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Gedichte und Aufsätze zur deutschen Sprache

Karl Kraus: Gedichte und Aufsätze zur deutschen Sprache - Kapitel 17
Quellenangabe
typeessay
authorKarl Kraus
titleGedichte und Aufsätze zur deutschen Sprache
publisherVerlag Volk und Welt
year1971
correctorreuters@abc.de
senderRoland Welcker
created20070725
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Eingedeutschtes

Ich lese die Oktobernummer der Fackel und da ich gerade erfüllt hin von der Richtigkeit der Ausführungen,

zu schmeichelhaft –

die Eduard Engel in seinem Buche »Sprich deutsch« bringt,

ach so –

erlaube ich mir, ich, sonst ein scheues Mädchen, an Sie ein paar Worte zu schreiben.

Wovon ein junges Mädchen erfüllt sein kann! Sonst scheu, werden sie dann selbst vor mir keck, »von dessen Bedeutung, Gerechtigkeitssinn und erwärmender Güte« diese im Übrigen »durchdrungen« ist. Anstatt nun infolgedessen dem Eduard Engel einen Brief zu schreiben und ihm begreiflich zu machen, daß er trotz seiner Aversion gegen Fremdwörter – jawohl, Aversion – keine Ahnung von der deutschen Sprache hat, muß sie mir schreiben, denn sie ist enttäuscht: sie war ja überzeugt, daß dem Engel »wenn schon überraschenderweise nicht jeder Deutsche, so gewiß die größten unter den großen beistimmen müssen«. Im Oktoberheft der Fackel hat sie – trotz Engel – Fremdwörter gefunden, und das kann sie sich nun ganz und gar nicht erklären. Sie »begreift nämlich nicht«, wieso auch ich »die Aufforderung Engels nicht befolge«, die ich »doch sicherlich kenne«. Und die Erklärung ist so einfach. Das Mädchen ist scheu, wenngleich nicht gescheut. Dies Kind – kein Engel ist so rein – hat denselben gelesen, und »das Nächste, das sie nach dieser gewonnenen Überzeugung in die Hand nimmt«, ist eben jenes Oktoberheft der Fackel, und sie glaubt nun, daß es unmittelbar nach der Lektüre des Engel auch geschrieben sei. Wäre dieses der Fall, so hätte ich mich natürlich zusammengenommen und die Fremdwörter, die mir in die Feder kamen – und Stil ist ja bekanntlich das, was einem in die Feder kommt – selbstverständlich ausgemerzt, das heißt übersetzt. Ich hätte alles »eingedeutscht«, also das getan, was jetzt die besten deutschen Hausfrauen tun, die sich auf einen Winter der Isolierung vorbereiten müssen. War man schon immer eingekreist, so deutscht man sich jetzt selber ein. Wir verdanken dieser Kriegswelt den Ekel der Ersatzspeisen und bezahlen sie gern mit dem Hundertfachen, wenn wir auch noch den Ekel der Ersatznamen drauf kriegen. Jetzt heißt es eben, sich rechtzeitig eindecken, und wir fragen nicht, woraus das Eingemachte, das Eingesottene besteht, wenn es nur ein Eingedeutschtes ist. Hätte ich meinen Engel gelesen, ich hätte ohneweiters statt Adresse »Anschrift«, statt zehn Prozent »zehn vom Hundert« gesagt, oder wie unsere »Postler« – ein prächtiger Beruf, der mir jede »Korrespondenz« verhaßt macht – meine Leserinnen aufgefordert, sie nicht mehr zu frankieren, sondern freizumachen (und mich von ihr), und hätte mich nicht mehr des höllischen Telephons bedient, sondern des tadellosen Fernsprechers, wiewohl dieser nicht so sehr das Ding bezeichnet als den Menschen, der daran zu schanden wird. Aber ich war bis zu jenem Oktoberheft ungewarnt. »Meinem Gefühle nach« – sie muß gestehn – »möchte ich sagen, die Fackel ist flüchtig geschrieben und deshalb mit Fremdwörtern versetzt.« Nun eben. Und was widerspricht diesem Eindruck? Die Fackel? Nein, »dem widerspricht eine Bemerkung von Ihnen darüber, wie genau Sie jeden Satz prüfen, bevor sie ihn der Öffentlichkeit übergeben. Trotz ernstester Arbeit also Fremdwörter«. Nicht trotz, sondern wegen, Engelchen. Denn was nur Fremdwörter sind, sind deutsche Worte, Engelchen. Ich prüfe jeden Satz, bevor ich ihn der Öffentlichkeit, dieser Öffentlichkeit, übergebe, und wäre imstande, noch schnell ein deutsches Wort in ein Fremdwort zu verwandeln. Ich »scheine mich demnach gleich den Gelehrten und vielen Schriftstellern für die Mengselsprache einzusetzen oder deren Beseitigung nicht für wichtig zu halten«. Nicht ganz so, Mausi, aber so ähnlich. Ich setze mich für nichts ein und halte nichts für wichtig. Aber ich lebe von der Hand in den Mund. Wess Brot ich esse, des Lied ich singe. Ich spreche, wie der Zeit der Schnabel gewachsen ist. Wenn der Engel und seine Putti imstande sind, dafür zu sorgen, daß ihr ein anderer Schnabel wächst, werde ich in zweihundert Jahren anders sprechen. Sollen die Sprachputzer und -putzerinnen schnell das ihre tun, aber so schnell, daß man ihre Sorgfalt nicht mehr spürt, daß sie schon aus dem Haus draußen sind, wenn man drin wohnen möchte – und sie werden staunen, wie ungastlich ich gegen Fremdwörter bin. Aber