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Gedichte

Georg Herwegh: Gedichte - Kapitel 97
Quellenangabe
titleGedichte
authorGeorg Herwegh
typepoem
sendererich.adler@abc.de
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modified20170830
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Herr Wilhelm

Preußiscbe Konfliktpoesien

Januar 1863

I

                    Und immer mehr und immer mehr
Und immer mehr Soldaten!
Herr Wilhelm braucht ein großes Heer,
Er sinnt auf große Taten.

Er braucht's nicht wider Dänemark,
Er braucht's nicht wider Kassel –
Für solchen Quark, spricht Herr Bismarck,
Genügt ein stark Gerassel.

Er braucht es nicht am Rhein, am Po;
Die Flammenzeichen rauchen
Schon längst nicht mehr – drum sagt mir, wo,
Wozu mag er's gebrauchen?

Er braucht es nicht für Griechenland;
Denn ach! Athen und Sparta,
Sie haben noch nicht hergesandt
Um unsre Magna Charta.

Er braucht es nicht wie Friederich
Auf fernen Siegesbahnen –
Herr Wilhelm braucht es innerlich
Für seine Untertanen.

Er braucht es für des Freiheitswolfs
Weit aufgesperrten Rachen;
Er braucht es, wenn wir Bockum-Dolffs
Zum Bürgermeister machen.

Er braucht's um seiner Stände Saal
Holdschützend zu umgeben;
Er braucht's gelegentlich einmal,
Die Sitzung aufzuheben.

Er braucht es, den gemeinen Mann
Hochnäsig anzuschnarren
Und, wenn er murrt, zeitlebens dann
Im Zuchthaus einzuscharren.

Er braucht es ja! – von Wacht- zu Wacht-
Paraden hinzustrolchen
Und dann in stiller Mitternacht
Hausknechte zu erdolchen –

Für Junker, die kein Glück gehabt
In Schafzucht und in Wolle,
An Leib und Seele abgeschabt,
Für Junker – welche Rolle!

Herr Wilhelm braucht ein großes Heer,
Braucht Pulver und Patronen;
An Jesum Christum glaubt er sehr,
Doch mehr noch an Kanonen.

Die Infanterie, die Kavallerie,
Die Artillerie entfalten
Die Gottesgnadenmonarchie
In dreierlei Gestalten.

Er kann, o Volk, wie einen Hund
Aufs Bajonett dich spießen,
Kann dich zusammenreiten und
Kann dich zusammenschießen.

Die drei sind eins – und wißt ihr's nicht,
So sollt ihr's eben lernen;
Dreijähr'gen Glaubensunterricht
Erteilen die Kasernen.

II

»Von Gottes Gnaden ist mein Thron!
Ich hab ihn nicht durch Schnäpse
Erschwindelt wie Napoleon
Vom kaisermachenden Plebse.

Von Gottes Gnaden ist mein Thron!
Ich will beweisen heraldisch,
Ich bin kein Viktor, und mein Roon,
Der ist nicht garibaldisch.

Von Gottes Gnaden ist mein Thron!
Nicht Ochsen sind's noch Kälber,
Die mir aufs Haupt gesetzt die Kron;
Ich nahm die Krone selber.

Von Gottes Gnaden bin ich, ja!
Ihr salvatores mundi,
Lumpazius, Lumpazia,
Lumpazivagabundi!

Wir Hohenzollern sind sehr stolz
Auf unsern Stamm seit Jahren!
Doch pflegt man nicht aus unserm Holz
Zu schneiden die Cäsaren.

Auch hat von Barbarossa nie
Geträumt mir, daß ich wüßte;
Man hatte nicht der Poesie
Gelegt mich an die Brüste.

Die Muse hat mich nicht umgarnt
Mit ihren falschen Netzen;
An Körner, Schenkendorf und Arndt
Konnt ich mich nie ergötzen.

Ich habe wenig mich befaßt
Mit Dichtern, nur den Kinkel
Kenn ich – den ich erschossen fast
In einem Festungswinkel.

Laßt mich in Ruh mein Paschalik
Selbstherrscherlich regieren;
Ein König hat zu allem Geschick –
Ihr sollt mir nicht soufflieren.

Ich bin nicht euer Demiurg,
Deutschland aus nichts zu stampfen;
Die ganze Wolkenkuckucksburg,
Ihr Vögel, wird verdampfen,

Im Käfig wird's euch offenbar,
Ob meine Macht reell ist;
Lassalle im Käfig wird es klar,
Wenn's drin auch nicht sehr hell ist.

Den Holzstoß zünd ich wieder an
Für Zeitungen und Schriften;
Die Schreiber kommen später dran,
Die mir das Volk vergiften.

Hochtragen soll mein Junkertum
Vormärzlichste Standarten –
Lebt wohl und seid nur nicht so dumm
Von mir was zu erwarten.

Auch müßt ihr für den Einheitstaat
Euch nicht zu sehr erhitzen;
Es ist ein höchst spitzbübischer Rat,
Euch preußisch zu bespitzen.

Ich habe nie als Komödiant
Gespielt im deutschen Fache;
's ist besser Preußen in der Hand,
Als Deutschland auf, dem Dache!

