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August von Platen: Gedichte - Kapitel 86
Quellenangabe
titleGedichte
authorAugust von Platen
year1968
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000291-5
sendergerd.bouillon@t-online.de
typepoem
modified20170915
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Amalfi

(1827)

                Festtag ist's und belebt sind Zellen und Gänge des Klosters,
Welches am Felsabhang in der Nähe des schönen Amalfi,
Flut und Gebürge beherrscht, und dem Auge behaglichen Spielraum
Gönnt, zu den Füßen das Meer und hinaufwärts kantige Gipfel,
Steile Terrassen umher, wo in Lauben die Rebe sich aufrankt.
Doch nicht Mönche bewohnen es mehr, nicht alte Choräle
Hallen im Kirchengewölb' und erwecken das Echo des Kreuzgangs:
Leer steht Saal und Gemach, in den Kalktuffgrotten der Felswand
Knien, der Gebete beraubt, eingehende Heiligenbilder.
Sonntags aber entschallt den verödeten, langen Gebäuden
Frohe Musik, es besucht sie die luftige Jugend Amalfis:
Kinder beschwingen im Hof, blitzäugige Knaben, den Kreisel
Rasch an der Schnur, und sie fangen den taumelnden dann in der Hand auf;
Ältere werfen die Kugel indes, die Entfernungen messend,
Zählen, im Spiele der Morra, die Finger mit hurtigem Scharfblick,
Oder sie stimmen zu rauhem Gesang einfache Gitarren,
Freudebewegt. Teilnehmend erscheint ein gesitteter Jüngling
Unter der Schar, doch nicht in die Spiele sich selbst einmengend;
Hoch vom steilen Gebürge, das Fest zu begehn in Amalfi,
Schön wie ein Engel des Herrn, in die Tiefe heruntergestiegen:
Reizend in Ringen umkräuselt die Brau'n schwarzlockigen Haupthaars
Schimmernde Nacht, rein leuchtet die blühende Flamme des Auges,
Nie von Begierde getrübt und dem Blick zweideutiger Freundschaft,
Welche dem kochenden Blut in der südlichen Sonne gemein ist.
Doch wer kann, da die Zeit hinrollt, festhalten die Schönheit?

Schweige davon! Rings gähnt, wie ein Schlund, die gewisse Zerstörung:
Tritt auf jene Balkone hinaus, und in duftiger Ferne
Siehst du das Ufer entlegener Bucht und am Ufer erblickst du
Herrlicher Säulen in Reih'n aufstrebendes, dorisches Bildwerk.
Nur Eidechsen umklettern es jetzt, nur flatternde Raben
Ziehen geschart jetzt über das offene Dach lautkreischend;
Brombeern decken die Stufen, und viel giftsamiges Unkraut
Kleidet den riesigen Sturz abfallender Trümmer in Grün ein.
Seit Jahrtausenden ruht, sich selbst hinreichend und einsam,
Voll trotzbietender Kraft, dein fallender Tempel, Poseidon,
Mitten im Heidegefild und zunächst an des Meers Einöde.
Völker und Reiche zerstoben indes, und es welkte für ewig
Jene dem Lenz nie wieder gelungene Rose von Pästum!

Aber ich lasse den Geist abirren. O komm nach Amalfi,
Komm nach Amalfi zurück! Hier führt ein lebendiges Tagwerk
Menschen vorüber. Wenn auch einstürzen die Burgen der Väter
Auf des Gebürgs Vorsprüngen, wenn auch kein Massaniello,
Der die Gemüter des Volks durch siegende Suada dahinriß,
Willkür haßt, noch branden die Wellen, es rudert der Enkel,
Wie es der Ahnherr tat in den blühenden Tagen des Freistaats,
Noch aus heimischer Bucht, aufziehend die Segel, das Fahrzeug.

Sprich, was reizender ist? Nach Süden die Fläche der Salzflut,
Wenn sie smaragdgrün liegt um zackige Klippen, und anwogt,
Oder der plätschernde Bach nach Norden im schattigen Mühltal?
Sei mir, werde gegrüßt dreimal mir, schönes Amalfi,
Dreimal werde gegrüßt! Die Natur lacht Segen, es wandeln
Liebliche Mädchen umher und gefällige Knabengestalten,
Wo du den Blick ruhn lässest in diesem Asyle der Anmut.
Ja, hier könnte die Tage des irdischen Seins ausleben,
Ruhig wie schwimmendes Silbergewölk durch Nächte des Vollmonds,
Irgend ein Herz, nach Stille begierig und süßer Beschränkung.

Aber es läßt ehrgeiziger Brust unstäte Begier mich
Wieder verlassen den Sitz preiswürdiger Erdebewohner,
Bannt am Ende vielleicht in des Nords Schneewüste zurück mich,
Wo mein lautendes Wort gleichlautendem Worte begegnet.

 


 

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