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Gedichte. Ausgabe letzter Hand

Johann Wolfgang von Goethe: Gedichte. Ausgabe letzter Hand - Kapitel 311
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typepoem
authorJohann Wolfgang von Goethe
titleGedichte. Ausgabe letzter Hand
publisherArtemis-Verlag Zürich
editorErnst Beutler
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1

Gedichte sind gemalte Fensterscheiben!
Sieht man vom Markt in die Kirche hinein,
Da ist alles dunkel und düster;
Und so siehts auch der Herr Philister.
Der mag denn wohl verdrießlich sein
Und lebenslang verdrießlich bleiben.

Kommt aber nur einmal herein!
Begrüßt die heilige Kapelle;
Da ists auf einmal farbig helle,
Geschieht und Zierat glänzt in Schnelle,
Bedeutend wirkt ein edler Schein.
Dies wird euch Kindern Gottes taugen,
Erbaut euch und ergetzt die Augen!

 

2

Gott sandte seinen rohen Kindern
Gesetz und Ordnung, Wissenschaft und Kunst,
Begabte die mit aller Himmelsgunst,
Der Erde grasses Los zu mindern.
Sie kamen nackt vom Himmel an
Und wußten sich nicht zu benehmen;
Die Poesie zog ihnen Kleider an,
Und keine hatte sich zu schämen.

 

3

Wenn ich auf dem Markte geh
Durchs Gedränge
Und das hübsche Mädchen seh
In der Menge,
Geh ich hier, sie kommt heran,
Aber drüben;
Niemand sieht uns beiden an,
Wie wir lieben.

»Alter, hörst du noch nicht auf!
Immer Mädchen!
In dem jungen Lebenslauf
Wars ein Käthchen.
Welche jetzt den Tag versüßt?
Sags mit Klarheit!«
Seht nur hin, wie sie mich grüßt,
Es ist die Wahrheit!

 

4

Zu Regenschauer und Hagelschlag
Gesellt sich liebeloser Tag,
Da birgst du deinen Schimmer;
Ich klopf am Fenster, poch am Tor:
Komm, liebstes Seelchen, komm hervor!
Du bist so schön wie immer.

 

5

Den Musen-Schwestern fiel es ein,
Auch Psychen in der Kunst zu dichten
Methodice zu unterrichten;
Das Seelchen blieb prosaisch rein.
Nicht sonderlich erklang die Leier,
Selbst in der schönsten Sommernacht;
Doch Amor kommt mit Blick und Feuer –
Der ganze Kursus war vollbracht.

 

6

Sie saugt mit Gier verrätrisches Getränke
Unabgesetzt, vom ersten Zug verführt;
Sie fühlt sich wohl, und längst sind die Gelenke
Der zarten Beinchen schon paralysiert,
Nicht mehr gewandt, die Flügelchen zu putzen,
Nicht mehr geschickt, das Köpfchen aufzustutzen –
Das Leben so sich im Genuß verliert.
Zum Stehen kaum wird noch das Füßchen taugen;
So schlürft sie fort, und mitten unterm Saugen
Umnebelt ihr der Tod die tausend Augen.

 

7

Wenn du am breiten Flusse wohnst,
Seicht stockt er manchmal auch vorbei;
Dann, wenn du deine Wiesen schonst,
Herüber schlämmt er, es ist ein Brei.

Am klaren Tag hinab die Schiffe,
Der Fischer weislich streicht hinan;
Nun starret Eis am Kies und Riffe,
Das Knabenvolk ist Herr der Bahn.

Das mußt du sehn und unterweilen
Doch immer, was du willst, vollziehn!
Nicht stocken darfst du, vor nicht eilen;
Die Zeit, sie geht gemessen hin.

 

8

Zwei Personen, ganz verschieden,
Luden sich bei mir zu Tafel;
Diesmal lebten sie in Frieden,
Fuchs und Kranich, sagt die Fabel.

Beiden macht ich was zurechte,
Rupfte gleich die jüngsten Tauben;
Weil er von Schakals Geschlechte,
Legt ich bei geschwollne Trauben.

Langgehälstes Glasgefäße
Setzt ich ungesäumt dagegen,
Wo sich klar im Elemente
Gold- und Silberfischlein regen.

Hättet ihr den Fuchs gesehen
Auf der flachen Schüssel hausen,
Neidisch müßtet ihr gestehen:
Welch ein Appetit zum Schmausen!

Wenn der Vogel, ganz bedächtig,
Sich auf einem Fuße wiegte,
Hals und Schnabel, zart und schmächtig,
Zierlich nach den Fischlein schmiegte.

Dankend freuten sie beim Wandern
Sich der Tauben, sich der Fischchen;
Jeder spottete des andern
Als genährt am Katzentischchen.

