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Christian Friedrich Hebbel: Gedichte - Kapitel 59
Quellenangabe
titleGedichte
authorFriedrich Hebbel
modified20170830
typepoem
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Der BrahmineAm Fuße des Originalmanuskriptes stehen die Worte: In schweren Leiden.

              In den bängsten Qualen windet
sich der frömmste der Brahminen,
Jahre hat er's ausgehalten,
heute ist der Tag erschienen,
wo die Kräfte ihn verlassen,
die in ihm den Göttern dienen;
statt sie stumm wie sonst zu segnen,
stöhnt er laut empor zu ihnen.

Aber aus der Zelle Winkel
kommt der Tod herangeschritten,
und er spricht mit heller Stimme:
»Endlich hast du ausgelitten.
Wolle nur, und all die Schmerzen,
die dir Mark und Bein zerschnitten,
werden diesen Hund zerreißen,
der dir naht mit leisen Tritten.«

Eben leckt der treue Wächter
ihm die halb entblößten Hände,
und der Kranke flüstert schaudernd:
»Lieber duld' ich bis ans Ende!
Traurig folgt mir stets sein Auge,
wie ich mich auch dreh' und wende,
und ich sollt' ihn so belohnen?
Fordre nicht, daß ich mich schände!«

»Nun, so gib mir einen Vogel,
lustig hör' ich einen pfeifen,
er ist einer von den vielen,
die von Land zu Lande schweifen,
niemals wird er wiederkehren,
immer weiter muß er streifen,
und du bist ihm nicht verschuldet,
laß mich diesen denn ergreifen.«

»Rühr' mir nimmer an den Vogel,
Flügel wurden ihm gegeben,
um mit seinem süßen Liede
Erd' und Himmel zu verweben;
droben lauscht der Engel nieder,
unten horcht mit freud'gem Beben
ihm des Kindes trunk'ne Seele,
heilig ist mir solch ein Leben!«

»Eben stürzt in wilder Wüste
sich der Leu auf die Gazelle,
Angst versteinert ihre Glieder,
und sie kann nicht von der Stelle,
sichtbar klopfen ihr die Rippen
unterm buntbemalten Felle,
winke nur, so stürzt der Räuber,
und sie springt hinweg zur Quelle.« -

»Frommt der Hindin noch das Leben,
hat's ihr Brahma auch beschieden,
und im rechten Augenblicke
hilft ein Wunder ihr zum Frieden.
Mich verlockst du nicht, zu töten,
um mir selbst die Frist hienieden
zu verlängern, wie die Ströme
meines kranken Bluts auch sieden.«

»Nun, so greif' in das Gewimmel
unrein-ekler Kreaturen,
drin die bösen Geister hausen,
die das ew'ge Licht verschwuren
und zur Strafe ihres Trotzes
in die schnöden Larven fuhren:
Unken, Spinnen, Kröten, Würmer,
alle tragen Teufelsspuren.« 

»Büßen sie für ihre Sünden,
nun, so büß' ich für die meinen,
auch noch aus der Hölle Tiefen
führt ein Weg zurück zum Reinen;
wollte ich den letzten hindern,
sich Vergebung zu erweinen,
würd' ich eines härtern Fluches
als sie alle wert erscheinen.«

»Hoffe nicht, daß sie's erwidern,
rascheln hör' ich schon die Schlange,
die dir droht mit gift'gem Stachel,
und dir selbst wird todesbange.
Aufgerichtet, wie zum Sprunge,
wälzt sie in geschweiftem Gange
sich heran, so opfre diese,
daß sie rasch den Lohn empfange.« -

»Schließen will ich meine Augen;
denn ich kann den Wurm nicht sehen.
Aber ist ihm Macht gegeben,
werd' ich nimmer widerstehen.
Darf er mir das Leben rauben,
muß er auch von seinen Wehen
mich befrei'n, wie sollt' ich zittern?
Mag, was kann und soll, geschehen!«

Grimmig schlägt die zorn'ge Schlange
jetzt den Zahn in seine Glieder;
doch, so wie sie ihn nur ritzte,
ist er auch ein Jüngling wieder,
aus dem losen Schulterpaare
sproßt ihm goldenes Gefieder;
Brahma aber ruft vom Himmel:
»Schweb' empor, sonst steig' ich nieder!«

 


 

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