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Gedichte

Georg Herwegh: Gedichte - Kapitel 20
Quellenangabe
titleGedichte
authorGeorg Herwegh
typepoem
sendererich.adler@abc.de
created20020619
modified20170830
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An Borussia

1847

          Und so wären's vierzig Jahre,
Seit ein Fürst in tiefster Nacht –
Nicht der jetz'ge, Gott bewahre –
Guter Hoffnung dich gemacht,
Seit du trächtig, niederträchtig,
Arme Preußenhündin du:
Doch nun gehst du, o wie prächtig!
Deinem Wochenbette zu.

Denn du fängst mit einem Male
So gewaltig an zu schrein,
Und man raunt im Fürstensaale:
Sollten dies die Wehen sein?
Hat das Ohr auch recht vernommen?
Jüngster Tag, und bist du nah?
Willst du wirklich niederkommen?
Wirklich, o Borussia?

Und was sagt der Ritter Bunsen,
Hocherfahren, tiefgelehrt?
Hat er nicht für aufgedunsen,
Voller Winde dich erklärt?
Solltest du zum Zeitvertreibe
Gar nur wassersüchtig sein?
Oder trägst du mehr im Leibe
Als den freien, deutschen Rhein?

Und die preußischen Auguren,
Loben sie der Adler Flug?
Was sie im Urin erfuhren,
Ist's beruhigend genug?
Haben sie trotz aller Mühe –
Und die Herrn sind so geschickt!
In dem Herzen deutscher Kühe
Nichts Gefährliches erblickt?

Nichts! es spricht der neuste Ukas
Auch dem kleinsten Zweifel Hohn,
Und man macht den Doktor Lukas
Deinethalb nun zum Baron,
Daß er glücklich dich entbinde,
Wenn die Zeit herangerückt,
Und mit Schonung deinem Kinde
Schnell den Kopf zusammendrückt.

Zwar ich möcht es kaum bedauern,
Denn der Balg verheißt nicht viel,
Und ich wette, just die Bauern
Fehlen in dem Kartenspiel;
Doch gar viele sind berufen
Und nur wenige erwählt –- – –
Wenn man christlich einst die Hufen
Irdischen Besitzes zählt.

Zwar wir haben nichts zu essen,
Doch der König wird nicht matt,
Und er macht mit neuen Späßen
Uns, mit neuen Reden satt;
Zwar der Schwager schwingt die Knute,
Die Kosaken prügeln schon,
Doch wir haben eine gute
Deutsche Konstitution.

 


 

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