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Gedichte

Edgar Allan Poe: Gedichte - Kapitel 5
Quellenangabe
titleGedichte
authorEdgar Allan Poe
typepoem
translatorHedwig Lachmann
senderreuters@abc.de
created20040708
modified20170915
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An Marie Louise Shew

Übers.: Hedwig Lachmann

        In des Verstandes eitler Überhebung
Verkündete ich einst die »Macht der Sprache«,
Bestritt, daß ein Gedanke je erwache,
Für den das Wort ohnmächtig zur Belebung.
Und gleichsam, die Vermessenheit zu strafen
(In der ich mich so überlegen wähnte),
Haben zwei Worte, liebliche Akzente,
Zweisilbig, italienisch – nur geschaffen,
Auf Hermonshügeln, wo in Perlensträngen
Vom Firmament Tautropfen niederhängen,
Von Engelslippen musikalisch lind
Zu zittern – aus dem abgrundtiefen Schachte
Der Seele mir Gedanken, ungedachte
(Welche die Seelen der Gedanken sind),
Herausgelockt – zu wilden Phantasien,
Als daß sie selbst der Engel Israfel
Dem Gott der Stimmen lieblichste verliehen,
Zu formen wüßte. Und trotz dem Befehl
Aus deinem Munde fühl' ich mich erlahmen;
Mit diesen süßen Lauten, deinem Namen
Als Text, versagt die Macht der Sprache –
Kaum fühl' ich mehr – nicht Fühlen ist dies wache,
Der Welt entrückte, völlige Versinken,
Lautlose Stehen an der goldnen Schwelle
Der Träume, dieses Starren in die Helle,
Dieses Erschauern, wenn ich mir zur Linken,
Zur Rechten, vor mir, in der Höhe,
Und weit, weit weg am fernsten Punkt, wo sich
Mein Blick verliert, nichts andres sehe Als dich. –

 


 

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