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Jakob van Hoddis: Gedichte - Kapitel 11
Quellenangabe
titleGedichte
authorJakob van Hoddis
typepoem
created20120819
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170830
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Indianisch Lied

Lotte Pritzel gewidmet

                                    Jetzt, Mädchen, sattle mein weißes Pferd,
Ein Ritt, da der Nachtmahr den Mond bedrängt,
Durch das dampfende Tal, da am Hexenherd
Der Freund der Indianer am Galgen hängt.

Zwölf Rosse brachen unter mir zusammen.
Zwölf Sonnen stürzten in den reißenden Strom ihre Flammen.
Doch am dreizehnten Tag um Mitternacht
Stand ich vor dem Toten und habe gelacht.

Ich blase die wütenden Totenfanfaren.
Armer versoffener Freund, nun bist du gestorben!
Ich bin der Indianer, der einst mit dir ritt,
Auf manchem Kriegspfad nahmst du mich mit
und wir haben die Länder und Leute verdorben,
und ich halt die Trompet und blas,
Faule Leiche, was grinst du so »monoise«,
Wo ich siebzehn Mal vom Galgen dich schnitt?
Ist meine Lust am Leben dir immer noch leid?

Doch der trampt auf im Galgentritt:
Nu, warum blust de die Trompeit?

Jetzt baut man Ton des Weltgerichts,
Und der Geist in den Lüften schreit.
Doch du wohnst, wohin du dich sehntest, im Nichts,
Und es tönt in den Höhen der Satansritt.

Doch der trampt auf im Galgentritt:
Nu, warum blust de die Trompeit?

Du nanntest dich Pumperpuckel auf Erden,
»Denn man muß als häßlicher Satan erscheinen«.
Schüsse in Kneipen und Diebstahl von Pferden,
Schmutziges Stöhnen in Häusern aus Steinen,
Lächelnde Tage und ruchloses Weinen,
Armselige Täuschung, die ich erlitt.
Pumperpuckel, du hattest Einen.
Hinter den Wolken das Mondlicht schreit.

Doch der trampt auf im Galgentritt:
Nu, warum blust de die Trompeit?

Du, Schulmeister, sagtest: »Du denkst nur in Worten,
Doch alle Worte sind Trug nur und Leid.
Du, du denkst nur in Worten, in Taten und Orten,
Da der Gott aller Wahrheit dein Reden bestritt,
Und der Unsinn den Weg alles Sinnens verschneit.«
Ich denke nicht Worte und rede doch mit,
Und der Traum meines Daseins träumt Wahrheit und Traum.
Das bleibt doch ein prächtiger Galgenschnitt,
Was bleibst du nur hängen am hölzernen Baum,
Wie sehr ich dich bitte: komm mit, komm mit?
Heil! der geflügelte Morgenwind öffnete die Himmelspforten des Lebens weit!

Doch der trampt auf im Galgentritt:
Nu, warum blust de die Trompeit?

Einen schallenden Gruß meinem alten Freund!
Ein fester Galgen hält gut.
Und wenn herbstlicher Strahl unsere Ebenen träumt
Und den Vortraum des Winters in Zelten räumt,
Viel Feuer, Wasser und Mut.
Doch der weißen Rose vergesse ich nie,
Die auf schwarzen Rossen einst kam.

Denn sie zwang ihren Krieger aufs zitternde Knie
Und der Pfeil am Bogen ward lahm,
Welt vergessen und Träume verhöhnen,
Tode verachten im Walde der Tiere.
Doch wie kann ich vergessen ein Lächeln der Schönen,
Ihrer Augen nackte Wildheit und ihre
Unberührte Brust!
Jener Brand von Schönheit, der täglich die Welt verwirrt,
Jene schattenhafte Trauer, die um meinen Wigwam abenteuert.
Giftige Pfeile von der Rose der Brenta entsandt.
Warum kennt mich der Tod und lockt mich vergebens?
Warum bin ich heiter, wenn über endlosem Land
Die dröhnende Sonne verbrennt wie am sagenhaften
Abend des verendenden Lebens?

O Nacht zärtlicher Sterne Gefunkel
In liebesklarer Luft
Lebendigen Traumes Flammendunkel.
Über schmalen Wegen der Bergeskluft,
Hoch im Gebirg' in den eisigen Gipfeln ein Raunen.
Musik der Seele. Tanz und Märchen erstaunen.

Mehr als zu sein und mehr als nicht zu sein!
Wer darf den Leib denn denken, den er liebt!
Wer darf vermessen durch die Wälder schrein,
Daß Gott ihm nie den Tag der Schönheit gibt?

Farbiger Rauch steigt auf aus den Städten der Qual,
Wo der weiße Bruder bedächtig die Tonpfeife raucht,
Wie ein Feuer von Fieberträumen hingehaucht,
Fern am lauernden Horizont.

 


 

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