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Gedichte

Georg Herwegh: Gedichte - Kapitel 46
Quellenangabe
titleGedichte
authorGeorg Herwegh
typepoem
sendererich.adler@abc.de
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modified20170830
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Harmlose Gedanken

April 1860

I

Ist nicht Deutschland mehr als je derselben Katastrophe ausgesetzt, von der es in den ersten Jahren dieses Säkulums ereilt ward? – Hat Deutschland Maßnahmen getroffen gegen die Wiederkehr jener Katastrophe, die aus der Liste der Nationen strich und ihm wie Griechenland nach Philipps Zeiten nichts Nationales als seine Literatur ließ?
                                      Times

          Deutschland, sie sagen, du hängst den Kopf –
Mir geht ins Herz das Gestichel –
Du seist ein tatenloser Tropf;
So sagen die Leute, o Michel!

Das alte Lied vorn alten Malheur
Hör ich von neuem erklingen:
Du werdest's nimmer zum Akteur
Auf dieser Bühne bringen –

Wo alles läuft, wo alles rennt,
Die Zuaven und Turkos schwärmen
Für Völkerglück. – Du hast kein Talent
Zu welthistorischem Lärmen!

Du dehnst dich ruhig auf deinem Pfühl
Und träumst von Hegel und Fichte,
Und hast doch erlebt so dumpf und schwül
Hundstage der Weltgeschichte.

Hundstage – die Völker wurden toll,
Doch Deutschland rief vernünftig:
»Man soll nicht nur zerstören, man soll
Auch wieder aufbauen künftig.

Eh ich Zwing-Uri zerstöre, traun,
Was setz ich an seine Stelle?
Wie werd ich die Gefängnisse baun
In Zukunft und die – Kasernen?

Man muß der Stimme der Natur
Vor allem sich bequemen;
Und schrein die Schafe nach der Schur:
Wer wird sie übernehmen?

Sind alles Fragen von Wichtigkeit,
Gediegen, tief und edel;
Daran soll man die Dichtigkeit
Erkennen der deutschen Schädel!« –

Ja, Michel, du bist kein Franzos,
Der stets nur negativ ist,
Er kennt die Oberfläche bloß,
Du weißt allein, was tief ist.

Ja, Deutschland, du bist tief im Wort
Und bist im Tun noch weiser;
Du läßt nicht einen Herzog fort,
Bis fertig du – mit dem Kaiser.

Ein Kaiser, das ist der höchste Wunsch,
Den wir im Herzen tragen;
Wir lassen ihn bei Wein und Punsch
Die Schlachten der Zukunft schlagen.

II

Wie treibt man's mit Schleswig-Holstein, schon zwölf Jahre lang? Was ist seit zehn Jahren für Kurhessens Volksrecht geschehen? Wie kommt es, daß die große teutonische Rasse von weder zahlreicheren noch zivilisierten Völkern in fortwährender Angst um ihre Freiheiten, ja um ihre Existenz erhalten, wird?
                                      Times

        Deutschland ist ein romantischer Staat,
Der des Gedankens Mondschein
Vorzieht der klassischen Sonne der Tat
Man muß halt alles gewohnt sein.

Den italienischen Stiefel nimmt
Und wird gestiefelter Kater
Herr Viktor – so was täte bestimmt
Kein deutscher Landesvater.

Die Strippen des Stiefels behält sich vor
Der kleine Sünder Hannes –
Was Karl nicht konnte, kann Franz Moor;
Doch Deutschland – sag, was kann es?

Kann lesen und schreiben, das ist wahr,
Auch sehr viel Tinte vergießt es.
Das Pulver hat's erfunden sogar;
Doch Deutschland – sag, wo schießt es?

Es blitzt des Krieges Wetterstrahl,
Doch Deutschland – sag, wo blitzt es?
Die Völker sitzen beim Friedensmahl,
Doch Deutschland – sag, wo sitzt es?

Zu sitzen wieder wie Anno acht
Und vierzig in Frankfurt dacht es;
Doch wenn es ein Parlament gemacht
Das Parlament, was macht es?

III

Das alte Loyalitätsgefühl ist im Schwinden, das deutsche Volk geringe Ursache, einen Herrenwechsel zu fürchten.
                                      Times

            Du hängst den Kopf, dein Herz ist schwer,
Und Kummer drückt und Sorg es;
Mein deutscher Michel, du lachst nicht mehr
Selbst nicht über Hermann Orges.

O tröste dich, dich hat das Glück
Bewahrt zu höheren Zielen:
Es ist ja ein erbärmlich Stück,
Das sie erbärmlich spielen.

Der gestern mit dem Dolch auf Pump
Ein Brutus wollte werden
Du hast's erlebt, wie weit ein Lump
Es jetzo bringt auf Erden!

Du hast's erlebt, das Ruder nimmt Des Staates
Robert Macaire,
Dem einst die Sterne hatten bestimmt
Das Ruder – einer Galeere.

Du hast's erlebt – du weißt, wie faul
Es aussieht in der Kulisse:
Sie protestieren mit dem Maul,
Und hinten kriegen sie Schmisse.

Du große Denkernation,
O trockne die Augen, die feuchten;
Dir bleibt die höhere Mission,
Die Bühne zu – erleuchten.

Die Juden ausgenommen, ist
Nicht jeder geboren zum Handeln;
Die Szene kann der Maschinist
Auch ohne dich verwandeln.

Und was er tut, ist wohlgetan,
Singt Gellert oder Lavater:
Du, Michel, zünde die Lichter an
Im großen Welttheater.

Der Schiller und Goethe, der Lessing und Kant,
Das sind gewaltige Kerzen;
Sie sind noch nicht heruntergebrannt
Wie andere deutsche Herzen.

Sie haben geleuchtet, sie leuchten hell,
Sie blitzen gleich Gewittern
Und werden manchem Policinell
Die Späße noch verbittern.

Sie sind gefährlicher, als du meinst:
Von diesen Lichtern wird stammen
Der hochverrätrische Funke, der einst
Die Bude steckt in Flammen. –

Die Bude der Bretter, welche die Welt,
Die heutige Welt bedeuten:
Für Buben ein großes Tatenfeld,
Zu enge den ehrlichen Leuten.
Und brennt er ab, der Komödien-Staat
Mit Zepter, Kronen und Ketten,
Es wird den Theaterapparat
Kein Branddirektor retten.

Wir bauen auf des Hauses Stätt
Ein neues im großen Stile;
Da wollen wir sitzen im ersten Parkett,
Um – zuzuschauen dem Spiele.

 


 

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