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Christian Friedrich Hebbel: Gedichte - Kapitel 428
Quellenangabe
titleGedichte
authorFriedrich Hebbel
modified20170830
typepoem
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Verloren und gefunden

          An dem schroffen Felsenhang
    Steht die letzte Rose,
Und wir gehn das Tal entlang
    Auf dem grünen Moose.

Flink hinauf und rasch gepflückt,
    Um sie ihr als Zeichen,
Wie sie mir das Leben schmückt,
    Still zu überreichen.

Doch, wo blieb der teure Ring,
    Den zum ew'gen Bunde
Ich von ihrer Hand empfing
    In der schönsten Stunde

Ach, er hat sich abgestreift
    In den Laubgewinden,
Und, wie sehr mein Auge schweift,
    Er ist nicht zu finden.

Sie gesellt sich auch hinzu,
    Doch mißlingt's uns beiden,
Und wir gehn betrübt zur Ruh',
    Als wir endlich scheiden.

Nun die ganze Winterzeit
    Ängstlich und beklommen:
Droht uns nicht ein Herzeleid?
    Wird's nicht heut noch kommen?

Doch nach Regen, Sturm und Schnee
    Kehrt der Frühling wieder,
Blumen sprossen aus dem Klee,
    Lerchen rauschen nieder.

Wieder gibt sie durch das Tal
    Oft mir das Geleite,
Doch wir spähn kein einz'ges Mal
    Nach dem Ring zur Seite.

Nein! Denn längst auf immerdar
    Dünkt er uns verloren,
Und den bösen Geist sogar
    Glauben wir beschworen.

Aber, welch ein Tag erschien! –
    Als die Lilien ranken,
Trägt sogleich die erste ihn
    Um den Hals, den schlanken.

In der Erde saß sie fest,
    Wo die Wurzeln woben,
Und sie hat sich durchgepreßt
    Um ihn mit gehoben.

Freundlich neigt sie sich im Wind,
    Und ich will sie pflücken,
Doch mir wehrt mein süßes Kind,
    Und ich muß mich bücken.

Sanft nun lös' ich sie heraus
    Aus dem Schoß der Erde,
Und wir harren fromm zu Haus,
    Wann sie welken werde.

 


 

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