Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Kraus >

Gedichte

Karl Kraus: Gedichte - Kapitel 7
Quellenangabe
titleGedichte
authorKarl Kraus
typepoem
modified20170915
Schließen

Navigation:

Mir san ja eh die reinen Lamperln

        Was Schiedsgericht und Völkerbund!
Sie Kellner, bringen S' ein paar Stamperln!
So etwas brauchen wir nicht und
mir san ja eh die reinen Lamperln!

Was Völkerbund und Schiedsgericht!
Wenn wir die Friedenspfeife rauchen,
so brauchen wir so etwas nicht,
denn mir wer'n doch kein Richter brauchen!

Kennt uns der Wülson von der Näh',
macht sich die Weltgeschicht' von selber.
Und euer Gnaden wissen eh',
die Hölle ist noch weit schwarzgelber.

Im Ernstfall wär'n wir ja geschnapst,
die Welt soll Österreich nicht verlieren!
Drum wird, so hoffen wir, der Paps
uns doch beim Wülson protegiern.

Der Wiener geht nicht unter und
dann geht die G'schichte wie am Schnürl,
Gehn wir schon in den Völkerbund,
so gehn wir durch ein Hintertürl!

Dann kann man halt nix machen, doch
es macht sich alstern alles gütlich.
Wir pfeifen aus dem letzten Lock,
doch pfeifen wir noch sehr gemütlich.

Wir hab'n ja niemanden gekränkt,
ich bitt' Sie, weg'n dem bisserl Sengen!
Zwar hab'n wir viele aufgehängt,
doch lass'n wir unsre Köpf' nicht hängen.

Dagegen hängt uns zun Genuß
seit je der Himmel voller Geigen.
Das werden wir beim Friedensschluß
den Feinden wie Freunden zeigen.

Da von der Nibelungen Spur
wir uns ein Alzerl westwärts wandten,
verlor'n wir doch nicht den Hamur,
wir Burg- und Bettelmusikanten.

Nur zugeteilt, nicht aufgeteilt!
Als a Ganzer sein, wenn auch als Torso!
Rasch sind die Wunden dann verheilt
und nx merkt man am Grabenkorso.

Mit der Ernährung hat es zwar
noch vorderhand so manchen Haken.
Doch heißen wir, das ist doch klar,
dereinst das Volk der Phäaken.

Wir nannten unsere Helden brav,
sie haben sich tapfer geschlagen -
und Jud und Christ, Portier und Graf
sie werden sich Hab' die Ehre sagen.

Wie schnell die große Zeit vergeht!
Wern S' sehn, Euer Gnaden, auf die Wochen,
wird allseits, wie's da geht und steht,
wieder von vorn in 'n Arsch gekrochen.

Auf demokratisch tut's es nicht,
die Richtung wird uns wenig frommen.
Wir woll'n nicht wegen der Weltgeschicht'
um Eigenart und Trinkgeld kommen!

Was Völkerbund! Das ist doch stier!
Sie Kellner, bringen S' noch paar Stamperln!
Was Selbstbestimmung! Mir san mir,
und mir san ja eh die reinen Lamperln.

 


 

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.