Gehabt euch wohl! Trinkt Wein und Bier,
Auch Sprit kann euch nicht schaden;
Und gebt mir Geld! Denn sonst regier
Der Teufel, von Gottes Gnaden.«

III
Biblische Geschichte

Wartet nur, sprach Pharao,
Will euch Juden Mores lehren!
Moses aber sprach: »Oho!
Spiele nicht mit Schießgewehren;

Denn es fühlt wie du den Schmerz;
Wir sind keine Hottentotten.
Doch ein souveränes Herz
War von jeher hartgesotten.«

Und der Pharao gedacht
Nur an Garden und an Linien;
Exerzierte Tag und Nacht,
Mußten stehen wie die Pinien;

Mußten machen rechts und links,
Links und rechts vor seinem Schlosse
Und probieren vor der Sphinx
Die weittragenden Geschosse.

Einen Meister der Dressur
Ließ er aus Berlin verschreiben;
Denn vom Menschen sollte nur
Noch der Pudel übrigbleiben.

Pharao erhob sein Heer
Auf die höchste Bildungsstufe,
Und Ägyptens Militär
War von afrikan'schem Rufe.

Hatt auch einen neuen Knopf
Eingeführt in seinen Reichen,
Den die Junker an dem Zopf
Trugen als Gesinnungszeichen.

Rüstete das ganze Jahr,
Nannte sich von Apis' Gnaden –
Wißt ihr, wer der Apis war? –
Und hielt täglich drei Paraden.

Er vermehrte mit Genie
Alle überflüss'gen Posten,
Und das ganze Nilland schrie
Über die enormen Kosten.

Eine Konstitution
Gab's zwar, doch in Hieroglyphen,
Und ein König hilft sich schon,
Wenn sich Leute drin vertiefen.

Jeder Zoll ein Korporal!
Konnt man ihm am Schnurrbart lesen;
Groß ist der Soldaten Zahl,
Rüstow sagt, sehr groß gewesen.

Damit ist er kriegsbereit
Denen Juden nachgezogen;
Pharao war sehr gescheit,
Und er hat sich doch betrogen!

Glaubte sich auf festem Land,
Und das Land begann zu brausen;
Glaubte sich auf bestem Sand,
Und der Sand begann zu sausen.

Aus dem Boden wogt's und wallt's –
Pharao, laß dich bekehren!
Aus den Wogen höhnt's und hallt's:
Spiele nicht mit Schießgewehren.

Auf dem letzten Loche pfiff
Der Tyrann mit seiner Rotte;
»Hätt ich«, seufzt' er, »doch ein Schiff
Oder auch die deutsche Flotte!

Wär's die Amazone gar
Oder lieber Noahs Arche,
Drein von jedem Vieh ein Paar
Mit sich nahm der Patriarche –

Müßt' ich nicht in hellem Zorn
Jetzt elendiglich ersaufen,
Fing ich wieder an von vorn,
Wenn die Wasser sich verlaufen.«

Aber höher stieg die Flut,
Stieg ihm über seine Sporen,
Stieg ihm über seinen Hut,
Stieg ihm über seine Ohren.

In dem Roten Meer ertrank
Pharao, so Roß wie Reiter.
Juda lachte fast sich krank,
Die Geschichte ist sehr heiter.

Mirjam, die die Pauke schlug,
Tanzt' und sang, die Schwester Mosis:
»Gott im Himmel selbst vertrug
Keine solche Hochmutsdosis.

In das Rote Meer gestürzt
Hat er ihn mit seinen Leuten.«
Sang die Jungfrau, hochgeschürzt;
Wilhelm, kannst du dieses deuten?

IV

Nicht mit sanftem Klagelaut
Sucht sein ledern Herz zu rühren;
Pochen müßt ihr, pochen laut
An des Junkerkönigs Türen.

Wenn er spricht: Wer will herein?
Und wer wagt es, mich zu stören?
Sprecht: Du sollst heut klar und rein
Eines Volkes Willen hören.

Wenn er spricht: Bleibt vor dem Tor,
Knechte, bleibt im Staube liegen!
Sprecht: Du königlicher Tor,
Hoffst du so das Recht zu biegen?

Wenn er spricht: Nur die Gewalt
Sitzt auf meines Thrones Stufen –
Sprecht: Es tönet aus dem Wald,
Herr, wie du hineingerufen.

Wenn er spricht: Wie Sand am Meer
Hab ich Fußvolk, hab ich Reiter –
Sprecht: Mein Lieb, was willst du mehr?
Schrecklich, schrecklich! aber weiter!

Wenn er spricht: Seid auf der Hut,
Denn ich halt mein Pulver trocken
Sprecht: Ihr nahmt den Geßlerhut
Auch schon ab von euren Locken.

Wenn er spricht: Der Satanas
Lehrt schon meine Truppen schießen!
Sprecht: Doch wird das Pulver naß,
Wenn sie Tränen drauf vergießen.

Tränen, daß sie deiner Lust
Dienen zu verruchten Zielen,
Daß sie auf der Väter Brust,
Auf die Brüder sollen zielen;

Tränen, ach! um Graudenz bloß –
O du Mann von Blut und Eisen –
Die Gewehre gehn nicht los,
Aber du, du gehst auf Reisen.

Gehest über den Kanal,
Um, mit Not dem Sturm entronnen,
Selber in der Freiheit Strahl,
Dem verhaßten, dich zu sonnen.

Gehest über den Kanal,
Wo ein Volk zu Gottes Ehre
Seinen Herrn geköpft einmal –
Miserere! Miserere!

 


 

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