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Christian Friedrich Hebbel: Gedichte - Kapitel 425
Quellenangabe
titleGedichte
authorFriedrich Hebbel
modified20170830
typepoem
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Prolog zum 26. Februar 1862

(Zu Wien im Operntheater gesprochen.)

                  Wir feiern heute einen seltnen Tag,
Wie ihm so bald kein gleicher folgen mag:
Es ist ein Jahr, da ward der Bann gesprengt,
Der winterschwer uns alle eingezwängt
Und jeden Lebenskeim, wenn nicht erstickt,
So doch geschwächt und schon als Reis geknickt.
Und das ist nicht, wie wir es einst gesehn,
Durch einen blinden Völkersturm geschehn,
Der, was er mit den Händen kaum erstritt,
Gleich mit den plumpen Füßen auch zertritt:
Nein, frei und nur vom eignen Geist bewegt,
Erhebt der Kaiser selbst sich und zerschlägt
Die altersstarre Form, die, einmal recht,
Sich überlebt um mehr als ein Geschlecht,
Weil längst in ihr das frische Jugendblut,
So viel sie trank, verdampfte ohne Glut.
O, blickt mit Dank und mit gerührtem Sinn
Auf dieses Schauspiel der Geschichte hin:
Ein Kaiser schließt, zum Opfer fromm bereit,
Den festen Bund mit einer neuen Zeit;
Der hoch erlauchte Fürst, in dessen Haus
Die Kaiserkrone sprießt als goldner Strauß,
Von so viel Diademen tief gebeugt,
Wie die des Gartens rote Dolden zeugt;
Der erstgeborne Sohn des Deutschen Reichs
Betritt den Boden friedlichen Vergleichs,
Er teilt mit seinem Volk den Sonnenring,
Den er von seinen Ahnen ganz empfing.
Und das verbürgt der neuen Zeit Bestand,
Sie hat die Majestät zum Unterpfand.
Der fünfte Karl, des Kaiserhauses Preis,
Sprach einst mit Stolz: »In meiner Herrschaft Kreis
Erlischt die Sonne nicht!« Sein Enkel spricht:
»Die Sonne wohl, doch nimmermehr das Licht!«

Es ist ein Jahr. Nun fragt schon hie und da
Die Ungeduld, ob auch genug geschah?
O, nicht zu rasch! Und nicht zu viel verlangt!
Wo ist der Baum, der schon mit Früchten prangt,
Wenn noch die Elemente, Flut und Wind,
Im letzten Scheidekampf begriffen sind!
Ein Übergang ist immer unheilvoll,
Und wenn der milde Lenz schon kommen soll,
So bläst der Winter oft noch so darein,
Als würde seine Dauer ewig sein.
Auch senkt sich kaum mit seinem Lilienstab
Aus Himmelshöhn ein Genius herab,
So steigt ein Dämon auch im grimm'gen Lauf
Mit roter Fackel aus dem Abgrund auf,
Und lockt ihn schon ein bloßes Kartenhaus,
Wie bliebe er beim Bau der Staaten aus?
So war auch unter uns ein Sohn der Nacht
Geschäftig, eh' sich's einer noch gedacht,
Und fast erregte er denselben Sturm,
Der, wie man sagt, gerast um Babels Turm,
Denn ein gewalt'ger Volks- und Zungenstreit
Erstickte gleich die holde Einigkeit,
Und, kaum der Kette los, war Arm und Bein
Schon voll von Wut und Schmerz, nicht Kopf zu sein.
O, laßt es ruhn und werbt nur durch die Tat
Um euren Rang im Nationen-Rat!
Die Völkerkrone geht von Haupt zu Haupt,
Und auch dem letzten ist der Kampf erlaubt,
Denn trotz Homer erblich auch Griechenland,
Und trotz des Nebels glänzt der deutsche Strand.
Doch Ehre dem, der jetzt die Fahne schwingt,
Und wehe dem, der kraftlos um sie ringt,
Mit ew'ger Schande aber sei bedeckt,
Wer sie beschimpft, eh' seine höher steckt!

Es heißt, im Schoß der Erde ruht ein Hort,
Der wird gehoben durch ein Zauberwort,
Doch unter viele ist das Wort verteilt,
Von denen keiner bei dem andern weilt.
Sie wandeln alle auf verschiedner Bahn,
Es trennt der Berg sie, wie der Ozean,
Und ihre Einzelsilbe fördert nichts
Aus dunkler Nacht herauf ins Reich des Lichts,
Ja, keiner ahnt auf seiner Pilgerschaft
Des rätselhaften Lauts verborgne Kraft.
Doch, wenn ihr Stern sie einst zusammenführt,
So fühlt ein jeder seltsam sich berührt,
So sind sich fremd und dennoch gleich bekannt,
Sie reichen sich zum Bruderbund die Hand,
Und, wie von selbst, entschwebt das Wort dem Mund,
Vor dem die Erde birst bis auf den Grund,
Und die verschloßne Herrlichkeit und Pracht
Liegt offen für sie da in reichem Schacht.
Ihr steht vielleicht vor einem gleichen Hort,
Und noch viel krauser scheint das Zauberwort,
Ich glaube, alle Völker stammeln dran,
So viele man auf Erden zählen kann,
Und auch dem letzten ward ein halber Laut
Zum allgemeinen Glück und Heil vertraut.
So schaffen denn ein jeder, was er soll:
Vielleicht ist hier der Völkerrat schon voll,
Vielleicht entschwebt das Wort schon eurem Mund,
Wenn ihr die Hand euch reicht zum Bruderbund.

Dies Österreich ist eine kleine Welt,
In der die große ihre Probe hält,
Und waltet erst bei uns das Gleichgewicht,
So wird's auch in der andern wieder licht.
Drum eilt, ihr wirkt ja für die goldne Zeit,
Denn nicht im Dunkel der Vergangenheit
Soll man sie suchen, vor uns liegt sie da.
Einst wird geschehen, was noch nie geschah.
Schaut hin auf Perikles und sein Athen
Und fragt euch selbst: wie wird's auf Erden stehn,
Wenn die vereinten Kräfte des Geschlechts
Sich rühren in dem Segen gleichen Rechts,
Und wenn sich der Planet mit Blüten krönt,
Wie sie das Beet, das Hellas hieß, verschönt.
Die Menschheit war bis jetzt schon reich genug,
Wenn sie ein Haupt auf ihren Schultern trug,
Und waren's zwei, so schien's ein Wunder gar,
Denn manch Jahrhundert blieb des kleinsten bar
Und zeigte dem verdroßnen Sonnenstrahl
Nur tausendfach den hohlen Essig-Aal.
Der Zukunft aber fällt ein reichres Los,
Denn doppelt fruchtbar ist der Freiheit Schoß,
Und kommen wird der Tag, wo man sie kränzt,
Weil sie mit allen ihren Häuptern glänzt,
Wo sich dem Helden gleich der Musenchor
Gesellt, den er so oft umsonst beschwor,
Und wo die Tat, die ihm ein Gott beschert,
Den goldnen Schatten wirft, der ewig währt:
Ein Alexander führt den Inderzug,
Ein Raphael erhascht das Bild im Flug,
Ein Phidias prüft fürs Denkmal schon den Stein,
Ein Mozart stimmt mit Sternenklängen ein,
Ein Shakespeare lächelt über alle hin
Und offenbart des Erdenrätsels Sinn,
Indes ein Kant noch tiefer niedersteigt
Und auf die Wurzel aller Welten zeigt.

 


 

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