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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Gedichte. Ausgabe letzter Hand

Johann Wolfgang von Goethe: Gedichte. Ausgabe letzter Hand - Kapitel 292
Quellenangabe
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typepoem
authorJohann Wolfgang von Goethe
titleGedichte. Ausgabe letzter Hand
publisherArtemis-Verlag Zürich
editorErnst Beutler
year1949
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Weisen und die Leute

Epimenides

Kommt, Brüder! sammelt euch im Hain;
Schon drängt das Volk, es strömt herein,
Von Nord, Süd, West und Osten.
Sie möchten gern belehret sein,
Doch solls nicht Mühe kosten.
Ich bitt euch, haltet euch bereit,
Ihm derb den Text zu lesen.

Die Leute

Ihr Grillenfänger sollt uns heut
Zu Rede stehn, mit Deutlichkeit,
Und nicht mit dunklem Wesen.
Sagt! – Ist die Welt von Ewigkeit?

Anaxagoras

Ich glaub es: denn zu jeder Zeit,
Wo sie noch nicht gewesen,
Das wäre schade gewesen.

Die Leute

Doch ob der Untergang ihr dräut?

Anaximenes

Vermutlich! doch mir ists nicht leid:
Denn bleibt nur Gott in Ewigkeit,
Wirds nie an Welten fehlen.

Die Leute

Allein was ist Unendlichkeit?

Parmenides

Wie kannst du so dich quälen!
Geh in dich selbst! Entbehrst du drin
Unendlichkeit in Geist und Sinn,
So ist dir nicht zu helfen.

Die Leute

Wo denken und wie denken wir?

Diogenes

So hört doch auf zu belfen! –
Der Denker denkt vom Hut zum Schuh,
Und ihm gerät in Blitzes Nu
Das Was, das Wie, das Beste.

Die Leute

Haust wirklich eine Seel in mir?

Mimnermus

Das frage deine Gäste. –
Denn, siehst du, ich gestehe dir:
Das artige Wesen, das, entzückt,
Sich selbst und andre gern beglückt,
Das möcht ich Seele nennen.

Die Leute

Liegt auch bei Nacht der Schlaf auf ihr?

Periander

Kann sich von dir nicht trennen.
Es kommt auf dich, du Körper, an!
Hast du dir leiblich wohlgetan,
Wird sie erquicklich ruhen.

Die Leute

Was ist der sogenannte Geist?

Kleobulus

Was man so Geist gewöhnlich heißt,
Antwortet, aber fragt nicht.

Die Leute

Erkläre mir, was glücklich heißt.

Krates

Das nackte Kind, das zagt nicht;
Mit seinem Pfennig springt es fort
Und kennt recht gut den Semmelort,
Ich meine des Bäckers Laden.

Die Leute

Sprich! wer Unsterblichkeit beweist.

Aristipp

Den rechten Lebensfaden
Spinnt einer, der lebt und leben läßt;
Er drille zu, er zwirne fest,
Der liebe Gott wird weifen.

Die Leute

Ists besser törig oder klug?

Demokrit

Das läßt sich auch begreifen.
Hält sich der Narr für klug genug,
So gönnt es ihm der Weise.

Die Leute

Herrscht Zufall bloß und Augentrug?

Epikur

Ich bleib in meinem Gleise.
Den Zufall bändige zum Glück,
Ergetz am Augentrug den Blick;
Hast Nutz und Spaß von beiden.

Die Leute

Ist unsre Willensfreiheit Lug?

Zeno

Es kommt drauf an, zu wagen.
Nur halte deinen Willen fest,
Und gehst du auch zugrund zuletzt,
So hats nicht viel zu sagen.

Die Leute

Kam ich als böse schon zur Welt?

Pelagius

Man muß dich wohl ertragen.
Du brachtest aus der Mutter Schoß
Fürwahr ein unerträglich Los:
Gar ungeschickt zu fragen.

Die Leute

Ist Beßrungstrieb uns zugesellt?

Plato

Wär Beßrung nicht die Lust der Welt,
So würdest du nicht fragen.
Mit dir versuch erst umzugehn,
Und kannst du dich nicht selbst verstehn,
So quäl nicht andre Leute.

Die Leute

Doch herrschen Eigennutz und Geld!

Epiktet

Laß ihnen doch die Beute!
Die Rechenpfennige der Welt
Mußt du ihr nicht beneiden.

Die Leute

So sag, was uns mit Recht gefällt,
Eh wir auf immer scheiden.

Die Weisen

Mein erst Gesetz ist, in der Welt
Die Frager zu vermeiden.

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