sie werden's nicht erleben. Und bis dahin wird es ihnen kaum gelingen, mir einen Satz von mir nachzuweisen, dessen Kraft und Farbe, also dessen Deutsch vom Ersatz des fremden durch das deutsche Wort nicht beeinträchtigt würde. Ich denke da nicht an die ungezählten Fälle, in denen meine Sprache bloß die der Welt nachäfft oder nachspricht. Auch wo sie selbst spricht, dient ihr die vorhandene als Schalltrichter. Würde sie etwa statt der Redakteure die Schriftleiter berufen, so,würde der lebendige Haß gegen jene, die die Sprache verhunzen, zersplittert an der Vorstellung solcher, die sie gar reinigen wollen. Ich kann eine Polemik tot machen, wenn ich ihr das Fremdwort ausreiße. Das fremdwörterscheue Mädchen beklagt sich, daß sie immer erst nachschlagen muß. Das macht nichts. Der Atem geht nicht verloren oder stellt sich wieder her, und man empfängt den Gedanken, auch wenn man nicht im Fremdwörterbuch nachschlägt, sondern ungebildet bleibt. Aber welch ein Deutsch wäre das, für das man im Deutschwörterbuch nachschlagen müßte! Die Leute, die mich lesen und mithin wenn schon nicht mein Wort, so doch wenigstens meine Meinung empfangen haben müßten, wissen noch immer nicht, daß ein Satz, der nur aus Fremdwörtern besteht, besser deutsch sein kann, als wenn man ihn verdeutschte, ja daß zwischen meinen Fremdwörtern mehr Deutsch ist als in einem Buch von Eduard Engel. Der oder das verwechselt noch immer die Wortgestalt mit dem Kostüm (Anzug) und meint, es könne auch, ein Reformkleid sein. Sie glauben, deutsch sei das, was man entweder in eine fremde Sprache oder in was man diese übersetzen kann. Ich aber sage: Wenn die deutschen Literaturprofessoren lieber ihren Vollbart reinigen wollten, wärs um unsre Sprache besser bestellt. Wenn ich »gegen den einleuchtenden Aufruf Engels verstoße«, so möchte sie sichs am liebsten damit erklären, daß ich »von ihm nichts weiß« und daß ich »wie Heine, Goethe und viele andre« Fremdwörter gebrauche, ohne zu bedenken, daß diese mit der Zeit unverständlich werden, Mindergebildeten es schon heute sind. Ich glaube, das Mädchen aus der Sprachfremde weiß weniger von mir als ich vom Engel, sie weiß nicht, daß über diese Dinge hundertmal in der Fackel gesprochen wurde, deren Verehrerin sie sich nennt, und sie weiß als solche nicht, daß am Vergleich mit »Heine, Goethe« mich vor allem diese Reihenfolge kränken muß. Sie versteht unter Literatur, daß man »einfach deutschen Lesern alle Gedanken, die einer Veröffentlichung wert sind, in deutscher Form und Sprache mitteilt«. Trotz dieser niedlichen Auffassung ist sie mir »für viel Anregung und Erhebung« dankbar und verehrt mich »aus tiefster Seele«. Im Namen vieler Tausende bittet sie mich um Antwort auf die Frage, die ihr schier das Herz zersprengt. Ich will ihr eine Handbreit Volant ansetzen. Was sie da geschrieben habe, gesteht sie scheu, »ist im Wesentlichen alles dem Buche Engels entnommen«. Mit Ausnahme der Verehrung für mich, die sie nicht vom Engel hat, wiewohl auch der mir schon für viel Anregung ohne Quellenangabe gedankt hat. Dieser Purist hat nämlich seinerzeit eine Postkarte an den Professor Friedrich S. Krauß gerichtet, auf der Anschrift den Vornamen durch »Carl« ersetzt und angefragt, ob er, nämlich ich, ihm nicht leihweise mal irgendwas, was ich gegen Harden mal geschrieben haben soll und so, überlassen könnte. Darauf hat er sich, ohne meine Mitwirkung, mal was verschaffen können und richtig auf mein »Desperanto« mit einem Satz hingewiesen, um sich für die übrigen meiner Beispiele zu bedienen. Ich habe darüber schon einmal mit dem Verfasser von »Sprich deutsch« deutsch gesprochen und halte ihn ganz abgesehen davon, daß ihm mein Name ein Fremdwort ist, für das was er ist, nämlich für einen, Literaturhistoriker, also für einen von jener Zunft, deren Urteilskraft ich stets unter die der Zeitungskritik gestellt habe. Mir ihn als sprachlichen Zuchtmeister zu rekommandieren (empfehlen), kann nur einem scheuen Mädchen einfallen. Warum ich mich aber mit scheuen Mädchen einlasse? Weil ich mich noch immer dem Glauben hingebe, daß wenn eine durch mich zu Falle gekommen ist, sich hundert abhalten lassen werden, mir Briefe zu schreiben. Ich bin aber schon zufrieden, wenn die eine sich abhalten läßt. (Für alle Fälle: bitte nicht schreiben, sondern sich sein Teil denken! Nicht mehr verehren, sondern für verrückt halten!) Und warum ich Briefschreiber überhaupt beachte? Weil ich, wenn sie einmal da sind, sie für noch betrachtenswürdiger halte als Zeitungsschreiber. Denn diese sind, wenn man will, nur einzelne, die allerdings die allgemeine Dummheit bewirken. Dort aber hab ich die Dummheit als Resultat (Ergebnis).

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