem Falle doch einen!

Und nun, von manchen noch entstandenen, die ja bald zu lesen sein werden – befreit von George, ein wahres Shakespeare-Sonett, das Sonett mit dem Gelöbnis der Verewigung der Geliebten, das George als Irrtum zurückziehen müßte. Denn er schließt mit dem Versprechen, sie werde fortleben, wenn alle »Haucher« dieser Zeit verwest sein werden.

Dann lebst du noch – mein wirken ist der grund –
Wo hauch am meisten haucht: in menschenmund.

LXXXI

Leb' ich noch an dem Tag, der dich begräbt,
bist du noch da, wenn ich zu Staub zerfallen:
kein Tod hat Macht, und dein Gedächtnis lebt
der Erdenwelt, die lang' vergaß mein Wallen.

Unsterblich bleibst du, wenn ich dich verlasse,
und an mein Ende schließt sich dein Beginn,
weil ich mein Lied von dir zu Herzen fasse
und deine Schönheit in der Nachwelt Sinn.

Mein Vers sei Denkschrift dir, in der zu lesen
noch Ungebornen einstens wird vergönnt;
und wer dann sein wird, weiß, daß du gewesen.
Ich setze dir mein Wort als Monument.

Der Geist, der es erschuf, kann Macht verleihn:
Solange Menschen leben, wirst du sein!

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