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Jakob van Hoddis: Gedichte - Kapitel 21
Quellenangabe
titleGedichte
authorJakob van Hoddis
typepoem
created20120819
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170830
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Italien

I
              Laß ab mit Gesten trauriger Poeten
In Reim und Wohllaut sinnig zu verklingen,
Du brauchst auch nicht als schlauster der Propheten
Probleme lösend, nach Erlösung ringen.

Hier spreizen sich die keck zum Dom verpraßten
Rundbogen, Mosaiken, Marmorquasten.
Venedigs Lüfte kitzeln deine Haut.

Auf Säulchen thronen hier Geflügelgreife.
Steinerne Löwen heben ihre Schweife.
Ein Dampfer kommt und raucht und tutet laut.

Und leise staunend gondle durch die Buntheit,
Nur noch zu sanften Räuschen der Gesundheit
Sahst du am Lido tausend Weiber nackt?

O, lobe die Lagunen, die so stinken,
In süße Tage wirst du bald versinken
Vergnügt, Genießer, oft befrackt.

II
So ward er klug und hat sich tief entzückt
An jedem Dinge, das ihn angeblickt.

An jedem Hauch, der ihn aus Gärten anweht,
An jedem Heldengauch, der ihn nichts angeht.

Am weißen Tag und purpurnen Geweben,
Und Bildern keusch und bunt, an Dunst und Tal,
An wilden Kirchen, wo die Engel schweben,
Am festgefügten schweigenden Portal!

Nun steht er da auf einem breiten Platze,
Und weiß nicht mehr; zu welchem Wunder wandern.
Die Häuser prunken eines wie die andern,
Die Sonne glüht als fette Feuerglatze.

Ja, hätt' ich Feinde zu endlosen Kämpfen,
Ließe mein Haß mich viele Straßen gehen.
Hat nicht den Teufel mit den Schwefeldämpfen
Sich Gott zum Zeitvertreib einst angestellt?

Er steht und grübelt, seine Sinne flehen:
Entdecke dir die Häßlichkeit der Welt.

III
Doch ein Palast stand huldvoll in Florenz,
Er hob sich starr in steile Sonnengluten
Mit reichem runden, steinernen Gekränz,
Sein Tor verzierten wuchtige Voluten.

Er sprach: »O Mensch! du weißt doch, was wir lehren!
Gebildeter! schon Goethe hat erkannt es:
Wer wird das Leben unnütz sich erschweren!
Man stell sich auf und sei was imposantes.

Du aber liebst dir das Geabenteure,
Du blickst bedenklich selbst zur schönsten Zinnung.

Lockt dich der Hohn der Zweifel und das Neure?
An meinen Quadern scheitre deine Sinnung.

Entschließe dich, auf Goethens Pfad zu schreiten
Mit Männertritt und würdig froh gelaunt!

Sein weißer Schlafrock glänzt durch die Gezeiten.«
Sprach der Palast. Ich war nicht schlecht erstaunt.

IV
Der Mittag kam mit Staub und sehr viel Hitze,
Ich tat mich langsam auf das Kanapee.
Nun liegst du da, du stilisierter Fritze,
Das ist bequemer als am Gardasee
Landschaft zu schlürfen, oder zu Firenze
Die Hallen Michelozzos, Frühlingstänze
Des Sandro Botticelli oder sowas.
Ach bleib, ach bleib, Genießer, ohne Ende,
Zu schnarchen hier, im Lustrevier des Sofas!

Ich gähnte stolz. So stürze dich verwegen,
Toll, ja toll, mit jauchzendem Munde,
Den Kopf durch die Wände
Deinen gefährlichsten Wünschen entgegen.
So sprach zu mir die allerstillste Stunde.
Und kein Klavier, kein Baby hat
Geschrien im ganzen Haus.
Und die Sonne, die Sonne lag über der Stadt,
Und brütete Wanzen aus.

V
So waren wir auch in Italien Gäste,
Und haben dort so manchen Tag verschlafen.
Wir tranken Wein in Kinematographen,
Und krochen durch die Gärten und Paläste.

Und gaben manchmal uns den ungestümen
Facaden hin, Gewölben und Kapellen,
Schlanken Pilastern und den ungetümen
Und dicken süßen Leibern in Bordellen.

 


 

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