*

Willst nicht Salz und Schmalz verlieren,
Mußt, gemäß den Urgeschichten,
Wenn die Leute willst gastieren,
Dich nach Schnauz und Schnabel richten.

 

9

Schwer, in Waldes Busch und Wüchse
Füchsen auf die Spur gelangen;
Halts der Jäger mit dem Fuchse,
Ists unmöglich, ihn zu fangen.

Und so wäre manches Wunder
Wie A B, Ab auszusprechen,
Über welches wir jetzunder
Kopf und Hirn im Kopf zerbrechen.

 

10

Ein großer Teich war zugefroren;
Die Fröschlein, in der Tiefe verloren,
Durften nicht ferner quaken noch springen,
Versprachen sich aber, im halben Traum:
Fänden sie nur da oben Raum,
Wie Nachtigallen wollten sie singen.
Der Tauwind kam, das Eis zerschmolz,
Nun ruderten sie und landeten stolz
Und saßen am Ufer weit und breit
Und quakten wie vor alter Zeit.

 

11

Im Dorfe war ein groß Gelag,
Man sagt', es sei ein Hochzeittag,
Ich zwängte mich in den Schenken-Saal,
Da drehten die Pärchen allzumal,
Ein jedes Mädchen mit seinem Wicht;
Da gab es manch verliebt Gesicht.
Nun fragt ich endlich nach der Braut –
Mir einer starr ins Angesicht schaut:
»Das mögt Ihr von einem andern hören!
Wir aber tanzen ihr zu Ehren,
Wir tanzen schon drei Tag und Nacht,
Und hat noch niemand an sie gedacht.«

Will einer im Leben um sich schauen,
Dergleichen wird man ihm viel vertrauen.

 

12

Ein Mägdlein trug man zur Tür hinaus
Zu Grabe;
Die Bürger schauten zum Fenster heraus,
Sie saßen eben in Saus und Braus
Auf Gut und Habe.
Da dachten sie: Man trägt sie hinaus,
Trägt man uns nächstens auch hinaus;
Und wer denn endlich bleibt im Haus,
Hat Gut und schöne Gaben –
Es muß sie doch einer haben.

 

13

Tritt in recht vollem, klaren Schein
Frau Venus am Abendhimmel herein,
Oder daß blutrot ein Komet
Gar rutengleich durch Sterne steht,
Der Philister springt zur Türe heraus:
Der Stern steht über meinem Haus!
O weh! das ist mir zu verfänglich! –
Da ruft er seinem Nachbar bänglich:
Ach, seht, was mir ein Zeichen dräut,
Das gilt fürwahr uns arme Leut!
Meine Mutter liegt am bösen Keuch,
Mein Kind am Wind und schwerer Seuch,
Meine Frau, furcht ich, will auch erkranken,
Sie tät schon seit acht Tag nicht zanken –
Und andre Dinge nach Bericht!
Ich fürcht, es kommt das Jüngste Gericht.

Der Nachbar spricht: Ihr habt wohl recht,
Es geht uns diesmal allen schlecht.
Doch laßt uns ein paar Gassen gehen,
Da seht Ihr, wie die Sterne stehen:
Sie deuten hier, sie deuten dort.
Bleibe jeder weislich an seinem Ort
Und tue das Beste, was er kann,
Und leide wie ein andrer Mann.

 

14

Zu der Apfel-Verkäuferin
Kamen Kinder gelaufen,
Alle wollten kaufen;
Mit munterm Sinn
Griffen sie aus dem Haufen,
Beschauten mit Verlangen
Nah und näher rotbäckige Wangen –

Sie hörten den Preis
Und warfen sie wieder hin,
Als wären sie glühend heiß.

*

Was der für Käufer haben sollte,
Der Ware gratis geben wollte!

 

15

Jetzt war das Bergdorf abgebrannt,
Sieh nur, wie schnell sich das ermannt!
Steht alles wieder in Brett und Schindeln,
Die Kinder liegen in Wieg' und Windeln
Wie schön ists, wenn man Gott vertraut!

»Neuer Scheiterhaufen ist aufgebaut,
Daß, wenn es Funken und Wind gefiele,
Gott selbst verlor in solchem Spiele.«

 

16

Im Vatikan bedient man sich
Palmsonntags echter Palmen,
Die Kardinäle beugen sich
Und singen alte Psalmen.
Dieselben Psalmen singt man auch,
Ölzweiglein in den Händen;
Muß im Gebirg zu diesem Brauch
Stechpalmen gar verwenden.
Zuletzt, man will ein grünes Reis,
So nimmt man Weidenzweige,
Damit der Fromme Lob und Preis
Auch im Geringsten zeige.
Und habt ihr euch das wohl gemerkt,
Gönnt man euch das Bequeme,
Wenn ihr im Glauben euch bestärkt;
Das sind Mythologeme.

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