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Christian Friedrich Hebbel: Gedichte - Kapitel 53
Quellenangabe
titleGedichte
authorFriedrich Hebbel
modified20170830
typepoem
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Ein Dithmarsischer Bauer

        Der warme Sommer scheidet
    Mit seinem letzten Strahl;
Der Sohn des Südens schneidet
    Das Korn zum zweiten Mal;
Man bäckt's am Donaustrande,
    Man mahlt's am Rhein und Main,
Und führt's am fernsten Rande
    Des Reichs zum Dreschen ein.

Hier liegt nun, rings umflossen
    Vom Elb- und Eiderfluß,
Ein Freiland, wohl verschlossen,
    Dem Kaiser zum Verdruß,
Der's längst dem Kronenträger
    Von Dänemark verliehn,
Doch, wie den Leu dem Jäger:
    Fang ihn, so hast du ihn!

Dort gilt es, sich zu rühren,
    Daß nicht der Hagelschlag,
Den manche Ernten spüren,
    Die Frucht noch zehnten mag;
Drum rücken alle Hände
    Dithmarschens auch ins Feld,
Und zur Quatember-Wende
    Ist stets das Werk bestellt!

Nun spricht ein greiser Bauer
    In seiner Knechte Kreis:
Wir haben's heute sauer,
    Es gilt den letzten Schweiß;
Auf morgen fürcht ich Regen,
    Die Wolken sind zu kraus,
Drum muß der Gottessegen
    Mir noch vor Nacht ins Haus!

Er spricht's im barschen Tone,
    Und fügt kein Wort hinzu
Von doppelt großem Lohne
    Und langer Sonntagsruh;
Doch hört man keinen fluchen,
    Denn durch das Weihnachtsbrot
Und durch den Osterkuchen
    Vergilt er das Gebot.

Nun geht die Arbeit wacker
    Und fröhlich ihren Gang,
Der Weg vom Hof zum Acker
    Scheint nur noch halb so lang,
Die vollen Wagen fliegen,
    Wie sonst die leeren kaum,
Und ganze Felder schmiegen
    Sich unterm Windelbaum.

Doch immer dunkler türmen
    Die Wolken sich empor;
Der erste von den Stürmen
    Des Herbstes steht bevor.
Die weißen Möwen wagen
    Sich kreischend übern Deich;
Die Krähen fliehn mit Zagen,
    Die Spatzen folgen gleich.

Der Junge bringt das Essen:
    Zurück! Noch fehlt die Zeit!
Der Mittag sei vergessen,
    Der Abend ist nicht weit!
Die Pferde selbst gedulden
    Sich heut und springen froh,
Auch zahl ich meine Schulden
    In Hafer, nicht in Stroh!

Und trüber wird's und trüber,
    Je mehr die Dämmrung naht;
Wie pfeift es schon herüber
    Vom hohlen Seegestad!
Hinan zum Deiche trabend,
    Denkt jetzt der Alte still:
Die haben Feierabend,
    Ich – Nun, wie Gott es will!

Jetzt muß das Wetter brechen!
    Gleichviel, wir sind gedeckt,
Denn schon wird mit dem Rechen
    Die letzte Fuhr' besteckt!
Sie kommt auch ohne Schaden
    Noch vor der Scheune an,
Doch gar zu hoch beladen,
    Klemmt sie im Tor sich dann!

Vorwärts! Die Pferde beißen
    In ihr Geschirr vor Wut,
Die dicken Stränge reißen,
    Zum Schweiße fließt schon Blut!
Doch hilft nicht Kraft, noch Schnelle,
    Die Scheune selber rückt
Wohl eher von der Stelle,
    Als daß die Durchfuhr glückt!

Und plötzlich bricht das Rasen
    Der Elemente los,
Der Winde scharfes Blasen
    Zerschlitzt der Wolken Schoß,
Da kann ihn nichts mehr stopfen,
    Den neuen Sündflut-Born,
Und jeder Wassertropfen
    Fällt, wie ein Hagelkorn.

Nun speit der Alte Flammen:
    Der Pferde sind nur zwei,
Der Kerle fünf beisammen,
    So tretet selbst herbei!
Gebt acht, wir werden's zwingen,
    Wenn ihr die Räder packt
Und ich vor allen Dingen
    Die Deichsel, bis sie knackt.

Die Knechte aber denken:
    Ein Tor ist, wer so spricht,
Auch darf man's ihm nicht schenken,
    Er kennt die Grenze nicht!
Man muß ihm einmal geigen,
    Sonst ist er toll genug
Und spannt uns noch als eigen
    Im Frühling vor den Pflug.

Sie schweigen zwar, und nicken,
    Als wär' es ihnen recht,
Doch merkt man wohl, sie schicken
    In den Befehl sich schlecht.
Sie glotzen dumm und dämisch,
    Wie er die Deichsel faßt,
Und grinsen mehr, als flämisch,
    Bei seinem: Aufgepaßt!

Und doch! Es ist gelungen
    Auf einen einz'gen Ruck!
Habt Dank, ihr braven Jungen!
    Nun gibt's auch einen Schluck!
Ich geb euch eine Tonne
    Hamburger Bier zur Nacht,
So zecht denn, bis die Sonne
    Dem Spaß ein Ende macht!

Die Knechte aber stehen
    Mit offnem Munde da,
Als hätten sie gesehen,
    Was nie noch einer sah;
Dann rufen sie: Sie nennen
    Euch längst den Goliath,
Ihr dürft euch wohl bekennen.
    Ich mach auch den noch matt!

Was rühmt ihr meine Stärke?
    Seid ihr nicht selbst erhitzt?
Ihr habt ja Teil am Werke,
    Bin ich es denn, der schwitzt?
Wir dürfen euch schon loben
    Für dieses Teufelsstück:
Wir haben nicht geschoben,
    Wir hielten bloß zurück!

So will ich kurz mich fassen:
    Ich bin dem Spaß nicht hold,
Doch mögt ihr heute prassen,
    So toll ihr immer wollt,
Auch sei auf eure Mühe
    Euch nicht die Rast verwehrt,
Nur, daß ihr in der Frühe
    Euch gleich vom Hof mir schert!

Jetzt naht sich aus der Küche
    Die Frau mit stolzem Schritt
Und bringt die Wohlgerüche
    In ihren Röcken mit;
Sie ruft mit krauser Stirne:
    Ei, Wirt, was säumt ihr noch?
Den Stall versieht die Dirne
    Und fertig ist der Koch!

Frau, mich soll Gott behüten
    Vor Speis' und auch vor Trank
Bei solcher Stürme Wüten,
    Doch habt für diese Dank!
Die können ruhig trinken,
    Es wird darum kein Schiff
Auf finstrer See versinken
    Am Helgolander Riff!

Nun nickt er ihr, dann reitet
    Er eilig wieder fort,
Zum Deich zurück und leitet
    Die Strand- und Schiffswacht dort;
Er hat dafür zu sorgen,
    So will's das Schlüteramt,
Daß hell bis an den Morgen
    Die Feuertonne flammt.

 


 

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