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Gedichte. Sammlung aus dem Projekt Gutenberg-DE

Friedrich Hölderlin: Gedichte. Sammlung aus dem Projekt Gutenberg-DE - Kapitel 45
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titleGedichte. Sammlung aus dem Projekt Gutenberg-DE
authorFriedrich Hölderlin
modified20170830
typepoem
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Der Mensch

        Kaum sproßten aus den Wassern, o Erde, dir
    Der jungen Berge Gipfel und dufteten
        Lustatmend, immergrüner Haine
            Voll, in des Ozeans grauer Wildnis

Die ersten holden Inseln; und freudig sah
    Des Sonnengottes Auge die Neulinge,
        Die Pflanzen, seiner ewgen Jugend
            Lächelnde Kinder, aus dir geboren.

Da auf der Inseln schönster, wo immerhin
    Den Hain in zarter Ruhe die Luft umfloß,
        Lag unter Trauben einst, nach lauer
            Nacht, in der dämmernden Morgenstunde

Geboren, Mutter Erde! dein schönstes Kind;-
    Und auf zum Vater Helios sieht bekannt
        Der Knab, und wacht und wählt, die süßen
            Beere versuchend, die heilge Rebe

Zur Amme sich; und bald ist er groß; ihn scheun
    Die Tiere, denn ein anderer ist, wie sie,
        Der Mensch; nicht dir und nicht dem Vater
            Gleicht er, denn kühn ist in ihm und einzig

Des Vaters hohe Seele mit deiner Lust,
    O Erd! und deiner Trauer von je vereint;
        Der Göttermutter, der Natur, der
            Allesumfassenden möchte er gleichen!

Ach! darum treibt ihn, Erde! vom Herzen dir
    Sein Übermut, und deine Geschenke sind
        Umsonst und deine zarten Bande;
            Sucht er ein Besseres doch, der Wilde!

Von seines Ufers duftender Wiese muß
    Ins blütenlose Wasser hinaus der Mensch,
        Und glänzt auch, wie die Sternenacht, von
            Goldenen Früchten sein Hain, doch gräbt er

Sich Höhlen in den Bergen und späht im Schacht,
    Von seines Vaters heiterem Lichte fern,
        Dem Sonnengott auch ungetreu, der
            Knechte nicht liebt und der Sorge spottet.

Denn freier atmen Vögel des Walds, wenn schon
    Des Menschen Brust sich herrlicher hebt, und der
        Die dunkle Zukunft sieht, er muß auch
            Sehen den Tod, und allein ihn fürchten.

Und Waffen wider alle, die atmen trägt
    In ewigbangem Stolze der Mensch; im Zwist
        Verzehrt er sich und seines Friedens
            Blume, die zärtliche, blüht nicht lange.

Ist er von allen Lebensgenossen nicht
    Der seligste? Doch tiefer und reißender
        Ergreift das Schicksal, allausgleichend,
            Auch die entzündbare Brunst dem Starken.

 


 

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